Tirade anlässlich einer deutschen Initiative von 2024, ein "Friedensbrot" zu backen, das dann in Landshut lebende Ukrainer:innen und Russ:innen gemeinsam verzehren sollten, "um ein Friedenszeichen zu setzen".
Deutschland hat nach 1945 "Nie wieder" absichtlich als "Nie wieder Krieg" statt richtiger als "Nie wieder Faschismus" missverstanden, um sich zum einen von seiner Schuld am Holocaust exkulpieren und zum anderen wieder der liebsten deutschen Tätigkeit frönen zu können, Moralisiererei. Dieses seit Bismarck ungebrochene "Am deutschen Wesen mag die Welt genesen" ist der geheime Hauptantrieb, manchmal in sinistrer, manchmal in weniger sinistrer Form, der deutschen Außenpolitik und des deutschen gesellschaftlichen außenpolitischen Denkens, besonders seit 1989.
"Wenn diese Ausländer doch nur sehen könnten, dass man einfach nur mehr miteinander reden, ganz fest an Frieden glauben und dafür klatschen muss, dann wird es bald Weltfrieden geben!"
Ich nenne das die deutsche Glöckchen-Theorie zum ewigen Frieden. Klatscht, dass Glöckchen lebe!
In einem Märchen mag dies ja noch ganz charmant sein, aber aus dem Kopf Millionen ansonsten nominell mündiger Erwachsener? Selbst die Lage unseres Landes an der Front des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1989 hat hier nicht zu einer nachhaltigen geistigen Reifung geführt, d.h. einer Anerkenntnis der Realitäten einer gefährlichen Welt mit diversen Akteuren, deren Interessen unseren teils diametral entgegenstehen, wogegen wir uns militärisch, diplomatisch, strategisch, politisch und mental rüsten müssen, denn si vis pacem, para bellum. Warum nicht?
Wahrscheinlich waren es der militärische und vor allem atomare Schutz durch die Amerikaner:innen und das (immerhin manchmal kompetente) Regeln der Ost-West-Beziehungen durch unsere Eliten, die diese geistigen Muskeln in der deutschen Bevölkerung haben verkümmern lassen. Dazu kam die fiese deutsche Bräsig- und Biederkeit, es sich im Bewusstsein seiner moralischen Überlegenheit (siehe oben) in seinem Wohlstand gemütlich machen zu wollen und dabei auch nicht zu hinterfragen, wie dieser Wohlstand erkauft wird. Mit dem Fall der Mauer fiel dann auch der letzte große äußere Anreiz, sich ernsthaft mit außenpolitischen Fragen zu beschäftigen, und diese korrosive Haltung fand zur Apotheose unter Angela Merkel, die sich "um alles kümmerte", indem sie schmutzige Wirtschaftsdeals mit brutalen Diktaturen schloss bzw. vertiefte.
Solange billiges Gas aus Russland kam, billiges Zeug aus China und billige Sicherheit aus Amerika, war der Deutsche in seiner Ignoranz zufrieden und konnte auf diese drei Länder und 191 weitere hinabschauen.
Allein, die Geschichte endet nie, und mit am wenigsten für Deutschland. Spätestens am 24. Februar 2022 brach Russland nicht nur in die Ukraine ein, sondern auch in die konstitutiven Lebenslügen ganzer Generationen von Deutschen. Da wagten es diese Osteuropäer:innen doch glatt, nicht der so vernünftigen deutschen Ansicht zu folgen, dass Frieden am Besten durch Ostermärsche und gemeinsames Brotbacken erreicht wird, sondern wollten ihr Territorium mit Waffengewalt verteidigen, ganz so, als gäbe es etwas, für das es sich zu leben lohne jenseits des Eigenheims, des Mercedes, Mallorcas und eines steigenden BIPs.
