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26.04.2026

Mählich, mählich

Adleräugigen Besucher:innen wird aufgefallen sein, dass sich hier langsam, langsam wieder etwas tut. Kurz gesagt - die in diesem Post von 2021 beschriebene Situation, dass gut 1000 Einträge darauf warten, hier verarbeitet bzw. aufgefrischt zu werden, hat sich in den letzten fünf Jahren nur verschärft, da ich in den sozialen Medien trotz einst gegenteiliger Beteuerungen nicht untätig geblieben bin und über die Jahre so einige, manchmal epische Gedanken und Threads verfasst habe, vielleicht 100-200. Zusätzlich habe ich in Erinnerung an die Zeiten auf meiner seligen Filmwebsite Moviebazaar letztes Jahr eine Reihe von kurzen Film- und Buchkritiken namens Andis Kritiken gestartet, von denen mittlerweile auch schon über 60 zusammengekommen sind, die ich ebenfalls hierher übertragen möchte. Daher - Tropfen für Tropfen, mählich, mählich füllt sich dies Wunderhorn. Geduld ist gefragt!

11.09.2021

Osama bin Laden hat gewonnen

World Trade Center

Ich erinnere mich noch gut an den 11. September 2001.

Zu jener Zeit war ich tief in der unglücklichsten Verliebtheit meines Lebens versunken und dämmerte oft lange und traurig im Bett, ehe ich mich seufzend hinausrollte. Einmal an jenem in New York so klaren Dienstag aufgestanden, torkelte ich zum Fernseher und sah, ich glaube doch live, wie United Airlines 175 in den Südturm des World Trade Centers flog. Später traf ich mich mit Freunden bei ihnen, um gemeinsam CNN zu schauen, wie von Krieg Betroffene, die wissen möchten, wo heute die Front verläuft. Selbst von dort versuchte ich sie anzurufen, doch sie nahm nicht ab, und als ich auflegte, schaute ich neidisch und wehmütig auf einen Freund, der sich eng mit seiner Freundin zusammengekuschelt hatte, beide erschrocken und ängstlich Wolf Blitzer lauschend. Das kleinste persönliche Drama und das größte historische Ereignis seit dem Mauerfall in einem, eine solche wie außerirdische, scheinbar nicht einzuordnende Disruption der eigenen Kreise, so dass man wie blöde erstmal auf diese Kreise fixiert bleibt, weil sie, wenn auch unglücklich machend, wenigstens bekannt sind, und so doch auch am äußersten Rand noch die Wellen zu spüren, die diese Tat schlug, ist das nicht genau Terror, also Furcht, also Schrecken, also Verwirrung, wie beim Schaf, das den Wolf in seine Herde einbrechen sieht und erstmal nur glotzen kann?

Ich will mich damit natürlich nicht als ein Opfer von 9/11 hinstellen, den tatsächlichen Opfern und Held:innen ihre Ehre stehlen oder auch nur behaupten, dass sich mein Leben durch diesen Tag signifikant geändert hätte, Gott bewahre nein; nur an meinem Beispiel versuchen, begreiflich zu machen, was Terrorismus ist, was er will und kann und bewirkt. Und auch, was er nicht ist.

Viele Jahre später, 2016, fast in einem anderen Leben, habe ich mit meiner Frau auf unserer Hochzeitsreise das 9/11 Memorial & Museum besucht. Ich weinte an den Becken des "Reflecting Absence"-Mahnmals angesichts der tausenden ganz normalen Opfer, Menschen wie Du und ich, die einfach nur an einem klaren Dienstagmorgen zur Arbeit gegangen oder zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Die Hagiographie der Feuerwehrleute und Polizist:innen jedoch und Artefakte wie die "Treppe der Überlebenden" und ein beschädigter Drehleiterwagen waren zwar berührend, aber wirkten auch vage verzweifelt, ein Ringen nach Bedeutung und Narrativen im Chaos der einstürzenden Türme, eine Suche nach Orientierung und Gewissheit angesichts des buchstäblich (wie) aus dem Himmel gefallenen Terrors. Und wieder, ist das nicht die Essenz von Terror, also den Boden unter den Füßen wegzuziehen, die gefühlte Sicherheit zu zerstören, für immer namenlose Angst einzupflanzen?

Ja, Osama bin Laden ist schon mit 54 Jahren gestorben. Aber bis dahin konnte er ein nach seinen Maßstäben erfülltes und erfolgreiches Leben führen und objektiv ein epochales historisches Ereignis organisieren. Im Dezember 2001 konnte er glücklich den Amerikanern in Tora Bora entkommen und so wahrscheinlicher Folter entgehen. Seine letzten Jahre hat er mit seiner Familie, Coca-Cola und Pepsi und so vielen Videos mit Bugs Bunny und/oder großen amerikanischen Brüsten, wie er nur wollte, in einem großzügigen Neubau in einer Art Prä-Covid-Dauerhomeoffice verbracht. Wenn wir uns bin Laden im Moment seines Todes nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen, so doch mutmaßlich als einen, der mit sich im Reinen war, der im Großen und Ganzen erreicht hatte, was er erreichen wollte. Der gewonnen hatte.

Man darf nie vergessen, dass Terrorist:innen sehr schwach sind. Sie haben weder das Personal noch das Material oder die Kapazitäten, Ländern wirklich Schaden zuzufügen, das heißt zum Beispiel großflächig vitale Infrastruktur zu zerstören, Millionen Einwohner:innen tödlich zu vergiften oder eine militärische Besatzung aufrechtzuerhalten. Selbst Schwarzer-Schwan-Ereignisse wie 9/11 oder, sagen wir, die Sprengung eines vollbesetzten Parlaments können Ländern nicht ernsthaft schaden, weil diese einfach Gebäude wieder aufbauen und neue Parlamentarier:innen wählen können. Terrorist:innen können nicht direkt die Grundstrukturen, die Verfassungen, die Mentalitäten und auch die Bevölkerungen von Ländern angreifen, weil sie eben so wenige sind und so geringe Mittel haben. Ja, Terrortote sind tragisch, aber das sind infolge betrunkenen Autofahrens Getötete auch, und dort erklären wir nicht einen zwanzigjährigen "Krieg gegen den Rausch", in dem hundertmal mehr Menschen sterben als durch betrunkenes Fahren und für den wir Gesetze erlassen, dass man nur noch mit einem Polizisten auf dem Beifahrersitz losfahren dürfe.

Zu solchen Überreaktionen kommt es, weil Terrorismus indirekt doch auf unsere Grundstrukturen und Werte zielt, gleichsam über Bande. Er bricht wie der Wolf in unser Leben ein und macht uns namenlose, desorientierende Angst. In unserer Panik und unserem Trauma schlagen wir wild drauflos und vergessen uns selbst, um die Angst zu beherrschen und uns an denen zu rächen, die uns terrorisiert haben, oder zumindest an verfügbaren Sündenböcken. Und so merken wir in unserer Raserei gar nicht, dass wir mit unserer allgegenwärtigen, das essentielle Grundrecht der Privatsphäre schwer verwundet habenden elektronischen Überwachung und zunehmenden Polizeistaatlichkeit, mit unseren maximal halb durchdachten, in der Regel in Schmach und Schande endenden militärischen "Anti-Terror"-Interventionen und mit unseren Verdächtigungen und Gewalttaten gegen Muslime, aber auch z.B. Turban tragende Sikhs in unserer Mitte, genau das tun, was der Terror will. Dass wir unsere Grundrechte aufgeben und sie so als bloße Heuchelei entlarven. Dass wir unsere militärische, politische und diplomatische Stärke in ungewinnbaren Konflikten vergeuden. Dass wir unsere Gesellschaften so polarisieren, dass den Terrorist:innen das Rekrutieren viel leichter fällt: Siehst Du, in Wahrheit haben sie Dich immer gehasst. Wir aber sind für Dich da, Bruder.

Wir machen so, wenn wir dem Terrorismus auf den Leim gehen, sein Geschäft für ihn, viel besser und gründlicher, als er es je könnte. Denn Osama bin Laden wäre nie in der Lage gewesen, zum Beispiel den Patriot Act zu beschließen, die Otto-Kataloge Schilys oder die danach kommenden, unsere innere Freiheit weiter zerstörenden Gesetze. Al-Qaida hätte nie selbst so viele westliche Milliarden und Soldat:innen in Afghanistan vergraben können, wie wir es getan haben. Und 9/11 hätte uns nie so nachhaltig traumatisieren können, wie wir es selbst tun und tun, wenn wir nicht endlich unsere Angst vor dem Terror überwinden und uns darauf besinnen, wer wir sind und was wir haben, das uns nichts und niemand nehmen kann, außer wir uns selbst.

Solange wir das nicht tun, wird der große Gewinner dieses Tages, dieses elften Septembers, für immer nur Osama bin Laden sein.

13.07.2021

Was hier vor sich geht

Wie versprochen, verwerte ich derzeit meine besten Einträge aus den sogenannten sozialen Medien sowie Entwürfe und Texte von anderen Orten hier wieder, um ein möglichst lückenloses Archiv und eine Referenz meiner Internetäußerungen über nun doch mehr als 20 Jahre aufzubauen. Meine Ideen sind dabei, wieder mehr Kontrolle über meine Posts zu gewinnen, statt sie Zuckerbergs oder Dorseys oft sinistren Plänen zu überlassen bzw. sie auf meiner Festplatte versauern zu lassen, die Besucher:innen meines Blogs an womöglich interessanten, inspirierenden und/oder lustigen Texten teilhaben zu lassen, die sie bisher nicht lesen konnten, und vor allem auch, durchgehende Linien sowie Evolutionen meines Denkens, Schreibens und Lebens zu erkennen und fruchtbar zu nutzen, unter anderem für die Themen, über die ich demnächst bloggen will.

Nachdem ich meine Twitter-Threads relativ schnell verarbeitet habe, weil ich dort nur seit Ende 2019 bin und, wohl dem Format geschuldet, nicht oft Längeres verfasst habe, habe ich mich nun Facebook zugewandt, wo ich seit 2007 bin.

Wird noch etwas dauern

Umm, das wird etwas länger dauern.

Teils mehrere längere Einträge pro Tag und das Jahr für Jahr, aufnehmenswerte Kommentare, nachverfolgenswerte Ideen, Schnipsel und Digressionen, kurz, Material zuhauf, Seiten über Seiten von Text, wahre Wälzer. Um eine Vorstellung zu geben: Als ich 2011 aufhörte zu bloggen, hatte Andis Soapbox fast 550 Einträge, in sieben (hauptsächlich vier) Jahren verfasst. Heute sind es mit diesem Post 578, und ich habe erst meine Facebook-Einträge bis Ende 2012 verarbeitet bzw. zu Entwürfen verschoben, was noch vor meiner intensivsten Soziale-Medien-Phase war. Ich schätze daher, dass es insgesamt 800-900 Posts gibt, die bereits über die Jahre auf meinem Mist gewachsen sind, noch bevor man die kommenden bestimmt 50-100 einrechnet, von deren geplanten Inhalten ich einige hier aufliste. 1000 Posts erscheinen also möglich; eine stolze Zahl, auf die ich auch etwas stolz bin bzw. sein werde, wenn sie kommt.

