15.12.2025

Friedensbrot

Tirade anlässlich einer deutschen Initiative von 2024, ein "Friedensbrot" zu backen, das dann in Landshut lebende Ukrainer:innen und Russ:innen gemeinsam verzehren sollten, "um ein Friedenszeichen zu setzen".

Deutschland hat nach 1945 "Nie wieder" absichtlich als "Nie wieder Krieg" statt richtiger als "Nie wieder Faschismus" missverstanden, um sich zum einen von seiner Schuld am Holocaust exkulpieren und zum anderen wieder der liebsten deutschen Tätigkeit frönen zu können, Moralisiererei. Dieses seit Bismarck ungebrochene "Am deutschen Wesen mag die Welt genesen" ist der geheime Hauptantrieb, manchmal in sinistrer, manchmal in weniger sinistrer Form, der deutschen Außenpolitik und des deutschen gesellschaftlichen außenpolitischen Denkens, besonders seit 1989.

"Wenn diese Ausländer doch nur sehen könnten, dass man einfach nur mehr miteinander reden, ganz fest an Frieden glauben und dafür klatschen muss, dann wird es bald Weltfrieden geben!"

Ich nenne das die deutsche Glöckchen-Theorie zum ewigen Frieden. Klatscht, dass Glöckchen lebe!
In einem Märchen mag dies ja noch ganz charmant sein, aber aus dem Kopf Millionen ansonsten nominell mündiger Erwachsener? Selbst die Lage unseres Landes an der Front des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1989 hat hier nicht zu einer nachhaltigen geistigen Reifung geführt, d.h. einer Anerkenntnis der Realitäten einer gefährlichen Welt mit diversen Akteuren, deren Interessen unseren teils diametral entgegenstehen, wogegen wir uns militärisch, diplomatisch, strategisch, politisch und mental rüsten müssen, denn si vis pacem, para bellum. Warum nicht?

Wahrscheinlich waren es der militärische und vor allem atomare Schutz durch die Amerikaner:innen und das (immerhin manchmal kompetente) Regeln der Ost-West-Beziehungen durch unsere Eliten, die diese geistigen Muskeln in der deutschen Bevölkerung haben verkümmern lassen. Dazu kam die fiese deutsche Bräsig- und Biederkeit, es sich im Bewusstsein seiner moralischen Überlegenheit (siehe oben) in seinem Wohlstand gemütlich machen zu wollen und dabei auch nicht zu hinterfragen, wie dieser Wohlstand erkauft wird. Mit dem Fall der Mauer fiel dann auch der letzte große äußere Anreiz, sich ernsthaft mit außenpolitischen Fragen zu beschäftigen, und diese korrosive Haltung fand zur Apotheose unter Angela Merkel, die sich "um alles kümmerte", indem sie schmutzige Wirtschaftsdeals mit brutalen Diktaturen schloss bzw. vertiefte.

Solange billiges Gas aus Russland kam, billiges Zeug aus China und billige Sicherheit aus Amerika, war der Deutsche in seiner Ignoranz zufrieden und konnte auf diese drei Länder und 191 weitere hinabschauen.

Allein, die Geschichte endet nie, und mit am wenigsten für Deutschland. Spätestens am 24. Februar 2022 brach Russland nicht nur in die Ukraine ein, sondern auch in die konstitutiven Lebenslügen ganzer Generationen von Deutschen. Da wagten es diese Osteuropäer:innen doch glatt, nicht der so vernünftigen deutschen Ansicht zu folgen, dass Frieden am Besten durch Ostermärsche und gemeinsames Brotbacken erreicht wird, sondern wollten ihr Territorium mit Waffengewalt verteidigen, ganz so, als gäbe es etwas, für das es sich zu leben lohne jenseits des Eigenheims, des Mercedes, Mallorcas und eines steigenden BIPs.

So wie es heißt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, so werden auch viele Deutsche den Ukrainer:innen diesen Krieg nie verzeihen, der sie, die Deutschen, zu Versehrten ihrer Heuchelei, politischen Infantilität, Feigheit, Gier und Bräsigkeit gemacht hat. Dieser psychologische Groll mag auch jenseits der typisch deutschen katastrophisierenden Ängste über russische nukleare Eskalation (die man leicht entkräften könnte, wenn man sich in den letzten Jahrzehnten eben mal ein wenig mit Außenpolitik befasst hätte) für unser hamletsches Zögern bei Waffenlieferungen verantwortlich sein. Wenn das Haus des Nachbarn brennt, das Feuer auf unseres überzuspringen droht und wir viele Feuerlöscher haben, so werden wir ihm doch nur widerwillig einen aushändigen, wenn er uns einmal bloßgestellt hat.

Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz all dieser geistigen Verheerungen die außenpolitische Betreuung Deutschlands durch die Westalliierten das beste war, was unserem kindischen Land passieren konnte. Wir sind nicht reif für die reale Welt. We can't handle the truth!

