06.03.08

Clinton

Oh mein Gott.

Ich werde nie mehr einen Clinton unterschätzen. Nicht Bill, wenn er behaupten wird, mit mehr Frauen geschlafen zu haben als Wilt Chamberlain, und mit Chamberlains Mutter. Nicht Hillary, wenn sie sagen wird, Obama verzehrt gebratene Kätzchen, und damit neue Vorwahlen in Florida und Michigan erzwingt und gewinnt. Und auch nicht Chelsea, wenn sie 2016 für die Präsidentschaft mit dem Versprechen antritt, mehr Kätzchen zu braten.

hay be nice, emokitteh is sensitive

Zurück in der Realität hat Hillary Clinton in Texas und Ohio wahrscheinlich weniger als zehn Delegierte auf Barack Obama aufgeholt. Er führt nun rechnerisch fast uneinholbar, und sein "ground game" ist so effektiv und revolutionär wie eh und je.

Obamas Problem ist aber, daß man eine Clinton nie unterschätzen soll. Wenn Hillary ihn mit ihren furchterregenden Attacken und kräftiger Unterstützung von den Medien, die sich für höhere Einschaltquoten und Auflagen ein spannendes Rennen wünschen, so unmöglich machen kann, daß er in den folgenden Vorwahlen richtig zu verlieren beginnt, oder wenn die Superdelegierten den Eindruck gewinnen, daß er nicht gegen die noch tausendmal bösartigeren Angriffe der Republikaner bestehen kann, und sich in Massen auf Hillarys Seite stellen, oder wenn etwas völlig Unvorhergesehenes passiert, könnte sie ihn noch kurz vor der Ziellinie überholen. Ich kann daher nur hoffen, daß dieser kluge Mann ein Rezept gegen Furcht und Angstmache findet, denn, wie ein anderer kluger Mann einmal sagte:

03.03.08

Now playing 4

Roy Orbison.

Aus unerfindlichem Grunde bin ich musikalisch gerade in den goldenen Jahren der frühen Sechziger, und da ist kein Vorbeikommen an dem Mann mit der Sonnenbrille.

An dem Mann mit der Stimme.

Oh mein Gott, diese Stimme. Die Elvis die großartigste der Welt nannte und von der Bob Dylan sagte, daß sie Tote rühren konnte. Die einen in seinen unglaublichen Liedern über verlorene Liebe mit fast furchterregender Mühelosigkeit zu Tränen rührt und im nächsten Moment glücklich lachen läßt, daß solche Schönheit menschenmöglich ist. Mehr davon, mehr, mehr!

01.03.08

I <3 debating

Habe ich schon mal erwähnt, daß ich debattieren liebe? Nur warum?

Ich war in Hamburg, und wir sind abends mit zwei Kisten Bier in einer Barkasse durch die wunderschöne Speicherstadt gefahren und an Post-Panamax-Containerschiffen vorbei, und Baby, ich weiß, daß ein Container zwanzig mal acht mal neuneinhalb Fuß mißt und große Schiffe über 300 Meter lang und 40 Meter breit sind, um mehr als 9000 Container tragen zu können, aber so ein Ding von unten zu sehen, so ein Monster, und dabei zu erkennen, daß es doch nur ein winziges Körperchen des globalen Blutkreislaufs ist, macht gleichermaßen staunend wie demütig und ist so inspirierend wie herausfordernd. Die Welt ist groß!

Ich war in Mainz, und auf diesem hervorragend organisierten Turnier gab es nicht nur ein tolles Finale im rheinland-pfälzischen Landtag und eine ausgedehnte, sehr fröhliche Weinprobe mit der amtierenden rheinhessischen Weinkönigin, wobei ich durch die schnellste Beantwortung der Quizfrage, welches Weinanbaugebiet in Deutschland denn das größte sei (Tip: nicht die Toskana), ein informatives Buch über das "Weinland Rheinhessen" gewinnen konnte, sondern auch eine schöne Kostümparty, für die ich endlich wieder meine Galauniform aus dem Großen Vaterländischen Krieg entmotten durfte. Der Osten, meine Liebe...

