10.04.2026

Andis Kritiken #61: Lázár (2025)

(Ursprünglich am 10. September 2025 in der Hitze erster Eindrücke u.a. auf Goodreads veröffentlicht und am 10. Oktober leicht ergänzt, beide Male jedoch verabsäumt, diese Rezension korrekt in die Reihe meiner Kritiken einzufügen, daher muss das jetzt nachträglich geschehen.)

Dieses Buch, "Lázár" von Nelio Biedermann, wurde mir von nicht weniger als drei Personen unabhängig voneinander ohne Arg und zum Amüsement empfohlen. Dafür bin ich ihnen dankbar, denn sie konnten angesichts der Vorschusslorbeeren von einigen der renommiertesten Stimmen der deutschsprachigen Literatur und des Erscheinens "in mehr als zwanzig Ländern" nicht wissen, dass es sich um einen grausigen Riemen handelt, eine Klamotte, eine Parodie eines Gesellschaftsromans wie von einem, der der Generation Z Übelstes will, nur offenbar im Ernst von einem Zoomer geschrieben. Ich lese es zwar noch bzw. schleppe mich durch, aber sofern in der zweiten Hälfte nicht noch eine dramatische, mir persönlich in keinem anderen Werk erinnerliche totale Wende in Charakterisierung, Handlungsinszenierung, Verortung und Detaillierung, Beobachtung und Beschreibung von Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten und höchst peinlicher, ich will sie Downton-Abbeyisierung und Juli-Zehisierung nennen, eintritt, sind hier schon einmal einige meiner Eindrücke.

***[UPDATE 10.10.: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Siehe unten.]***

I. Downton-Abbeyisierung


Was ist Downton-Abbeyisierung? Das Einschreiben höchst postmoderner (nach 1968) Verhaltensweisen und Sensibilitäten der oberen Mittelschicht in dezidiert moderne (bis 1945) oder gar vormoderne (bis 1914) Charaktere, die oft der Oberschicht angehören, die ja noch länger als andere Schichten an älteren Verhaltenskodizes festhält. In der TV-Serie "Downton Abbey" äußerte sich das u.a. in Charakteren, die ohne ersichtlichen Grund viel weniger hierarchisch, religiös, pflichtbewusst, rassistisch und sexistisch waren als typisch für englische Adlige des frühen 20. Jahrhunderts, weit herzlicher und selbst gegenüber männlicher Homosexualität bedeutend aufgeschlossener als noch heute (!) substanzielle Minderheiten selbst im globalen Westen. Der Zweck war, diese Charaktere für zeitgenössische Zuschauer:innen sympathischer erscheinen zu lassen und sie nicht mit einer Transferleistung von altmodischen Werten zu heutigen anzustrengen, und außerdem, den Adel als doch grundsätzlich nobel und gut und sich zurecht auf seiner Position befindlich darzustellen statt z.B. als unrechtmäßige Parasiten eines Landes.

All das geschieht auch in "Lázár", nur hier ohne letzteren Zweck, mutmaßlich weil Position, Selbstverständnis und Historiographie des Adels den Autor kaum mehr als als Staffage interessieren bzw. weil er zu faul war, richtig zu recherchieren (dazu später mehr). So sind Charaktere hier angesichts des Ersten Weltkrieges Pazifisten und leben unbehelligt in Berlin (!), ritzen sich wie 90er-Teenagerinnen die Unterarme auf, während Tic Tac Toe auf den Walkman-Kopfhörern läuft, und vögeln, pimpern, schnackseln und schütteln sich vor allem einen von der Palme wie Sozialwissenschaftsstudenten der Humboldt-Uni, die nicht mehr zu den Vorlesungen gehen und ihre Tage und Nächte nun mal mit irgendwas füllen müssen. Da hat der Knecht spontan Sex mit der Herrin. Da lässt die Herrin einen fremden Diener hinein, damit er es mit ihrer Dienerin treiben kann. Da hört das die pubertierende Tochter und macht es sich mit einer langen Kerze selbst. Völlig fehlende Sexualerziehung? Religiöse Schambesetzung jeglicher sexueller Betätigung außerhalb heterosexueller Ehen? Die oft buchstäblich tödliche Gefahr von Schwangerschaften und Geburten bei gleichzeitig fast ganz fehlenden Verhütungsmitteln? Und nicht zuletzt die ernsthaft existenzgefährdende soziale Schmach und Verachtung, falls dieser fröhliche Ringelpiez mit Anfassen auffliegen sollte? Alles Fehlanzeige, denn ungarische Landadlige im Jahr 1912 denken und handeln doch genauso wie Jung-Nelio in der vorlesungsfreien Zeit des Sommersemesters 2023, oder nicht?

