22.06.2021

Chrysalis

Andi

Hi! Ich bin's, Andi. Dieses Blog heißt jetzt "Andis Soapbox Redux", von lateinisch redux für "das, was zurückkehrt", denn ich bin zurück und möchte wieder bloggen.

Ich weiß, Skepsis ist angebracht angesichts der unten zu besichtigenden Ruinen früherer Versuche, das Blog zu reaktivieren, nachdem es eigentlich schon spätestens seit 2009 in einem großen Niedergang der Postingfrequenz begriffen war, bis zu den letzten schwachen Zuckungen und vergeblichen Versuchen in den Jahren 2010 und 2011, den Leichnam zu reanimieren, die vom Rigor Mortis bereits steifen Glieder nur einmal noch zu beugen. Große Skepsis. Beim Wiederlesen und Aufräumen meiner alten Einträge taten mir am meisten meine treuen Leser:innen leid, die sich in vielen Kommentaren neue Posts wünschten, aber Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich Jahr für Jahr bitter enttäuscht wurden. Darum möchte ich weit ausholen, um nachvollziehbar zu erklären, wie ich zum heutigen Punkt und dem Entschluss, zu versuchen, mein Blog neu zu starten, gekommen bin, und warum ich glaube und hoffe, dass der Versuch diesmal von Erfolg gekrönt sein wird.

Wirklich weit.

In die ganze Geschichte meiner Beziehung zum Internet. Die irgendwie auch die halbe Geschichte meines Lebens ist. Und damit auch die dieses Blogs. Yeah. Also holt Euch Popcorn und lehnt Euch zurück, denn ich bin jetzt alt, und es wird lang.

Archaikum

Wir tauchen also vom Olymp tief in die Nebel der Vergangenheit hinab, zuerst in die Zeit noch bevor ich mein Abitur im Jahr 1998 schrieb. Mit dem Internet kam ich zum ersten Mal regelmäßiger in Kontakt, als ich wohl im Jahr zuvor ein Referat über Napoléon Bonaparte für meinen Französisch-Leistungskurs erstellte und zur Recherche den einen Schulcomputer nutzen durfte, der ans Internet angeschlossen war. Ich schrieb fleißig Napoléon-Fakten von primitiven GeoCities- und Angelfire-Seiten ab, wälzte Bücher, machte teure Overhead-Farbkopien von so informativen wie beeindruckenden Gemälden wie "Le Sacre de Napoléon" und wurde schließlich für meine Mühen mit einer sehr guten Note belohnt. Das Internet war so damals nur eine eher statische Informationsquelle von vielen für mich, aber dennoch eine recht nützliche.

Irgendwann danach, vielleicht 1998 oder 1999, bekamen wir zuhause Internet. In ISDN-Geschwindigkeit. Auf unserem einen Desktop-Computer im Wohnzimmer. Mühsamst und fragil über DFÜ (vielleicht) installiert. Und auch nur für Deutschland vergleichsweise früh, weil mein Vater, der zuvor bei IBM gearbeitet hatte, sich nun als IT-Berater selbstständig gemacht hatte und heimischen E-Mail-Empfang brauchte. E-Mails und Besucherzähler auf Tripod-Seiten waren unsere Webwelt. Ich wiederum ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo man schon über funktionierende Leitungen zum Telefonieren froh sein konnte, und suchte dabei nach einem Studium, das ich beginnen könnte. Der nach heutigen Maßstäben (hoffentlich) rückständige IT-Kurs in meiner Schule hatte mir gut gefallen, die Arbeiten am Computer interessierten mich trotz aller Frustrationen mit unseren Modems, und die Erzählungen meines Vaters klangen spannend, so dass ich mich schließlich (naiv) für Softwaretechnik an der Universität Stuttgart entschied.

Proterozoikum

Für dieses Studium brauchte ich natürlich einen eigenen Computer, den ich stolz bei einer Lidl-Aktion erstand und in seiner sperrigen Klobigkeit heimschleppte, und einen eigenen Internetanschluss, damals noch per Minute und/oder Megabyte abgerechnet. Anfangs waren noch nicht viele Studienressourcen online, aber das frühe Web faszinierte mich, so dass ich bald selbst begann, eine Homepage mit blinkenden Logos und rotierenden Zählern zu erstellen. Diese Seite ist leider nirgendwo mehr erhalten, aber aus diesen ersten Gehversuchen entstand nach kurzer Zeit meine alte Filmwebsite Moviebazaar, die heute noch online, wenn auch mittlerweile seit Jahrzehnten nicht mehr aktualisiert ist [Notiz an mich: Moviebazaar aktualisieren, noch Milch kaufen].

