22.06.2021

Chrysalis

Andi

Hi! Ich bin's, Andi. Dieses Blog heißt jetzt "Andis Soapbox Redux", von lateinisch redux für "das, was zurückkehrt", denn ich bin zurück und möchte wieder bloggen.

Ich weiß, Skepsis ist angebracht angesichts der unten zu besichtigenden Ruinen früherer Versuche, das Blog zu reaktivieren, nachdem es eigentlich schon spätestens seit 2009 in einem großen Niedergang der Postingfrequenz begriffen war, bis zu den letzten schwachen Zuckungen und vergeblichen Versuchen in den Jahren 2010 und 2011, den Leichnam zu reanimieren, die vom Rigor Mortis bereits steifen Glieder nur einmal noch zu beugen. Große Skepsis. Beim Wiederlesen und Aufräumen meiner alten Einträge taten mir am meisten meine treuen Leser:innen leid, die sich in vielen Kommentaren neue Posts wünschten, aber Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich Jahr für Jahr bitter enttäuscht wurden. Darum möchte ich weit ausholen, um nachvollziehbar zu erklären, wie ich zum heutigen Punkt und dem Entschluss, zu versuchen, mein Blog neu zu starten, gekommen bin, und warum ich glaube und hoffe, dass der Versuch diesmal von Erfolg gekrönt sein wird.

Wirklich weit.

In die ganze Geschichte meiner Beziehung zum Internet. Die irgendwie auch die halbe Geschichte meines Lebens ist. Und damit auch die dieses Blogs. Yeah. Also holt Euch Popcorn und lehnt Euch zurück, denn ich bin jetzt alt, und es wird lang.

Archaikum

Wir tauchen also vom Olymp tief in die Nebel der Vergangenheit hinab, zuerst in die Zeit noch bevor ich mein Abitur im Jahr 1998 schrieb. Mit dem Internet kam ich zum ersten Mal regelmäßiger in Kontakt, als ich wohl im Jahr zuvor ein Referat über Napoléon Bonaparte für meinen Französisch-Leistungskurs erstellte und zur Recherche den einen Schulcomputer nutzen durfte, der ans Internet angeschlossen war. Ich schrieb fleißig Napoléon-Fakten von primitiven GeoCities- und Angelfire-Seiten ab, wälzte Bücher, machte teure Overhead-Farbkopien von so informativen wie beeindruckenden Gemälden wie "Le Sacre de Napoléon" und wurde schließlich für meine Mühen mit einer sehr guten Note belohnt. Das Internet war so damals nur eine eher statische Informationsquelle von vielen für mich, aber dennoch eine recht nützliche.

Irgendwann danach, vielleicht 1998 oder 1999, bekamen wir zuhause Internet. In ISDN-Geschwindigkeit. Auf unserem einen Desktop-Computer im Wohnzimmer. Mühsamst und fragil über DFÜ (vielleicht) installiert. Und auch nur für Deutschland vergleichsweise früh, weil mein Vater, der zuvor bei IBM gearbeitet hatte, sich nun als IT-Berater selbstständig gemacht hatte und heimischen E-Mail-Empfang brauchte. E-Mails und Besucherzähler auf Tripod-Seiten waren unsere Webwelt. Ich wiederum ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo man schon über funktionierende Leitungen zum Telefonieren froh sein konnte, und suchte dabei nach einem Studium, das ich beginnen könnte. Der nach heutigen Maßstäben (hoffentlich) rückständige IT-Kurs in meiner Schule hatte mir gut gefallen, die Arbeiten am Computer interessierten mich trotz aller Frustrationen mit unseren Modems, und die Erzählungen meines Vaters klangen spannend, so dass ich mich schließlich (naiv) für Softwaretechnik an der Universität Stuttgart entschied.

Proterozoikum

Für dieses Studium brauchte ich natürlich einen eigenen Computer, den ich stolz bei einer Lidl-Aktion erstand und in seiner sperrigen Klobigkeit heimschleppte, und einen eigenen Internetanschluss, damals noch per Minute und/oder Megabyte abgerechnet. Anfangs waren noch nicht viele Studienressourcen online, aber das frühe Web faszinierte mich, so dass ich bald selbst begann, eine Homepage mit blinkenden Logos und rotierenden Zählern zu erstellen. Diese Seite ist leider nirgendwo mehr erhalten, aber aus diesen ersten Gehversuchen entstand nach kurzer Zeit meine alte Filmwebsite Moviebazaar, die heute noch online, wenn auch mittlerweile seit Jahrzehnten nicht mehr aktualisiert ist [Notiz an mich: Moviebazaar aktualisieren, noch Milch kaufen].

Der Wunsch, über Filme zu schreiben kam mir zum einen, weil ich damals wie heute Filme lieb(t)e, mindestens jede Woche ins Kino ging und mich oft über die allzu oberflächlichen, jubelnden und/oder missverstehenden Kritiken in Zeitungen und Zeitschriften ärgerte. "Das kann ich besser", dachte ich und versuchte, dieses Versprechen in am Ende über 200 Kritiken und zahlreichen Filmspecials wahr zu machen. Es half meiner Motivation, dass ich gleichzeitig viel im Usenet, vorranging in Gruppen wie de.rec.film.misc, unterwegs war, wo leidenschaftlich über Filme diskutiert und gestritten wurde. Ich habe oft gesagt, dass ich online ein Foren- und Kommentargorilla bin, 500 Pfund pure Diskussionsmuskeln, vernichtende Blicke und spitze Zähne. Zuerst dazu gestählt wurde ich in den Flamewars des Usenets. So wurde das Internet in dieser Zeit für mich zu einer Plattform der kreativen Verwirklichung wie auch zu einer des mehr oder weniger gesitteten und lehrreichen sachbezogenen Austauschs.