Natürlich möchte ich meine Leser:innen aber nicht monatelang auf die Folter spannen, auf neu-neue Einträge zu warten, nachdem sie fast zehn Jahre warten mussten, dass bzw. ob es hier weiterging. Daher werde ich meine Verwurstungen bestehender Texte ab und an unterbrechen und etwas Neues schreiben, auch auf die Gefahr hin, mich dann zu wiederholen bzw. noch nicht auf frühere meiner Äußerungen zum Thema verlinken zu können. Doch wozu gibt es den Edit-Button? Ich habe mich schon immer im Krieg mit Eurasien befunden.

In diesem Sinne - An meine Arbeit!

22.06.2021

Chrysalis

Andi

Hi! Ich bin's, Andi. Dieses Blog heißt jetzt "Andis Soapbox Redux", von lateinisch redux für "das, was zurückkehrt", denn ich bin zurück und möchte wieder bloggen.

Ich weiß, Skepsis ist angebracht angesichts der unten zu besichtigenden Ruinen früherer Versuche, das Blog zu reaktivieren, nachdem es eigentlich schon spätestens seit 2009 in einem großen Niedergang der Postingfrequenz begriffen war, bis zu den letzten schwachen Zuckungen und vergeblichen Versuchen in den Jahren 2010 und 2011, den Leichnam zu reanimieren, die vom Rigor Mortis bereits steifen Glieder nur einmal noch zu beugen. Große Skepsis. Beim Wiederlesen und Aufräumen meiner alten Einträge taten mir am meisten meine treuen Leser:innen leid, die sich in vielen Kommentaren neue Posts wünschten, aber Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich Jahr für Jahr bitter enttäuscht wurden. Darum möchte ich weit ausholen, um nachvollziehbar zu erklären, wie ich zum heutigen Punkt und dem Entschluss, zu versuchen, mein Blog neu zu starten, gekommen bin, und warum ich glaube und hoffe, dass der Versuch diesmal von Erfolg gekrönt sein wird.

Wirklich weit.

In die ganze Geschichte meiner Beziehung zum Internet. Die irgendwie auch die halbe Geschichte meines Lebens ist. Und damit auch die dieses Blogs. Yeah. Also holt Euch Popcorn und lehnt Euch zurück, denn ich bin jetzt alt, und es wird lang.

Archaikum

Wir tauchen also vom Olymp tief in die Nebel der Vergangenheit hinab, zuerst in die Zeit noch bevor ich mein Abitur im Jahr 1998 schrieb. Mit dem Internet kam ich zum ersten Mal regelmäßiger in Kontakt, als ich wohl im Jahr zuvor ein Referat über Napoléon Bonaparte für meinen Französisch-Leistungskurs erstellte und zur Recherche den einen Schulcomputer nutzen durfte, der ans Internet angeschlossen war. Ich schrieb fleißig Napoléon-Fakten von primitiven GeoCities- und Angelfire-Seiten ab, wälzte Bücher, machte teure Overhead-Farbkopien von so informativen wie beeindruckenden Gemälden wie "Le Sacre de Napoléon" und wurde schließlich für meine Mühen mit einer sehr guten Note belohnt. Das Internet war so damals nur eine eher statische Informationsquelle von vielen für mich, aber dennoch eine recht nützliche.

Irgendwann danach, vielleicht 1998 oder 1999, bekamen wir zuhause Internet. In ISDN-Geschwindigkeit. Auf unserem einen Desktop-Computer im Wohnzimmer. Mühsamst und fragil über DFÜ (vielleicht) installiert. Und auch nur für Deutschland vergleichsweise früh, weil mein Vater, der zuvor bei IBM gearbeitet hatte, sich nun als IT-Berater selbstständig gemacht hatte und heimischen E-Mail-Empfang brauchte. E-Mails und Besucherzähler auf Tripod-Seiten waren unsere Webwelt. Ich wiederum ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo man schon über funktionierende Leitungen zum Telefonieren froh sein konnte, und suchte dabei nach einem Studium, das ich beginnen könnte. Der nach heutigen Maßstäben (hoffentlich) rückständige IT-Kurs in meiner Schule hatte mir gut gefallen, die Arbeiten am Computer interessierten mich trotz aller Frustrationen mit unseren Modems, und die Erzählungen meines Vaters klangen spannend, so dass ich mich schließlich (naiv) für Softwaretechnik an der Universität Stuttgart entschied.

Proterozoikum

Für dieses Studium brauchte ich natürlich einen eigenen Computer, den ich stolz bei einer Lidl-Aktion erstand und in seiner sperrigen Klobigkeit heimschleppte, und einen eigenen Internetanschluss, damals noch per Minute und/oder Megabyte abgerechnet. Anfangs waren noch nicht viele Studienressourcen online, aber das frühe Web faszinierte mich, so dass ich bald selbst begann, eine Homepage mit blinkenden Logos und rotierenden Zählern zu erstellen. Diese Seite ist leider nirgendwo mehr erhalten, aber aus diesen ersten Gehversuchen entstand nach kurzer Zeit meine alte Filmwebsite Moviebazaar, die heute noch online, wenn auch mittlerweile seit Jahrzehnten nicht mehr aktualisiert ist [Notiz an mich: Moviebazaar aktualisieren, noch Milch kaufen].

Der Wunsch, über Filme zu schreiben kam mir zum einen, weil ich damals wie heute Filme lieb(t)e, mindestens jede Woche ins Kino ging und mich oft über die allzu oberflächlichen, jubelnden und/oder missverstehenden Kritiken in Zeitungen und Zeitschriften ärgerte. "Das kann ich besser", dachte ich und versuchte, dieses Versprechen in am Ende über 200 Kritiken und zahlreichen Filmspecials wahr zu machen. Es half meiner Motivation, dass ich gleichzeitig viel im Usenet, vorranging in Gruppen wie de.rec.film.misc, unterwegs war, wo leidenschaftlich über Filme diskutiert und gestritten wurde. Ich habe oft gesagt, dass ich online ein Foren- und Kommentargorilla bin, 500 Pfund pure Diskussionsmuskeln, vernichtende Blicke und spitze Zähne. Zuerst dazu gestählt wurde ich in den Flamewars des Usenets. So wurde das Internet in dieser Zeit für mich zu einer Plattform der kreativen Verwirklichung wie auch zu einer des mehr oder weniger gesitteten und lehrreichen sachbezogenen Austauschs.

Ich im Internet

Persönlich war ich damals jedoch nur teilweise glücklich mit meinem mir zu theorie- und mathematiklastigen Studium (das Programmieren dagegen mochte ich und arbeitete später auch in einem Projekt mit fußballspielenden Robotern mit, wo ich auf einem Turnier bis um vier Uhr früh aufblieb, um den Bug zu finden, der unsere Kicker veranlasste, ins eigene Tor zu schießen; schließlich fand ich ihn in einer versehentlich mit Minus statt Plus weitergereichten Variablen - intrinsische Motivation for the win!) und so liebesdurstig wie mit Frauen unbeholfen, wie ich ausführlich in meiner größten Blogserie darlege. Ein Incel avant la lettre war ich vielleicht nicht, da ich Frauen eher auf Podeste heben statt abknallen wollte, aber wie ich in einigen Schlüsseleinträgen wohl nicht nur zwischen den Zeilen geschrieben habe, hätte man schon sagen können "There but for the grace of God go I". Meine Internetinhalte und mein Selbstinhalt gingen also auseinander, klafften gar.

Paläozoikum

2004 wechselte ich unter turbulenten Umständen mein Studium zur Technikpädagogik (Lehramt für Berufsschulen) mit dem Hauptfach Informatik, wofür ich einige meiner Softwaretechnikleistungen anrechnen konnte, und dem Nebenfach Politikwissenschaft, das meinen Interessen mehr entgegenkam. Im neuen Umfeld und auf dem Campus Stadtmitte, der mir bedeutend menschenfreundlicher als die stalinistisch-brutalistische Architektur des Vaihinger Hauptsitzes der Uni Stuttgart erschien, lebte ich auf und lernte bald viele neue Freunde kennen, wozu auch mein erneuertes Engagement in der Theatergruppe der Uni beitrug. Ich ließ meine Haare lang wachsen, trug experimentell Herrenröcke und knutschte und feierte viel, wofür ich auch manche Vorlesung am nächsten Morgen sausen ließ - nicht mehr wie früher aus Verzweiflung über unverständliche Inhalte und dem Gefühl, in einer dunklen Sackgasse zu stecken, sondern wegen eines handfesten Katers. Gute Zeiten.

Doch mittlerweile war mir der Drive ausgegangen, nach jedem Film gleich eine Kritik zu schreiben und auf Moviebazaar zu veröffentlichen, und ich hatte auch nicht mehr die Zeit noch die Lust, jede Woche teils mehrmals ins Kino zu gehen, zumal es mir manchmal so vorkam, als hätte ich nun jede mögliche Geschichte schon einmal gesehen. Aber mein Mitteilungs- und Ausdrucksdrang war groß, und so kam am Valentinstag 2005, in jenem Interregnum der Blogs zwischen der GeoCities-Anarchie und der mit MySpace aufziehenden Social-Media-Tyrannei, Andis Soapbox mit diesem letztlich programmatischen Eintrag in die Welt.

I entered this world on the Champs-Élysées, 1959. Sur le trottoir des Champs-Élysées. And you know what my very first words were? New York Herald Tribune! New York Herald Tribune!

Ich hatte viel zu sagen und zu erzählen und zu wüten. Warum wir mehr auf die Wissenschaft hören sollten. Warum Konsumismus nicht über innere Leere hinwegtrösten kann. Warum wohl unsere Werteentkernung und unsere Angst vor dem Tod uns so anfällig für freiheitstötende Terror"bekämpfung" machen, ein in vielen Aspekten betrachtetes Lieblingsthema dieses Blogs. Wie ich durch Deutschland fuhr, um FreundInnen zu besuchen, und was ich dabei Gutes und weniger Gutes sah. Aber auch, immer wieder und trotz der guten Zeiten, wie ich mich, wenn auch noch oft verneint, nach tiefer Liebe sehnte (mehr Links dazu im Proterozoikum). Der Zeit der Rants in den Jahren 2005 und 2006 folgte so, nachdem ich mich in Dutzenden Einträgen ausführlich über alles ausgelassen hatte, was mich störte und aufregte, etwa ab 2007 die Zeit der Sehnsucht, begleitet von sowas wie einer kopernikanischen Wende meiner Soapbox, weg vom bloßen Wüten, hin zu mehr Versuchen der Erklärung und Überzeugung. Vielleicht kein Zufall, dass ich mich zu dieser Zeit auch mehr im Hochschuldebattieren engagierte, bis hin zu einem im Nachhinein in vielerlei Hinsicht für mich sehr wichtigen Bildungsroman bei der Debattier-WM in Cork.

Für eine kurze Zeit fand ich im Jahr 2009 Liebe. Doch wie es so ist, durch Beziehung, Debattieren, Theater, das endlich nahende Ende meines Studiums und anderer Prioritäten mehr blieben mir immer weniger Zeit und Energie zum Bloggen, zumal ich wieder das Gefühl hatte, erstmal alles gesagt bzw. beschrieben zu haben, worauf ich hinweisen wollte. So degenerierte Andis Soapbox immer mehr zu einer Link- und Kurzkritikenfarm mit nur noch gelegentlichen interessanteren Lichtblicken, die dann auch meine in früheren Jahren gewonnenen, nun entwöhnten Leser:innen mehr anregten. Doch auch diese Funken konnten nicht verhindern, dass mein Blog im Herbst 2011 sein Licht aushauchte. Wie es ein Kommentierender leider treffend ausdrückte: "Boot steigt kurz an und sinkt dann wieder auf Grund". Zurück blieb erstmal Asche. Internet und Seele hatten in dieser Ära nicht mehr so geklafft, aber je mehr es meine Seele davonzog, desto weniger leuchtete hier ein Licht.

