15.12.2025
Friedensbrot
Deutschland hat nach 1945 "Nie wieder" absichtlich als "Nie wieder Krieg" statt richtiger als "Nie wieder Faschismus" missverstanden, um sich zum einen von seiner Schuld am Holocaust exkulpieren und zum anderen wieder der liebsten deutschen Tätigkeit frönen zu können, Moralisiererei. Dieses seit Bismarck ungebrochene "Am deutschen Wesen mag die Welt genesen" ist der geheime Hauptantrieb, manchmal in sinistrer, manchmal in weniger sinistrer Form, der deutschen Außenpolitik und des deutschen gesellschaftlichen außenpolitischen Denkens, besonders seit 1989.
"Wenn diese Ausländer doch nur sehen könnten, dass man einfach nur mehr miteinander reden, ganz fest an Frieden glauben und dafür klatschen muss, dann wird es bald Weltfrieden geben!"
Ich nenne das die deutsche Glöckchen-Theorie zum ewigen Frieden. Klatscht, dass Glöckchen lebe! In einem Märchen mag dies ja noch ganz charmant sein, aber aus dem Kopf Millionen ansonsten nominell mündiger Erwachsener? Selbst die Lage unseres Landes an der Front des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1989 hat hier nicht zu einer nachhaltigen geistigen Reifung geführt, d.h. einer Anerkenntnis der Realitäten einer gefährlichen Welt mit diversen Akteuren, deren Interessen unseren teils diametral entgegenstehen, wogegen wir uns militärisch, diplomatisch, strategisch, politisch und mental rüsten müssen, denn si vis pacem, para bellum. Warum nicht?
Wahrscheinlich waren es der militärische und vor allem atomare Schutz durch die Amerikaner:innen und das (immerhin manchmal kompetente) Regeln der Ost-West-Beziehungen durch unsere Eliten, die diese geistigen Muskeln in der deutschen Bevölkerung haben verkümmern lassen. Dazu kam die fiese deutsche Bräsig- und Biederkeit, es sich im Bewusstsein seiner moralischen Überlegenheit (siehe oben) in seinem Wohlstand gemütlich machen zu wollen und dabei auch nicht zu hinterfragen, wie dieser Wohlstand erkauft wird. Mit dem Fall der Mauer fiel dann auch der letzte große äußere Anreiz, sich ernsthaft mit außenpolitischen Fragen zu beschäftigen, und diese korrosive Haltung fand zur Apotheose unter Angela Merkel, die sich "um alles kümmerte", indem sie schmutzige Wirtschaftsdeals mit brutalen Diktaturen schloss bzw. vertiefte.
Solange billiges Gas aus Russland kam, billiges Zeug aus China und billige Sicherheit aus Amerika, war der Deutsche in seiner Ignoranz zufrieden und konnte auf diese drei Länder und 191 weitere hinabschauen.
Allein, die Geschichte endet nie, und mit am wenigsten für Deutschland. Spätestens am 24. Februar 2022 brach Russland nicht nur in die Ukraine ein, sondern auch in die konstitutiven Lebenslügen ganzer Generationen von Deutschen. Da wagten es diese Osteuropäer:innen doch glatt, nicht der so vernünftigen deutschen Ansicht zu folgen, dass Frieden am Besten durch Ostermärsche und gemeinsames Brotbacken erreicht wird, sondern wollten ihr Territorium mit Waffengewalt verteidigen, ganz so, als gäbe es etwas, für das es sich zu leben lohne jenseits des Eigenheims, des Mercedes, Mallorcas und eines steigenden BIPs.
So wie es heißt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, so werden auch viele Deutsche den Ukrainer:innen diesen Krieg nie verzeihen, der sie, die Deutschen, zu Versehrten ihrer Heuchelei, politischen Infantilität, Feigheit, Gier und Bräsigkeit gemacht hat. Dieser psychologische Groll mag auch jenseits der typisch deutschen katastrophisierenden Ängste über russische nukleare Eskalation (die man leicht entkräften könnte, wenn man sich in den letzten Jahrzehnten eben mal ein wenig mit Außenpolitik befasst hätte) für unser hamletsches Zögern bei Waffenlieferungen verantwortlich sein. Wenn das Haus des Nachbarn brennt, das Feuer auf unseres überzuspringen droht und wir viele Feuerlöscher haben, so werden wir ihm doch nur widerwillig einen aushändigen, wenn er uns einmal bloßgestellt hat.
Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz all dieser geistigen Verheerungen die außenpolitische Betreuung Deutschlands durch die Westalliierten das beste war, was unserem kindischen Land passieren konnte. Wir sind nicht reif für die reale Welt. We can't handle the truth!
11.09.2021
Osama bin Laden hat gewonnen
Zu jener Zeit war ich tief in der unglücklichsten Verliebtheit meines Lebens versunken und dämmerte oft lange und traurig im Bett, ehe ich mich seufzend hinausrollte. Einmal an jenem in New York so klaren Dienstag aufgestanden, torkelte ich zum Fernseher und sah, ich glaube doch live, wie United Airlines 175 in den Südturm des World Trade Centers flog. Später traf ich mich mit Freunden bei ihnen, um gemeinsam CNN zu schauen, wie von Krieg Betroffene, die wissen möchten, wo heute die Front verläuft. Selbst von dort versuchte ich sie anzurufen, doch sie nahm nicht ab, und als ich auflegte, schaute ich neidisch und wehmütig auf einen Freund, der sich eng mit seiner Freundin zusammengekuschelt hatte, beide erschrocken und ängstlich Wolf Blitzer lauschend. Das kleinste persönliche Drama und das größte historische Ereignis seit dem Mauerfall in einem, eine solche wie außerirdische, scheinbar nicht einzuordnende Disruption der eigenen Kreise, so dass man wie blöde erstmal auf diese Kreise fixiert bleibt, weil sie, wenn auch unglücklich machend, wenigstens bekannt sind, und so doch auch am äußersten Rand noch die Wellen zu spüren, die diese Tat schlug, ist das nicht genau Terror, also Furcht, also Schrecken, also Verwirrung, wie beim Schaf, das den Wolf in seine Herde einbrechen sieht und erstmal nur glotzen kann?
Ich will mich damit natürlich nicht als ein Opfer von 9/11 hinstellen, den tatsächlichen Opfern und Held:innen ihre Ehre stehlen oder auch nur behaupten, dass sich mein Leben durch diesen Tag signifikant geändert hätte, Gott bewahre nein; nur an meinem Beispiel versuchen, begreiflich zu machen, was Terrorismus ist, was er will und kann und bewirkt. Und auch, was er nicht ist.
Viele Jahre später, 2016, fast in einem anderen Leben, habe ich mit meiner Frau auf unserer Hochzeitsreise das 9/11 Memorial & Museum besucht. Ich weinte an den Becken des "Reflecting Absence"-Mahnmals angesichts der tausenden ganz normalen Opfer, Menschen wie Du und ich, die einfach nur an einem klaren Dienstagmorgen zur Arbeit gegangen oder zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Die Hagiographie der Feuerwehrleute und Polizist:innen jedoch und Artefakte wie die "Treppe der Überlebenden" und ein beschädigter Drehleiterwagen waren zwar berührend, aber wirkten auch vage verzweifelt, ein Ringen nach Bedeutung und Narrativen im Chaos der einstürzenden Türme, eine Suche nach Orientierung und Gewissheit angesichts des buchstäblich (wie) aus dem Himmel gefallenen Terrors. Und wieder, ist das nicht die Essenz von Terror, also den Boden unter den Füßen wegzuziehen, die gefühlte Sicherheit zu zerstören, für immer namenlose Angst einzupflanzen?
Ja, Osama bin Laden ist schon mit 54 Jahren gestorben. Aber bis dahin konnte er ein nach seinen Maßstäben erfülltes und erfolgreiches Leben führen und objektiv ein epochales historisches Ereignis organisieren. Im Dezember 2001 konnte er glücklich den Amerikanern in Tora Bora entkommen und so wahrscheinlicher Folter entgehen. Seine letzten Jahre hat er mit seiner Familie, Coca-Cola und Pepsi und so vielen Videos mit Bugs Bunny und/oder großen amerikanischen Brüsten, wie er nur wollte, in einem großzügigen Neubau in einer Art Prä-Covid-Dauerhomeoffice verbracht. Wenn wir uns bin Laden im Moment seines Todes nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen, so doch mutmaßlich als einen, der mit sich im Reinen war, der im Großen und Ganzen erreicht hatte, was er erreichen wollte. Der gewonnen hatte.
Man darf nie vergessen, dass Terrorist:innen sehr schwach sind. Sie haben weder das Personal noch das Material oder die Kapazitäten, Ländern wirklich Schaden zuzufügen, das heißt zum Beispiel großflächig vitale Infrastruktur zu zerstören, Millionen Einwohner:innen tödlich zu vergiften oder eine militärische Besatzung aufrechtzuerhalten. Selbst Schwarzer-Schwan-Ereignisse wie 9/11 oder, sagen wir, die Sprengung eines vollbesetzten Parlaments können Ländern nicht ernsthaft schaden, weil diese einfach Gebäude wieder aufbauen und neue Parlamentarier:innen wählen können. Terrorist:innen können nicht direkt die Grundstrukturen, die Verfassungen, die Mentalitäten und auch die Bevölkerungen von Ländern angreifen, weil sie eben so wenige sind und so geringe Mittel haben. Ja, Terrortote sind tragisch, aber das sind infolge betrunkenen Autofahrens Getötete auch, und dort erklären wir nicht einen zwanzigjährigen "Krieg gegen den Rausch", in dem hundertmal mehr Menschen sterben als durch betrunkenes Fahren und für den wir Gesetze erlassen, dass man nur noch mit einem Polizisten auf dem Beifahrersitz losfahren dürfe.
Zu solchen Überreaktionen kommt es, weil Terrorismus indirekt doch auf unsere Grundstrukturen und Werte zielt, gleichsam über Bande. Er bricht wie der Wolf in unser Leben ein und macht uns namenlose, desorientierende Angst. In unserer Panik und unserem Trauma schlagen wir wild drauflos und vergessen uns selbst, um die Angst zu beherrschen und uns an denen zu rächen, die uns terrorisiert haben, oder zumindest an verfügbaren Sündenböcken. Und so merken wir in unserer Raserei gar nicht, dass wir mit unserer allgegenwärtigen, das essentielle Grundrecht der Privatsphäre schwer verwundet habenden elektronischen Überwachung und zunehmenden Polizeistaatlichkeit, mit unseren maximal halb durchdachten, in der Regel in Schmach und Schande endenden militärischen "Anti-Terror"-Interventionen und mit unseren Verdächtigungen und Gewalttaten gegen Muslime, aber auch z.B. Turban tragende Sikhs in unserer Mitte, genau das tun, was der Terror will. Dass wir unsere Grundrechte aufgeben und sie so als bloße Heuchelei entlarven. Dass wir unsere militärische, politische und diplomatische Stärke in ungewinnbaren Konflikten vergeuden. Dass wir unsere Gesellschaften so polarisieren, dass den Terrorist:innen das Rekrutieren viel leichter fällt: Siehst Du, in Wahrheit haben sie Dich immer gehasst. Wir aber sind für Dich da, Bruder.
