Ich habe es tatsächlich geschafft; zum ersten Mal in meinem Leben habe ich auf einer Website Hausverbot erhalten.
Anna Kühnes Blog kennen die Leser dieser Holzkiste hier vielleicht noch aus einer Empfehlung
im März letzten Jahres, obwohl ich mittlerweile gemerkt habe, dass jener schöne Artikel gar nicht von der Blogmistress selbst ist.
Was ich seither auch gemerkt habe, ist, dass Anna Kühne ein, zartfühlend formuliert, ambivalentes Verhältnis zur objektiven Realität hat. So glaubt sie zum Beispiel
an 9/11-Verschwörungstheorien.
Und boy, ist das Kryptonit für mich.
Boy.

Ich bin Atheist, aber wenn ich eine Religion habe, dann die Wissenschaft. Weil die Wissenschaft
das Leben besser macht. Weil Wissenschaft heißt, dass weniger Menschen in kalten Höhlen an unbehandelten Säbelzahntigerwunden sterben müssen, und mehr Menschen ihr erstes Lebensjahr überleben.
Wissenschaft ist angewandtes Mitgefühl.
Man muss das nicht aktiv honorieren, nicht selbst Wissenschaftler werden oder sowas, man kann auch ruhig die Gefahren der Wissenschaft beschwören, stimmt ja sogar manchmal, denn passive Nutzung der unglaublichen Früchte der wissenschaftlichen Methode scheint mir Ehrbezeugung genug, qui tacet consentire videtur, und wer unser modernes Utopia auf Erden ablehnt, kann ja immer noch zurück in die Höhle ziehen und mit 35 sterben.
Aber bei Gott, man kann nicht die
Prinzipien ablehnen, auf denen die Wissenschaft fußt, und das auch noch als Gipfel aller Gipfel der Heuchelei mit Mitteln, die nur existieren, weil es diese Prinzipien gibt, wie Videokameras und Computer. Ich möchte jeden mit voller Wucht ohrfeigen, der nur
lebt, weil es diese Prinzipien gibt, und nicht mal den gottverdammten grundlegenden Anstand hat, sie wenigstens f'ing zu kennen, sie, die ihm jeden Tag,
Sekunde für Sekunde reinsten weißen Zucker ins Rektum blasen. Ich möchte jeden mit härtesten Gammastrahlen beschießen, der glaubt, 250 Kilo schwer im Aragorn-Shirt in Mamas Keller sitzend, mit seinem Abschluß in Mythologie und englischer Literatur definitiv anhand körniger YouTube-Videos in 320x240 entscheiden zu können,
dass WTC 7 gesprengt wurde, weil es, arrgh, arrrrrrrrrrgh, bekanntlich keine einfachere Methode gibt, die zahllosen minutiösen Dokumente und Protokolle
der ultrageheimen jüdisch-freimaurerischen Terrorverschwörung verschwinden zu lassen, als das Gebäude, in dem sie gelagert wurden, am Nachmittag in die Luft zu jagen, Stunden, nachdem die beiden Türme nebenan eingestürzt sind, arrrgh. Das gibt noch nicht einmal
menschlich Sinn, geschweige denn nach den wissenschaftlichen Prinzipien der Objektivität und Logik.
Diese Prinzipen sagen nichts Anderes, als dass A gleich A ist oder 2 + 2 = 4, "1984" ist eins der besten Bücher, das es gibt, und Orwell ein Genie. Wenn man sich einig ist, dass A = A ist, wenn es also Vergleichbarkeit gibt und Überprüfbarkeit und ein gemeinsames Fundament, auch wenn es immer löchrig sein wird, danke Gödel, Du Arsch, Du Genie, dann entsteht Wissenschaft, dann entsteht
Freiheit.
Und umgekehrt heißt, sie abzulehnen, zu sagen, dass A gleich B ist oder gleich Zwetschgendatschi, Dank an meine Grundschulmathelehrerin für dieses Mem, oder dass 2 + 2 = 5 ist und Krieg Frieden, jede gemeinsame Grundlage aufzukündigen, jede Möglichkeit der Verständigung abzulehnen, also Aberglaube, Tyrannei, die Höhle. Wenn es keine objektive Realität gibt, auf die man sich einigen kann, Argumente also keine Macht haben, wer sagt, dass der große Skarabäus nicht die Sonnenkugel über den Himmel rollt, gibt es nichts mehr als das Recht des Stärkeren, nichts mehr als seinen Terror. Orwell war wirklich ein f'ing
Genie.
Allein aus ihrer Selbsterhaltung heraus sollte man also meinen, dass Anna Kühnes Aufforderung,
eine Gegenmeinung zur Darstellung des "Muslim-Marktes" über Samir Kuntar und seine Taten einzustellen (wir erinnern uns,
Samir Kuntar, der verurteilte Kindermörder), ernst gemeint und ihr Wissensdurst echt ist, zumal der "Muslim-Markt", erneut zartfühlend formuliert, keine sehr neutrale Quelle ist.
No dice. Dieser mein Kommentar wurde schnellstmöglich gelöscht und ich verbannt.

Ich akzeptiere die Idee des digitalen Hausrechts, auch wenn in meinem Internetheim von mir aus jeder so wüten darf, wie er will, unter anderem deshalb, weil ich in über zehn Jahren online noch keinen größeren Gorilla getroffen habe als mich und von den fast gleich starken Affen mit am meisten gelernt habe, doch falls ich wie in meinen ebenfalls gelöschten Kommentaren zu Anna Kühnes 9/11-Aberglauben zu schnippisch oder bösartig war, soll sie mich ruhig löschen und bannen, es tut mir
im Interesse größerer Überzeugungskraft manchmal auch ganz gut, die Gammastrahlenkanone gestopft zu kriegen.
Aber trotzdem ist Samir Kuntar ein verurteilter Mörder.
Hell, man sieht
im Yediot-Aharonot-Report ja buchstäblich noch die Gehirnmasse der kleinen Einat Haran am Gewehr kleben. Und gleich wer sie in welchem Ton vorträgt, diese Wahrheit bleibt eine
Wahrheit, und es ist wie schon bei den 9/11-Fantasien unglaubliches Kryptonit für mich, dass es Menschen gibt, denen diese Wahrheit nicht zugänglich zu sein scheint, die lieber an komplett gekaufte Richter und Pathologen, Hologrammflugzeuge und zur Aktenvernichtung gesprengte Hochhäuser glauben als daran, dass A = A ist.
Denn wenn das auch nur für eine spürbare Minderheit in diesen oder anderen Fällen der Fall ist, welche Hoffnung gibt es dann, sie jemals mit der Macht der Worte und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu überzeugen? Welchen demokratischen Instrumenten sind sie zugänglich? Welche andere Wahl gibt es dann, als sie mit dem Schwert zu zwingen? Wie soll man einem Geist, der sich nur dem Recht des Stärkeren beugt, anders begegnen als mit Gewalt? Muss man Krieg führen, um Frieden zu gewinnen?
Und sei es nur insoweit, einen kleinen Kommentar zu einem anklagenden Eintrag aufzublasen?
Vielleicht ist das das grundlegende Problem jeder Politik, jeder Gesellschaft. Und vielleicht muss die Antwort Ja lauten, mit Vorsicht und nie leicht, aber eindeutig
Ja.
Barack Obama:
I'm left then with Lincoln, who like no man before or since understood both the deliberative function of our democracy and the limits of such deliberation. We remember him for the firmness and depth of his convictions — his unyielding opposition to slavery and his determination that a house divided could not stand. But his presidency was guided by a practicality that would distress us today, a practicality that led him to test various bargains with the South in order to maintain the Union without war; to appoint and discard general after general, strategy after strategy, once war broke out; to stretch the Constitution to the breaking point in order to see the war through to a successful conclusion. I like to believe that for Lincoln, it was never a matter of abandoning conviction for the sake of expediency. Rather, it was a matter of maintaining within himself the balance between two contradictory ideas — that we must talk and reach for common understandings, precisely because all of us are imperfect and can never act with the certainty that God is on our side; and yet at times we must act nonetheless, as if we are certain, protected from error only by providence.
That self-awareness, that humility, led Lincoln to advance his principles through the framework of our democracy, through speeches and debate, through the reasoned arguments that might appeal to the better angels of our nature. It was this same humility that allowed him, once the conversation between North and South broke down and war became inevitable, to resist the temptation to demonize the fathers and sons who did battle on the other side, or to diminish the horror of war, no matter how just it might be. The blood of slaves reminds us that our pragmatism can sometimes be moral cowardice. Lincoln, and those buried at Gettysburg, remind us that we should pursue our own absolute truths only if we acknowledge that there may be a terrible price to pay.
Wohlan denn.