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11.09.2021

Osama bin Laden hat gewonnen

World Trade Center

Ich erinnere mich noch gut an den 11. September 2001.

Zu jener Zeit war ich tief in der unglücklichsten Verliebtheit meines Lebens versunken und dämmerte oft lange und traurig im Bett, ehe ich mich seufzend hinausrollte. Einmal an jenem in New York so klaren Dienstag aufgestanden, torkelte ich zum Fernseher und sah, ich glaube doch live, wie United Airlines 175 in den Südturm des World Trade Centers flog. Später traf ich mich mit Freunden bei ihnen, um gemeinsam CNN zu schauen, wie von Krieg Betroffene, die wissen möchten, wo heute die Front verläuft. Selbst von dort versuchte ich sie anzurufen, doch sie nahm nicht ab, und als ich auflegte, schaute ich neidisch und wehmütig auf einen Freund, der sich eng mit seiner Freundin zusammengekuschelt hatte, beide erschrocken und ängstlich Wolf Blitzer lauschend. Das kleinste persönliche Drama und das größte historische Ereignis seit dem Mauerfall in einem, eine solche wie außerirdische, scheinbar nicht einzuordnende Disruption der eigenen Kreise, so dass man wie blöde erstmal auf diese Kreise fixiert bleibt, weil sie, wenn auch unglücklich machend, wenigstens bekannt sind, und so doch auch am äußersten Rand noch die Wellen zu spüren, die diese Tat schlug, ist das nicht genau Terror, also Furcht, also Schrecken, also Verwirrung, wie beim Schaf, das den Wolf in seine Herde einbrechen sieht und erstmal nur glotzen kann?

Ich will mich damit natürlich nicht als ein Opfer von 9/11 hinstellen, den tatsächlichen Opfern und Held:innen ihre Ehre stehlen oder auch nur behaupten, dass sich mein Leben durch diesen Tag signifikant geändert hätte, Gott bewahre nein; nur an meinem Beispiel versuchen, begreiflich zu machen, was Terrorismus ist, was er will und kann und bewirkt. Und auch, was er nicht ist.

Viele Jahre später, 2016, fast in einem anderen Leben, habe ich mit meiner Frau auf unserer Hochzeitsreise das 9/11 Memorial & Museum besucht. Ich weinte an den Becken des "Reflecting Absence"-Mahnmals angesichts der tausenden ganz normalen Opfer, Menschen wie Du und ich, die einfach nur an einem klaren Dienstagmorgen zur Arbeit gegangen oder zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Die Hagiographie der Feuerwehrleute und Polizist:innen jedoch und Artefakte wie die "Treppe der Überlebenden" und ein beschädigter Drehleiterwagen waren zwar berührend, aber wirkten auch vage verzweifelt, ein Ringen nach Bedeutung und Narrativen im Chaos der einstürzenden Türme, eine Suche nach Orientierung und Gewissheit angesichts des buchstäblich (wie) aus dem Himmel gefallenen Terrors. Und wieder, ist das nicht die Essenz von Terror, also den Boden unter den Füßen wegzuziehen, die gefühlte Sicherheit zu zerstören, für immer namenlose Angst einzupflanzen?

Ja, Osama bin Laden ist schon mit 54 Jahren gestorben. Aber bis dahin konnte er ein nach seinen Maßstäben erfülltes und erfolgreiches Leben führen und objektiv ein epochales historisches Ereignis organisieren. Im Dezember 2001 konnte er glücklich den Amerikanern in Tora Bora entkommen und so wahrscheinlicher Folter entgehen. Seine letzten Jahre hat er mit seiner Familie, Coca-Cola und Pepsi und so vielen Videos mit Bugs Bunny und/oder großen amerikanischen Brüsten, wie er nur wollte, in einem großzügigen Neubau in einer Art Prä-Covid-Dauerhomeoffice verbracht. Wenn wir uns bin Laden im Moment seines Todes nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen, so doch mutmaßlich als einen, der mit sich im Reinen war, der im Großen und Ganzen erreicht hatte, was er erreichen wollte. Der gewonnen hatte.

Man darf nie vergessen, dass Terrorist:innen sehr schwach sind. Sie haben weder das Personal noch das Material oder die Kapazitäten, Ländern wirklich Schaden zuzufügen, das heißt zum Beispiel großflächig vitale Infrastruktur zu zerstören, Millionen Einwohner:innen tödlich zu vergiften oder eine militärische Besatzung aufrechtzuerhalten. Selbst Schwarzer-Schwan-Ereignisse wie 9/11 oder, sagen wir, die Sprengung eines vollbesetzten Parlaments können Ländern nicht ernsthaft schaden, weil diese einfach Gebäude wieder aufbauen und neue Parlamentarier:innen wählen können. Terrorist:innen können nicht direkt die Grundstrukturen, die Verfassungen, die Mentalitäten und auch die Bevölkerungen von Ländern angreifen, weil sie eben so wenige sind und so geringe Mittel haben. Ja, Terrortote sind tragisch, aber das sind infolge betrunkenen Autofahrens Getötete auch, und dort erklären wir nicht einen zwanzigjährigen "Krieg gegen den Rausch", in dem hundertmal mehr Menschen sterben als durch betrunkenes Fahren und für den wir Gesetze erlassen, dass man nur noch mit einem Polizisten auf dem Beifahrersitz losfahren dürfe.

Zu solchen Überreaktionen kommt es, weil Terrorismus indirekt doch auf unsere Grundstrukturen und Werte zielt, gleichsam über Bande. Er bricht wie der Wolf in unser Leben ein und macht uns namenlose, desorientierende Angst. In unserer Panik und unserem Trauma schlagen wir wild drauflos und vergessen uns selbst, um die Angst zu beherrschen und uns an denen zu rächen, die uns terrorisiert haben, oder zumindest an verfügbaren Sündenböcken. Und so merken wir in unserer Raserei gar nicht, dass wir mit unserer allgegenwärtigen, das essentielle Grundrecht der Privatsphäre schwer verwundet habenden elektronischen Überwachung und zunehmenden Polizeistaatlichkeit, mit unseren maximal halb durchdachten, in der Regel in Schmach und Schande endenden militärischen "Anti-Terror"-Interventionen und mit unseren Verdächtigungen und Gewalttaten gegen Muslime, aber auch z.B. Turban tragende Sikhs in unserer Mitte, genau das tun, was der Terror will. Dass wir unsere Grundrechte aufgeben und sie so als bloße Heuchelei entlarven. Dass wir unsere militärische, politische und diplomatische Stärke in ungewinnbaren Konflikten vergeuden. Dass wir unsere Gesellschaften so polarisieren, dass den Terrorist:innen das Rekrutieren viel leichter fällt: Siehst Du, in Wahrheit haben sie Dich immer gehasst. Wir aber sind für Dich da, Bruder.

Wir machen so, wenn wir dem Terrorismus auf den Leim gehen, sein Geschäft für ihn, viel besser und gründlicher, als er es je könnte. Denn Osama bin Laden wäre nie in der Lage gewesen, zum Beispiel den Patriot Act zu beschließen, die Otto-Kataloge Schilys oder die danach kommenden, unsere innere Freiheit weiter zerstörenden Gesetze. Al-Qaida hätte nie selbst so viele westliche Milliarden und Soldat:innen in Afghanistan vergraben können, wie wir es getan haben. Und 9/11 hätte uns nie so nachhaltig traumatisieren können, wie wir es selbst tun und tun, wenn wir nicht endlich unsere Angst vor dem Terror überwinden und uns darauf besinnen, wer wir sind und was wir haben, das uns nichts und niemand nehmen kann, außer wir uns selbst.

Solange wir das nicht tun, wird der große Gewinner dieses Tages, dieses elften Septembers, für immer nur Osama bin Laden sein.

