05.04.07

Die Soapbox

Eine Soapbox ist, wie es hier seit je zu lesen ist, eine improvisierte Redebühne. Eine Bank oder eine Kiste, die man in die Fußgängerzone trägt und auf die man sich stellt, um besser gesehen und gehört zu werden. Man nimmt die Flüstertüte in die Hand und äußert seine persönliche Meinung zu diesem oder jenem, auf jeden Fall zu etwas, was einen soweit bewegt, dass man damit in die Öffentlichkeit und zu den Menschen will.

Warum will man das?

Warum will ich das?

Um die Menschen auf diese Sache aufmerksam zu machen, mit ihnen darüber zu diskutieren, sie damit zu amüsieren, sie darüber zu informieren.

Und sie zum Handeln dafür oder dagegen zu bewegen.

Und warum will ich das?

Weil dadurch menschliches Leid verringert oder menschliches Glück erhöht werden kann, zumindest wenn ich in meiner Meinung richtig liege, die aber jeder Zuhörer, so nötig, widerlegen kann.

Was kümmert mich das aber abgesehen von meinem eigenen Heil, das ich doch einfach dadurch sichern könnte, indem ich mich auf eine einsame Insel zurückzöge und die Welt allein ihrem Untergang entgegensegeln ließe? Und selbst wenn ich aus welchem Grunde auch immer Mitleid für meine Mitmenschen habe, warum tue ich dann nicht einfach still Gutes und lasse den Rest der Welt handeln, wie er will? Was maße ich mir an, über das Handeln der anderen zu richten? Warum treibt es mich wieder und wieder auf die Kiste und hinters Megaphon, bis die Schlagader pulsiert und der Speichel aus der Flüstertüte rinnt?

Es nimmt nicht viel wunder, dass keiner lange einem keifenden, schimpfenden und rot brennendem Rumpelstilzchen lauschen will, selbst wenn ihm der süße Nektar der Wahrheit aus dem schäumenden Mund golden und rein rönne. Keiner läßt sich gerne belehren und vor den Kopf stoßen, selbst wenn er metaphorisch gerade dabei ist, bei lebendigem Leibe Kätzchen zu häuten und sie in Jod zu tauchen.

Solchen Tuns ansichtig zu werden und die Ruhe zu bewahren ist eine Aufgabe für einen Buddha.

Aber, und das Denken und die Diskussionen der letzten Zeit führen mich unnachgiebig zu dieser Erkenntnis, ist dem Kätzchen geholfen, wenn man schreit, was für ein Unmensch nur so etwas tun könne, wie weh es dem Tierchen tun müsse, wie wütend es sein werde und wie absolut niederträchtig, verkommen und verroht der Jodtaucher doch sei?

Bitte nicht häuten

Und die Antwort ist nein.

Und wenn es mir, sei es aus universal übersteigertem Mitgefühl, sei es aus schlechten Kindheitserfahrungen mit Joddesinfektionen, sei es aus dem Glauben an die Macht der Vielen, sei es aus dem eitlen Wunsch, ein Held des Guten zu sein, dessen Namen die hübschen Mädchen vor seinem Hotelzimmer schüchtern flüstern, darum geht, nicht nur den Kätzchen zu helfen, die ich allein erreichen kann, sondern so vielen wie möglich, dann sollte die Antwort besser ja sein, ein schallendes Ja.

Und dann ist die natürliche nächste Frage, wie ich vom Nein zum Ja kommen kann, wenn mein instinktiver Impuls nicht der des Buddhas, sondern des HB-Männchens ist, so wie dieser Ort auch nicht "Andis Lotosgarten" heißt, sondern wie bezeichnet.

Und wenn ich mich umschaue, in der Welt und im Web, kann die Antwort darauf nur lauten, dass ich den langen, steinigen und wahrscheinlich undankbaren Weg des Informierens, des Erklärens, des Verstehens gehen muß, und immer und immer wieder.

Denn es mag zwar für kurze Zeit befriedigend sein, dem Katzenschinder aus zehn Zentimetern Entfernung ins Gesicht zu brüllen und ihn zurecht mit den schändlichsten Schmähungen zu überschütten, die man sich nur erdenken kann. Aber danach, wenn er gegangen ist, um von nun an in Ruhe zuhause sein Werk fortzutreiben, bleibt der bittere Geschmack im Mund, sich ausgeschrieen und ausgekotzt und doch nichts geändert, weder dem Täter noch seinen Opfern geholfen zu haben. Der Sprung auf die Soapbox mag einfacher erscheinen als der steinige Weg, aber er führt wohl nicht weiter, sondern bleibt stehen, an Ort und Stelle.

Mußt Du die Kätzchen unbetäubt häuten?
Ginge es nicht auch, sie zu chloroformieren?
Hast Du mal eine Wunde mit Jod behandelt?
Ich sage Dir, wie weh das tut.
Was hat Dir diese kleine Schwarze denn getan, dass Du das tust?
Möchtest Du mir erzählen, was die "Cats"-Sänger mit Dir gemacht haben?

Der reuige Katzentöter

Wir werden uns nicht in "Andis Jadeparadies" umbenennen, auch wenn die Versuchung für taoistische Zoten groß ist, und auch nicht davon Abstand nehmen, der Stachel im Speck zu sein, mit möglichst vielen Widerhaken.

Aber wir wollen uns mühen, statt der Krallen allein von nun an auch öfter das weiche Fell und die warmen Tatzen des Erklärbären auszufahren.

Wenn wir vom Reißen der Robben satt sind.

Denn so ist unsere Natur.

Kommentare:

  1. Jedesmal wenn ich durch diese Fußgängerzone hier komme, freue ich mich darüber, dass da jemand auf einer Soapbox steht, in die Öffentlichkeit und zu den Menschen geht, Leid verringern und menschliches Glück erhöhen will. Ich freue mich, dass da jemand rausröhrt wie dreckig und falsch, wie eklig und verkommen die Welt doch sei, nämlich so verkommen, dass sie in ihrer Schlechtigkeit gar nicht mehr bestehen könne, wäre sie noch ein kleines bisschen schlechter. Ich freue mich darüber, dass ich mich davon stets tief berührt fühle, nicht in Demut versinke, stattdessen die Faust balle und mich weiter der Welt zu stellen versuche.

    Mir ist es demnach ganz gleich, egal ob Krallen allein oder das weiche Fell des Erklärbären, egal ob wie in 'Amerika, Dich hasst sich's besser' oder so wunderbar tragisch wie zuletzt Alanis Morissette. Wichtig ist nur, dass in dieser Fußgängerzone noch eine Soapbox steht.

    AntwortenLöschen
  2. Wenn du der Katze auch nur ein Haar krümmst...

    AntwortenLöschen