Mesozoikum

Nach meinem Abschluss als Diplom-Gewerbelehrer arbeitete ich erstmal einige Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Berufs-, Wirtschafts- und Technikpädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft der Uni Stuttgart in einem Projekt zur Kompetenzentwicklung von Berufsschüler:innen. Ich debattierte um einiges härter und mehr auf dem internationalen Parkett, wo ich endlich Bester Redner in Englisch als Fremdsprache der Weltmeisterschaft 2011 wurde und in insgesamt 17 nationalen und internationalen Finals stand, von denen ich, Michael Ballack, jedoch nur wenige gewinnen konnte. Beruflich konnte ich mich weiterentwickeln, indem ich mich erfolgreich bei der Europäischen Union bewarb, wo ich nun seit 2014 beim Statistischen Amt der EU, Eurostat in Luxemburg, an Folgenabschätzungen und anderen Bestandteilen der Modernisierung der europäischen Landwirtschafts- und Fischereistatistikverordnungen arbeite. 2012 trat ich der SPD bei (zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dafür betrunken gemacht wurde), was wenigstens den einen unabweisbaren Vorteil hatte, dass ich in dem Jahr über ParteifreundInnen J. traf. Wir heirateten 2016 mit einem sehr schönen Fest und haben 2018 und 2021 Kinder bekommen. Sehr sehr gute Zeiten.

Trotz oder wegen dieses privaten und beruflichen Glücks spürte ich, dass ich immer noch bzw. wieder einiges zu sagen hatte, und tat es nun in sogenannten sozialen Medien wie Facebook und ab Ende 2019 auch auf Twitter (mein Twitter-Handle hielt die Erinnerung an diesen Ort wach). Nachrichten, Persönliches, Politik, Religion, Debattieren, die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ), zu vielem schrieb und meinte ich und diskutierte hitzig mit FreundInnen und Bekannten in "nach unten offenen Kommentarspalten", Löchern für Zeit. Dem intimen und fruchtbaren Austausch mit wenigen Stammleser:innen meines Blogs in dessen Kommentaren folgte so ein weiter gefasster, manchmal produktiver Diskurs, auf Facebook noch sinnvoller als auf Twitter, wo man aufgrund der katastrophalen Threadnavigation oft nicht mal erkennen kann, wer gerade wem worauf antwortet, vom viel weiter und daher viel dümmer gefassten Publikum gar nicht erst zu reden.

Doch nach einigen Jahren, zumal in der Coronapandemie, die auch mich zum Innehalten brachte, und angesichts dessen, was die "sozialen" Medien für Profit an Katalyse extremer, tödlicher Denk- und Handlungsweisen fördern, traten bei mir auch auf diesen Plattformen Ermüdungserscheinungen auf. Wem gehört eigentlich, was ich schreibe? Wer kann es lesen, wenn es nur für "Freunde meiner Freunde" sichtbar ist, und wegen der Kapriziosität der Ranking-Algorithmen auch nur für einen Bruchteil davon? Und sollte ich mich nicht lieber wieder mit wenigeren, geschätzteren Diskutant:innen austauschen statt u.a. mit Selbstdenker88 und Peter Abtreibungspranger? So versiegte auch auf Facebook und Twitter mein Meinungsstrom langsam, auch wenn ich immer noch nicht weniger Meinungen hatte als früher. Meine Äußerungen und die Informationen über mein Leben auf Facebook und Twitter waren nun mit meinem tatsächlichen Sein weitgehend kongruent, aber ich fühlte mich nicht mehr mit dem Medium wohl. Ich begann, nach einem neuen Weg zu suchen, mich zu vermitteln, mit mehr Kontrolle über meine Outputs und einem hoffentlich genauer gezeichneten Leser:innen- und Gesprächspartner:innenkreis. Die Antwort lag erstaunlich nahe, ein Phönix rief.

Känozoikum

Chrysalis

Foto: VirenVaz, CC BY-SA 2.5

Die Larve verpuppt sich in der Chrysalis, und in einem Prozess der Liquefaktion wird sie erst fast ganz flüssig, bevor sie die Imago neu aufbaut und endlich als schöner Schmetterling schlüpft (Metamorphosen sind nur als Metaphern romantisch). Ich war ein verstockter Computer- und Filmnerd, bevor ich ein extravagantes drama kid und ein feurig zürnender Blogger wurde. Dann verflüssigte ich mich wieder und schlüpfte endlich als Hardcore-Debattierer und empirischer Wissenschaftler. Ich häutete mich wieder und wieder und wurde Facebook-Meinender, EU-Beamter, Ehemann und Vater, mein Embourgeoisement vielleicht zum Hohn einiger meiner früheren Ichs nun fast komplett, doch mein Glück ganz. Meine Präsenz im Internet reflektierte dabei so oder so meine Einstellungen, meine Interessen, meine Zeit und auch Moden. Und nun, mittwegs auf meines Lebens Reise, finde in Andis Soapbox ich mich wieder verschlagen.

Das Schöne an einer Seifenkiste ist, dass sie an sich nichts impliziert, was man auf ihr stehend sagen sollte, außer in bescheidener Faktizität einen erhöhten Punkt zum Sprechen anzubieten. Ich weiß nicht, wie oft ich die Zeit und die Inspiration haben werde, hier mein altes Megaphon aufzunehmen und etwas Neues zu sagen, das Leben, von dem ich mir in manchem alten Eintrag mehr gewünscht hatte, umarmt mich nun jeden Tag wie ein Grizzlybär, durchaus sehr warm und herzlich, aber die Umarmung abzulehnen wäre eine extrem schlechte Idee; zuerst werde ich, nachdem ich nun bereits alle alten Blogeinträge aufgeräumt, endlich vollständig gelabelt und meine tauglichsten Entwürfe hier und da in die Jahre eingestreut habe, in denen ich sie verfasst hatte, meine besten Texte aus Facebook, Twitter, Foren und von meinen Festplatten hier einpflegen (und euch darauf hinweisen), um ein möglichst lückenloses Archiv und eine Referenz meiner wichtigsten Online-Äußerungen an einem Ort zu haben, sowie ein paar weitere hoffentlich erfolgreiche Schreibprojekte verfolgen, was mich noch eine Weile beschäftigt halten dürfte. Dann möchte ich manches zu Manchem sagen, das ich in den letzten zehn und mehr Jahren erlebt oder gesehen habe oder das mich schon länger beschäftigt, und danach noch zu den Dingen, die passiert sein werden, nachdem ich mit all diesen Zusammentragungen angefangen habe. Und dann - werde ich vielleicht wieder denken, dass ich nun alles gesagt habe, was ich sagen wollte, und mich womöglich neuen Ufern zuwenden, neuen Formen, in eine neue Puppe spinnen und wieder liquifizieren. Alles, was ich Euch daher anbieten kann, das einzige Versprechen, das ich geben kann, ist, als der Schmetterling, der ich heute bin, mit Euch zu fliegen, in den blauen Himmel hinein.

Aber das sicher.

In diesem Sinne: Excelsior!

19.12.2013

Ave atque vale

Debattierclub Stuttgart e.V.

All good things must come to an end. After ten years, it is time for me to leave Debattierclub Stuttgart. The memories and experiences, the successes and challenges, and most of all the friends will stay with me forever. Thank you for everything!

03.12.2013

Nein zur Groko

Nein zur Groko

Mein Nein ist unterwegs. Sollen andere Merkels Komplizen bei der Zerstörung Europas werden.

20.02.2013

Die Piraten

Ich habe ja einmal die Piraten gewählt, weil ich ihre Ideen zu Netzpolitik und ihre politischen Innovationen gut fand und auch dachte, dass sie, wie andere Minderheitsparteien ihren Klientelen, der benachteiligten Gruppe der Nerds zu Anerkennung und Mitsprache verhelfen würden (Nerd Power). Man kann sagen, dass mich die guten Seiten des Nerdtums wie Progressivität und Kreativität anzogen.

Leider muss ich aber schon seit langem feststellen, dass die Piraten vollständig von der Dunklen Seite des Nerdtums beherrscht zu sein scheinen: grotesk ausufernde Stürme im Wasserglas ("Linux ist besser als Windows - Stirb!!"), obsessive Beschäftigung mit irrelevanten Details und anonyme Onlineenthemmung, die nun in Gewaltandrohungen gegen die Kleinkinder des Landesvorsitzenden Baden-Württemberg gegipfelt hat (!). So wird das nichts mit der digitalen Demokratie. Schade ...

13.02.2013

EU-Auswahlverfahren bestanden!

EU Flag

"Dear Mr Lazar, On behalf of the Selection Board and EPSO, I would like to offer you our congratulations. You have successfully passed the selection procedure for EPSO/AD/230/12 (AD5) - EPSO/AD/231/12 (AD7)." Squeeeeeeeeeeee!!

31.10.2011

Those were the days 8 1/2, Retardierung und Dénouement

Die früheren Teile dieser Serie sind hier: 1, 2, 3, 4, 5-1, 5-2, 6, 6 1/2, 6 3/4, 7 und 8. Dies ist, unglaublich aber wahr, der letzte Teil.

"Hallo? Ist da jemand? Andi? Hallo?! Das ist so hell hier, ich kann gar nichts-"

Ich dachte, ich räume die Bühne meines vergangenen Lebens mal leer, um einen unverstellten Blick auf die aus ihm erwachsene Erkenntnis zu ermöglichen. Und Du musst ja nicht gerade mitten in den Scheinwerfer blicken.

"Hm. Retardierung? Dénouement? Bühne Deines Lebens? Erwachsene Erkenntnis? Offenbar ist Dir noch nicht erwachsen, dass solcher Obskurantismus Dich zu lesen alles andere als leicht macht. Ich höre mich ja selbst schon wie Du an!"

Niedlich. Aber wenn Du erlaubst, lass uns doch mit der Geschichte aus dem letzten Teil fortfahren.

"Hmpf. Klar."

Sie hat das Telefon also nie mehr abgenommen. Und auch auf Mails, Karten, Briefe ... nicht reagiert. Besuchen wollte ich sie nicht, um sie nicht mit meinem Dasein zu überfallen, wirklich wahr. Ich verstritt mich inzwischen mit No, der, warum auch immer, partout nicht glauben wollte, dass Oddjob mehr als nur Freundschaft mit Honey wünschte, und mich einen Stalker genannt hatte. Er spricht bis heute nicht wieder mit m-

"Halt mal. Stalker?"

Ich habe mich nicht in den Büschen vor ihrer Wohnung versteckt oder sowas. Aber ich verstummte und starrte, wenn wir uns zu mehreren mit ihr begegneten, sah andere, die mit ihr sprachen, böse an, hatte im Kopf nur mehr sie, sie, sie, rief sie an, umso öfter, je weniger sie erreichbar war ... Du weißt, dass ich keinem Käfer den Panzer krümmen würde. Aber das war alles andere als gesunde Verliebtheit, wenn das kein Oxymoron ist. In meiner absoluten Hingabe, meiner absoluten Aufgabe und ihrem absoluten Mysterium, ihrer absoluten Unklarheit hatten sich wirklich zwei gesucht und gefunden, a match made in hell, wie wir Pseudoangelsachsen sagen. Die Katastrophe war so unausweichlich wie in einer griechischen Tragödie, und wie in jener hat jeder Versuch, sie abzuwenden, ihre Folgen nur noch schlimmer, die Götter nur noch zorniger gemacht. Wie immer haben die ollen Hellenen auch hierin und hierzu schon alles gewusst und gesagt, vielleicht verstehst Du ja jetzt, warum ich sie so mag.