Wir machen so, wenn wir dem Terrorismus auf den Leim gehen, sein Geschäft für ihn, viel besser und gründlicher, als er es je könnte. Denn Osama bin Laden wäre nie in der Lage gewesen, zum Beispiel den Patriot Act zu beschließen, die Otto-Kataloge Schilys oder die danach kommenden, unsere innere Freiheit weiter zerstörenden Gesetze. Al-Qaida hätte nie selbst so viele westliche Milliarden und Soldat:innen in Afghanistan vergraben können, wie wir es getan haben. Und 9/11 hätte uns nie so nachhaltig traumatisieren können, wie wir es selbst tun und tun, wenn wir nicht endlich unsere Angst vor dem Terror überwinden und uns darauf besinnen, wer wir sind und was wir haben, das uns nichts und niemand nehmen kann, außer wir uns selbst.
Solange wir das nicht tun, wird der große Gewinner dieses Tages, dieses elften Septembers, für immer nur Osama bin Laden sein.
30.06.2021
Was ich bloggen will
Update [08.09.22]: Noch mehr neue Themen hinzugefügt.
Update [11.07.21]: Einige neue Themen hinzugefügt.
- Abtreibung und die rückständige Unterleibspolitik generell in Deutschland
- Antiamerikanismus
- Antisemitismus in Deutschland
- Atheismus/Säkularismus/Laizismus und deren mangelhafte Umsetzung in Deutschland bzw. Decken des christlichen Klerus, selbst wenn er furchtbarste Verbrechen begeht
- Das deutsche Bildungssystem und seine Selektion
Die bröckelnde Brandmauer von Mitte-Rechts gegen ganz rechts bzw. die gefährliche ideologische Entleerung des Konservatismus bzw. aufkeimender Faschismus- Bundestagswahl 2021
- Dark Enlightenment/Blackpill
- Deutschland und die Deutschen
- Die "DDR" als Unrechtsstaat und die besorgniserregende Weigerung vieler Politiker:innen, sie so zu nennen
- Politische Desillusionierung in der Covid-Pandemie
- Der in jeder Hinsicht spektakulär gescheiterte "Krieg gegen Drogen"
- Drohnen
- Wie es ist, ein Elter zu sein
- Embourgeoisement
- Immer flachere Emotionen in Filmen
- Die gescheiterte Entnazifizierung in Deutschland
- Die scheiternde europäische Außenpolitik, z.B. in Syrien, Libyen und Afghanistan
- Fake News/Truthiness/Propaganda
- Feminismus/Emanzipation für Frauen, Männer und alle anderen
- Freiheit als einziger Grundwert
- Die Grünen/Ökoablässe/Performative Nachhaltigkeit
- Hass und Meinungsfreiheit im Netz
- Katarina Witt/Opportunismus und Leben im Falschen
- Klimakrise
- "The Last of Us"
- Law-and-Order-Politik bzw. übertriebene Terrorangst
- Leben ohne Angst vor dem unvermeidlichen Tod
- Mein Leben seit 2011
- Libertarismus
- Sogenannter Linksextremismus
- Der Niedergang der Medien in der Aufmerksamkeitsökonomie
- Angela Merkels katastrophale Kanzlerschaft
- Globale Moral (Ubuntu)
- Das majestätische "nahtlose Hemd" der katholischen Lebensethik, das viele Katholik:innen heute nicht mehr verstehen
- Nahostkonflikt
- Deutscher Nationalpazifismus
- Die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ)
- Paternalismus
- Polyamorie
- Populismus: When they go low, they win
- Post-Kapitalismus? Capitalist Realism sensu Mark Fisher, nur noch Konsum und Arbeit als Ersatzideologien
- Post-Privacy?
- Eine neue, prometheische Linke
- Prostitution und andere sexualisierte Gewalt
- Putinismus/Das wunderliche Verhältnis vieler Deutschen zu Russland
- "Rationalismus"/Szientismus als Irrweg einer vermeintlich logischen Weltanschauung
- Politisches Realignment
- Das nicht zukunftsfähige deutsche Rentensystem
Terrorismus/Osama bin Laden hat gewonnen- Transhumanismus und anderer technischer Fortschritt
- Ungleichheit
- "Exiting the Vampire Castle"/Woke-ismus
- Verrechtlichung von Klimazielen
- Verfehlte Wohnungspolitik
- Zukunft der Arbeit Reprise
- ...
22.06.2021
Chrysalis
Ich weiß, Skepsis ist angebracht angesichts der unten zu besichtigenden Ruinen früherer Versuche, das Blog zu reaktivieren, nachdem es eigentlich schon spätestens seit 2009 in einem großen Niedergang der Postingfrequenz begriffen war, bis zu den letzten schwachen Zuckungen und vergeblichen Versuchen in den Jahren 2010 und 2011, den Leichnam zu reanimieren, die vom Rigor Mortis bereits steifen Glieder nur einmal noch zu beugen. Große Skepsis. Beim Wiederlesen und Aufräumen meiner alten Einträge taten mir am meisten meine treuen Leser:innen leid, die sich in vielen Kommentaren neue Posts wünschten, aber Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich Jahr für Jahr bitter enttäuscht wurden. Darum möchte ich weit ausholen, um nachvollziehbar zu erklären, wie ich zum heutigen Punkt und dem Entschluss, zu versuchen, mein Blog neu zu starten, gekommen bin, und warum ich glaube und hoffe, dass der Versuch diesmal von Erfolg gekrönt sein wird.
Wirklich weit.
In die ganze Geschichte meiner Beziehung zum Internet. Die irgendwie auch die halbe Geschichte meines Lebens ist. Und damit auch die dieses Blogs. Yeah. Also holt Euch Popcorn und lehnt Euch zurück, denn ich bin jetzt alt, und es wird lang.
Archaikum
Wir tauchen also vom Olymp tief in die Nebel der Vergangenheit hinab, zuerst in die Zeit noch bevor ich mein Abitur im Jahr 1998 schrieb. Mit dem Internet kam ich zum ersten Mal regelmäßiger in Kontakt, als ich wohl im Jahr zuvor ein Referat über Napoléon Bonaparte für meinen Französisch-Leistungskurs erstellte und zur Recherche den einen Schulcomputer nutzen durfte, der ans Internet angeschlossen war. Ich schrieb fleißig Napoléon-Fakten von primitiven GeoCities- und Angelfire-Seiten ab, wälzte Bücher, machte teure Overhead-Farbkopien von so informativen wie beeindruckenden Gemälden wie "Le Sacre de Napoléon" und wurde schließlich für meine Mühen mit einer sehr guten Note belohnt. Das Internet war so damals nur eine eher statische Informationsquelle von vielen für mich, aber dennoch eine recht nützliche.Irgendwann danach, vielleicht 1998 oder 1999, bekamen wir zuhause Internet. In ISDN-Geschwindigkeit. Auf unserem einen Desktop-Computer im Wohnzimmer. Mühsamst und fragil über DFÜ (vielleicht) installiert. Und auch nur für Deutschland vergleichsweise früh, weil mein Vater, der zuvor bei IBM gearbeitet hatte, sich nun als IT-Berater selbstständig gemacht hatte und heimischen E-Mail-Empfang brauchte. E-Mails und Besucherzähler auf Tripod-Seiten waren unsere Webwelt. Ich wiederum ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo man schon über funktionierende Leitungen zum Telefonieren froh sein konnte, und suchte dabei nach einem Studium, das ich beginnen könnte. Der nach heutigen Maßstäben (hoffentlich) rückständige IT-Kurs in meiner Schule hatte mir gut gefallen, die Arbeiten am Computer interessierten mich trotz aller Frustrationen mit unseren Modems, und die Erzählungen meines Vaters klangen spannend, so dass ich mich schließlich (naiv) für Softwaretechnik an der Universität Stuttgart entschied.
Proterozoikum
Für dieses Studium brauchte ich natürlich einen eigenen Computer, den ich stolz bei einer Lidl-Aktion erstand und in seiner sperrigen Klobigkeit heimschleppte, und einen eigenen Internetanschluss, damals noch per Minute und/oder Megabyte abgerechnet. Anfangs waren noch nicht viele Studienressourcen online, aber das frühe Web faszinierte mich, so dass ich bald selbst begann, eine Homepage mit blinkenden Logos und rotierenden Zählern zu erstellen. Diese Seite ist leider nirgendwo mehr erhalten, aber aus diesen ersten Gehversuchen entstand nach kurzer Zeit meine alte Filmwebsite Moviebazaar, die heute noch online, wenn auch mittlerweile seit Jahrzehnten nicht mehr aktualisiert ist [Notiz an mich: Moviebazaar aktualisieren, noch Milch kaufen].Der Wunsch, über Filme zu schreiben kam mir zum einen, weil ich damals wie heute Filme lieb(t)e, mindestens jede Woche ins Kino ging und mich oft über die allzu oberflächlichen, jubelnden und/oder missverstehenden Kritiken in Zeitungen und Zeitschriften ärgerte. "Das kann ich besser", dachte ich und versuchte, dieses Versprechen in am Ende über 200 Kritiken und zahlreichen Filmspecials wahr zu machen. Es half meiner Motivation, dass ich gleichzeitig viel im Usenet, vorranging in Gruppen wie de.rec.film.misc, unterwegs war, wo leidenschaftlich über Filme diskutiert und gestritten wurde. Ich habe oft gesagt, dass ich online ein Foren- und Kommentargorilla bin, 500 Pfund pure Diskussionsmuskeln, vernichtende Blicke und spitze Zähne. Zuerst dazu gestählt wurde ich in den Flamewars des Usenets. So wurde das Internet in dieser Zeit für mich zu einer Plattform der kreativen Verwirklichung wie auch zu einer des mehr oder weniger gesitteten und lehrreichen sachbezogenen Austauschs.