So wie es heißt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, so werden auch viele Deutsche den Ukrainer:innen diesen Krieg nie verzeihen, der sie, die Deutschen, zu Versehrten ihrer Heuchelei, politischen Infantilität, Feigheit, Gier und Bräsigkeit gemacht hat. Dieser psychologische Groll mag auch jenseits der typisch deutschen katastrophisierenden Ängste über russische nukleare Eskalation (die man leicht entkräften könnte, wenn man sich in den letzten Jahrzehnten eben mal ein wenig mit Außenpolitik befasst hätte) für unser hamletsches Zögern bei Waffenlieferungen verantwortlich sein. Wenn das Haus des Nachbarn brennt, das Feuer auf unseres überzuspringen droht und wir viele Feuerlöscher haben, so werden wir ihm doch nur widerwillig einen aushändigen, wenn er uns einmal bloßgestellt hat.
Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz all dieser geistigen Verheerungen die außenpolitische Betreuung Deutschlands durch die Westalliierten das beste war, was unserem kindischen Land passieren konnte. Wir sind nicht reif für die reale Welt. We can't handle the truth!
15.12.2025
09.12.2025
Wie Russland Rekruten für die Ukraine gewinnt
Gut erklärt hier.
Deutsche Russlandversteher:innen verstehen das nicht, weil für sie die durchschnittliche russische Frau Anna Karenina ist und der durchschnittliche Mann Michail Gorbatschow, aber:
Deutsche Russlandversteher:innen verstehen das nicht, weil für sie die durchschnittliche russische Frau Anna Karenina ist und der durchschnittliche Mann Michail Gorbatschow, aber:
- Das russische Leben selbst in den Metropolen Moskau und St. Petersburg ist relativ hart, arm und brutal; für die Peripherie gilt das vielfach stärker. Z.B. in der Oblast Omsk ist das BIP pro Kopf halb so hoch wie in ganz Russland und nur ein Viertel des Moskauers. Die für die Rekrutierung in die Armee gebotenen Summen sind also absolut transformativ und verlockend gerade für Ärmere.
- Die Wahrheit über die Bedingungen an der Front und die sehr kurze Lebenserwartung neuer Soldaten wird von den russischen Medien natürlich verschwiegen, aber die meisten Russ:innen sind auch willens, für die imperiale Ausdehnung ihres Landes zu kämpfen und zu leiden, siehe entsprechende Umfragen.
- Unter der Regierung zu leiden, keine Rechtsstaatlichkeit zu haben, gar gnadenlos vom Kreml verheizt zu werden sind historische Konstanten in Russland, mit denen sich die Bevölkerung über die Jahrhunderte psychologisch gut arrangiert hat und die sie lange durchhalten kann! Motto: "Ja der Zar knechtet uns, Что поделать? Aber wir sind groß und stark und man fürchtet uns. Und mit diesem einen Trick werde ich reich und kann dann selber knechten!"
- Auf politisch-ökonomische Ebene gehoben bedeutet das, dass die Armee ihre Rekrutierungsziele vorwiegend mit älteren, ärmeren, oft geringqualifizierten Männern aus den Provinzen erfüllen kann, die schon zuvor öffentlich marginalisiert waren (also nicht laut protestieren werden), während eventuell entstehender Arbeitskräftemangel durch Ausländer wie z.B. Inder gedeckt wird, was Putin eben erst mit Premierminister Modi arrangiert hat. Ewig kann das natürlich nicht so weitergehen, weil es irgendwann selbst von diesen Leuten nicht mehr genug gibt, aber es könnte leider lange genug weitergehen, bis der Ukraine und dem Westen die Puste ausgehen und ehe die russische Wirtschaft einknickt.
05.12.2025
So ist die Ukraine-Lage
Tja.
Die Ukraine-Lage ist folgende:
Nein.
Man hat wissen können.
Man hat wissen müssen.
Man hat tun müssen!
Die Ukraine-Lage ist folgende:
- Trump sind die Ukraine und Europa ganz egal, er will nur Profit daraus ziehen oder zumindest einen Friedenspreis erhalten;
- Verschiedene Gruppen in der US-Regierung führen Kämpfe um die Gunst des dementen Königs, um ihre Sicht der Dinge durchzusetzen;
- Das Putinregime sieht keinen Grund, von seinen maximalistischen, ideologisch-imperial begründeten Zielen der Zerstörung der Ukraine und mittelbar der Idee des ganzen Westens abzuweichen, solange es sich militärisch erfolgreich glaubt und außenpolitisch kaum Opposition begegnet;
- Die EU wird so lange am Spielfeldrand stehen, solange sie nicht einig aufrüstet, russische Assets beschlagnahmt, das Unterlaufen der Sanktionen u.a. durch die Schattenflotte beendet, hybriden Angriffen besser begegnet und generell mal realisiert, dass die Lage sehr ernst ist;
- Die Ukraine ermüdet militärisch zunehmend angesichts der menschenverachtend verlustreichen, aber dadurch letztlich effektiven russischen Kriegführung, und schlingert politisch aufgrund diverser hausgemachter und internationaler Probleme.
Nein.
Man hat wissen können.
Man hat wissen müssen.
Man hat tun müssen!
24.11.2025
Russophrenie?
In diesem Post des Analysten Marc Saxer ist einiges leider richtig, aber die Grundannahme einer irrationalen westlichen "Russophrenie" ist falsch, weswegen die gesamte Analyse zumindest bedenklich wackelt. Es ist kein Fehlschluss, sich vor einem Angriff Russlands auf Polen oder das Baltikum in ein paar Jahren zu fürchten, auch wenn es in der Ukraine nur sehr schwer vorangekommen ist. Denn die Grundmotivationen des Putinregimes, seine vermeintliche osteuropäische Einflusssphäre zu attackieren, würden auch nach einem Waffenstillstand in der Ukraine bestehen bleiben und sich noch erheblich verstärken, weil ja die "militärische Spezialoperation" letztlich belohnt worden wäre:
Außerdem 6.: die russischen Institutionen lügen diktaturlogisch notorisch über ihre eigene Stärke und die Schwäche ihrer Gegner.
Zusammengenommen würde ein unfairer Siegfrieden in der Ukraine bedeuten, dass die Gefahr eines weiteren Krieges mit Russland im Baltikum oder in Polen wohl noch in diesem Jahrzehnt stark steigen würde. Darum darf es niemals zu einem solchen kommen.
- demokratische Modelle in der Nachbarschaft, an denen sich die russische Bevölkerung ein Beispiel nehmen könnte, zu korrodieren,
- gesellschaftlich sehr breit unterstützten mythoimperial-ideologischen großrussischen Träumen nachzujagen
- den Westen an sich als schwach und dekadent zu entlarven und so das eigene Modell besser dastehen zu lassen und
- den Oligarchen neue Jagdgründe zu bieten, nachdem die russischen nach 25 Jahren Putin mehr als erschöpft sind.
Außerdem 6.: die russischen Institutionen lügen diktaturlogisch notorisch über ihre eigene Stärke und die Schwäche ihrer Gegner.
Zusammengenommen würde ein unfairer Siegfrieden in der Ukraine bedeuten, dass die Gefahr eines weiteren Krieges mit Russland im Baltikum oder in Polen wohl noch in diesem Jahrzehnt stark steigen würde. Darum darf es niemals zu einem solchen kommen.
05.08.2025
Andis Kritiken #40: Irréversible (2002)
Kann Rache je die Vernichtung einer Person umkehren? Ja überhaupt ihr Ziel erreichen? Oder ist Glück ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr möglich? Diese elementaren Fragen und andere beantwortet "Irréversible" triumphal. Sowohl die umgekehrt chronologische Struktur des Films als auch sein unerbittliches Hinschauen und die großartige Leistung Monica Belluccis, die von Vincent Cassel und Albert Dupontel realistisch und nuanciert sekundiert wird, wirken zusammen, diese im Grunde einfache Geschichte unauslöschlich erinnerungswürdig zu gestalten. Umso erstaunlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Großteil des Filmes improvisiert ist und dass die schlingernde Kamera und die stroboskopischen Effekte auch sehr albern wirken könnten. Doch so - Le temps détruit tout.




von 5 Sternen
31.07.2025
Andis Kritiken #39: The Hunt for Red October (1990)
Auf Weisen war der Kalte Krieg beruhigender als die heutige Welt. Der Fall klarer, das Universum geordneter, selbst der Kapitalismus menschlicher, um den sowjetischen Vorwürfen gegen ihn weniger Nahrung zu geben. Ja die ständige Gefahr nuklearer Vernichtung, aber zum einen wäre es dann in einem Augenblick vorbei gewesen, statt z.B. fünfundzwanzig Jahre in der Agonie des "Krieges gegen den Terror" zu leben, und zum anderen konnte man, doch, auf die Verantwortung beider Seiten vertrauen. Welcher Kontrast zu Terrorismus, Genozid, Autokratie, Ferntötungen und Gesellschaftsauflösung heute, dem Treiben auf einer unruhigen, nebligen See.