"Man sucht und findet sich, nicht wahr? Man versucht davonzurennen und läuft doch nur im Kreis, gerät immer wieder an dieselbe, für einen mehr als schlechte Sorte Mensch ... letztlich sind das ja nur Versuche, vor sich selbst davonzulaufen, die natürlich scheitern müssen."

Gut, Unbewusstes, ich habe Dich viel gelehrt. Wir wollen an dieser Stelle nicht spekulieren, wie es kam, dass ich war, wie ich war, wer kann das schon ganz ermessen, und manches soll selbst in diesem Rahmen privat bleiben, es reicht hier, zu sagen, dass mehrere unglückliche Umstände zusammenkamen, endo- und exogene, wichtig aber und einer der Gründe, warum diese Serie entstanden ist, neben der Selbsterkenntnis des Schreibens und der Unterhaltung, natürlich, ist, wie immer auf unserer Soapbox, die Belehrung und die Besserwisserei, am allerliebsten durchs Megaphon.

"Dann megaphone mal."

Gern und gleich, mein Baby. Aber zuerst: Irgendwann hat sie sich doch wieder gemeldet, schrieb, dass sie, ich weiß es nicht mehr genau, glaube aber, die "Freundschaftsverwirrungen" oder so leid war und sich einfach eine Zeitlang ausklinken wollte, und mit keinem Wort erwähnte sie mein Liebesgeständnis. Die Welt ging inzwischen unter, es war der 11. September 2001, acht Tage vor meinem Geburtstag. Auch an jenem Tag rief und rief ich sie an, vergebens.

"Glaubst Du, Du hattest ein Anrecht auf Antwort?"

Nein, und das ist vielleicht eine der schwersten Lektionen, die man lernen muss, dass es manchmal nicht mal für einen selbst Antwort gibt. Man öffnet sich wie nie zuvor im Leben für einen Menschen, mit grützeweich zitternden Knien, und statt einer Reaktion, irgendeiner, die einem zeigt, dass man am Leben ist, dass man da ist, und wenn es Hass ist, kommt- nichts. Das ist hart, in einer Konstellation wie meiner doppelt und dreifach, aber im All hört Dich keiner schreien.

"Du willst darauf hinaus, dass man sich selbst vergewissern muss, dass man am Leben ist? Dass man selbst da sein muss, für sich da sein?"

Vielleicht ist das mein Mantra. Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild, weil er sich selbst nicht erkannte, und er warf sein Leben in den See, vegetierte leer, eine tote, glotzende Hülle. Und auch, wie Freundin K. uns lehrt, soviel Weisheit aus so schönem Munde, selbst wenn sie gesagt hätte, sie liebte mich, sie hasste mich, das sind so große, schwere Worte für so kleine, leichte Menschen, es ist hier wie dort: Das Absolute gibt es nicht, sondern das Leben. Oh, und wie es das gibt, oh, Baby! Warum sich dieses herrliche, dieses im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Dasein durch Angst, durch Minderwertigkeitsgefühl, durch schwaches Selbstbewusstsein verderben lassen? Umarme Dich selbst, und die Welt wird Dich umarmen!

"Schön, Guru, schön. Das sagt sich so leicht, alles so leicht. Was aber soll jemand, der jetzt so ist, wie Du einst warst, tun?"

Ja, heimleuchten ist einfach, aber dem Licht folgen muss man doch selbst. Nachdem sie sich wieder gemeldet hatte, war ich einen Moment eifersüchtig auf einen weiteren Freund, der mir etwas von ihr zu wollen schien, was über drei Ecken zuerst No und dann sie mitbekamen, worauf sie in einer Mail an mich vor Wut fast explodierte, von ihrer und jedes anderen Warte aus muss ich auch reichlich wahnsinnig erschienen sein, und sie brach den Kontakt erneut ab, nachdem sie zuvor schon wieder weniger erreichbar geworden war. Ich sah sie zufällig einige Monate später in der Stadt, stotterte etwas und sie schwieg, und absichtlich noch einige Monate später, ich war zwei Stunden von mir zuhause zu ihr zuhause gegangen, eine Rose in der Hand, sie versprach, sich bei mir zu melden, hinein ließ sie mich nicht, gemeldet hat sie sich nicht, nie mehr. Im Mai jenes Jahres, es waren mittlerweile fast zehn Monate, seit ich ihr gesagt hatte, dass ich sie liebte, hatte ich den ersten und einzigen Nervenzusammenbruch meines Lebens, auf der Feier eines ehemaligen Mitschülers im Waldheim musste ich vor der fröhlichen, glücklichen, grinsenden Menge erst auf den Fußballrasen und dann nach Hause fliehen, aus Liebeskummer flennend durch die laue Nacht. Es ging mir noch zehn Monate schlecht danach, die triste Informatik und die tristeren Informatiker taten ihr Übriges, und mein Talent, mein unseliges zum Selbstmitleid, konnte sich voll entfalten.

"Und dann? Wie bist Du auf die Straße nach Damaskus gekommen?"

Ich wünschte, ich könnte voller Stolz und Würde berichten, wie mich Jesus, Scientology, Schlangenöl auf den Highway zur Selbstliebe und Erleuchtung geführt haben, doch der Pfad war noch lange steinig und eng, und die guten Menschen, die ich endlich traf und die ihn mit mir gingen, hatten bisweilen mit ihm und mir zu kämpfen, auch wenn alle meine Konflikte natürlich kein Vergleich mit existentiellen Dramen zum Beispiel missbrauchter Frauen oder terrorisierter Männer waren. Das machte mein Erleben aber natürlich nicht weniger schmerzlich. Schließlich ging es, langsam, aber stetig aufwärts, die Zeit heilte, ich gewann Selbstbewusstsein, ich küsste, ich hatte endlich Sex, ich wechselte, unter turbulenten Umständen, ohne die geht es bei mir nie, mein Studium, ich kam aus dem Tal der absoluten Illusionen ans goldene Licht der Realität und streckte meine Glieder zur Sonne, meine Nase. Ich war glücklich geworden, hatte einen Partner fürs Leben gefunden: mich.

"Ja, aber WIE DENN?"

Meinst Du nicht, ich wäre längst mit dem Schlangenöl zur Selbstliebe reich geworden, wenn es das nur gäbe? Selbst wenn The Man nicht alles täte, um es sofort nach Erscheinen zu verbieten und zu vernichten, wer würde denn noch seine dicken Autos fahren, seine teuren Pelze kaufen, seinem feisten Führer gehorchen müssen, wenn er doch sich selbst hätte, immer sich selbst und seine Liebe? Wahre Liebe, umso mehr von einer anderen Person unabhängige, macht unendlich frei, das ist die Lösung dieser hier gestellten Hausaufgabe, nur sechseinhalb Jahre verspätet.

Man wird so wenig leicht von einer traurigen, bleichen Raupe zu einem strahlenden Schmetterling, wie jene es selbst wird. Die Chrysalis zu spinnen verlangt das ganze Können des Wurms. Aber sie wird schön, golden schön, und aus ihr schlüpft ein herrliches, leuchtendes Wesen. Weil die Larve das tut, worin sie gut ist.

"... ... ...Und das war's? Der große, fulminante Abschluss der längsten und bedeutendsten Serie Deines Blogs ist der Rat, sich in einen Kokon aus Material einzuspinnen, das man aus seinem Arsch gepresst hat? DAS WAR'S?"

Ich fürchte ja. Etwas enttäuschend, oder?

"ETWAS?!?"

Dann ist die Wirklichkeit enttäuschend. Die unspektakuläre Realität des Sichliebenlernens, der Anerkennung seiner Stärken, der Arbeit an seinen Schwächen, des stetigen Zens der Weltversenkung. Sicher, James Bond braucht das nicht, er nicht. Aber jeder Mensch.

"...So schließen wir, richtig?"

Ja.

08.10.2011

Boot steigt

Andi klettert aus der Luke zum Maschinenraum des Blogs. Sein Unterhemd ist mit Schweröl verschmiert, und er hält einen großen Schraubenschlüssel in der Hand. Aus der Luke hört man ein regelmäßiges Bummern.

O Hai, Ihr seid's, liebe Leser. Ich habe gerade meinen letzten Eintrag aus dem Jahr 2006 auf Vordermann gebracht, damit sind jetzt ziemlich genau zwei Drittel aller Posts verbessert und gelabelt. Mögt Ihr die Labels, oder sind sie Euch zu wenig detailliert? Ich habe auch den Eintrag vom April 2010 wiederentdeckt, über einige Computerspiele, die ich in letzter Zeit gespielt habe, doch keine Angst, ich habe seit dem Fünfjahresjubiläum meiner Soapbox nicht nur gedaddelt, wie die bald wiedergefunden werdenden Einträge zeigen werden.

Andi kratzt sich mit dem öligen Schraubenschlüssel am Kopf, wodurch eine Haarsträhne ein bisschen abstehen bleibt.

Aber Mann, diese ganzen alten Sachen wiederzulesen ist manchmal, wie ein altes Tagebuch zu öffnen. Ich war echt oft wütend, was? Naja, das ist hier Andis Soapbox und nicht "Andis Jadeparadies", wie ich in einem Schlüsseleintrag mal gewitzelt habe, obwohl letzteres nicht nur existiert, sondern vielleicht sogar reicher ist als die Soapbox, fruchtbarer, aber eben auch privater, verletzlicher; die Welt macht es mir zudem leider oft leicht, wütend zu werden, und ranten macht auch erstaunlich Spaß, probiert es mal selbst.

Aber Ihr wisst ja, sowas wie die bête noire hier ist die ewige Frage, was besser ist, für mich, für alle, für verschiedene Werte von besser, Wüten oder Erklären, Schreien oder Zuhören, Megaphon oder Hörrohr. Jenes Biest ist übrigens weitaus verschlagener und gemeiner als mein Schweinehund, den hat ein simples Orbitalbombardement zu einem kümmerlichen Schatten seiner selbst reduziert und er wiegt jetzt nur noch zehn Tonnen oder so. Bei der bête noire weiß ich manchmal nicht mal, wo ich sie suchen soll.

Andi holt eine seltsame, schon ganz vergilbte Liste aus seiner Hosentasche und streicht darauf "Das Wort 'Orbitalbombardement' in ein normales Gespräch einflechten" durch.

Aber gut, ich will Euch, heute, nicht schon wieder mit diesem Emozeug langweilen, sondern auf ein paar alte Einträge verweisen, die vielleicht des (Wieder-)Lesens wert sind. Aus dem Jahr 2005 zum Beispiel ein kleiner Rant über Wissenschaftshasser, die Wissenschaftsprodukte nutzen, Ulrike Meinhofs Brief "Eine Sklavenmutter beschwört ihr Kind", mein Plan für den Weltfrieden, eine und noch eine Bemerkung zur Hitlerei der deutschen Medien, wie ich mich auf einer Datingplattform als Leia Organa ausgab, wie ich fast bei einer Drückerkolonne angeheuert hätte, was ich von der BUNTEn halte, wie man Fußgängermengen simuliert, meine Prophezeiungen zur Zukunft der Arbeit, meine erste Erwähnung von Kapitän Ahab anlässlich eines Stadtbummels und meine Suche nach einer WG.