Ich im Internet

Persönlich war ich damals jedoch nur teilweise glücklich mit meinem mir zu theorie- und mathematiklastigen Studium (das Programmieren dagegen mochte ich und arbeitete später auch in einem Projekt mit fußballspielenden Robotern mit, wo ich auf einem Turnier bis um vier Uhr früh aufblieb, um den Bug zu finden, der unsere Kicker veranlasste, ins eigene Tor zu schießen; schließlich fand ich ihn in einer versehentlich mit Minus statt Plus weitergereichten Variablen - intrinsische Motivation for the win!) und so liebesdurstig wie mit Frauen unbeholfen, wie ich ausführlich in meiner größten Blogserie darlege. Ein Incel avant la lettre war ich vielleicht nicht, da ich Frauen eher auf Podeste heben statt abknallen wollte, aber wie ich in einigen Schlüsseleinträgen wohl nicht nur zwischen den Zeilen geschrieben habe, hätte man schon sagen können "There but for the grace of God go I". Meine Internetinhalte und mein Selbstinhalt gingen also auseinander, klafften gar.

Paläozoikum

2004 wechselte ich unter turbulenten Umständen mein Studium zur Technikpädagogik (Lehramt für Berufsschulen) mit dem Hauptfach Informatik, wofür ich einige meiner Softwaretechnikleistungen anrechnen konnte, und dem Nebenfach Politikwissenschaft, das meinen Interessen mehr entgegenkam. Im neuen Umfeld und auf dem Campus Stadtmitte, der mir bedeutend menschenfreundlicher als die stalinistisch-brutalistische Architektur des Vaihinger Hauptsitzes der Uni Stuttgart erschien, lebte ich auf und lernte bald viele neue Freunde kennen, wozu auch mein erneuertes Engagement in der Theatergruppe der Uni beitrug. Ich ließ meine Haare lang wachsen, trug experimentell Herrenröcke und knutschte und feierte viel, wofür ich auch manche Vorlesung am nächsten Morgen sausen ließ - nicht mehr wie früher aus Verzweiflung über unverständliche Inhalte und dem Gefühl, in einer dunklen Sackgasse zu stecken, sondern wegen eines handfesten Katers. Gute Zeiten.

Doch mittlerweile war mir der Drive ausgegangen, nach jedem Film gleich eine Kritik zu schreiben und auf Moviebazaar zu veröffentlichen, und ich hatte auch nicht mehr die Zeit noch die Lust, jede Woche teils mehrmals ins Kino zu gehen, zumal es mir manchmal so vorkam, als hätte ich nun jede mögliche Geschichte schon einmal gesehen. Aber mein Mitteilungs- und Ausdrucksdrang war groß, und so kam am Valentinstag 2005, in jenem Interregnum der Blogs zwischen der GeoCities-Anarchie und der mit MySpace aufziehenden Social-Media-Tyrannei, Andis Soapbox mit diesem letztlich programmatischen Eintrag in die Welt.

I entered this world on the Champs-Élysées, 1959. Sur le trottoir des Champs-Élysées. And you know what my very first words were? New York Herald Tribune! New York Herald Tribune!

Ich hatte viel zu sagen und zu erzählen und zu wüten. Warum wir mehr auf die Wissenschaft hören sollten. Warum Konsumismus nicht über innere Leere hinwegtrösten kann. Warum wohl unsere Werteentkernung und unsere Angst vor dem Tod uns so anfällig für freiheitstötende Terror"bekämpfung" machen, ein in vielen Aspekten betrachtetes Lieblingsthema dieses Blogs. Wie ich durch Deutschland fuhr, um FreundInnen zu besuchen, und was ich dabei Gutes und weniger Gutes sah. Aber auch, immer wieder und trotz der guten Zeiten, wie ich mich, wenn auch noch oft verneint, nach tiefer Liebe sehnte (mehr Links dazu im Proterozoikum). Der Zeit der Rants in den Jahren 2005 und 2006 folgte so, nachdem ich mich in Dutzenden Einträgen ausführlich über alles ausgelassen hatte, was mich störte und aufregte, etwa ab 2007 die Zeit der Sehnsucht, begleitet von sowas wie einer kopernikanischen Wende meiner Soapbox, weg vom bloßen Wüten, hin zu mehr Versuchen der Erklärung und Überzeugung. Vielleicht kein Zufall, dass ich mich zu dieser Zeit auch mehr im Hochschuldebattieren engagierte, bis hin zu einem im Nachhinein in vielerlei Hinsicht für mich sehr wichtigen Bildungsroman bei der Debattier-WM in Cork.

Für eine kurze Zeit fand ich im Jahr 2009 Liebe. Doch wie es so ist, durch Beziehung, Debattieren, Theater, das endlich nahende Ende meines Studiums und anderer Prioritäten mehr blieben mir immer weniger Zeit und Energie zum Bloggen, zumal ich wieder das Gefühl hatte, erstmal alles gesagt bzw. beschrieben zu haben, worauf ich hinweisen wollte. So degenerierte Andis Soapbox immer mehr zu einer Link- und Kurzkritikenfarm mit nur noch gelegentlichen interessanteren Lichtblicken, die dann auch meine in früheren Jahren gewonnenen, nun entwöhnten Leser:innen mehr anregten. Doch auch diese Funken konnten nicht verhindern, dass mein Blog im Herbst 2011 sein Licht aushauchte. Wie es ein Kommentierender leider treffend ausdrückte: "Boot steigt kurz an und sinkt dann wieder auf Grund". Zurück blieb erstmal Asche. Internet und Seele hatten in dieser Ära nicht mehr so geklafft, aber je mehr es meine Seele davonzog, desto weniger leuchtete hier ein Licht.