Der Wunsch, über Filme zu schreiben kam mir zum einen, weil ich damals wie heute Filme lieb(t)e, mindestens jede Woche ins Kino ging und mich oft über die allzu oberflächlichen, jubelnden und/oder missverstehenden Kritiken in Zeitungen und Zeitschriften ärgerte. "Das kann ich besser", dachte ich und versuchte, dieses Versprechen in am Ende über 200 Kritiken und zahlreichen Filmspecials wahr zu machen. Es half meiner Motivation, dass ich gleichzeitig viel im Usenet, vorranging in Gruppen wie de.rec.film.misc, unterwegs war, wo leidenschaftlich über Filme diskutiert und gestritten wurde. Ich habe oft gesagt, dass ich online ein Foren- und Kommentargorilla bin, 500 Pfund pure Diskussionsmuskeln, vernichtende Blicke und spitze Zähne. Zuerst dazu gestählt wurde ich in den Flamewars des Usenets. So wurde das Internet in dieser Zeit für mich zu einer Plattform der kreativen Verwirklichung wie auch zu einer des mehr oder weniger gesitteten und lehrreichen sachbezogenen Austauschs.

Ich im Internet

Persönlich war ich damals jedoch nur teilweise glücklich mit meinem mir zu theorie- und mathematiklastigen Studium (das Programmieren dagegen mochte ich und arbeitete später auch in einem Projekt mit fußballspielenden Robotern mit, wo ich auf einem Turnier bis um vier Uhr früh aufblieb, um den Bug zu finden, der unsere Kicker veranlasste, ins eigene Tor zu schießen; schließlich fand ich ihn in einer versehentlich mit Minus statt Plus weitergereichten Variablen - intrinsische Motivation for the win!) und so liebesdurstig wie mit Frauen unbeholfen, wie ich ausführlich in meiner größten Blogserie darlege. Ein Incel avant la lettre war ich vielleicht nicht, da ich Frauen eher auf Podeste heben statt abknallen wollte, aber wie ich in einigen Schlüsseleinträgen wohl nicht nur zwischen den Zeilen geschrieben habe, hätte man schon sagen können "There but for the grace of God go I". Meine Internetinhalte und mein Selbstinhalt gingen also auseinander, klafften gar.

Paläozoikum

2004 wechselte ich unter turbulenten Umständen mein Studium zur Technikpädagogik (Lehramt für Berufsschulen) mit dem Hauptfach Informatik, wofür ich einige meiner Softwaretechnikleistungen anrechnen konnte, und dem Nebenfach Politikwissenschaft, das meinen Interessen mehr entgegenkam. Im neuen Umfeld und auf dem Campus Stadtmitte, der mir bedeutend menschenfreundlicher als die stalinistisch-brutalistische Architektur des Vaihinger Hauptsitzes der Uni Stuttgart erschien, lebte ich auf und lernte bald viele neue Freunde kennen, wozu auch mein erneuertes Engagement in der Theatergruppe der Uni beitrug. Ich ließ meine Haare lang wachsen, trug experimentell Herrenröcke und knutschte und feierte viel, wofür ich auch manche Vorlesung am nächsten Morgen sausen ließ - nicht mehr wie früher aus Verzweiflung über unverständliche Inhalte und dem Gefühl, in einer dunklen Sackgasse zu stecken, sondern wegen eines handfesten Katers. Gute Zeiten.

Doch mittlerweile war mir der Drive ausgegangen, nach jedem Film gleich eine Kritik zu schreiben und auf Moviebazaar zu veröffentlichen, und ich hatte auch nicht mehr die Zeit noch die Lust, jede Woche teils mehrmals ins Kino zu gehen, zumal es mir manchmal so vorkam, als hätte ich nun jede mögliche Geschichte schon einmal gesehen. Aber mein Mitteilungs- und Ausdrucksdrang war groß, und so kam am Valentinstag 2005, in jenem Interregnum der Blogs zwischen der GeoCities-Anarchie und der mit MySpace aufziehenden Social-Media-Tyrannei, Andis Soapbox mit diesem letztlich programmatischen Eintrag in die Welt.

I entered this world on the Champs-Élysées, 1959. Sur le trottoir des Champs-Élysées. And you know what my very first words were? New York Herald Tribune! New York Herald Tribune!