Wie meinen? Das ist eine verzerrte, verkürzte, propagandistische Sicht, die die Realität des Kalten Krieges verkennt? Seinen Wahn, seine Stellvertreterkriege, die Hochrüstung, die Momente, in denen es fast losgegangen wäre?
Das kann nicht sein, denn mein größter Lehrmeister - das Kino - sagt, dass es nicht so war. Hier haben wir patriotische, ehrenhafte, vom großen Sean Connery magnetisch charismatisch geführte Russen auf einer gefährlichen Reise, die ihnen ihr ganzes Können, all ihren Mut und Listenreichtum abverlangt, und auf der anderen Seite beherzte und clevere Amerikaner unter Beratung eines tollen jungen Alec Baldwins, der Draufgängertum und Bluffen gekonnt-verzweifelt kombiniert. Gemeinsam versuchen sie das U-Boot Roter Oktober und die russischen Überläufer vor den Falken auf beiden Seiten zu schützen. Mit wunderbar kernigen praktischen Effekten, sehr gut in Szene gesetzt, auch in den Nebenrollen super gespielt und besonders unter Wasser hochspannend. Trotz eines teils nur gemächlichen Tempos schlicht ein Klassiker der U-Boot- und Politthrillergenres, mit klasse Zitaten, und klassisch auch in seiner Sicht einer einfacheren, beruhigenderen Welt vor dem Ende der Geschichte und dem Anfang unserer heutigen Probleme.



von 5 Sternen
Wie meinen? Das ist eine verzerrte, verkürzte, propagandistische Sicht, die die Realität des Kalten Krieges verkennt? Seinen Wahn, seine Stellvertreterkriege, die Hochrüstung, die Momente, in denen es fast losgegangen wäre?
Das kann nicht sein, denn mein größter Lehrmeister - das Kino - sagt, dass es nicht so war. Hier haben wir patriotische, ehrenhafte, vom großen Sean Connery magnetisch charismatisch geführte Russen auf einer gefährlichen Reise, die ihnen ihr ganzes Können, all ihren Mut und Listenreichtum abverlangt, und auf der anderen Seite beherzte und clevere Amerikaner unter Beratung eines tollen jungen Alec Baldwins, der Draufgängertum und Bluffen gekonnt-verzweifelt kombiniert. Gemeinsam versuchen sie das U-Boot Roter Oktober und die russischen Überläufer vor den Falken auf beiden Seiten zu schützen. Mit wunderbar kernigen praktischen Effekten, sehr gut in Szene gesetzt, auch in den Nebenrollen super gespielt und besonders unter Wasser hochspannend. Trotz eines teils nur gemächlichen Tempos schlicht ein Klassiker der U-Boot- und Politthrillergenres, mit klasse Zitaten, und klassisch auch in seiner Sicht einer einfacheren, beruhigenderen Welt vor dem Ende der Geschichte und dem Anfang unserer heutigen Probleme.
29.07.2025
Andis Kritiken #38: Ghost in the Shell (2017)
Mein Problem hier ist nicht das angebliche Whitewashing, sondern alles andere.
Major Motoko Kusanagi ist ein kybernetischer Organismus, der schon im Ursprungsmanga ethnisch uneindeutig aussieht und in den Schmelztiegeln zukünftiger fernöstlicher Großstädte unauffällig operieren können muss, daher ist es wenig bemerkenswert, dass sie auch wie eine weiße Amerikanerin aussehen könnte. Eher fallen hier ihre schreckliche Perücke auf und dass die Hälfte der anderen Charaktere sie mit "Major" als Rang ansprechen (Takeshi Kitano sogar auf japanisch als 少佐), die andere Hälfte aber mit "Major" als Namen! Das ist die größte Merkwürdigkeit in dem Drehbuch, das ansonsten zwar Action kinetisch und durchaus spannend zeigt, doch im Gegensatz zum Quellenmaterial keine Denkanstöße gibt oder tiefere Fragen über Sein und Identität stellt.