Mesozoikum

Nach meinem Abschluss als Diplom-Gewerbelehrer arbeitete ich erstmal einige Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Berufs-, Wirtschafts- und Technikpädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft der Uni Stuttgart in einem Projekt zur Kompetenzentwicklung von Berufsschüler:innen. Ich debattierte um einiges härter und mehr auf dem internationalen Parkett, wo ich endlich Bester Redner in Englisch als Fremdsprache der Weltmeisterschaft 2011 wurde und in insgesamt 17 nationalen und internationalen Finals stand, von denen ich, Michael Ballack, jedoch nur wenige gewinnen konnte. Beruflich konnte ich mich weiterentwickeln, indem ich mich erfolgreich bei der Europäischen Union bewarb, wo ich nun seit 2014 beim Statistischen Amt der EU, Eurostat in Luxemburg, an Folgenabschätzungen und anderen Bestandteilen der Modernisierung der europäischen Landwirtschafts- und Fischereistatistikverordnungen arbeite. 2012 trat ich der SPD bei (zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dafür betrunken gemacht wurde), was wenigstens den einen unabweisbaren Vorteil hatte, dass ich in dem Jahr über ParteifreundInnen J. traf. Wir heirateten 2016 mit einem sehr schönen Fest und haben 2018 und 2021 Kinder bekommen. Sehr sehr gute Zeiten.

Trotz oder wegen dieses privaten und beruflichen Glücks spürte ich, dass ich immer noch bzw. wieder einiges zu sagen hatte, und tat es nun in sogenannten sozialen Medien wie Facebook und ab Ende 2019 auch auf Twitter (mein Twitter-Handle hielt die Erinnerung an diesen Ort wach). Nachrichten, Persönliches, Politik, Religion, Debattieren, die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ), zu vielem schrieb und meinte ich und diskutierte hitzig mit FreundInnen und Bekannten in "nach unten offenen Kommentarspalten", Löchern für Zeit. Dem intimen und fruchtbaren Austausch mit wenigen Stammleser:innen meines Blogs in dessen Kommentaren folgte so ein weiter gefasster, manchmal produktiver Diskurs, auf Facebook noch sinnvoller als auf Twitter, wo man aufgrund der katastrophalen Threadnavigation oft nicht mal erkennen kann, wer gerade wem worauf antwortet, vom viel weiter und daher viel dümmer gefassten Publikum gar nicht erst zu reden.

Doch nach einigen Jahren, zumal in der Coronapandemie, die auch mich zum Innehalten brachte, und angesichts dessen, was die "sozialen" Medien für Profit an Katalyse extremer, tödlicher Denk- und Handlungsweisen fördern, traten bei mir auch auf diesen Plattformen Ermüdungserscheinungen auf. Wem gehört eigentlich, was ich schreibe? Wer kann es lesen, wenn es nur für "Freunde meiner Freunde" sichtbar ist, und wegen der Kapriziosität der Ranking-Algorithmen auch nur für einen Bruchteil davon? Und sollte ich mich nicht lieber wieder mit wenigeren, geschätzteren Diskutant:innen austauschen statt u.a. mit Selbstdenker88 und Peter Abtreibungspranger? So versiegte auch auf Facebook und Twitter mein Meinungsstrom langsam, auch wenn ich immer noch nicht weniger Meinungen hatte als früher. Meine Äußerungen und die Informationen über mein Leben auf Facebook und Twitter waren nun mit meinem tatsächlichen Sein weitgehend kongruent, aber ich fühlte mich nicht mehr mit dem Medium wohl. Ich begann, nach einem neuen Weg zu suchen, mich zu vermitteln, mit mehr Kontrolle über meine Outputs und einem hoffentlich genauer gezeichneten Leser:innen- und Gesprächspartner:innenkreis. Die Antwort lag erstaunlich nahe, ein Phönix rief.

Känozoikum

Chrysalis

Bild: VirenVaz, CC BY-SA 2.5

Die Larve verpuppt sich in der Chrysalis, und in einem Prozess der Liquefaktion wird sie erst fast ganz flüssig, bevor sie die Imago neu aufbaut und endlich als schöner Schmetterling schlüpft (Metamorphosen sind nur als Metaphern romantisch). Ich war ein verstockter Computer- und Filmnerd, bevor ich ein extravagantes drama kid und ein feurig zürnender Blogger wurde. Dann verflüssigte ich mich wieder und schlüpfte endlich als Hardcore-Debattierer und empirischer Wissenschaftler. Ich häutete mich wieder und wieder und wurde Facebook-Meinender, EU-Beamter, Ehemann und Vater, mein Embourgeoisement vielleicht zum Hohn einiger meiner früheren Ichs nun fast komplett, doch mein Glück ganz. Meine Präsenz im Internet reflektierte dabei so oder so meine Einstellungen, meine Interessen, meine Zeit und auch Moden. Und nun, mittwegs auf meines Lebens Reise, finde in Andis Soapbox ich mich wieder verschlagen.

Das Schöne an einer Seifenkiste ist, dass sie an sich nichts impliziert, was man auf ihr stehend sagen sollte, außer in bescheidener Faktizität einen erhöhten Punkt zum Sprechen anzubieten. Ich weiß nicht, wie oft ich die Zeit und die Inspiration haben werde, hier mein altes Megaphon aufzunehmen und etwas Neues zu sagen, das Leben, von dem ich mir in manchem alten Eintrag mehr gewünscht hatte, umarmt mich nun jeden Tag wie ein Grizzlybär, durchaus sehr warm und herzlich, aber die Umarmung abzulehnen wäre eine extrem schlechte Idee; zuerst werde ich, nachdem ich nun bereits alle alten Blogeinträge aufgeräumt, endlich vollständig gelabelt und meine tauglichsten Entwürfe hier und da in die Jahre eingestreut habe, in denen ich sie verfasst hatte, meine besten Texte aus Facebook, Twitter, Foren und von meinen Festplatten hier einpflegen (und Euch darauf hinweisen), um ein möglichst lückenloses Archiv und eine Referenz meiner wichtigsten Online-Äußerungen an einem Ort zu haben, sowie ein paar weitere hoffentlich erfolgreiche Schreibprojekte verfolgen, was mich noch eine Weile beschäftigt halten dürfte. Dann möchte ich manches zu Manchem sagen, das ich in den letzten zehn und mehr Jahren erlebt oder gesehen habe oder das mich schon länger beschäftigt, und danach noch zu den Dingen, die passiert sein werden, nachdem ich mit all diesen Zusammentragungen angefangen habe. Und dann - werde ich vielleicht wieder denken, dass ich nun alles gesagt habe, was ich sagen wollte, und mich womöglich neuen Ufern zuwenden, neuen Formen, in eine neue Puppe spinnen und wieder liquifizieren. Alles, was ich Euch daher anbieten kann, das einzige Versprechen, das ich geben kann, ist, als der Schmetterling, der ich heute bin, mit Euch zu fliegen, in den blauen Himmel hinein.

Aber das sicher.

In diesem Sinne: Excelsior!

19.01.2020

After Trump

I'd rather be a Russian than a Democrat

Let's say the best case comes true: IMPOTUS Trump is removed from office, he and his family go to prison, and the 2020 elections result in a landslide for a progressive Democratic President and Congress.

Then what?

FauxNews and the Republican propaganda machine aren't going away. GOP congresspeople only beholden to billionaires and absolute power aren't going away. And the Republican base (see above) isn't going away either and is only one, eventually inevitable, recession or climate-change-induced disaster away from becoming even more radical. They may eat crow and accept a moderate Nikki Haley as their nominee in 2024 (who could be very competitive), but as in 2012, they will in truth be itching for a Michele Bachmann or a Herman Cain. At the latest in 2028, they will gladly vote for at least a Benito Mussolini once he presents himself. The race will then be very close because of propaganda, gerrymandering and the electoral college, and as in 2016, the new Mussolini may only be less than .05% of votes away from the Presidency. And he will certainly not be as amateurish as Trump, whose greatest ambition was only ever to be rich, eat "hamberders" and fuck models (and Ivanka), but not to, for example, exterminate all Mexicans.

As bad as this is: we may still only be getting started.

16.01.2020

Putins Verfassungsreform

Das Ziel dieser Reform ist, die Macht der russischen Präsidentschaft aufzubrechen (damit Putins Nachfolger ihm nicht gefährlich werden kann) und sie in Putins zukünftiger Position neu zu konzentrieren beziehungsweise teils neu auszutarieren (für Patronage). Den Kreml verlässt man bekanntlich nur in Schande oder mit den Füßen voraus. Putin weiß das und möchte es verhindern, weil sein Reichtum (bis zu 200 Milliarden US-$) maßgeblich auf Raub und Betrug basiert und daher auch ihm weggenommen werden könnte, wenn er nicht mehr an der Macht wäre. Als Dreh- und Angelpunkt des herrschenden Systems von Oligarchen, Geheimdienstlern und/oder Mördern (Minister wie Medwedew und der Regierungsapparat sind mehr oder minder freiwillige Staffage bzw. nützliche Instrumente) und Boss der Bosse ist Putins Position zwar stabil, aber auch ziemlich fragil, weil er ständig geschickt Konflikte schlichten, Pfründe verteilen, Herausforderer unterdrücken und Günstlinge belohnen muss, damit nicht auch er eines Tages einen besonders aromatischen Litwinenko-Tee serviert bekommt. Nach 25 Jahren Kleptokratie, einer durch Korruption und Autoritarismus unterdrückten, wenig diversifizierten Wirtschaft und Gesellschaft sowie teuren Militärausgaben für außenpolitische Aggressionen sind jedoch wohl die meisten Ressourcen schon geplündert und besetzt. Eine Regierungsumbildung kann da zumindest einige mächtige Posten neu verteilen und gleichzeitig etwas öffentlichen Druck herausnehmen.

Ergo: Die aggressive russische Kleptokratie wird uns noch bis auf Weiteres erhalten bleiben. Die deutsche und europäische Politik sollte sich darauf einstellen!

14.01.2020

Married to a Nerd

Besprechung des nächsten Essensplans für unsere Familie.

Ich: Wir brauchen Gerichte, deren Zubereitungsaufwand degressiv skaliert!

Sie:

Klar doch

09.01.2020

Das Problem der SPD

Das Problem der SPD ist fundamental und nicht nur in angeblich schlechtem/r Personal/Kommunikation/Organisation/ ... begründet.

Globalisierung, Neoliberalismus, Pluralismus, Individualisierung, Erosion traditioneller Bindungen (Kirche, Familie, Gewerkschaft ...) usw. haben eine neue politische Achse jenseits (ökonomischer) Links-Rechts-Einordnung entstehen lassen: Offenheit-Geschlossenheit. Das ergibt vier Quadranten der politischen Einordnung:
  1. Links und Offen, "internationale Sozialisten"
  2. Links und Geschlossen, "nationale Sozialisten"
  3. Rechts und Offen, "internationale (Neo)Liberale"
  4. Rechts und Geschlossen, "nationale (Neo)Liberale".
Gruppe 1 sind zum Beispiel Studis; von hohen Mieten, prekären Jobs und Stress vom Kapitalismus Enttäuschte; Refugees Welcome; woke; würden Bernie Sanders wählen usw. Gruppe 2 sind "Abgehängte"; "Flüchtlinge kriegen alles und ich nichts"; leben ländlicher; "Das wird man doch noch sagen dürfen"; für Brexit usw. Gruppe 3: Unternehmensberater; gut gebildet, gute Jobs; "Wirtschaft ist Grundlage unseres Wohlstands"; beschäftigen (ausländische) Putzhilfe; Seiten im Pass voll, gegen Brexit usw. Und Gruppe 4 sind traditionelle Konservative; schaffen beim Daimler; eigenes Haus; Deutschlandflagge am Auto bei der WM usw. Die meisten in Gruppe 2 stimmten für die SPD, als es ihnen - meistens Arbeiter:innen - ökonomisch besser ging, dazu kamen viele Stimmen von Gruppe 1 und ein paar von 3, was große Mehrheiten ergab.

Heute stimmt 1 für Grün, 2 für die AfD, 3 für die Union und Grün und 4 für die Union und die AfD, also nur noch wenige für die SPD. Für 1 ist die SPD zu angestaubt (und nicht links genug), für 2 zu weltoffen und unglaubwürdig, für 3 nicht wirtschaftskompetent und zu angestaubt, und für 4 zu weltoffen und nicht wirtschaftskompetent genug. Diese "Realignment"-Analyse zeigt, dass die traditionellen Klientelen der SPD weggefallen sind, sich verändert haben und/oder die Partei nicht mehr als ihre glaubwürdige Vertretung ansehen. Das muss sich ändern, oder es ergeht der SPD so wie anderen europäischen Sozialdemokratien. Die Lösung kann aber weder im Klonen der AfD noch der Grünen bestehen. Die Leute wählen lieber das Original, und demokratischer und emanzipatorischer Internationalismus ist genauso in den Genen der SPD wie Gerechtigkeit und Solidarität. Besser eine glaubwürdig ökosoziale und weltoffene Alternative zu ausbeutendem und ungleichem Kapitalismus sein, die Gewinne nachhaltigerer Globalisierung mit wirtschaftlichem Sachverstand zum Vorteil aller umverteilen und als Schutzmacht der national und global Schwächeren auftreten. Wer, wenn nicht wir?

Ansonsten werden bei zunehmender Klimakrise und Ungleichheit die angeblichen Vertreter:innen von Gruppe 2 immer mehr Macht gewinnen. Vielleicht benennen sie dann ihre Partei um, um ihre Hauptziele deutlicher zu machen: Soziale Nationalisten der Deutschen Alternativen Partei.

19.12.2019

UK Election 2019

Brexit was at first only a Tory internal obsession and a Mad Max capitalists' wet dream. Most Britons didn't much care or know about the EU except as a newspaper spectre "taking our freedoms". But then "ham C-3PO" David Cameron put it to a popular referendum. Cunning populist operators like toff blond mop Boris Johnson discovered, to their own surprise, that it could be much more: a cipher and vehicle for discontent about the modern globalised world, frustration about being left behind, anxiety about immigration, and much else. So Brexit won and has been the elephant in Westminster ever since.

Nine months before the referendum, but connected to the issues that drove its result, Jeremy Corbyn was elected Labour leader on a "classic" left-wing platform. Of course the right-wing media demonised him as they had mild-mannered Ed Miliband, but he made it easy for them and hard for his supporters by never finding a terrorist group he didn't like, exacerbating Labour's antisemitism crisis and not having the most winning personality or leader's profile for today's politics. Whatever you think about Johnson, he at least seems affable enough so you wouldn't mind being stuck in an elevator with him (briefly). It's an act, but who said politicians don't need to be actors nowadays? Good actors give us satisfaction, joy and a feeling of peace, no small feats.

But there is also considerable value in the analysis that a great realignment is happening in electorates around the world, away from traditional left-right views on economics towards a more complex model including views on openness ("Citizens of Nowhere", pro globalisation and immigration, better educated, woke etc.) and closedness ("Somewheres", anti globalisation and immigration, less educated, anti PC etc.) With this new axis, you could then sort UK voters into four quadrants:
  1. "National socialists" - "Benefits for us first", distrustful of elites, live in small towns etc.; Leave
  2. "International socialists" - Young people disillusioned with capitalism by precarious jobs, sky-high rents and tuition fees, climate change activists etc.; Remain
  3. "International liberals" - Londoners, people who worked e.g. in Dubai, highly educated, employ a nanny etc.; Remain
  4. "National liberals" - A bit contradictory, but "classic" small-c conservatives, "Buy British", pensioners in Surrey, "No one handed me anything"; lean Leave.
The Tories used to have a lock on 4 and many 3 voters, but had no chance with 1 and most 2 people; Labour would be guaranteed most 1, many 2 and some 3 votes. But now, and at least for the past two elections, many 1 voters are moving to the Conservatives. The Tories are repositioning themselves as their advocates, consciously so since Johnson became Prime Minister. In effect, the Conservatives seem to be moving away from the traditional model of European continental christian democratic parties towards a more populist mould similar to France's Rassemblement National or Poland's Law and Justice parties. Labour, however, is shrinking to group 2 and gaining 3 voters, but not nearly enough to counter the loss of group 1. Many social democratic parties globally are having the same existential problem. They are desperately searching for solutions allowing them to square the circle of being both for and against globalisation, immigration, political correctness, Brexit and other salient issues. Apparently, a return to 70s-style nationalisation and campaign tactics isn't one.

This realignment analysis can help explain why the smaller the town, the fewer Labour votes this time; the more Leave votes, the more Tory votes; the higher the education level, the more Labour votes; the more deprivation, the more Tory votes(!); and the younger, the more Labour. Otherwise, it would be baffling how the Tories could gain any majority, particularly in deprived constituencies, after a decade of crippling austerity under their watch. But not least the American Republicans who are now not only fully populist like the Rassemblement National, but heavily flirting with fascism like the Italian Lega or the German Alternative für Deutschland, have shown that you can make people vote against their economic interests literally for decades if you only get and exploit their cultural, social and political fears and worries. And the more desperate communities become due to right-wing economic policies Republicans and Tories actually execute once in power, the more receptive they become to populist messaging about foreign scapegoats and scary reds who want to distribute your meager belongings to THEM. Left-wing parties who say they care about "the many" therefore need to find answers to all these conundrums soon, or else we will face dark times once ever more people get left behind, climate change ramps up even more and economic crises, automation and globalisation lead to mass layoffs.

For after all, closed national populism was already once perfected in the country that likes to perfect things, Germany, by a party. And that party made very clear in its name which quadrant it pretended to work for.

31.10.2011

Those were the days 8 1/2, Retardierung und Dénouement

Die früheren Teile dieser Serie sind hier: 1, 2, 3, 4, 5-1, 5-2, 6, 6 1/2, 6 3/4, 7 und 8. Dies ist, unglaublich aber wahr, der letzte Teil.

"Hallo? Ist da jemand? Andi? Hallo?! Das ist so hell hier, ich kann gar nichts-"

Ich dachte, ich räume die Bühne meines vergangenen Lebens mal leer, um einen unverstellten Blick auf die aus ihm erwachsene Erkenntnis zu ermöglichen. Und Du musst ja nicht gerade mitten in den Scheinwerfer blicken.

"Hm. Retardierung? Dénouement? Bühne Deines Lebens? Erwachsene Erkenntnis? Offenbar ist Dir noch nicht erwachsen, dass solcher Obskurantismus Dich zu lesen alles andere als leicht macht. Ich höre mich ja selbst schon wie Du an!"

Niedlich. Aber wenn Du erlaubst, lass uns doch mit der Geschichte aus dem letzten Teil fortfahren.

"Hmpf. Klar."

Sie hat das Telefon also nie mehr abgenommen. Und auch auf Mails, Karten, Briefe ... nicht reagiert. Besuchen wollte ich sie nicht, um sie nicht mit meinem Dasein zu überfallen, wirklich wahr. Ich verstritt mich inzwischen mit No, der, warum auch immer, partout nicht glauben wollte, dass Oddjob mehr als nur Freundschaft mit Honey wünschte, und mich einen Stalker genannt hatte. Er spricht bis heute nicht wieder mit m-

"Halt mal. Stalker?"

Ich habe mich nicht in den Büschen vor ihrer Wohnung versteckt oder sowas. Aber ich verstummte und starrte, wenn wir uns zu mehreren mit ihr begegneten, sah andere, die mit ihr sprachen, böse an, hatte im Kopf nur mehr sie, sie, sie, rief sie an, umso öfter, je weniger sie erreichbar war ... Du weißt, dass ich keinem Käfer den Panzer krümmen würde. Aber das war alles andere als gesunde Verliebtheit, wenn das kein Oxymoron ist. In meiner absoluten Hingabe, meiner absoluten Aufgabe und ihrem absoluten Mysterium, ihrer absoluten Unklarheit hatten sich wirklich zwei gesucht und gefunden, a match made in hell, wie wir Pseudoangelsachsen sagen. Die Katastrophe war so unausweichlich wie in einer griechischen Tragödie, und wie in jener hat jeder Versuch, sie abzuwenden, ihre Folgen nur noch schlimmer, die Götter nur noch zorniger gemacht. Wie immer haben die ollen Hellenen auch hierin und hierzu schon alles gewusst und gesagt, vielleicht verstehst Du ja jetzt, warum ich sie so mag.

"Man sucht und findet sich, nicht wahr? Man versucht davonzurennen und läuft doch nur im Kreis, gerät immer wieder an dieselbe, für einen mehr als schlechte Sorte Mensch ... letztlich sind das ja nur Versuche, vor sich selbst davonzulaufen, die natürlich scheitern müssen."

Gut, Unbewusstes, ich habe Dich viel gelehrt. Wir wollen an dieser Stelle nicht spekulieren, wie es kam, dass ich war, wie ich war, wer kann das schon ganz ermessen, und manches soll selbst in diesem Rahmen privat bleiben, es reicht hier, zu sagen, dass mehrere unglückliche Umstände zusammenkamen, endo- und exogene, wichtig aber und einer der Gründe, warum diese Serie entstanden ist, neben der Selbsterkenntnis des Schreibens und der Unterhaltung, natürlich, ist, wie immer auf unserer Soapbox, die Belehrung und die Besserwisserei, am allerliebsten durchs Megaphon.

"Dann megaphone mal."

Gern und gleich, mein Baby. Aber zuerst: Irgendwann hat sie sich doch wieder gemeldet, schrieb, dass sie, ich weiß es nicht mehr genau, glaube aber, die "Freundschaftsverwirrungen" oder so leid war und sich einfach eine Zeitlang ausklinken wollte, und mit keinem Wort erwähnte sie mein Liebesgeständnis. Die Welt ging inzwischen unter, es war der 11. September 2001, acht Tage vor meinem Geburtstag. Auch an jenem Tag rief und rief ich sie an, vergebens.

"Glaubst Du, Du hattest ein Anrecht auf Antwort?"