Paläozoikum
2004 wechselte ich unter turbulenten Umständen mein Studium zur Technikpädagogik (Lehramt für Berufsschulen) mit dem Hauptfach Informatik, wofür ich einige meiner Softwaretechnikleistungen anrechnen konnte, und dem Nebenfach Politikwissenschaft, das meinen Interessen mehr entgegenkam. Im neuen Umfeld und auf dem Campus Stadtmitte, der mir bedeutend menschenfreundlicher als die stalinistisch-brutalistische Architektur des Vaihinger Hauptsitzes der Uni Stuttgart erschien, lebte ich auf und lernte bald viele neue Freunde kennen, wozu auch mein erneuertes Engagement in der Theatergruppe der Uni beitrug. Ich ließ meine Haare lang wachsen, trug experimentell Herrenröcke und knutschte und feierte viel, wofür ich auch manche Vorlesung am nächsten Morgen sausen ließ - nicht mehr wie früher aus Verzweiflung über unverständliche Inhalte und dem Gefühl, in einer dunklen Sackgasse zu stecken, sondern wegen eines handfesten Katers. Gute Zeiten.Doch mittlerweile war mir der Drive ausgegangen, nach jedem Film gleich eine Kritik zu schreiben und auf Moviebazaar zu veröffentlichen, und ich hatte auch nicht mehr die Zeit noch die Lust, jede Woche teils mehrmals ins Kino zu gehen, zumal es mir manchmal so vorkam, als hätte ich nun jede mögliche Geschichte schon einmal gesehen. Aber mein Mitteilungs- und Ausdrucksdrang war groß, und so kam am Valentinstag 2005, in jenem Interregnum der Blogs zwischen der GeoCities-Anarchie und der mit MySpace aufziehenden Social-Media-Tyrannei, Andis Soapbox mit diesem letztlich programmatischen Eintrag in die Welt.
I entered this world on the Champs-Élysées, 1959. Sur le trottoir des Champs-Élysées. And you know what my very first words were? New York Herald Tribune! New York Herald Tribune!
Ich hatte viel zu sagen und zu erzählen und zu wüten. Warum wir mehr auf die Wissenschaft hören sollten. Warum Konsumismus nicht über innere Leere hinwegtrösten kann. Warum wohl unsere Werteentkernung und unsere Angst vor dem Tod uns so anfällig für freiheitstötende Terror"bekämpfung" machen, ein in vielen Aspekten betrachtetes Lieblingsthema dieses Blogs. Wie ich durch Deutschland fuhr, um FreundInnen zu besuchen, und was ich dabei Gutes und weniger Gutes sah. Aber auch, immer wieder und trotz der guten Zeiten, wie ich mich, wenn auch noch oft verneint, nach tiefer Liebe sehnte (mehr Links dazu im Proterozoikum). Der Zeit der Rants in den Jahren 2005 und 2006 folgte so, nachdem ich mich in Dutzenden Einträgen ausführlich über alles ausgelassen hatte, was mich störte und aufregte, etwa ab 2007 die Zeit der Sehnsucht, begleitet von sowas wie einer kopernikanischen Wende meiner Soapbox, weg vom bloßen Wüten, hin zu mehr Versuchen der Erklärung und Überzeugung. Vielleicht kein Zufall, dass ich mich zu dieser Zeit auch mehr im Hochschuldebattieren engagierte, bis hin zu einem im Nachhinein in vielerlei Hinsicht für mich sehr wichtigen Bildungsroman bei der Debattier-WM in Cork.Für eine kurze Zeit fand ich im Jahr 2009 Liebe. Doch wie es so ist, durch Beziehung, Debattieren, Theater, das endlich nahende Ende meines Studiums und anderer Prioritäten mehr blieben mir immer weniger Zeit und Energie zum Bloggen, zumal ich wieder das Gefühl hatte, erstmal alles gesagt bzw. beschrieben zu haben, worauf ich hinweisen wollte. So degenerierte Andis Soapbox immer mehr zu einer Link- und Kurzkritikenfarm mit nur noch gelegentlichen interessanteren Lichtblicken, die dann auch meine in früheren Jahren gewonnenen, nun entwöhnten Leser:innen mehr anregten. Doch auch diese Funken konnten nicht verhindern, dass mein Blog im Herbst 2011 sein Licht aushauchte. Wie es ein Kommentierender leider treffend ausdrückte: "Boot steigt kurz an und sinkt dann wieder auf Grund". Zurück blieb erstmal Asche. Internet und Seele hatten in dieser Ära nicht mehr so geklafft, aber je mehr es meine Seele davonzog, desto weniger leuchtete hier ein Licht.
Mesozoikum
Nach meinem Abschluss als Diplom-Gewerbelehrer arbeitete ich erstmal einige Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Berufs-, Wirtschafts- und Technikpädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft der Uni Stuttgart in einem Projekt zur Kompetenzentwicklung von Berufsschüler:innen. Ich debattierte um einiges härter und mehr auf dem internationalen Parkett, wo ich endlich Bester Redner in Englisch als Fremdsprache der Weltmeisterschaft 2011 wurde und in insgesamt 17 nationalen und internationalen Finals stand, von denen ich, Michael Ballack, jedoch nur wenige gewinnen konnte. Beruflich konnte ich mich weiterentwickeln, indem ich mich erfolgreich bei der Europäischen Union bewarb, wo ich nun seit 2014 beim Statistischen Amt der EU, Eurostat in Luxemburg, an Folgenabschätzungen und anderen Bestandteilen der Modernisierung der europäischen Landwirtschafts- und Fischereistatistikverordnungen arbeite. 2012 trat ich der SPD bei (zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dafür betrunken gemacht wurde), was wenigstens den einen unabweisbaren Vorteil hatte, dass ich in dem Jahr über ParteifreundInnen J. traf. Wir heirateten 2016 mit einem sehr schönen Fest und haben 2018 und 2021 Kinder bekommen. Sehr sehr gute Zeiten.Trotz oder wegen dieses privaten und beruflichen Glücks spürte ich, dass ich immer noch bzw. wieder einiges zu sagen hatte, und tat es nun in sogenannten sozialen Medien wie Facebook und ab Ende 2019 auch auf Twitter (mein Twitter-Handle hielt die Erinnerung an diesen Ort wach). Nachrichten, Persönliches, Politik, Religion, Debattieren, die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ), zu vielem schrieb und meinte ich und diskutierte hitzig mit FreundInnen und Bekannten in "nach unten offenen Kommentarspalten", Löchern für Zeit. Dem intimen und fruchtbaren Austausch mit wenigen Stammleser:innen meines Blogs in dessen Kommentaren folgte so ein weiter gefasster, manchmal produktiver Diskurs, auf Facebook noch sinnvoller als auf Twitter, wo man aufgrund der katastrophalen Threadnavigation oft nicht mal erkennen kann, wer gerade wem worauf antwortet, vom viel weiter und daher viel dümmer gefassten Publikum gar nicht erst zu reden.
Doch nach einigen Jahren, zumal in der Coronapandemie, die auch mich zum Innehalten brachte, und angesichts dessen, was die "sozialen" Medien für Profit an Katalyse extremer, tödlicher Denk- und Handlungsweisen fördern, traten bei mir auch auf diesen Plattformen Ermüdungserscheinungen auf. Wem gehört eigentlich, was ich schreibe? Wer kann es lesen, wenn es nur für "Freunde meiner Freunde" sichtbar ist, und wegen der Kapriziosität der Ranking-Algorithmen auch nur für einen Bruchteil davon? Und sollte ich mich nicht lieber wieder mit wenigeren, geschätzteren Diskutant:innen austauschen statt u.a. mit Selbstdenker88 und Peter Abtreibungspranger? So versiegte auch auf Facebook und Twitter mein Meinungsstrom langsam, auch wenn ich immer noch nicht weniger Meinungen hatte als früher. Meine Äußerungen und die Informationen über mein Leben auf Facebook und Twitter waren nun mit meinem tatsächlichen Sein weitgehend kongruent, aber ich fühlte mich nicht mehr mit dem Medium wohl. Ich begann, nach einem neuen Weg zu suchen, mich zu vermitteln, mit mehr Kontrolle über meine Outputs und einem hoffentlich genauer gezeichneten Leser:innen- und Gesprächspartner:innenkreis. Die Antwort lag erstaunlich nahe, ein Phönix rief.
Känozoikum
Die Larve verpuppt sich in der Chrysalis, und in einem Prozess der Liquefaktion wird sie erst fast ganz flüssig, bevor sie die Imago neu aufbaut und endlich als schöner Schmetterling schlüpft (Metamorphosen sind nur als Metaphern romantisch). Ich war ein verstockter Computer- und Filmnerd, bevor ich ein extravagantes drama kid und ein feurig zürnender Blogger wurde. Dann verflüssigte ich mich wieder und schlüpfte endlich als Hardcore-Debattierer und empirischer Wissenschaftler. Ich häutete mich wieder und wieder und wurde Facebook-Meinender, EU-Beamter, Ehemann und Vater, mein Embourgeoisement vielleicht zum Hohn einiger meiner früheren Ichs nun fast komplett, doch mein Glück ganz. Meine Präsenz im Internet reflektierte dabei so oder so meine Einstellungen, meine Interessen, meine Zeit und auch Moden. Und nun, mittwegs auf meines Lebens Reise, finde in Andis Soapbox ich mich wieder verschlagen.
Das Schöne an einer Seifenkiste ist, dass sie an sich nichts impliziert, was man auf ihr stehend sagen sollte, außer in bescheidener Faktizität einen erhöhten Punkt zum Sprechen anzubieten. Ich weiß nicht, wie oft ich die Zeit und die Inspiration haben werde, hier mein altes Megaphon aufzunehmen und etwas Neues zu sagen, das Leben, von dem ich mir in manchem alten Eintrag mehr gewünscht hatte, umarmt mich nun jeden Tag wie ein Grizzlybär, durchaus sehr warm und herzlich, aber die Umarmung abzulehnen wäre eine extrem schlechte Idee; zuerst werde ich, nachdem ich nun bereits alle alten Blogeinträge aufgeräumt, endlich vollständig gelabelt und meine tauglichsten Entwürfe hier und da in die Jahre eingestreut habe, in denen ich sie verfasst hatte, meine besten Texte aus Facebook, Twitter, Foren und von meinen Festplatten hier einpflegen (und euch darauf hinweisen), um ein möglichst lückenloses Archiv und eine Referenz meiner wichtigsten Online-Äußerungen an einem Ort zu haben, sowie ein paar weitere hoffentlich erfolgreiche Schreibprojekte verfolgen, was mich noch eine Weile beschäftigt halten dürfte. Dann möchte ich manches zu Manchem sagen, das ich in den letzten zehn und mehr Jahren erlebt oder gesehen habe oder das mich schon länger beschäftigt, und danach noch zu den Dingen, die passiert sein werden, nachdem ich mit all diesen Zusammentragungen angefangen habe. Und dann - werde ich vielleicht wieder denken, dass ich nun alles gesagt habe, was ich sagen wollte, und mich womöglich neuen Ufern zuwenden, neuen Formen, in eine neue Puppe spinnen und wieder liquifizieren. Alles, was ich Euch daher anbieten kann, das einzige Versprechen, das ich geben kann, ist, als der Schmetterling, der ich heute bin, mit Euch zu fliegen, in den blauen Himmel hinein.