Scarlett Johansson, Pilou Asbæk und mein leider auf Sets zu undisziplinierter Liebling Michael Pitt sowie die Kulissen- und Effektdesigner:innen machen einen guten Job, Musik und Kamera meist aber nur einen durchschnittlichen. So ist dieser Film für ein echtes "Ghost in the Shell" zu platt und verwendet quasi nur zufällig dessen visuelle Versatzstücke, als generischer Sci-Fi-Actionstreifen ist er aber für die gebotene Geschichte zu aufwendig und deutet auf eine Welt hin, die dann doch nicht da ist. Eine leere Hülle.


von 5 Sternen
Major Motoko Kusanagi ist ein kybernetischer Organismus, der schon im Ursprungsmanga ethnisch uneindeutig aussieht und in den Schmelztiegeln zukünftiger fernöstlicher Großstädte unauffällig operieren können muss, daher ist es wenig bemerkenswert, dass sie auch wie eine weiße Amerikanerin aussehen könnte. Eher fallen hier ihre schreckliche Perücke auf und dass die Hälfte der anderen Charaktere sie mit "Major" als Rang ansprechen (Takeshi Kitano sogar auf japanisch als 少佐), die andere Hälfte aber mit "Major" als Namen! Das ist die größte Merkwürdigkeit in dem Drehbuch, das ansonsten zwar Action kinetisch und durchaus spannend zeigt, doch im Gegensatz zum Quellenmaterial keine Denkanstöße gibt oder tiefere Fragen über Sein und Identität stellt.
Scarlett Johansson, Pilou Asbæk und mein leider auf Sets zu undisziplinierter Liebling Michael Pitt sowie die Kulissen- und Effektdesigner:innen machen einen guten Job, Musik und Kamera meist aber nur einen durchschnittlichen. So ist dieser Film für ein echtes "Ghost in the Shell" zu platt und verwendet quasi nur zufällig dessen visuelle Versatzstücke, als generischer Sci-Fi-Actionstreifen ist er aber für die gebotene Geschichte zu aufwendig und deutet auf eine Welt hin, die dann doch nicht da ist. Eine leere Hülle.
24.07.2025
Andis Kritiken #37: Irish Wish (2024)
Die Streamer haben ein neues Mikrogenre entwickelt, das sich an gerne reisende Frauen der höheren Mittelschicht wendet: romantische Fantasien mit kernigen Männern in wildem Zauberland, aber das wilde Land ist der britische Archipel. So gibt es hier alles, was man in einer solchen Geschichte erwartet: Magie (Feen), exotische und ursprüngliche Bräuche (Darts im Pub), naturverbunden-muskulöse einheimische Kerle mit Traumjobs (d.h. nur im Traum profitabel, wie Hochzeitsfotograf und Autor), und Zungenküsse. Lindsay Lohan in einem weiteren ihrer Comebackschritte und ihre Costars Ed Speelers und Alexander Vlahos verankern das Ganze passabel realistisch und charmant, wenngleich bei Lohan manchmal das Bildnis von Dorian Gray durchzukommen scheint und ihr Gesicht generell steif wirkt. Schade bei dieser charismatischen Schauspielerin, die mal für ihre witzige Emotionalität und Expressivität bekannt war! Auch die Ausleuchtung und das Blocking lassen den Film eher wie eine Telenovela als wie eine Kinoromanze wirken, und dieser Effekt scheint beabsichtigt - warum? Insgesamt ein vergessbares Werk ohne Tiefgang, das tatsächlich dafür gemacht scheint, es beim Bügeln, oder schlimmer noch beim Scrollen, als Hintergrundberieselung laufen zu lassen. Dafür würden auch die ständigen verbalen Wiederholungen wichtiger Plotpunkte sprechen. Nervig.