09.12.2025

Wie Russland Rekruten für die Ukraine gewinnt

Gut erklärt hier.

Deutsche Russlandversteher:innen verstehen das nicht, weil für sie die durchschnittliche russische Frau Anna Karenina ist und der durchschnittliche Mann Michail Gorbatschow, aber:
  • Das russische Leben selbst in den Metropolen Moskau und St. Petersburg ist relativ hart, arm und brutal; für die Peripherie gilt das vielfach stärker. Z.B. in der Oblast Omsk ist das BIP pro Kopf halb so hoch wie in ganz Russland und nur ein Viertel des Moskauers. Die für die Rekrutierung in die Armee gebotenen Summen sind also absolut transformativ und verlockend gerade für Ärmere.
  • Die Wahrheit über die Bedingungen an der Front und die sehr kurze Lebenserwartung neuer Soldaten wird von den russischen Medien natürlich verschwiegen, aber die meisten Russ:innen sind auch willens, für die imperiale Ausdehnung ihres Landes zu kämpfen und zu leiden, siehe entsprechende Umfragen.
  • Unter der Regierung zu leiden, keine Rechtsstaatlichkeit zu haben, gar gnadenlos vom Kreml verheizt zu werden sind historische Konstanten in Russland, mit denen sich die Bevölkerung über die Jahrhunderte psychologisch gut arrangiert hat und die sie lange durchhalten kann! Motto: "Ja der Zar knechtet uns, Что поделать? Aber wir sind groß und stark und man fürchtet uns. Und mit diesem einen Trick werde ich reich und kann dann selber knechten!"
  • Auf politisch-ökonomische Ebene gehoben bedeutet das, dass die Armee ihre Rekrutierungsziele vorwiegend mit älteren, ärmeren, oft geringqualifizierten Männern aus den Provinzen erfüllen kann, die schon zuvor öffentlich marginalisiert waren (also nicht laut protestieren werden), während eventuell entstehender Arbeitskräftemangel durch Ausländer wie z.B. Inder gedeckt wird, was Putin eben erst mit Premierminister Modi arrangiert hat. Ewig kann das natürlich nicht so weitergehen, weil es irgendwann selbst von diesen Leuten nicht mehr genug gibt, aber es könnte leider lange genug weitergehen, bis der Ukraine und dem Westen die Puste ausgehen und ehe die russische Wirtschaft einknickt.
Wie bei quasi allen anderen Analysen dieses Konflikts, egal von welchem Winkel her, gilt also auch hier: Wir müssen die Ukraine ausreichend bewaffnen, befähigen und unterstützen, den Invasor ganz hinauszuwerfen, und danach das Putinregime auf unbestimmte Zeit hart containen.

05.12.2025

So ist die Ukraine-Lage

Tja.

Die Ukraine-Lage ist folgende:
  • Trump sind die Ukraine und Europa ganz egal, er will nur Profit daraus ziehen oder zumindest einen Friedenspreis erhalten;
  • Verschiedene Gruppen in der US-Regierung führen Kämpfe um die Gunst des dementen Königs, um ihre Sicht der Dinge durchzusetzen;
  • Das Putinregime sieht keinen Grund, von seinen maximalistischen, ideologisch-imperial begründeten Zielen der Zerstörung der Ukraine und mittelbar der Idee des ganzen Westens abzuweichen, solange es sich militärisch erfolgreich glaubt und außenpolitisch kaum Opposition begegnet;
  • Die EU wird so lange am Spielfeldrand stehen, solange sie nicht einig aufrüstet, russische Assets beschlagnahmt, das Unterlaufen der Sanktionen u.a. durch die Schattenflotte beendet, hybriden Angriffen besser begegnet und generell mal realisiert, dass die Lage sehr ernst ist;
  • Die Ukraine ermüdet militärisch zunehmend angesichts der menschenverachtend verlustreichen, aber dadurch letztlich effektiven russischen Kriegführung, und schlingert politisch aufgrund diverser hausgemachter und internationaler Probleme.
Zusammengenommen bedeutet das leider, dass falls die EU als letzter verbliebener freiheitlicher und starker Akteur sich nicht schnell zusammenreisst und entschlossen agiert, ein ungerechter Siegfrieden für die Ukraine droht, dem dann fast sicher noch in diesem Jahrzehnt ein weiterer russischer Angriff folgen wird. Auf die Ukraine, auf das Baltikum, und/oder auf Polen. Mit erfrischten und weiter aufgebauten sowie durch zwangsrekrutierte Ukrainer:innen gestärkten Truppen, die im Drohnenkrieg sehr erfahren sind. Gegen eine zerstrittene NATO ohne solche Drohnenerfahrung und ohne die USA. Dann werden die jetzt noch akademischen und theoretischen Diskussionen über Wehrpflicht und Aufrüstung plötzlich konkret, und das Geschrei wird groß sein, dass doch niemand hätte wissen können, dass ...

Nein.

Man hat wissen können.

Man hat wissen müssen.

Man hat tun müssen!