30.06.2021

Was ich bloggen will

Hier und da habe ich mich in der Vergangenheit rhetorisch, aber auch wirklich gefragt, was ich noch bloggen soll, nachdem ich nach einigen Jahren intensiven Schreibens das Gefühl gehabt hatte, alles gesagt zu haben, was ich sagen wollte und konnte. Doch nach zehn Jahren Abwesenheit, mannigfaltigen Welt- und Eigenläuften in der Zwischenzeit und bei Betrachtung so einiger unvollendeter Baustellen dieses Blogs (immerhin "Those were the days" habe ich mittlerweile zum Ende geführt) ist die Liste der Themen, über die ich meinen und belegen möchte, wieder stark angestiegen. Hier ist sie in alphabetischer Reihenfolge, und ich freue mich über jegliche Kommentare, Ergänzungen und Kritik. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit!

Update [08.09.22]: Noch mehr neue Themen hinzugefügt.
Update [11.07.21]: Einige neue Themen hinzugefügt.
  • Abtreibung und die rückständige Unterleibspolitik generell in Deutschland
  • Antiamerikanismus
  • Antisemitismus in Deutschland
  • Atheismus/Säkularismus/Laizismus und deren mangelhafte Umsetzung in Deutschland bzw. Decken des christlichen Klerus, selbst wenn er furchtbarste Verbrechen begeht
  • Das deutsche Bildungssystem und seine Selektion
  • Die bröckelnde Brandmauer von Mitte-Rechts gegen ganz rechts bzw. die gefährliche ideologische Entleerung des Konservatismus bzw. aufkeimender Faschismus
  • Bundestagswahl 2021
  • Dark Enlightenment/Blackpill
  • Deutschland und die Deutschen
  • Die "DDR" als Unrechtsstaat und die besorgniserregende Weigerung vieler Politiker:innen, sie so zu nennen
  • Politische Desillusionierung in der Covid-Pandemie
  • Der in jeder Hinsicht spektakulär gescheiterte "Krieg gegen Drogen"
  • Drohnen
  • Wie es ist, ein Elter zu sein
  • Embourgeoisement
  • Immer flachere Emotionen in Filmen
  • Die gescheiterte Entnazifizierung in Deutschland
  • Die scheiternde europäische Außenpolitik, z.B. in Syrien, Libyen und Afghanistan
  • Fake News/Truthiness/Propaganda
  • Feminismus/Emanzipation für Frauen, Männer und alle anderen
  • Freiheit als einziger Grundwert
  • Die Grünen/Ökoablässe/Performative Nachhaltigkeit
  • Hass und Meinungsfreiheit im Netz
  • Katarina Witt/Opportunismus und Leben im Falschen
  • Klimakrise
  • "The Last of Us"
  • Law-and-Order-Politik bzw. übertriebene Terrorangst
  • Leben ohne Angst vor dem unvermeidlichen Tod
  • Mein Leben seit 2011
  • Libertarismus
  • Sogenannter Linksextremismus
  • Der Niedergang der Medien in der Aufmerksamkeitsökonomie
  • Angela Merkels katastrophale Kanzlerschaft
  • Globale Moral (Ubuntu)
  • Das majestätische "nahtlose Hemd" der katholischen Lebensethik, das viele Katholik:innen heute nicht mehr verstehen
  • Nahostkonflikt
  • Deutscher Nationalpazifismus
  • Die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ)
  • Paternalismus
  • Polyamorie
  • Populismus: When they go low, they win
  • Post-Kapitalismus? Capitalist Realism sensu Mark Fisher, nur noch Konsum und Arbeit als Ersatzideologien
  • Post-Privacy?
  • Eine neue, prometheische Linke
  • Prostitution und andere sexualisierte Gewalt
  • Putinismus/Das wunderliche Verhältnis vieler Deutschen zu Russland
  • "Rationalismus"/Szientismus als Irrweg einer vermeintlich logischen Weltanschauung
  • Politisches Realignment
  • Das nicht zukunftsfähige deutsche Rentensystem
  • Terrorismus/Osama bin Laden hat gewonnen
  • Transhumanismus und anderer technischer Fortschritt
  • Ungleichheit
  • "Exiting the Vampire Castle"/Woke-ismus
  • Verrechtlichung von Klimazielen
  • Verfehlte Wohnungspolitik
  • Zukunft der Arbeit Reprise
  • ...

01.12.2020

Deutsche Polizeipanzer rollen wieder

Polizeipanzer Enok 6.2

Polizeipanzer wie dieser "Enok 6.2" der bayerischen Polizei stellen eine sehr besorgniserregende, freiheitsgefährdende Entwicklung dar und senden ein historisch ominöses Signal. Deutsche Fahrzeuge wie der Enok oder der "Survivor R" sind an amerikanische MRAPs (Mine Resistant Ambush Protection) angelehnt, die viele amerikanische Polizeibehörden vom Militär geschenkt bekommen haben, nachdem die meisten Kämpfe in Afghanistan und dem Irak beendet waren. MRAPs wiederum sind vom südafrikanischen "Casspir" inspiriert, der zuerst für die Bedingungen im südafrikanischen Grenzkrieg mit vielen Minen usw. entwickelt wurde, dann aber zum Symbol der Polizeigewalt des niedergehenden Apartheidstaates in den schwarzen Townships wurde.

Casspir

Foto: Borisgorelik, CC BY-SA 3.0

Die amerikanischen ehemals militärischen Polizei-MRAPs werden nun in einem zynischen Reim der Weltgeschichte beim "Krieg gegen Drogen", lukrativen Beschlagnahmungen und anderen fragwürdigen Aktionen vor allem gegen Minderheiten, Protestierende und andere "Gefahren" eingesetzt. Im Namen diffuser "Terrorabwehr" oder der Bewältigung angeblicher "Gefahrenlagen" kommt nun anscheinend auch die deutsche Polizei mehr und mehr auf die Idee, sich zu militarisieren und statt "Dienen und Schützen" "Dominieren und Einschüchtern" als Motto anzunehmen.

Ich habe so einen Casspir mal in echt gesehen, im Apartheidmuseum in Johannesburg. Ein furchterregendes Fahrzeug, das nichts mehr mit einer in die Gesellschaft eingebetteten, dienenden Polizei gemeinsam hat, sondern einen Polizeistaat vorwegnimmt.

Eine gefährliche Entwicklung.

08.10.2011

Boot steigt

Andi klettert aus der Luke zum Maschinenraum des Blogs. Sein Unterhemd ist mit Schweröl verschmiert, und er hält einen großen Schraubenschlüssel in der Hand. Aus der Luke hört man ein regelmäßiges Bummern.

O Hai, Ihr seid's, liebe Leser. Ich habe gerade meinen letzten Eintrag aus dem Jahr 2006 auf Vordermann gebracht, damit sind jetzt ziemlich genau zwei Drittel aller Posts verbessert und gelabelt. Mögt Ihr die Labels, oder sind sie Euch zu wenig detailliert? Ich habe auch den Eintrag vom April 2010 wiederentdeckt, über einige Computerspiele, die ich in letzter Zeit gespielt habe, doch keine Angst, ich habe seit dem Fünfjahresjubiläum meiner Soapbox nicht nur gedaddelt, wie die bald wiedergefunden werdenden Einträge zeigen werden.

Andi kratzt sich mit dem öligen Schraubenschlüssel am Kopf, wodurch eine Haarsträhne ein bisschen abstehen bleibt.

Aber Mann, diese ganzen alten Sachen wiederzulesen ist manchmal, wie ein altes Tagebuch zu öffnen. Ich war echt oft wütend, was? Naja, das ist hier Andis Soapbox und nicht "Andis Jadeparadies", wie ich in einem Schlüsseleintrag mal gewitzelt habe, obwohl letzteres nicht nur existiert, sondern vielleicht sogar reicher ist als die Soapbox, fruchtbarer, aber eben auch privater, verletzlicher; die Welt macht es mir zudem leider oft leicht, wütend zu werden, und ranten macht auch erstaunlich Spaß, probiert es mal selbst.

