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10.04.2026

Andis Kritiken #61: Lázár (2025)

Lázár
(Ursprünglich am 10. September 2025 in der Hitze erster Eindrücke u.a. auf Goodreads veröffentlicht und am 10. Oktober leicht ergänzt, beide Male jedoch verabsäumt, diese Rezension korrekt in die Reihe meiner Kritiken einzufügen, daher muss das jetzt nachträglich geschehen.)

Dieses Buch, "Lázár" von Nelio Biedermann, wurde mir von nicht weniger als drei Personen unabhängig voneinander ohne Arg und zum Amüsement empfohlen. Dafür bin ich ihnen dankbar, denn sie konnten angesichts der Vorschusslorbeeren von einigen der renommiertesten Stimmen der deutschsprachigen Literatur und des Erscheinens "in mehr als zwanzig Ländern" nicht wissen, dass es sich um einen grausigen Riemen handelt, eine Klamotte, eine Parodie eines Gesellschaftsromans wie von einem, der der Generation Z Übelstes will, nur offenbar im Ernst von einem Zoomer geschrieben. Ich lese es zwar noch bzw. schleppe mich durch, aber sofern in der zweiten Hälfte nicht noch eine dramatische, mir persönlich in keinem anderen Werk erinnerliche totale Wende in Charakterisierung, Handlungsinszenierung, Verortung und Detaillierung, Beobachtung und Beschreibung von Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten und höchst peinlicher, ich will sie Downton-Abbeyisierung und Juli-Zehisierung nennen, eintritt, sind hier schon einmal einige meiner Eindrücke.

***[UPDATE 10.10.: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Siehe unten.]***

I. Downton-Abbeyisierung


Was ist Downton-Abbeyisierung? Das Einschreiben höchst postmoderner (nach 1968) Verhaltensweisen und Sensibilitäten der oberen Mittelschicht in dezidiert moderne (bis 1945) oder gar vormoderne (bis 1914) Charaktere, die oft der Oberschicht angehören, die ja noch länger als andere Schichten an älteren Verhaltenskodizes festhält. In der TV-Serie "Downton Abbey" äußerte sich das u.a. in Charakteren, die ohne ersichtlichen Grund viel weniger hierarchisch, religiös, pflichtbewusst, rassistisch und sexistisch waren als typisch für englische Adlige des frühen 20. Jahrhunderts, weit herzlicher und selbst gegenüber männlicher Homosexualität bedeutend aufgeschlossener als noch heute (!) substanzielle Minderheiten selbst im globalen Westen. Der Zweck war, diese Charaktere für zeitgenössische Zuschauer:innen sympathischer erscheinen zu lassen und sie nicht mit einer Transferleistung von altmodischen Werten zu heutigen anzustrengen, und außerdem, den Adel als doch grundsätzlich nobel und gut und sich zurecht auf seiner Position befindlich darzustellen statt z.B. als unrechtmäßige Parasiten eines Landes.

All das geschieht auch in "Lázár", nur hier ohne letzteren Zweck, mutmaßlich weil Position, Selbstverständnis und Historiographie des Adels den Autor kaum mehr als als Staffage interessieren bzw. weil er zu faul war, richtig zu recherchieren (dazu später mehr). So sind Charaktere hier angesichts des Ersten Weltkrieges Pazifisten und leben unbehelligt in Berlin (!), ritzen sich wie 90er-Teenagerinnen die Unterarme auf, während Tic Tac Toe auf den Walkman-Kopfhörern läuft, und vögeln, pimpern, schnackseln und schütteln sich vor allem einen von der Palme wie Sozialwissenschaftsstudenten der Humboldt-Uni, die nicht mehr zu den Vorlesungen gehen und ihre Tage und Nächte nun mal mit irgendwas füllen müssen. Da hat der Knecht spontan Sex mit der Herrin. Da lässt die Herrin einen fremden Diener hinein, damit er es mit ihrer Dienerin treiben kann. Da hört das die pubertierende Tochter und macht es sich mit einer langen Kerze selbst. Völlig fehlende Sexualerziehung? Religiöse Schambesetzung jeglicher sexueller Betätigung außerhalb heterosexueller Ehen? Die oft buchstäblich tödliche Gefahr von Schwangerschaften und Geburten bei gleichzeitig fast ganz fehlenden Verhütungsmitteln? Und nicht zuletzt die ernsthaft existenzgefährdende soziale Schmach und Verachtung, falls dieser fröhliche Ringelpiez mit Anfassen auffliegen sollte? Alles Fehlanzeige, denn ungarische Landadlige im Jahr 1912 denken und handeln doch genauso wie Jung-Nelio in der vorlesungsfreien Zeit des Sommersemesters 2023, oder nicht?

II. Zeit- und Ortsvergessenheit


Diese Zeit- und Ortsvergessenheit setzt sich auch fort, wenn die Charaktere mal Kleidung anhaben, die oft an der Grenze zum Anachronismus entlangschrammt (z.B. für den Vorabend des Ersten Weltkrieges zu verbreitete Krawatten modernen Stils). Wer sich z.B. an "Krieg und Frieden" oder an "Buddenbrooks" erinnert, erinnert sich an die detaillierten Beschreibungen von Schlachtordnungen und -örtlichkeiten, die zu kurze, leicht behaarte Oberlippe der "kleinen Fürstin" Lise Bolkonskaja, die nuancierten Erläuterungen diverser Stile von Vatermördern und Backenbärten, die plastischen Schilderungen der gesellschaftlich und persönlich erwarteten hanseatischen Reserviertheit usw. usf., kurz an hervorragenden, oft sehr lyrischen Text, der die Geschichten klar im Russland der napoleonischen Kriege bzw. in Lübeck zwischen Vormärz und Reichsgründung verortet und seine Charaktere deutlichst vor dem inneren Auge entstehen lässt. Selbstredend ziehen sich in diesen Klassikern nicht nur Charaktere und Orte, sondern auch Themen und Symbole durch, und Begebenheiten bauen sich erst auf, bevor sie geschehen und ihre Folgen entfalten, wie man es eben von einem Roman erwartet statt von einer Kurzgeschichtensammlung, einer Collage oder einem Kollektivwerk der Vorschulgruppe "Bunte Waschbären" der Kita Hanflandweg Bempflingen.

Hier jedoch schlürfen die Charaktere pflichtbewusst Gulaschsuppe, um zu signalisieren, dass die Geschichte in Ungarn spielt, sie erwähnen die Titanic und ab und zu die österreichisch-ungarische Monarchie, und damit hat es dann sein Bewenden an Verortung und -zeitung. Was haben sie an? Was essen sie noch? Wie sieht ihr Alltag aus? Was denken sie an sich und über große Weltereignisse und warum? Ja, wie sehen sie überhaupt aus jenseits spartanischster Beschreibungen, die so wie vieles in diesem Buch (Charaktere, Stimmungen, Sehnsüchte usw.) noch nicht einmal durchgehalten werden bzw. ohne Konsequenzen bleiben bzw. ebenso plötzlich wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind? Das gilt selbst für die im Marketing groß beworbene quasi durchsichtige Haut des Charakters Lajos! Dabei sollte man doch meinen, dass eine solch unübersehbare Eigenschaft in noch weit religiöseren und abergläubischeren Zeiten als den unsrigen einen erheblichen Einfluss auf das Lebensschicksal haben müsste. Stattdessen schweben die hier porträtierten Personen gleichsam schwerelos und ungebunden durch die Geschichte und ihre Geschichten, die abgesehen von den genannten Krümeln der Lokalisierung so auch in Cornwall oder Niederbayern hätte stattfinden können. Warum dann aber der Hype um eine "Geschichte ungarischer Adeliger"? Ja, wo??

III. Juli-Zehisierung


Ein Hauptschuldiger an dieser Misere ist etwas, was ich eine Bauhausisierung oder vielleicht, nach einer ihrer mutmaßlichen Verursacherinnen, Juli-Zehisierung der deutschsprachigen Literatur nennen will. Das heißt, eine Minimalisierung der Beschreibungen von Orten, Dingen, Personen und Handlungen bis fast auf ein Subjekt-Objekt-Verb-Schema für Erstleser:innen hinunter ("Marie brät Zwiebeln im Wok. Es brutzelt.") bei gleichzeitiger fast vollständiger Tell-Don't-Show-Explizierung und Veroberflächlichung der Handlungspunkte, deren Essenz plump und direkt genannt wird. Hier kann man lange nach perfekten Adjektivpaarungen wie "was außerhalb der Tore seiner giebeligen Vaterstadt lag" oder "Außerdem bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall." suchen, und von exquisit feinsinnigen und ironischen Charakterisierungen von Personen fast nur durch ihre Dialoge, Bemerkungen und Taten kann man gar nur träumen. Wann hat man auch zuletzt in einem zeitgenössischen deutschsprachigen Roman überhaupt Landschaftsbeschreibungen gelesen oder längere Metaphern, geschweige denn gute?

Diese fast entleibte, entemotionalisierte Sprache ist eine rätselhafte Mode, die weder Geschichten eingehender macht noch eigentlich überhaupt etwas erklärt. So steht man vor kunstlosen Sätzen wie "Der Alkohol half gegen das Gefühl, trotz des Baronats und des Reichtums, trotz der langjährigen strikten Routine, trotz der Anzüge aus Merinowolle und der Seidenkrawatten dem Leben nicht gewachsen zu sein." und kann nur "Aha" sagen, weil man hiervon zum Einen zuvor kaum etwas gehört hat und zum Anderen gerne anders, subtiler, beobachtender, realistischer davon gehört hätte. Solche Prosa, die wie von McKinsey-Berater:innen zu Sparzwecken zusammengekürzt scheint, führt dann auch dazu, dass diese Geschichte über gut 55 Jahre auch in ihrem großen Druck kaum 330, häufig nirgendwo hinführende Seiten umfasst, während beispielsweise die "Buddenbrooks" 42 Jahre auf über 800 dicht bedruckte Seiten bringen, bei denen nicht ein Wort verzichtbar erscheint.

Wie geschrieben, ich muss mich noch ganz durch den Tunnel dieser 330 Seiten schleppen, und vielleicht geschehen am Ende ja noch Wunder, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Aber wenn "Lázár" die Hoffnung der deutschsprachigen Literatur sein soll, dann ist dieser Tunnel vielleicht die Gotthard-Basisröhre, und das Licht, das man in der Ferne sieht, ein SBB-ICN, der einem entgegenkommt. Oder wie es bei den Julizehisierten heißen würde: Pauls Füße spüren den Beton der Festen Fahrbahn. Ein Luftzug lässt ein Stück Plastik vorbeischweben. Es rattert. Er hebt den Kopf und sagt: Oh oh.

***[UPDATE 10.10.]***: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Zum Pimpern und Schnackseln sind noch Pudern, Poppen, Bumsen und ein für ungarische Teenager der 1950er ganz erstaunlich abgeklärtes Niveau der sexuellen Aufklärung selbst gegenüber den unwillkürlich erigierten Genitalien ihrer Geschwister gekommen (sic), von Scham, Unwissen oder Schwangerschaftsängsten ist hier nichts zu spüren. Ähnlich temporal altklug, also von Wissen, Ansichten und Einstellungen weit Nachgeborener erfüllt, denken zum Beispiel auch der den Nazis Widerstand leistende Schlosskaplan, der sich sicher ist, dass er nach seiner Hinrichtung als "Gewinner" gesehen wird, anstatt, da der Krieg im Februar 1945 noch nicht zu Ende ist, zum Beispiel zu zweifeln, ob das Dritte Reich nicht noch eine lange Weile durchhalten und jedenfalls nicht restlos fortgeräumt werden könnte, und die porträtierten Einwohner:innen des kommunistischen Nachkriegsungarns, von denen, historisch inakkurat, nur die wenigsten wirklich an die Versprechungen der sowjetischen Herrschaft zu glauben scheinen bzw. deren Untergang die meisten hellsichtig, allzu hellsichtig vorauszuahnen scheinen. Wie schon zum Teil in Teil I. ausgeführt, stellt das nicht nur ein recht feiges und faules Einschreiben heutiger Weltanschauungen in Charaktere vergangener Zeiten durch den Autor dar, sondern auch ein Versagen seinerseits, sich in diese Charaktere einzufühlen, und eine gewisse Arroganz, dass die heutigen Werte, Ansichten und Verhalten die offensichtlich universal richtigen seien und jedenfalls nicht kontingent. So erscheint dieses Buch mehr als eine Geschichte blasser Zeitreisender denn als eine wirklichkeitsgetreue Darstellung des Lebens einiger Ungarn während der großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Der oft dröge und skizzenhaft historische Fakten rezitierende statt diese mit Leben füllende Stil tut sein Übriges zu diesem Eindruck.

Ein letztes Wort - eine befremdlich nonchalante Verwendung von Vergewaltigungen als Metapher, als Begebenheit im Plot und als metatextuelle Reflexion des angeblichen Verhältnisses von Schriftstellern zu ihren Charakteren und ihrem Werk zieht sich durch das ganze Buch. Das gipfelt darin, dass eine weibliche Figur gänzlich überraschend und inkongruent von einem jungen Möchtegernschriftsteller in seiner Wohnung vergewaltigt wird. Man fragt sich angesichts dieses so abgeschmackten wie penetranten Einsatzes unwillkürlich, was hier nicht verstanden wurde, ausfantasiert wird und/oder verarbeitet werden soll. So halbgar wie diese Stellen ist der ganze "Lázár".

** von 5 Sternen

09.04.2026

Andis Kritiken #60: Der Tod in Venedig (1911)

Der Tod in Venedig
Im Gewande einer höchst eloquenten und subtilen, erst verleugneten und dann unbesonnen verfolgten, zunehmenden dionysischen Obsession eines lebenslang apollinischen Schriftstellers mit einem zufällig in Venedig getroffenen Knaben findet sich hier, in immer gleichsam vollkommener, zumindest nicht besser vorstellbarer Sprache und auf wenig mehr als hundert Seiten auch berauschender Tanz von Eros und Thanatos, tiefe Analyse reifen künstlerisch-kreativen Prozesses und schmerzlich klare Einsicht in die Sehnsüchte empfindsamer Seelen, die sich "um das Vortreffliche" mühen und unter anderem darum am Vollkommenen, wie dem Meer oder dem Nichts, ruhen wollen, überraschenderweise selbst eine feine Kritik touristischer Abzocke 115 Jahre vor unserer Zeit, beständige bereichernde Allusion an griechische Mythologie und Philosophie, und nicht zuletzt eine beinahe prophetische Allegorie über das sieche Untergehen einer alten Welt. Ein Meisterwerk.

***** von 5 Sternen

30.07.2013

Die Buchpreisbindung

Was für ein hysterisch markt- und innovationsfeindlicher, in einer Parallelwelt des Jahres 1895 lebender Artikel. Buchhandlungen als Orte "demokratischer Selbstverständigung"? Persönliche Beratung wertvoller als ein guter Algorithmus? Die elend anachronistische Subvention der Buchpreisbindung als Instrument der Kulturbewahrung? Es ist gut, wenn es diesen ineffizienten und ineffektiven Strukturen an den Kragen geht!

28.04.2009

vidi, lexi, critixi

What you lookin' at?

Manchmal denke ich, meine häufigen Kritikeinträge schaden mir und meinem Blog, weil ich, statt originales Material zu produzieren und meine Kreativität und Gedankenschärfe zu schulen, nur den Output von anderen wiederkäue, und weil meine Leser denken müssen, dass ich außer zweiter bis fünfter Hand nichts zu bieten habe, und dann können sie auch weiter die Amazon-Rezensionen von sexytrixi69 lesen.

Aber dann denke ich, gute Filme und Bücher müssen gelobt werden und schlechte verdammt, um das Wahre und das Schöne in der Welt zu fördern, und wie sollen die Leute angesichts der schieren Masse an Werken sonst, so sie denn in einer berechenbaren Beziehung zu meinem Geschmack und meinen Argumenten stehen, wissen, was sie unterstützen und was sie liegenlassen sollen? Umso mehr, wenn die Menschen mich gerade wegen meiner Kritiken lesen. Außerdem kann Kritik auch Zweck an sich sein und über die Referenz hinaus neue, eigene Gedanken entwickeln, die Wichtiges über die Welt und das Leben sagen. Und schließlich macht Kritik mir immer noch jede Menge Freude.

Soviel als Kurzfassung meiner Theorie der Kritik. Und nun zur Praxis.

"Quantum of Solace": Bond küsst das Girl nur auf den Mund? Leider Öko- und Emo-Schrott.

"Warten auf Angelina": Alles, und ich meine alles, was an deutschen Filmen schlecht ist, ist in diesem Panoptikum des Grauens zu bestaunen. Kostüme, die die Heilsarmee weggeworfen hat. Schauspieler, die die Luft nicht wert sind, die sie veratmen. Eine Kamera, die von einem blinden, betrunkenen Orang-Utan bedient wird. Ein Skript, in dem die Hauptfiguren buchstäblich auf ihren weißen Ärschen sitzen und darauf warten, dass der furchtbar, furchtbar unwitzige Plot zu ihnen kommt. Und der Höhepunkt mit "Angelina" ist lahmer als das Jahrestreffen der Kriegsversehrten der Ostfront e.V. Auf jeden Fall meiden!

"Inkheart": Nicht viel zu sagen, außer dass diese Fantasyverfilmung zwar komplett durchschnittlich ist, aber weil sie aus Hollywood kommt, trotzdem tausendmal unterhaltsamer als "Warten auf Angelina". Made in America, Baby!

"Burn after Reading": Leute, die nicht wissen, was Liebe ist, jagen ihr hinterher. Unglück folgt. Nicht sehr toll.

"Twilight": EEEEEEKKKKK!! EDWAAAARD!!!! ICH WILL EINE ABTREIBUNG VON DIR!!!!!1 Aber der Film ist tatsächlich gar nicht schlecht. Kristen Stewart und Cedric Diggory spielen zart und natürlich, und die Reinterpretation des Vampirismus ist originell genug, um ein Gefühl guter Unterhaltung zu hinterlassen, auch wenn Edward Cullen später zum Muster eines abusive boyfriend mutieren soll. Aber er ist doch so süß ...

"Sieben Tage Sonntag": Die wahre Geschichte zweier Jugendlicher, die in der menschenleeren Ödnis einer fernen dystopischen Zukunft Leipzig ohne Motiv brutalstmöglich Rentner schlachten. Es mag wie eine mutige Idee des Regisseurs scheinen, sich jedem Erklärungsversuch zu verweigern, weil es eh keine Antwort gäbe yaddayaddayadda, aber im Ergebnis wirkt es nur wie feiges Schwanzeinklemmen und Betrug am Zuschauer. Wenn ich die Fakten ohne Interpretation haben will, lese ich den dpa-Ticker, in einem Film möchte ich eine Aussage sehen (und Brüste).

"Yes Man": Wie bei Adam Sandler gehe ich auch bei Jim Carrey in fast jeden neuen Film und vergesse dabei immer, dass die tatsächlichen Geschichten nie so gut sind wie ihre originellen Prämissen. So ist auch diese Story über einen Mann, der nur noch Ja sagt, eigentlich eine biedere Schmonzette. Und neben der Starpower selbst eines alternden Jim Carrey braucht es mehr Ausstrahlung als die der zwar niedlichen, aber auch ziemlich blassen Zooey Deschanel.

"He's just not that into you": Okay, dieser Film hat ein paar gute Ansätze. Obwohl es der gewohnt hölzerne und charismalose Ben Affleck ist, ist seine stockende Erklärung, warum er Jennifer Aniston nicht heiraten möchte, weil er sie nämlich auch ohne Ring und Siegel liebt, für Hollywoodverhältnisse fast schon revolutionär zu nennen. Sexy kid Scarlett Johansson macht mit dem aufstrebenden Bradley Cooper einen ziemlich guten Job. Und wer Drew Barrymore nicht liebt, hat kein Herz, wer härter als Harald Juhnke saufen, mehr Drogen als River Phoenix nehmen und danach immer noch so gut aussehen und das Leben lieben kann, kann nur ein großes Vorbild sein.

Bist Du auch so strunzedoof wie ich?

Aber dieser von ihr produzierte Film ist schrecklich frauenfeindlich.

Jennifer Aniston ist so verfangen im Traum, einmal eine Braut zu sein, und von den Sticheleien ihrer sogenannten Freundinnen so betroffen, dass sie Schluss macht mit Affleck, der sie wirklich liebt, so sehr, dass er am Ende sogar seine Überzeugungen opfert und ihr einen Antrag macht, um sie glücklich zu machen. Jennifer Connelly ist eine erstickende Mikromanagerin, die selbst die mehrfache absolute Arschlochhaftigkeit ihres Ehemanns verzeihlich erscheinen lässt. Scarlett Johansson ist eine labile Männerfresserin. Und die Hauptdarstellerin Ginnifer Goodwin ist so unsicher und hyperaktiv, dass man ihr gleichzeitig Valium und Kokain geben will.

Kann es in diesen Filmen keine coolen Frauen geben? Frauen mit Eiern? Die darauf scheißen, was ihre Freundinnen sticheln? Die Arschlöcher in den Wind schießen und in den Sack treten? Die autochthones Selbstbewusstsein haben und eigene Ideen, wie sie flirten und daten wollen, und es nicht von Daddy gesagt bekommen müssen? Kurz, Lizzy Bennets und nicht Blanche DuBois'? You know, nicht nur, weil es weit mehr Freude macht, Ersteren zuzusehen als Letzteren, sondern auch wegen Vorbilder geben, Leben in die Hand nehmen usw. Und wegen der Sexiness.

"Watchmen": Eine fast perfekte Verfilmung, und dafür ist tatsächlich der blaue Penis von Dr. Manhattan ein Indiz. Leider deswegen ein Flop. Also wegen der Perfektion.

"The Reader": Sex, Nazis und Kate Winslet - klingt wie ein Film für mich! Leider spielt meine immer noch liebste Schauspielerin die tumbe und plumpe ehemalige Auschwitz-Aufseherin Hanna Schmitz so gut, und die Liebesszenen mit dem begabten David Kross sind so naturalistisch, dass gar keine rechte Sexiness aufkommen mag. Vielleicht hat die L-förmige Bettdecke doch was für sich ...

Auch die Story von Bernhard Schlinks Bestseller hinterlässt keinen besonders guten Eindruck: Diese deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust fühlt sich durchweg glatt an, glitschig und verlogen, ja geradezu falsch. Deutsche lesen deutsche Bücher, Deutsche halten deutsche Vorlesungen, und es hilft nicht, dass Bruno Ganz den Professor spielt, Deutsche sprechen deutsches Recht, und endlich liest ein Deutscher vor, wie der Holocaust zu verstehen ist, nämlich dass er nicht zu verstehen ist.

Klingt wie Exkulpation für mich.

Zwar raffinierte, mehrbödige und mehrfach selbstreflektierte Exkulpation, wie sie einem deutschen Juristen ansteht, aber letztlich doch keine andere Exkulpation als die des freiwillig glatzköpfigen abgebrochenen Grundschülers in Nordbrandenburg. Und warum soll man sich das dann ansehen, selbst wenn Ralph Fiennes und auch Lena Olin in einem leider viel zu kurzen Auftritt einen guten Job machen?

"Monsters vs. Aliens": Witzig, rasant, menschlich, vergesslich.

"C'era una volta il West": Ich hatte den echt bis Ostern noch nie gesehen! Und was habe ich verpasst!! Best. Movie. Ever? Ich will auch so ein Gesicht wie Charles Bronson, oder doch lieber wie Claudia Cardinale.

You lookin' at me, aren't you?

"Schuld und Sühne": Ah, ich möchte mein Leben lang nur russische Klassiker lesen, und dafür braucht man vielleicht auch das ganze Leben. Herzzerreißend, atemberaubend, reich und wahr, wahr, wahr.

"Dreams from My Father": Ein interessanter, manchmal fast lyrischer Einblick in das frühe Leben und die Gedanken des 44. US-Präsidenten Barack Hussein Obama, yaaaay!, der sich jedoch in der Mitte etwas zieht.

"The Film Club": Ein Vater lässt seinen Sohn die ungeliebte Schule abbrechen und bis fünf Uhr nachmittags schlafen, wenn er dafür jede Woche mit ihm drei Filme schaut, nach einer wahren Geschichte - klingt wie ein Buch für mich! Leider ist der Papa zwar ein guter und lehrreicher Filmkenner, aber auch ein eigenartig aufgeblasener, haarsträubend schlechter Lebensratgeber, und sein Sohn ist ein eifersüchtiger, mimosenhafter Taugenichts, dem man irgendwann nur noch die Crackpfeife aus der Hand schlagen und ihn ins Arbeitslager deportieren will, und das mir, dem Crackjunkie von Cannstatt! Sowas, sowas ...

Why yes Sir, I am!

11.01.2009

Das literarische Quartett

"Ein grräßliches, ein ganz und gar fürrchterliches Buch, diese 'Feuchtgebiete'", sagt der Mann auf dem überbordenden Rokoko-Canapé mit dramatischer Geste und einer unglaublich feuchten Aussprache. "Was hat sich diese Charlotte Rrotz oder Rröche oder wie sie heißt nur dabei gedacht? Ich verrstehe ja den Impuls, gegen den Hygiene- und Enthaarungswahn anschreiben zu wollen, dass ein neunjähriges Mädchen mit Alopezie und ohne Schweißdrüsen das erotische Ideal sein soll, kann nicht gesund sein, aberr so kann man das Thema doch nicht behandeln! 'Feuchtgebiete' ist nicht clever, nicht gut geschrieben, hat keine Charaktere, keine Handlung und noch nicht mal einen richtigen Ort. Dem Buch geht jede Dimension geteilter Menschlichkeit ab, und im Ergebnis führen die zahllosen Beschreibungen unappetitlicher Körperfunktionen und Sekrete, weil sie eben jedem humanen Zusammenhang enthoben sind, nicht zum Wunsch, sich alle Haare mal wieder so richtig lang wachsen zu lassen, sondern im Gegenteil dazu, sich täglich zehnmal mit Stahlwolle und Salzsäure abschrubben und mit einem Flammenwerfer epilieren zu wollen, um den unbeschreiblichen, geradezu höllenhaften Ekel loszuwerden, der einen bei der Lektüre befällt, selbst mich, derr ich weiß Gott genug Schlimmes auf dieser Erde gesehen habe! Das ohne Untertreibung schlechteste Buch, das ich je gelesen habe, und ich kann jetzt auch Charlotte Roche nie mehr ansehen, ohne mir zu denken, was um Gottes guten Willen in ihrem Kopf kaputt sein muss, dass sie so ein Werk verfaßt hat, und mehr noch, was mit diesem Deutschland kaputt sein muss, das einen solch kläglichen, widerlichen Erguss auf alle Titelseiten und Bestsellerlisten gehoben hat. Ach, ach, ach!"

"Da haben Sie ganz recht, Herr Lazar", antwortet Marcel Reich-Ranicki im Sessel zur Rechten, während er sich diskret ein wenig Spucke von der Backe wischt. "Aber haben Sie in letzter Zeit nicht auch bessere Werke gelesen?"

"Selbstverständlich, mein lieber Freund, auch wenn jede Speisekarte, ja jede Toilettenordnung mehr literarischen Wert besitzt als das eben erwähnte Buch", antworte ich. "Da war zum Beispiel das an dieser Stelle bereits erwähnte 'Ich brauche Liebe', die Autobiographie von Klaus Kinski. Und auch wenn mutmaßlich viel bis alles darin erfunden ist und die unzähligen sexuellen Eroberungen des Großschauspielers den Leser irgendwann ein wenig zu ermüden beginnen, ist es doch ein für die deutsche Sprache sehr leidenschaftliches, kraftvolles, vor Leben sprudelndes Werk, und man bekommt wirklich Lust, es Kinski nachzutun, weniger auf die Meinung der anderen zu geben, Filmbänder in Gold in die Tonne zu kloppen und Frauen zu lieben, egal wie alt sie sind, egal wie sie aussehen, wieviele Haare sie haben, schlicht dafür, dass sie Frauen sind, Menschen. Wahrhaftig, ich brauche Liebe, Sie brauchen sie, meine Freunde, jeder braucht sie!"

Eva Green im Sessel zur Linken errötet ein bisschen. Es steht ihr sehr gut. "Erzählen Sie mehr von der Liebe", flüstert sie fast in einem hinreißenden französischen Ton.

"Aber ja! Ich habe endlich auch 'The God of Small Things' gelesen", fahre ich fort, "und ich weiß nicht, wie ich dieses absolute Meisterwerk so lange verpassen konnte. Perfekte, golden glänzende Metaphern, vollkommene Sätze, wie hypersensorisch, unendlich horizonterweiternd, zum emotionalen Milliardär bereichernd, zutiefst berührend, Wort für Wort reine Wahrheit. Lesen, lieben, leben!"

"Das sind ja nun aber alles recht bekannte Bücher, Herr Lazar", sagt Barack Obama, der sich extra für die Sendung freigenommen hat und im dritten Sessel sitzt. Er spricht akzentfrei Deutsch. Wie alle anderen Sprachen. "Haben Sie nicht auch neuere Empfehlungen für uns?"

"Durchaus, mein Lieber, und die erste ist 'Nachtfische' von Rebecca Anna Fritzsche, ein kleiner Debütband mit fünf Erzählungen. Ich kenne die Autorin persönlich, und im Gegensatz zu vielen ihrer schreibenden Generationsgenossen, die mit oberflächlicher Wortpolitur langweilen, ohne je nach den Perlen des Lebens zu tauchen, vielleicht haben sie keine Eier oder Ovarien, erzählt sie lakonisch und präzise und genau beobachtend vom Unglück des Daseins, am Besten in der titelgebenden Geschichte über eine langsam und böse herankriechende Postpartumdepression. Ein bisschen vielleicht, wie Hemingway geschrieben hätte, wenn er eine junge Frau gewesen wäre. Ich freue mich schon auf ihren ersten Roman!"

Jetzt ist es an mir, ein wenig zu erröten.

"Äh, das letzte Buch für heute ist ein Sachbuch, und ich habe es von einer sehr, sehr lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen. Es heißt 'Dr. Tatiana's Sex Advice to All Creation' und ist im Frage-und-Antwort-Stil wie bei Doktor Sommer geschrieben, aber für die gesamte Schöpfung. Und Gott, die Tiere und Pflanzen und Pilze treiben es vielleicht toll! Unendlich kreativ, grenzenlos varianten- und lehrreich und auch sehr witzig. Nach der Lektüre ist man ganz erfüllt von Ehrfurcht und Erstaunen vor der Natur und möchte selbst seinen Teil tun, ihr so oft und so lange wie möglich zu huldigen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Kraft und viel Liebe. Bis bald!"

28.07.2008

Kurzkritiken der Kulturproduktion

"Moby-Dick", als Livehörspiel im Stuttgarter Staatstheater gesehen, ist eine große Abenteuergeschichte mit rauhen Seebären, Stürmen und Harpunen, und Thomas Eisen und Bernd Gnann geben sich mit weißen Melonen, rasselnden Ketten und hämmernden Holzbeinen kreativ und gekonnt Mühe, sie vor Augen und Ohren erstehen zu lassen. Doch "Moby-Dick" ist auch so viel mehr, von dem an diesem Abend aber fast nichts zu hören ist.

"Der Kick" dagegen, den wir auch mal gespielt haben, erzählt eine im Grunde kleine Geschichte eines Mordes in der brandenburgischen Provinz. Aber was der ausnehmend begabte Regisseur Andres Veiel und seine Schauspieler Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch, die auch in der hier verlinkten abgefilmten Fassung des Stücks zu sehen sind, mit nichts als schwarzen Alltagsklamotten, einem Bauwagen und einer Holzbank daraus auffächern, ist erschütternd und großartig. Unbedingt ansehen!

"The Last Hero" ist eine wunderschöne Geschichte, in der alles stimmt, von den liebenswerten (Carrot) oder wenigstens beeindruckenden (Vetinari) Figuren über den fantasievollen Plot bis zu den herrlichen Illustrationen, an denen man sich kaum sattsehen kann. Aber warum wirkt dann "Making Money" vom selben Terry Pratchett so müde und die Geschichte so lustlos, und warum scheinen die Charaktere nur noch so zu heißen wie ihre geliebten Inkarnationen in früheren "Discworld"-Büchern, aber nun von nicht besonders begabten oder sympathischen Hochstaplern gespielt zu werden, selbst mein ewig bewunderter Havelock Vetinari? Ich traue mich kaum, es zu fragen, aber kann es sein, dass Pratchetts beginnender Alzheimer sich schon auf sein Schreiben auszuwirken beginnt? Hoffentlich bald gute Besserung!

"Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" von Walter Benjamin schließlich ist trotz seines Klassikerstatus ein in vieler Hinsicht typisch ärgerliches geisteswissenschaftliches Paper: Weder Abstract noch Zusammenfassung, weder klare Punkte noch präzise Begriffe erleichtern die Lektüre. Fast dreißig Seiten blubbert Benjamin, doch seine eigentliche Aussage lässt sich in einer tautologischen Zeile zusammenfassen: Die Einzigartigkeit von Kunstwerken geht verloren, wenn sie nicht mehr einzigartig sind. Das hätte ich auch schreiben können!

Soviel für diesmal.

28.12.2007

Dialog mit einem Weihnachtsgeschenk

Das Buch: Hey! Ich bin "Gott - Eine kleine Geschichte des Größten". Mein Autor Manfred Lütz ist Mediziner, Theologe, Philosoph und Psychologe und verspricht, alle wichtigen Argumente für und gegen die Existenz Gottes in einem historischen Überblick, mit klarer Sprache und sogar etwas Witz darzustellen. Interessiert?

Ich: Naja, eigentlich habe ich ja nicht so viel mit Gott am Hut, aber ich gebe zu, dass die theoretischen Fundamente meines Atheismus etwas Betonunterspritzung brauchen könnten. Ich schaue mal rein.

Das Buch: Musik und Kunst lassen uns das Erhabene spüren, ist es nicht so?

Ich: Das stimmt.

Das Buch: Psychologie ist wissenschaftlich bisher nicht besonders wasserdicht, und darum wäre es fahrlässig zu sagen, der Glaube an Gott sei nur eine psychische Störung, selbst wenn der Herr nicht existiert. Und umgekehrt wird eh ein Schuh daraus.

Ich: Da hast Du wohl recht, liebes Buch.

Das Buch: Ludwig Feuerbach meinte, Gott wäre die Projektion all unserer Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen, die uns angesichts des Nichts und des Leids beruhigt.

Ich: Hey witzig, das wusste ich bisher schändlicherweise noch nicht. Aber Feuerbachs Gedanken hatte ich zum ersten Mal mit dreizehn. Ich hätte halt doch zweihundert Jahre früher geboren werden sollen, wann sonst soll ich je "Heda, Stallbursch!!" rufen dürfen?

Das Buch: Äh ... ja. Aber unbenommen der möglichen Richtigkeit des Feuerbachschen Arguments könnte Gott doch trotzdem existieren.

Ich: Sicher.

Das Buch: Nun weiter. Pascal hat ja mal seine berühmte Wette aufgestellt. Sie "überzeugt auch heute noch zweifelnde Menschen".

Ich: Äh ... hat die Pascalsche Wette nicht klaffende logische Löcher, durch die man bequem die "Queen Mary 2" quer schieben könnte? Sie ist 345 Meter lang ...

Pascals Wette und die Queen Mary 2

Das Buch: Wie? Ich höre so schlecht, ich habe nämlich keine Ohren! Jedenfalls überzeugt Pascals Wette auch heute noch zweifelnde Menschen, das darfste so zitieren.

Ich: ...

Das Buch: Atheismus ist oft aus Affekt gegen die vermeintlichen Exzesse der Kirche entstanden. Diese Atheisten sind ohnehin komische Kauze und haben oft keine Moral, wie der Marquis de Sade.

Ich: Könnte man de Sade nicht auch als etwas radikalen Freiheitskämpfer sehen? Und was hat es eigentlich mit der Frage der Existenz Gottes zu tun, was für Menschen die alten Atheisten waren? Gilt nicht mehr das Argument, das Du gegen Feuerbach verwendet hast?

Das Buch: Wie? Was? Hat da wer was gesagt? Wie dem auch sei, Nietzsche sagt, dass ohne Gott der Übermensch regieren und alle Schwächlinge zerquetschen wird, willst Du das? Im Übrigen sind durch die Quantenmechanik biblische Wunder durchaus möglich, ecco!

Ich: Ist das nicht sowohl ein geradezu groteskes Fehlverständnis der Quantentheorie als auch eine perfide Schwarzweißmalerei der Folgen von Nietzsches Argumenten? Tertium wirklich non datur?

Das Buch: Latein kann ich auch nicht. Jedenfalls haben Kinder eine eigene Sicht auf die Welt, die nicht schlechter sein muss als die der Erwachsenen, sie ist nur anders. Und "Kinder sind keine Atheisten", da! Sie riechen nämlich noch nach der Schöpferhand Gottes.

Ich: Mag ja sein, aber wofür war das jetzt nochmal genau ein Beweis? Ich glaube langsam eine ziemlich unerquickliche Tendenz in Dir wahrzunehmen, Buch.

Das Buch: Tendenzen? Ich? Nie!! Übrigens, die Azteken haben noch bis kurz vor dem Eintreffen der Spanier grausam Menschen abgeschlachtet, die Hindus haben eine "abstoßende" Unmenge von Göttern, und der Buddhismus befasst sich eigentlich nur mit der Existenz des Menschen und bietet ansonsten nur das Nirvana, das heißt soviel wie "Nichts", sind die nicht spinnert? Und ach so, Galilei war ein eitler Fatzke, und dieser Allah ist ein ziemlich ungemütlicher Kerl, findest Du nicht?

Ich: Ähh ... mutig?

Das Buch: Doch kommen wir nun zu den versprochenen Gottesbeweisen.

Ich: Na endlich, ich bin schon ganz kribbelig, und meine Faust fängt an zu zucken.

Das Buch: Thomas von Aquin hat im 13. Jahrhundert gesagt, dass jede Bewegung Folge einer anderen Bewegung ist. Am Anfang muss aber etwas Unbewegtes stehen, das bewegt. Dito für Wirkungen. Außerdem muss es etwas geben, das Etwas war, als alles Nichts war, da aus Nichts nichts entstehen kann, und etwas, das der höchste Superlativ ist, da es sonst keinen Vergleichsmaßstab gäbe, und etwas, das unbeseelte Körper auf ein Ziel hin wirken lässt, und dies alles nennen wir Gott. Ein heutiger französischer Philosoph meint, diese Beweise hielten bis heute "jeglicher" Kritik stand.

Ich: WTF? Jeder Fünftklässler frisch aus der Deutschstunde kann diese logischen und linguistischen Taschenspielertricks auf einem halben Blatt holzfreien Karopapiers widerlegen! Was ist das für ein Schrott?

Das Buch: Die Theodizee spielt übrigens keine Rolle, wg. Freiheit des Menschen usw.

Ich: WTF?!? Was hat es mit meiner Freiheit zu tun, wenn ich in einem Erdbeben zerquetscht werde?

Das Buch: Dein Leid ist eine Bewährung für das Paradies, mein Sohn.

Ich: Das ist doch keine Beantwortung der Frage, sondern das Unterschieben der unbewiesenen Behauptung der Existenz des Paradieses! Und selbst wenn es den Garten Eden gäbe, scheint hier ein ziemlich zynischer Gott durch, nur die Harten kommen in den Garten?

Das Buch: Schsch, noch hundert Seiten ganz neutrale katholische Bekehrungsliteratur. Kant meinte, dass innere menschliche Moral nur Sinn ergibt, wenn die Menschen frei sind, die Seele unsterblich ist und es schließlich auch Gott gibt, wozu sonst die ganze gutmenschliche Plackerei, statt einfach die Sau rauszulassen, wie Stalin, hähä?

Ich: Den alten Königsberger Junggesellen sehr in Ehren, aber auch er macht es sich zu einfach, den Sinn von Moral ohne die Existenz Gottes rundheraus zu verneinen, das könnte aber auch nur daran liegen, dass es bis zu seinem Tod weder Evolutionsbiologie noch Spieltheorie gab, die vielleicht zwei für das Thema wichtige und der Betrachtung eventuell würdige Felder wären, wenn es womöglich beliebt ...?

Das Buch: Spiel- was? Nie gehört! Ohne Gott keine Moral, Simplicio!!

Ich: ...

Das Buch: Jetzt geht's um Echnaton, Moses, Abraham und dass Gott sich seinem erwählten Volk als Person präsentiert hat, um ihm so seine gleichsam körperliche Liebe zu zeigen. "Deus Caritas Est" ist doch eine ziemlich "sexy" Enzyklika, oder nicht? Hehehe!

Ich: Können wir vielleicht kurz über die seltsame Art reden, wie Gott seinem "auserwählten Volk" Israel seine Liebe über die Jahrtausende hinweg gezeigt hat? Oder schlägt er die Juden nur, weil er sie liebt?

Das Buch: Juden? Mein Autor ist doch Katholik und in mindestens drei den Papst beratenden Gremien und Akademien, muss ich irgendwie vergessen haben, im hinteren Klappentext zu erwähnen, vielleicht ist das schlampige Lektorat schuld? Aber lies mal, Gott ist in Jesus Mensch geworden und für uns ganz echt und wirklich am Kreuz gestorben, yay!

Ich: Naja, zur heiligen Trinität hätte ich schon ein paar Fragen. Wenn Jesus und Gott einen Boxkampf ausfechten würden, und der Heilige Geist wäre der Schiri, wer würde gewinnen? Als ich das mal das einzige christliche Date meines Lebens gefragt habe, muss ich sie wohl beleidigt haben, nach dem zweiten Date in einem der besten Restaurants Stuttgarts war sie auf und davon, dabei war das Essen wirklich lecker! Schade ... Aber wie ist das jetzt mit der Menschlichkeit Jesu, wieviel Prozent sind-

Das Buch: Das Konzil von Chalcedon hat 451 festgestellt, dass in Jesus Christus menschliche und göttliche Natur "unvermischt und ungetrennt geeint" sind. Genial, oder?

Ich: Nennt nicht sogar Papst Ratze diese Erklärungsversuche "armseliges Gestammel", wie Du selbst schreibst?

Das Buch: Wo? Ich muss in der Zeile verrutscht sein ... So oder so, Gott ist Liebe, verstehste? Hier haste das große Glaubensbekenntnis von Nicäa, Amen, und alles andere "können Sie vergessen", das ist ein direktes Zitat! Konvertiere oder stirb!!

Ich: Was??

Das Buch: Hä? Max Horkheimer hat gesagt: "Warum soll ich gut sein, wenn es keinen Gott gibt?"

Ich: Mir würden auf Anhieb zwei Hände und ein Herz voll Gründe einfallen, wenn ich länger nachdenke, sicher auch noch m-

Das Buch: Das war eine rhetorische Frage, Ungläubiger, ohne Gott gibt es nur Mord, Orgien und einsame Singles, hast Du's immer noch nicht kapiert? Zum letzten Mal, öffne Dich gefälligst Gottes Liebe!! Vielleicht solltest Du mit dem "eindrucksvollen Film" "The Passion of the Christ" anfangen und Dich dann langsam hocharbeiten ...

Ich: Eigentlich stehe ich ja nicht so auf widerwärtige Folterpornos, und die komplett verlogene Mogelpackung dieses Buches, das unter einem fadenscheinigen Mantel des Vorwandes, Argumente für und gegen die Existenz Gottes zu prüfen, unverhohlen und unappetitlich erzkatholische Propaganda betreibt, macht mir auch so gar keine Lust, mal-

Das Buch: Papperlapapp! In Kunst und Musik zeigt sich doch das Erhabene, und dieses Buch ist ja nur "sehr subjektiv", außerdem habe ich ohnehin "zu viel Respekt vor Atheisten gezeigt", also alles cool, zwinker zwinker! Unterschreib zum Abschluss doch bitte noch hier, hier und... hier.

Ich:

Mein Umgang mit Gott

14.12.2007

Marlon Brando

"Spieltrieb" fertiggelesen.

Und obwohl mir trotz meiner ausführlichen Auflistung der Schwächen des Buches entgangen zu sein scheint, dass Juli Zeh auch komplett humorlos ist, dass von ihrer schwerfälligen Explikation von allem (die sehr unnötig ist) seltsamerweise die Figuren ausgenommen sind (bei denen es sehr nötig wäre), dass der Plot buchstäblich ins Leere läuft und darin ständig Dinge passieren, die ohne jegliche erzählerische Konsequenz bleiben, und dass die Autorin schließlich, was vielleicht ein Hauptgrund für manche negative Reaktion sein mag, immer von weit oben herab zu sprechen scheint, als müsste sie einem Kind, das sie für ein bisschen schwachsinnig hält, zum wiederholten Male etwas erklären, obwohl das Kind in Wahrheit alles andere als dumm ist und genau weiß, dass Tante Zehs Ratschläge falsch sind, ätzend wie ihre sauren Küsse; obwohl ich also all dies nun zusätzlich zum bereits beschriebenen Schlechten bemerkt habe, habe ich die letzten Seiten doch in weit friedlicherer und versöhnlicherer Stimmung gelesen als die ersten, ein bisschen vielleicht wie ein gewalttätiger Ehemann, der nach einer Nacht auf der Parkbank wieder ins warme Zuhause gelassen wird, damit es von neuem beginnen kann.

David Niven soll einmal gesehen haben, wie sich Laurence Olivier und Marlon Brando in Vivien Leighs Pool küssten. Wäre ein Tropfen Speichels aus ihren hart und heiß aufeinandergepressten Mündern gefallen und zu einer Anadyomene herangewachsen, hätte er mehr Talent und Relevanz bewiesen als die deutschen Autoren von heute?

Auch Juli Zeh scheint dank ihrer wenigstens in geistiger Hinsicht unzweifelhaft vorhandenen Intelligenz das fast obszön klaffende Nichts zwischen den Buchdeckeln ihrer Kollegen zu spüren und bemüht sich darum einerseits, auf die geschildert gescheiterte Weise eine weltweise und wegweisende Geschichte zu konstruieren, die sich andererseits um genau diese Leere dreht, oder in anderen Worten, wie erstaunlicherweise ihre Figur Smutek einmal bemerkt:

"Dein Problem", brüllte er, die Hände immer noch auf das Porzellan gestützt, das warm zu werden begann und rings um seine Finger beschlug, "ist, dass du das allgemeine NICHTS mit deiner persönlichen LEERE verwechselst."

Wie er, der einzige halbwegs sympathische Charakter in "Spieltrieb", der später auf für den gequälten Leser sehr befriedigende Weise einen der Bösewichte halbtot prügeln darf, kurz vorher ebenfalls völlig richtig sagt, ist die Erkenntnis der Nichtigkeit allen Seins und daraus folgend die kosmische Unwichtigkeit aller Werte, Gesetze und Gebote erstens nichts Neues und zweitens nicht das Ende des Denkens, sondern sein Anfang.

Insofern ist der Versuch der Autorin, breite Leserschichten zu diesem Beginn zu führen, den man Nichts nennen kann oder auch Freiheit oder Tod, trotz seiner Fehler lobenswert, auch wenn der von ihr vorgebrachte Letztgültigkeitsanspruch des Pragmatismus, der sich am reinsten im Spiel zeige, darum "Spieltrieb", verstehste, freilich ebenso im schwarzen Loch verschwindet wie alles andere, denn wenn alles nichts ist, warum nicht gleich jetzt aus Allem Nichts machen, von der Brücke springen oder eine Atombombe zünden oder wenigstens ein bisschen mit der Kettensäge über den Weihnachtsmarkt rennen und alle mit blinkenden roten Mützen blutig enthaupten?

Frohes Fest

Nach dieser angenehmen Phantasie kehrt man aber umso ernüchterter zur kalten Leere der jungen Autoren zurück und wundert sich erneut wie im letzten Eintrag gefragt, warum sie nur nichts und Nichts schreiben können. Aber vielleicht habe ich letztes Mal doch auch schon die Antwort gefunden, ohne sie bereits in ihrer ganzen Tragweite erkannt zu haben:

Sie wissen nichts vom Leben.

Das Foto des schlafenden Babys zur Illustration dieses Befundes ist dabei trotz seiner unwiderstehlichen Niedlichkeit im Nachhinein doch nicht so treffend, wie ich zuerst dachte. Denn ein Säugling mag nicht wissen, wie ein Dieselmotor funktioniert und wie man formvollendet eine Latte macchiato bestellt, aber dass es im menschlichen Leben um etwas geht, nämlich Titten, Milch und Brüllen, das hat er sozusagen ab Werk begriffen, und Juli Zeh, Stuckrad-Barre, Illies und wie sie alle heißen, haben es wieder vergessen. Vielleicht, weil sie als Kinder zuviel Holzspielzeug hatten, vielleicht, weil sie als Teenager die Nachrichten immer bei "logo!" gesehen haben, und vielleicht, weil sie als Erwachsene zu oft "was mit Medien" gemacht haben, über die Gründe ließe sich noch lange spekulieren, und ich werde es auch in Zukunft wohl noch einige Male tun.

Für heute ist mir erstmal eine, meine Generation unheimlich, deren Repräsentanten noch nie geblutet zu haben scheinen, noch nie geweint und noch nie Stella geschrieen und noch nie Laurence Olivier geküsst, im Pool seiner Ehefrau.

Denn was passiert, wenn sie einmal blutet?

10.12.2007

Juli Zeh

Ich dachte einmal, das Problem der jüngeren deutschen Literatur, das unüberlesbar aus jeder einzelnen von ihren Protagonisten geschriebenen Seiten schwärende Problem, nämlich, dass die jüngere deutsche Literatur nichts hat, über das sie schreiben könnte, rein gar nichts, läge daran, dass es in diesem Land keine Not mehr gibt, keinen Krieg, keinen Hunger, keine Ideale, erst recht nicht für westdeutsche Kinder aus gutem Hause, und darum auch keinen Marmor mehr, aus dem sich Geschichten hauen ließen.

Aber abgesehen davon, dass dieses Denken mich in die Nähe Günther Oettingers bringen würde, schon blöd, dass kein Krieg mehr kommt, was, und dass Frieden, Freiheit und Wohlstand das sind, was bei mir einer Religion am nächsten kommt, ist es auch nachweislich falsch. Kafka war kein Krösus, aber musste nie Not leiden, wurde als Versicherungsbeamter viermal befördert und setzte sich, seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, offenbar sogar dafür ein, dass Arbeiter Schutzhelme tragen sollen. Und trotzdem schrieb er eine Geschichte über einen Mann, der sich in einen Käfer verwandelt, und an seinen Vater, dass dieser ihm gedroht habe, ihn wie einen Fisch zu zerreißen. Hemingway war der Sohn eines Arztes, sportlich und intelligent, und hätte, beim "Kansas City Star" beginnend, das ruhige Leben eines amerikanischen Journalisten führen können, und dennoch wollte er so sehr in den Weltkrieg ziehen, dass er trotz soldatischer Untauglichkeit als Ambulanzfahrer an die Front kam und mit dem roten Kreuz auf dem Rücken dahin rannte, woher die Überlebenden flohen. Und selbst Jane Austen, zu deren Zeit es für Frauen unschicklich war, zu tief einzuatmen, und die ein entsprechendes Leben führte, hat ein Werk hinterlassen, dessen Wahrheit, Wärme und Witz auch in nochmal zweihundert Jahren hell strahlen werden wie eine Nova.

Wenn es also nicht Krieg, nicht Hunger und nicht Ideale sind, die den deutschen Autoren fehlen, und um endlich zum Thema dieses Eintrags zu kommen, wenn der Grund, warum Juli Zehs Roman "Spieltrieb", kein Link, weil keine Empfehlung, so fürchterlich unsäglich, so grauenhaft grässlich, so zermürbend schlecht ist, ein anderer ist, welcher ist es?

Juli Zeh

Sie weiß nichts vom Leben.

Lassen wir dies für den Augenblick so stehen und wenden uns zuerst der Frage zu, wie ich, ein sonst akribischer Vermeider jeder Gegenwartsliteratur, und doppelt der deutschen, zu meinem Exemplar von "Spieltrieb" gekommen bin. Ganz einfach: ich war beeindruckt von diesem Interview mit der Autorin, denn ich dachte, wer den ungerechtfertigten Tod der klassischen Dramaturgie im deutschen Theater bedauert, wer sich nicht scheut, über die großen Dinge zu schreiben, statt eine Quappe im Tümpel zu bleiben, wer vom Duellieren schwärmt und wer ganz zurecht erwähnt, dass man mit 33 vor hundert Jahren Schlachtschiffe befehligt hat, während man heute im gleichen Alter als Küken gilt, den bzw. die sollte ich mal gelesen haben, es muss gut sein, was sie schreibt.

Oh, wie ich mich getäuscht habe. Oh Gott, wie ich mich getäuscht habe. So schmerzhaft getäuscht, als hätte ich meinen Penis statt in einer schönen Frau in einem Fleischwolf versenkt und drehte an der Kurbel im blutigen Irrglauben, das Ohr des Mädchens zu liebkosen.

Eklig? Geschmacklos? Katastrophal verrutschte Metapher? Nicht katastrophaler, lieber Leser, als der handwerkliche Teil von "Spieltrieb", bei dem man sich an das grausige Innenleben einer Wursterei erinnert fühlt und sich ernsthaft besorgt fragt, wie ein Teil des bundesrepublikanischen Literaturbetriebes dessen eklatante Mängel in seinen Besprechungen des Buches nicht nur übergehen, sondern sogar zu einem Qualitätsmerkmal erklären konnte, Zehs Blutwurst jetzt mit 27% mehr Knorpel und Gekröse: Figuren, die nie mehr Tiefe gewinnen als Mensch-ärgere-Dich-nicht-Kegel und auch keinem anderen Zweck dienen, ständige plumpe Beschreibungen dessen, was gerade passiert und wer was fühlt, weil die Autorin erschreckenderweise noch nie etwas vom ehernen "show, don't tell" gehört zu haben scheint, ein Plot, der sich an keiner Stelle natürlich aus der Motivation der Figuren ergibt, wie sollen hohle Kegel auch Gründe haben, sondern in den Wolf gezwungen wird, mögen Hufe und Fell ihn auch verstopfen und zerstören, und über allem eine jeden Rest von Leben zukleisternde Soße absurd schiefer Metaphern, präsentiert in unpoetischer, kalter Sprache. Guten Appetit!

Macht schon die schlechte handwerkliche Arbeit das Lesen zu einer Tortur wie das Sitzen auf einem von einem Schieler gezimmerten Stuhl, zu diesem Zeitpunkt habe ich noch fast zweihundert Seiten des Schinkens vor mir, durch die ich mich nur noch quäle, damit nachher keiner sagen kann, dass ich das Werk nicht in seiner Gesamtheit yadda yadda, und lässt überdies die Frage wie einen ziemlich, ziemlich großen Giftpilz aufkeimen, was man eigentlich auf dem Deutschen Literaturinstitut Leipzig lernt, sind es doch der Wille, die Absicht und die Moral, die hinter der Wurstfabrik Zeh stehen, die den gebeutelten Leser schließlich mit grünem Gesicht und flauem Magen das Buch für immer fliehen lassen wollen.

You know, Juli Zeh ist sehr gebildet. Nietzsche, Musil, Spieltheorie, geht ihr alles leicht von der Hand und ist durchaus faktisch korrekt, und auch über Moral, Terror und den Sinn des Lebens, welchen auch immer, sollte ein mündiger Mensch mehr als einmal nachgedacht haben, und die Autorin hat es sicht- und lesbar oft.

Aber sie hat keine Ahnung.

Keine Ahnung von der Welt. Keine Ahnung von den Menschen. Keine Ahnung vom, und damit sind wir zurück beim Babyfoto, Leben. Ein winziger Fisch in einem riesigen Glas. Ein Sternenkind in einer schillernden Seifenblase. Eine gewaltige Bibliothek, aber ohne einen einzigen Sitzplatz, von so etwas wie einem Ohrensessel, einer Pfeife, einem Kaminfeuer gar nicht zu träumen.

Fast so scharf wie in "Spieltrieb" kommt diese seltsame, aber durchaus auch für ihre schreibenden Altersgenossen symptomatische Leere, diese schwer begreifliche Dummheit der Bildung, über deren Ursachen ich ein andermal nachdenken werde, für heute ist gleich Schicht im Schacht, in diesem Artikel Juli Zehs über den 11. September für die "Zeit" zum Vorschein. Da erzählt sie nicht nur, ohne sich in Grund und Boden zu schämen, dass sie bis zu ihrem f'ing 28. Lebensjahr glaubte, dass Demokratien immer gut seien, sondern nimmt dieses erschreckende Artefakt ihrer bodenlosen Naivität im Gegenteil noch zum Aufhänger eines scheinprovokanten Artikels. Mädchen, möchte man rufen, Mädchen, möchte man brüllen und sie schütteln, wach auf, wach endlich auf und öffne die Augen!

Dieselbe Reaktion, dasselbe Kopfschütteln, dieselbe Aggression ruft auch das Buch hervor, weil es nach demselben Muster funktioniert. "Menschen brauchen ..." Nein, brauchen sie nicht. "Menschen sind ..." Nein, sind sie nicht. "Terroristen sind wie David, wie König David." Gähn ... ach so, das sollte jetzt provozieren. "Lass uns unseren Lehrer erpressen, indem Du mit ihm Sex hast und ich davon Fotos mache, und das allein, weil wir spielen wollen, das ist unser Spieltrieb, verstehste, denn wir haben keine Moral mehr und keinen Glauben und erst recht keine Ideale, muhuhahahaa!" Wer glaubt, dies wäre eine unfaire Wiedergabe von Juli Zehs Dialogen, hat nicht ihre seitenlangen Ausführungen über Nihilismus und Gottes Tod gelesen, in denen all das mit dem gröbsten Fleischklopfer breitgeschlagen wird, was sich bei einem besseren, nein, einem guten Autor von selbst aus der Geschichte ergeben hätte. So sie denn in der Wirklichkeit fundiert wäre, im Gegensatz zu "Spieltrieb", das vielleicht gerade deshalb dauernd die Krücke der totalen Ausformulierung braucht. Ein gutes Werk jedenfalls ließe dem Leser auch Gelegenheit, zwischen den Zeilen selbst zu atmen, selbst zu denken und selbst zu träumen und so eine ungleich bessere, ungleich sympathischere Beziehung dazu aufzubauen als zur Zehschen Zwangsbewurstung mit Plattheiten, Pseudoprovokationen, unnötigen Auswalzungen und permanenten Falschheiten. Keiner redet so wie Ada und Alev, noch nicht mal absichtlich artifizielle Archetypen. Niemand ist so, wie es Juli Zeh behauptet. Ihre Geschichte würde selbst in der Welt ihres Romans niemals funktionieren. Und endlich erzählt "Spieltrieb" einem nichts, was man als Mensch mit wenigstens einem Zeh, haha, im großen Pool des Lebens nicht schon gewusst hätte, nicht schon besser weiß und nicht schon für immer besser wissen wird.

Zeitverschwendung.

02.06.2007

Pride and Prejudice

Wieso hat mir in meinem bald 28-jährigen Leben eigentlich nie jemand gesagt, wie absolut großartig Jane Austen und ihr Meisterwerk sind? Sie rühmen, hieße einen Wodka in Lindsay Lohan schütten bzw. Eulen, Athen usw., darum beschränke ich mich auf das Lobpreis der folgenden eleganten Beobachtung, die so wahr wie glasklar ist und über die noch hier und da zu bloggen sein wird:

If gratitude and esteem are good foundations of affection, Elizabeth's change of sentiment will be neither improbable nor faulty. But if otherwise, if the regard springing from such sources is unreasonable or unnatural, in comparison of what is so often described as arising on a first interview with its object, and even before two words have been exchanged, nothing can be said in her defence, except that she had given somewhat of a trial to the latter method, in her partiality for Wickham, and that its ill-success might perhaps authorise her to seek the other less interesting mode of attachment.

Jane, Du verstehst mich!

09.03.2007

Ariadne von Schirach

Entsinnen wir uns noch dieses Eintrages über einen grausamen, grausamen "Spiegel"-Artikel selbiger Autorin?

Jetzt hat sie, oh Gott, ein fast 400 Seiten langes Buch daraus gemacht.

In einer "Zeit"-Anzeige zur Veröffentlichung fällt mir zuerst ihr Gesicht auf. Ein schönes, blondes Gesicht mit runden Wangen und einer niedlichen Nase, wachen Augen und forschendem Blick. Rechts davon der Titel, auf dem vor allem groß "Lust" steht. Darüber ihr Name, bei dem man sich sofort fragt, ob ...und ja, sie ist sogar seine Enkelin. Da sind ihr selbstverständlich völlig uneigennütziger Förderer Matthias Matussek, ausgerechnet, und dessen ejaculatio praecox "Ein wundervoller Text ..." am Ende der Anzeige nur mehr unnötige heiße und stinkende Luft, der erwartet gewaltige Medienorkan ist schon unterwegs.

Jung. Blond. Frau. Ficken. Führer.

Es ist, als hätte eine gute Fee die heimlichsten und dunkelsten Obsessionen des Deutschen, des Deutschen an sich erraten, all seine Wünsche gewährt und sie in Ariadne von Schirach und ihrem Buch verkörpert, fehlt nur noch, dass sie zugibt, dass sie einmal Sex mit einem Daimler hatte oder wenigstens mit Dieter Zetsche:

Seine Glatze schillerte wie die Motorhaube eines SL500 im Lichte eines New Yorker Herbstmorgens, und ich strich lachend darüber, auch weil sein Schnauzer mich kitzelte. Er sah, zwischen meinen Beinen, fragend auf, und ich drückte ihn erneut nieder und rief: "Ich bin Amerika, Dr. Z! Erobere mich mit deutscher Wertarbeit!! Importiere Deinen Maybach 62!!!"

Nur impotente und frigide Spielverderber würden bei einer solch feuchtfröhlichen nationalen Orgie nachfragen wollen, was es eigentlich mit dem Inhalt eines Buches zu tun hat, wie seine Autorin aussieht, ob es nicht seltsam ist, dass ein "von", und dann gar ein "von Nazi" auch über sechzig Jahre später noch immer erstaunlich viele Türen zu öffnen scheint, und ob die "Thesen" der Frau von S. es überhaupt im Ansatz wert sind, mit derartiger Resonanz verbreitet zu werden. Und darum tue ich es auch nicht.

Sondern google weiter nach "Ariadne von Schirach nackt".

07.01.2007

Blogger und Bond

Wir hatten es ja schon mal angeschnitten, und jetzt, bei der Suche nach einem Wandkalender für das neue Jahr, diesmal muss es James Bond sein, dieses Jahr muss es er sein, überkam es uns mit flutgleicher Wucht, nur halb passendes Zitat aus "American Psycho", einem absolut, absolut großartigen Buch:

I'm on the verge of tears by the time we arrive at Pastels since I'm positive we won't get seated but the table is good, and relief that is almost tidal in scope washes over me in an awesome wave.

Und die Frage war: Würde James Bond bloggen? Würde er stundenlang in Frontpage und Photoshop frickeln und klickeln, bis sein Layout und sein Design zu seiner Zufriedenheit wären? Würde er zu lustigen YouTube-Videos linken, begeistert an jedem Ameisenfurz (Link nicht mehr aktuell) herumschnüffeln, ein "Wort" wie "Web 2.0" überhaupt in den Mund nehmen, außer, um es sofort auszuspucken, sein süßes Köpfchen weinerlich über böse, böse Schmutzfinken wie Don Alphonso schütteln, die doch tatsächlich wagen, in ihren Blogs Schimpfworte zu benutzen, soll sich den Mund mit Kernseife auswaschen, der Störenfried, der; kurz, würde James Bond am Ende der Party, um fünf Uhr morgens, mit vor Angst bibbernder Stimme fragen, ob er "vielleicht" die "Handynummer" des schönen Mädchens haben könnte?

Und die Antwort ist, natürlich, nein.

James Bond hat keinen Account im studiVZ und keinen in XING und keinen in YouTube und erst recht keinen in MySpace. Es ist ihm scheißegal, welches HTML-Tag für welchen Bloggertyp am Besten zur Farbe seines iBooks passt. Er denkt ganz bestimmt nicht über das "Web 2.0" nach. Er heult selbst dann nicht, wenn er brutalst gefoltert wird, sondern hat im Gegenteil gerade dann den besten Spruch auf den Lippen, und umgekehrt auch, wenn man ihm das schönste Liebesgeständnis macht; kurz, er verlässt die Party um halb zwei, auf ihrem Höhepunkt, küsst das schönste Mädchen umwerfend auf den Mund und sagt ihm, dass es ihn anrufen soll, wenn es ihn je wiedersehen will, und er gibt ihm nicht seine Nummer und nicht seinen Namen, was soll er es ihm denn zu einfach machen?

Würde James Bond schreiben? Vielleicht, hat Hemingway ja auch gemacht, wenn er nicht gerade Löwen oder sich mit Mojitos abgeschossen hat, und vielleicht würde Hemingway heute auch auf einem Laptop schreiben, wenn auch wahrscheinlich nicht auf einem iBook, ist letztlich aber gleich, wo die Worte rein- und rauskommen, solange sie nur Kraft haben, Kraft und Leidenschaft und Wahrheit. Vielleicht hätte er auch ein Blog, wenn man darunter eine Website versteht, auf der man, vielleicht auch zeitlich geordnet, Texte veröffentlicht. Vielleicht. Aber ganz bestimmt würde auch er dann nicht in der "Blogosphäre" herumkommentieren, das Wort liest sich wie "herumstrichern", ganz bestimmt nicht. Weil das alles keinen Schwanz interessiert. Keinen Schwanz. Nur Mikropenes.

James Bond muss die Welt retten, vor wahnsinnigen und schwerreichen und genialen Bösewichten mit Privatarmeen, und ihre göttlich schönen Frauen flachlegen. Ernest Hemingway muss schießen, weil der Löwe brüllend auf ihn zurennt, und gleichzeitig einen Whisky kippen und seine Frau betrügen, da ist keine Zeit für irrelevanten Müll. Weil der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat, mit der Wahrheit, mit dem Leben, draußen, im Regen.

Why did the chicken cross the road?
Hemingway: To die. In the rain.

Das, in seiner einen oder anderen Facette, ist, was uns immer wieder zum Knurren und zum Beißen bringt, das ist es. Man muss Hemingway nicht mögen, wahrscheinlich war er kein angenehmer Mensch. Man kann die James-Bond-Phantasien lächerlich und pubertär finden, wahrscheinlich sogar zurecht. Man sollte jeder larger-than-life-Figur mit larger-than-life-Skepsis begegnen, jeder absoluten Aussage mit absolutem Zweifel, und vor allem dieser Eintrag sollte davon nicht ausgenommen werden.

Aber trotzdem liest man Hemingway und nicht Florian Illies, das zerkochte Würstchen im versalzenen Eintopf der deutschen Gegenwartsnichtliteratur. Trotzdem sieht man sich die Abenteuer von James Bond an und nicht das ereignislose Unleben von Ehssan Dariani, des größenwahnsinnigsten Videospanners der deutschen Gründerunterwelt. Trotzdem will man nicht roboten, nicht dumpfen, nicht glimmen, sondern leuchten, strahlen, brennen.

Trotzdem lebt man lieber, als zu bloggen.

Also tut es endlich!

13.11.2006

Thud!

Kein schlechter Pratchett. Obwohl mal wieder jemand und was anderes als Sam Vimes und Ankh-Morpork die Helden sein könnten. Und in der Mitte zieht es sich mitunter. Aber das Ende im Koom Valley kommt unerwartet und sehr gut. Wäre nur unsere Welt auch so!

20.09.2006

Eva, oh Eva

Zartfühlend sadistische Freunde haben mir "Das Eva-Prinzip" geschenkt. Freut Euch auf eine noch viel sadistischere Exegese.

16.09.2006

Florian Illies

Ich wünschte, ich hätte diesen Text geschrieben. Andererseits hätte ich dazu ja noch ein Buch von ihm lesen müssen. Stattdessen habe ich in der Zeit lieber meine Toilette saubergeleckt. Der Nachgeschmack ist nicht halb so schlimm.

05.05.2006

Kurt Gödel 100

Ok, schon ein paar Tage her, aber dennoch Grund genug, endlich einmal mit diesem großartigen Buch anzufangen. Bei meinem derzeitigen Terminplan könnte ich schon 2014 damit fertig sein ...

18.10.2005

Generation Golf

Ich hätte ja gerne über dieses Buch geschrieben. Aber es geht nicht. Es steht nichts drin. Nichts.

07.10.2005

Hera Lind

He, für drei Euro und im Lidl kann man seiner Neugier schon mal nachgeben und eine wenig schöne, aber sehr stabile Ausgabe von "Das Superweib" kaufen, um selbst zu sehen, was die halbe Frauenwelt ...

Das Superweib

Hera Lind und ihre noch nicht mal anstandshalber verdeckt autobiographischen Figuren sind wie Magda Goebbels. In hysterischer, orgasmischer Ekstase beim bloßen Anblick des Führers, sofort bereit, dem Größten Feldherrn aller Zeiten sechs Kinder zu gebären, und ebenso schnell und ohne mit der Wimper zu zucken willens, diese sechs Kinder nicht nur zu vergiften, sondern eins nach dem anderen mit fein manikürten Händen eigenhändig zu erwürgen und dabei zu lachen, laut zu lachen. So ein Buch ist das.

Naja, vielleicht ist mein Urteil auch zu hart. Magda Goebbels soll in den letzten Tagen im Führerbunker oft geweint haben.