Aber das sicher.
In diesem Sinne: Excelsior!
01.12.2020
Deutsche Polizeipanzer rollen wieder
Die amerikanischen ehemals militärischen Polizei-MRAPs werden nun in einem zynischen Reim der Weltgeschichte beim "Krieg gegen Drogen", lukrativen Beschlagnahmungen und anderen fragwürdigen Aktionen vor allem gegen Minderheiten, Protestierende und andere "Gefahren" eingesetzt. Im Namen diffuser "Terrorabwehr" oder der Bewältigung angeblicher "Gefahrenlagen" kommt nun anscheinend auch die deutsche Polizei mehr und mehr auf die Idee, sich zu militarisieren und statt "Dienen und Schützen" "Dominieren und Einschüchtern" als Motto anzunehmen.
Ich habe so einen Casspir mal in echt gesehen, im Apartheidmuseum in Johannesburg. Ein furchterregendes Fahrzeug, das nichts mehr mit einer in die Gesellschaft eingebetteten, dienenden Polizei gemeinsam hat, sondern einen Polizeistaat vorwegnimmt.
Eine gefährliche Entwicklung.
09.05.2012
Europe Day
20.04.2012
Betreuungsgeld
Aber die tatsächliche Umsetzung mit einem lächerlich geringen Taschengeld, um Klagen wegen der aus politischer Unfähigkeit verfehlten Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen Tagesstättenplatz abzuwenden, das Fortbestehen Frauen benachteiligender familiärer Betreuungsarrangements und das bedauerliche Erziehungsversagen vieler Eltern machen es mir leider unmöglich, praktisch für das Betreuungsgeld zu sein. Es frustriert mich sehr, wenn meine schönen Ideale an der hässlichen Realität scheitern!
* Jede staatliche Erziehung ist schon notwendig (um Massen effizient beschulen zu können), aber auch gewollt (um "gesellschaftliche Werte" zu verbreiten und Gefahren für die etablierten Machtstrukturen abzuwenden) konformistisch normierend. Ich halte das prinzipiell für schlecht, weil der Staat sich aus der Werteformung heraushalten sollte, anstatt seine zu mächtigen, paternalistischen Tentakel immer tiefer in alle Bereiche der Lebensgestaltung hineinzuwühlen. Er soll sich auf seine Hauptaufgabe der Innen- und Außenverteidigung konzentrieren und so Raum für Freiheit schaffen, anstatt ständig mehr Aufgaben zu übernehmen, Wahlfreiheiten zu beschneiden und die Leute nach seinem Bild zu formen. Darum bin ich grundsätzlich auch gegen Schulpflicht. Aber das kollidiert direkt mit meinem anderen Ideal der Chancengerechtigkeit, unter das sich auch mein Feminismus weitgehend subsumieren lässt. Ohne flächendeckende und bezahlbare, also staatliche Kindertagesstätten müssen die Frauen zuhause sitzenbleiben, und viele Kinder bleiben von früh auf weit zurück. Das ist nicht, was ich mir unter einer menschlichen Gesellschaft vorstelle. Trotzdem frage ich mich, wie stark sich der Staat hier einmischen sollte. Denn wo soll die Normierung noch enden?
31.01.2010
Links, Links, Links
Zur Einstimmung etwas Musik - "Storm" von Tim Minchin: Danach: "Crazy in Love", wundervoll gecovert von Antony und den Johnsons: Nun Wissen: Wie schlecht und gefährlich die von Abermillionen amerikanischen Christen gelesenen "Left Behind"-Bücher sind. Wie man seine kreationistische Oma überzeugt. Wieso Gott keine Amputierten heilt (Protip: Weil es ihn nicht gibt). Wie schwul Tiere sind. Wie man ein Laufrad baut. Wie man die Pharmaindustrie verteidigt. Wieso wir doch nicht so egoistisch sind. Wieso der Krieg gegen die Drogen gescheitert ist. Wieso Obamas erstes Jahr erfolgreich war. Wie das Leben eines jungen amerikanischen Soldaten aussieht (sehr berührend). Wie Günter Wallraff Rassismus in Deutschland suchte und fand. Wie verkommen, pharaonisch und zurecht zum Untergang verdammt Dubai ist, Johann Hari ist der beste Journalist ever! Schließlich: Der Ludwig lacht, dem Leser gefriert das Lachen.
Erinnern wir uns noch an diesen Eintrag? Über ein altes, sehr zentrales Thema dieses Blogs, dass Rektaluntersuchungen unsere Freiheit zerstören nämlich, Zentimeter für Zentimeter? Habe ich schon erwähnt, dass jemand im Herbst einen saudischen Prinzen mit einer Bombe in die Luft sprengen wollte, die er in seinem Arsch geschmuggelt hat? Zusammen mit dem weihnachtlichen Unterhosenbomber kann es auf solche Bedrohungen nur eine sinnvolle Antwort geben: Eier. Wir müssen uns Eier wachsen lassen, endlich ein paar gute Ovarien, und aufhören zu glauben, es gäbe absolute Sicherheit.
Wer Eier hat, riesige: Die aktive walisische Rugbylegende Gareth Thomas, die sich als schwul geoutet hat. Wann werden es ihm unsere feigen Waschlappen von deutschen Fußballern nachmachen? Aber gut, wer eine so unglaublich reife und menschliche Frau wie Jemma Thomas gewinnen konnte, scheint ein weit stärkerer Charakter zu sein als der durchschnittliche Ehemann einer deutschen Spielerfrau. Go Gareth go!
Zum Schluss noch ein Lehrvideo: ... and then Buffy staked Edward. The End.
10.07.2009
Death to Spreeblick
Heute habe ich aus Neugier nach langer Zeit mal wieder geschaut, womit sich die größten Blogs in Deutschland beschäftigen.
Großer Fehler.
Dieser Eintrag im Top-5-Blog Spreeblick ist von so einer durchdringenden Perfidie, Pseudoabgeklärtheit, Ignoranz, Bräsigkeit, Konsenssucht, Wohlstandsselbstkasteiung und endlich reaktionären Unoriginalität, dass man den Autor Johnny Haeusler nicht zum ersten Mal gewaltsam schütteln und ihm mit voller Kraft aus nächster Entfernung dies ins verkniffene Irgendwas-mit-Mediengesicht brüllen möchte:
Hör auf, so gott-fucking-verdammt deutsch zu sein!!
Okay. Zwei Pillen und ein Schluck Wasser aus dem Hahn. Systolisch 173, wieder ganz normal also. Zurück an den Computer und alles nochmal ganz langsam von vorn.
Worum geht es?
Das Mitglied in mittleren Rängen der Piratenpartei Bodo Thiesen ist durch fragwürdige Äußerungen zum Holocaust aufgefallen, 2008 auf der Mailingliste der Partei und offenbar schon früher im Usenet, wie einige Blogger herausgefunden haben, und weswegen jetzt offenbar eine Kontroverse hochkocht.
Ahaha, das gute alte tote Usenet.
Mein grausamer, mein geliebter, mein bester Lehrmeister für Diskussionen im Netz.
Schauen wir uns also an, was Bodo Thiesen im Usenet geschrieben hat, aber weil wir nicht so viel Zeit haben, Diplomarbeit, remember, gehen wir nur ganz oberflächlich drüber, zum Beispiel durch Gruppen wie de.talk.tagesgeschehen oder de.soc.politik.misc, gedacht als Anlaufpunkte für gesittete Diskussionen über aktuelle oder fortlaufende Politik, tatsächlich Sammelbecken für Antisemiten, Paranoiker und Wortdiarrhötiker aller eitergrünen bis schwarzbraunen Schattierungen, aber that's the Internet for you. Also, nur ein paar Auszüge.
Bodo Thiesen im Thread "Simon Wiesenthal Center fordert Buchzensur", 28. Februar 2003:
> Ich kaufe Bush diese Rhetorik nicht ab.
Ich auch nicht. Es geht um Öl. Nicht mehr, und nicht weniger.
> Blair und die CDU/CSU stimmen
> ihm zu.
Klar, wer will sich schon die USA und die ##### zum Feind machen?
Gruß, Bodo
--
PS: ##### ist eine freiwillige Selbstzensur, um mich vor juristischen
Atakken von der ######### Seite zu schützen.
Und schließlich Bodo Thiesen im Thread "Geschichte kann auch Strafe sein", 7. Juli 2003:
>> Geschichte kann auch Strafe sein.
>Strafe, die selbst verursacht wurde.
Es gibt Theorieen, die besagen, daß die deutschen Main-Stream-Medien von den
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]
[...]
>> Zeigt man denn anderswo auf andere Länder?
>> Zeigt man auf Russland, England, USA oder Japan?
>6 Mio. Menschen wurden umgebracht. Das dauert nun mal bis das vergessen ist.
Zu den 6 Mio. Menschen, kann ich nur sagen, daß ich da so meine
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]
>Unsere Vorfahren hätten sie ja nicht umbringen müssen.
Meine Vorfahren haben keinen umgebracht. Ich kann für Deine nicht sprechen.
Vor allem aber habe ICH keine umgebracht.
>Die verordnete Humanität ist auch in der Bevölkerung nicht so ganz
>angekommen.
Wenn "verordnete Humanität" mit "bitte zahlt mal hier und dann bitte noch
da, ach ja, dies hier hätten wird ja fast vergessen, und natürlich auch
noch ..." gleichzusetzen ist, dann kann ich da auch nichts positives drin
sehen.
>Unsere Straßen sind Luxuspisten während die Scheißhäuser unserer Schulen
>schon lange nicht mehr zu benutzen sind.
Ich habe da meine Beobachtungen gemacht. Wenn ich die hier nennen würde,
würde mich das zu einem Antisemiten oder wenigstens zu einem Nazi machen,
daher lasse ich das jetzt.
[...]
>Man muss sich nicht menschlich nennen sondern auch so handeln.
Klar, das geht aber nicht, indem man fortan auf 12 Jahren "deutscher"
Geschichte rumhackt, und dabei 1000 Jahre vergisst, in denen Deutschland
vom Ausland (vorzüglich F) gegängelt wurde.
Gruß, Bodo
Ich weiß es. Ich fühle es in meinen Knochen. Aber ich kann es nicht beweisen. Bodo Thiesens Aussagen sind geschickt genug, seine Punkte gültig genug, um alles glaubwürdig genug abstreiten zu können, und darum schreibt er ja auch, wie er schreibt. Nein, ich bin kein Nazi, aber haben die Polen uns nicht zuerst den Krieg erklärt? Nein, ich bin kein Verschwörungsspinner, aber sind die Umstände von Möllemanns Tod nicht seltsam? Nein, ich hasse keine Juden, aber sollten sie nicht besser zusammenpacken und abhauen? Nein, nein, nein ... aber?
Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Bodo Thiesen extreme rechte Ansichten zum Dritten Reich, zum Holocaust und zu Juden hegt. Ansichten, die ich für widerlich, anstößig und absurd falsch halte. Und ich verstehe die Piratenpartei, wenn sie sich überlegt, ob sie so einen Menschen weiter in ihren Reihen behalten will.
Aber, und das ist der Punkt dieses Eintrages, und warum ich es so hasse, dass eine so prominente Plattform, eine so großartige Möglichkeit zur Förderung des Wahren und des Guten wie Spreeblick Beschränkungen der Meinungsfreiheit das Wort redet, ich würde bis zum Blut dafür kämpfen, dass Bodo Thiesen seinen Scheiß, seinen Müll, seinen menschenhassenden Eiter von jedem Dach brüllen darf.
Weil die Freiheit der Rede die erste Voraussetzung einer freien Gesellschaft ist.
Dass jeder mit gleichem Recht sagen darf, was er will.
Dass nicht einige Redner oder Reden gleicher sind als andere.
Nur in dieser grundlegenden Gleichheit bestehen für mich Freiheit und Demokratie.
Wo ist die Grenze dieser Gleichheit, dieser Freiheit?
Erst ganz, ganz nah vor der Nase des anderen.
Alles andere erscheint mir undemokratisch, ungleich, unfrei.
Also: "Feuer!" im geschlossenen, übervollen Kino schreien? Verbieten. "Tötet diesen Bastard, den da hier!" - Verbieten. "Diese Hure hier klaut aus der Kasse!" - Vielleicht verbieten. "Schröder, der Bock, schläft mit Maischberger, der Schlampe!" - Nicht verbieten. "Es gab keinen Holocaust!" - Nicht verbieten. "Tod den Juden!!" - Nicht verbieten.
Im Zweifelsfall, gültig wie immer: Lasst. Euch. Eier. Wachsen.
Tut selbst was gegen abstoßende Rede, widerlegt sie zum Beispiel oder redet lauter.
Und hört endlich, endlich auf, nach der Amme Staat zu rufen.
Ihr gottverdammten Deutschen.
19.06.2009
Iran
Trotz meiner Uninformiertheit daher, und aus der Erfahrung meiner zwei Praktika in Nordkorea folgernd, in Verbindung mit meiner generellen, aber sympathischen Unbescheidenheit, hier meine Gedanken zur Grünen Revolution.
Das politische System Irans funktioniert so: Der Oberste Führer, Ali Khamenei, hat die Macht und genießt sie auch. Er gibt keine Interviews. Er äußert sich fast nie öffentlich. Wenn jemand ihn sehen will, muss er nach Teheran kommen. Er gibt die Richtlinien vor, überwacht die Politik, kommandiert die Streitkräfte und ernennt und entlässt fast jeden hohen Staatsdiener. Ein 86-köpfiger Expertenrat, dem zur Zeit der reichste Mann Irans und Gegner Khameneis, Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, vorsitzt, soll den Obersten Führer kontrollieren und kann ihn theoretisch auch entlassen, aber macht praktisch nichts, außer sich wohlig die Eier zu schaukeln, oder was immer fromme islamische Geistliche stattdessen tun. Kurz, wenn Khamenei morgens in sein Büro kommt, holt er zuerst das gewellte Porträt von Ajatollah Khomeini aus der Schublade und küsst es innig, innig und drei Minuten lang.
Dann steckt er es schnell zurück, weil ihm Khomeinis Blick so Angst macht.
Das lästige Tagesgeschäft des Regierens und der Gesetzgebung übernehmen der Präsident und das Parlament, die vom Volk gewählt werden. Doch Präsidentschaftskandidaten wie auch neue Gesetze müssen erst vom Wächterrat genehmigt werden, der aus sechs vom Obersten Führer ernannten Islamgelehrten und aus sechs vom Parlament aus den Vorschlägen des Oberhauptes der Justiz gewählten Juristen besteht. Wer ernennt das Oberhaupt der Justiz? Der Oberste Führer. So it's good to be the king, denn durch dieses System können die Iraner in vergleichsweise demokratischen Wahlen alle paar Jahre Dampf über Armut, Arbeitslosigkeit und Willkür ablassen, aber dank des Wächterrates bleibt der Deckel drauf, Quatsch wie ein Gorbatschow oder Frauenrechte kommen nicht in die islamisch-republikanische Wundertüte, und Ali Khamenei kann weiter jeden Morgen in Ruhe das Bild seines Vorgängers knutschen, mit Zunge, ganz gleich, wer gewählt wird, knutschen heute, morgen und immerdar, Inshallah.
Warum dann die Fälschung?
Ich denke, der "Economist" trifft es:
What could explain such an apparently blatant attempt to rig an election that, even had Mr Mousavi won, would have represented little threat to either the republic or its supreme leader? The most likely theory is of a plan gone awry. Given the line-up of institutions either controlled by Mr Khamenei or systematically packed with Mr Ahmadinejad’s supporters, and given that no incumbent president in Iran has yet lost to a challenger, it may have seemed safe to bet on the president’s victory. This would have brought the added satisfaction to many dyed-in-the-wool conservatives, possibly including Mr Khamenei, of weakening the position of Mr Rafsanjani, who has mounted a rearguard struggle to contain the president’s influence.
Just to make sure, strong potential challengers, such as Mr Khatami and the popular, conservative mayor of Tehran, Muhammad Qalibaf, were "persuaded" by the supreme leader not to run. Compared with the ebullient, politically canny Mr Ahmadinejad, the three remaining challengers appeared drab and uninspiring. Mr Ahmadinejad felt so confident that he agreed to an unprecedented series of televised debates. His superior political skills gave him the advantage on screen, but his scorn for his rivals helped stir up a surge of sympathy for Mr Mousavi, dispelling the political apathy that normally pervades Iran’s middle class.
Conservatives suddenly found themselves facing a torrent of youthful activists, their passion for change magnified by the spontaneous but effective use of simple symbols and modern communications. Stunned by this turn of events, Iran’s deep state appears to have opted for a last-minute, and therefore clumsy, attempt to alter the outcome in the president’s favour.
"O Oberster Wächter des Rechts?"
"Kreuzdonnerwetter Mohammad, wie oft habe ich gesagt, dass Du mich nicht bei diesem Titel nennen sollst!? Wie soll ich das auf eine Visitenkarte drucken?! Außerdem ist nichts langweiliger, als ein Wächter zu sein ... Nachtwächter!! Was haben wir vereinbart?"
"Ähem ... O König der Pimps, d-"
"Besser."
"O König der Pimps, die Wahlbeteiligung beträgt über 80 Prozent."
"Sehr gut! Umso mehr Stimmen für ... wie heißt er noch? Mit dem Bart? Und dem strengen Geruch?"
"Äh ... unsere Prognosen zeigen, dass die meisten dieser zusätzlichen Wähler nicht für Präsident Ahmadinejad, sondern für Herrn Mousavi gestimmt haben. D-die ersten Wahllokale melden, daß Herr Mousavi mit über 60 Pro-"
Ali Khamenei wird weiß. Ali Khamenei wird rot. Er holt einen goldenen Pimpstock hinter seinem Sessel hervor. Er schlägt seinen Assistenten Mohammad auf den Kopf. Er schlägt den Vorsitzenden des Wächterrates in die Rippen. Er schlägt das Oberhaupt der Justiz in den Schritt. Er schlägt sogar das Foto von Khomeini von seinem Tisch, hebt es aber schnell wieder auf. Er nimmt den Telefonhörer und brüllt, brüllt, brüllt, bis er nur noch japsen kann. Reformwähler? Die sich gegen seinen Kandidaten stellen?! Änderungen an seinem System verlangen?!? Ihn herausfordern mit Millionen über Millionen von Stimmen, ihn, König der Pimps?!?! Das wollen wir doch sehen!!!!1
... Diese nichtenheiratenden Bastarde in der Provinz können nicht mal Wahlen richtig fälschen, denkt Khamenei. Mir-Hossein Mousavi soll sogar in seiner Heimatregion verloren haben, in seinem gottverdammten Hinterhof. Seit Tagen marschieren hunderttausende Halbstarke in grünen Lumpen durch die Straßen und lassen sich nicht mal von den prügelnden und mordenden Freiwilligentrupps der Basij einschüchtern, und sie werden immer mehr. Irgendwo sitzt dieser widerliche Geldsack von Rafsanjani und wartet nur darauf, Oberster Führer anstelle des Obersten Führers zu werden. Und was die Armee und selbst die sonst so loyale Revolutionsgarde angesichts der protestierenden Massen ihrer Brüder und Schwestern machen werden, ist alles andere als sicher. Was soll Khamenei tun? Er schaut auf das Porträt von Khomeini, aber bekommt wieder Angst vor dem Blick.
Die Fälschung einzugestehen wäre geradezu lebensgefährlich und sicher das Ende der islamischen Republik. Aber Ahmadinejad hat als Präsident ausgedient, niemand akzeptiert seinen Sieg. Doch eine Wiederwahl zu organisieren, in der Mousavi gewänne, würde zu tiefgreifenden Veränderungen führen, vielleicht müsste Khamenei sogar seinen Pimpstock abgeben. Und die Proteste auszusitzen ist auch unrealistisch, hier ist f'ing Iran, und wenn die Iraner eins können, dann protestieren. Bleibt nur ... Gewalt? Aber würde das die Legitimität der Republik nicht noch mehr zerstören als das Eingestehen des Betruges? Würde das nicht Khameneis Abgang in Blut beschleunigen, ja garantieren? Wäre das nicht ... das Ende?
Der Oberste Führer der Islamischen Republik Iran, Großajatollah Sayyid Ali Hoseyni Khamenei, sieht auf seinen Pimpstock. Er sieht auf das Porträt von Ruhollah Khomeini. Er versucht, auch so zu schauen wie Khomeini, aber vor Anstrengung wird ihm schwarz vor Augen. Er greift seinen Stock fester. Freitag, zum Gebet, wird er es ihnen zeigen, wird er es ihm zeigen, ja, Freitag. Freitag! Freitag!! ...
- Die hohe Wahlbeteiligung zeigt die Akzeptanz unseres Systems
- Das System funktioniert, es gab keine Fälschungen, I <3 Ahmadinejad, suck on it
- Ergo sind Demonstranten Feinde unseres Systems und werden plattgemacht. AB MORGEN
- Mahmoud, Du Versager, wenn ich untergehe, sinkst Du mit! Kiss of death, sucka!
- BFF, Rafsanjani? Pretty please? Bitte nicht absetzen ... oder sonst! B-b-bitte?
Wie gesagt, ich bin zuwenig informiert.
Doch eins weiß ich: Die Freiheit wird siegen, am Ende.
Möge es bald kommen.
20.08.2008
A Streetcar named Desire
In diesem Kontext mit Freundinnen A. und I. vor dem Ausgehen lecker gegessen und, der letzten "Neon"-Ausgabe ansichtig (Titel: "Diesmal zahle ich! Die Liebe und das Geld - warum eine Beziehung klare Finanz-Regeln braucht"), gemeint, dass das Magazin sich an Fünfzigjährige im Körper von Dreißigjährigen wende. An geistige Frührentner und im Laufrad glückliche Hamster. Auf Unverständnis gestoßen und konsterniert gewesen und gedacht, was ist mit mir los?
Ich weiß, dass Geld ein Faktor in Beziehungen ist. Dass man ihn zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen sollte. Und dass die meisten Menschen für Rat und Hilfe in dieser Frage dankbar sind, was nicht nur die "Neon"-Leser, sondern auch die Autoren und die Anzeigenkunden glücklich macht, ich weiß und ich verstehe das.
Aber trotzdem, was hat so ein Titel auf einem Magazin für junge Erwachsene zu suchen? Warum diese gedankenlose Affirmation, diese leidenschaftslose Asepsis, diese Selbstrelegation in die Trivialität? Ist das größte Problem der jungen deutschen Erwachsenen wirklich, ob Ole-Kevin das Spüli zahlt oder Lisa-Lisa? Bewegt unsere, meine Generation wirklich nichts mehr als das Klein-Klein in unseren privaten Lebensblasen, heute schillern sie blau und morgen grün, weil öko ist ja jetzt in? Und warum kaufen wir dann nicht gleich "Frau mit Herz" oder FHM, da lernen wir auch noch, wie wir uns in nur fünf Wochen durch Powersticken einen Waschbrettbauch zaubern?
Ist es zuviel verlangt, ist es so utopisch, andere Geschichten zu erwarten? Zum Beispiel, wie man in einer Dreierbeziehung das Geld aufteilt? Oder wie man ganz ohne Geld zusammenleben kann? Oder was wir tun müssten, um nicht unser ganzes Denken, unser ganzes Sein vom Kapitalismus durchseuchen zu lassen, so nützlich er ist? Oder wie wir für mehr Gerechtigkeit auf der Welt sorgen könnten, Gerechtigkeit und Freiheit und Wohlstand, damit auch Abubakar und Lin Lin bald keine größeren Sorgen mehr haben, als wer den von zuviel Spülen gesprungenen Teller ersetzen soll? Weil wir Menschen sind und auf der Welt, um anderen Menschen zu helfen und ansonsten, um das, was ist, zu hinterfragen, ob es nicht besser ginge, damit es uns besser ginge? Ist diese urtümliche Botschaft, dieses göttliche Gebot noch heute zu radikal, um gedruckt zu werden? Und wenn, wieso steht dann in jedem Haus ein Neues Testament, und unsere Helden sind Gandhi und Martin Luther King Jr.?
Ist es so seltsam, auf all das hinzuweisen? Bin ich so seltsam, lieber mit Brando und Vivien Leigh in einer winzigen Wohnung im unerträglich schwülen New Orleans Teller an die Wand und Radios aus dem Fenster werfen, als in Ole-Kevins großzügigem Loft eine Excel-Tabelle für Lisa-Lisas Ausgabenentwicklung der letzten 120 Tage erstellen zu wollen, weil ersteres trotz aller Wunden Leben ist, blutendes Leben, und zweiteres null Kelvin? Oder ritzen sich nach dieser Logik auch Emos, "um etwas zu spüren", und ich muss nur mal zu Dr. Lecter in die Praxis?
Und ist es nur eine Flucht vor meiner Ohnmacht, nur eine verbale Kompensation meiner Inertie, wohlfeil Revolution zu fordern, Revolution und Mitgefühl, wo doch das Volk mit dem Status Quo zufrieden scheint und "Neon" kauft? Gibt es kein Publikum für Aktivismus und Änderung außer im Amnesty-Anzeiger, und will ich nur nicht erkennen, dass der Horizont der meisten Menschen scheinbar am Rande ihrer Blase endet und sie damit nicht nur zufrieden sind, sondern sogar glücklich, und ich ihnen unzulässig reinredete, wenn ich sie zum Weitersehen zwingen wollte, wie ich auch kein Oktroi meiner Lebensgestaltung wünsche und es sogar bitter bekämpfe?
Und trotzdem, und trotzdem, und trotzdem.
Und trotzdem will ich wider den Stachel löcken.
Und trotzdem will ich nicht schweigen.
Und trotzdem will ich, zuerst, dagegen sein.
Denn das ist meine Sehnsucht.
27.07.2008
Banned
Anna Kühnes Blog kennen die Leser dieser Holzkiste hier vielleicht noch aus einer Empfehlung im März letzten Jahres, obwohl ich mittlerweile gemerkt habe, dass jener schöne Artikel gar nicht von der Blogmistress selbst ist.
Was ich seither auch gemerkt habe, ist, dass Anna Kühne ein, zartfühlend formuliert, ambivalentes Verhältnis zur objektiven Realität hat. So glaubt sie zum Beispiel an 9/11-Verschwörungstheorien.
Und boy, ist das Kryptonit für mich. Boy.
Man muss das nicht aktiv honorieren, nicht selbst Wissenschaftler werden oder sowas, man kann auch ruhig die Gefahren der Wissenschaft beschwören, stimmt ja sogar manchmal, denn passive Nutzung der unglaublichen Früchte der wissenschaftlichen Methode scheint mir Ehrbezeugung genug, qui tacet consentire videtur, und wer unser modernes Utopia auf Erden ablehnt, kann ja immer noch zurück in die Höhle ziehen und mit 35 sterben.
Aber bei Gott, man kann nicht die Prinzipien ablehnen, auf denen die Wissenschaft fußt, und das auch noch als Gipfel aller Gipfel der Heuchelei mit Mitteln, die nur existieren, weil es diese Prinzipien gibt, wie Videokameras und Computer. Ich möchte jeden mit voller Wucht ohrfeigen, der nur lebt, weil es diese Prinzipien gibt, und nicht mal den gottverdammten grundlegenden Anstand hat, sie wenigstens f'ing zu kennen, sie, die ihm jeden Tag, Sekunde für Sekunde reinsten weißen Zucker ins Rektum blasen. Ich möchte jeden mit härtesten Gammastrahlen beschießen, der glaubt, 250 Kilo schwer im Aragorn-Shirt in Mamas Keller sitzend, mit seinem Abschluß in Mythologie und englischer Literatur definitiv anhand körniger YouTube-Videos in 320x240 entscheiden zu können, dass WTC 7 gesprengt wurde, weil es, arrgh, arrrrrrrrrrgh, bekanntlich keine einfachere Methode gibt, die zahllosen minutiösen Dokumente und Protokolle der ultrageheimen jüdisch-freimaurerischen Terrorverschwörung verschwinden zu lassen, als das Gebäude, in dem sie gelagert wurden, am Nachmittag in die Luft zu jagen, Stunden, nachdem die beiden Türme nebenan eingestürzt sind, arrrgh. Das gibt noch nicht einmal menschlich Sinn, geschweige denn nach den wissenschaftlichen Prinzipien der Objektivität und Logik.
Diese Prinzipen sagen nichts Anderes, als dass A gleich A ist oder 2 + 2 = 4, "1984" ist eins der besten Bücher, das es gibt, und Orwell ein Genie. Wenn man sich einig ist, dass A = A ist, wenn es also Vergleichbarkeit gibt und Überprüfbarkeit und ein gemeinsames Fundament, auch wenn es immer löchrig sein wird, danke Gödel, Du Arsch, Du Genie, dann entsteht Wissenschaft, dann entsteht Freiheit.
Und umgekehrt heißt, sie abzulehnen, zu sagen, dass A gleich B ist oder gleich Zwetschgendatschi, Dank an meine Grundschulmathelehrerin für dieses Mem, oder dass 2 + 2 = 5 ist und Krieg Frieden, jede gemeinsame Grundlage aufzukündigen, jede Möglichkeit der Verständigung abzulehnen, also Aberglaube, Tyrannei, die Höhle. Wenn es keine objektive Realität gibt, auf die man sich einigen kann, Argumente also keine Macht haben, wer sagt, dass der große Skarabäus nicht die Sonnenkugel über den Himmel rollt, gibt es nichts mehr als das Recht des Stärkeren, nichts mehr als seinen Terror. Orwell war wirklich ein f'ing Genie.
Allein aus ihrer Selbsterhaltung heraus sollte man also meinen, dass Anna Kühnes Aufforderung, eine Gegenmeinung zur Darstellung des "Muslim-Marktes" über Samir Kuntar und seine Taten einzustellen (wir erinnern uns, Samir Kuntar, der verurteilte Kindermörder), ernst gemeint und ihr Wissensdurst echt ist, zumal der "Muslim-Markt", erneut zartfühlend formuliert, keine sehr neutrale Quelle ist.
No dice. Dieser mein Kommentar wurde schnellstmöglich gelöscht und ich verbannt.
Aber trotzdem ist Samir Kuntar ein verurteilter Mörder.
Hell, man sieht im Yediot-Aharonot-Report ja buchstäblich noch die Gehirnmasse der kleinen Einat Haran am Gewehr kleben. Und gleich wer sie in welchem Ton vorträgt, diese Wahrheit bleibt eine Wahrheit, und es ist wie schon bei den 9/11-Fantasien unglaubliches Kryptonit für mich, dass es Menschen gibt, denen diese Wahrheit nicht zugänglich zu sein scheint, die lieber an komplett gekaufte Richter und Pathologen, Hologrammflugzeuge und zur Aktenvernichtung gesprengte Hochhäuser glauben als daran, dass A = A ist.
Denn wenn das auch nur für eine spürbare Minderheit in diesen oder anderen Fällen der Fall ist, welche Hoffnung gibt es dann, sie jemals mit der Macht der Worte und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu überzeugen? Welchen demokratischen Instrumenten sind sie zugänglich? Welche andere Wahl gibt es dann, als sie mit dem Schwert zu zwingen? Wie soll man einem Geist, der sich nur dem Recht des Stärkeren beugt, anders begegnen als mit Gewalt? Muss man Krieg führen, um Frieden zu gewinnen?
