21.08.07

Sommernacht

"A Midsummer Night's Dream" hat in meinem Herzen einen besonderen Platz.

Als ich das Stück zum ersten Mal sah, in der Inszenierung meines Schultheaters, entschied ich, vom Gezeigten tief angetan, selbst schauspielen zu wollen, und wenig ist in meinem Leben so gut für mich gewesen, in jeder Hinsicht, wie die Bühne.

In der Lektüre der scheinbar leichten Liebeskomödie eröffnet sich Ebene über Ebene, Bedeutung vor Bedeutung, Bild hinter Bild und lehrt die unendliche Vielfalt und Fülle des Lebens genauso wie seine Zufälligkeit und Unbegreiflichkeit, Botschaften, die nicht nur dieses kleine Blog gerne viel weiter verbreitet wüßte.

Selbst die Teeniekomödie "Get Over It" wurde durch die Aufführung des Sommernachtstraums als Rahmenhandlung des Filmes noch erträglich. Naja, und dadurch, daß Kirsten Dunst damals noch runde Brüste hatte.

Am Sonntag darum zu einer Freilichtaufführung von Shakespeares Meisterstück im Ludwigsburger Cluss-Garten gewesen.

Einen besseren Ort als diesen winzigen verwunschenen Park mit efeuüberwachsenen Mauern, dichten dunklen Bäumen und im Sonnenuntergang und Lampenlicht magischem Grün hätte auch der Barde selbst nicht finden können.

Schade, daß die Regisseurin und die Schauspieler so wenig daraus machen.

Ich verstehe ja, daß die meteorologischen Unwägbarkeiten, das korrodierende Oxygenium und die notwendig begrenzte Plätzezahl eine betriebswirtschaftlich konservative und darum künstlerisch massentaugliche Kalkulation erfordern, aber muß das immer heißen, den offensichtlichen Witz zu wählen? Muß einer sich unter der Decke immer mit einer Bewegung selbstbefriedigen, als hätte sein Schwanz Elephantiasis, muß eine schräge Person immer einen Propellerhut und eine sexhungrige Frau immer Madonnas Eiswaffel-BH auftragen, kurz, muß auf einer Bananenschale immer einer ausrutschen? Und das noch zum Soundtrack von "Amélie Poulain", ausgelutschter als Günther Oettingers Penis nach dem Besuch bei den "Freunden der Justiz Roland Freisler e.V." in Ditzingen-Heimerdingen.

Okay, das war geschmacklos. Es muß natürlich heißen: "...ausgelutschter als Roland Freislers verrottetes Arschloch" nach Günther Oettingers Besuch auf dem Waldfriedhof Dahlem usw.

Waren das jetzt Nekro- und Koprophilie, obszöne Verunglimpfung, Störung der Totenruhe, eine vulgäre Körperöffnung und ein führender Nazi in weniger als zehn Wörtern? Bravo, für ein Praktikum bei Elfriede Jelinek kann man nicht früh genug anfangen zu üben.

Wie dem auch sei, die auf einfache Scherze und die offensichtlichsten Ebenen des Stückes beschränkte Inszenierung kann durch den Zauber des Spielortes und die sonntagabendliche Anspruchslosigkeit und Sattheit der Zuschauer zwar durchaus als leichte Unterhaltung punkten, so daß man den Garten zufrieden verläßt, aber, wie übrigens auch eine Vorstellung des "Simpsons"-Films, leider innerlich leer.

Böse Menschen würden vermuten, daß diese Unausgefülltheit gewollt ist, damit sie durch verstärkten Konsum von "Simpsons"-Devotionalien und zweite Besuche von Theateraufführungen überdeckt werden kann, aber man soll ja nichts üblem Willen zuschreiben, was man durch bloße Dummheit erklären kann. Vielleicht hat die Regisseurin nur nicht verstanden, daß Puck so viel mehr ist als Oberons verschusseltes Faktotum und sein Herr alles andere als ein geiler Gnom, vielleicht hat der Schauspieler des Zettels schlicht nicht begriffen, was er mit der Tragödie von Pyramus und Thisbe eigentlich spielt, und vielleicht waren die Kostümbildnerinnen von den auch, haha, in der Aufführung angesprochenen stark unterschiedlichen Körbchengrößen der Helena und der Hermia einfach so verwirrt, daß ihnen nur Propellerhüte, überlange Ärmel und Löwenhandpuppen eingefallen sind.

Aber warum läßt man solche Leute dann auf die Bühne?

Und in mein liebstes Stück?

Raus aus meinem Herz!

Kommentare:

  1. Woooaah, der Sommernachtstraum! Der wurde mir durch einen Theaterbesuch unfreiwilligerweise auf Jahre hinaus versaut. Im Rahmen eines Schulausflugs ins Darmstädter Staatstheater stand jenes Stück auf dem Program, das, nunja sagen wir mal "modern" inszeniert wurde. Pucks Kleidung bestand bspw. nur aus einem Stoffsäcklein fürs Gemächte und im übrigen aus Ganzkörperbemalung.

    Also genau das richtige Outfit, um heftig Pubertierende auf den Tiefgang des Stücks hinzuweisen (es war für unseren Lehrer ein Desaster).
    Mittlerweile bin ich drüber hinweg... :)

    Mein liebstes Stück von Willi ist aber das eher weniger bekannte "Troilus und Cressida", vor allem weil er bei seinem Spätwerk schon so ein herrlich zynischer Sack war!

    Zum Sommernachtstraum (u.a.) kann ich auch noch Ralf Königs Elogium empfehlen: Jago

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  2. Only Sickos around here ;-)

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  3. Kann ich gut nachfühlen, sehr lustig auch die Bemerkungen zu Herrn Ministerpräsidenten. (Was die Anwälte wohl dieses Mal verlangen werden?)

    Simpsons ist doch eigentlich wirklich ein schöner Film oder? Warum innerlich leer danach sein? Nach einer misslungenen Sommernachtstraumaufführung viel nachvollziehbarer.

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  4. (EPA Official: "S-sir, I'm afraid you've gone mad with power..."
    Russ Cargill: "Of course I have. You ever tried going mad without power? It's boring. No one listens to you!")

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  5. Der "Simpsons"-Film war wie ein Donut: sicher lecker, lustig und schön anzusehen, aber eben mit einem Loch in der Mitte.

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