Nein, und das ist vielleicht eine der schwersten Lektionen, die man lernen muss, dass es manchmal nicht mal für einen selbst Antwort gibt. Man öffnet sich wie nie zuvor im Leben für einen Menschen, mit grützeweich zitternden Knien, und statt einer Reaktion, irgendeiner, die einem zeigt, dass man am Leben ist, dass man da ist, und wenn es Hass ist, kommt- nichts. Das ist hart, in einer Konstellation wie meiner doppelt und dreifach, aber im All hört Dich keiner schreien.

"Du willst darauf hinaus, dass man sich selbst vergewissern muss, dass man am Leben ist? Dass man selbst da sein muss, für sich da sein?"

Vielleicht ist das mein Mantra. Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild, weil er sich selbst nicht erkannte, und er warf sein Leben in den See, vegetierte leer, eine tote, glotzende Hülle. Und auch, wie Freundin K. uns lehrt, soviel Weisheit aus so schönem Munde, selbst wenn sie gesagt hätte, sie liebte mich, sie hasste mich, das sind so große, schwere Worte für so kleine, leichte Menschen, es ist hier wie dort: Das Absolute gibt es nicht, sondern das Leben. Oh, und wie es das gibt, oh, Baby! Warum sich dieses herrliche, dieses im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Dasein durch Angst, durch Minderwertigkeitsgefühl, durch schwaches Selbstbewusstsein verderben lassen? Umarme Dich selbst, und die Welt wird Dich umarmen!

"Schön, Guru, schön. Das sagt sich so leicht, alles so leicht. Was aber soll jemand, der jetzt so ist, wie Du einst warst, tun?"

Ja, heimleuchten ist einfach, aber dem Licht folgen muss man doch selbst. Nachdem sie sich wieder gemeldet hatte, war ich einen Moment eifersüchtig auf einen weiteren Freund, der mir etwas von ihr zu wollen schien, was über drei Ecken zuerst No und dann sie mitbekamen, worauf sie in einer Mail an mich vor Wut fast explodierte, von ihrer und jedes anderen Warte aus muss ich auch reichlich wahnsinnig erschienen sein, und sie brach den Kontakt erneut ab, nachdem sie zuvor schon wieder weniger erreichbar geworden war. Ich sah sie zufällig einige Monate später in der Stadt, stotterte etwas und sie schwieg, und absichtlich noch einige Monate später, ich war zwei Stunden von mir zuhause zu ihr zuhause gegangen, eine Rose in der Hand, sie versprach, sich bei mir zu melden, hinein ließ sie mich nicht, gemeldet hat sie sich nicht, nie mehr. Im Mai jenes Jahres, es waren mittlerweile fast zehn Monate, seit ich ihr gesagt hatte, dass ich sie liebte, hatte ich den ersten und einzigen Nervenzusammenbruch meines Lebens, auf der Feier eines ehemaligen Mitschülers im Waldheim musste ich vor der fröhlichen, glücklichen, grinsenden Menge erst auf den Fußballrasen und dann nach Hause fliehen, aus Liebeskummer flennend durch die laue Nacht. Es ging mir noch zehn Monate schlecht danach, die triste Informatik und die tristeren Informatiker taten ihr Übriges, und mein Talent, mein unseliges zum Selbstmitleid, konnte sich voll entfalten.

"Und dann? Wie bist Du auf die Straße nach Damaskus gekommen?"

Ich wünschte, ich könnte voller Stolz und Würde berichten, wie mich Jesus, Scientology, Schlangenöl auf den Highway zur Selbstliebe und Erleuchtung geführt haben, doch der Pfad war noch lange steinig und eng, und die guten Menschen, die ich endlich traf und die ihn mit mir gingen, hatten bisweilen mit ihm und mir zu kämpfen, auch wenn alle meine Konflikte natürlich kein Vergleich mit existentiellen Dramen zum Beispiel missbrauchter Frauen oder terrorisierter Männer waren. Das machte mein Erleben aber natürlich nicht weniger schmerzlich. Schließlich ging es, langsam, aber stetig aufwärts, die Zeit heilte, ich gewann Selbstbewusstsein, ich küsste, ich hatte endlich Sex, ich wechselte, unter turbulenten Umständen, ohne die geht es bei mir nie, mein Studium, ich kam aus dem Tal der absoluten Illusionen ans goldene Licht der Realität und streckte meine Glieder zur Sonne, meine Nase. Ich war glücklich geworden, hatte einen Partner fürs Leben gefunden: mich.

"Ja, aber WIE DENN?"

Meinst Du nicht, ich wäre längst mit dem Schlangenöl zur Selbstliebe reich geworden, wenn es das nur gäbe? Selbst wenn The Man nicht alles täte, um es sofort nach Erscheinen zu verbieten und zu vernichten, wer würde denn noch seine dicken Autos fahren, seine teuren Pelze kaufen, seinem feisten Führer gehorchen müssen, wenn er doch sich selbst hätte, immer sich selbst und seine Liebe? Wahre Liebe, umso mehr von einer anderen Person unabhängige, macht unendlich frei, das ist die Lösung dieser hier gestellten Hausaufgabe, nur sechseinhalb Jahre verspätet.

Man wird so wenig leicht von einer traurigen, bleichen Raupe zu einem strahlenden Schmetterling, wie jene es selbst wird. Die Chrysalis zu spinnen verlangt das ganze Können des Wurms. Aber sie wird schön, golden schön, und aus ihr schlüpft ein herrliches, leuchtendes Wesen. Weil die Larve das tut, worin sie gut ist.

"... ... ...Und das war's? Der große, fulminante Abschluss der längsten und bedeutendsten Serie Deines Blogs ist der Rat, sich in einen Kokon aus Material einzuspinnen, das man aus seinem Arsch gepresst hat? DAS WAR'S?"