Und sei es nur insoweit, einen kleinen Kommentar zu einem anklagenden Eintrag aufzublasen?
Vielleicht ist das das grundlegende Problem jeder Politik, jeder Gesellschaft. Und vielleicht muss die Antwort Ja lauten, mit Vorsicht und nie leicht, aber eindeutig Ja. Barack Obama:
I'm left then with Lincoln, who like no man before or since understood both the deliberative function of our democracy and the limits of such deliberation. We remember him for the firmness and depth of his convictions — his unyielding opposition to slavery and his determination that a house divided could not stand. But his presidency was guided by a practicality that would distress us today, a practicality that led him to test various bargains with the South in order to maintain the Union without war; to appoint and discard general after general, strategy after strategy, once war broke out; to stretch the Constitution to the breaking point in order to see the war through to a successful conclusion. I like to believe that for Lincoln, it was never a matter of abandoning conviction for the sake of expediency. Rather, it was a matter of maintaining within himself the balance between two contradictory ideas — that we must talk and reach for common understandings, precisely because all of us are imperfect and can never act with the certainty that God is on our side; and yet at times we must act nonetheless, as if we are certain, protected from error only by providence. That self-awareness, that humility, led Lincoln to advance his principles through the framework of our democracy, through speeches and debate, through the reasoned arguments that might appeal to the better angels of our nature. It was this same humility that allowed him, once the conversation between North and South broke down and war became inevitable, to resist the temptation to demonize the fathers and sons who did battle on the other side, or to diminish the horror of war, no matter how just it might be. The blood of slaves reminds us that our pragmatism can sometimes be moral cowardice. Lincoln, and those buried at Gettysburg, remind us that we should pursue our own absolute truths only if we acknowledge that there may be a terrible price to pay.
Wohlan denn.01.12.2007
Osama bin Haribo
Als es die ersten Flugzeugentführungen gab, wurden die Passagiere mit Metalldetektoren überprüft und per Hand abgetastet, damit sie keine Pistolen und Messer an Bord bringen. Das ist Jahrzehnte her, doch die Abtaster stehen bis heute.
Als es die ersten Flugzeugsprengungen gab, wurde das Gepäck der Passagiere geröntgt und von Hunden beschnuppert, damit die Fluggäste keine Bomben und Raketen an Bord bringen. Das ist Jahrzehnte her, doch die Hunde schnüffeln bis heute.
Seit dem 11. September 2001 sind Teppichmesser, Nagelscheren und die tödlichen Augenbrauenpinzetten verboten, obwohl eigentlich keiner wirklich weiß, womit genau Atta und seine Männer zugestochen haben. Nur eine einzige Augenzeugin erwähnt "box cutters", Barbara Olson, eine konservative Fernsehfigur bei Fox News und CNN. Das ist sechs Jahre her, doch Taschenmesser werden bis heute beschlagnahmt.
Seit 2006 ist es quasi verboten, Flüssigkeiten in Flugzeuge mitzunehmen, und selbst als ich das letzte Mal die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin besucht habe, musste ich einen Schluck aus meiner Wasserflasche nehmen, um die bulligen Sicherheitsleute davon zu überzeugen, dass ich nicht plane, damit das Gotteshaus in einen rauchenden Krater zu verwandeln, ich böser MacGyver, ich. Ach so, ob es je überhaupt einen Plan gab, Flugzeuge mit Gelsprengstoff in die Luft bzw. den Atlantik zu jagen, ist, gelinde gesagt, durchaus umstritten. Trotzdem werden Flüssigkeiten an Bord für eine lange, lange Zeit verboten bleiben.
Ich frage jetzt ernsthaft, was passieren wird, wenn der erste Terrorist ein Flugzeug mit einer Dynamitstange sprengt. Einer Stange Dynamit, die er in seinem Arsch an Bord geschmuggelt hat. Schließlich können auch die fortschrittlichsten Scanner nicht unter die Haut der Passagiere sehen, und medizinische Röntgenstrahler wie auch der lange Gummihandschuh kommen aus verschiedenen Gründen nicht für den Masseneinsatz in Frage. Eine kleine Stange Dynamit ist außerdem nicht größer als ein herkömmlicher Penis, auch eher dünner, und mit etwas Spucke und dem Wissen, dass man ohnehin nie mehr aufs Klo gehen wird, müsste die Operation eine außerordentlich leichte sein.
Und bei Allah, manchmal wünsche ich mir, dass sie jemand durchführt.
Weil das, was dann kommen wird, die Welt sein wird, in der wir leben wollen.
Eine, in der wir frei sind, aber halt sterben können, was jedoch nicht weiter schlimm ist. Oder eine, in der wir scheinbar sicher sind, aber halt mit Rektaluntersuchungen leben. Was weiter schlimm ist. Und Widerstand nähren wird, ja muss. Widerstand für eine bessere Welt.
So oder so also: Arschbomben für die Freiheit!
20.07.2007
Diogenes und Alexander
"Geh mir nur", antwortete dieser, "ein wenig aus der Sonne."
Und Alexander, fast die gleiche Größe wie sein Gegenüber beweisend, rief, wahrlich, wäre er nicht Alexander, er wollte wohl Diogenes sein, Diogenes in der Tonne.
Ich habe, in diesem Zusammenhang, diesen enttäuschend schlechten Artikel vom sonst eigentlich recht verlässlichen Adam Soboczynski gelesen und mich des studiVZ-Aufruhrs erinnert und nochmal an Ariadne von Schirach gedacht und dass sie tatsächlich interessant zu finden scheint, was in Paris Hiltons Sexvideo passiert, das aber trotzdem ihre Karriere gestartet hat, und ich habe diesen meinen Eintrag wiedergelesen und diese tolle Story im Web gefunden, angelsächsische Journalisten merken einfach früher, wohin der Hase läuft, weil sie ihn im Gegensatz zu den geistes- und körperverfetteten deutschen Schanden ihrer Zunft noch selbst jagen können.
Und, im Bergwerk meines Blogs, im tiefsten Schacht des Internets, ruhend über meine Spitzhacke gebeugt, streichend durch meinen Bart in Gedanken, flackernd die Kerze auf meinem Helm, dachte ich, das sind doch Ausläufer einer Ader, einer einzigen Ader, glitzern immer die gleichen Quarze darin, tragen immer die gleichen Mengen Erz, führen alle ins Herz des Berges.
Graben wir uns, also, vor.
Richtig, in nie gekannter Weise exhibitionieren sich die Menschen im weltweiten Web, der letzte Beziehungsstatus, das jüngste Feierfoto, der scheinbar intimste Gedanke in Nullen und Einsen, für alle sichtbar. Richtig, auch offline öffnen die Männer und die Frauen willig ihre schmuddeligen Trenchcoats für Paybacks, Supernannies und nahtlose Bräune. Und natürlich auch richtig, der Antichrist möchte am liebsten alle bundesdeutschen Arschlöcher mehrmals am Tag bis auf den Grund durchwühlen, um darin den bösen braunen Terrormann zu finden, und ändert dafür die Gesetze, bis, ich würde wirklich nicht auf den folgenden Link klicken, wenn ich meine Arbeit, meinen Partner oder meine Katze behalten wollte, bis der Goatse-Mann der beste Musterbürger ist.
In den Händen Schäuble O'Briens, eines gründlichen Personalers, einer neidischen Nachbarin oder auch einer Frau, die ich liebe, was wird aus all dieser Information, all dieser Offenheit, all dieser Nacktheit?
Wie haben Sie den Bundesminister des Innern auf Lebenszeit gerade genannt?
Wie, Sie möchten für die EU arbeiten, die Sie mal für impotent gehalten haben?
Wie, Se hend zu meim Haus "Anne Franks Versteck" gsecht?
Wie, Du hattest mit fast 22 noch nie ein Mädchen geküsst?
Ja.
Ja und?
Ich sehe in die Höhle, die sich hinter diesem letzten Schlag meiner Spitzhacke weit aufgetan hat, und weiß nicht, was in der Dunkelheit wartet. Aber im Lichte meiner Kerze stehe ich erleuchtet, und ich weiß, dass es gut ist, wie ich bin.
Und aus der Schwärze kommt eine Brise, die nach Moos duftet, nach Stein und nach Meer. Nach Freiheit.
Denn wenn jeder mehr über jeden weiß, wird es egaler, wie jeder ist. Wenn wie nach einer Flut aus jedem Keller vermeintlicher Unrat und Tand nach oben schwemmt, wer mit Anstand wollte noch den ersten Stein werfen, aus den Fäden eines öffentlichen Lebens anderen einen Strick drehen? Und wie wollten sich selbst die mit Macht diesem Schwall entziehen?
Wenn jeder mehr über jeden weiß, gibt jeder sich weniger Illusionen hin. Und lernt vielleicht früher, hinter das Gloria der Fassade und die Verteufelung der Macken zu sehen, den Menschen zu sehen, der gut ist, wie er ist.
Wenn man wegen seiner öffentlichen Wehrhaftigkeit und Korrektheit nicht eingestellt wird, wird es gleißend klarer als zuvor, wer auf der Seite des Lebens steht und wer nicht, und gegen wen man das Schwert zischend aus der Scheide ziehen muss.
Wenn wir nicht in die angebliche Norm und die vorgebliche Form passen, müssen nicht wir uns der Form, sondern die Form sich uns angleichen, das Verlinkte ist so ziemlich der beste einzelne Comicstrip, den ich in meinem Leben je gelesen habe.
Wenn wir sind, wer wir sind, sind wir glücklicher.
Ich höre schon, wie die Stimmen sich erheben und mir, nochmal danke für die Verlinkung, Naivität vorwerfen, Idealismus, Blütenträume, die Tatsache, dass die ohne Anstand und die mit Macht immer Wege und Mittel finden werden, ihre Leichen möglichst tief und wasserfest zu verscharren, jedem anderen aber lautstark seine vermeintlichen Verfehlungen vorzuwerfen und ihn nicht einzustellen, ihm keine Wohnung zu geben, ihn nicht zu lieben. Und das stimmt, natürlich.
Aber die Frage, die einzige, ist:
Wer. Bestimmt. Mein. Leben?
Diogenes, und, mit gänzlich anderen Zielen, auch Alexander haben ihre Antwort gefunden, und es war die gleiche, rein und glasklar, wie Wahrheit ist.
Tun wir es ihnen nach.
Seien wir so frei!