von 5 Sternen
Andis Kritiken #36: Gravity (2013)
Auf dem Papier sollte ich diesen Film lieben. Er ist technisch brillant, enthält eine schöne Geburts-/Evolutionsmetapher, ist relativ spannend und so sehr für IMAX gemacht wie kaum ein anderer Film. Aber ist hier überhaupt eine Story? "Astronautin kämpft gegen gefährliche Situation", und weiter? Der sonst so gute Alfonso Cuarón scheint vor lauter Begeisterung darüber, den Weltraum realistisch zeigen zu können, vergessen zu haben, warum er ihn zeigen wollte. Und weit ist es mit dem Realismus doch nicht her. Trotz des cringen Zwischentitels, der Physikanalphabet:innen daran erinnert, dass dich im Weltall niemand schreien hört, wird der realistische Anspruch alsbald zugunsten bombiger Actionfilmphysik aufgegeben. Das ist natürlich in Ordnung, aber dann nicht so wissenschaftlich tun!


von 5 Sternen
27.06.2025
Andis Kritiken #35: Speak No Evil (2024)
In den ersten zwei Dritteln denkt man, dass es sich hier um eine hervorragende, spitz satirische Studie über Gaslighting, Passivität und übertriebene Höflichkeit handelt und ist gespannt auf das dunkle Geheimnis hinter allem. Dann lüftet es sich, seine Auflösung erweist sich als allzu klischeehaft, und man ist verwirrt, wozu es den langen Vorlauf gab. Dann findet man heraus, dass dieser Film ein Remake eines dänischen Films ist, dessen stringentes Ende durch ein hollywoodkompatibleres ersetzt wurde. Und das ist dann schade, weil die gute Atmosphäre und die verstörend charismatische Leistung James McAvoys etwas Besseres und Konsistenteres verdient hätten.



von 5 Sternen
26.06.2025
Andis Kritiken #34: Akira (1988)
Die Cyberpunk-Vision eines unruhigen Neo-Tokyos mit gewalttätigen Protesten, kriminellen Jugendbanden, glitzernden Wolkenkratzern und mysteriösen Espern wird in "Akira" mit so viel Sicherheit und Selbstbewusstsein verwirklicht, dass dieses Meisterwerk Katsuhiro Otomos zurecht bis heute sehr stilprägend ist. Und auch unter der dystopischen Action-Schale mit toller Musik findet man eine berührende Geschichte über den Wunsch nach Anerkennung und dass, was zählt, letztlich Freundschaft und Mitgefühl sind. Schließlich ist "Akira" wohl eine der eindrücklichsten künstlerischen Verarbeitungen des kollektiven Traumas der auf Japan abgeworfenen Atombomben als ein durch Menschenverachtung hervorgerufenes Inferno, das durch Menschenliebe geheilt werden muss. Eine bleibende Botschaft.




von 5 Sternen
Andis Kritiken #33: Paprika (2006)
Sind Träume nur ein Nebenprodukt geistiger Aufräumarbeiten im Schlaf? Schlüssel zu unseren innersten Wünschen, Hoffnungen und Traumata? Gar ein Kern unserer Menschlichkeit, der von der technischen Welt unberührt bleiben soll? Diese Fragen stellt der leider viel zu früh verstorbene Satoshi Kon in "Paprika" auf spannend actionreiche, farbenfroh kreative und nicht nur für Christopher Nolan in "Inception" inspirierende Weise so gut, dass man danach mit wacheren Augen auf seine eigenen Träume blicken will.



von 5 Sternen
24.06.2025
Andis Kritiken #32: Valerian and the City of a Thousand Planets (2017)
Luc Besson ist bei Science Fiction ein französischer George Lucas, d.h. mit einer großartigen, wenngleich etwas leichtgewichtigeren Imagination gesegnet, unfähig, Schauspieler:innen gut zu führen und ebenso, nicht völlig leblose und hölzerne Dialoge zu schreiben. Z.B. in "The Fifth Element" wurden diese schlechten Eigenschaften noch durch charismatische Akteure und eine klassisch gute Story herausgerissen, aber z.B. in "Lucy" verwandelt sich Scarlett Johansson am Ende in einen bedeutungsschwangeren USB-Stick (sic), und hier ist der Film in der Mitte gut eine Stunde zu lang inklusive einer unerklärlich langen Burlesque-Szene mit Rihanna und wird durch Dane DeHaan, einen auf Temu bestellten James McAvoy, und Cara Delevingne, eine Nepo-Baby-Kopie eines Supermodels, mehr schlecht als recht, nämlich ohne Chemie oder glaubwürdiges Ausfüllen ihrer Rollen zusammengehalten, wobei sie noch einige der plumpsten Expositionsdialoge der Filmgeschichte aufsagen müssen, während sich Clive Owen einfach nur seinen Scheck abholt. Das ist insgesamt schade, weil hier im Kern eine gute Geschichte drinsteckt und die audiovisuellen Produktionswerte absolut überragend kreativ und wunderschön sind, so dass sie auch ohne Dialoge verstanden und genossen werden können. Das sind die besseren Momente von "Valerian".


von 5 Sternen
22.06.2025
Andis Kritiken #31: Deep Impact (1998)
"Deep Impact" interessiert sich eigentlich gar nicht so sehr für den Kometen, der die Erde zu zerstören droht, jedenfalls bedeutend weniger als der im gleichen Jahr herausgekommene, sattsam bekannte Actionfilm "Armageddon". Zuerst geht es um Téa Leonis Karriere bei einem jungen Fernsehsender, wie sie beharrlich einer großen Geschichte nachgeht, und um die schwierige Beziehung zu ihrem Vater Maximilian Schell. Dann kommt Morgan Freeman als US-Präsident herein und stiehlt den Fokus mit einer nach Art von "The West Wing" unrealistisch optimistischen, kompetenten und humanistischen Darstellung der Reaktion der Regierung auf den auslöschenden Himmelskörper. Danach geht es um Robert Duvall als Altastronauten und wie er sich nach und nach den Respekt seiner jungen Besatzung auf dem Weg zur Zerstörung des Kometen erwirbt. Und nachdem diese scheitert, geht es noch ein Weilchen um die junge Romanze zwischen Elijah Wood und Leelee Sobieski in sehr turbulenten Zeiten, bevor wir etwas Meteoritenaction sehen.
Und vielleicht ist das der Punkt - sehr menschliche Geschichten im Angesicht unfassbarer Vernichtung, um zu vergegenwärtigen, was wir verlieren würden, wenn es soweit käme. Diese verbundenen Geschichten sind vom tollen Ensemble meist gut gespielt und inszeniert, wenngleich teils langatmig und narrativ lückenhaft, und ich bin nicht ganz sicher, ob meine wohlwollende Bewertung nicht nur ein Artefakt des Kontrastes zu den gesunkenen Standards jüngerer Filme ist - "Alles ist ausgeleuchtet, ich höre die SchauspielerInnen, sie verhalten sich wie Menschen, und nicht alles ist CGI: fünf Sterne!" Dennoch ist "Deep Impact" letztlich eine sehenswerte, kontemplative Geschichte darüber, was unsere Spezies in unseren besten Momenten ausmacht, zu dessen Präsentation der tödliche Komet nur das wie zufällig gewählte Mittel ist. Das mag einen befriedigt zurücklassen oder nicht.



von 5 Sternen
Und vielleicht ist das der Punkt - sehr menschliche Geschichten im Angesicht unfassbarer Vernichtung, um zu vergegenwärtigen, was wir verlieren würden, wenn es soweit käme. Diese verbundenen Geschichten sind vom tollen Ensemble meist gut gespielt und inszeniert, wenngleich teils langatmig und narrativ lückenhaft, und ich bin nicht ganz sicher, ob meine wohlwollende Bewertung nicht nur ein Artefakt des Kontrastes zu den gesunkenen Standards jüngerer Filme ist - "Alles ist ausgeleuchtet, ich höre die SchauspielerInnen, sie verhalten sich wie Menschen, und nicht alles ist CGI: fünf Sterne!" Dennoch ist "Deep Impact" letztlich eine sehenswerte, kontemplative Geschichte darüber, was unsere Spezies in unseren besten Momenten ausmacht, zu dessen Präsentation der tödliche Komet nur das wie zufällig gewählte Mittel ist. Das mag einen befriedigt zurücklassen oder nicht.
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