Ich fürchte ja. Etwas enttäuschend, oder?

"ETWAS?!?"

Dann ist die Wirklichkeit enttäuschend. Die unspektakuläre Realität des Sichliebenlernens, der Anerkennung seiner Stärken, der Arbeit an seinen Schwächen, des stetigen Zens der Weltversenkung. Sicher, James Bond braucht das nicht, er nicht. Aber jeder Mensch.

"...So schließen wir, richtig?"

Ja.

08.10.2011

Boot steigt

Andi klettert aus der Luke zum Maschinenraum des Blogs. Sein Unterhemd ist mit Schweröl verschmiert, und er hält einen großen Schraubenschlüssel in der Hand. Aus der Luke hört man ein regelmäßiges Bummern.

O Hai, Ihr seid's, liebe Leser. Ich habe gerade meinen letzten Eintrag aus dem Jahr 2006 auf Vordermann gebracht, damit sind jetzt ziemlich genau zwei Drittel aller Posts verbessert und gelabelt. Mögt Ihr die Labels, oder sind sie Euch zu wenig detailliert? Ich habe auch den Eintrag vom April 2010 wiederentdeckt, über einige Computerspiele, die ich in letzter Zeit gespielt habe, doch keine Angst, ich habe seit dem Fünfjahresjubiläum meiner Soapbox nicht nur gedaddelt, wie die bald wiedergefunden werdenden Einträge zeigen werden.

Andi kratzt sich mit dem öligen Schraubenschlüssel am Kopf, wodurch eine Haarsträhne ein bisschen abstehen bleibt.

Aber Mann, diese ganzen alten Sachen wiederzulesen ist manchmal, wie ein altes Tagebuch zu öffnen. Ich war echt oft wütend, was? Naja, das ist hier Andis Soapbox und nicht "Andis Jadeparadies", wie ich in einem Schlüsseleintrag mal gewitzelt habe, obwohl letzteres nicht nur existiert, sondern vielleicht sogar reicher ist als die Soapbox, fruchtbarer, aber eben auch privater, verletzlicher; die Welt macht es mir zudem leider oft leicht, wütend zu werden, und ranten macht auch erstaunlich Spaß, probiert es mal selbst.

Aber Ihr wisst ja, sowas wie die bête noire hier ist die ewige Frage, was besser ist, für mich, für alle, für verschiedene Werte von besser, Wüten oder Erklären, Schreien oder Zuhören, Megaphon oder Hörrohr. Jenes Biest ist übrigens weitaus verschlagener und gemeiner als mein Schweinehund, den hat ein simples Orbitalbombardement zu einem kümmerlichen Schatten seiner selbst reduziert, und er wiegt jetzt nur noch zehn Tonnen oder so. Bei der bête noire weiß ich manchmal nicht mal, wo ich sie suchen soll.

Andi holt eine seltsame, schon ganz vergilbte Liste aus seiner Hosentasche und streicht darauf "Das Wort 'Orbitalbombardement' in ein normales Gespräch einflechten" durch.

Aber gut, ich will Euch, heute, nicht schon wieder mit diesem Emozeug langweilen, sondern auf ein paar alte Einträge verweisen, die vielleicht des (Wieder-)Lesens wert sind. Aus dem Jahr 2005 zum Beispiel ein kleiner Rant über Wissenschaftshasser, die Wissenschaftsprodukte nutzen, Ulrike Meinhofs Brief "Eine Sklavenmutter beschwört ihr Kind", mein Plan für den Weltfrieden, eine und noch eine Bemerkung zur Hitlerei der deutschen Medien, wie ich mich auf einer Datingplattform als Leia Organa ausgab, wie ich fast bei einer Drückerkolonne angeheuert hätte, was ich von der BUNTEn halte, wie man Fußgängermengen simuliert, meine Prophezeiungen zur Zukunft der Arbeit, meine erste Erwähnung von Kapitän Ahab anlässlich eines Stadtbummels und meine Suche nach einer WG.

Im Jahr 2006 habe ich mich über NS-apologetische TV-Events wie "Dresden" und Mutterkreuzanwärterinnen wie Eva Herman, den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, dass ich oft für Simon Gosejohann gehalten werde, Designervaginen und natürlich über Veronica Ferres, die 10.000 Euro von mir wollte (auch hier und hier) aufgeregt. Ich bin durch Deutschland gereist, habe eine Kritik der Oper "Carmen" in Stuttgart geschrieben, den vorerst letzten Eintrag in der Serie meiner unglücklichen Nichtliebschaften verfasst (ich denke, eine, die letzte Folge kommt noch), gegen unsere Angst vor dem Terror gewettert und gegen den Pazifismus, deutsche Blogger und pseudo-nassforsche Startupgründer. Ich habe gepostet, dass Leben Sterben heißt, und, zum Abschluss des Jahres, wie man in einer Notfallpraxis einen schönen Abend erleben kann.

Andi geht wieder zur Maschinenraumluke zurück, setzt einen Fuß auf die Leiter abwärts und klettert hinunter. Bevor er ganz verschwunden ist, steckt er nochmal den Kopf aus der Luke und grinst.

Das sollte erstmal genug Lesefutter sein. Als nächstes aktualisiere ich die letzten fast 200 alten Einträge, finde die übrigen verstaubten aus den Jahren 2010 und 2011 wieder und bereite ein paar neue vor: langatmige Linksammlungen, schnippische Kritiken, politische Rants und skurrile Geschichten aus meinem Leben. Das Übliche also. Schön, dass Ihr trotzdem dabei seid!

Andi ruft "Huii" und rutscht die letzten Stufen der Leiter hinunter.