14.06.2007
Ikarus
Es ist gut, dass heute weit weniger Menschen sterben und leiden als zu jeder früheren Zeit. Es ist prima, dass Autofahren nicht mehr heißt, in seinem brennenden und zermalmten Wrack jämmerlich krepieren zu müssen. Es ist klasse, dass seine Frau zu vergewaltigen und seine Kinder zu verprügeln uncool geworden ist. Es ist großartig, dass man tatsächlich 300 Kilo schwer werden kann und länger als eine Stunde überleben, kurz, es ist wunderbar, sich aus dem vom eigenen Schweiß versalzenen Acker zu erheben und seine Flügel zu entfalten.
Doch dieselbe Wissenschaft, dieselbe Wirtschaft, dieselbe Gesellschaft, die diesen Aufschwung möglich gemacht hat, erweckt Ansprüche. Plötzlich will keiner mehr drei Stunden für einen winzigen und harten Laib Weizen mit 22 Prozent Mühlstein anstehen. Plötzlich will keiner mehr sein ganzes Leben mit einem schlagenden und saufenden Mann verleiden. Plötzlich will keiner mehr im Café von einer Bombe zerrissen werden. Keiner mehr die salzige Erde zwischen seinen Zehen spüren.
Kurz, plötzlich will keiner mehr sterben.
Und dieselbe Wissenschaft, dieselbe Wirtschaft, dieselbe Gesellschaft, die uns Flügel gegeben hat, tut alles, um uns in der Luft zu halten, und sei es, dass die Aufhängungen immer tiefer in unser Fleisch schneiden, sei es, dass wir immer kräftiger schlagen, sei es, dass wir mehr und mehr von uns in unsere Flügel geben müssen, um zu fliegen um des Fliegens Willen, unfrei und unlebend.
Aber ein Flug ist nur schön, wenn es einen Boden gibt.
Ein Leben hat nur Bedeutung, wenn es endlich ist.
Die conditio humana ist der Tod.
Und weil er das ist, kann man nicht vor ihm davonfliegen, ihn nicht verneinen und nicht verdrängen, im Gegenteil macht jeder solche Versuch ihn nur schrecklich, wie Ikarus erst erkannte, als das Meer seine Schreie erstickte und seine Tränen verschlang.
Daedalus aber starb steinalt und in erdenem Frieden mit offenen Augen, ein Lächeln auf seinen greisen Lippen, endlich mit seinem glücklosen Sohn vereint zu sein.
Haben wir die Weisheit, weniger zu sein wie Ikarus.
Haben wir den Mut, mehr zu sein wie sein Vater.
Begrüßen wir den Tod, wenn er kommt.
Den Schenker von Leben.
22.05.2007
Vielleicht
Und trotzdem ist mein Vater geflohen.
Mein Vater, der, und Papa-ist-der-Beste-Bonus schon abgezogen, einer der gebildetesten und intelligentesten Menschen ist, die ich kenne, ist auch für den Dritten Golfkrieg oder wenigstens für die dadurch bewirkte Ab- und Festsetzung Saddam Husseins und seines Regimes. Und auch wenn eine Meinung durch die Person, die sie äußert, weder falscher noch richtiger wird, gibt das zu denken.
Ich, und Ich-bin-der-Beste-Bonus schon abgezogen, weiß mehr über die Menschen- und Verfassungsverachtung und absolute innen- und außenpolitische Korruption der Regierung Bush als grob geschätzt so gut wie alle Deutschen und Europäer. Valerie Plame, Halliburton, Yellowcake, Kenny-Boy, Armstrong Williams, Tom DeLay, AWOL Bush, General Miller, Jeff Gannon, Walter Reed, Diebold, PDB 8/6/2001, "slam dunk", "I don't recall", "heckuva job", TIA, NSA, WTC-EPA, you name it, und ich weiß sicher darüber Bescheid, habe höchstwahrscheinlich darüber gelesen und vermutlich auch Videos davon gesehen, beim leider, leider von uns gegangenen Billmon, Kos, Orcinus, This Modern World, MyDD, Atrios, AMERICAblog, C-Span, der Daily Show, der NYT oder der WaPo und manchmal selbst bei Instapundit, Malkin oder Powerline, nur um zu erfahren, was die neofaschistische Rechte davon hält. Ich sage ohne Bescheidenheit, aber auch ohne Überheblichkeit, dass ein typischer Europäer in mindestens neun von zehn Fällen noch nicht einmal von dem haarsträubenden Skandal gehört hat, über dessen pfeilgenau zutreffende Parodie beim absolut genialen Jon Stewart und seinem Team ich gerade lache.
Und trotzdem halte ich die USA für die beste Macht, die der Welt passieren kann.
Das alles heißt noch immer nicht, dass meine Meinung richtiger ist als die der anderen, ich weiß längst nicht alles, vielleicht haben die Paceflaggenschwenker Zugang zu Informationsressourcen, von denen ich nur träumen kann, Wissen ist nicht Verstehen, vielleicht sind die Böserbushbrüller wahre Titanen der Geistesmacht, und ich bin nur ein kleiner Wurm, und vielleicht bin ich im Gegensatz zu den in Millionen gegen von den USA geführte Kriege demonstrierenden individuellen Freigeistern auch nur ein wie ein Schaf verblendetes Papasöhnchen, obwohl ich Saddam nicht abgesetzt und Vietnam 2.0 sehr gerne vermieden hätte.
Aber vielleicht heißt demokratische Transparenz, dass mehr Skandale aufgedeckt werden als im so sicheren wie skandalfreien Nordkorea.
Vielleicht heißt demokratische Rechenschaft, dass die Korrupten früher oder später ihre Stühle räumen müssen, statt sie wie in Putinland zu Festungen auszubauen.
Vielleicht gibt es doch ein eher gutes Team, trotz all seiner Fehler, und ein eher böses, und vielleicht kann man das auch ohne viel Wissen instinktiv spüren, Yankee go home, but take me with you usw.
Vielleicht sind Menschen ohne diesen Instinkt nicht nur naiv, sondern auch gefährlich, und vielleicht sollte man sie zurückbeißen, bis die Kiefer müde werden und blutig.
Und vielleicht ist Freiheit doch Opfer wert.
Vielleicht.
03.03.2007
World of Warcraft
Es gab eine Zeit in meinem alten Studium, als es mir weder damit noch privat gut ging. Eigentlich sogar eher schlecht. Statt meine Probleme aber aktiv anzugehen, habe ich mir das MMORPG (massively multiplayer online role-playing game) Star Wars Galaxies gekauft und es gespielt.
Fast ein Jahr lang fast ausschließlich.
Ich kann die Berichte über unglückliche Asiaten, die nach 48 Stunden Dauerspiel tot aus ihrem Stuhl fallen, über Eltern, die vor lauter Onlinespiel vergessen, ihr Kleinkind zu füttern, bis es verhungert, über Teenager, die einander real umbringen, weil sie sich virtuell Schwerter und Pferde abgeluchst haben, gut verstehen.
Sehr gut.
Das Glück, ein Engel und ich haben mein Leben dann für immer geändert. Meinen Geburtstag jenes schwarzen Jahres verbrachte ich auf Naboo, vor meiner Medipacks herstellenden Fabrik. Den nächsten und jeden seither auf der Erde, im Kreise meiner Freunde.
Entsprechend habe ich lange überlegt, ob ich die Zehn-Tage-Testversion von World of Warcraft installieren sollte, des mit mittlerweile über acht Millionen Abonnenten auf geradezu absurd eindeutige Weise erfolgreichsten MMORPGs aller Zeiten. Der trockene Säufer geht nicht mehr in die Bar. Der schuldenfreie Spieler geht nicht mehr ins Kasino. Ich aber habe WoW heruntergeladen und es gespielt.
Zehn Tage bis Level zehn.
Was, die Scriptkids lachen schon, fast omahaft langsam ist. Weil ich zwischendurch essen war, geschlafen und geputzt habe, ausgegangen bin, gearbeitet und gelacht habe. Weil ich gelebt habe.
Und, unglaublich, wenn man das tut, gewinnt auch das Spielen eine neue Dimension, tieferen, wahren Spaß nämlich. Weil es um nichts mehr geht. Weil man fest verwurzelt in der Erden steht und so Pixel Pixel sein lassen kann. Weil man sich hat, sich sicher hat. Wenn es einen Schlüssel zum Glück gibt, dann diesen. Ich halte ihn, fest.
Fairerweise muss man aber sagen, dass WoW auch deswegen so viel Spaß macht, weil es um Lichtjahre besser als SWG ist. Fast frei von Bugs und ständigen, alles umwerfenden Änderungen. Mit einem hervorragend intuitiven Interface und einem Füllhorn funktionierender Quests. Voller wunderbarer Landschaften, Möglichkeiten und Spieler. Zum Staunen gut. Entsprechend habe ich es auch gekauft und bin, meinen Zehn-Tage-Test-Charakter, eine menschliche Kriegerin namens Maivven weiterspielend, auf dem Sprung zu den höchsten Leveln.
Warum eine Frau? Wenn ich schon ständig auf den Hintern meines Avatars starren muss, dann soll es auch ein wohlgeformter sein, und Girls with Glaives haben auch dann was, wenn sie aus Polygonen bestehen.
So unkritisch jetzt, Du? Nein, MMORPGs sind natürlich darauf angelegt, ihre Kunden zu binden und latente Suchtdispositionen zu verstärken, indem immer neue, mächtigere Belohnungen in Aussicht gestellt und die Illusion der Immersion forciert werden, das ist genauso wie bei herkömmlichen Computerspielen oder in Monte Carlo, wo es keine Uhren gibt. Auf der Packung steht sogar in geradezu entwaffnender Offenheit, dass meine "epische Mission" niemals enden werde, niemals. Man stelle sich vor, Smirnoff würde damit werben, dass man niemals mehr von ihren Pullen loskäme, um zu erkennen, dass uns hier noch einiges an stammelnden Stoibers, zensurgeilen Becksteins und korrespondierender medialer Hysterie ins Haus stehen wird, bis wir einen einigermaßen verträglichen oder wenigstens wie in vergleichbaren Fällen verlässlich heuchlerischen Umgang mit dieser neuen Droge gefunden haben.
Und das nimmst Du einfach so hin und unterstützst sie sogar? Naja, ohne jetzt in einen langen Exkurs über die Freiheit zur Selbstzerstörung ausschweifen zu wollen, ist doch jeder frei, sich selbst zu zerstören. Man kann und sollte ihn warnen und alles tun, dass er es nicht tun möchte, aber die letzte Entscheidung bleibt doch seine. Ich meine, wir helfen besser mehr Menschen, sich den Schlüssel in die Hand zu geben, als die Zigarettenautomaten, die Kasinos, die Onlinewelten zu schließen.
Und Ihr?