II. Zeit- und Ortsvergessenheit


Diese Zeit- und Ortsvergessenheit setzt sich auch fort, wenn die Charaktere mal Kleidung anhaben, die oft an der Grenze zum Anachronismus entlangschrammt (z.B. für den Vorabend des Ersten Weltkrieges zu verbreitete Krawatten modernen Stils). Wer sich z.B. an "Krieg und Frieden" oder an "Buddenbrooks" erinnert, erinnert sich an die detaillierten Beschreibungen von Schlachtordnungen und -örtlichkeiten, die zu kurze, leicht behaarte Oberlippe der "kleinen Fürstin" Lise Bolkonskaja, die nuancierten Erläuterungen diverser Stile von Vatermördern und Backenbärten, die plastischen Schilderungen der gesellschaftlich und persönlich erwarteten hanseatischen Reserviertheit usw. usf., kurz an hervorragenden, oft sehr lyrischen Text, der die Geschichten klar im Russland der napoleonischen Kriege bzw. in Lübeck zwischen Vormärz und Reichsgründung verortet und seine Charaktere deutlichst vor dem inneren Auge entstehen lässt. Selbstredend ziehen sich in diesen Klassikern nicht nur Charaktere und Orte, sondern auch Themen und Symbole durch, und Begebenheiten bauen sich erst auf, bevor sie geschehen und ihre Folgen entfalten, wie man es eben von einem Roman erwartet statt von einer Kurzgeschichtensammlung, einer Collage oder einem Kollektivwerk der Vorschulgruppe "Bunte Waschbären" der Kita Hanflandweg Bempflingen.

Hier jedoch schlürfen die Charaktere pflichtbewusst Gulaschsuppe, um zu signalisieren, dass die Geschichte in Ungarn spielt, sie erwähnen die Titanic und ab und zu die österreichisch-ungarische Monarchie, und damit hat es dann sein Bewenden an Verortung und -zeitung. Was haben sie an? Was essen sie noch? Wie sieht ihr Alltag aus? Was denken sie an sich und über große Weltereignisse und warum? Ja, wie sehen sie überhaupt aus jenseits spartanischster Beschreibungen, die so wie vieles in diesem Buch (Charaktere, Stimmungen, Sehnsüchte usw.) noch nicht einmal durchgehalten werden bzw. ohne Konsequenzen bleiben bzw. ebenso plötzlich wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind? Das gilt selbst für die im Marketing groß beworbene quasi durchsichtige Haut des Charakters Lajos! Dabei sollte man doch meinen, dass eine solch unübersehbare Eigenschaft in noch weit religiöseren und abergläubischeren Zeiten als den unsrigen einen erheblichen Einfluss auf das Lebensschicksal haben müsste. Stattdessen schweben die hier porträtierten Personen gleichsam schwerelos und ungebunden durch die Geschichte und ihre Geschichten, die abgesehen von den genannten Krümeln der Lokalisierung so auch in Cornwall oder Niederbayern hätte stattfinden können. Warum dann aber der Hype um eine "Geschichte ungarischer Adeliger"? Ja, wo??