Towarisch Lazar im Dienst

Schließlich war ich wie schon letztes Jahr auf dem englischsprachigen Turnier in Bremen, nach dem Jurieren in Hamburg und Mainz diesmal wieder als Redner, und von der herzlichen internationalen Atmosphäre und der herausfordernden Konkurrenz so befeuert, daß ich mit Teampartner T. und etwas Glück tatsächlich bis ins Finale in der beeindruckend schönen Oberen Halle des Bremer Rathauses gekommen bin, wo wir gegen einen ehemaligen Weltmeister und seine nicht minder kompetente Mitrednerin zwar keine große Chance hatten, aber dafür extrem viel Spaß. Yay for debating!!

Ich in Bremen

Wundert es da noch, daß Köln mein 25. Turnier sein wird?

GULag für Spitzenpolitiker

Zu manchen Themen kann ich lange nichts schreiben. Weil ich sie einfach nicht verstehe. Weil ich die Dinge, die Fakten, den Pulverdampf im Schützengraben ganz anders zu sehen, völlig verschieden wahrzunehmen scheine als die herrschende, die veröffentlichte Meinung, fast so, als würden meine Augen aufgrund eines seltenen und unheilbaren Geburtsfehlers einen an keiner Stelle überlappenden, ganz anderen Bereich des Spektrums erfassen als sagen wir, die Kai Diekmanns oder Roland Kochs. Und ich verstehe nicht.

Da schlagen zwei Jugendliche einen Rentner in München aus nichtigem Anlaß fast tot. Eine sicher nicht alltägliche, aber längst nicht einzigartige Tat. Zufällig wird diese Tat aber auf Video aufgenommen, und eine bundesweite Diskussion über Jugendgewalt entbrennt, und ich verstehe nicht, warum es einen Unterschied macht, ob man über die Tat liest oder sie sieht.

Da schreibt "Bild", daß jugendliche Ausländer "doppelt so gewalttätig wie Deutsche" seien, nennt als Quelle eine Studie des anscheinend zumindest auf diesem Gebiet kompetenten Christian Pfeiffers, und ich verstehe nicht, wie man je zu selbst einem "Bild"-Journalisten werden konnte, wenn man offensichtlich noch nicht einmal die Lesekenntnisse eines PISA-Letzten besitzt, denn wenn Pfeiffers Studie, wie er auch selbst betont, etwas zeigt, dann, daß die "Ausländerkinder" nicht, wie "Bild" suggeriert, aufgrund ihrer ominösen Ausländerhaftigkeit mehr prügeln, sondern weil sie unter überproportional ungünstigen Umweltbedingungen leiden, die auch Deutsche in gleicher Lage eher zur Faust greifen lassen. Daher wundert es mich auch nicht, daß die größte Tageszeitung Deutschlands titelt, daß "auch Vater und Bruder" eines der Münchner Täter "brutale Schläger" wären, als wäre das in irgendeiner Weise überraschend, aber dieser traurigen Tatsache abgesehen von der puren Faktizität keine Aufmerksamkeit schenkt, ganz im Gegensatz zu in die gesamte Zeitung eingestreuten trojanischen Wörtern wie "südländisch" oder "Migrationshintergrund", es wundert mich nicht. Aber ich verstehe es nicht.

Da fordern Teile der Politik "Erziehungscamps", und ich verstehe nicht, warum "Autobahn" jetzt ein böses Wort ist, KZ aber nicht mehr. Doch vielleicht muß das so sein, wenn die Schläger schlimmer als Hitler sind.

Da schreibt der noch amtierende hessische Ministerpräsident, wie er, er "Deutschland anständiger machen" will, und ich spule "The Silence of the Lambs" zurück, um nachzusehen, ob Hannibal Lecter irgendwann Tips zur Tischetikette gibt, und ich verstehe wirklich nichts mehr.

Obwohl, eigentlich stimmt das nicht.

Eigentlich könnte ich nur zu gut verstehen.

Ich will nur nicht.