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03.06.2026

Andis Kritiken #63: Michael (2026)

Obwohl Robbie Williams nicht gerade ein Filmexperte ist und sich in den Nullerjahren mit jeder der Menschheit bekannten Droge sein Gehirn zu Mus gemacht hat, hat er doch während der Produktion von "Better Man" intuitiv erkannt, dass ihn dort als traurigen Affen darzustellen, während alle anderen Figuren Menschen sind, die rettende kreative Idee war, die jenes Musikbiopic weit jenseits seiner Ungeschminktheit zu etwas Großem, Erinnerungswürdigem und Verquerem machen würde. Doch obwohl hier absurderweise auch ein CGI-Schimpanse vorkommt, könnte diese Erkenntnis den Machern von "Michael" und den Angehörigen Michael Jacksons nicht ferner liegen, und vor allem, aber nicht nur deshalb scheitert dieser Film auf ganzer Linie.

Die Herkunft aus bescheidenen Verhältnissen. Das unbestreitbare, gottgegebene Talent. Das Überstehen schlimmer Widrigkeiten. Am Ende der große Erfolg. Und viel Musik. An kaum einer Stelle weicht dieser Film von diesem Standardschema von Musikbiopics ab, obwohl es bei der Karriere von Michael freaking Jackson, dem größten und seltsamsten Star des späten 20. Jahrhunderts, der einst größer als Jesus war und später tiefer als Luzifer gestürzt ist, weiß Gott mehr als genug Anknüpfungspunkte gegeben hätte, alles ganz anders aufzuziehen. Als Tragödie zum Beispiel, oder als unausweichlichen Horrorfilm. Die brutale, pausenlose Misshandlung durch den besessenen Vater. Der zunehmende Rückzug des Kindes in eine eskapistische Fantasiewelt, später umgibt es sich mit bizarren und gefährlichen Tieren wie Schimpansen und Schlangen. Das unerklärliche, fast furchterregende Talent. Die wütende chirurgische Selbstverstümmelung. Und schließlich die Fortsetzung der Misshandlung durch den Sohn. Stattdessen ist die diesbezüglich mutigste kreative Entscheidung einzig aus der Not geboren, dass Jacksons Familie für etwas Anderes als eine lächerlich transparente Hagiographie nicht seine Musik freigegeben hätte, weshalb der Film narrativ und emotional völlig abrupt einfach in der Mitte der Bad-Tournee 1988 bei einem Konzert im Wembleystadion endet, ein geradezu gonzomäßiger Schnitt, der schwach mit einer Schlusstafel mit dem Text "His story continues" entschuldigt wird. Frodo ist mit dem Ring in Bruchtal angekommen, Zeit, die Geschichte zu beenden. O.J. Simpson hat triumphal die Heisman-Trophäe für Unifootballer gewonnen, und er lebte glücklich bis an sein Lebensende. Kim Jong-un hat seinen Abschluss an der Kim-Il-sung-Militärakademie gemacht, The End!

Auch ansonsten scheut sich "Michael" geradezu, bei irgendeinem Thema des Lebens seines Protagonisten auch nur im Ansatz in die Tiefe zu gehen oder es mal ausführlicher auszubuchstabieren. Der starke Familiensinn Jacksons ist kaum mehr als pittoreske Staffage, Janet fehlt gar gänzlich (!). Die Misshandlungen und der Ehrgeiz des Vaters Joseph werden trotz einer guten Leistung Colman Domingos mehr symbolisiert als wirklich in ihrer Unerträglichkeit dargestellt. Die musikalischen Einflüsse auf Michael Jackson und seine innovativen Weiterentwicklungen werden nostalgisiert und zum Werk eines quasi im Vakuum arbeitenden Genies reduziert. Selbst der einzigartige, massive, globalisierte Fankult um Jackson wird so desinteressiert behandelt, dass die Statist:innen bei den Konzerten in den 80ern nicht im Ansatz wie in den 80ern lebende Menschen aussehen, sondern meist iPhone-Gesichter haben! Wäre es so schwer gewesen, ein paar Paletten Haarspray und Neonlippenstift zu kaufen?

Diese kreative Flachheit ist insofern schade, als dass der Debütant Jaafar Jackson, ein Neffe Michaels, einen sehr guten Job macht, Jacksons Musikalität, tänzerische Energie und außergewöhnliche persönliche Sanftheit (zumindest in frühen Äras) einzufangen. Generell sind auch die Produktionswerte gut und lassen einen fast wie bei Jacksons Konzerten dabeisein. Aber leider bleiben das seltene Perlen in einem ganzen Haufen Schlamm.

** von 5 Sternen

22.04.2026

Andis Kritiken #62: The Great Gatsby (2013)

Worum geht es im Buch "The Great Gatsby", einem Meisterwerk der amerikanischen und Weltliteratur, quasi einem "Amerika: Das Buch" auf kaum 200 Seiten? Um die Illusion und eigentliche Unerreichbarkeit des Glückes durch Verfolgung des amerikanischen Traums, um die unsichtbaren und verleugneten Klassenschranken in jener vermeintlich klassenlosen Gesellschaft, um die moralische Verkommenheit, Achtlosigkeit und innere Leere der Reichen, auch um Fragen des Geschlechts und der Lebenslügen und um vieles andere.

Und worum geht es in diesem Film "The Great Gatsby" von meinem Busenfeind Baz Luhrmann, diesem hyperaktiven Sentimentalismusterroristen in permanentem Zuckerschock, der seit Jahrzehnten sein Unwesen in Hollywood treibt? Wie fantastisch doch 20er-Jahre-Parties waren! Dass altes Geld doch ganz gut und stabil ist und seine fragilen, lieblichen, ein wenig passiven Frauen vor eindeutig überkandidelten, labilen und geschmacklosen Neureichen schützt. Dass solche lieblichen, konturlosen Frauen sehr liebenswert und lange Schmonzetteneinstellungen wert sind. Warum Gatsby (Leonardo DiCaprio trotz allem sehr gut) so auf diese Daisy (Carey Mulligan zu sympathisch für die Rolle) abfährt? Besser nicht zu sehr hinterfragen, sonst könnte die zarte Romanze zu Asche zerfallen! Und schließlich auch, dass es selbst in jenen Zeiten nur strikte Hetero- bzw. Asexualität gab (Tobey Maguire sehr blass).

Fern ist es mir, zu verlangen, dass Verfilmungen sich sklavisch an ihre Vorlagen halten sollen, oft kann aus Anders- oder Uminterpretierungen Spannendes und Großes entstehen. Aber um das gut machen zu können, muss man überhaupt erstmal die Vorlage verstanden haben. Dieses Verständnis fehlt hier, und stattdessen wird dieses so reiche und melodische Werk in ein enges, schrilles Kleid gesteckt und soll aus vollem Hals Jazzlieder schreien, während es mit der einen Hand Wunderkerzen jongliert und mit der anderen zwei Flapper zu sich zieht, um sie in Zeitlupe abzuknutschen. Eine verpasste Gelegenheit.

**½ von 5 Sternen

07.04.2026

Andis Kritiken #59: The Babadook (2014)

The Babadook
Hier entsteht fast etwas richtig Großes. Eine elegante Metapher über tiefe Trauer, elterliche Einsamkeit, Ermüdung bis in die Knochen und Groll, den man sich bis zur Selbstzerstörung verbietet, als stylisher, entfärbter, schnörkelloser und sehr gruseliger Horrorfilm mit guten Schauspielleistungen und Produktionswerten und einem toll schaurigen Soundtrack. Aber teils billig wirkende Effekte und manche Genrevorhersehbarkeit hindern "The Babadook" dann doch daran, ganz in den Olymp auf- bzw. den Hades hinabzusteigen. Lange im Gedächtnis bleibt dieses Werk trotzdem.

**** von 5 Sternen

06.02.2026

To boldly go

Enterprise-D
Angesichts des augenscheinlichen Desasters von Starfleet Academy und von NuTrek generell wünschen sich viele langgediente Star-Trek-Fans sowas wie ein neues Schiff, eine neue Crew und eine neue Fünfjahresmission ins Unbekannte mit Geschichten über Erkundung, moralische Dilemmata und Hoffnung für die Zukunft.

Das ist sehr verständlich. Aber das Konzept "Neues Schiff mit neuer Besatzung reist ins Unbekannte" war mit "Enterprise" schon sehr ausgelutscht und hat nicht mehr viele Zuschauer:innen angelockt. Und dann kam NuTrek.

Erst die Filme, die zwar relativ erfolgreich waren, aber mit richtigem Star Trek - also der Erkundung der conditio humana mit dem Mittel von Science-Fiction-Serien - jenseits der Oberfläche nichts zu tun hatten. Zum einen, weil J.J. Abrams und Alex Kurtzman Trek nicht verstehen, vielleicht sogar nicht mögen, und zum anderen, weil es einfach objektiv schwer ist, diesen Kern von Trek auf die große Leinwand zu übertragen, wo eine Abfolge von Meetings in der Aussichtslounge und am Ende eine große Rede von Picard nicht so gut wirken wie in der Glotze. Nur Star Trek II, IV, VI und VIII haben es geschafft, neben passablem Trek auch gute Filme zu sein, weil sie jeweils eine Meditation über das Altern und Rache, eine lustige Komödie, eine Allegorie für das Ende des Kalten Krieges und Vergebung bzw. gute Borg-Action waren. Die anderen Filme waren entweder nur passable Streifen, aber schlechtes Trek (III, NuTrek 2009), passables Trek, aber schlechte Filme (I, IX, Beyond), oder weder gute Filme noch gutes Trek (V, VII, X, Into Darkness).

Nach den Filmen haben sich Kurtzman und seine Spießgesellen an neue Trek-Serien auf Streamingplattformen gewagt. Und was soll man sagen? Discovery ist ein Witz von polierten Oberflächen, völlig unprofessionellen Charakteren, Trek-Hirnwürmern wie Sektion 31 und totaler Richtungslosigkeit. Picard ist eine Leichenschändung dieses großartigen Charakters zu Lebzeiten. Niemand mag Starfleet Academy. Lower Decks und Strange New Worlds habe ich nicht gesehen und ich höre ganz Gutes, aber an eine komödiantische Zeichentrickserie lege ich andere Maßstäbe als an Realverfilmungen an, und "gut" bzw. "das beste NuTrek" bei SNW ist noch lange nicht "hervorragend" wie bei TNG und DS9.

Gibt es unter diesen Umständen heute Raum für ein neues, gutes Trek? Vielleicht, wenn Kurtzman gefeuert wird und die IP in die Hände von Leuten kommt, die sie verstehen und respektieren und, wohl am Wichtigsten, für das heutige Fernsehen und die heutige Welt anzupassen wissen. Ich glaube, dass Star Trek immer noch viel über die Menschheit und die Welt zu sagen hat. Dass es immer noch alte und auch viele neue moralische und ethische Probleme gibt, die durch Science Fiction gut erhellt werden können. Umso besser, wenn es dabei auch Weltraumschlachten und Romanzen mit grünhäutigen Außerirdischen gibt. Das sollte mit der Serialisierung und den hohen Budgets heutiger Fernsehserien gut kompatibel sein, warum nicht? Z.B. "Andor" war auch das wohl beste Star Wars seit der Originaltrilogie, hat das Franchise ganz frisch aufgefasst, und war doch unverkennbar Star Wars. So lautet das Motto gestern wie heute: To boldly go where no one has gone before!

31.07.2025

Andis Kritiken #39: The Hunt for Red October (1990)

Auf Weisen war der Kalte Krieg beruhigender als die heutige Welt. Der Fall klarer, das Universum geordneter, selbst der Kapitalismus menschlicher, um den sowjetischen Vorwürfen gegen ihn weniger Nahrung zu geben. Ja die ständige Gefahr nuklearer Vernichtung, aber zum einen wäre es dann in einem Augenblick vorbei gewesen, statt z.B. fünfundzwanzig Jahre in der Agonie des "Krieges gegen den Terror" zu leben, und zum anderen konnte man, doch, auf die Verantwortung beider Seiten vertrauen. Welcher Kontrast zu Terrorismus, Genozid, Autokratie, Ferntötungen und Gesellschaftsauflösung heute, dem Treiben auf einer unruhigen, nebligen See.

Wie meinen? Das ist eine verzerrte, verkürzte, propagandistische Sicht, die die Realität des Kalten Krieges verkennt? Seinen Wahn, seine Stellvertreterkriege, die Hochrüstung, die Momente, in denen es fast losgegangen wäre?

Das kann nicht sein, denn mein größter Lehrmeister - das Kino - sagt, dass es nicht so war. Hier haben wir patriotische, ehrenhafte, vom großen Sean Connery magnetisch charismatisch geführte Russen auf einer gefährlichen Reise, die ihnen ihr ganzes Können, all ihren Mut und Listenreichtum abverlangt, und auf der anderen Seite beherzte und clevere Amerikaner unter Beratung eines tollen jungen Alec Baldwins, der Draufgängertum und Bluffen gekonnt-verzweifelt kombiniert. Gemeinsam versuchen sie das U-Boot Roter Oktober und die russischen Überläufer vor den Falken auf beiden Seiten zu schützen. Mit wunderbar kernigen praktischen Effekten, sehr gut in Szene gesetzt, auch in den Nebenrollen super gespielt und besonders unter Wasser hochspannend. Trotz eines teils nur gemächlichen Tempos schlicht ein Klassiker der U-Boot- und Politthrillergenres, mit klasse Zitaten, und klassisch auch in seiner Sicht einer einfacheren, beruhigenderen Welt vor dem Ende der Geschichte und dem Anfang unserer heutigen Probleme.

**** von 5 Sternen

29.07.2025

Andis Kritiken #38: Ghost in the Shell (2017)

Mein Problem hier ist nicht das angebliche Whitewashing, sondern alles andere.

Major Motoko Kusanagi ist ein kybernetischer Organismus, der schon im Ursprungsmanga ethnisch uneindeutig aussieht und in den Schmelztiegeln zukünftiger fernöstlicher Großstädte unauffällig operieren können muss, daher ist es wenig bemerkenswert, dass sie auch wie eine weiße Amerikanerin aussehen könnte. Eher fallen hier ihre schreckliche Perücke auf und dass die Hälfte der anderen Charaktere sie mit "Major" als Rang ansprechen (Takeshi Kitano sogar auf japanisch als 少佐), die andere Hälfte aber mit "Major" als Namen! Das ist die größte Merkwürdigkeit in dem Drehbuch, das ansonsten zwar Action kinetisch und durchaus spannend zeigt, doch im Gegensatz zum Quellenmaterial keine Denkanstöße gibt oder tiefere Fragen über Sein und Identität stellt.

Scarlett Johansson, Pilou Asbæk und mein leider auf Sets zu undisziplinierter Liebling Michael Pitt sowie die Kulissen- und Effektdesigner:innen machen einen guten Job, Musik und Kamera meist aber nur einen durchschnittlichen. So ist dieser Film für ein echtes "Ghost in the Shell" zu platt und verwendet quasi nur zufällig dessen visuelle Versatzstücke, als generischer Sci-Fi-Actionstreifen ist er aber für die gebotene Geschichte zu aufwendig und deutet auf eine Welt hin, die dann doch nicht da ist. Eine leere Hülle.

*** von 5 Sternen

24.07.2025

Andis Kritiken #37: Irish Wish (2024)

Die Streamer haben ein neues Mikrogenre entwickelt, das sich an gerne reisende Frauen der höheren Mittelschicht wendet: romantische Fantasien mit kernigen Männern in wildem Zauberland, aber das wilde Land ist der britische Archipel. So gibt es hier alles, was man in einer solchen Geschichte erwartet: Magie (Feen), exotische und ursprüngliche Bräuche (Darts im Pub), naturverbunden-muskulöse einheimische Kerle mit Traumjobs (d.h. nur im Traum profitabel, wie Hochzeitsfotograf und Autor), und Zungenküsse. Lindsay Lohan in einem weiteren ihrer Comebackschritte und ihre Costars Ed Speelers und Alexander Vlahos verankern das Ganze passabel realistisch und charmant, wenngleich bei Lohan manchmal das Bildnis von Dorian Gray durchzukommen scheint und ihr Gesicht generell steif wirkt. Schade bei dieser charismatischen Schauspielerin, die mal für ihre witzige Emotionalität und Expressivität bekannt war! Auch die Ausleuchtung und das Blocking lassen den Film eher wie eine Telenovela als wie eine Kinoromanze wirken, und dieser Effekt scheint beabsichtigt - warum? Insgesamt ein vergessbares Werk ohne Tiefgang, das tatsächlich dafür gemacht scheint, es beim Bügeln, oder schlimmer noch beim Scrollen, als Hintergrundberieselung laufen zu lassen. Dafür würden auch die ständigen verbalen Wiederholungen wichtiger Plotpunkte sprechen. Nervig.

** von 5 Sternen

Andis Kritiken #36: Gravity (2013)

Auf dem Papier sollte ich diesen Film lieben. Er ist technisch brillant, enthält eine schöne Geburts-/Evolutionsmetapher, ist relativ spannend und so sehr für IMAX gemacht wie kaum ein anderer Film. Aber ist hier überhaupt eine Story? "Astronautin kämpft gegen gefährliche Situation", und weiter? Der sonst so gute Alfonso Cuarón scheint vor lauter Begeisterung darüber, den Weltraum realistisch zeigen zu können, vergessen zu haben, warum er ihn zeigen wollte. Und weit ist es mit dem Realismus doch nicht her. Trotz des cringen Zwischentitels, der Physikanalphabet:innen daran erinnert, dass dich im Weltall niemand schreien hört, wird der realistische Anspruch alsbald zugunsten bombiger Actionfilmphysik aufgegeben. Das ist natürlich in Ordnung, aber dann nicht so wissenschaftlich tun!

**½ von 5 Sternen

27.06.2025

Andis Kritiken #35: Speak No Evil (2024)

In den ersten zwei Dritteln denkt man, dass es sich hier um eine hervorragende, spitz satirische Studie über Gaslighting, Passivität und übertriebene Höflichkeit handelt und ist gespannt auf das dunkle Geheimnis hinter allem. Dann lüftet es sich, seine Auflösung erweist sich als allzu klischeehaft, und man ist verwirrt, wozu es den langen Vorlauf gab. Dann findet man heraus, dass dieser Film ein Remake eines dänischen Films ist, dessen stringentes Ende durch ein hollywoodkompatibleres ersetzt wurde. Und das ist dann schade, weil die gute Atmosphäre und die verstörend charismatische Leistung James McAvoys etwas Besseres und Konsistenteres verdient hätten.

***½ von 5 Sternen

26.06.2025

Andis Kritiken #34: Akira (1988)

Die Cyberpunk-Vision eines unruhigen Neo-Tokyos mit gewalttätigen Protesten, kriminellen Jugendbanden, glitzernden Wolkenkratzern und mysteriösen Espern wird in "Akira" mit so viel Sicherheit und Selbstbewusstsein verwirklicht, dass dieses Meisterwerk Katsuhiro Otomos zurecht bis heute sehr stilprägend ist. Und auch unter der dystopischen Action-Schale mit toller Musik findet man eine berührende Geschichte über den Wunsch nach Anerkennung und dass, was zählt, letztlich Freundschaft und Mitgefühl sind. Schließlich ist "Akira" wohl eine der eindrücklichsten künstlerischen Verarbeitungen des kollektiven Traumas der auf Japan abgeworfenen Atombomben als ein durch Menschenverachtung hervorgerufenes Inferno, das durch Menschenliebe geheilt werden muss. Eine bleibende Botschaft.

***** von 5 Sternen

Andis Kritiken #33: Paprika (2006)

Sind Träume nur ein Nebenprodukt geistiger Aufräumarbeiten im Schlaf? Schlüssel zu unseren innersten Wünschen, Hoffnungen und Traumata? Gar ein Kern unserer Menschlichkeit, der von der technischen Welt unberührt bleiben soll? Diese Fragen stellt der leider viel zu früh verstorbene Satoshi Kon in "Paprika" auf spannend actionreiche, farbenfroh kreative und nicht nur für Christopher Nolan in "Inception" inspirierende Weise so gut, dass man danach mit wacheren Augen auf seine eigenen Träume blicken will.

**** von 5 Sternen

24.06.2025

Andis Kritiken #32: Valerian and the City of a Thousand Planets (2017)

Luc Besson ist bei Science Fiction ein französischer George Lucas, d.h. mit einer großartigen, wenngleich etwas leichtgewichtigeren Imagination gesegnet, unfähig, Schauspieler:innen gut zu führen und ebenso, nicht völlig leblose und hölzerne Dialoge zu schreiben. Z.B. in "The Fifth Element" wurden diese schlechten Eigenschaften noch durch charismatische Akteure und eine klassisch gute Story herausgerissen, aber z.B. in "Lucy" verwandelt sich Scarlett Johansson am Ende in einen bedeutungsschwangeren USB-Stick (sic), und hier ist der Film in der Mitte gut eine Stunde zu lang inklusive einer unerklärlich langen Burlesque-Szene mit Rihanna und wird durch Dane DeHaan, einen auf Temu bestellten James McAvoy, und Cara Delevingne, eine Nepo-Baby-Kopie eines Supermodels, mehr schlecht als recht, nämlich ohne Chemie oder glaubwürdiges Ausfüllen ihrer Rollen zusammengehalten, wobei sie noch einige der plumpsten Expositionsdialoge der Filmgeschichte aufsagen müssen, während sich Clive Owen einfach nur seinen Scheck abholt. Das ist insgesamt schade, weil hier im Kern eine gute Geschichte drinsteckt und die audiovisuellen Produktionswerte absolut überragend kreativ und wunderschön sind, so dass sie auch ohne Dialoge verstanden und genossen werden können. Das sind die besseren Momente von "Valerian".

*** von 5 Sternen

22.06.2025

Andis Kritiken #31: Deep Impact (1998)

"Deep Impact" interessiert sich eigentlich gar nicht so sehr für den Kometen, der die Erde zu zerstören droht, jedenfalls bedeutend weniger als der im gleichen Jahr herausgekommene, sattsam bekannte Actionfilm "Armageddon". Zuerst geht es um Téa Leonis Karriere bei einem jungen Fernsehsender, wie sie beharrlich einer großen Geschichte nachgeht, und um die schwierige Beziehung zu ihrem Vater Maximilian Schell. Dann kommt Morgan Freeman als US-Präsident herein und stiehlt den Fokus mit einer nach Art von "The West Wing" unrealistisch optimistischen, kompetenten und humanistischen Darstellung der Reaktion der Regierung auf den auslöschenden Himmelskörper. Danach geht es um Robert Duvall als Altastronauten und wie er sich nach und nach den Respekt seiner jungen Besatzung auf dem Weg zur Zerstörung des Kometen erwirbt. Und nachdem diese scheitert, geht es noch ein Weilchen um die junge Romanze zwischen Elijah Wood und Leelee Sobieski in sehr turbulenten Zeiten, bevor wir etwas Meteoritenaction sehen.

Und vielleicht ist das der Punkt - sehr menschliche Geschichten im Angesicht unfassbarer Vernichtung, um zu vergegenwärtigen, was wir verlieren würden, wenn es soweit käme. Diese verbundenen Geschichten sind vom tollen Ensemble meist gut gespielt und inszeniert, wenngleich teils langatmig und narrativ lückenhaft, und ich bin nicht ganz sicher, ob meine wohlwollende Bewertung nicht nur ein Artefakt des Kontrastes zu den gesunkenen Standards jüngerer Filme ist - "Alles ist ausgeleuchtet, ich höre die SchauspielerInnen, sie verhalten sich wie Menschen, und nicht alles ist CGI: fünf Sterne!" Dennoch ist "Deep Impact" letztlich eine sehenswerte, kontemplative Geschichte darüber, was unsere Spezies in unseren besten Momenten ausmacht, zu dessen Präsentation der tödliche Komet nur das wie zufällig gewählte Mittel ist. Das mag einen befriedigt zurücklassen oder nicht.

***½ von 5 Sternen