III. Juli-Zehisierung


Ein Hauptschuldiger an dieser Misere ist etwas, was ich eine Bauhausisierung oder vielleicht, nach einer ihrer mutmaßlichen Verursacherinnen, Juli-Zehisierung der deutschsprachigen Literatur nennen will. Das heißt, eine Minimalisierung der Beschreibungen von Orten, Dingen, Personen und Handlungen bis fast auf ein Subjekt-Objekt-Verb-Schema für Erstleser:innen hinunter ("Marie brät Zwiebeln im Wok. Es brutzelt.") bei gleichzeitiger fast vollständiger Tell-Don't-Show-Explizierung und Veroberflächlichung der Handlungspunkte, deren Essenz plump und direkt genannt wird. Hier kann man lange nach perfekten Adjektivpaarungen wie "was außerhalb der Tore seiner giebeligen Vaterstadt lag" oder "Außerdem bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall." suchen, und von exquisit feinsinnigen und ironischen Charakterisierungen von Personen fast nur durch ihre Dialoge, Bemerkungen und Taten kann man gar nur träumen. Wann hat man auch zuletzt in einem zeitgenössischen deutschsprachigen Roman überhaupt Landschaftsbeschreibungen gelesen oder längere Metaphern, geschweige denn gute?

Diese fast entleibte, entemotionalisierte Sprache ist eine rätselhafte Mode, die weder Geschichten eingehender macht noch eigentlich überhaupt etwas erklärt. So steht man vor kunstlosen Sätzen wie "Der Alkohol half gegen das Gefühl, trotz des Baronats und des Reichtums, trotz der langjährigen strikten Routine, trotz der Anzüge aus Merinowolle und der Seidenkrawatten dem Leben nicht gewachsen zu sein." und kann nur "Aha" sagen, weil man hiervon zum Einen zuvor kaum etwas gehört hat und zum Anderen gerne anders, subtiler, beobachtender, realistischer davon gehört hätte. Solche Prosa, die wie von McKinsey-Berater:innen zu Sparzwecken zusammengekürzt scheint, führt dann auch dazu, dass diese Geschichte über gut 55 Jahre auch in ihrem großen Druck kaum 330, häufig nirgendwo hinführende Seiten umfasst, während beispielsweise die "Buddenbrooks" 42 Jahre auf über 800 dicht bedruckte Seiten bringen, bei denen nicht ein Wort verzichtbar erscheint.

Wie geschrieben, ich muss mich noch ganz durch den Tunnel dieser 330 Seiten schleppen, und vielleicht geschehen am Ende ja noch Wunder, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Aber wenn "Lázár" die Hoffnung der deutschsprachigen Literatur sein soll, dann ist dieser Tunnel vielleicht die Gotthard-Basisröhre, und das Licht, das man in der Ferne sieht, ein SBB-ICN, der einem entgegenkommt. Oder wie es bei den Julizehisierten heißen würde: Pauls Füße spüren den Beton der Festen Fahrbahn. Ein Luftzug lässt ein Stück Plastik vorbeischweben. Es rattert. Er hebt den Kopf und sagt: Oh oh.

***[UPDATE 10.10.]***: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Zum Pimpern und Schnackseln sind noch Pudern, Poppen, Bumsen und ein für ungarische Teenager der 1950er ganz erstaunlich abgeklärtes Niveau der sexuellen Aufklärung selbst gegenüber den unwillkürlich erigierten Genitalien ihrer Geschwister gekommen (sic), von Scham, Unwissen oder Schwangerschaftsängsten ist hier nichts zu spüren. Ähnlich temporal altklug, also von Wissen, Ansichten und Einstellungen weit Nachgeborener erfüllt, denken zum Beispiel auch der den Nazis Widerstand leistende Schlosskaplan, der sich sicher ist, dass er nach seiner Hinrichtung als "Gewinner" gesehen wird, anstatt, da der Krieg im Februar 1945 noch nicht zu Ende ist, zum Beispiel zu zweifeln, ob das Dritte Reich nicht noch eine lange Weile durchhalten und jedenfalls nicht restlos fortgeräumt werden könnte, und die porträtierten Einwohner:innen des kommunistischen Nachkriegsungarns, von denen, historisch inakkurat, nur die wenigsten wirklich an die Versprechungen der sowjetischen Herrschaft zu glauben scheinen bzw. deren Untergang die meisten hellsichtig, allzu hellsichtig vorauszuahnen scheinen. Wie schon zum Teil in Teil I. ausgeführt, stellt das nicht nur ein recht feiges und faules Einschreiben heutiger Weltanschauungen in Charaktere vergangener Zeiten durch den Autor dar, sondern auch ein Versagen seinerseits, sich in diese Charaktere einzufühlen, und eine gewisse Arroganz, dass die heutigen Werte, Ansichten und Verhalten die offensichtlich universal richtigen seien und jedenfalls nicht kontingent. So erscheint dieses Buch mehr als eine Geschichte blasser Zeitreisender denn als eine wirklichkeitsgetreue Darstellung des Lebens einiger Ungarn während der großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Der oft dröge und skizzenhaft historische Fakten rezitierende statt diese mit Leben füllende Stil tut sein Übriges zu diesem Eindruck.

Ein letztes Wort - eine befremdlich nonchalante Verwendung von Vergewaltigungen als Metapher, als Begebenheit im Plot und als metatextuelle Reflexion des angeblichen Verhältnisses von Schriftstellern zu ihren Charakteren und ihrem Werk zieht sich durch das ganze Buch. Das gipfelt darin, dass eine weibliche Figur gänzlich überraschend und inkongruent von einem jungen Möchtegernschriftsteller in seiner Wohnung vergewaltigt wird. Man fragt sich angesichts dieses so abgeschmackten wie penetranten Einsatzes unwillkürlich, was hier nicht verstanden wurde, ausfantasiert wird und/oder verarbeitet werden soll. So halbgar wie diese Stellen ist der ganze "Lázár".

** von 5 Sternen

09.04.2026

Andis Kritiken #60: Der Tod in Venedig (1911)

Im Gewande einer höchst eloquenten und subtilen, erst verleugneten und dann unbesonnen verfolgten, zunehmenden dionysischen Obsession eines lebenslang apollinischen Schriftstellers mit einem zufällig in Venedig getroffenen Knaben findet sich hier, in immer gleichsam vollkommener, zumindest nicht besser vorstellbarer Sprache und auf wenig mehr als hundert Seiten auch berauschender Tanz von Eros und Thanatos, tiefe Analyse reifen künstlerisch-kreativen Prozesses und schmerzlich klare Einsicht in die Sehnsüchte empfindsamer Seelen, die sich "um das Vortreffliche" mühen und unter anderem darum am Vollkommenen, wie dem Meer oder dem Nichts, ruhen wollen, überraschenderweise selbst eine feine Kritik touristischer Abzocke 115 Jahre vor unserer Zeit, beständige bereichernde Allusion an griechische Mythologie und Philosophie, und nicht zuletzt eine beinahe prophetische Allegorie über das sieche Untergehen einer alten Welt. Ein Meisterwerk.

***** von 5 Sternen

07.04.2026

Andis Kritiken #59: The Babadook (2014)

Hier entsteht fast etwas richtig Großes. Eine elegante Metapher über tiefe Trauer, elterliche Einsamkeit, Ermüdung bis in die Knochen und Groll, den man sich bis zur Selbstzerstörung verbietet, als stylisher, entfärbter, schnörkelloser und sehr gruseliger Horrorfilm mit guten Schauspielleistungen und Produktionswerten und einem toll schaurigen Soundtrack. Aber teils billig wirkende Effekte und manche Genrevorhersehbarkeit hindern "The Babadook" dann doch daran, ganz in den Olymp auf- bzw. den Hades hinabzusteigen. Lange im Gedächtnis bleibt dieses Werk trotzdem.

**** von 5 Sternen

06.02.2026

Meine Idee für eine neue Star-Trek-Serie

Siehe hier, warum eine neue, gute Star-Trek-Serie nötig ist.

26. Jahrhundert. Selbst die "Heiligen" (Sisko) im Paradies Erde langweilen sich, die Föderation ist ineffektiv. Das RUS-Imperium aus dem Beta-Quadranten hat die UFP infiltriert und schürt Spaltung. Der neue Föderationspräsident zweifelt den Wert von Andoria und Vulkan für die UFP an. Eine RUS-Invasion von Bolarus IX droht die Föderation im Streit zu zerstören. Nur Kapitän Edward Jellico (benannt nach seinem berühmten Vorfahren) und die Crew der USS Fukuyama halten die Vision noch aufrecht ...

"Kapitän Jellico! Wir treffen uns wieder. Willkommen. Sie mögen Pilsner, nicht wahr? Bitte."
"Möchten Sie mich nicht erschießen? Festnehmen? Wenigstens mit dem Bier vergiften?"
"Oh Kapitän. Seit vier Jahren zu je 20 Folgen kennen wir uns, und Sie verstehen RUS immer noch nicht, verstehen mich immer noch nicht. Fast bin ich verletzt. Solche kruden Methoden, auf die Sie anspielen, sind für unsere Kultur ...widerlich. Stattdessen werden Sie feststellen, dass das Föderationshauptquartier in diesem Moment dringend versucht, Sie zu kontaktieren."
"Wieso?"
"Eine unglückliche Liaison mit einer eindeutig minderjährigen Betazoidin. Ich fürchte, Ihre Magazine und Videofeeds auf der Erde sind bereits voll davon, und sie fordern Ihren Kopf. Tsk tsk, mon capitaine."
"Aber - es ist nicht wahr! Ich habe nie- es ist eine Lüge!"
"Kapitän. Wahrheit. Lüge. Ehre. Loyalität. Solche Beschwörungen werden Sie nicht vor der wahren Macht des Universums retten. Blinder. Wut."
(Star Trek: Liberalism kehrt in Staffel 5 zurück)

To boldly go

Angesichts des augenscheinlichen Desasters von Starfleet Academy und von NuTrek generell wünschen sich viele langgediente Star-Trek-Fans sowas wie ein neues Schiff, eine neue Crew und eine neue Fünfjahresmission ins Unbekannte mit Geschichten über Erkundung, moralische Dilemmata und Hoffnung für die Zukunft.

Das ist sehr verständlich. Aber das Konzept "Neues Schiff mit neuer Besatzung reist ins Unbekannte" war mit "Enterprise" schon sehr ausgelutscht und hat nicht mehr viele Zuschauer:innen angelockt. Und dann kam NuTrek.

Erst die Filme, die zwar relativ erfolgreich waren, aber mit richtigem Star Trek - also der Erkundung der conditio humana mit dem Mittel von Science-Fiction-Serien - jenseits der Oberfläche nichts zu tun hatten. Zum einen, weil J.J. Abrams und Alex Kurtzman Trek nicht verstehen, vielleicht sogar nicht mögen, und zum anderen, weil es einfach objektiv schwer ist, diesen Kern von Trek auf die große Leinwand zu übertragen, wo eine Abfolge von Meetings in der Aussichtslounge und am Ende eine große Rede von Picard nicht so gut wirken wie in der Glotze. Nur Star Trek II, IV, VI und VIII haben es geschafft, neben passablem Trek auch gute Filme zu sein, weil sie jeweils eine Meditation über das Altern und Rache, eine lustige Komödie, eine Allegorie für das Ende des Kalten Krieges und Vergebung bzw. gute Borg-Action waren. Die anderen Filme waren entweder nur passable Streifen, aber schlechtes Trek (III, NuTrek 2009), passables Trek, aber schlechte Filme (I, IX, Beyond), oder weder gute Filme noch gutes Trek (V, VII, X, Into Darkness).

Nach den Filmen haben sich Kurtzman und seine Spießgesellen an neue Trek-Serien auf Streamingplattformen gewagt. Und was soll man sagen? Discovery ist ein Witz von polierten Oberflächen, völlig unprofessionellen Charakteren, Trek-Hirnwürmern wie Sektion 31 und totaler Richtungslosigkeit. Picard ist eine Leichenschändung dieses großartigen Charakters zu Lebzeiten. Niemand mag Starfleet Academy. Lower Decks und Strange New Worlds habe ich nicht gesehen und ich höre ganz Gutes, aber an eine komödiantische Zeichentrickserie lege ich andere Maßstäbe als an Realverfilmungen an, und "gut" bzw. "das beste NuTrek" bei SNW ist noch lange nicht "hervorragend" wie bei TNG und DS9.

Gibt es unter diesen Umständen heute Raum für ein neues, gutes Trek? Vielleicht, wenn Kurtzman gefeuert wird und die IP in die Hände von Leuten kommt, die sie verstehen und respektieren und, wohl am Wichtigsten, für das heutige Fernsehen und die heutige Welt anzupassen wissen. Ich glaube, dass Star Trek immer noch viel über die Menschheit und die Welt zu sagen hat. Dass es immer noch alte und auch viele neue moralische und ethische Probleme gibt, die durch Science Fiction gut erhellt werden können. Umso besser, wenn es dabei auch Weltraumschlachten und Romanzen mit grünhäutigen Außerirdischen gibt. Das sollte mit der Serialisierung und den hohen Budgets heutiger Fernsehserien gut kompatibel sein, warum nicht? Z.B. "Andor" war auch das wohl beste Star Wars seit der Originaltrilogie, hat das Franchise ganz frisch aufgefasst, und war doch unverkennbar Star Wars. So lautet das Motto gestern wie heute: To boldly go where no one has gone before!

15.12.2025

Friedensbrot

Tirade anlässlich einer deutschen Initiative von 2024, ein "Friedensbrot" zu backen, das dann in Landshut lebende Ukrainer:innen und Russ:innen gemeinsam verzehren sollten, "um ein Friedenszeichen zu setzen".

Deutschland hat nach 1945 "Nie wieder" absichtlich als "Nie wieder Krieg" statt richtiger als "Nie wieder Faschismus" missverstanden, um sich zum einen von seiner Schuld am Holocaust exkulpieren und zum anderen wieder der liebsten deutschen Tätigkeit frönen zu können, Moralisiererei. Dieses seit Bismarck ungebrochene "Am deutschen Wesen mag die Welt genesen" ist der geheime Hauptantrieb, manchmal in sinistrer, manchmal in weniger sinistrer Form, der deutschen Außenpolitik und des deutschen gesellschaftlichen außenpolitischen Denkens, besonders seit 1989.

"Wenn diese Ausländer doch nur sehen könnten, dass man einfach nur mehr miteinander reden, ganz fest an Frieden glauben und dafür klatschen muss, dann wird es bald Weltfrieden geben!"

Ich nenne das die deutsche Glöckchen-Theorie zum ewigen Frieden. Klatscht, dass Glöckchen lebe!
In einem Märchen mag dies ja noch ganz charmant sein, aber aus dem Kopf Millionen ansonsten nominell mündiger Erwachsener? Selbst die Lage unseres Landes an der Front des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1989 hat hier nicht zu einer nachhaltigen geistigen Reifung geführt, d.h. einer Anerkenntnis der Realitäten einer gefährlichen Welt mit diversen Akteuren, deren Interessen unseren teils diametral entgegenstehen, wogegen wir uns militärisch, diplomatisch, strategisch, politisch und mental rüsten müssen, denn si vis pacem, para bellum. Warum nicht?

Wahrscheinlich waren es der militärische und vor allem atomare Schutz durch die Amerikaner:innen und das (immerhin manchmal kompetente) Regeln der Ost-West-Beziehungen durch unsere Eliten, die diese geistigen Muskeln in der deutschen Bevölkerung haben verkümmern lassen. Dazu kam die fiese deutsche Bräsig- und Biederkeit, es sich im Bewusstsein seiner moralischen Überlegenheit (siehe oben) in seinem Wohlstand gemütlich machen zu wollen und dabei auch nicht zu hinterfragen, wie dieser Wohlstand erkauft wird. Mit dem Fall der Mauer fiel dann auch der letzte große äußere Anreiz, sich ernsthaft mit außenpolitischen Fragen zu beschäftigen, und diese korrosive Haltung fand zur Apotheose unter Angela Merkel, die sich "um alles kümmerte", indem sie schmutzige Wirtschaftsdeals mit brutalen Diktaturen schloss bzw. vertiefte.

Solange billiges Gas aus Russland kam, billiges Zeug aus China und billige Sicherheit aus Amerika, war der Deutsche in seiner Ignoranz zufrieden und konnte auf diese drei Länder und 191 weitere hinabschauen.

Allein, die Geschichte endet nie, und mit am wenigsten für Deutschland. Spätestens am 24. Februar 2022 brach Russland nicht nur in die Ukraine ein, sondern auch in die konstitutiven Lebenslügen ganzer Generationen von Deutschen. Da wagten es diese Osteuropäer:innen doch glatt, nicht der so vernünftigen deutschen Ansicht zu folgen, dass Frieden am Besten durch Ostermärsche und gemeinsames Brotbacken erreicht wird, sondern wollten ihr Territorium mit Waffengewalt verteidigen, ganz so, als gäbe es etwas, für das es sich zu leben lohne jenseits des Eigenheims, des Mercedes, Mallorcas und eines steigenden BIPs.

So wie es heißt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, so werden auch viele Deutsche den Ukrainer:innen diesen Krieg nie verzeihen, der sie, die Deutschen, zu Versehrten ihrer Heuchelei, politischen Infantilität, Feigheit, Gier und Bräsigkeit gemacht hat. Dieser psychologische Groll mag auch jenseits der typisch deutschen katastrophisierenden Ängste über russische nukleare Eskalation (die man leicht entkräften könnte, wenn man sich in den letzten Jahrzehnten eben mal ein wenig mit Außenpolitik befasst hätte) für unser hamletsches Zögern bei Waffenlieferungen verantwortlich sein. Wenn das Haus des Nachbarn brennt, das Feuer auf unseres überzuspringen droht und wir viele Feuerlöscher haben, so werden wir ihm doch nur widerwillig einen aushändigen, wenn er uns einmal bloßgestellt hat.

Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz all dieser geistigen Verheerungen die außenpolitische Betreuung Deutschlands durch die Westalliierten das beste war, was unserem kindischen Land passieren konnte. Wir sind nicht reif für die reale Welt. We can't handle the truth!

09.12.2025

Wie Russland Rekruten für die Ukraine gewinnt

Gut erklärt hier.