Im Jahr 2006 habe ich mich über NS-apologetische TV-Events wie "Dresden" und Mutterkreuzanwärterinnen wie Eva Herman, den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, dass ich oft für Simon Gosejohann gehalten werde, Designervaginen und natürlich über Veronica Ferres, die 10.000 Euro von mir wollte (auch hier und hier) aufgeregt. Ich bin durch Deutschland gereist, habe eine Kritik der Oper "Carmen" in Stuttgart geschrieben, den vorerst letzten Eintrag in der Serie meiner unglücklichen Nichtliebschaften verfasst (ich denke, eine, die letzte Folge kommt noch), gegen unsere Angst vor dem Terror gewettert und gegen den Pazifismus, deutsche Blogger und pseudo-nassforsche Startupgründer. Ich habe gepostet, dass Leben Sterben heißt, und, zum Abschluss des Jahres, wie man in einer Notfallpraxis einen schönen Abend erleben kann.

Andi geht wieder zur Maschinenraumluke zurück, setzt einen Fuß auf die Leiter abwärts und klettert hinunter. Bevor er ganz verschwunden ist, steckt er nochmal den Kopf aus der Luke und grinst.

Das sollte erstmal genug Lesefutter sein. Als nächstes aktualisiere ich die letzten fast 200 alten Einträge, finde die übrigen verstaubten aus den Jahren 2010 und 2011 wieder und bereite ein paar neue vor: langatmige Linksammlungen, schnippische Kritiken, politische Rants und skurrile Geschichten aus meinem Leben. Das Übliche also. Schön, dass Ihr trotzdem dabei seid!

Andi ruft "Huii" und rutscht die letzten Stufen der Leiter hinunter.

01.10.2011

Licht an

Das Licht geht an. Andi steht auf der Bühne des Blogs mit einem Eimer und einem Lappen in der Hand. Er sieht etwas verlegen aus.

Äh, ich bin's. Ich fange wieder mit dem Bloggen an. Tut mir leid für die lange Pause.

Andi legt eine Hand in seinen Nacken und lacht nervös, wobei seine Augen wie umgedrehte Us aussehen und Schweißperlen aus seinem Kopf spritzen.

Ich bin mit meinem Studium fertig und jetzt Wissenschaftler, schon fast zwei Jahre in einem dreijährigen Projekt. Ich räume meine alten Einträge auf - aktualisiere die Links, verlinke die Bilder wieder, schaue nach der Orthographie und so. Manchmal ändere ich auch im Rückblick vielleicht zu ...harsche Formulierungen, aber nur wenige und selten, und bei Interesse und genug detektivischem Spürsinn der Leser nehme ich gerne zu jeder vorgenommenen Änderung Stellung. Über die Hälfte aller Einträge habe ich schon bearbeitet, bis inklusive Oktober 2006. Schaut mal rechts, die Labels sind endlich online! Stöbert ruhig darin, bald sind sie komplett aufgefüllt.

Jetzt glitzern Andis Augen ein bisschen.

Mit der Zeit werdet Ihr auch merken, dass das inoffizielle Versprechen von Andis Soapbox, wenigstens jeden Monat einmal etwas zu posten, ununterbrochen gegolten hat, die Einträge der letzten Zeit waren wegen des ganzen Staubs nur schwer zu sehen. Seht her, hier ist, was ich diesen September über das alte Videospiel "X-Com" geschrieben habe, ein interessanter Eintrag, wie ich finde.

Die Leser sind noch ein bisschen skeptisch.

Wie sagt V: "You see, Evey, all the world's a stage. And everything else ...is Vaudeville." In diesem Sinne, bitte nehmt Platz und Popcorn, schaut Euch noch einmal im Saal um, und dann geht die Show gleich wieder los. Viel Spaß!

05.09.2009

Yay!

Liebe

05.06.2009

Meam vide umbram

Direkt, nachdem ich mein Studium gewechselt hatte, fast buchstäblich gestern noch exmatrikulierter Informatiker (don't ask), heute schon aufstrebender Technikpädagoge, hatte ich das erste geisteswissenschaftliche Seminar meines Lebens, "Geschlechtsspezifische Differenzen im Berufsbildungs- und Beschäftigungssystem", bei Dr. Carmen Eccard.

Ich hätte es nicht besser treffen können.

Die Referate waren lebendig und überzeugend. Die Inhalte waren fantastisch interessant und haben mich endgültig zum Feministen gemacht. Das Seminar war toll organisiert und schenkte Lust auf Wissenschaft, vor lauter Übermotivation habe ich sogar eine Hausarbeit von 27 Seiten produziert. Und Dr. Eccard war engagiert und menschlich und wurde meine Goto-Dozentin für alle feministischen Fragen, noch Anfang dieses Jahres hat sie mir auf meine Bitte nach Quellen für eine mögliche Diplomarbeit über Gender und Computer freundlich und ausführlich geantwortet. Wenn ich eine Lieblingsdozentin habe, dann sie.

Hatte.

Carmen Eccard ist am Pfingstmontag mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrer zweijährigen Tochter auf dem Air-France-Flug 447 gestorben.

Einfach so aus dem Leben gerissen.

Weg.

Und es tut mir so leid.

Meam vide umbram, ja.

Aber es geht so weiter, auf der Sonnenuhr: Tuam videbis vitam.

Sieh auf meinen Schatten, und Du wirst Dein Leben sehen.

Zerbrechlich und kostbar. Schillernd und kurz. Reich und vielleicht morgen vorbei.

Nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist.

Wie es Carmen Eccard getan hat.

Vale!

29.01.2009

Unberührt

Hemm ... hehh ... ähh ... uhh ...

Ach was soll's, here goes: Ich habe Jesus verpfiffen. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass es wirklich Zeitmaschinen- zur falschen Zeit am falschen Ort- unglücklicher Gleichklang deutscher und althebräischer Wörter- es tut mir so, so-

Wie? Es ging gar nicht-? Ach so, eigentlich wollte ich hier sagen, dass ich erst mit über 21 zum ersten Mal Sex hatte. Weit drüber. Weeeit.

So. Und es gibt mindestens ein gutes Buch, einen kurzen und einen längeren informativen Fernsehbericht und sogar eine nette Filmkomödie zum Thema, die ich als Einstiege jedem Interessierten empfehle, weil sie schon sehr vieles ansprechen, das aber durchaus auch meiner Wiederholung wert ist.

Eines der ersten und wichtigsten Probleme eines sex- oder beziehungslosen Menschen ist die vergebliche, zunehmend obsessive Suche nach einem goldenen Schlüssel zum bevorzugten Geschlecht, den man aufgrund seiner Nichtexistenz aber nie finden kann. Ob Aussehen, Geld, Bildung, Witz, Eltern oder zwanghaftes Kätzchenertränken, stets wird man zahllose Gegenbeispiele finden, die trotz ihrer inneren wie äußeren Quasimodohaftigkeit von einem Bett ins nächste zu stolpern scheinen, von erfolgreich charmanten Normalverbrauchern nicht zu reden. Wenn aber jeder Serienmörder Körbe voller Liebesbriefe in den Todestrakt erhält, was sagt es dann über die nichthomizidale Jungfrau, wenn sie nicht einmal die kränksten Helfersyndrom-Krankenschwestern für sich gewinnen kann, oder anders, was stimmt mit mir nicht, wenn mich keine(r) will? Stark ist der Held, der bei diesem Sein sein Selbstbewusstsein bewahrt.

Dabei ist gerade Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, Selbstliebe jener goldene Schlüssel, allerdings nicht zu anderen, sondern zum eigenen Leben. Wer möchte nicht lieber Kirsche auf einer leckeren, glänzenden Torte sein, als erst einen traurigen Haufen Mehl und zwei schlaffe Eier mühsam aufbacken zu müssen? Allein, wie zur Torte werden ohne, und wenn wir schon mit dieser Metapher in alle Richtungen zerlaufen, haha, Treibmittel?

Denn zu den beharrlich nagenden Selbstzweifeln kommt im sozialen Leben, in den Unterhaltungen über Liebe, Sex und Zärtlichkeit, in denen man nicht mitreden kann, und in den Fickificki-Medien der normative Aspekt, die stumme, drückende Erwartung, dass man bis zu jenem und diesem Alter dieses und jenes erlebt haben sollte, anderenfalls stimmt mit einem etwas nicht. Dennoch reagieren die meisten Menschen nach meiner Erfahrung offen und verstehend, wenn man mit ihnen über seine Unberührtheit spricht. Wie aber zu dieser sehr erleichternden Erkenntnis gelangen, wenn man durch langes Schweigen überzeugter und überzeugter geworden ist, dass man ausgelacht und mit faulem Gemüse beworfen wird, weil man es für eine tiefe Schande hält, noch nie mit jemand anderem geschlafen zu haben? Erneut, stark ist der Held, der den Mut hat, sein Sein für die Augen der Welt zu öffnen.

Dabei stehen hinter diesen Augen öfter warme Herzen, als man meinen mag. Und wer trotzdem lacht, darf getrost auf den Müllhaufen falscher Freunde verbannt werden. Allein, wie sich, um erstmal dahin zu kommen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Angst ziehen?

Denn vielleicht auch nur gefühlte externe Normativität und internes Minderwertigkeitsdenken machen nicht stärker, nicht heldenhafter, nicht treibender, nicht offener, sondern alle Gegenteile. Man nähert sich nicht anderen, sondern entfernt sich, und erfüllt so oft erst die selbstvergiftende Vermutung, ein unverstandener Kauz zu sein. Man entfernt sich bis in die immer artifizieller werdende Sprache hinein von sich selbst, bis man zu einem scheinbar unbeteiligten, verkrampften Beobachter seines eigenen Lebens wird. Man spricht in der Erwartung, erfolglos zu sein, niemanden mehr an, und erfüllt die Erwartung so, zunehmend und zunehmend obsessiv. Und endlich, wie Springerstiefel, die nach Liebe, wie 9/11-Verschwörer, die nach Hirn schreien, projiziert man seine empfundene Unzulänglichkeit in gedrehter Münze auf das Andere, das Unbekannte, das Begehrte. Ich bin dumm, faul und hasse mich selbst, also muss Döner-Alis Familie dran glauben. Ich habe einen wirklich, wirklich winzigen Mikropenis, also hat der Jud' die Türme gesprengt. Und ich fühle mich einsam und wertlos, also sollen diese Schlampen, diese Göttinnen vor mir gefälligst auf die Knie fallen. Aus diesem selbstverstärkenden Teufelskreis auszusteigen geht nur, wenn man aus ihm aussteigt.

Dabei ist das nicht so schwer, wie es klingen mag. Medien wie die oben verlinkten und vielleicht auch dieser Eintrag zeigen, dass man in seinem Sein nicht allein ist, es Hoffnung und Hilfe gibt. Es gibt geflügelte Engel, wie ich selbst weiß, und verdammt sexy Engel dazu. Und auch der kleinste Schritt, die kleinste Öffnung im Kreise der Vertrauten ist ein guter Anfang, um schnell laufen zu lernen.

Und mit jedem Schritt Freiheit zu gewinnen.

Und Leben.

Nur Mut!

07.01.2009

Cork, cont'd

7.1., 19 Uhr: TGV Paris-Stuttgart. Nicht nur, weil es draußen dunkel ist, reflektiere ich, was ich auf dieser Reise gefunden habe, und es ist nichts als eine einfache Wahl: Mehr schöne Länder, schöne Mädchen und schöne Kunst, am Ende das "Economist"-Titelblatt "Architect of world peace, Andreas C. Lazar PhD 1979 - 2100", oder die "Bild"-Schlagzeile "Penner erfriert mitten auf Schlossplatz, Juni 2010". Der Unterschied: Mein (nicht schlechter) Arsch bzw. ob ich mich auf ihn setze oder halt nicht. Ich denke kurz nach, stehe auf und schüttle ihn, einmal noch. 

7.1., 13 Uhr: Im Louvre. Ich glotze mir die Augen trocken und sehe doch nicht genug. 

6.1., 19 Uhr: Crêpes mit A. Süß. 

6.1., 15 Uhr: 108 Rue de Garches, Saint-Cloud. It began here. It ends here. 'Nuff said. 

6.1., 14 Uhr: Die Grande Arche verlängert, beendet und übertrifft die historische Achse vom Louvre über den Triumphbogen bis nach La Défense in beeindruckend monumentalpathetischer und ein wenig einschüchternder Weise. So sind die Franzosen halt. 

6.1., 12 Uhr: Es war bitterkalt, aber ich bin gestern trotzdem drei Stunden durch Paris gelaufen, weil es so viel zu sehen gab, vom Quartier Latin, in dem mein Hostel liegt, über das Panthéon zu Notre Dame, den sehr beeindruckenden Louvre, it's good to be the king, durch die halben Tuilerien, über die Champs-Élysées, vom Triumphbogen zum Alma-Tunnel, wo ein gar nicht unwitziger Schelm ans inoffizielle Prinzessin-Di-Denkmal "Inoubliable Ottmar Hitzfeld" geschrieben hat, und schließlich zur ultimativen wahr gewordenen Steampunkfantasie, dem Eiffelturm. Heute La Défense, meine alte Heimat Saint-Cloud, und wenn die Zeit reicht, auch Versailles. 

5.1., 18 Uhr: Paris. Es schneit. Erstmal nur 30 Minuten Internet, bevor ich in die Stadt aufbreche. Ich versuche trotzdem, wenigstens stichwortartig so viel von den letzten drei Tagen nachzutragen wie möglich, auch wenn meine Tastaturhand wie abgestorben und ganz schwarz geworden ist, seit ich meinen Koffer in die Mansarde meines Hostels tragen musste, über eine Treppe, auf der nur allein von Zigaretten und Kokain lebende französische Models elegant navigieren können. Vielleicht werde ich hier ja eins treffen? Wenn nicht, kann ich in den nächsten Tagen wenigstens mein Blog ergänzen ... 

4.1., 12 Uhr: Die WM ist aus. Es kommt uns viel billiger, noch eine Nacht in Irland zu bleiben und den Montagsflug zu nehmen statt den von heute, also downgraden wir in ein sehr preiswertes, aber trotzdem komfortables Hostel und besuchen immer noch erkältet, aber bei herrlich mildem und sonnigem Wetter das Küstendorf Kinsale mit seinen alten Forts und einer neuen Marina. Am Abend Fish and Chips und Bier. Es hat unsere ganze Zeit hier nicht einmal geregnet. 

3.1., 23 Uhr: Ich kannte das Pausenprogramm Anúna gar nicht, aber die sind ja klasse! Desgleichen die nachfolgenden irischen Steptänzer. Nach den Danksagungen und der Preisverleihung (and the winner is ... Oxford A) geht's zum Ball mit leidlichem Essen, schönen Gesprächen und wunderbarem Tanz. Lasst die WM ewig dauern! 

3.1., 16 Uhr: Das Thema des großen Finales ist Abtreibung? Really? Die Teams aus Monash, Harvard und zweimal Oxford machen einen unterschiedlich guten, aber insgesamt beeindruckenden Job. 

3.1., 9 Uhr: Der irische Supervirus, der bereits die Hälfte des Feldes dahingerafft hat, hat auch uns so fest im Griff, dass wir nicht aus dem Bett kommen und sowohl das Halbfinale darüber, ob Regierungen Häuslebauer subventionieren sollten, als auch das Englisch-als-Zweitsprache-Finale mit den Berlinern zum Thema, ob es eine Quote für einheimische Fußballspieler geben sollte, leider verpassen. Ich glaube, meine Haare kriegen einen rötlichen Stich. 

2.1., 23 Uhr: Irische Party. Paracetamol + Alkohol = nicht gut. 

2.1., 17 Uhr: Noch keine Todesdrohungen von deutschen Debattierern. 

2.1., 15:05 Uhr: Bei der diesjährigen Deutschen Debattiermeisterschaft in Berlin hatte auch ein Team aus dem englischsprachigen Club in Köln teilgenommen, der sonst nur auf internationale Turniere fährt. Und während das tatsächlich aus einem Bruder und einer Schwester bestehende Team rhetorisch zwar talentiert, aber nicht brillant war und normal, aber nicht fantastisch gebildet, hat es mit Leichtigkeit das Halbfinale erreicht und hätte in meinen Augen auch im Finale sprechen sollen. Allein der Geschwister solide Analyse, klare Logik und effektive Widerlegung auf gutem Niveau war genug, fast ganz Debattierdeutschland aus dem Feld zu schlagen, in dessen Finalrunden sich sonst sehr oft die gleichen Gesichter tummeln. Ein Zeichen, dass unser Ausbildungsniveau nicht hoch genug ist, um Talentunterschiede zu nivellieren, auch eins, dass wir mehr Kontakt zur internationalen Elite brauchen, und vielleicht auch eins, dass eine zu kleine Szene die wenige mögliche Objektivität vergiftet. Es ist viel zu unserer Verbesserung zu tun, also packen wir's an! 

2.1., 15 Uhr: Hauptviertelfinale und Englisch-als-Zweitsprache-Halbfinale zum Thema, ob der Internationale Strafgerichtshof Verbrechen gegen den demokratischen Prozess verfolgen sollte, wir unterstützen das letzte verbleibende deutsche Team aus Berlin, und ich mache mir nach fünf Minuten ein paar Gedanken über das deutsche im Vergleich zum internationalen Debattieren.

2.1., 12 Uhr: Wir ziehen endlich wieder Ausschlafen dem Achtelfinale darüber, ob zur Bekämpfung der Taliban in Afghanistan lokale Milizen eingesetzt werden sollen, vor, wachen aber trotzdem mit unseren seit Tagen schwelenden Erkältungen in voller Blüte auf, was sehr nervt. Mein Leid wird etwas gelindert, als mir ein Verkäufer in Cork ein weißes Einstecktuch schenkt. Vielleicht werde ich auch schon so wie Kinski und erschüttere die Menschen schon, wenn sie mich nur ansehen?

2.1., 1 Uhr: N. und ich machen uns einen nicht sehr originellen, aber lustigen Spaß daraus, wie es wäre, wenn unser Leben von rauhen Filmtrailersprechern begleitet würde: "One man, on a mission in a foreign land" - "Get on the boos!" usw. Leider führt das aufgrund einer seltenen meteorologischen Konstellation, bei der unsere Gedanken von der ionisierten Luft aufgenommen werden und so die Gehirnströme Dritter beeinflussen, dazu, dass mein Leben tatsächlich kurzzeitig zu einem Film wird und N. genau dann ins Hotelzimmer platzt, als ich, ähh, aktive Völkerverständigung betreibe, und nachdem ich das Mädchen verabschiedet habe und mich mit den Worten "One man, trying to have sex with his date" neben N. setze, der in der Lobby wartet, merke, dass ich viel zu laut gesprochen habe, und dass fünf Meter von uns entfernt die hübsche Australierin sitzt, die ich am ersten Debattentag kennengelernt hatte. Abspann! Abspann!! 

1.1., 21 Uhr: Zur Party. Nochmal Labello nachziehen.

1.1., 15 Uhr: Partner N. macht sich nicht darüber lustig, dass mein Koffer zwar 27 Kilo wiegt, ich aber sowohl mein Kameradatenkabel als auch meine Einstecktücher für den Abschlussball vergessen habe, weswegen wir durch Kleidergeschäfte hetzen, leider vergeblich. Morgen wieder, denke ich zurück im Bus und danke ihm stumm für seine Fairness, während die Russin V. an meiner Schulter einschläft. Was kann ein Magnet dafür, wie sich seine Elektronen drehen?

1.1., 9 Uhr: Wir haben die Finalrunden leider nicht erreicht. Wie knapp, werden wir erst in ein paar Tagen wissen, wenn auch die Ergebnisse aus den Runden ohne Feedback veröffentlicht werden, die letzten zwei Debatten zu den Themen, ob Frauen weniger Einkommensteuer zahlen (dafür) und ob politische Meinungsumfragen verboten werden sollen (dagegen), waren in meinen Augen aber unsere am Besten und Schönsten argumentierten. So oder so bin ich hauptsächlich zum Dazulernen hergekommen, und um viel Spaß zu haben und die irische Insel zu sehen. All das erfüllt sich an diesem Morgen erneut, als ich im Bus auf dem Weg zum Killarney National Park eine pausenlos redende, unglaublich sympathisch quirlige Russin kennenlerne und dann vor der Schönheit des Parks fast erstarre. Ein Rotkehlchen hüpft um meine Beine, und ich kann es kaum erwarten, die atemberaubenden Fotos des moosbedeckten Eibenwaldes hochzuladen. 

1.1., 2 Uhr: Immer noch Knutschen.

1.1., 0 Uhr: Das neue Jahr fängt mit Knutschen an. Sehr gut.

31.12.2008

Cork Worlds 2009

31.12., 12 Uhr: Mein letzter Eintrag für dieses Jahr. Am Morgen waren wir wieder erste Regierung, was hieß, dass ein Thema kommen würde, über das wir absolut und garantiert nichts wissen, und tatsächlich mussten wir viel schlechter als recht die Unabhängigkeit von Abchasien befürworten. Trotzdem können wir mit etwas Glück noch die Finalrunde für Me no speak english erreichen, und ich drücke mir die Daumen und N.'s gleich mit, bis er schreit. Ein Ruf der Hoffnung.

31.12., 1 Uhr: Leider nicht Kinski, sondern Cyrano schaut mir zur morgendlichen Unzeit aus dem Spiegel entgegen, denn Partner N. unterhält sich schon seit geschlagenen zwei Tagen mit einer niedlichen, aber sehr schüchternen Russin und hat ihr noch nicht einmal gesagt, dass ihr Haar wie ein Strom warmen Honigs ist, den er trinken möchte, bis er berauscht ist von ihrem goldenen Mysterium, und ihre Augen wie klare Seen, in denen freche Lachse springen wie bei ihrem Anblick sein Herz. Ich diktiere ihm ins Handy, doch er schaut nur verstört, und wir verlieren die fünfte Runde darüber, ob China und Indien genausoviel für den Umweltschutz tun sollen wie der Westen, auch und eigentlich vor allem, weil wir als zweite Opposition mit der schwachsinnig mit der Regierung übereinstimmenden, sie gar noch übertreffenden ersten Opposition untergehen müssen. Da wir danach aber von Herzen dafür sind, dass Ehebruch doch nicht verboten werden soll, beenden wir den Tag mit einem schönen zweiten Platz und nicht fantastischen, aber befriedigenden sieben von 18 möglichen und 10+ realistischen Punkten. Ich ziehe meinen Anzug an, befestige eine rosa Schleife und gehe zufrieden auf den diesabendlichen Fundraiser für Action Breast Cancer, wo ich, es ist mein allererster Fundraiser, lerne, dass man für zwei Euro nicht nur zahllose Brüste, sondern auch seine Seele durch das warme Gefühl retten kann, etwas Gutes getan zu haben. Dazu gibt es Wein und Tanz, und zurück im Hotel surfe ich nach mehr Fundraisern und Brüsten, während das Jahr langsam seinem Ende entgegengeht. Ein melodischer Ausklang.

30.12.: Hier machen selbst die Computer um sechs Ladenschluss, so daß ich gestern nicht mehr berichten konnte, dass N. und ich uns in der zweiten Debatte zum Thema, ob Manager von Firmen, die Regierungskredite bekommen, gefeuert werden sollen, auf den dritten Platz steigern konnten, und die letzte Runde des Tages darüber, ob Soldaten ihre Regierungen auf Vernachlässigung verklagen dürfen sollen, gar, wenn auch sehr knapp, gewonnen haben. Nach einer "Comedy Night", auf der das Lustigste die billige Wodka-Cola war, vergleichsweise früh ins Bett gegangen und heute morgen als erste Regierung noch den Dritten gemacht, obwohl wir für die Desegregation der Schulen in Nordirland sein mussten, ohne überhaupt zu wissen, dass sie segregiert sind. Was Wunder, wenn die zweite Nachricht auf Sky News nach der rituellen Judenhatz die Pubschlägerei eines britischen Fußballers ist. In other news: The Pope has shriveled balls!!!1 Wenigstens wird das ekelerregende Newstainment von einer zarten Rothaarigen vorgelesen, und es gibt hier auch hübsche Australierinnen, Amerikanerinnen, Britinnen, Chinesinnen, Koreanerinnen ... 

29.12.: Letzten Abend bis in die Puppen Karaoke mit süßen Russinnen und Jamaikanerinnen, mein zarter Sopran eignet sich aber weiterhin nur für langsame Balladen. Weniger Rock heißt weniger Tanz heißt weniger Durst heißt leider weniger Kinski, und auch in der ersten Debatte heute morgen bleibe ich ganz ruhig, als die erste Opposition uns alle guten Punkte wegnimmt, warum Glücksspiel nicht verboten werden sollte. Vielleicht bin ich gestern doch gestorben und nun verdammt, auf ewig als Geist durch Irland zu wandern? Well, sign me up!

28.12.: Leckeres Inselfrühstück mit Rührei, Würstchen und Speck. Begrüßungsbriefing, Mittagessen und etwas kontrafaktische, aber formal korrekte Registrierung als "Me no speak english"-Team, wodurch sich unsere Chance, wenigstens eine der nach Sprachfähigkeit gestaffelten KO-Runden zu erreichen, ceteris paribus um 62,5% auf ca. 0,007% erhöht hat, ich bin aber kein Debattiernerd. Weil der Wettkampf erst morgen losgeht und aus Angst, heute wie im Altersheim nur noch auf das Abendessen und den süßen Tod zu warten, diesen Eintrag gestartet und mit Blut geschworen, ihn so oft wie möglich zu aktualisieren. Wer wischt jetzt die Sauerei auf?

27.12.: Auf der Debattierweltmeisterschaft in Cork. Weil das tatsächlich die preiswerteste Reise war, zuerst mit dem TGV, der auch in der neuesten Generation noch gut französisch ultramoderne Technik mit ältestbewährter Klaustrophobie verbindet, nach Paris gerast, dann ewig in der Checkin-Schlange an Charles de Gaulle gewartet, Partner N. dabei aus diesem nur aus Stellen bestehendem, die deutsche Sprache in ein erstaunlich leidenschaftliches Instrument verwandelnden Buch die hervorragendsten vorgelesen, zum Glück können die meisten Iren kein Deutsch, und schließlich an einem sonnigen Nachmittag mit einem Airbus im sehr schönen Cork gelandet. Den Luxus unseres Hotelzimmers mangels Öffnungsmöglichkeit der Minibar leider nicht bis zur Neige gekostet, aber wenigstens auf der abendlichen Essenssuche aus Versehen ein fremdes Tablett mit Käsefritten und Fanta mitgegessen. Wer wie Kinski sein will, muss eben klein anfangen!

31.10.2008

Under Construction

Ich beim Arbeiten

(Symbolfoto) Happy Halloween! Hier wird gerade an einem überfälligen Uniabschluss gebaut, weswegen Ihre Blogzufuhr in nächster Zeit leider nur unregelmäßig erfolgen kann. Wir bitten um Verständnis.

18.09.2008

Amerika

Es ist sehr, sehr, sehr, sehr selten, dass Franz Josef Wagner, der Zwei-Minuten-Hass aus der "Bild", und ich übereinstimmen.

Aber hier hat er völlig recht.

Ich sage erneut ohne Bescheidenheit, aber auch ohne Anmaßung, dass ich wahrscheinlich besser als neun von zehn Amerikanern und sicher besser als 99 von 100 Europäern über den US-Präsidentschaftswahlkampf Bescheid weiß, das war schon vor vier Jahren so und wird auch in vier Jahren wieder so sein, andere vergleichen die Torquote brasilianischer Mittelstürmer unter Berücksichtigung der Windgeschwindigkeit, der Lebensfreude der Kuh, aus deren Haut der Ball gemacht wurde, und ob der Stürmer zuvor passiven Sex hatte oder aktiven, ich kriege eben einen Herzinfarkt über jeden schlechten Ausschlag der täglichen Gallup-Umfrage und kenne mindestens 23 verschiedene Wege, auf denen Obama zu 270 Wahlmännern und mehr gelangen kann, Ontario ist doch in Amerika?

Entsprechend habe ich auch den kürzlichen Parteitag der Demokraten fast buchstäblich vom ersten bis zum letzten Hammerschlag Nancy Pelosis weitgehend live verfolgt, und mein größtes Gefühl nach den vielen Eindrücken, besonders Obamas unglaublich, unglaublich fantastischer Abschlussrede, von der weiter unten noch zu schreiben sein wird, war dies:

Ich möchte Amerikaner werden.

Natürlich, wie Wagner schreibt, es "wäre undenkbar bei uns", dass Joachim Sauer einen Parteitag der CDU mit einem Loblied auf seine Angela eröffnet oder Sandra Maischberger eine von Schröders vier Frauen einen der SPD mit Preisungen seiner Vaterqualitäten, mal davon abgesehen, dass ich mich schon immer gefragt habe, ob uns Gazprom-Gerd, den ich einst für das lange überfällige Niederstrecken Helmut Kohls geliebt, aber für den ich spätestens mit seiner russische Eier lutschenden Einstufung Saakaschwilis als "Hasardeur" den letzten Rest Respekt verloren habe, überhaupt, und ich meine das ernst, Kinder zeugen kann. Es wäre undenkbar bei uns, zuerst eine herzliche, warme Rede einer filmreif schlauen und attraktiven, in Gänze beeindruckenden Ehefrau zu hören und dann zuzusehen, wie der zugeschaltete Kanzlerkandidat von seiner vorlauten jüngsten Tochter auf unwiderstehlich niedliche Weise unterbrochen wird. Es wäre undenkbar.

Aber warum eigentlich?

Ich weiß, unser System ist anders, so dass nicht der beste Wahlkämpfer belohnt wird, sondern der beste Parteisoldat, so grau er sein mag. Ich bin zwar mit den amerikanischen Verfassungsvätern eher und immer mehr der Meinung, dass Parteien sowas wie ein politischer Krebs sind, aber die Väter und Mütter unserer Verfassung waren auch nicht dumm, und ich kann einsehen, dass Parteien nützliche Funktionen erfüllen können. Ich weiß auch, dass man hierzulande immer noch eher Parteien als Personen wählt, weswegen in manchen, hier ungenannten südwestdeutschen Bundesländern selbst in jeder erdenklichen Hinsicht abstoßende Sumpfmonster Ministerpräsidenten werden können, und dass unser Land kleiner ist und die Kultur anders und die Leute verschlossener sind, auch heuchlerischer und ausländerfeindlicher usw. usw. und dass sich darum viel, viel ändern müsste, bevor Aslan Ousama Uztürk per jubelnder Akklamation zum historischsten Kanzlerkandidaten der SPD bestimmt werden könnte, die letzten Minuten sind die besten. Und überhaupt wählen "wir Deutschen" ja ohnehin soundsoviel aufgeklärter und ernster als diese showbesessenen, burgerfressenden, kriegstreibenden ...

Wirklich?

Ich meine mich dunkel zu erinnern, dass die Gummistiefel eines gewissen Putinfreundes 2002 genauso die jeweiligen Ergebnisse durchgerüttelt haben wie die unvorteilhafte Merkel-Schröder-Fernsehdebatte 2005 oder die Anti-Türken-Petition der Gesichts- und Moralbaracke Roland Koch 1999, und selbst das Attentat auf Lafontaine 1990 "hat zwei Prozent gebracht", Zitat Bild-BamS-Glotze-Gerd. Ich habe auch noch nie von jemandem gehört, der sich alle Parteiprogramme schicken lässt, um sie zu vergleichen, oder der allein nach den Steuerplänen der Parteien entscheidet oder ihrer Haltung zur Kinderbetreuung, und wenn ich es hätte, würde ich es nicht glauben, denn wenn ich eins in meinen am Freitag, oh Gott, 29 Jahren auf dieser wunderlichen Welt gelernt habe, dann, dass jeder Satz, der nicht mindestens einmal "Ich will Geld!", "... Liebe!!" oder "... Titten!!!" enthält, eine halbe Lüge ist und meistens eine ganze, und dass Wahlen daher wie alles gleichsam mit dem vegetativen wie dem zentralen Nervensystem entschieden werden.

Aber warum sollte das schlecht sein?

Erstens, wer sollte einem anderen vorwerfen dürfen, warum er wie abgestimmt hat, ich dachte, der ganze, der einzige Punkt der Demokratie ist, dass jeder genau eine Stimme kriegt und nicht jeder Zehnte elf oder jeder Zweite drei Fünftel, dass also alle gleich zählen, in gleicher Weise Herr, Herrin oder Hermaphrodit ihrer Stimme und ihres Schicksals sind. Ganz abgesehen davon, dass Wahlen geheim, Gedanken frei und gute, ja fantastische Brüste wirklich nicht zu verachten sind, oh Baby ...

Zweitens, wenn die Seele und Geist deformierende Ochsentour der Parteien fähige Volksvertreter hervorbringen kann, warum sollte es dann nicht auch der den Launen der Neonazis und Nobelpreisträger unterworfene Beliebtheitswettbewerb des offenen Wahlkampfes können, zumal er wie gesehen schon weit bestimmender ist, als wir glauben, und wir unsere Repräsentanten bei Nichtgefallen gefahrlos abwählen können? Natürlich ist es ein wenig seltsam, dass eine etwas linkische, vielleicht kompetente Physikerin hierbei immer gegen einen Zigarre paffenden, sicher substanzlosen Hannoveraner verlieren wird, aber in welcher Welt ist es nicht seltsam, dass ein eigenmundig die deutsche Sprache zerstörender, hibbeliger Aktenfresser Ministerpräsident Bayerns werden konnte? Und auch hier, wer soll im Voraus besser wissen als jeder andere, welche Wahl, welches Programm, welcher Mensch besser ist? Die Parteichefs?

Drittens, wenn also, und es lohnt sich, das erneut zu wiederholen, weil es der innerste Kern, das bis heute zutiefst radikale Versprechen der Demokratie ist, jede Stimme gleich zählt, und wenn der populäre Wahlkampf nicht schlechtere politische Ergebnisse hervorbringt, als Kurt Beck um den Bart zu streicheln, warum sollte es dann, endlich, schlecht sein, in diesem System zu reüssieren, das telegenste Lachen zu haben, die angenehmste Art, die größte Fähigkeit, zum mutigen Vorkämpfer, zur beharrlichen Streiterin für eine, für tausend Sachen zu werden? Und warum sollte es schlecht sein, komplexe Sachverhalte in packende, verständliche Narrative weben zu können, sein Publikum mitzureißen und zu bewegen, brillante Intelligenz, magnetisches Charisma und berüchtigte Volksnähe auf einmalige Weise zu verbinden? Ist das nicht sogar gut? Ziemlich gut?

Ich weiß, ich höre, aber was ist mit Zahnbürstenbart, Klumpfuß, Sechs-Sterne-General? Richtig, aber diskreditiert die NPD das Parteiensystem? Oder ist sie vielmehr nur eine schlechte Anwendung einer Art, Repräsentanten zu wählen? Und ist es nicht sogar undemokratisch, ja aristokratisch, zu denken, die Menschen könnten schlechte von rechten Anwendungen nicht unterscheiden? Zu denken, sie könnten dieses unglaubliche Bild nicht von jenem trennen, nur man selbst wisse, erkenne es besser? Wenn man so wenig Vertrauen in seine Mitmenschen hat, sowenig Glauben daran, dass am Ende immer die richtigen über die falschen Zwecke triumphieren werden, die Churchills über die Hitlers, die Martin Luther King Juniors über die Jim Clark Juniors, die Freiheit über die Angst, warum geht man dann nicht rüber, nach Versailles oder Nordkorea, wo man hingehört?

Wenn ich Obamas Rede sehe, und es fängt schon damit an, dass dieser unglaubliche Mann, dieser fantastische Intellekt, zum Podium in der Mitte des Stadions, dieser atemberaubenden Kulisse, in der 84.000 Anhänger auf ihn warten, und mehr Zuschauer als bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele vor ihren Fernsehern, und Erwartungen, höher als die Rockies, dass er dahin schlendert, dahin lächelnd spaziert, als würde er an einem Sommersonntag durch den Park gehen; und wenn ich die offensichtliche Liebe zu seiner Frau und seinen Töchtern sehe, den ehrlichen Respekt für Hillary und die Zuneigung zu Joe Biden; und aus vollem Herzen in "Eight is Enough!" einstimme; und dann höre, wie Obama Punkt für Punkt, Angriff für Angriff die lächerlichen und beleidigenden Attacken John McCains und der Republikaner mit Würde, Humor und Stärke vollkommen und restlos zerstört, und für mich Wahlkampfjunkie ist es doppelt befriedigend, diese schwachsinnigen Meme endlich verdient sterben zu sehen; und dann höre, wie er seine Offensive auf das Versagen der republikanischen Ideologie insgesamt ausdehnt, seine ehrgeizigen innen- und außenpolitischen Pläne klar und logisch darlegt, schließlich seine berührende Vision einer geeinten Gesellschaft der Verantwortung für sich und für einander eröffnet, gegründet im Versprechen Amerikas; dann bin ich, noch mehr als zuvor, überzeugt.

Überzeugt von Obamas immer wieder erstaunlichen, wie grenzenlosen Fähigkeiten.

Überzeugt, dass er sein Land und die Welt bessern wird, soweit er nur kann.

Und überzeugt, dass ein Land, in dem einer wie er bis ganz nach oben steigt, gut ist, und wie, und dass es sich lohnt, darin zu leben, dafür zu kämpfen, dafür alles zu geben.

Und ist das nicht das Beste, was man von einer Wahl wünschen kann?

Das Beste, was man von der Welt wünschen kann?

Gott segne Amerika.

Obama

20.08.2008

A Streetcar named Desire

Zum ersten Mal "A Streetcar named Desire" gesehen. Und Gott, ist das ein großartiger Film. Die archaische, animalische Wucht des jungen Marlon Brando und der klassische, potemkinsche Habitus der späten Vivien Leigh treffen unter Elia Kazans perfekter Regie unvergesslich aufeinander. Gott.

In diesem Kontext mit Freundinnen A. und I. vor dem Ausgehen lecker gegessen und, der letzten "Neon"-Ausgabe ansichtig (Titel: "Diesmal zahle ich! Die Liebe und das Geld - warum eine Beziehung klare Finanz-Regeln braucht"), gemeint, dass das Magazin sich an Fünfzigjährige im Körper von Dreißigjährigen wende. An geistige Frührentner und im Laufrad glückliche Hamster. Auf Unverständnis gestoßen und konsterniert gewesen und gedacht, was ist mit mir los?

Ich weiß, dass Geld ein Faktor in Beziehungen ist. Dass man ihn zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen sollte. Und dass die meisten Menschen für Rat und Hilfe in dieser Frage dankbar sind, was nicht nur die "Neon"-Leser, sondern auch die Autoren und die Anzeigenkunden glücklich macht, ich weiß und ich verstehe das.

Aber trotzdem, was hat so ein Titel auf einem Magazin für junge Erwachsene zu suchen? Warum diese gedankenlose Affirmation, diese leidenschaftslose Asepsis, diese Selbstrelegation in die Trivialität? Ist das größte Problem der jungen deutschen Erwachsenen wirklich, ob Ole-Kevin das Spüli zahlt oder Lisa-Lisa? Bewegt unsere, meine Generation wirklich nichts mehr als das Klein-Klein in unseren privaten Lebensblasen, heute schillern sie blau und morgen grün, weil öko ist ja jetzt in? Und warum kaufen wir dann nicht gleich "Frau mit Herz" oder FHM, da lernen wir auch noch, wie wir uns in nur fünf Wochen durch Powersticken einen Waschbrettbauch zaubern?

Ist es zuviel verlangt, ist es so utopisch, andere Geschichten zu erwarten? Zum Beispiel, wie man in einer Dreierbeziehung das Geld aufteilt? Oder wie man ganz ohne Geld zusammenleben kann? Oder was wir tun müssten, um nicht unser ganzes Denken, unser ganzes Sein vom Kapitalismus durchseuchen zu lassen, so nützlich er ist? Oder wie wir für mehr Gerechtigkeit auf der Welt sorgen könnten, Gerechtigkeit und Freiheit und Wohlstand, damit auch Abubakar und Lin Lin bald keine größeren Sorgen mehr haben, als wer den von zuviel Spülen gesprungenen Teller ersetzen soll? Weil wir Menschen sind und auf der Welt, um anderen Menschen zu helfen und ansonsten, um das, was ist, zu hinterfragen, ob es nicht besser ginge, damit es uns besser ginge? Ist diese urtümliche Botschaft, dieses göttliche Gebot noch heute zu radikal, um gedruckt zu werden? Und wenn, wieso steht dann in jedem Haus ein Neues Testament, und unsere Helden sind Gandhi und Martin Luther King Jr.?

Ist es so seltsam, auf all das hinzuweisen? Bin ich so seltsam, lieber mit Brando und Vivien Leigh in einer winzigen Wohnung im unerträglich schwülen New Orleans Teller an die Wand und Radios aus dem Fenster werfen, als in Ole-Kevins großzügigem Loft eine Excel-Tabelle für Lisa-Lisas Ausgabenentwicklung der letzten 120 Tage erstellen zu wollen, weil ersteres trotz aller Wunden Leben ist, blutendes Leben, und zweiteres null Kelvin? Oder ritzen sich nach dieser Logik auch Emos, "um etwas zu spüren", und ich muss nur mal zu Dr. Lecter in die Praxis?

Und ist es nur eine Flucht vor meiner Ohnmacht, nur eine verbale Kompensation meiner Inertie, wohlfeil Revolution zu fordern, Revolution und Mitgefühl, wo doch das Volk mit dem Status Quo zufrieden scheint und "Neon" kauft? Gibt es kein Publikum für Aktivismus und Änderung außer im Amnesty-Anzeiger, und will ich nur nicht erkennen, dass der Horizont der meisten Menschen scheinbar am Rande ihrer Blase endet und sie damit nicht nur zufrieden sind, sondern sogar glücklich, und ich ihnen unzulässig reinredete, wenn ich sie zum Weitersehen zwingen wollte, wie ich auch kein Oktroi meiner Lebensgestaltung wünsche und es sogar bitter bekämpfe?

Und trotzdem, und trotzdem, und trotzdem.

Und trotzdem will ich wider den Stachel löcken.

Und trotzdem will ich nicht schweigen.

Und trotzdem will ich, zuerst, dagegen sein.

Denn das ist meine Sehnsucht.

13.08.2008

Nach der Saison, vor der Saison

Die hier zuletzt im März erwähnte Debattiersaison 2007/2008 ist mit der Deutschen Meisterschaft in Berlin Mitte Juni zu Ende gegangen, und meine Bilanz ist durchwachsen.

Zwar stand ich in Bremen und Heidelberg im Finale und habe auch in Halle und Göttingen die Vorrunden überstanden, aber letztere beide Male nur mit viel Ach und Krach, und in Berlin sind Freund M. und ich gar schmählich untergegangen, wo wir nach einem Jahr des Trainings doch hätten auftrumpfen können und müssen. Warum nicht?

Vereinzelt schlechte Tagesformen und sehr seltene ungelegene Themen beiseite, ist mein Selbstverständnis nach mittlerweile vier Jahren in diesem Zirkus so, dass es mit meinem Team immer bis in die K.O.-Runden reichen (danach ist man in Gottes Hand) und ich selbst unter den ersten zwanzig Rednern der Vorrunden landen sollte. Wenn nicht, sind also entweder meine Partner unfähig (nein), unsere Chemie stimmt nicht (auch nicht), ich schätze mich völlig falsch ein (schon wahrscheinlicher, aber ich arbeite fast kontinuierlich daran, das Dickicht meiner Gedanken für die Welt verständlicher zu machen, zum Beispiel in diesem Blog, und habe nach all der Zeit ein gutes Gespür für meine momentane Leistung entwickelt, also eher auch nicht), oder ich werde mangelhaft bewertet.

Und leider war das dieses Jahr in mindestens drei entscheidenden Debatten in drei verschiedenen Turnieren auf zum Teil schockierende Weise der Fall. Es ist einigermaßen frustrierend, bis in die Knochen hinein zu wissen, dass man auf jeden Fall nicht Letzter war, und dann in notwendiger Ermangelung objektiver Stoppuhren oder unfehlbarer Hochsprungstangen von Richtern abzuhängen, denen man aus diesem oder jenem Grunde nicht grün ist, die letzte Nacht nicht geschlafen haben oder in zumindest einem Fall auch schlicht inkompetent sind, und so doch Letzter zu werden.

Das soll nicht heißen, dass ich die Arbeit der meisten Juroren nicht schätze und ehre, ich bin mit vielen von ihnen befreundet, juriere manchmal selbst und weiß, wie schwer es ist, zum einen genug qualifizierte und motivierte Leute für sein Turnier zusammenzutrommeln und zum anderen, etwas so Subjektives wie eine Rede objektiv zu bewerten. Umso schlimmer, wenn schwarze Schafe Schande über die Zunft bringen.

Letztlich gilt aber auch hier wie überall, dass die Erkenntnis nur der erste Schritt zur Verbesserung ist, der zweite aber die Tat sein muss, und darum werden Freund M. und ich uns auf den langen Weg der Reform machen, wohin er uns auch führen mag. Auf eine neue, spannende Saison!