Aber Ihr wisst ja, sowas wie die bête noire hier ist die ewige Frage, was besser ist, für mich, für alle, für verschiedene Werte von besser, Wüten oder Erklären, Schreien oder Zuhören, Megaphon oder Hörrohr. Jenes Biest ist übrigens weitaus verschlagener und gemeiner als mein Schweinehund, den hat ein simples Orbitalbombardement zu einem kümmerlichen Schatten seiner selbst reduziert und er wiegt jetzt nur noch zehn Tonnen oder so. Bei der bête noire weiß ich manchmal nicht mal, wo ich sie suchen soll.

Andi holt eine seltsame, schon ganz vergilbte Liste aus seiner Hosentasche und streicht darauf "Das Wort 'Orbitalbombardement' in ein normales Gespräch einflechten" durch.

Aber gut, ich will Euch, heute, nicht schon wieder mit diesem Emozeug langweilen, sondern auf ein paar alte Einträge verweisen, die vielleicht des (Wieder-)Lesens wert sind. Aus dem Jahr 2005 zum Beispiel ein kleiner Rant über Wissenschaftshasser, die Wissenschaftsprodukte nutzen, Ulrike Meinhofs Brief "Eine Sklavenmutter beschwört ihr Kind", mein Plan für den Weltfrieden, eine und noch eine Bemerkung zur Hitlerei der deutschen Medien, wie ich mich auf einer Datingplattform als Leia Organa ausgab, wie ich fast bei einer Drückerkolonne angeheuert hätte, was ich von der BUNTEn halte, wie man Fußgängermengen simuliert, meine Prophezeiungen zur Zukunft der Arbeit, meine erste Erwähnung von Kapitän Ahab anlässlich eines Stadtbummels und meine Suche nach einer WG.

Im Jahr 2006 habe ich mich über NS-apologetische TV-Events wie "Dresden" und Mutterkreuzanwärterinnen wie Eva Herman, den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, dass ich oft für Simon Gosejohann gehalten werde, Designervaginen und natürlich über Veronica Ferres, die 10.000 Euro von mir wollte (auch hier und hier) aufgeregt. Ich bin durch Deutschland gereist, habe eine Kritik der Oper "Carmen" in Stuttgart geschrieben, den vorerst letzten Eintrag in der Serie meiner unglücklichen Nichtliebschaften verfasst (ich denke, eine, die letzte Folge kommt noch), gegen unsere Angst vor dem Terror gewettert und gegen den Pazifismus, deutsche Blogger und pseudo-nassforsche Startupgründer. Ich habe gepostet, dass Leben Sterben heißt, und, zum Abschluss des Jahres, wie man in einer Notfallpraxis einen schönen Abend erleben kann.

Andi geht wieder zur Maschinenraumluke zurück, setzt einen Fuß auf die Leiter abwärts und klettert hinunter. Bevor er ganz verschwunden ist, steckt er nochmal den Kopf aus der Luke und grinst.

Das sollte erstmal genug Lesefutter sein. Als nächstes aktualisiere ich die letzten fast 200 alten Einträge, finde die übrigen verstaubten aus den Jahren 2010 und 2011 wieder und bereite ein paar neue vor: langatmige Linksammlungen, schnippische Kritiken, politische Rants und skurrile Geschichten aus meinem Leben. Das Übliche also. Schön, dass Ihr trotzdem dabei seid!

Andi ruft "Huii" und rutscht die letzten Stufen der Leiter hinunter.

12.03.2009

All you need

Oh, hey, mein Schweinehund? Stellt Euch den Balrog aus "The Lord of the Rings" vor, Durin's Bane. Krallen, Flügel (?), eine vielzüngige Flammenpeitsche, fünftausend Jahre Hass.

Mein Schweinehund benutzt den Balrog von Moria als Zahnstocher.

Die gute Nachricht: Ich bin wenn nicht Gandalf, so doch Radagast, Freund der Tiere und zäh. Und so geht es Tag für Tag Richtung Diplom, weswegen ich zwar weder viel erlebe noch Zeit zum ausführlicheren Bloggen habe, aber Stunde für Stunde und Hieb für Hieb nehme ich dem Monster einen brennenden Zahnstocher nach dem anderen, bis es bald und endlich vor kariösen Schmerzen tot zusammenbrechen wird. Always brush your teeth, kids!

Es braucht also außergewöhnliche Ereignisse, um mich zu einem aktuellen Eintrag anzuregen.

This qualifies.

Fuck, Winnenden ist hübsch. Die Altstadt ist niedlich und der Weihnachtsmarkt schön, hausgemachte Kartoffelchips for the win! Das ist nur 20 Kilometer von hier ...

Aber abgesehen von der Nähe, abgesehen vom Neuigkeitswert an sich, abgesehen vom Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen, was ist außergewöhnlich? "Er war ein ganz unauffälliger Junge, bis er mir mit seiner Beretta in den Kopf geschossen hat" - geschenkt. "Er war ein introvertierter Loser ohne Freunde, nur seine Katze hat er geliebt" - you don't say. "'Counter-Strike' und 'Crysis' haben ihn zum Mörder gemacht (wählt mich)" - okaay. "Dass binnen 5 Minuten 30.000 Polizisten vor Ort waren, gibt mir eine steinharte Erektion" (Günther B.) - ähh?

Nein, das Außergewöhnliche ist, dass nichts an diesem Amoklauf außergewöhnlich ist. Die üblichen Verdächtigen sondern ihre üblichen hilflosen, widerlich opportunistischen Sprechblasen ab. Die Sicherheitstheaterindustrie kriegt feuchte Höschen. Und die Winnender weinen, suchen Erklärungen, fragen Warum.

Same ol', same ol'.

Warum?

Weil.

Weil.

Und weil.

It's easy.

29.01.2009

Andreas' Baader

Vor fünfeinhalb Jahren habe ich den "Großen Deutschen RAF-Film™" gefordert. Ich träumte von einem gewaltigen Epos, das von Strömen von Blut umflossen wird wie die Île de la Cité von der Seine, von hellem Blut aus Benno Ohnesorgs Hinterkopf zu den Klängen der "Zauberflöte", die der Schah von Persien in jenem Moment hörte, bis zu dunklem Blut aus Hanns Martin Schleyers Kopf im stillen Wald. Ich träumte von Ulrike Meinhofs Fenstersprung in Zeitlupe und flitzenden Kugeln in der "Landshut", D-ABCE. Ich träumte, dass bis in die kleinste Rolle die besten Schauspieler aufgeboten würden, die Deutschland zu bieten hat. Ich träumte, also, von einem großen, großen Film.

There are two tragedies in life. One is not to get your heart's desire. The other is to get it.

Die Details in "Der Baader Meinhof Komplex" sind von einer sehr erschreckenden, sehr zufriedenstellenden Pedanterie. Vom weiterrollenden Wagen Siegfried Bubacks über den Einschuss unter Petra Schelms linkem Auge und den Originaldreh im siebten Stock von Stammheim bis zum vollen 70er-Jahre-Schamhaar sitzt alles, und man möchte vor den autistischen Geschichtsnerds in der Ausstattungsabteilung ehrfürchtig in die Knie sinken. Weich werden selbige, wabbelnd sind die Überleitungen wie John McCains Beine, durch Johanna Wokaleks intensive, aufregende Darstellung von Gudrun Ensslin, hinter der sich aber auch Martina Gedeck als Ulrike Marie Meinhof und Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt nicht verstecken müssen, und auch Vinzenz Kiefer als hübschere Version von Peter-Jürgen Boock und Bruno Ganz als Horst Herold machen ihre Arbeit gut, auch wenn ich bei Letzterem nun für immer den Führer höre, wenn er spricht. Moritz Bleibtreu dagegen scheint hauptsächlich das zu spielen, was er immer spielt, einen sympathischen Kleinkriminellen also, weswegen ihm Baaders Lieblingswort von den "Fotzen" nicht allzu überzeugend über die Zunge rollt, aber man zieht in den Krieg mit der Armee, die man hat usw. In den Nebenrollen schließlich kann man von Tom Schilling über Hannah Herzsprung bis Sandra Borgmann ununterbrochen Schauspielerraten spielen, und in zweieinhalb kurzweiligen Stunden wird der Bogen tatsächlich von schießenden Polizisten in Berlin zu schießenden Terroristen im stillen Wald gezogen, und kein Ereignis bleibt außen vor.

Ist dieser unglaublich aufwendige "Baader Meinhof Komplex" nun aber ein guter Film?

Nein.

Und der Grund dafür ist, dass dieser Film naive Malerei ist, ein röhrender Hirsch des Kinos. Mag er einen auch so realistisch von seiner Lichtung anschauen, dass man sein Röhren fast zu hören scheint, so hat er doch keine Aussage außer der tatsächlichen, keine Tiefe außer der der Leinwand, keine Reflexion und keinen Horizont. Es ist eins, die Geschichte getreu wiederzugeben, ein anderes aber, ihr Bedeutung zu verleihen; dazu muss man die gesicherten Pfade verlassen, um zu interpretieren, zu kontrastieren, zu imaginieren und endlich zu fantasieren, Qualitäten, die den produzierenden Geschichtsbuchhaltern schmerzlich abzugehen scheinen. Wieso gibt es, zum Beispiel, keine Gegenüberstellung der tatsächlichen, lächerlichen Kleinkriminalität Baaders mit der völlig überzogenen, Wolfgang Schäuble bis heute nächtlich feuchte Träume bescherenden Reaktion des deutschen Sicherheitsapparates, die RAF knackt einen Zigarettenautomaten, und vier Stunden später knattern Hubschauber und rollen Panzer durch einen Kreis mit 50 Kilometern Radius, in dessen Mitte drei Schachteln Marlboro von 2000 Polizisten mit entsicherten Maschinenpistolen bewacht werden? Warum keinen Vergleich der drogenbenebelten Mordträume der zweiten Generation mit den drogenbenebelten Exekutionsträumen Franz Josef Strauß'? Kein Verweilen der Kamera mit Ulrike Meinhof in der Einzelhaft, bis selbst die Zuschauer Klaustrophobie empfinden? Keine stilisierte Zeitlupe einer Schießerei im Vordergrund, während im Hintergrund eine schwäbische Hausfrau die Kehrwoche macht, oder irgendetwas, das gezeigt hätte, wie lächerlich die Idee einer Guerilla in Deutschland ist, f'ing Deutschland, wo Revolutionen hingehen, um zu sterben? Selbst die Gespräche zwischen Schleyer und seinen Entführern hätten wie im viel schöneren "Die fetten Jahre sind vorbei" schon einiges zur Bereicherung dieses flachen Baader-Meinhof-Tableaus getan, mussten aber, weil für einen eigentlich notwendigen Mehrteiler offenbar die Eier gefehlt haben, wohl weggelassen werden, von der noch viel notwendigeren echten Auseinandersetzung mit diesem Teil unserer Geschichte ganz zu schweigen.

Verpasst ist diese Gelegenheit.

Verpatzt ist dieser Film.

Zerstoben mein Traum.

Sehr schade.

27.07.2008

Banned

Ich habe es tatsächlich geschafft; zum ersten Mal in meinem Leben habe ich auf einer Website Hausverbot erhalten.

Anna Kühnes Blog kennen die Leser dieser Holzkiste hier vielleicht noch aus einer Empfehlung im März letzten Jahres, obwohl ich mittlerweile gemerkt habe, dass jener schöne Artikel gar nicht von der Blogmistress selbst ist.

Was ich seither auch gemerkt habe, ist, dass Anna Kühne ein, zartfühlend formuliert, ambivalentes Verhältnis zur objektiven Realität hat. So glaubt sie zum Beispiel an 9/11-Verschwörungstheorien.

Und boy, ist das Kryptonit für mich. Boy.

Kryptonit

Ich bin Atheist, aber wenn ich eine Religion habe, dann die Wissenschaft. Weil die Wissenschaft das Leben besser macht. Weil Wissenschaft heißt, dass weniger Menschen in kalten Höhlen an unbehandelten Säbelzahntigerwunden sterben müssen, und mehr Menschen ihr erstes Lebensjahr überleben. Wissenschaft ist angewandtes Mitgefühl.

Man muss das nicht aktiv honorieren, nicht selbst Wissenschaftler werden oder sowas, man kann auch ruhig die Gefahren der Wissenschaft beschwören, stimmt ja sogar manchmal, denn passive Nutzung der unglaublichen Früchte der wissenschaftlichen Methode scheint mir Ehrbezeugung genug, qui tacet consentire videtur, und wer unser modernes Utopia auf Erden ablehnt, kann ja immer noch zurück in die Höhle ziehen und mit 35 sterben.

Aber bei Gott, man kann nicht die Prinzipien ablehnen, auf denen die Wissenschaft fußt, und das auch noch als Gipfel aller Gipfel der Heuchelei mit Mitteln, die nur existieren, weil es diese Prinzipien gibt, wie Videokameras und Computer. Ich möchte jeden mit voller Wucht ohrfeigen, der nur lebt, weil es diese Prinzipien gibt, und nicht mal den gottverdammten grundlegenden Anstand hat, sie wenigstens f'ing zu kennen, sie, die ihm jeden Tag, Sekunde für Sekunde reinsten weißen Zucker ins Rektum blasen. Ich möchte jeden mit härtesten Gammastrahlen beschießen, der glaubt, 250 Kilo schwer im Aragorn-Shirt in Mamas Keller sitzend, mit seinem Abschluß in Mythologie und englischer Literatur definitiv anhand körniger YouTube-Videos in 320x240 entscheiden zu können, dass WTC 7 gesprengt wurde, weil es, arrgh, arrrrrrrrrrgh, bekanntlich keine einfachere Methode gibt, die zahllosen minutiösen Dokumente und Protokolle der ultrageheimen jüdisch-freimaurerischen Terrorverschwörung verschwinden zu lassen, als das Gebäude, in dem sie gelagert wurden, am Nachmittag in die Luft zu jagen, Stunden, nachdem die beiden Türme nebenan eingestürzt sind, arrrgh. Das gibt noch nicht einmal menschlich Sinn, geschweige denn nach den wissenschaftlichen Prinzipien der Objektivität und Logik.

Diese Prinzipen sagen nichts Anderes, als dass A gleich A ist oder 2 + 2 = 4, "1984" ist eins der besten Bücher, das es gibt, und Orwell ein Genie. Wenn man sich einig ist, dass A = A ist, wenn es also Vergleichbarkeit gibt und Überprüfbarkeit und ein gemeinsames Fundament, auch wenn es immer löchrig sein wird, danke Gödel, Du Arsch, Du Genie, dann entsteht Wissenschaft, dann entsteht Freiheit.

Und umgekehrt heißt, sie abzulehnen, zu sagen, dass A gleich B ist oder gleich Zwetschgendatschi, Dank an meine Grundschulmathelehrerin für dieses Mem, oder dass 2 + 2 = 5 ist und Krieg Frieden, jede gemeinsame Grundlage aufzukündigen, jede Möglichkeit der Verständigung abzulehnen, also Aberglaube, Tyrannei, die Höhle. Wenn es keine objektive Realität gibt, auf die man sich einigen kann, Argumente also keine Macht haben, wer sagt, dass der große Skarabäus nicht die Sonnenkugel über den Himmel rollt, gibt es nichts mehr als das Recht des Stärkeren, nichts mehr als seinen Terror. Orwell war wirklich ein f'ing Genie.

Allein aus ihrer Selbsterhaltung heraus sollte man also meinen, dass Anna Kühnes Aufforderung, eine Gegenmeinung zur Darstellung des "Muslim-Marktes" über Samir Kuntar und seine Taten einzustellen (wir erinnern uns, Samir Kuntar, der verurteilte Kindermörder), ernst gemeint und ihr Wissensdurst echt ist, zumal der "Muslim-Markt", erneut zartfühlend formuliert, keine sehr neutrale Quelle ist.

No dice. Dieser mein Kommentar wurde schnellstmöglich gelöscht und ich verbannt.

Mein Kommentar bei Anna Kühne

Ich akzeptiere die Idee des digitalen Hausrechts, auch wenn in meinem Internetheim von mir aus jeder so wüten darf, wie er will, unter anderem deshalb, weil ich in über zehn Jahren online noch keinen größeren Gorilla getroffen habe als mich und von den fast gleich starken Affen mit am meisten gelernt habe, doch falls ich wie in meinen ebenfalls gelöschten Kommentaren zu Anna Kühnes 9/11-Aberglauben zu schnippisch oder bösartig war, soll sie mich ruhig löschen und bannen, es tut mir im Interesse größerer Überzeugungskraft manchmal auch ganz gut, die Gammastrahlenkanone gestopft zu kriegen.

Aber trotzdem ist Samir Kuntar ein verurteilter Mörder.

Hell, man sieht im Yediot-Aharonot-Report ja buchstäblich noch die Gehirnmasse der kleinen Einat Haran am Gewehr kleben. Und gleich wer sie in welchem Ton vorträgt, diese Wahrheit bleibt eine Wahrheit, und es ist wie schon bei den 9/11-Fantasien unglaubliches Kryptonit für mich, dass es Menschen gibt, denen diese Wahrheit nicht zugänglich zu sein scheint, die lieber an komplett gekaufte Richter und Pathologen, Hologrammflugzeuge und zur Aktenvernichtung gesprengte Hochhäuser glauben als daran, dass A = A ist.

Denn wenn das auch nur für eine spürbare Minderheit in diesen oder anderen Fällen der Fall ist, welche Hoffnung gibt es dann, sie jemals mit der Macht der Worte und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu überzeugen? Welchen demokratischen Instrumenten sind sie zugänglich? Welche andere Wahl gibt es dann, als sie mit dem Schwert zu zwingen? Wie soll man einem Geist, der sich nur dem Recht des Stärkeren beugt, anders begegnen als mit Gewalt? Muss man Krieg führen, um Frieden zu gewinnen?

Und sei es nur insoweit, einen kleinen Kommentar zu einem anklagenden Eintrag aufzublasen?

Vielleicht ist das das grundlegende Problem jeder Politik, jeder Gesellschaft. Und vielleicht muss die Antwort Ja lauten, mit Vorsicht und nie leicht, aber eindeutig Ja. Barack Obama:

I'm left then with Lincoln, who like no man before or since understood both the deliberative function of our democracy and the limits of such deliberation. We remember him for the firmness and depth of his convictions — his unyielding opposition to slavery and his determination that a house divided could not stand. But his presidency was guided by a practicality that would distress us today, a practicality that led him to test various bargains with the South in order to maintain the Union without war; to appoint and discard general after general, strategy after strategy, once war broke out; to stretch the Constitution to the breaking point in order to see the war through to a successful conclusion. I like to believe that for Lincoln, it was never a matter of abandoning conviction for the sake of expediency. Rather, it was a matter of maintaining within himself the balance between two contradictory ideas — that we must talk and reach for common understandings, precisely because all of us are imperfect and can never act with the certainty that God is on our side; and yet at times we must act nonetheless, as if we are certain, protected from error only by providence. That self-awareness, that humility, led Lincoln to advance his principles through the framework of our democracy, through speeches and debate, through the reasoned arguments that might appeal to the better angels of our nature. It was this same humility that allowed him, once the conversation between North and South broke down and war became inevitable, to resist the temptation to demonize the fathers and sons who did battle on the other side, or to diminish the horror of war, no matter how just it might be. The blood of slaves reminds us that our pragmatism can sometimes be moral cowardice. Lincoln, and those buried at Gettysburg, remind us that we should pursue our own absolute truths only if we acknowledge that there may be a terrible price to pay.

Wohlan denn.

17.01.2008

Siebzehn nützliche Links

PRINCE HUMPERDINCK
Tyrone, you know how much I love watching you work, but I've got my country's 500th anniversary to plan, my wedding to arrange, my wife to murder and Guilder to frame for it; I'm swamped.

COUNT RUGEN
Get some rest. If you haven't got your health, you haven't got anything.

Wie wahr, wie wahr, William Goldman, wie ich nach gut drei Wochen nun endlich endender Angina und Bronchitis entdecken durfte. Bis das Schiff wieder voll läuft, darum und daher erstmal nur ein paar Links.

In Darfur sterben immer noch tausende Menschen. Was macht eigentlich Britney?

Die Kreditkrise ist auch noch nicht vorbei. Lange auch nichts von Tara Reid gehört ...

Ich bin sehr für die Europäische Verfassung, unter welchem Namen auch immer. Aber ich fühle mich etwas unwohl dabei, dass sie im Schatten der Demokratie ratifiziert wird und dass das weder jemand bemerkt, noch dass es irgendjemanden kümmert. Außer dem "Economist" natürlich.

Was, Widerständler des "Dritten Reichs" wurden bis in die Neunziger angefeindet? Doch nicht in unserem Deutschland der tapferen Judenverstecker und Schwestern Sophie Scholls?

Ich möchte mit achtzig auch geistig so beweglich sein wie Juliette Gréco. Hell, ich möchte mit vierzig geistig so beweglich sein!

Auch Waylon Smithers von der FDP sagt meist recht kluge Sachen, so zum Beispiel hier über die ziemlich eklige "DDR"-Verharmlosung. Vielleicht kann ich ihn ja schon in fünf Jahren wieder ernstnehmen.

Wie kaputte Gesetze Menschen kaputt machen.

Wie eine kaputte Welt Menschen kaputt macht.

Wie das, was nicht Folter ist, Menschen kaputt macht. Unbedingt lesen!

Über die Bewohner des Prenzlauer Bergs. Juli Zeh würde gut dahin passen.

Unter 18 Sex gehabt? Ab in den Knast!

Stefan Niggemeier kämpft aufopferungsvoll gegen die Hütchenspieler der Call-In-Sender. Die deutsche Medienaufsicht schläft.

Wolfgang Schäubles Bettlektüre tut nicht einmal mehr anstandshalber nichtfaschistisch. Wenn mich doch nur irgendwas überraschen könnte ...

Zum Abschluss aber noch zwei schöne Sachen: Eine Ode an die Menschlichkeit im Rollstuhl und zehn tolle Suchtips für Google. Klasse!

01.12.2007

Osama bin Haribo

Nach Leipzig geflogen. Am Tag zuvor am Süßigkeitenregal des Supermarkts gestanden und gezögert, für einen Moment nur, ob ich Gummibärchen für die Reise kaufen sollte, wegen Gelsprengstoff und so.

Ein terroristisches Gummibärchen

Das Problem dadurch gelöst, dass ich die Bären noch vor dem Flug aufgegessen habe, aber mal wieder gründlich ins Grübeln gekommen.

Als es die ersten Flugzeugentführungen gab, wurden die Passagiere mit Metalldetektoren überprüft und per Hand abgetastet, damit sie keine Pistolen und Messer an Bord bringen. Das ist Jahrzehnte her, doch die Abtaster stehen bis heute.

Als es die ersten Flugzeugsprengungen gab, wurde das Gepäck der Passagiere geröntgt und von Hunden beschnuppert, damit die Fluggäste keine Bomben und Raketen an Bord bringen. Das ist Jahrzehnte her, doch die Hunde schnüffeln bis heute.

Seit dem 11. September 2001 sind Teppichmesser, Nagelscheren und die tödlichen Augenbrauenpinzetten verboten, obwohl eigentlich keiner wirklich weiß, womit genau Atta und seine Männer zugestochen haben. Nur eine einzige Augenzeugin erwähnt "box cutters", Barbara Olson, eine konservative Fernsehfigur bei Fox News und CNN. Das ist sechs Jahre her, doch Taschenmesser werden bis heute beschlagnahmt.

Seit 2006 ist es quasi verboten, Flüssigkeiten in Flugzeuge mitzunehmen, und selbst als ich das letzte Mal die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin besucht habe, musste ich einen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen, um die bulligen Sicherheitsleute davon zu überzeugen, dass ich nicht plane, damit das Gotteshaus in einen rauchenden Krater zu verwandeln, ich böser MacGyver, ich. Ach so, ob es je überhaupt einen Plan gab, Flugzeuge mit Gelsprengstoff in die Luft bzw. den Atlantik zu jagen, ist, gelinde gesagt, durchaus umstritten. Trotzdem werden Flüssigkeiten an Bord für eine lange, lange Zeit verboten bleiben.

Ich frage jetzt ernsthaft, was passieren wird, wenn der erste Terrorist ein Flugzeug mit einer Dynamitstange sprengt. Einer Stange Dynamit, die er in seinem Arsch an Bord geschmuggelt hat. Schließlich können auch die fortschrittlichsten Scanner nicht unter die Haut der Passagiere sehen, und medizinische Röntgenstrahler wie auch der lange Gummihandschuh kommen aus verschiedenen Gründen nicht für den Masseneinsatz in Frage. Eine kleine Stange Dynamit ist außerdem nicht größer als ein herkömmlicher Penis, auch eher dünner, und mit etwas Spucke und dem Wissen, dass man ohnehin nie mehr aufs Klo gehen wird, müsste die Operation eine außerordentlich leichte sein.

Und bei Allah, manchmal wünsche ich mir, dass sie jemand durchführt.

Weil das, was dann kommen wird, die Welt sein wird, in der wir leben wollen.

Eine, in der wir frei sind, aber halt sterben können, was jedoch nicht weiter schlimm ist. Oder eine, in der wir scheinbar sicher sind, aber halt mit Rektaluntersuchungen leben. Was weiter schlimm ist. Und Widerstand nähren wird, ja muss. Widerstand für eine bessere Welt.

So oder so also: Arschbomben für die Freiheit!

Geronimo!

20.07.2007

Was soll ich bloggen?

First of all habe ich dafür zumindest in den nächsten Wochen aber sowas von keine Zeit, dass ich eigentlich ältere Einträge für gebrauchte Stunden einlösen müsste. Doch auch ansonsten scheint es mir, als hätte ich zu allem, was aktuell geschieht, schon ein- oder mehrmals in anderen Zusammenhängen alles Nötige gesagt, und darum konzentriere ich mich lieber auf Themen und Geschichten, zu denen hier noch nichts steht, selbst wenn das heißt, dass neue Einträge länger brauchen und etwas seltener kommen. Dafür sind sie auch länger.

Aber Andi, der Schäuble ... will Konzentrationslager errichten? Hat die Geschichte vergessen und dass Terror "Angstmache" heißt? Will auf kaum glaublich dreiste Weise seinen weißen Arsch retten und sonst nichts, wenn es zu einem Anschlag kommt? Alles schon bekannt, alles schon da gewesen.

Aber Andi, die Atomkraftwerke ... wären mit Homer Simpson als Sicherheitsinspektor noch gut bedient gewesen? Alles schon gehört, alles schon da gewesen.

Aber Andi, der Bösebush ... Zzzzzzz.

Überrasche mich wieder, Welt!

02.05.2007

Harvard: Andis Soapbox hat recht

Schon recht, niemand mag den Streber, der neben den rauchenden Ruinen steht und Näh-Näh macht. Und ich will mich wirklich mühen, weniger zu schimpfen und mehr zu erklären, warum ich wüte. Und das Paper lässt in seiner akademischen Tiefe erstaunlicherweise durchaus zu wünschen übrig.

Aber dass die offene und demokratische Gesellschaft Israels zum Dank für ihre Transparenz während des Libanonkrieges im letzten Jahr von der westlichen Öffentlichkeit wiederholt ungewollt in den Arsch gefickt wurde wie ein Schweizer Buchhalter in einer Zelle mit dem dreifachen Raubmörder Bubba McRagecock, während der Terrorist, Despot, Sektierer und Menschenschlachter Hassan Nasrallah und seine iranischen Sponsoren brüllend lachend danebenstanden und warteten, bis Bubba zwei Stunden später auf Knien angekrochen kommen, mit einer lächerlichen Fistelstimme aus seinem 200-Kilo-Leib und unter Tränen darum bitten, darum flehen würde, es ihm so richtig, so wirklich richtig zu besorgen, das habe ich mindestens dreimal geschrieben.

Und es ist schwer, angesichts dieses täglichen Geschehens, bis heute, bis heute sind die zu Beginn des Krieges entführten israelischen Soldaten Goldwasser und Regev nicht frei, nicht instinktiv die Faust um einen Stein zu ballen, um dieses widerwärtig feige und fette westliche Schwein endlich zu erlegen.

Doch wer nicht König Davids Glück hat, muss Krieger hinter sich haben.

Also lest das Paper.

06.04.2007

Frohe Ostern

Dieses Buch fertiggelesen. Und auch wenn es mit den tatsächlich auf die Rückseite des todesschwarzen Covers gedruckten Worten "Dieses Buch wird sie erschüttern" etwas zynisch genau darauf angelegt ist, verfehlt es doch seine Wirkung nicht, und man schließt es berührt, traurig und zornig.

Tief berührt über das unaussprechliche Leiden und Sterben.

Zutiefst traurig über die ungebrochene russische Tradition, keinen Deut auf das Leben der eigenen Bürger zu geben und eher zweihundert Mädchen und Jungen bei lebendigem Leibe bis zur vollkommenen Unkenntlichkeit abzufackeln, als vor kaukasischen Terroristen angebliche Schwäche zu zeigen.

Und bodenlos zornig über uns, die wir, mögen die Herren anderer Länder auch noch so öffentlich das Blut ihrer eigenen Bürger saufen, unbeirrt gegen Amerika und den Bösenbush ostermarschieren, wieder und wieder beweisend, dass es uns weder um die Opfer noch um Antikrieg geht, sondern um das dunkel befriedigende Gefühl der destruktiven Belehrung allein, wohlfeil und widerwärtig.

Friedliche Festtage.

10.03.2007

Murat Kurnaz

Eine weitere Folge des Schäubleschen Denkens, abgesehen davon, dass es jeder Vorstellung von Menschlichkeit und Mitleid himmelschreiendst spottet, und wir wollen nur für die Dauer dieses Eintrags so tun, als wäre das nicht schon längst, längst Grund genug, zum Artikel 20 Absatz 4 zu greifen und allem, was er mit sich bringt: Wenn man in einem ausländischen Gulag landet, wird man von der deutschen Regierung darin schmoren gelassen. Mehr noch, sie spuckt auf einen, von ganz tief hochgerotzt.

Abstoßend.

07.03.2007

Mein Name ist Lazar, ich weiss Bescheid

Maria Furtwängler-Burda flüchtet vor dem menschenfressenden Iwan aus Ostpreußen, und es gilt alles, alles, was ich vor einem Jahr über "Dresden" gesagt habe.

Die "Neon" wiederholt, was ich vor Weihnachten über die eierlosen, sich vor "dem Islam" in die Hose scheißenden deutschen Komiker geschrieben habe. Es tut so weh, immer Recht zu haben!

Dass Airbus trotz stalinistischer Jungfernfluginszenierungen nicht mehr vom Boden kommt, liegt an eben diesen Inszenierungen und dem sich in ihnen wie auch in abstoßenden Schmähbriefen wie diesem ausdrückenden kryptoantisemitischen und offen rassistischen Antiamerikanismus. Ist eben leichter, im Auge des Anderen nach Körnern zu popeln, anstatt sich seine eigene Blindheit einzugestehen.

Zum Abschluss etwas, was auch ich noch nicht wusste: Was essen wir eigentlich?

04.03.2007

Nachlese

Hier ein paar Fußnoten zu einigen Einträgen der letzten Zeit.

Die Allusion am Ende dieses etwas pathetischen Eintrages ist eine auf den wunderbaren Film "Gattaca", den ich kürzlich wiedergesehen habe und der von Jahr zu Jahr wahrer wird.

Schäuble würde auf diesen Artikel abspritzen.

Das Zitat am Anfang dieses Eintrags ist, arroganter Einschub: natürlich, aus der Bhagavad-Gita und bekannt geworden durch dieses berührende Statement von Robert Oppenheimer Jahre nach dem Trinity-Test, ergoogelt es Euch schon, Unwissende:

In diesem Artikel über die jüngste Geschichte Ghanas steht nichts, was einen auch nur flüchtigen Afrikakenner überraschen sollte, aber offenbar besteht hier nicht nur filmisch breiter Aufklärungsbedarf. Soll von mir aus so sein, aber einen besseren Trailer als den von "300" hat mir immer noch niemand genannt, will mich denn keiner knutschen?

Vom selben Bartholomäus Grill zum selben Thema und auch interessant: ein Abgesang auf die Entwicklungshilfe.

Und zurecht.

14.02.2007

Der Weg zur Hölle

Benjamin Franklin über Freiheit

Eigentlich dachte ich, ich hätte hiermit schon alles Nötige zu unserem Bundesminister des Terrors gesagt. Aber nach einer flüchtigen Phase der Besinnung ist der alte Schäuble zurück, und es scheint, als wolle er sich bitter und blutig rächen, an der Welt und an sich selbst, dass er sich, für einen Moment nur, erlaubte, menschliche Regung zu zeigen.

Zeit also für einen kleinen Tanz um Artikel 20 Absatz 4.

Danse macabre.

Heißt es in der "taz":

Haben Sie Angst vor den sogenannten Trojanern, also vor Spionagesoftware?

Nein, ich öffne grundsätzlich keine Anhänge von E-Mails, die ich nicht genau einschätzen kann. Außerdem bin ich anständig, mir muss das BKA keine Trojaner schicken.

Und das ist das Einrasten des schweren, schwarzen Schlüssels im Tor der Hölle. Denn, Wolfgang, Koffer-Wolfi, Rolli-Wolle, das ist das Elend, das ganze: Nicht Du bestimmst, ob Du anständig bist.

Sondern der, der die Macht hat. Jaja, jaja, heute bist das Du, heute schreibst Du das Gesetz, beschließst es und führst es so aus, wie Du es Dir gedacht hast, natürlich außerordentlich verantwortlich, nur mit dem Aller-Allerbesten im Sinn, Rosen im Kopf und Zuckerwatte im Herzen.

Aber morgen bist Du weg. Morgen bist Du alt. Morgen explodiert eine Bombe in Berlin. Morgen geht das Gespenst des bösen braunen Muselmanns um in Europa.

Dann franst Dein maßgeschneidertes Gesetz plötzlich aus.

Weil sein neuer Träger etwas dünner ist als Du.

Etwas nervöser als Du.

Etwas weniger anständig.

Dann sagt er sich, auch wenn der Anzug zwickt, die Zange grob ist, das Skalpell rostig, eine Bombe in Berlin ist explodiert und die Gespenster gehen um, und schließlich:

Die meisten Menschen sind über Terrorismus und Kriminalität beunruhigt, nicht über polizeiliche Schutzmaßnahmen. Sie wollen, dass der Staat ihre Sicherheit garantiert. Dazu muss er auch neue Technologien nutzen. Wir können nicht stehenbleiben, wenn das Verbrechen und der Terrorismus immer neue Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung haben.

Und dann sagt er, und merkt in seinem kalt strömenden Schweiß und seiner Angst gar nicht, wie er sich widerspricht, ja, der böse braune Muselmann und seine neue Technik, der schreibt seine Pläne doch in rosa Tagebücher mit kleinen Vorhängeschlössern, wir müssen schleunigst in die Wohnungen und sie erbrechen, wozu haben wir schon eine grobe Zange, wenn wir sie nicht nutzen können, nicht wahr? Nicht wahr?

Ich kenne und respektiere die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Schutz der Privatsphäre. Aber wir müssen auch sehen, dass dieser Schutz in der Alltagswirklichkeit praktikabel bleibt. Verbrecher und Terroristen sind klug genug, so etwas auszunutzen. Die tarnen ihre Informationen dann zum Beispiel als Tagebucheintrag. So leicht dürfen wir es denen nicht machen.

Und weißt Du, wenn sie kommen und Deine Tür in Splitter treten und Dein Sofa aufschlitzen und Deine Akten und das Kissen, das Dir Deine Frau genäht hat, das mit dem Herzen darauf, um das Geld zu finden, Du weißt schon welches, dann werde ich ihnen das Messer in die Hand drücken.

Und ich werde lächeln dabei.

Und dann sagt er, der neue Träger, ja, die Wirtschaft, die Gesundheit, der Wettbewerb, wir müssen alles tun, um vorne zu bleiben, ganz egal wohin es geht, können uns keine Schwäche erlauben, im Angesicht des bösen braunen Muselmannes und seiner hungrigen Horden, was kosten eigentlich diese ganzen Rollstühle und die, die darin sitzen, wozu haben wir schon ein rostiges Skalpell, wenn wir es nicht nutzen können, nicht wahr? Nicht wahr?

Der Gesetzgeber behält immer die Möglichkeit, einmal getroffene Entscheidungen später zu revidieren. Da lege ich mich jetzt nicht fest.

Und weißt Du, wenn sie kommen, in der Nacht, wenn es Neumond ist und die dunkelste Stunde kurz vor der Dämmerung, und Dich wecken und Dich herauszerren und in einen unmarkierten Transporter hinein, in dem Du nicht sehen kannst und nicht schreien, und Dich dorthin bringen, wo sie Lampenschirme machen, Lampenschirme aus Deiner Haut, dann werde ich ihnen die Tür aufhalten.

Und ich werde lachen dabei.

Ganz anständig lachen.

27.12.2006

Vom Wolf

Der Beta

Wir hatten es hier ja erst zuletzt von ihm. Heute hat Vater W. eine interessante Geschichte vom Wolf erzählt.

In dem Dorf, in dem er aufwuchs, lebte ein Mann, den alle nur Farkasölõ nannten.

In dem Dorf in den Ostkarpaten.

Farkasölõ heißt Wolfstöter.

Ein Wolf fiel Farkasölõ an, von hinten, im Wald in den Karpaten. Doch Farkasölõ nahm den Wolf in den Schwitzkasten und presste ihm seine andere Faust tief, tief in den heißen Rachen. Er erstickte den Wolf und ging zurück ins Dorf, um seinen verletzten Arm vernähen zu lassen, und die Bewohner gingen in den Wald und fanden den Wolf und nannten den Mann Farkasölõ, das heißt Wolfstöter.

Sagt, in diesem Zusammenhang, Rosa von Praunheim, in einem Interview in "Zeit Campus":

Ich hätte jedes Mal kotzen können, wenn ich am Anfang eines Semesters in die satten Gesichter der Studenten geschaut habe. Die kommen alle aus bequemen, bürgerlichen Elternhäusern und haben keine Notwendigkeit, kreativ zu sein.

Sie haben einfach kein Thema. Wenn ich frage: "Was interessiert dich im Leben?", da kommt eigentlich nichts außer Privatleben.

Die meisten langweilen sich in irgendwelchen längeren Beziehungen und träumen davon, eine spießige Familie zu haben. Sie haben so wenig Leidenschaft.

Lesen wir weiter hinten im Heft von Ulrike Meinhof und ob und wie sie heute als Studentin vorstellbar wäre, und endet der Artikel mit den Worten:

50 Jahre später kann man sich die Studentin Ulrike Meinhof überraschend leicht auf einem heutigen Campus vorstellen. Die Studentin, wohlgemerkt. Die Terroristin nicht.

Und das ist der Moment, in dem wir das Heft hinschmeißen und tief grollen und die Autorin und ihren Chefredakteur und ihre ganze Generation von hinten anfallen und ihnen mit messerscharfen Raubtierzähnen den Nacken durchbeißen wollen.

Denn das ist das Problem, genau das Problem. Dass man sich die Terroristin nicht vorstellen kann. Dass man nicht verstehen kann, warum die Hochbegabte in Berlin aus dem Fenster springt und damit ihre Kinder verlässt und ihr Leben und buchstäblich in die Wüste geht. Dass man so satt und so bequem ist, dass man noch nicht eine Narbe erlitten hat, noch nicht einen Funken Leidenschaft gezündet, noch nicht einen Moment gelebt.

Noch nicht einen Moment mit dem Wolf gekämpft hat.

Und darum auch nicht weiß, dass zum Leben das Sterben gehört und das Sterben und das Töten manchmal nötig sind.

Ja, Ironie Supreme, heute morgen 82 untrainierte Kilos um den weißen Arsch, im Ikea-Drehstuhl quakend wie eine Kröte, wohlig beheizt und mit viel zuviel Freizeit, als gut für uns ist, über die verfettete Welt bloggend, mit jedem Finger, der auf die anderen zeigt, zeigen drei auf mich zurück. Und trotzdem.

Ja, die Baader-Ensslin-Bande und Meinhof haben so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte, wie Lehrbücher, und als sie in der Wüste von Jordanien nackt sonnenbadeten, im Lager der Fatah, ausgerechnet im Lager der Fatah, als Deutsche, vor den Fedajeen, die in ihrem Leben noch nie eine nackte Frau gesehen hatten, hätte der Kommandant sie erschießen lassen sollen, alle und zurecht, und danach durch den Dreck schleifen lassen, und der Welt wäre einiges erspart geblieben. Und trotzdem.

Ja, es ist gut, dass man beim Spaziergang im Wald nicht mehr vom Wolf angegriffen wird und mit ihm um sein Leben kämpfen muss und stattdessen satt und bequem werden kann, es ist gut. Und trotzdem.

Und trotzdem heißt Leben Hunger. Heißt Leben Leidenschaft. Heißt Leben Sterben.

Heißt, den Wolf nicht zu vergessen.

Den Wolf im Nacken.

14.12.2006

Lasciate ogne speranza ...

Nach langer Zeit mal wieder ferngesehen und Radio gehört.

Nach langer Zeit, weil ich keinen Fernseher habe und nie Radio höre.

Ich habe keinen Fernseher, weil darin nur Scheiße kommt. Nur Scheiße.

Und ich höre nie Radio, weil ich nach spätestens zwei Minuten Jingles, Werbung, kryptofaschistischem Pop und wieder Jingles Mordphantasien entwickle, nach denen sich jeder Abmahnanwalt seine zehn schmierigen Gierfinger lecken würde.

Darum scheinen einige Entwicklungen im Fernsehen und im Radio an mir vorübergegangen zu sein.

Es ist alles noch viel, viel schlimmer geworden.

Da macht sich der "freche" Radiomoderator zurecht, aber sehr harmlos über Chad Kroeger lustig, die Frontwitzfigur der kanadischen Pantoffelrockband Nickelback, und seine an einen seit Monaten toten, halb von Geiern aufgefressenen Löwen erinnernde "Frisur" und über seinen Auftritt bei "Wetten, dass..?", diese Sendung hat auch nochmal mindestens einen Eintrag verdient.

Und was passiert? Natürlich rufen aufgebrachte Zuhörer an und beschweren sich über die Schmähungen, was zeigt, dass es offenbar nicht nur unter Bloggern Menschen gibt, die erstens zu viel Zeit, zweitens jeden noch verbliebenen Sinn für Verhältnismäßigkeit verloren und drittens dringendst eine oder auch zweihundert zurechtrückende Kopfnüsse mit dem Vorschlaghammer verdient haben, aber das Schlimme, das wirklich Schlimme ist, dass der Moderator nach dem nächsten Werbeblock kalt schwitzend zurückrudert und hastig beteuert, dass er es doch gar nicht so gemeint habe, auch Nickelback-Fans seien lebenswertes Leben, man solle Chad Kroeger nur dann ins Gesicht spucken, wenn sein Bart brenne, und warum bleiben wir nicht einfach alle Freunde, haha.

Erbärmlich.

Und bringt mich direkt zu Hape Kerkeling, Hans Haacke und Harald Schmidt, die in drei aufeinanderfolgenden Wochen in drei aufeinanderfolgenden, ansonsten übrigens sehr lesenswerten "Zeit"-Interviews in geradezu bestürzend aufeinanderfolgender Offenheit verraten, dass sie aus Angst vor "dem Islam" keine Witze und keine Kunst über ihn machen.

Und das ist auch erbärmlich.

Denn wer, wenn nicht die, die frei sind zu tun, was sie wollen, sollen tun, was sie müssen? Wer, wenn nicht die mit der erzenen Stimme, die zu Millionen tönt, können ihr Wort gegen die erheben, die uns unsere Freiheit, unsere Welt und unser Leben nehmen wollen, in dieser Reihenfolge der Wichtigkeit ihrer Bewahrung? Wer, wenn nicht der Narr, kann dem König die Wahrheit sagen?

Sagt Vater W. in der Stimme der Weisheit, dass man niemanden zwingen könne, zum Helden zu werden. Recht, recht. Aber eben. Wer rettet uns dann, vor den europäischen Taliban und den plötzlich dänische Flaggen in ihren Kellern entdeckenden Jubelpersern und vor Hassan Nasrallah, Sayyid Hassan Nasrallah und Chad Kroeger? Wer dann?

08.11.2006

Hose runter, Beine breit, Terrorkampf ist 'ne Kleinigkeit

Der ADAC, ansonsten demokratischer Gesinnung unverdächtig, berichtet in der neuesten Ausgabe der "Motorwelt", dass allein die bayerische Polizei allmonatlich auf Autobahnen und Bundesstraßen fünf Millionen Nummernschilder mit Videokameras scanne. Der "Erfolg": 0,03 Promille "Treffer", das heißt "säumige Versicherungszahler, Fahrer mit gestohlenen Kennzeichen und Kleinkriminelle".

Das muss man sich wirklich ganz, ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen: Fünf Millionen orwellisierte Autofahrer im Monat, um hundertfünfzig Strauchdiebe zu fangen. Wie kann da irgendjemand, irgend jemand mit auch nur einem allerletzten, transparent fadenscheinigen Rest intellektueller Integrität behaupten, Nacktuntersuchungen von Fußballfans wären sinnvoller Stadionschutz oder Rektalsonden guter Antiterrorkampf? Oder dass Obrigkeiten allumfassende Befugnisse nicht auch alsbald missbrauchen würden, wie hier bereits beklagt? Wie?

Wahrscheinlich, und das Bild des Papstes, das sowohl in letzt- als auch gleichgenanntem Artikel auftaucht, ist nur der augenfälligste Beleg des Zusammenhanges, ist die Antwort auf diese Frage dieselbe wie die nach dem Grunde unserer Angst vor der Aufklärung, fast ist das ja die Frage an sich. Und hier, endlich, ist ihre Antwort, in aller, aber so ist das immer, umwerfenden Banalität:

Ohne festen Grund

keinen festen Stand.

Was wir daraus folgern, schreiben wir aber ein andermal. Hierfür haben wir ja schon über ein Jahr gebraucht.

Deutsche Schuld

Alan Dershowitz, intellektueller Pfadfinder des Faschismus: Lasst uns diese schlimmen bärtigen Islamisten ein bisschen foltern. Auf gesetzlicher Grundlage. Die CIA: Air Torquemada, alle an Bord! Der BND: Vielleicht haben wir beim neuen Irakkrieg mitgeholfen, aber psst! Fischer und Schily, ehemalige Bundesaußen- und -innenopportunisten: Nichts Genaues wissen wir nicht, neinnein!

Das wirklich Traurige, das eigentlich Tragische daran ist, dass die meisten dieser grotesken, zum Himmel schreienden Auswüchse hätten verhindert werden können, wenn unsere letzte Regierung wirklich gegen den Dritten Golfkrieg gewesen wäre. Anstatt aus innenpolitischem Kalkül scheinbar.

Sehr lesenswert zum Thema: der ziemlich coole Michael Zürn über den unverdient guten Ruf der in Wahrheit unterfinanzierten, verschämt verheimlichten und impotenten deutschen Außenpolitik.