Deutsche Russlandversteher:innen verstehen das nicht, weil für sie die durchschnittliche russische Frau Anna Karenina ist und der durchschnittliche Mann Michail Gorbatschow, aber:
  • Das russische Leben selbst in den Metropolen Moskau und St. Petersburg ist relativ hart, arm und brutal; für die Peripherie gilt das vielfach stärker. Z.B. in der Oblast Omsk ist das BIP pro Kopf halb so hoch wie in ganz Russland und nur ein Viertel des Moskauers. Die für die Rekrutierung in die Armee gebotenen Summen sind also absolut transformativ und verlockend gerade für Ärmere.
  • Die Wahrheit über die Bedingungen an der Front und die sehr kurze Lebenserwartung neuer Soldaten wird von den russischen Medien natürlich verschwiegen, aber die meisten Russ:innen sind auch willens, für die imperiale Ausdehnung ihres Landes zu kämpfen und zu leiden, siehe entsprechende Umfragen.
  • Unter der Regierung zu leiden, keine Rechtsstaatlichkeit zu haben, gar gnadenlos vom Kreml verheizt zu werden sind historische Konstanten in Russland, mit denen sich die Bevölkerung über die Jahrhunderte psychologisch gut arrangiert hat und die sie lange durchhalten kann! Motto: "Ja der Zar knechtet uns, Что поделать? Aber wir sind groß und stark und man fürchtet uns. Und mit diesem einen Trick werde ich reich und kann dann selber knechten!"
  • Auf politisch-ökonomische Ebene gehoben bedeutet das, dass die Armee ihre Rekrutierungsziele vorwiegend mit älteren, ärmeren, oft geringqualifizierten Männern aus den Provinzen erfüllen kann, die schon zuvor öffentlich marginalisiert waren (also nicht laut protestieren werden), während eventuell entstehender Arbeitskräftemangel durch Ausländer wie z.B. Inder gedeckt wird, was Putin eben erst mit Premierminister Modi arrangiert hat. Ewig kann das natürlich nicht so weitergehen, weil es irgendwann selbst von diesen Leuten nicht mehr genug gibt, aber es könnte leider lange genug weitergehen, bis der Ukraine und dem Westen die Puste ausgehen und ehe die russische Wirtschaft einknickt.
Wie bei quasi allen anderen Analysen dieses Konflikts, egal von welchem Winkel her, gilt also auch hier: Wir müssen die Ukraine ausreichend bewaffnen, befähigen und unterstützen, den Invasor ganz hinauszuwerfen, und danach das Putinregime auf unbestimmte Zeit hart containen.

05.12.2025

So ist die Ukraine-Lage

Tja.

Die Ukraine-Lage ist folgende:
  • Trump sind die Ukraine und Europa ganz egal, er will nur Profit daraus ziehen oder zumindest einen Friedenspreis erhalten;
  • Verschiedene Gruppen in der US-Regierung führen Kämpfe um die Gunst des dementen Königs, um ihre Sicht der Dinge durchzusetzen;
  • Das Putinregime sieht keinen Grund, von seinen maximalistischen, ideologisch-imperial begründeten Zielen der Zerstörung der Ukraine und mittelbar der Idee des ganzen Westens abzuweichen, solange es sich militärisch erfolgreich glaubt und außenpolitisch kaum Opposition begegnet;
  • Die EU wird so lange am Spielfeldrand stehen, solange sie nicht einig aufrüstet, russische Assets beschlagnahmt, das Unterlaufen der Sanktionen u.a. durch die Schattenflotte beendet, hybriden Angriffen besser begegnet und generell mal realisiert, dass die Lage sehr ernst ist;
  • Die Ukraine ermüdet militärisch zunehmend angesichts der menschenverachtend verlustreichen, aber dadurch letztlich effektiven russischen Kriegführung, und schlingert politisch aufgrund diverser hausgemachter und internationaler Probleme.
Zusammengenommen bedeutet das leider, dass falls die EU als letzter verbliebener freiheitlicher und starker Akteur sich nicht schnell zusammenreisst und entschlossen agiert, ein ungerechter Siegfrieden für die Ukraine droht, dem dann fast sicher noch in diesem Jahrzehnt ein weiterer russischer Angriff folgen wird. Auf die Ukraine, auf das Baltikum, und/oder auf Polen. Mit erfrischten und weiter aufgebauten sowie durch zwangsrekrutierte Ukrainer:innen gestärkten Truppen, die im Drohnenkrieg sehr erfahren sind. Gegen eine zerstrittene NATO ohne solche Drohnenerfahrung und ohne die USA. Dann werden die jetzt noch akademischen und theoretischen Diskussionen über Wehrpflicht und Aufrüstung plötzlich konkret, und das Geschrei wird groß sein, dass doch niemand hätte wissen können, dass ...

Nein.

Man hat wissen können.

Man hat wissen müssen.

Man hat tun müssen!