Ich hatte viel zu sagen und zu erzählen und zu wüten. Warum wir mehr auf die Wissenschaft hören sollten. Warum Konsumismus nicht über innere Leere hinwegtrösten kann. Warum wohl unsere Werteentkernung und unsere Angst vor dem Tod uns so anfällig für freiheitstötende Terror"bekämpfung" machen, ein in vielen Aspekten betrachtetes Lieblingsthema dieses Blogs. Wie ich durch Deutschland fuhr, um FreundInnen zu besuchen, und was ich dabei Gutes und weniger Gutes sah. Aber auch, immer wieder und trotz der guten Zeiten, wie ich mich, wenn auch noch oft verneint, nach tiefer Liebe sehnte (mehr Links dazu im Proterozoikum). Der Zeit der Rants in den Jahren 2005 und 2006 folgte so, nachdem ich mich in Dutzenden Einträgen ausführlich über alles ausgelassen hatte, was mich störte und aufregte, etwa ab 2007 die Zeit der Sehnsucht, begleitet von sowas wie einer kopernikanischen Wende meiner Soapbox, weg vom bloßen Wüten, hin zu mehr Versuchen der Erklärung und Überzeugung. Vielleicht kein Zufall, dass ich mich zu dieser Zeit auch mehr im Hochschuldebattieren engagierte, bis hin zu einem im Nachhinein in vielerlei Hinsicht für mich sehr wichtigen Bildungsroman bei der Debattier-WM in Cork.

Für eine kurze Zeit fand ich im Jahr 2009 Liebe. Doch wie es so ist, durch Beziehung, Debattieren, Theater, das endlich nahende Ende meines Studiums und anderer Prioritäten mehr blieben mir immer weniger Zeit und Energie zum Bloggen, zumal ich wieder das Gefühl hatte, erstmal alles gesagt bzw. beschrieben zu haben, worauf ich hinweisen wollte. So degenerierte Andis Soapbox immer mehr zu einer Link- und Kurzkritikenfarm mit nur noch gelegentlichen interessanteren Lichtblicken, die dann auch meine in früheren Jahren gewonnenen, nun entwöhnten Leser:innen mehr anregten. Doch auch diese Funken konnten nicht verhindern, dass mein Blog im Herbst 2011 sein Licht aushauchte. Wie es ein Kommentierender leider treffend ausdrückte: "Boot steigt kurz an und sinkt dann wieder auf Grund". Zurück blieb erstmal Asche. Internet und Seele hatten in dieser Ära nicht mehr so geklafft, aber je mehr es meine Seele davonzog, desto weniger leuchtete hier ein Licht.

Mesozoikum

Nach meinem Abschluss als Diplom-Gewerbelehrer arbeitete ich erstmal einige Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Berufs-, Wirtschafts- und Technikpädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft der Uni Stuttgart in einem Projekt zur Kompetenzentwicklung von Berufsschüler:innen. Ich debattierte um einiges härter und mehr auf dem internationalen Parkett, wo ich endlich Bester Redner in Englisch als Fremdsprache der Weltmeisterschaft 2011 wurde und in insgesamt 17 nationalen und internationalen Finals stand, von denen ich, Michael Ballack, jedoch nur wenige gewinnen konnte. Beruflich konnte ich mich weiterentwickeln, indem ich mich erfolgreich bei der Europäischen Union bewarb, wo ich nun seit 2014 beim Statistischen Amt der EU, Eurostat in Luxemburg, an Folgenabschätzungen und anderen Bestandteilen der Modernisierung der europäischen Landwirtschafts- und Fischereistatistikverordnungen arbeite. 2012 trat ich der SPD bei (zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dafür betrunken gemacht wurde), was wenigstens den einen unabweisbaren Vorteil hatte, dass ich in dem Jahr über ParteifreundInnen J. traf. Wir heirateten 2016 mit einem sehr schönen Fest und haben 2018 und 2021 Kinder bekommen. Sehr sehr gute Zeiten.

Trotz oder wegen dieses privaten und beruflichen Glücks spürte ich, dass ich immer noch bzw. wieder einiges zu sagen hatte, und tat es nun in sogenannten sozialen Medien wie Facebook und ab Ende 2019 auch auf Twitter (mein Twitter-Handle hielt die Erinnerung an diesen Ort wach). Nachrichten, Persönliches, Politik, Religion, Debattieren, die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ), zu vielem schrieb und meinte ich und diskutierte hitzig mit FreundInnen und Bekannten in "nach unten offenen Kommentarspalten", Löchern für Zeit. Dem intimen und fruchtbaren Austausch mit wenigen Stammleser:innen meines Blogs in dessen Kommentaren folgte so ein weiter gefasster, manchmal produktiver Diskurs, auf Facebook noch sinnvoller als auf Twitter, wo man aufgrund der katastrophalen Threadnavigation oft nicht mal erkennen kann, wer gerade wem worauf antwortet, vom viel weiter und daher viel dümmer gefassten Publikum gar nicht erst zu reden.

