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01.11.2021

Götterdämmerung für den Konservatismus

Brünnhildes Opferszene

Starke Scheite
schichtet mir dort
am Rande des Rheins zu Hauf!
Hoch und hell
lodre die Glut,
die den edlen Leib
des hehresten Helden verzehrt.

Viel ist über den Niedergang der Sozialdemokratie geschrieben worden, und in der Tat stellt sich die Situation für uns Genoss:innen trotz der kürzlichen Triumphe in Deutschland und wohl auch Amerika europa- und weltweit immer noch düster dar, nur angefangen mit der französischen Parti Socialiste, die 2017 infolge katastrophaler Wahlergebnisse ihr legendäres Hauptquartier in 10, Rue de Solférino verkaufen musste und seither durch die Wüste irrt. Dennoch, und vielleicht zeigt das gerade die Bundestagswahl 2021, kann aus dieser Asche immer wieder ein Phönix emporsteigen, wenn Sozialdemokrat:innen ihre Karten richtig spielen und auch ein wenig Glück haben. Denn die sozialdemokratischen Grundprinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind für viele aus letztlich anthropologischen Gründen erwünscht und grundlegend richtig, müssen "nur" immer wieder neu für die derzeitigen Herausforderungen interpretiert, in attraktive Programme umgesetzt und von kompetenten und beliebten Politiker:innen vertreten werden. Dann können sie noch auf viele Krisen Antworten geben, seien es Covid, das Klima oder die Explosion der Phlegräischen Felder 2030. Oder wie ein großer Sozi einmal gesagt hat:

Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.

Doch über den Absturz der Roten ist ein anderer Niedergang aus dem Blick geraten, der vielleicht noch um einiges dramatischer und für unsere Demokratien folgenreicher ist: jener der konservativen Mitte-Rechts-Parteien christdemokratischen Typs. Nach Höhenflügen in vergangenen Jahren, in denen sie unter anderem die fünf größten EU-Länder Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen regiert haben, stellen Mitglieder der Europäischen Volkspartei nach Angela Merkels Abgang gerade mal noch neun von 27 Regierungschefs der EU und keinen mehr aus West- oder Mitteleuropa (außer Österreich). Die US-Republikaner sind schon lange vor Trump immer vulgärerem und rechtsextremerem Populismus verfallen. Vertreter "illiberaler Demokratien" wie Viktor Orbán oder die polnische PiS-Partei haben die Reihen der Europäischen Volkspartei verlassen oder waren nie drin, auch wenn sie sich in Teilen auf traditionelle christdemokratische Werte berufen (haben). Die britischen Konservativen unter Boris Johnson entwickeln sich immer mehr zu einer populistisch soziale Wohltaten an Einheimische ausschüttenden und alles Ausländische verteufelnden Partei, gerade angesichts eines immer katastrophaler verlaufenden Brexits. Und nun die große Niederlage der Union unter dem Kandidaten ohne einen Funken Gravitas, Gespür oder graue Zellen, Armin Laschet, nach der Parteimitglieder schon nach "einem deutschen Sebastian Kurz" rufen (ups), Junge Republikaner (aka Trumpjugend) zu ihrer "Deutschlandtag" genannten Ansammlung von verklemmten BWL- und Jurastudenten mit Samenstau sowie hochnäsigen Pferdemädchen einladen oder gleich offen in Richtung der sogenannten Alternative für Deutschland torkeln.

Was ist nur mit den Konservativen passiert? Jenen steifen Langweilern, die gegen vorehelichen Sex und Staatsschulden waren und Länder alles in allem kompetent, erhaltend und nach Westen gewendet regiert haben? Wann und warum wurden sie von einem Clownauto überholt, in dem so verschiedene und doch so ähnliche Leute wie Berlusconi, Trump, Johnson, Laschet, Kurz, der korrupte Benjamin Button Amthor und der Lügenbaron Guttenberg sitzen und das ungebremst auf einen Abgrund zurast?

Vielleicht sind sie einfach verschwunden.

Warum?

Die Konservativen haben die "Culture Wars" vernichtend verloren. Nicht einmal mehr JU-Kreisvorsitzende sparen sich noch für die Ehe auf (zumindest nicht freiwillig). Die Union denkt laut über eine Frauenquote nach. Gegen Schwule, trans Menschen und selbst viele Ausländer:innen haben auch CDU-Landräte nichts, solange sie nur brav Steuern zahlen und nicht zu "schrill" auftreten, wobei heutzutage eh manche vorgeblich extrem heterosexuelle Karnevalsveranstaltung um einiges schriller und dekadenter ist als viele queere Parties und die Steuermoral angeblicher Konservativer auch nicht mehr die beste. Kinder zu schlagen ist verpönt und sie bis zur Einschulung zuhause zu betreuen auch, was angesichts der ökonomischen Umstände der meisten Familien sowieso unmöglich oder nicht ratsam ist. Gegen "woke" angebliche Sprech- und Denkverbote regt sich einiger Widerstand, aber dieser speist sich eher aus populistischen und hitzköpfigen Alt-Right-Quellen denn aus einer wirklich konservativen Moral der Selbstentsagung, Disziplin, Sparsamkeit, geordneten Kernfamilie und untadeliger Höflichkeit. Sowas gibt es heute fast nur noch als Cosplay-Fassade z.B. eines Philipp Amthor, hinter der er wohlweislich zum einen korrupte Geschäfte macht und zum anderen versucht, in den sozialen Medien möglichst fresh zu wirken, weil er weiß, dass die Fassade allein wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Kurz, hier ist kein elektoraler Blumentopf zu gewinnen.

Die Konservativen haben sich zu sehr dem Neoliberalismus hingegeben, der ungenügend reguliert zu rohem Mammonismus degeneriert. Schielen auf Quartalsergebnisse statt langfristig vorausschauenden Wirtschaftens; Outsourcing, Asset-Light-Strategien und andere Methoden, um die kurzfristigen Unternehmensprofite zu erhöhen; die Finanzialisierung der Wirtschaft; das Forcieren einer ungezügelten Globalisierung und extremer Steuervermeidungs- und -hinterziehungsmodelle; und dergleichen letztlich politische Entscheidungen zum Handeln oder Nichthandeln mehr sind am Ende Gift für den betulichen Familienbetrieb mit einem traditionell konservativen Patriarchen an der Spitze, dessen Fabrik zwei Mittelstädte ernährt. Selbst im Grunde linke Sorgen wie sinkende Tarif- und Gewerkschaftsbindung erodieren im Wortsinne konservative, also bewahrende ökonomische, soziale und kulturelle Strukturen. Im sich so immer schneller drehenden Hamsterrad entwickeln sich Fliehkräfte, die die traditionelle Familie mit einem Alleinernährer auseinanderreißen, vorhersehbare Beschäftigungsverhältnisse mit einer goldenen Uhr und einer üppigen Betriebspension am Ende, stabile politische Verhältnisse durch limitierten globalen Wettbewerb und so weiter, alles Säulen konservativen Sentiments und entsprechender Wahlentscheidungen. Der Unwillen der Mitte-Rechts-Parteien, die Wirtschaft zu sehr zu "gängeln" bzw. sie durch Steuern und Vorschriften zu sehr zu "belasten", und ihr Dogma, dass der Markt regele, hat sie bei diesen Entwicklungen weitgehend tatenlos zusehen lassen, die nun ihre ideologische Basis so weit unterspült haben, dass sie jeden Moment zusammenzustürzen droht, was sie in vielen Ländern auch schon ist.

Und dann kommen noch weitere gesellschaftliche, historische und technische Entwicklungen hinzu, die gegen einen als moralisch aufrechte, fortschrittsskeptische, hierarchische, Bescheidenheit und Demut predigende usw. Ideologie verstandenen traditionellen Konservatismus wirken, teils vielleicht fatal: das Versterben der letzten Zeitzeugen des Faschismus; die Erosion christlicher Sündenmoral in einer immer pluralistischeren und säkulareren Gesellschaft; zunehmend ungehemmterer Konsum und Narzissmus und deren Präsentation auf immer mehr Plattformen fast ohne Schrankenwärter:innen; wachsende Individualisierung, Autoritätsskepsis und Unwilligkeit, sich und seine Bedürfnisse gleich welchen Ideen, Gruppen oder Zielen unterzuordnen; verbreiteter Wohlstand und Komfort und daraus folgend die einfache Erkenntnis, dass es viel angenehmer ist, im Diesseits dekadent zu leben, als sich für ein Jenseits aufzusparen, in dem man als höchstes Glück gerade mal als asexuelles Wesen beständig um Gott schwirren und sein Lobpreis singen kann.

Kurz gesagt, anders als die menschlichen Konstanten der Wünsche nach Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die der Idee des Sozialismus bzw. der Sozialdemokratie zugrunde liegen, kann es gut sein, dass die Grundlagen des traditionellen Mitte-Rechts-Konservatismus christdemokratischer Art von der Geschichte überholt worden sind, weswegen er nun in Auflösung begriffen ist. Angela Merkel konnte dies für 16 lange Jahre geschickt verschleiern, weil sie durch ihre persönlich bescheidene Art, ihr implizites Versprechen, das Chaos der bitterlichen Aushandlung widerstreitender Interessen, das demokratische Politik inhärent ist, von den Unordnung und Unsicherheit über alles fürchtenden und hassenden Deutschen fernzuhalten, indem sie den Eindruck erweckte, sie kümmere sich schon darum, und ihre extrem flexible Übernahme populärer Positionen aus der Bevölkerung oder vom politischen Gegner (die aber wie z.B. beim Atomausstiegsausstiegsausstieg nach Fukushima oder der schandhaften Libyen-Enthaltung im UN-Sicherheitsrat das Gegenteil von konservativ war) für die Union Wahl nach Wahl gewinnen konnte. Doch nun, da sie in den Sonnenuntergang reitet, geschieht auch in Deutschland, was in Amerika, Großbritannien oder Österreich bereits passiert ist: die Präpotenten kommen. Die Nasskämmer:innen. Die Selbstbereicherer:innen. Die Regressiven, die Soziopath:innen, die Mammonist:innen, die Evangelikalen und vor allem die Proto-, Krypto- und manifesten Faschist:innen. Denn das ist, was in der Hülle des vormaligen Konservatismus wie Giftpilze gedeiht, nachdem er sich über die Zeit entkernt hat oder wie von Merkel absichtlich entkernt wurde, um Wahlen zu gewinnen:
  • Macht um der Macht willen, also Soziopathie, weil zu regieren und die Geschicke der Gesellschaft zu bestimmen immer schon eine wichtige raison d'être der Konservativen war
  • Faschismus von Alt-Right über Botho Strauß bis zur "AfD", weil dieser attraktiv und energetisch scheinbar traditionelle Werte verkörpert
  • Historisch fiktionale MAGA-Regressivität, weil sie eine Rückkehr zu alten, geordneteren Verhältnissen verspricht, in denen Männer noch Männer waren usw.
  • Mammonismus, weil er scheinbar gutes Wirtschaften darstellt und/oder
  • Bloßer ästhetischer Gestus aka ich bin konservativ, weil ich mein Weinglas richtig halte, weil bloßer Schein immer noch besser ist als leeres Sein.
Natürlich gibt es viele Mischformen, ein Amthor z.B. versucht durchaus geschickt, alle fünf Facetten abzudecken, während ein Tilman Kuban oder ein Christoph Ploß maximal drei schaffen. Doch Erscheinungen wie das Anbiedern Laschets an Covid-Quer"denker:innen" in der Endphase des Wahlkampfs, die eklatante und schamlose Maskenkorruption in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die Wahl Hans-Georg Maaßens zum CDU-Kandidaten im Wahlkreis 196 oder auch der Amateurtrumpismus der Jungen Union, der "Werte"union und der neuen "News"-Plattform TheRepublic zeigen überdeutlich, dass es auch für die Union in diese grundlegenden Richtungen geht. Ob der aus dieser üblen Gärung hervorgehende Anführer dann eher ein entseelter Möchtegern-Raubtierkapitalist wie Friedrich Merz, ein schlauer und populistischer, aber ansonsten talentfreier Opportunist wie Jens Spahn oder ein naiverer und hässlicherer Von Papen wie Michael Kretschmer sein wird, wird wohl teils Zufall sein. Doch so oder so oder so stehen uns durch diese Entwicklung dunklere und gefährlichere Zeiten bevor. Denn empirisch belegt ist die wahre Brandmauer gegen ein erneutes Erstarken und Machtergreifen des Rechtsextremismus nicht etwa die Antifa oder die Mitte-Links-Kraft, sondern ein stabiler traditioneller Konservatismus. Wenn dieser erodiert und aus Opportunismus, Gier oder mehr als klammheimlicher Freude den neuen Mussolinis und Hitlers den roten Teppich ausrollt, wird es sehr finster. Beziehungsweise, um zum Anfang dieses Posts zurückzukehren, sehr hell.

Lockt dich zu ihm
die lachende Lohe?
Fühl meine Brust auch,
wie sie entbrennt,
helles Feuer
das Herz mir erfaßt, -
ihn zu umschlingen,
umschlossen von ihm
in mächtigster Minne,
vermählt ihm zu sein!

30.06.2021

Was ich bloggen will

Hier und da habe ich mich in der Vergangenheit rhetorisch, aber auch wirklich gefragt, was ich noch bloggen soll, nachdem ich nach einigen Jahren intensiven Schreibens das Gefühl gehabt hatte, alles gesagt zu haben, was ich sagen wollte und konnte. Doch nach zehn Jahren Abwesenheit, mannigfaltigen Welt- und Eigenläuften in der Zwischenzeit und bei Betrachtung so einiger unvollendeter Baustellen dieses Blogs (immerhin "Those were the days" habe ich mittlerweile zum Ende geführt) ist die Liste der Themen, über die ich meinen und belegen möchte, wieder stark angestiegen. Hier ist sie in alphabetischer Reihenfolge, und ich freue mich über jegliche Kommentare, Ergänzungen und Kritik. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit!

Update [08.09.22]: Noch mehr neue Themen hinzugefügt.
Update [11.07.21]: Einige neue Themen hinzugefügt.
  • Abtreibung und die rückständige Unterleibspolitik generell in Deutschland
  • Antiamerikanismus
  • Antisemitismus in Deutschland
  • Atheismus/Säkularismus/Laizismus und deren mangelhafte Umsetzung in Deutschland bzw. Decken des christlichen Klerus, selbst wenn er furchtbarste Verbrechen begeht
  • Das deutsche Bildungssystem und seine Selektion
  • Die bröckelnde Brandmauer von Mitte-Rechts gegen ganz rechts bzw. die gefährliche ideologische Entleerung des Konservatismus bzw. aufkeimender Faschismus
  • Bundestagswahl 2021
  • Dark Enlightenment/Blackpill
  • Deutschland und die Deutschen
  • Die "DDR" als Unrechtsstaat und die besorgniserregende Weigerung vieler Politiker:innen, sie so zu nennen
  • Politische Desillusionierung in der Covid-Pandemie
  • Der in jeder Hinsicht spektakulär gescheiterte "Krieg gegen Drogen"
  • Drohnen
  • Wie es ist, ein Elter zu sein
  • Embourgeoisement
  • Immer flachere Emotionen in Filmen
  • Die gescheiterte Entnazifizierung in Deutschland
  • Die scheiternde europäische Außenpolitik, z.B. in Syrien, Libyen und Afghanistan
  • Fake News/Truthiness/Propaganda
  • Feminismus/Emanzipation für Frauen, Männer und alle anderen
  • Freiheit als einziger Grundwert
  • Die Grünen/Ökoablässe/Performative Nachhaltigkeit
  • Hass und Meinungsfreiheit im Netz
  • Katarina Witt/Opportunismus und Leben im Falschen
  • Klimakrise
  • "The Last of Us"
  • Law-and-Order-Politik bzw. übertriebene Terrorangst
  • Leben ohne Angst vor dem unvermeidlichen Tod
  • Mein Leben seit 2011
  • Libertarismus
  • Sogenannter Linksextremismus
  • Der Niedergang der Medien in der Aufmerksamkeitsökonomie
  • Angela Merkels katastrophale Kanzlerschaft
  • Globale Moral (Ubuntu)
  • Das majestätische "nahtlose Hemd" der katholischen Lebensethik, das viele Katholik:innen heute nicht mehr verstehen
  • Nahostkonflikt
  • Deutscher Nationalpazifismus
  • Die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ)
  • Paternalismus
  • Polyamorie
  • Populismus: When they go low, they win
  • Post-Kapitalismus? Capitalist Realism sensu Mark Fisher, nur noch Konsum und Arbeit als Ersatzideologien
  • Post-Privacy?
  • Eine neue, prometheische Linke
  • Prostitution und andere sexualisierte Gewalt
  • Putinismus/Das wunderliche Verhältnis vieler Deutschen zu Russland
  • "Rationalismus"/Szientismus als Irrweg einer vermeintlich logischen Weltanschauung
  • Politisches Realignment
  • Das nicht zukunftsfähige deutsche Rentensystem
  • Terrorismus/Osama bin Laden hat gewonnen
  • Transhumanismus und anderer technischer Fortschritt
  • Ungleichheit
  • "Exiting the Vampire Castle"/Woke-ismus
  • Verrechtlichung von Klimazielen
  • Verfehlte Wohnungspolitik
  • Zukunft der Arbeit Reprise
  • ...

26.10.2020

The GOP after Trump

Remember the convulsions of the 2012 Republican primary when kooky and absurd people like Michele Bachmann, Herman Cain or Newt Gingrich surged before Mitt Romney bagged it? In retrospect, that wasn't just primaries frivolity, but a strong wish by the GOP base to go insane.

GOP Primaries Leaders 2012

They reluctantly settled with staid and reliable Romney, but their hearts and bodies wanted to let their freak flags fly. Of course, Trump is a Voltron of Gingrich's adultery and creepiness, Cain's ignorance and Bachmann's fervour (if non-religious), so he naturally won in 2016. And now Republican voters have been, umm, "satisfied" every day for four years, they will most likely never return to a new Romney's dutiful attentions. Those are just not appealing anymore if you can also have authoritarian populism. Why get vanilla if you can have cocoa and razorblades?

So neither a 2012-like analysis of the GOP's electoral shortcomings nor anything else may stem that populist urge, perhaps absent reforms to the primary system giving party elites more say. But Trumpists hate a Mitch McConnell only slightly less than a Nancy Pelosi - all swamp creatures! So this genie is out of the bottle, but the good news for the GOP is that authoritarian populism is not necessarily overtly racist, and younger men regardless of skin colour are already getting more sympathetic to the GOP message as it is. So a Tucker Carlson or someone similar could be very competitive in 2024 with a simple anti-establishment and anti-political correctness message of economic populism, protectionism, and barriers to immigration.

"The elites only give you pronouns and handouts. But I give you work and dignity!"

Watch out!

09.01.2020

Das Problem der SPD

Das Problem der SPD ist fundamental und nicht nur in angeblich schlechtem/r Personal/Kommunikation/Organisation/ ... begründet.

Globalisierung, Neoliberalismus, Pluralismus, Individualisierung, Erosion traditioneller Bindungen (Kirche, Familie, Gewerkschaft ...) usw. haben eine neue politische Achse jenseits (ökonomischer) Links-Rechts-Einordnung entstehen lassen: Offenheit-Geschlossenheit. Das ergibt vier Quadranten der politischen Einordnung:
  1. Links und Offen, "internationale Sozialisten"
  2. Links und Geschlossen, "nationale Sozialisten"
  3. Rechts und Offen, "internationale (Neo)Liberale"
  4. Rechts und Geschlossen, "nationale (Neo)Liberale".
Gruppe 1 sind zum Beispiel Studis; von hohen Mieten, prekären Jobs und Stress vom Kapitalismus Enttäuschte; Refugees Welcome; woke; würden Bernie Sanders wählen usw. Gruppe 2 sind "Abgehängte"; "Flüchtlinge kriegen alles und ich nichts"; leben ländlicher; "Das wird man doch noch sagen dürfen"; für Brexit usw. Gruppe 3: Unternehmensberater; gut gebildet, gute Jobs; "Wirtschaft ist Grundlage unseres Wohlstands"; beschäftigen (ausländische) Putzhilfe; Seiten im Pass voll, gegen Brexit usw. Und Gruppe 4 sind traditionelle Konservative; schaffen beim Daimler; eigenes Haus; Deutschlandflagge am Auto bei der WM usw. Die meisten in Gruppe 2 stimmten für die SPD, als es ihnen - meistens Arbeiter:innen - ökonomisch besser ging, dazu kamen viele Stimmen von Gruppe 1 und ein paar von 3, was große Mehrheiten ergab.

Heute stimmt 1 für Grün, 2 für die AfD, 3 für die Union und Grün und 4 für die Union und die AfD, also nur noch wenige für die SPD. Für 1 ist die SPD zu angestaubt (und nicht links genug), für 2 zu weltoffen und unglaubwürdig, für 3 nicht wirtschaftskompetent und zu angestaubt, und für 4 zu weltoffen und nicht wirtschaftskompetent genug. Diese "Realignment"-Analyse zeigt, dass die traditionellen Klientelen der SPD weggefallen sind, sich verändert haben und/oder die Partei nicht mehr als ihre glaubwürdige Vertretung ansehen. Das muss sich ändern, oder es ergeht der SPD so wie anderen europäischen Sozialdemokratien. Die Lösung kann aber weder im Klonen der AfD noch der Grünen bestehen. Die Leute wählen lieber das Original, und demokratischer und emanzipatorischer Internationalismus ist genauso in den Genen der SPD wie Gerechtigkeit und Solidarität. Besser eine glaubwürdig ökosoziale und weltoffene Alternative zu ausbeutendem und ungleichem Kapitalismus sein, die Gewinne nachhaltigerer Globalisierung mit wirtschaftlichem Sachverstand zum Vorteil aller umverteilen und als Schutzmacht der national und global Schwächeren auftreten. Wer, wenn nicht wir?

Ansonsten werden bei zunehmender Klimakrise und Ungleichheit die angeblichen Vertreter:innen von Gruppe 2 immer mehr Macht gewinnen. Vielleicht benennen sie dann ihre Partei um, um ihre Hauptziele deutlicher zu machen: Soziale Nationalisten der Deutschen Alternativen Partei.

19.12.2019

UK Election 2019

Brexit was at first only a Tory internal obsession and a Mad Max capitalists' wet dream. Most Britons didn't much care or know about the EU except as a newspaper spectre "taking our freedoms". But then "ham C-3PO" David Cameron put it to a popular referendum. Cunning populist operators like toff blond mop Boris Johnson discovered, to their own surprise, that it could be much more: a cipher and vehicle for discontent about the modern globalised world, frustration about being left behind, anxiety about immigration, and much else. So Brexit won and has been the elephant in Westminster ever since.

Nine months before the referendum, but connected to the issues that drove its result, Jeremy Corbyn was elected Labour leader on a "classic" left-wing platform. Of course the right-wing media demonised him as they had mild-mannered Ed Miliband, but he made it easy for them and hard for his supporters by never finding a terrorist group he didn't like, exacerbating Labour's antisemitism crisis and not having the most winning personality or leader's profile for today's politics. Whatever you think about Johnson, he at least seems affable enough so you wouldn't mind being stuck in an elevator with him (briefly). It's an act, but who said politicians don't need to be actors nowadays? Good actors give us satisfaction, joy and a feeling of peace, no small feats.

But there is also considerable value in the analysis that a great realignment is happening in electorates around the world, away from traditional left-right views on economics towards a more complex model including views on openness ("Citizens of Nowhere", pro globalisation and immigration, better educated, woke etc.) and closedness ("Somewheres", anti globalisation and immigration, less educated, anti PC etc.) With this new axis, you could then sort UK voters into four quadrants:
  1. "National socialists" - "Benefits for us first", distrustful of elites, live in small towns etc.; Leave
  2. "International socialists" - Young people disillusioned with capitalism by precarious jobs, sky-high rents and tuition fees, climate change activists etc.; Remain
  3. "International liberals" - Londoners, people who worked e.g. in Dubai, highly educated, employ a nanny etc.; Remain
  4. "National liberals" - A bit contradictory, but "classic" small-c conservatives, "Buy British", pensioners in Surrey, "No one handed me anything"; lean Leave.
The Tories used to have a lock on 4 and many 3 voters, but had no chance with 1 and most 2 people; Labour would be guaranteed most 1, many 2 and some 3 votes. But now, and at least for the past two elections, many 1 voters are moving to the Conservatives. The Tories are repositioning themselves as their advocates, consciously so since Johnson became Prime Minister. In effect, the Conservatives seem to be moving away from the traditional model of European continental christian democratic parties towards a more populist mould similar to France's Rassemblement National or Poland's Law and Justice parties. Labour, however, is shrinking to group 2 and gaining 3 voters, but not nearly enough to counter the loss of group 1. Many social democratic parties globally are having the same existential problem. They are desperately searching for solutions allowing them to square the circle of being both for and against globalisation, immigration, political correctness, Brexit and other salient issues. Apparently, a return to 70s-style nationalisation and campaign tactics isn't one.

This realignment analysis can help explain why the smaller the town, the fewer Labour votes this time; the more Leave votes, the more Tory votes; the higher the education level, the more Labour votes; the more deprivation, the more Tory votes(!); and the younger, the more Labour. Otherwise, it would be baffling how the Tories could gain any majority, particularly in deprived constituencies, after a decade of crippling austerity under their watch. But not least the American Republicans who are now not only fully populist like the Rassemblement National, but heavily flirting with fascism like the Italian Lega or the German Alternative für Deutschland, have shown that you can make people vote against their economic interests literally for decades if you only get and exploit their cultural, social and political fears and worries. And the more desperate communities become due to right-wing economic policies Republicans and Tories actually execute once in power, the more receptive they become to populist messaging about foreign scapegoats and scary reds who want to distribute your meager belongings to THEM. Left-wing parties who say they care about "the many" therefore need to find answers to all these conundrums soon, or else we will face dark times once ever more people get left behind, climate change ramps up even more and economic crises, automation and globalisation lead to mass layoffs.

For after all, closed national populism was already once perfected in the country that likes to perfect things, Germany, by a party. And that party made very clear in its name which quadrant it pretended to work for.

14.08.2012

Die Rechte

Wie in fast ganz Europa gibt es auch in Deutschland ein signifikantes Wählerpotential, das für Rechtspopulismus empfänglich ist: seien es von der CDU enttäuschte Konservative, sich durch die Krise bestätigt fühlende EU-Gegner, islamophobe Sarrazin-Sympathisanten oder auch klassische Rassisten und Nationalisten. Warum gibt es dann aber keine Partei und keine Personen, die dieses Potential wirkungsvoll und nachhaltig auf nationaler Ebene aktivieren können? Ich glaube, dem deutschen Rechtspopulismus fehlt eine charismatische Leitfigur, die sich clever so ausdrücken kann, dass sie keine politisch tödlichen Nazi-Assoziationen weckt. Wenn aber mal eine kommt ...

Manchmal fantasiere ich ja davon, selbst diese Leitfigur zu werden und durch unangreifbar glatte, aber im Kern furchtbar rassistische Statements in Verbindung mit meiner langen Debattiererfahrung, die mir erlauben würde, auf kritische Nachfragen geschickt zu reagieren, 15% der Wählerstimmen bei der nächsten Bundestagswahl zu gewinnen. Am Abend der Wahl würde ich dann aber auf einen Balkon treten und meinen versammelten Anhängern offenbaren, dass unsere neuen Abgeordneten (alles persönliche Freunde) und ich von nun an eine radikal progressive und inklusive Politik vorantreiben werden, mit Mindestlohn, Migration und Menschlichkeit für alle, und dass sie heute hoffentlich gelernt haben, dass Hass sich niemals lohnt.

23.04.2012

Nazi-Tourette

Wie kann einer in der Öffentlichkeit stehenden Person ein Vergleich mit spezifischen Wachstumszahlen der NSDAP überhaupt einfallen? Wieso schwirrt diese Vergleichsmöglichkeit in einem Kopf herum, und wenn sie es tut, wieso wird sie nicht sofort als aufgrund der Idiosynkrasien öffentlicher Diskussionen in Deutschland extrem kontraproduktiv verworfen?

Vielleicht ist Martin Delius Amateurhistoriker und/oder medienunerfahren, aber ich denke, hier spielen auch zwei sehr deutsche Phänomene eine Rolle:
  1. "Nazi-Tourette", das fast pathologische Bedürfnis, im unpassendsten Moment einen Nazivergleich zu machen, nicht obwohl, sondern weil man weiß, dass das so tabu ist und man sich und anderen dadurch nur schaden kann. Ähnlich dem "appel du vide", dem seltsamen Bedürfnis, vom Rand hoher Gebäude oder Klippen zu springen.
  2. "Nazi-Münchhausen", das fast pathologische Bedürfnis, auf jeden Nazivergleich mit übertriebenen Ohnmachtsanfällen und theatralischer Empörung zu reagieren, um Aufmerksamkeit zu erhalten und seinen in ein enges Korsett gezwängten Körper endlich wieder zu spüren. Verwandt mit Hypochondrie, nur ohne echte Symptome.
Ich fürchte, diese Phänomene hängen voneinander ab und verstärken sich gegenseitig. Doch wo kommen sie her? Und wie werden wir sie wieder los?

Ich glaube, unsere Verkrampfung bei Nazivergleichen kommt daher, dass die Großeltern nicht an ihre Schuld (durch Handeln oder Unterlassen) erinnert werden möchten, die Eltern nicht daran, dass ihre Eltern schuldig waren, und die Kinder nicht an ihre Überladung durch gut gemeinte, aber ungeschickt umgesetzte Beschulung zum Dritten Reich, über das sie "in der 11. Klasse in jedem Fach lernen mussten". Außerdem gehört es zu unserem Nationalcharakter, verzweifelt "normal" sein zu wollen, weswegen die Erinnerung an unsere unnormale Vergangenheit zu solcher Hyperventilation führt, und Dinge "auch mal sagen zu dürfen", weswegen dann unter anderem sowas wie das letzte "Gedicht" von Günter Grass oder am extrem rechten Rand schürfende Tweets und Blogposts usw. rauskommen. Die Piraten sind wegen ihrer Internetaffinität auch öffentlicher als z.B. CSU-Politiker, die vermutlich manchmal ähnlich denken und sprechen, nur eben am Stammtisch in Rosenheim mit ihren 70-jährigen Kumpels, die kein Handy haben und sich ihre E-Mails noch ausdrucken lassen.

08.10.2011

Boot steigt

Andi klettert aus der Luke zum Maschinenraum des Blogs. Sein Unterhemd ist mit Schweröl verschmiert, und er hält einen großen Schraubenschlüssel in der Hand. Aus der Luke hört man ein regelmäßiges Bummern.

O Hai, Ihr seid's, liebe Leser. Ich habe gerade meinen letzten Eintrag aus dem Jahr 2006 auf Vordermann gebracht, damit sind jetzt ziemlich genau zwei Drittel aller Posts verbessert und gelabelt. Mögt Ihr die Labels, oder sind sie Euch zu wenig detailliert? Ich habe auch den Eintrag vom April 2010 wiederentdeckt, über einige Computerspiele, die ich in letzter Zeit gespielt habe, doch keine Angst, ich habe seit dem Fünfjahresjubiläum meiner Soapbox nicht nur gedaddelt, wie die bald wiedergefunden werdenden Einträge zeigen werden.

Andi kratzt sich mit dem öligen Schraubenschlüssel am Kopf, wodurch eine Haarsträhne ein bisschen abstehen bleibt.

Aber Mann, diese ganzen alten Sachen wiederzulesen ist manchmal, wie ein altes Tagebuch zu öffnen. Ich war echt oft wütend, was? Naja, das ist hier Andis Soapbox und nicht "Andis Jadeparadies", wie ich in einem Schlüsseleintrag mal gewitzelt habe, obwohl letzteres nicht nur existiert, sondern vielleicht sogar reicher ist als die Soapbox, fruchtbarer, aber eben auch privater, verletzlicher; die Welt macht es mir zudem leider oft leicht, wütend zu werden, und ranten macht auch erstaunlich Spaß, probiert es mal selbst.

Aber Ihr wisst ja, sowas wie die bête noire hier ist die ewige Frage, was besser ist, für mich, für alle, für verschiedene Werte von besser, Wüten oder Erklären, Schreien oder Zuhören, Megaphon oder Hörrohr. Jenes Biest ist übrigens weitaus verschlagener und gemeiner als mein Schweinehund, den hat ein simples Orbitalbombardement zu einem kümmerlichen Schatten seiner selbst reduziert und er wiegt jetzt nur noch zehn Tonnen oder so. Bei der bête noire weiß ich manchmal nicht mal, wo ich sie suchen soll.

Andi holt eine seltsame, schon ganz vergilbte Liste aus seiner Hosentasche und streicht darauf "Das Wort 'Orbitalbombardement' in ein normales Gespräch einflechten" durch.

Aber gut, ich will Euch, heute, nicht schon wieder mit diesem Emozeug langweilen, sondern auf ein paar alte Einträge verweisen, die vielleicht des (Wieder-)Lesens wert sind. Aus dem Jahr 2005 zum Beispiel ein kleiner Rant über Wissenschaftshasser, die Wissenschaftsprodukte nutzen, Ulrike Meinhofs Brief "Eine Sklavenmutter beschwört ihr Kind", mein Plan für den Weltfrieden, eine und noch eine Bemerkung zur Hitlerei der deutschen Medien, wie ich mich auf einer Datingplattform als Leia Organa ausgab, wie ich fast bei einer Drückerkolonne angeheuert hätte, was ich von der BUNTEn halte, wie man Fußgängermengen simuliert, meine Prophezeiungen zur Zukunft der Arbeit, meine erste Erwähnung von Kapitän Ahab anlässlich eines Stadtbummels und meine Suche nach einer WG.

Im Jahr 2006 habe ich mich über NS-apologetische TV-Events wie "Dresden" und Mutterkreuzanwärterinnen wie Eva Herman, den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, dass ich oft für Simon Gosejohann gehalten werde, Designervaginen und natürlich über Veronica Ferres, die 10.000 Euro von mir wollte (auch hier und hier) aufgeregt. Ich bin durch Deutschland gereist, habe eine Kritik der Oper "Carmen" in Stuttgart geschrieben, den vorerst letzten Eintrag in der Serie meiner unglücklichen Nichtliebschaften verfasst (ich denke, eine, die letzte Folge kommt noch), gegen unsere Angst vor dem Terror gewettert und gegen den Pazifismus, deutsche Blogger und pseudo-nassforsche Startupgründer. Ich habe gepostet, dass Leben Sterben heißt, und, zum Abschluss des Jahres, wie man in einer Notfallpraxis einen schönen Abend erleben kann.

Andi geht wieder zur Maschinenraumluke zurück, setzt einen Fuß auf die Leiter abwärts und klettert hinunter. Bevor er ganz verschwunden ist, steckt er nochmal den Kopf aus der Luke und grinst.

Das sollte erstmal genug Lesefutter sein. Als nächstes aktualisiere ich die letzten fast 200 alten Einträge, finde die übrigen verstaubten aus den Jahren 2010 und 2011 wieder und bereite ein paar neue vor: langatmige Linksammlungen, schnippische Kritiken, politische Rants und skurrile Geschichten aus meinem Leben. Das Übliche also. Schön, dass Ihr trotzdem dabei seid!

Andi ruft "Huii" und rutscht die letzten Stufen der Leiter hinunter.

10.07.2009

Death to Spreeblick

Ich bin wirklich brav zurzeit. Ob es draußen 25 Grad hat oder 35, bräunende oder streichelnde Sonne, ob die norwegischen oder die schwedischen Synchronschwimmerinnen vor der Tür kostenlos Eis und Massagen verteilen, ich sitze im Computerpool der Universitätsbibliothek und schreibe meine Diplomarbeit über Blogs und Politik in den USA. Ich komme gut voran und liebe Amerika mit jedem Tag mehr.

Heute habe ich aus Neugier nach langer Zeit mal wieder geschaut, womit sich die größten Blogs in Deutschland beschäftigen.

Großer Fehler.

Dieser Eintrag im Top-5-Blog Spreeblick ist von so einer durchdringenden Perfidie, Pseudoabgeklärtheit, Ignoranz, Bräsigkeit, Konsenssucht, Wohlstandsselbstkasteiung und endlich reaktionären Unoriginalität, dass man den Autor Johnny Haeusler nicht zum ersten Mal gewaltsam schütteln und ihm mit voller Kraft aus nächster Entfernung dies ins verkniffene Irgendwas-mit-Mediengesicht brüllen möchte:

Hör auf, so gott-fucking-verdammt deutsch zu sein!!

Okay. Zwei Pillen und ein Schluck Wasser aus dem Hahn. Systolisch 173, wieder ganz normal also. Zurück an den Computer und alles nochmal ganz langsam von vorn.

Worum geht es?

Das Mitglied in mittleren Rängen der Piratenpartei Bodo Thiesen ist durch fragwürdige Äußerungen zum Holocaust aufgefallen, 2008 auf der Mailingliste der Partei und offenbar schon früher im Usenet, wie einige Blogger herausgefunden haben, und weswegen jetzt offenbar eine Kontroverse hochkocht.

Ahaha, das gute alte tote Usenet.

Mein grausamer, mein geliebter, mein bester Lehrmeister für Diskussionen im Netz.

Schauen wir uns also an, was Bodo Thiesen im Usenet geschrieben hat, aber weil wir nicht so viel Zeit haben, Diplomarbeit, remember, gehen wir nur ganz oberflächlich drüber, zum Beispiel durch Gruppen wie de.talk.tagesgeschehen oder de.soc.politik.misc, gedacht als Anlaufpunkte für gesittete Diskussionen über aktuelle oder fortlaufende Politik, tatsächlich Sammelbecken für Antisemiten, Paranoiker und Wortdiarrhötiker aller eitergrünen bis schwarzbraunen Schattierungen, aber that's the Internet for you. Also, nur ein paar Auszüge.

Bodo Thiesen im Thread "Simon Wiesenthal Center fordert Buchzensur", 28. Februar 2003:

> Ich kaufe Bush diese Rhetorik nicht ab.

Ich auch nicht. Es geht um Öl. Nicht mehr, und nicht weniger.

> Blair und die CDU/CSU stimmen
> ihm zu.

Klar, wer will sich schon die USA und die ##### zum Feind machen?

Gruß, Bodo
--
PS: ##### ist eine freiwillige Selbstzensur, um mich vor juristischen
Atakken von der ######### Seite zu schützen.

Fast alle Einträge von Bodo Thiesen im Thread "Wird Friedmann als Quotenjude geopfert?" aus dem Jahr 2003, zum Beispiel am 13. Juni, am 18. Juni und gleich ein-, zwei-, dreimal am 24. Juni.

Und schließlich Bodo Thiesen im Thread "Geschichte kann auch Strafe sein", 7. Juli 2003:

>> Geschichte kann auch Strafe sein.

>Strafe, die selbst verursacht wurde.

Es gibt Theorieen, die besagen, daß die deutschen Main-Stream-Medien von den
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

[...]

>> Zeigt man denn anderswo auf andere Länder?
>> Zeigt man auf Russland, England, USA oder Japan?

>6 Mio. Menschen wurden umgebracht. Das dauert nun mal bis das vergessen ist.

Zu den 6 Mio. Menschen, kann ich nur sagen, daß ich da so meine
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

>Unsere Vorfahren hätten sie ja nicht umbringen müssen.

Meine Vorfahren haben keinen umgebracht. Ich kann für Deine nicht sprechen.
Vor allem aber habe ICH keine umgebracht.

>Die verordnete Humanität ist auch in der Bevölkerung nicht so ganz
>angekommen.

Wenn "verordnete Humanität" mit "bitte zahlt mal hier und dann bitte noch
da, ach ja, dies hier hätten wird ja fast vergessen, und natürlich auch
noch ..." gleichzusetzen ist, dann kann ich da auch nichts positives drin
sehen.

>Unsere Straßen sind Luxuspisten während die Scheißhäuser unserer Schulen
>schon lange nicht mehr zu benutzen sind.

Ich habe da meine Beobachtungen gemacht. Wenn ich die hier nennen würde,
würde mich das zu einem Antisemiten oder wenigstens zu einem Nazi machen,
daher lasse ich das jetzt.

[...]

>Man muss sich nicht menschlich nennen sondern auch so handeln.

Klar, das geht aber nicht, indem man fortan auf 12 Jahren "deutscher"
Geschichte rumhackt, und dabei 1000 Jahre vergisst, in denen Deutschland
vom Ausland (vorzüglich F) gegängelt wurde.

Gruß, Bodo

Ich bin seit über zehn Jahren im Internet unterwegs, viele, viele Jahre davon auch im Usenet. Ich erkenne einen Judenhasser und Naziapologeten, wenn ich einen sehe. Ich rieche sie. Die Affinität zu vergifteten Foren. Das obsessive Zergliedern einzelner Wörter. Die Pseudowissenschaftlichkeit und die Pseudoselbstdistanzierungen. "Juden sind auch Menschen", oder anders gesagt, "I have black friends too". Die "clevere" Vermeidung von Justiziabilität. Und über allem der überwältigende Wunsch, fragen zu wollen, was um Himmels Willen Bodo Thiesens Problem ist, wieso er sich in so, so starker Weise mit den Juden und den Nazis befasst.

Ich weiß es. Ich fühle es in meinen Knochen. Aber ich kann es nicht beweisen. Bodo Thiesens Aussagen sind geschickt genug, seine Punkte gültig genug, um alles glaubwürdig genug abstreiten zu können, und darum schreibt er ja auch, wie er schreibt. Nein, ich bin kein Nazi, aber haben die Polen uns nicht zuerst den Krieg erklärt? Nein, ich bin kein Verschwörungsspinner, aber sind die Umstände von Möllemanns Tod nicht seltsam? Nein, ich hasse keine Juden, aber sollten sie nicht besser zusammenpacken und abhauen? Nein, nein, nein ... aber?

Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Bodo Thiesen extreme rechte Ansichten zum Dritten Reich, zum Holocaust und zu Juden hegt. Ansichten, die ich für widerlich, anstößig und absurd falsch halte. Und ich verstehe die Piratenpartei, wenn sie sich überlegt, ob sie so einen Menschen weiter in ihren Reihen behalten will.

Aber, und das ist der Punkt dieses Eintrages, und warum ich es so hasse, dass eine so prominente Plattform, eine so großartige Möglichkeit zur Förderung des Wahren und des Guten wie Spreeblick Beschränkungen der Meinungsfreiheit das Wort redet, ich würde bis zum Blut dafür kämpfen, dass Bodo Thiesen seinen Scheiß, seinen Müll, seinen menschenhassenden Eiter von jedem Dach brüllen darf.

Weil die Freiheit der Rede die erste Voraussetzung einer freien Gesellschaft ist.

Dass jeder mit gleichem Recht sagen darf, was er will.

Dass nicht einige Redner oder Reden gleicher sind als andere.

Nur in dieser grundlegenden Gleichheit bestehen für mich Freiheit und Demokratie.

Wo ist die Grenze dieser Gleichheit, dieser Freiheit?

Erst ganz, ganz nah vor der Nase des anderen.

Alles andere erscheint mir undemokratisch, ungleich, unfrei.

Also: "Feuer!" im geschlossenen, übervollen Kino schreien? Verbieten. "Tötet diesen Bastard, den da hier!" - Verbieten. "Diese Hure hier klaut aus der Kasse!" - Vielleicht verbieten. "Schröder, der Bock, schläft mit Maischberger, der Schlampe!" - Nicht verbieten. "Es gab keinen Holocaust!" - Nicht verbieten. "Tod den Juden!!" - Nicht verbieten.

Im Zweifelsfall, gültig wie immer: Lasst. Euch. Eier. Wachsen.

Tut selbst was gegen abstoßende Rede, widerlegt sie zum Beispiel oder redet lauter.

Und hört endlich, endlich auf, nach der Amme Staat zu rufen.

Ihr gottverdammten Deutschen.

28.04.2009

vidi, lexi, critixi

What you lookin' at?

Manchmal denke ich, meine häufigen Kritikeinträge schaden mir und meinem Blog, weil ich, statt originales Material zu produzieren und meine Kreativität und Gedankenschärfe zu schulen, nur den Output von anderen wiederkäue, und weil meine Leser denken müssen, dass ich außer zweiter bis fünfter Hand nichts zu bieten habe, und dann können sie auch weiter die Amazon-Rezensionen von sexytrixi69 lesen.

Aber dann denke ich, gute Filme und Bücher müssen gelobt werden und schlechte verdammt, um das Wahre und das Schöne in der Welt zu fördern, und wie sollen die Leute angesichts der schieren Masse an Werken sonst, so sie denn in einer berechenbaren Beziehung zu meinem Geschmack und meinen Argumenten stehen, wissen, was sie unterstützen und was sie liegenlassen sollen? Umso mehr, wenn die Menschen mich gerade wegen meiner Kritiken lesen. Außerdem kann Kritik auch Zweck an sich sein und über die Referenz hinaus neue, eigene Gedanken entwickeln, die Wichtiges über die Welt und das Leben sagen. Und schließlich macht Kritik mir immer noch jede Menge Freude.

Soviel als Kurzfassung meiner Theorie der Kritik. Und nun zur Praxis.

"Quantum of Solace": Bond küsst das Girl nur auf den Mund? Leider Öko- und Emo-Schrott.

"Warten auf Angelina": Alles, und ich meine alles, was an deutschen Filmen schlecht ist, ist in diesem Panoptikum des Grauens zu bestaunen. Kostüme, die die Heilsarmee weggeworfen hat. Schauspieler, die die Luft nicht wert sind, die sie veratmen. Eine Kamera, die von einem blinden, betrunkenen Orang-Utan bedient wird. Ein Skript, in dem die Hauptfiguren buchstäblich auf ihren weißen Ärschen sitzen und darauf warten, dass der furchtbar, furchtbar unwitzige Plot zu ihnen kommt. Und der Höhepunkt mit "Angelina" ist lahmer als das Jahrestreffen der Kriegsversehrten der Ostfront e.V. Auf jeden Fall meiden!

"Inkheart": Nicht viel zu sagen, außer dass diese Fantasyverfilmung zwar komplett durchschnittlich ist, aber weil sie aus Hollywood kommt, trotzdem tausendmal unterhaltsamer als "Warten auf Angelina". Made in America, Baby!

"Burn after Reading": Leute, die nicht wissen, was Liebe ist, jagen ihr hinterher. Unglück folgt. Nicht sehr toll.

"Twilight": EEEEEEKKKKK!! EDWAAAARD!!!! ICH WILL EINE ABTREIBUNG VON DIR!!!!!1 Aber der Film ist tatsächlich gar nicht schlecht. Kristen Stewart und Cedric Diggory spielen zart und natürlich, und die Reinterpretation des Vampirismus ist originell genug, um ein Gefühl guter Unterhaltung zu hinterlassen, auch wenn Edward Cullen später zum Muster eines abusive boyfriend mutieren soll. Aber er ist doch so süß ...

"Sieben Tage Sonntag": Die wahre Geschichte zweier Jugendlicher, die in der menschenleeren Ödnis einer fernen dystopischen Zukunft Leipzig ohne Motiv brutalstmöglich Rentner schlachten. Es mag wie eine mutige Idee des Regisseurs scheinen, sich jedem Erklärungsversuch zu verweigern, weil es eh keine Antwort gäbe yaddayaddayadda, aber im Ergebnis wirkt es nur wie feiges Schwanzeinklemmen und Betrug am Zuschauer. Wenn ich die Fakten ohne Interpretation haben will, lese ich den dpa-Ticker, in einem Film möchte ich eine Aussage sehen (und Brüste).

"Yes Man": Wie bei Adam Sandler gehe ich auch bei Jim Carrey in fast jeden neuen Film und vergesse dabei immer, dass die tatsächlichen Geschichten nie so gut sind wie ihre originellen Prämissen. So ist auch diese Story über einen Mann, der nur noch Ja sagt, eigentlich eine biedere Schmonzette. Und neben der Starpower selbst eines alternden Jim Carrey braucht es mehr Ausstrahlung als die der zwar niedlichen, aber auch ziemlich blassen Zooey Deschanel.

"He's just not that into you": Okay, dieser Film hat ein paar gute Ansätze. Obwohl es der gewohnt hölzerne und charismalose Ben Affleck ist, ist seine stockende Erklärung, warum er Jennifer Aniston nicht heiraten möchte, weil er sie nämlich auch ohne Ring und Siegel liebt, für Hollywoodverhältnisse fast schon revolutionär zu nennen. Sexy kid Scarlett Johansson macht mit dem aufstrebenden Bradley Cooper einen ziemlich guten Job. Und wer Drew Barrymore nicht liebt, hat kein Herz, wer härter als Harald Juhnke saufen, mehr Drogen als River Phoenix nehmen und danach immer noch so gut aussehen und das Leben lieben kann, kann nur ein großes Vorbild sein.

Bist Du auch so strunzedoof wie ich?

Aber dieser von ihr produzierte Film ist schrecklich frauenfeindlich.

Jennifer Aniston ist so verfangen im Traum, einmal eine Braut zu sein, und von den Sticheleien ihrer sogenannten Freundinnen so betroffen, dass sie Schluss macht mit Affleck, der sie wirklich liebt, so sehr, dass er am Ende sogar seine Überzeugungen opfert und ihr einen Antrag macht, um sie glücklich zu machen. Jennifer Connelly ist eine erstickende Mikromanagerin, die selbst die mehrfache absolute Arschlochhaftigkeit ihres Ehemanns verzeihlich erscheinen lässt. Scarlett Johansson ist eine labile Männerfresserin. Und die Hauptdarstellerin Ginnifer Goodwin ist so unsicher und hyperaktiv, dass man ihr gleichzeitig Valium und Kokain geben will.

Kann es in diesen Filmen keine coolen Frauen geben? Frauen mit Eiern? Die darauf scheißen, was ihre Freundinnen sticheln? Die Arschlöcher in den Wind schießen und in den Sack treten? Die autochthones Selbstbewusstsein haben und eigene Ideen, wie sie flirten und daten wollen, und es nicht von Daddy gesagt bekommen müssen? Kurz, Lizzy Bennets und nicht Blanche DuBois'? You know, nicht nur, weil es weit mehr Freude macht, Ersteren zuzusehen als Letzteren, sondern auch wegen Vorbilder geben, Leben in die Hand nehmen usw. Und wegen der Sexiness.

"Watchmen": Eine fast perfekte Verfilmung, und dafür ist tatsächlich der blaue Penis von Dr. Manhattan ein Indiz. Leider deswegen ein Flop. Also wegen der Perfektion.

"The Reader": Sex, Nazis und Kate Winslet - klingt wie ein Film für mich! Leider spielt meine immer noch liebste Schauspielerin die tumbe und plumpe ehemalige Auschwitz-Aufseherin Hanna Schmitz so gut, und die Liebesszenen mit dem begabten David Kross sind so naturalistisch, dass gar keine rechte Sexiness aufkommen mag. Vielleicht hat die L-förmige Bettdecke doch was für sich ...

Auch die Story von Bernhard Schlinks Bestseller hinterlässt keinen besonders guten Eindruck: Diese deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust fühlt sich durchweg glatt an, glitschig und verlogen, ja geradezu falsch. Deutsche lesen deutsche Bücher, Deutsche halten deutsche Vorlesungen, und es hilft nicht, dass Bruno Ganz den Professor spielt, Deutsche sprechen deutsches Recht, und endlich liest ein Deutscher vor, wie der Holocaust zu verstehen ist, nämlich dass er nicht zu verstehen ist.

Klingt wie Exkulpation für mich.

Zwar raffinierte, mehrbödige und mehrfach selbstreflektierte Exkulpation, wie sie einem deutschen Juristen ansteht, aber letztlich doch keine andere Exkulpation als die des freiwillig glatzköpfigen abgebrochenen Grundschülers in Nordbrandenburg. Und warum soll man sich das dann ansehen, selbst wenn Ralph Fiennes und auch Lena Olin in einem leider viel zu kurzen Auftritt einen guten Job machen?

"Monsters vs. Aliens": Witzig, rasant, menschlich, vergesslich.

"C'era una volta il West": Ich hatte den echt bis Ostern noch nie gesehen! Und was habe ich verpasst!! Best. Movie. Ever? Ich will auch so ein Gesicht wie Charles Bronson, oder doch lieber wie Claudia Cardinale.

You lookin' at me, aren't you?

"Schuld und Sühne": Ah, ich möchte mein Leben lang nur russische Klassiker lesen, und dafür braucht man vielleicht auch das ganze Leben. Herzzerreißend, atemberaubend, reich und wahr, wahr, wahr.

"Dreams from My Father": Ein interessanter, manchmal fast lyrischer Einblick in das frühe Leben und die Gedanken des 44. US-Präsidenten Barack Hussein Obama, yaaaay!, der sich jedoch in der Mitte etwas zieht.

"The Film Club": Ein Vater lässt seinen Sohn die ungeliebte Schule abbrechen und bis fünf Uhr nachmittags schlafen, wenn er dafür jede Woche mit ihm drei Filme schaut, nach einer wahren Geschichte - klingt wie ein Buch für mich! Leider ist der Papa zwar ein guter und lehrreicher Filmkenner, aber auch ein eigenartig aufgeblasener, haarsträubend schlechter Lebensratgeber, und sein Sohn ist ein eifersüchtiger, mimosenhafter Taugenichts, dem man irgendwann nur noch die Crackpfeife aus der Hand schlagen und ihn ins Arbeitslager deportieren will, und das mir, dem Crackjunkie von Cannstatt! Sowas, sowas ...

Why yes Sir, I am!

02.08.2008

Fotostories

Leider ohne Love, aber hoffentlich trotzdem interessant.

Buchenwald

Schon vor fast zwei Jahren habe ich bei strömendem Regen das ehemalige KZ Buchenwald besucht. Was mich dort neben dem Offensichtlichen wie den Fleischerhaken im Keller am meisten berührt hat, war die unglaubliche menschliche Kreativität, wenn es darum geht, seine Mitmenschen zu schinden: Stolperdraht und Klingelglöckchen, um die Häftlinge an der Annäherung an den Zaun zu hindern; um die Zaunpfosten gewickelter Stacheldraht, um die Häftlinge an der unmöglichen Erkletterung dieser Pfosten zu hindern; ein nach innen gebogener Zaun, um die Häftlinge auch an dessen noch viel unmöglicherer Überkletterung zu hindern ...

Ich als Philinte Let's dance!

Philintes Ratschläge

Vor über einem Jahr haben wir Molières "Le misanthrope" ("Der Menschenfeind") aufgeführt. Erstaunlich, wie zeitlos und universal das Stück ist und wieviel Spaß es macht, sowas zu spielen. Ob ich öfter weiße Anzüge tragen sollte?

Ich auf der DDM 2007

Dieses Foto von mir auf der Deutschen Debattiermeisterschaft 2007 ist in der aktuellen "Zeit Debatten"-Broschüre, rechts unten neben dem von Helmut Schmidt. Schön und gut, aber warum muss es ausgerechnet nach einer Nacht fast ohne Schlaf und aus unserer mit Abstand schlechtesten Debatte zum Thema der Alltagspornographie aufgenommen sein? Naja, solange sie den Namen richtig schreiben ...

Der Stuttgarter Hafen Die Wilhelma

Ein Fisch

Zur Langen Nacht der Museen war ich in diesem Jahr mal wieder unterwegs. Ewig unvergessen bleiben wird mir nach gefühlt fünfstündiger Wartezeit die Bootsführung durch den oben im Luftfoto abgebildeten Stuttgarter Hafen, deren absolute realsatirische Meisterschaft hier wiederzugeben unmöglich ist, aber einer ihrer Höhepunkte war der Hinweis darauf, dass das winzige rote Licht, das man in der Ferne auf dem nächtlichen Fluss brennen sehen konnte, wenn man scharf durch die spiegelnden Scheiben schaute, zur Obertürkheimer Schleuse gehöre!

Unsere geliebte, gute alte Wilhelma dagegen sieht bei Nacht wie Tag ehrwürdig und elegant aus, wie die feine, weltgewandte Dame, die sie ist. Die Schönheit der Schöpfung macht demütig und zufrieden.

Eiger, Mönch und Jungfrau

Im späten Frühling schließlich habe ich Schwester A. in der Schweizer Kapitale Bern besucht, und ich war früher oft in der Schweiz, und diesmal haben wir es leider nicht in die Berge geschafft, aber großer Gott, sind die majestätisch. Alle irdischen Beschwernisse schrumpfen vor dieser demutgebietenden Kulisse, auf der man mit etwas gutem Willen Eiger, Mönch und Jungfrau erkennen kann. Oder brauche ich nur auch so eine Pumpe?

17.01.2008

Siebzehn nützliche Links

PRINCE HUMPERDINCK
Tyrone, you know how much I love watching you work, but I've got my country's 500th anniversary to plan, my wedding to arrange, my wife to murder and Guilder to frame for it; I'm swamped.

COUNT RUGEN
Get some rest. If you haven't got your health, you haven't got anything.

Wie wahr, wie wahr, William Goldman, wie ich nach gut drei Wochen nun endlich endender Angina und Bronchitis entdecken durfte. Bis das Schiff wieder voll läuft, darum und daher erstmal nur ein paar Links.

In Darfur sterben immer noch tausende Menschen. Was macht eigentlich Britney?

Die Kreditkrise ist auch noch nicht vorbei. Lange auch nichts von Tara Reid gehört ...

Ich bin sehr für die Europäische Verfassung, unter welchem Namen auch immer. Aber ich fühle mich etwas unwohl dabei, dass sie im Schatten der Demokratie ratifiziert wird und dass das weder jemand bemerkt, noch dass es irgendjemanden kümmert. Außer dem "Economist" natürlich.

Was, Widerständler des "Dritten Reichs" wurden bis in die Neunziger angefeindet? Doch nicht in unserem Deutschland der tapferen Judenverstecker und Schwestern Sophie Scholls?

Ich möchte mit achtzig auch geistig so beweglich sein wie Juliette Gréco. Hell, ich möchte mit vierzig geistig so beweglich sein!

Auch Waylon Smithers von der FDP sagt meist recht kluge Sachen, so zum Beispiel hier über die ziemlich eklige "DDR"-Verharmlosung. Vielleicht kann ich ihn ja schon in fünf Jahren wieder ernstnehmen.

Wie kaputte Gesetze Menschen kaputt machen.

Wie eine kaputte Welt Menschen kaputt macht.

Wie das, was nicht Folter ist, Menschen kaputt macht. Unbedingt lesen!

Über die Bewohner des Prenzlauer Bergs. Juli Zeh würde gut dahin passen.

Unter 18 Sex gehabt? Ab in den Knast!

Stefan Niggemeier kämpft aufopferungsvoll gegen die Hütchenspieler der Call-In-Sender. Die deutsche Medienaufsicht schläft.

Wolfgang Schäubles Bettlektüre tut nicht einmal mehr anstandshalber nichtfaschistisch. Wenn mich doch nur irgendwas überraschen könnte ...

Zum Abschluss aber noch zwei schöne Sachen: Eine Ode an die Menschlichkeit im Rollstuhl und zehn tolle Suchtips für Google. Klasse!

27.11.2007

Mogadischu Fensterplatz

Nach langer Zeit mal wieder im Theater gewesen.

Unbenommen der professionellen Inszenierung, der angenehm verschwenderischen Requisite und der präzisen Schauspieler, die man freilich in einem richtigen Theater auch erwarten darf, wurde ich allerdings auch diesmal ein wenig enttäuscht, wenn auch nicht so stark wie beim letzten Bühnenbesuch.

Dass die Entführten an Körper, Seele und Geist zutiefst leiden - geschenkt. Dass die Regierung mauschelt, trickst und schmiert, um die Geiseln freizukriegen - bekannt. Dass die Entführer für obskurste Ziele nur die Gewalt perpetuieren, die ihnen angetan wurde - gewusst. Dass Terror und Staat miteinander einen Totentanz feiern - hey, selbst gebloggt, und sogar zweimal. Und dass schließlich etwas in einem für immer stirbt, wenn man mit Alkohol übergossen wird und in zehn Minuten verbrannt werden soll - in diesen Worten noch nicht gehört, aber einleuchtend folgerichtig.

Wenn aber der Inhalt eines Stückes geschenkt ist, und bekannt, und gewusst, und beschrieben, und leicht verstanden, und also eingängig ist, gut konsumierbar, vertraut, endlich wohlig, was unterscheidet es dann von "Pretty Woman" oder "Love Actually"? Was tut es, außer seine Zuschauer zu unterhalten? In welche tiefere Ebene der conditio humana dringt es vor? Was ist sein Wert? Warum es sehen?

Oder ist das nur wieder der übergebildete Flagellant in mir, der ums Verrecken nicht einsieht, dass ein Werk, das seine Konsumenten nicht mindestens zu einem guten Teil unterhält, von keinem gesehen wird und entsprechend auch niemandem noch so "tiefe Ebenen" zeigen kann, was soll das überhaupt heißen? Schließlich hat der gute alte Steffen Spülzwerg mit seinem Blick auf "Schindler's List" ja im Gegensatz zu mir nur recht, lest dort oder gleich hier:

ZEIT: Und doch ist der Holocaust eine Geschichte von unvorstellbarer Vernichtung. "Schindlers Liste" hingegen ist eine Geschichte über das Überleben. Mit einer klassischen Katharsis.

Spielberg: Ich habe den Holocaust nicht verfälscht, nur weil ich "Schindlers Liste" ein optimistisches Ende gab. Schindler hat 1200 Juden gerettet und ihnen die Chance gegeben, Kinder und Enkel zu bekommen. Aus 1200 Überlebenden wurden 6000 Nachkommen. Das war einer der wenigen Lichtblicke in der Geschichte des Holocaust. Natürlich hatte ich die Wahl: Erzähle ich die Geschichte der Überlebenden, oder erzähle ich die Geschichte derer, die in den Ofen kamen und zu Asche wurden? Hätte ich die Geschichte der Toten erzählt, hätte niemand diesen Film sehen wollen. Keiner wäre im Kino sitzen geblieben. Und der Film wäre schnell vergessen worden.

ZEIT: Wie stehen Sie zu Claude Lanzmans "Shoah"?

Spielberg: Der fehlende Einfluss von "Shoah" hängt damit zusammen, dass es ein Dokumentarfilm ist. Damit bekommt man kein Publikum, und schon gar nicht im Kino.

ZEIT: Glauben Sie nicht, dass manche Inhalte auch eine bestimmte Form erfordern? Sie selbst haben mit Ihrer Shoah Foundation den Dokumentarfilm "The Last Days" produziert. In diesem Film werden die Erzählungen von Holocaust-Überlebenden in kleine Schnipsel zerteilt und mit rührseliger Musik unterlegt. Unfassbares Leid wird konsumierbar in melodramatischer Form.

Spielberg: Ich muss Ihnen widersprechen. Für mich ist "The Last Days" der beste Dokumentarfilm, der je über den Holocaust gedreht wurde. Ich habe die Form nie als melodramatisch empfunden. Der Film erzählt von fünf Überlebenden, die zurück nach Budapest gehen, an den Ort, wo sie interniert wurden und ihre ganze Familie verloren. Es ist einer der meistgesehenen Dokumentarfilme überhaupt.

ZEIT: Publikumserfolg ist etwas Schönes. Aber ist er wirklich Ihr wichtigstes Kriterium?

Spielberg: Nein, aber ein entscheidendes.

ZEIT: Sie haben allein mit Jurassic Park 2 fast 300 Millionen Dollar verdient. Ein Drittel der 30 erfolgreichsten Filme aller Zeiten wurde von Ihnen produziert oder gedreht. Da könnten Sie sich doch mal einen Film ohne Happy End leisten. Oder auch einen Holocaust-Film, der nicht unbedingt erfolgreich sein muss.

Spielberg: Vielleicht ist Erfolg das falsche Wort. Es geht mir um Wirksamkeit. Nennen Sie es ruhig Massenwirksamkeit. "Schindlers Liste" und "The Last Days" führten dazu, dass sich 52000 Überlebende bereit erklärten, ihre Erinnerung an den Holocaust auf Video aufnehmen zu lassen. Dadurch öffneten sich die Türen für sieben weitere Dokumentationen. [...]

Ist es also, solange man nicht offensichtliches Schindluder mit Fakten und Figuren treibt, immer besser, die Grausamkeiten und das Leid der Welt leicht konsumierbar zu machen, damit sie gesehen, damit sie als ungerecht gesehen, damit sie der Änderung nötig gesehen, damit sie geändert werden? Immer besser, zu unterhalten, dadurch zu informieren, damit womöglich aufzurütteln, statt selbst an den Menschen zu rütteln, auch wenn es manchmal noch so nötig scheint? Oder, um mit Mary Poppins zu sprechen:

That a spoonful of sugar helps the medicine go down,
the medicine go dow-wown,
the medicine go down.
Just a spoonful of sugar helps the medicine go down
in a most delightful way.

In gewissem Sinne ist das, wieder und immer noch, die Grundfrage dieses Blogs, eine der Grundfragen meines Lebens. Und Steven Spielbergs und Mary Poppins' Antwort anzunehmen, sei sie noch so richtig, hieße, in beidem meinen Kurs wahrnehmbar zu ändern, in Richtung auf einen neuen Horizont.

Habt Geduld, wenn die "Enterprise" nicht so schnell drehen kann.

Der Flugzeugträger.

17.11.2007

Michel Friedman

Ich in Heidelberg

Auf der Baden-Württembergischen Debattiermeisterschaft 2007 im immer schönen Heidelberg gewesen. Dort mit den verlässlichen Teampartnern K. und F. ein bisschen glücklich ins Finale gekommen, aber nach zahllosen Turnieren, in denen wir zum Teil auf der zweiten Nachkommastelle den Einzug in die K.O.-Runden verpasst haben, ist das mehr als in Ordnung. Das Finale selbst haben wir leider, aber nicht unverständlicherweise verloren, und die auf der Website des Turniers erhältliche Audioaufnahme meines Beitrags, ich war vorletzter Redner der Debatte, macht auch deutlich, warum man am Abend vor wichtigen Wettkämpfen nicht bis drei Uhr morgens Mojitos trinken sollte, auch wenn Hemingway das jeden Tag getan hat. Aber was soll's, Finale rocken!

Als Ehrengast war Michel Friedman anwesend und hielt, während sich die Juroren berieten, eine tolle Rede darüber, warum Widerspruch Respekt ist, aber ich konnte mich wie immer, wenn ich ihn sehe, nicht des Eindrucks erwehren, dass um diesen Mann eine tiefe Traurigkeit ist, ein nie gestillter Schmerz. Vielleicht sind es nur seine immer halb geschlossenen Augen und die Linien seines Gesichts, vielleicht sind es die häufigen Skandale, denen er in diesem Land nicht entkommen konnte, vielleicht muss man so sein, wenn fast die gesamte Familie, bis hinunter zum Cousin fünften Grades, zu Asche und Rauch gemacht wurde.

Vielleicht will Friedman den Skandalen aber auch nicht entkommen.

Vielleicht will er dem Schmerz und dem Traurigen begegnen.

Wie anders ließe sich erklären, dass er sich tatsächlich, in der ansonsten auf fast obszöne Weise ihre vollkommene Belanglosigkeit zelebrierenden "Vanity Fair", zum Interview mit Horst Mahler getroffen hat, der ihn gleich zu Beginn, groß in Form, mit "Heil Hitler, Herr Friedman" begrüßt? So wichtig und so nötig die Demaskierung, die Entlarvung der unmenschlichen Fratze des Totalitären in allen ihren Formen ist, warum muss ausgerechnet Michel Friedman sie betreiben, gerade er die Maske herunterreißen, gerade er sich wieder und wieder in und durch das unsagbar Traurige, das unendlich Schmerzende bohren?

Vielleicht ist hier die Frage schon die Antwort.

Und vielleicht wirkt Friedman dann deshalb so traurig, weil das Traurige trotz seiner Mühen immer so traurig und so schmerzend bleibt.

Aber vielleicht wird es, durch ihn, auch ein kleines bisschen weniger traurig.

Hätten wir nur mehr Traurige wie Michel Friedman!

Michel Friedman in Heidelberg

11.10.2007

Eva-TV

Ist das... ist das Ding schon an? Soll ich hier jetzt was r-reinschreiben? Aber ich hätte eigentlich viel lieber noch mein Abendessen- ich bin auch gar nicht- was soll das überhaupt sein, ein "Eva-Herman-Experte", es gibt doch auch keine Experten für den Zahlenraum bis zehn, weil jeder analphabetische Erstklässler- schon gut, schon gut, kein Grund, gleich ausfällig zu werden, ich mache ja schon, hier bitte:

Johannes B. Kerner

Dieser Kerner ist ein Vampir. Und nicht ein romantisch-melancholischer wie Gary Oldman, ein aristokratischer wie Christopher Lee oder ein wehmütig leidender wie Kinski, noch nicht mal ein unfreiwillig komischer wie Blacula, sondern ein Energievampir, der sich an der Lebenskraft seiner Opfer labt, wie Pennywise in "It", nur ein ganzes Stück gruseliger. Mögen sie Eva, Natascha oder Stephanie heißen, mögen sie arm sein oder reich, blöde oder schlau, weltberühmt oder völlig unbekannt, der Vampir wittert gnadenlos ihre Schwäche, führt sie eilig in seine Höhle und saugt sie dann vor aller Augen lüstern aus, sein Konto und seine Erektion in gleichem Maße und umso gewaltiger anschwellend, je mehr staunende Augen seinem obszönen Treiben zusehen. Eins kann man immerhin über die "grausame Zeit" sagen, diesen unendlich abartigen Fetischvoyeurismus hätte der Führer sofort-

Ach so, ich soll ja über Eva Herman reden, hatte schon ganz vergessen, dass meine Aufgabe heute ist, dieses dumme, dumme, dumme Dummchen zu maßregeln, von dem niemand hätte ahnen können, dass es ein komplett totalitäres Weltbild hat, und dessen verbale Speiballen gar unglaublich Überraschendes enthalten, "Hey! Soldiers for Hynkel" kann man schließlich auf so viele verschiedene Weisen interpretieren ...

Eva Herman bei Kerner

In conclusion, the Phooey remarks that for the rest of the world he has nothing but peace in his heart.

Apropos abartig, um einen von meiner einzig einzigartigen Schwester A. sehr zurecht geschätzten Professor im Fernsehen zu erleben, habe ich mir vor kurzem auch eine Maischberger-Sendung zum Thema Scientology angesehen, mit dem erwähnten, wohltuend vernünftigen Religionswissenschaftler Hubert Seiwert, zwei Aussteigern, einer Sektenkritikerin - und meinen absoluten Lieblingen auf der ganzen weiten Welt, Beckstein und Fliege.

Ich bin wirklich, wirklich froh, dass in meinem Haushalt kein Fernseher steht.

Weil ich bei Diskussionen, die ohne den geringsten Hauch einer Ahnung von Sachverstand, ohne die niederste Streitkultur einer tollwütigen Bande Makaken und ohne eine einzige Plancklänge Fortschritt, aber dafür mit googolplexscher Heuchelei - Günther Beckstein, Günther fucking "Lasst die Dreijährige in Kabul krepieren" BECKSTEIN beklagt sich, dass Hubbards Ufokult die Menschenwürde nicht achte - und widerwärtigster Eitelkeit, unangebrachtester Besserwisserei und ekligster "Thesen"scheißerei geführt werden - von der Pferdebremse, wem sonst -, schnell in einen unkontrollierbaren Vernichtungswahn falle, dem statt seiner verdienten Adressaten nur die arme Glotze zum Opfer geraten würde.

Aber dann müsste ich wenigstens nie mehr befürchten, die Pestfl-

Okay okay, zurück zu Eva. Doch was bleibt zu sagen? Nur dies:

Eva Herman passt ins deutsche Fernsehen.

10.09.2007

Evas Fall

Adolf?!?

Nein, also das... das hätte niemand ahnen können, niemand. Eva eine Verharmloserin, eine Sympathisantin, eine Mutterkreuzlerin, sie, Evi, die doch nur einen einzigen, kleinen, süßen Sohn hat? Ein Naivchen, ein Dummchen, ein Hirnlöschen, sie, die die Wochenschau immer so entzückend sprach und selbst in böse Wörter für böse, böse, böse Untermenschen wie "dreckiger Rassenschänder" noch soviel Wärme legte, dass mein deutsches Herz wild pochend erblühte? Ihre Weltsicht gar geschlossen paranoid, die der erfolgreichen, weitgereisten und universalbegabten Buchautorin, Moderatorin und liebenden Familienseele? Verliebt in den Führer, sie, die doch immer nur sein Bild mit spitzen Lippen geküsst hat, wenn überhaupt? Nein, das ist nicht die Eva, die ich kenne und bewundere, ja liebe, ich-

Ach so, es geht um Eva Herman.

Na dann wundert mich nichts.

27.07.2007

Evas Exegese Eins

Wie versprochen.

Mein Kampf

Bücher sind lebend gespeicherter Geist. Sie wandeln und winden sich unter dem Auge des Lesers, und was als fester Vorsatz eines völligen Verrisses beginnt, wendet sich unversehens zu bloßer Abneigung, dann zu vorsichtiger Indifferenz und am Ende gar, in einem kurzen Moment der Schwäche, zu etwas wie widerwilligem Einverständnis. Wir wollen also sehen, was am Ende dieser Serie unter dem Striche stehen wird. Wohlan!

"Das Eva-Prinzip" ist ein mutiges, überzeugendes Buch, das das Leben jeder Frau ändern wird - und vielleicht auch das einiger Männer.

Schon der letzte Absatz des Klappentextes macht keinen Hehl aus Hermans Heilsversprechen. Scheinbare Utopien waren schließlich schon immer die Spezialität größenwahnsinniger Paranoiker aller Zeiten: "Mein Kampf" ist ein mutiges, überzeugendes Buch, das das Leben jedes Deutschen ändern wird! Stimmte ja auch.

"Unter Mitarbeit" ihrer Ghostwriterin Christine Eichel und einer mysteriösen "Elisabeth, Urkönigin der Weiblichkeit" gewidmet, wovon noch zu schreiben sein wird, hebt das hastigst auf Billigpapier gedruckte knallpinke Werk mit einem "Prolog" an, in dem nicht nur die im Folgenden unglaublich krampfig in jede nur unmögliche Stelle hineingezwängte Adam-und-Eva-Metapher eingeführt, sondern auch die scheinbare Idylle der Moderne brutal demaskiert wird: Im "Supermarkt der Wünsche" gibt es kein Glück zu kaufen. Doch, natürlich: "Wer solche Fragen laut stellt, bricht ein Tabu." Wie gut, dass es eine wie Eva gibt, die sich einmal traut, dem Jud' hinter den Feindmächten in sein böse funkelndes Auge zu blicken! Eine Brecherin eines scheinbaren Tabus, die uns aus der Wüste der Wirklichkeit in das Gelobte Land des Eva-Prinzips führt, zu unser aller Heil! Klar, dass eine so mutige Prophetin von den powers that be mitunter persönlich angegriffen wird:

Das war nicht immer angenehm.

Aber Eva, ist es denn wirklich gar nicht angenehm, sich als heroische Kämpferin einer gerechten Sache zu gerieren? Sag selbst:

Aber die Sache ist zu wichtig, um mich einschüchtern zu lassen. Zu wichtig, um einfach so weiterzumachen wie bisher. Denn es geht um unsere Zukunft, um die Zukunft unserer Kinder, um den Fortbestand unserer Gesellschaft. Werden wir aussterben, wird unser Land in wenigen hundert Jahren brachliegen?

Wird der Türke, der Türke mit seiner verlausten Kinderschar zwischen den Ruinen des Reichstages spielen, den Überresten unseres Landes, unseres deutschen Volkes? In wenigen Äonen schon gar, in the year 2525? Hilf Eva, hilf! Kämpfe für uns, schreie, was wir nicht einmal zu flüstern wagen!

Offenbar war ausgesprochen worden, was viele denken, aber nicht zu sagen wagten.

So ist es, Schwester, man wird doch wohl noch mal sagen dürfen! Aber was ist das, man wirft Dir hässlich Heuchelei vor?

Eine Frau also, die alle Vorteile der Frauenbewegung für sich genutzt hatte und sie nun öffentlich mit Füßen trat?

Mach sie fertig, Mädchen, posiere als Ulrike Meinhof, Du kleine, liebe Hochstaplerin, und lenke so ganz charmant von der Tatsache ab, dass Du die Frage überhaupt nicht beantwortest:

Nicht trotz meines Berufes schrieb ich diese Bestandsaufnahme, sondern genau deswegen. Gerade als Journalistin werde ich ständig mit den Missständen unserer Gesellschaft konfrontiert, mit Themen wie Vereinsamung und Vernachlässigung, mit Problemen wie zerrütteten Familien und überforderten Frauen. Die Bilanz unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist ernüchternd und beängstigend [...] Und ich versuchte herauszufinden, woran das lag.

Ja, woran? Was ist Dein Schlüssel, der die Welt eröffnet, Deine epochale Entdeckung der wirklichen Verhältnisse, Dein ewiger Jude?

Einige typische Feministinnen

Schließlich erkannte ich, dass wir Frauen umso weniger Kompromisse eingehen können, je stärker wir uns dem Prinzip der Selbstverwirklichung zuwenden. Nicht jeder Mann ist in der Lage, nachsichtig und großzügig darauf zu reagieren; und so muss man sich eingestehen, dass neben anderen Faktoren die viel gepriesene Emanzipation durchaus ihren Teil zu einer höheren Trennungsrate beiträgt.

So ist es, nur so, Wasser ist flüssig, der Papst ist Katholik, mehr Selbstverwirklichung bedeutet weniger Kompromisse, und an allem sind die Emanzen schuld, diese keifenden Hexen mit Latzhosen und Haaren unter den Armen! Und die Männer? Die sind halt so, wie sie sind und Punkt, und fertig gefügt ist Evas kleine Welt.

Doch wie kam sie zu dieser eines Religionsstifters würdigen Erleuchtung? Was ist ihre Höhle Hira, ihr Gabriel, der zu ihr sprach?

Erst als ich schwanger wurde, begann sich mein Weltbild zu verändern. Immer klarer wurde mir vor Augen geführt, dass ich nicht der Mittelpunkt war, für den ich mich gehalten hatte. Mein Blickfeld erweiterte sich, Empfindungen wie Empathie und Einfühlungsvermögen gewannen zunehmend an Raum.

In diesem ergreifenden Versuch eines einfachen Gemüts, komplexe Prosa zu schaffen, sehen wir schon den Keim künftiger Größe. Bekanntlich war ja auch Schicklgruber zu Anfang nur ein kleiner Gefreiter, und wohin hat er es endlich gebracht? Er behielt eben immer unbarmherzig seinen großen Feind im Blick:

die meist unverheirateten Feministinnen

In diese verschlüsselte Formulierung, die uns in leichten Abwandlungen im Verlaufe des Buches noch öfter begegnen wird, müssen wir nicht viel Interpretationswillen investieren, um zu erkennen, daß unsere Eva von den "unverheirateten" Frauen auf seltsam besessene Weise fasziniert scheint, und im Zusammenklang mit der eingangs zitierten Widmung für die "Urkönigin der Weiblichkeit" fällt uns so der erste, noch zarte Schlüssel zu Evas Welt in die Hand, geformt wie ein großes "L". Ziehen wir ihn auf unseren Bund.

Fortsetzung folgt...

18.05.2007

Videoabend 5 - Xtreme Edition

Hier die Folgen 1, 2, 3 und 4.

Man muss einen Hentai-Anime wie "Stepsister" wirklich mal wenigstens zur Hälfte (Link leider nicht mehr aktuell) gesehen haben, wenn man im Ansatz zu verstehen beginnen will, warum diese Welt so ist, wie sie ist: Wäscheklammern in den Brustwarzen und der Klitoris? Check, überhaupt kein Problem! Natursekt, Squirting und Rimming? Check, 200 Zeichner haben fünf Wochen lang nur an dieser Animation gearbeitet! Sex in allen Löchern mit der Stiefschwester und der Stiefmutter? Check, die Soundeffektabteilung macht freiwillig Überstunden! "Muschi" sagen? AUF GAR KEINEN FALL, DU PERVERSES SCHWEIN!!!1

Aber vielleicht muss das so sein, wenn Japaner aus Videos wie diesem lernen, wie man heiße Gaijin-Frauen aufreißt:

Auch der Flashkünstler David Firth macht ziemlich geniale und morbide Filmchen wie dieses hier.

Fast grenzenloses und unglaublich beneidenswertes Talent kann man auch in Leni Riefenstahls "Triumph des Willens" beobachten, der tatsächlich frei online verfügbar ist. Wie der Führer einem Messias gleich aus den Wolken herabsteigt, über Nürnberg fliegt, in dessen breiten Straßen schon die Massen prozessieren, von ekstatisch leuchtenden Gesichtern jubelnd begrüßt, durch Spaliere über Spaliere mit der rechten Hand grüßender Bürger gefahren und mit einem Fackelzug geehrt wird, das bedarf überhaupt keines Sprecherkommentars, um eindrücklichst zu wirken. Die kernigen deutschen Burschen und die heranwachsenden Jungen beim Frühsport und an der Gulaschkanone (wogegen die feisten Perversengesichter der Nazifunktionäre natürlich deutlich abfallen, aber you go to war with the army you have), die Arbeitsmänner "aus Pommern", "von de Waterkant" und "vom Schwarzwald", die für ein Volk, einen Führer und ein Reich mit ihren Spaten stehen, dann eine Fackelparade der SA, am nächsten Tag Ariadne von Schirachs Großvater mit Schweißflecken und Hitler vor der Jugend, wieder durch grüßende Massen zu einer Militärparade, ein Meer von Flaggen auf dem Weg zum Parteitagsgelände, eine mitreißende Rede unter dem Reichsadler, wieder Fackeln, der dritte Tag ist zu Ende.

Hunderttausende Menschen wie Bauklötze, in ihrer Mitte der Führer, der Reichsführer-SS und der SA-Stabschef, Flaggen, Marschieren, Reden, Brüllen, Jubeln, Weihen, endlich die Thronsaalszene aus "Star Wars", ein berührter und energischer Hitler beschließt die Ordensmesse, mit gen morgen marschierenden Truppen unter der strahlenden Sonne der Swastika und den Lerchentönen des Horst-Wessel-Liedes endet das Meisterwerk, und in inniger Liebe zum Führer starrt man fassungslos in den schwarzen Schirm. Der beste Film aller Zeiten. Der schlimmste Film aller Zeiten.

09.03.2007

Ariadne von Schirach

Entsinnen wir uns noch dieses Eintrages über einen grausamen, grausamen "Spiegel"-Artikel selbiger Autorin?

Jetzt hat sie, oh Gott, ein fast 400 Seiten langes Buch daraus gemacht.

In einer "Zeit"-Anzeige zur Veröffentlichung fällt mir zuerst ihr Gesicht auf. Ein schönes, blondes Gesicht mit runden Wangen und einer niedlichen Nase, wachen Augen und forschendem Blick. Rechts davon der Titel, auf dem vor allem groß "Lust" steht. Darüber ihr Name, bei dem man sich sofort fragt, ob ...und ja, sie ist sogar seine Enkelin. Da sind ihr selbstverständlich völlig uneigennütziger Förderer Matthias Matussek, ausgerechnet, und dessen ejaculatio praecox "Ein wundervoller Text ..." am Ende der Anzeige nur mehr unnötige heiße und stinkende Luft, der erwartet gewaltige Medienorkan ist schon unterwegs.

Jung. Blond. Frau. Ficken. Führer.

Es ist, als hätte eine gute Fee die heimlichsten und dunkelsten Obsessionen des Deutschen, des Deutschen an sich erraten, all seine Wünsche gewährt und sie in Ariadne von Schirach und ihrem Buch verkörpert, fehlt nur noch, dass sie zugibt, dass sie einmal Sex mit einem Daimler hatte oder wenigstens mit Dieter Zetsche:

Seine Glatze schillerte wie die Motorhaube eines SL500 im Lichte eines New Yorker Herbstmorgens, und ich strich lachend darüber, auch weil sein Schnauzer mich kitzelte. Er sah, zwischen meinen Beinen, fragend auf, und ich drückte ihn erneut nieder und rief: "Ich bin Amerika, Dr. Z! Erobere mich mit deutscher Wertarbeit!! Importiere Deinen Maybach 62!!!"

Nur impotente und frigide Spielverderber würden bei einer solch feuchtfröhlichen nationalen Orgie nachfragen wollen, was es eigentlich mit dem Inhalt eines Buches zu tun hat, wie seine Autorin aussieht, ob es nicht seltsam ist, dass ein "von", und dann gar ein "von Nazi" auch über sechzig Jahre später noch immer erstaunlich viele Türen zu öffnen scheint, und ob die "Thesen" der Frau von S. es überhaupt im Ansatz wert sind, mit derartiger Resonanz verbreitet zu werden. Und darum tue ich es auch nicht.

Sondern google weiter nach "Ariadne von Schirach nackt".

07.03.2007

Mein Name ist Lazar, ich weiss Bescheid

Maria Furtwängler-Burda flüchtet vor dem menschenfressenden Iwan aus Ostpreußen, und es gilt alles, alles, was ich vor einem Jahr über "Dresden" gesagt habe.

Die "Neon" wiederholt, was ich vor Weihnachten über die eierlosen, sich vor "dem Islam" in die Hose scheißenden deutschen Komiker geschrieben habe. Es tut so weh, immer Recht zu haben!

Dass Airbus trotz stalinistischer Jungfernfluginszenierungen nicht mehr vom Boden kommt, liegt an eben diesen Inszenierungen und dem sich in ihnen wie auch in abstoßenden Schmähbriefen wie diesem ausdrückenden kryptoantisemitischen und offen rassistischen Antiamerikanismus. Ist eben leichter, im Auge des Anderen nach Körnern zu popeln, anstatt sich seine eigene Blindheit einzugestehen.

Zum Abschluss etwas, was auch ich noch nicht wusste: Was essen wir eigentlich?