Doch nach einigen Jahren, zumal in der Coronapandemie, die auch mich zum Innehalten brachte, und angesichts dessen, was die "sozialen" Medien für Profit an Katalyse extremer, tödlicher Denk- und Handlungsweisen fördern, traten bei mir auch auf diesen Plattformen Ermüdungserscheinungen auf. Wem gehört eigentlich, was ich schreibe? Wer kann es lesen, wenn es nur für "Freunde meiner Freunde" sichtbar ist, und wegen der Kapriziosität der Ranking-Algorithmen auch nur für einen Bruchteil davon? Und sollte ich mich nicht lieber wieder mit wenigeren, geschätzteren Diskutant:innen austauschen statt u.a. mit Selbstdenker88 und Peter Abtreibungspranger? So versiegte auch auf Facebook und Twitter mein Meinungsstrom langsam, auch wenn ich immer noch nicht weniger Meinungen hatte als früher. Meine Äußerungen und die Informationen über mein Leben auf Facebook und Twitter waren nun mit meinem tatsächlichen Sein weitgehend kongruent, aber ich fühlte mich nicht mehr mit dem Medium wohl. Ich begann, nach einem neuen Weg zu suchen, mich zu vermitteln, mit mehr Kontrolle über meine Outputs und einem hoffentlich genauer gezeichneten Leser:innen- und Gesprächspartner:innenkreis. Die Antwort lag erstaunlich nahe, ein Phönix rief.

Känozoikum

Chrysalis

Foto: VirenVaz, CC BY-SA 2.5

Die Larve verpuppt sich in der Chrysalis, und in einem Prozess der Liquefaktion wird sie erst fast ganz flüssig, bevor sie die Imago neu aufbaut und endlich als schöner Schmetterling schlüpft (Metamorphosen sind nur als Metaphern romantisch). Ich war ein verstockter Computer- und Filmnerd, bevor ich ein extravagantes drama kid und ein feurig zürnender Blogger wurde. Dann verflüssigte ich mich wieder und schlüpfte endlich als Hardcore-Debattierer und empirischer Wissenschaftler. Ich häutete mich wieder und wieder und wurde Facebook-Meinender, EU-Beamter, Ehemann und Vater, mein Embourgeoisement vielleicht zum Hohn einiger meiner früheren Ichs nun fast komplett, doch mein Glück ganz. Meine Präsenz im Internet reflektierte dabei so oder so meine Einstellungen, meine Interessen, meine Zeit und auch Moden. Und nun, mittwegs auf meines Lebens Reise, finde in Andis Soapbox ich mich wieder verschlagen.

Das Schöne an einer Seifenkiste ist, dass sie an sich nichts impliziert, was man auf ihr stehend sagen sollte, außer in bescheidener Faktizität einen erhöhten Punkt zum Sprechen anzubieten. Ich weiß nicht, wie oft ich die Zeit und die Inspiration haben werde, hier mein altes Megaphon aufzunehmen und etwas Neues zu sagen, das Leben, von dem ich mir in manchem alten Eintrag mehr gewünscht hatte, umarmt mich nun jeden Tag wie ein Grizzlybär, durchaus sehr warm und herzlich, aber die Umarmung abzulehnen wäre eine extrem schlechte Idee; zuerst werde ich, nachdem ich nun bereits alle alten Blogeinträge aufgeräumt, endlich vollständig gelabelt und meine tauglichsten Entwürfe hier und da in die Jahre eingestreut habe, in denen ich sie verfasst hatte, meine besten Texte aus Facebook, Twitter, Foren und von meinen Festplatten hier einpflegen (und Euch darauf hinweisen), um ein möglichst lückenloses Archiv und eine Referenz meiner wichtigsten Online-Äußerungen an einem Ort zu haben, sowie ein paar weitere hoffentlich erfolgreiche Schreibprojekte verfolgen, was mich noch eine Weile beschäftigt halten dürfte. Dann möchte ich manches zu Manchem sagen, das ich in den letzten zehn und mehr Jahren erlebt oder gesehen habe oder das mich schon länger beschäftigt, und danach noch zu den Dingen, die passiert sein werden, nachdem ich mit all diesen Zusammentragungen angefangen habe. Und dann - werde ich vielleicht wieder denken, dass ich nun alles gesagt habe, was ich sagen wollte, und mich womöglich neuen Ufern zuwenden, neuen Formen, in eine neue Puppe spinnen und wieder liquifizieren. Alles, was ich Euch daher anbieten kann, das einzige Versprechen, das ich geben kann, ist, als der Schmetterling, der ich heute bin, mit Euch zu fliegen, in den blauen Himmel hinein.

Aber das sicher.

In diesem Sinne: Excelsior!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen