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10.04.2026

Andis Kritiken #61: Lázár (2025)

Lázár
(Ursprünglich am 10. September 2025 in der Hitze erster Eindrücke u.a. auf Goodreads veröffentlicht und am 10. Oktober leicht ergänzt, beide Male jedoch verabsäumt, diese Rezension korrekt in die Reihe meiner Kritiken einzufügen, daher muss das jetzt nachträglich geschehen.)

Dieses Buch, "Lázár" von Nelio Biedermann, wurde mir von nicht weniger als drei Personen unabhängig voneinander ohne Arg und zum Amüsement empfohlen. Dafür bin ich ihnen dankbar, denn sie konnten angesichts der Vorschusslorbeeren von einigen der renommiertesten Stimmen der deutschsprachigen Literatur und des Erscheinens "in mehr als zwanzig Ländern" nicht wissen, dass es sich um einen grausigen Riemen handelt, eine Klamotte, eine Parodie eines Gesellschaftsromans wie von einem, der der Generation Z Übelstes will, nur offenbar im Ernst von einem Zoomer geschrieben. Ich lese es zwar noch bzw. schleppe mich durch, aber sofern in der zweiten Hälfte nicht noch eine dramatische, mir persönlich in keinem anderen Werk erinnerliche totale Wende in Charakterisierung, Handlungsinszenierung, Verortung und Detaillierung, Beobachtung und Beschreibung von Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten und höchst peinlicher, ich will sie Downton-Abbeyisierung und Juli-Zehisierung nennen, eintritt, sind hier schon einmal einige meiner Eindrücke.

***[UPDATE 10.10.: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Siehe unten.]***

I. Downton-Abbeyisierung


Was ist Downton-Abbeyisierung? Das Einschreiben höchst postmoderner (nach 1968) Verhaltensweisen und Sensibilitäten der oberen Mittelschicht in dezidiert moderne (bis 1945) oder gar vormoderne (bis 1914) Charaktere, die oft der Oberschicht angehören, die ja noch länger als andere Schichten an älteren Verhaltenskodizes festhält. In der TV-Serie "Downton Abbey" äußerte sich das u.a. in Charakteren, die ohne ersichtlichen Grund viel weniger hierarchisch, religiös, pflichtbewusst, rassistisch und sexistisch waren als typisch für englische Adlige des frühen 20. Jahrhunderts, weit herzlicher und selbst gegenüber männlicher Homosexualität bedeutend aufgeschlossener als noch heute (!) substanzielle Minderheiten selbst im globalen Westen. Der Zweck war, diese Charaktere für zeitgenössische Zuschauer:innen sympathischer erscheinen zu lassen und sie nicht mit einer Transferleistung von altmodischen Werten zu heutigen anzustrengen, und außerdem, den Adel als doch grundsätzlich nobel und gut und sich zurecht auf seiner Position befindlich darzustellen statt z.B. als unrechtmäßige Parasiten eines Landes.

All das geschieht auch in "Lázár", nur hier ohne letzteren Zweck, mutmaßlich weil Position, Selbstverständnis und Historiographie des Adels den Autor kaum mehr als als Staffage interessieren bzw. weil er zu faul war, richtig zu recherchieren (dazu später mehr). So sind Charaktere hier angesichts des Ersten Weltkrieges Pazifisten und leben unbehelligt in Berlin (!), ritzen sich wie 90er-Teenagerinnen die Unterarme auf, während Tic Tac Toe auf den Walkman-Kopfhörern läuft, und vögeln, pimpern, schnackseln und schütteln sich vor allem einen von der Palme wie Sozialwissenschaftsstudenten der Humboldt-Uni, die nicht mehr zu den Vorlesungen gehen und ihre Tage und Nächte nun mal mit irgendwas füllen müssen. Da hat der Knecht spontan Sex mit der Herrin. Da lässt die Herrin einen fremden Diener hinein, damit er es mit ihrer Dienerin treiben kann. Da hört das die pubertierende Tochter und macht es sich mit einer langen Kerze selbst. Völlig fehlende Sexualerziehung? Religiöse Schambesetzung jeglicher sexueller Betätigung außerhalb heterosexueller Ehen? Die oft buchstäblich tödliche Gefahr von Schwangerschaften und Geburten bei gleichzeitig fast ganz fehlenden Verhütungsmitteln? Und nicht zuletzt die ernsthaft existenzgefährdende soziale Schmach und Verachtung, falls dieser fröhliche Ringelpiez mit Anfassen auffliegen sollte? Alles Fehlanzeige, denn ungarische Landadlige im Jahr 1912 denken und handeln doch genauso wie Jung-Nelio in der vorlesungsfreien Zeit des Sommersemesters 2023, oder nicht?

II. Zeit- und Ortsvergessenheit


Diese Zeit- und Ortsvergessenheit setzt sich auch fort, wenn die Charaktere mal Kleidung anhaben, die oft an der Grenze zum Anachronismus entlangschrammt (z.B. für den Vorabend des Ersten Weltkrieges zu verbreitete Krawatten modernen Stils). Wer sich z.B. an "Krieg und Frieden" oder an "Buddenbrooks" erinnert, erinnert sich an die detaillierten Beschreibungen von Schlachtordnungen und -örtlichkeiten, die zu kurze, leicht behaarte Oberlippe der "kleinen Fürstin" Lise Bolkonskaja, die nuancierten Erläuterungen diverser Stile von Vatermördern und Backenbärten, die plastischen Schilderungen der gesellschaftlich und persönlich erwarteten hanseatischen Reserviertheit usw. usf., kurz an hervorragenden, oft sehr lyrischen Text, der die Geschichten klar im Russland der napoleonischen Kriege bzw. in Lübeck zwischen Vormärz und Reichsgründung verortet und seine Charaktere deutlichst vor dem inneren Auge entstehen lässt. Selbstredend ziehen sich in diesen Klassikern nicht nur Charaktere und Orte, sondern auch Themen und Symbole durch, und Begebenheiten bauen sich erst auf, bevor sie geschehen und ihre Folgen entfalten, wie man es eben von einem Roman erwartet statt von einer Kurzgeschichtensammlung, einer Collage oder einem Kollektivwerk der Vorschulgruppe "Bunte Waschbären" der Kita Hanflandweg Bempflingen.

Hier jedoch schlürfen die Charaktere pflichtbewusst Gulaschsuppe, um zu signalisieren, dass die Geschichte in Ungarn spielt, sie erwähnen die Titanic und ab und zu die österreichisch-ungarische Monarchie, und damit hat es dann sein Bewenden an Verortung und -zeitung. Was haben sie an? Was essen sie noch? Wie sieht ihr Alltag aus? Was denken sie an sich und über große Weltereignisse und warum? Ja, wie sehen sie überhaupt aus jenseits spartanischster Beschreibungen, die so wie vieles in diesem Buch (Charaktere, Stimmungen, Sehnsüchte usw.) noch nicht einmal durchgehalten werden bzw. ohne Konsequenzen bleiben bzw. ebenso plötzlich wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht sind? Das gilt selbst für die im Marketing groß beworbene quasi durchsichtige Haut des Charakters Lajos! Dabei sollte man doch meinen, dass eine solch unübersehbare Eigenschaft in noch weit religiöseren und abergläubischeren Zeiten als den unsrigen einen erheblichen Einfluss auf das Lebensschicksal haben müsste. Stattdessen schweben die hier porträtierten Personen gleichsam schwerelos und ungebunden durch die Geschichte und ihre Geschichten, die abgesehen von den genannten Krümeln der Lokalisierung so auch in Cornwall oder Niederbayern hätte stattfinden können. Warum dann aber der Hype um eine "Geschichte ungarischer Adeliger"? Ja, wo??

III. Juli-Zehisierung


Ein Hauptschuldiger an dieser Misere ist etwas, was ich eine Bauhausisierung oder vielleicht, nach einer ihrer mutmaßlichen Verursacherinnen, Juli-Zehisierung der deutschsprachigen Literatur nennen will. Das heißt, eine Minimalisierung der Beschreibungen von Orten, Dingen, Personen und Handlungen bis fast auf ein Subjekt-Objekt-Verb-Schema für Erstleser:innen hinunter ("Marie brät Zwiebeln im Wok. Es brutzelt.") bei gleichzeitiger fast vollständiger Tell-Don't-Show-Explizierung und Veroberflächlichung der Handlungspunkte, deren Essenz plump und direkt genannt wird. Hier kann man lange nach perfekten Adjektivpaarungen wie "was außerhalb der Tore seiner giebeligen Vaterstadt lag" oder "Außerdem bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall." suchen, und von exquisit feinsinnigen und ironischen Charakterisierungen von Personen fast nur durch ihre Dialoge, Bemerkungen und Taten kann man gar nur träumen. Wann hat man auch zuletzt in einem zeitgenössischen deutschsprachigen Roman überhaupt Landschaftsbeschreibungen gelesen oder längere Metaphern, geschweige denn gute?

Diese fast entleibte, entemotionalisierte Sprache ist eine rätselhafte Mode, die weder Geschichten eingehender macht noch eigentlich überhaupt etwas erklärt. So steht man vor kunstlosen Sätzen wie "Der Alkohol half gegen das Gefühl, trotz des Baronats und des Reichtums, trotz der langjährigen strikten Routine, trotz der Anzüge aus Merinowolle und der Seidenkrawatten dem Leben nicht gewachsen zu sein." und kann nur "Aha" sagen, weil man hiervon zum Einen zuvor kaum etwas gehört hat und zum Anderen gerne anders, subtiler, beobachtender, realistischer davon gehört hätte. Solche Prosa, die wie von McKinsey-Berater:innen zu Sparzwecken zusammengekürzt scheint, führt dann auch dazu, dass diese Geschichte über gut 55 Jahre auch in ihrem großen Druck kaum 330, häufig nirgendwo hinführende Seiten umfasst, während beispielsweise die "Buddenbrooks" 42 Jahre auf über 800 dicht bedruckte Seiten bringen, bei denen nicht ein Wort verzichtbar erscheint.

Wie geschrieben, ich muss mich noch ganz durch den Tunnel dieser 330 Seiten schleppen, und vielleicht geschehen am Ende ja noch Wunder, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Aber wenn "Lázár" die Hoffnung der deutschsprachigen Literatur sein soll, dann ist dieser Tunnel vielleicht die Gotthard-Basisröhre, und das Licht, das man in der Ferne sieht, ein SBB-ICN, der einem entgegenkommt. Oder wie es bei den Julizehisierten heißen würde: Pauls Füße spüren den Beton der Festen Fahrbahn. Ein Luftzug lässt ein Stück Plastik vorbeischweben. Es rattert. Er hebt den Kopf und sagt: Oh oh.

***[UPDATE 10.10.]***: Endlich fertig. Es ist keine Wende eingetreten. Zum Pimpern und Schnackseln sind noch Pudern, Poppen, Bumsen und ein für ungarische Teenager der 1950er ganz erstaunlich abgeklärtes Niveau der sexuellen Aufklärung selbst gegenüber den unwillkürlich erigierten Genitalien ihrer Geschwister gekommen (sic), von Scham, Unwissen oder Schwangerschaftsängsten ist hier nichts zu spüren. Ähnlich temporal altklug, also von Wissen, Ansichten und Einstellungen weit Nachgeborener erfüllt, denken zum Beispiel auch der den Nazis Widerstand leistende Schlosskaplan, der sich sicher ist, dass er nach seiner Hinrichtung als "Gewinner" gesehen wird, anstatt, da der Krieg im Februar 1945 noch nicht zu Ende ist, zum Beispiel zu zweifeln, ob das Dritte Reich nicht noch eine lange Weile durchhalten und jedenfalls nicht restlos fortgeräumt werden könnte, und die porträtierten Einwohner:innen des kommunistischen Nachkriegsungarns, von denen, historisch inakkurat, nur die wenigsten wirklich an die Versprechungen der sowjetischen Herrschaft zu glauben scheinen bzw. deren Untergang die meisten hellsichtig, allzu hellsichtig vorauszuahnen scheinen. Wie schon zum Teil in Teil I. ausgeführt, stellt das nicht nur ein recht feiges und faules Einschreiben heutiger Weltanschauungen in Charaktere vergangener Zeiten durch den Autor dar, sondern auch ein Versagen seinerseits, sich in diese Charaktere einzufühlen, und eine gewisse Arroganz, dass die heutigen Werte, Ansichten und Verhalten die offensichtlich universal richtigen seien und jedenfalls nicht kontingent. So erscheint dieses Buch mehr als eine Geschichte blasser Zeitreisender denn als eine wirklichkeitsgetreue Darstellung des Lebens einiger Ungarn während der großen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Der oft dröge und skizzenhaft historische Fakten rezitierende statt diese mit Leben füllende Stil tut sein Übriges zu diesem Eindruck.

Ein letztes Wort - eine befremdlich nonchalante Verwendung von Vergewaltigungen als Metapher, als Begebenheit im Plot und als metatextuelle Reflexion des angeblichen Verhältnisses von Schriftstellern zu ihren Charakteren und ihrem Werk zieht sich durch das ganze Buch. Das gipfelt darin, dass eine weibliche Figur gänzlich überraschend und inkongruent von einem jungen Möchtegernschriftsteller in seiner Wohnung vergewaltigt wird. Man fragt sich angesichts dieses so abgeschmackten wie penetranten Einsatzes unwillkürlich, was hier nicht verstanden wurde, ausfantasiert wird und/oder verarbeitet werden soll. So halbgar wie diese Stellen ist der ganze "Lázár".

** von 5 Sternen

15.12.2025

Friedensbrot

Tirade anlässlich einer deutschen Initiative von 2024, ein "Friedensbrot" zu backen, das dann in Landshut lebende Ukrainer:innen und Russ:innen gemeinsam verzehren sollten, "um ein Friedenszeichen zu setzen".

Deutschland hat nach 1945 "Nie wieder" absichtlich als "Nie wieder Krieg" statt richtiger als "Nie wieder Faschismus" missverstanden, um sich zum einen von seiner Schuld am Holocaust exkulpieren und zum anderen wieder der liebsten deutschen Tätigkeit frönen zu können, Moralisiererei. Dieses seit Bismarck ungebrochene "Am deutschen Wesen mag die Welt genesen" ist der geheime Hauptantrieb, manchmal in sinistrer, manchmal in weniger sinistrer Form, der deutschen Außenpolitik und des deutschen gesellschaftlichen außenpolitischen Denkens, besonders seit 1989.

"Wenn diese Ausländer doch nur sehen könnten, dass man einfach nur mehr miteinander reden, ganz fest an Frieden glauben und dafür klatschen muss, dann wird es bald Weltfrieden geben!"

Ich nenne das die deutsche Glöckchen-Theorie zum ewigen Frieden. Klatscht, dass Glöckchen lebe!
Glöckchen
In einem Märchen mag dies ja noch ganz charmant sein, aber aus dem Kopf Millionen ansonsten nominell mündiger Erwachsener? Selbst die Lage unseres Landes an der Front des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1989 hat hier nicht zu einer nachhaltigen geistigen Reifung geführt, d.h. einer Anerkenntnis der Realitäten einer gefährlichen Welt mit diversen Akteuren, deren Interessen unseren teils diametral entgegenstehen, wogegen wir uns militärisch, diplomatisch, strategisch, politisch und mental rüsten müssen, denn si vis pacem, para bellum. Warum nicht?

Wahrscheinlich waren es der militärische und vor allem atomare Schutz durch die Amerikaner:innen und das (immerhin manchmal kompetente) Regeln der Ost-West-Beziehungen durch unsere Eliten, die diese geistigen Muskeln in der deutschen Bevölkerung haben verkümmern lassen. Dazu kam die fiese deutsche Bräsig- und Biederkeit, es sich im Bewusstsein seiner moralischen Überlegenheit (siehe oben) in seinem Wohlstand gemütlich machen zu wollen und dabei auch nicht zu hinterfragen, wie dieser Wohlstand erkauft wird. Mit dem Fall der Mauer fiel dann auch der letzte große äußere Anreiz, sich ernsthaft mit außenpolitischen Fragen zu beschäftigen, und diese korrosive Haltung fand zur Apotheose unter Angela Merkel, die sich "um alles kümmerte", indem sie schmutzige Wirtschaftsdeals mit brutalen Diktaturen schloss bzw. vertiefte.

Solange billiges Gas aus Russland kam, billiges Zeug aus China und billige Sicherheit aus Amerika, war der Deutsche in seiner Ignoranz zufrieden und konnte auf diese drei Länder und 191 weitere hinabschauen.

Allein, die Geschichte endet nie, und mit am wenigsten für Deutschland. Spätestens am 24. Februar 2022 brach Russland nicht nur in die Ukraine ein, sondern auch in die konstitutiven Lebenslügen ganzer Generationen von Deutschen. Da wagten es diese Osteuropäer:innen doch glatt, nicht der so vernünftigen deutschen Ansicht zu folgen, dass Frieden am Besten durch Ostermärsche und gemeinsames Brotbacken erreicht wird, sondern wollten ihr Territorium mit Waffengewalt verteidigen, ganz so, als gäbe es etwas, für das es sich zu leben lohne jenseits des Eigenheims, des Mercedes, Mallorcas und eines steigenden BIPs.

So wie es heißt, dass die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen werden, so werden auch viele Deutsche den Ukrainer:innen diesen Krieg nie verzeihen, der sie, die Deutschen, zu Versehrten ihrer Heuchelei, politischen Infantilität, Feigheit, Gier und Bräsigkeit gemacht hat. Dieser psychologische Groll mag auch jenseits der typisch deutschen katastrophisierenden Ängste über russische nukleare Eskalation (die man leicht entkräften könnte, wenn man sich in den letzten Jahrzehnten eben mal ein wenig mit Außenpolitik befasst hätte) für unser hamletsches Zögern bei Waffenlieferungen verantwortlich sein. Wenn das Haus des Nachbarn brennt, das Feuer auf unseres überzuspringen droht und wir viele Feuerlöscher haben, so werden wir ihm doch nur widerwillig einen aushändigen, wenn er uns einmal bloßgestellt hat.

Es bleibt die ernüchternde Erkenntnis, dass trotz all dieser geistigen Verheerungen die außenpolitische Betreuung Deutschlands durch die Westalliierten das beste war, was unserem kindischen Land passieren konnte. Wir sind nicht reif für die reale Welt. We can't handle the truth!

20.07.2021

Nach uns die Sintflut (nochmal)

Nach ersten kurzen Überlegungen im Frühling nun, in einem weiteren, diesmal offensichtlich tödlicheren Klimasommer, einige längere Gedanken zur kommenden Wahl zum 20. Deutschen Bundestag.

Die allgemeine deutsche Lage

die deutsche Wähler:innenschaft 2021

Deutschland hat, von zwei Zwergstaaten abgesehen, nach Japan die weltweit zweitälteste Bevölkerung. Das führt zu einer entsprechend alterslastigen Wähler:innenverteilung, Ältere gehen bekanntlich aus vielerlei, nicht kurzfristig stark veränderbaren Gründen mehr als Jüngere wählen, und sie wählen dabei besonders gerne die CDU/CSU. Nicht nur darum hat die Union bislang in 52 von 72 Jahren Bundesrepublik regiert; als Partei des Status Quo, des gerade unter Merkel möglichst geräusch- und effektlosen vermeintlich neutralen Verwaltens und Fernhaltens jeglicher womöglich unordentlicher und nicht einfach aufzulösender Dispute und Zielkonflikte, des "Weiter so" mit nur gerade so viel Veränderung, wie eben nötig ist, um auf der Stelle stehenbleiben zu können, und auch einer gewissen selbstgefälligen, bräsigen Piefigkeit kommt sie der deutschen Seele am ehesten gleich.

Denn diese hat zum Motto "Lieber Unrecht als Unordnung" und fühlt sich darum vom Kern demokratischer Politik, also lautem und chaotischem, aber geregeltem Austausch und Abstimmen über Ziele, Maßnahmen und Mittel abgestoßen, ängstigt sich übertrieben über selbst dringend nötigen Wandel, möchte gerne belehren, aber selten belehrt werden, zieht langsamen, neurotischen Perfektionismus schnellerem, lebensnäherem "gut genug" vor, klammert sich psychopathologisch bemerkenswert an Besitzstände und hat endlich einige Idiosynkrasien, die nicht zu beachten empfindlich Stimmen kosten kann: Fetischisierung der Abwesenheit eines Tempolimits, weiße Tennissocken in Sandalen als Ausdruck der Ablehnung von "Oberflächlichkeiten" (in Wahrheit Verweigerung der Beschäftigung mit Ästhetik, weil diese nicht so einfach zu quantifizieren und regularisieren ist wie andere Phänomene), Schreckgespenst Inflation, horizontlose Unweltläufigkeit trotz "Land der Dichter und Denker"-Allüre, komplexer Vergangenheitskomplex usw.

Die Union als deutscheste aller Parteien fühlt all diese Dinge qua ihren Mitgliedern und ihren Vorständen sowie ihrer langen Erfahrung vielleicht eher, als dass ihre Strateg:innen sie mal auf eine Powerpoint-Folie gequetscht hätten, und kann sie so quasi intuitiv und somit sehr glaubwürdig vertreten, mal wie unter Kohl eher aus dem Bauch heraus, mal wie unter Merkel eher aus dem Kopf. Andere Parteien, die konstitutiv mehr Ziele verfolgen, als nur zu regieren, die FDP zum Beispiel "Fuck you, I've got mine" oder die Linke "Ich hasse meine Mutter, die SPD, und will alles tun, damit sie bitter leidet", und entsprechend anders gestrickte Mitglieder haben, tun sich bei dieser inneren Einfühlung bzw. diesem Facehugging à la "Alien" teils viel schwerer, weswegen es letztlich auch erst zweimal in der Geschichte der Bundesrepublik dazu gekommen ist, dass eine Unionsregierung abgewählt wurde, und erst einmal, 1998, nicht infolge eines regierungsinternen Seitenwechsels nach Querelen.

Kurz gesagt, jede Partei, die die CDU/CSU ablösen will, muss prinzipiell eine sehr gute Strategie entwickeln und fehlerlos ausführen, um diesen strukturell wie psychologisch absoluten Platzhirschen verdrängen zu können, und braucht selbst dann wahrscheinlich Rückenwind von charismatischen Persönlichkeiten und/oder außergewöhnlichen Ereignissen.

Die allgemeine globale Lage

Die Welt schmeckt den Deutschen nicht und wird es in naher Zukunft noch viel weniger, so sehr wir uns wünschen mögen, auf einer unbekannten Insel zu leben. Die Coronapandemie baut mit der Deltavariante die bisher vielleicht tödlichste Welle auf, doch selbst diese ist nur ein Vorgeschmack auf zukünftige Herausforderungen der immer vernetzteren Welt; eine zunehmend akutere Klimakrise, über die hier noch zu schreiben sein wird, verlangt eigentlich eine Mobilisierung auf dem Niveau derer für den 2. Weltkrieg, nur diesmal wirklich weltweit, für Jahrzehnte und mit viel ungewisserem Ausgang; der Niedergang des demokratischen Westens, die Abwendung Amerikas von Europa und seine Hinwendung nach Asien, die vielfältigen Querelen in der EU und der Aufstieg aggressiver und autokratischer Mächte wie China, Russland und Iran erzeugen eine unübersichtlichere, multipolarere Welt als je seit dem Fall der Mauer, in der kleine Handlungen an einem Ort unübersehbare Konsequenzen auf der anderen Seite der Erde haben können, aber Nichthandeln keine Option ist; Ungleichheit, nicht nachhaltiges Wirtschaften, die spirituelle Leere des kapitalistischen Konsum- und Überarbeitungshamsterrades usw. lassen Gesellschaften zuerst subterran unruhig und suchend werden, bis sich die Frustrationen dann jäh und überraschend z.B. im Brexit oder den Wahlen Trumps und Bolsonaros entladen; und viele weitere, oft verbundene Phänomene wie die in vielem toxische Agora der profitgesteuerten "sozialen" Medien, weitgehende gesellschaftliche Entsolidarisierung und Atomisierung, unbezahlbare Immobilienpreise, ungleichgewichtige wirtschaftliche Globalisierung usw. machen die Welt viel volatiler, unüberschaubarer und auch gefährlicher als noch im Jahr 2000. Eine vor allem auf Stabilität, Berechenbarkeit, Besitzstandswahrung und inkrementelle Veränderung (wenn überhaupt) erpichte Gesellschaft wie die deutsche steht angesichts dieser Lage emotional und geistig inhärent schlechter da als ein dynamischeres Land wie z.B. die USA. Es wäre also eine Hauptaufgabe verantwortungsvoller deutscher Politiker:innen, die deutsche Bevölkerung fitter für die Zukunft zu machen, getreu des Ausspruchs, den angeblich der verklärte Deutschenliebling Gorbatschow getan haben soll: Кто опаздывает, того наказывает жизнь (Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben).

Die spezifische deutsche Lage

Nach 16 Jahren merkelschen Verwaltens, Von-der-Substanz-Lebens, Nichts-Erklärens, absichtlichen Depolitisierens der Öffentlichkeit und vieler Schäden mehr, die diese schlechteste Bundeskanzlerin seit Kiesinger Deutschland und Europa zum Zwecke ihres Machterhalts zugefügt hat (und über die ebenfalls noch zu schreiben sein wird), steht unser Land miserabel da: die Infrastruktur marode und veraltet (all diese kollabierenden Brücken sind kein Zufall), die Bildung mit einfachen Digitalisierungsaufgaben überfordert und föderal zerwaltet, der größte Niedriglohnsektor aller EU-Hochlohnländer, eine dringend nötige tiefere EU-Integration, EU-Klimaschutz, EU-Sozialpolitik usw. zugunsten der nationalen Großindustrie unterlaufen oder gar torpediert, der deutsche Solarsektor zerstört und dem deutschen Windsektor wird auch schon das Kissen ins Gesicht gedrückt, ein international unverständliches Einnehmen einer "mittleren" Position zwischen unseren westlichen Alliierten und teils brutalsten Diktaturen wie Russland und China, astronomische Mieten usw. usf. etc. Es trifft so eine angesichts der großen Veränderungen in der Welt, die ihr von der Politik nie richtig erklärt wurden, verunsicherte und sich darum (siehe oben) umso mehr ans scheinbar Bewährte klammernde deutsche Bevölkerung auf einen immensen Reformbedarf, nur um in Zukunft überhaupt noch hörbar im Konzert der Welt mitspielen zu können, geschweige denn, es substantiell mitzugestalten. Doch als nächste(r) Kanzler(in) kommen nur in Frage:
  • Annalena Baerbock von den Grünen, die zuerst zur neuen frischen Hoffnung hochgeschrieben wurde, dann jedoch angesichts völlig erwartbarer Attacken nicht nur von konservativer Seite letztlich wegen Kinkerlitzchen wie übertriebenen Angaben in ihrem Lebenslauf und einzelnen Versprechern derart demontiert und als vermeintliche Hochstaplerin negativ definiert wurde, dass ein Comeback im Moment schwer vorstellbar erscheint. Die Grünen, die ihre Hände in den letzten Jahren im Palmolive wohlwollender medialer Berichterstattung und populärer Rezeption gebadet haben, ohne im Bund Regierungskompromisse gemacht haben zu müssen (bzw. weil), scheinen allen Ernstes geglaubt zu haben, dass die Union angesichts ihres drohenden Machtverlustes nicht alle Messer, Macheten, Kettensägen und Stockdegen hervorholen und weit unter der Gürtellinie zuschlagen würde. Dabei hat sie nur die Macht und wird diese bis zur letzten Patrone verteidigen. Die grüne Kampagne hat Baerbock, die es als Parteivorsitzende ohne Erfahrung wenigstens als Landesministerin auch unter idealen Umständen schwer gehabt hätte, glaubwürdig das dritthöchste Amt im Staate ausfüllen zu können, so ohne Not Wackersteine in den Weg gelegt, indem sie nicht mal ihren CV gegengelesen hat! Eine solche Unprofessionalität zerstört im Vorhinein das ansonsten mögliche Obama-Argument "Look at my campaign to see how I would lead", und das obwohl die Grünen, denen in diesen Fragen die höchste Kompetenz zugeschrieben wird, mit der immer akuteren Klimakrise eigentlich einen Elfmeter ins leere Tor schießen können müssten. Aber - You come at the king, you best not miss!

  • Olaf Scholz von der SPD, der eigentlich vergleichsweise solide Arbeit macht, viel Erfahrung hat, meist den richtigen Ton trifft, zuletzt nach der Flutkatastrophe, und auch hohe Kompetenzwerte zugeschrieben bekommt, sowohl absolut als auch im direkten Vergleich, aber südlich des Labskausäquators gelinde gesagt eine Charismaeinschränkung hat und Kandidat einer (meiner) Partei ist, deren Kompetenzzuschreibungen seit Jahren leider immer tiefer in den Keller rauschen. So sollte Scholz einerseits aus praktischer Notwendigkeit sagen, dass man SPD wählen soll, wenn man ihn zum Kanzler haben möchte, andererseits aber aus taktischer Notwendigkeit tunlichst verschweigen, dass er Genosse ist. Kein leicht aufzulösendes Dilemma, zumal die SPD-Kampagne zwar viele richtige Akzente setzt, jedoch weiterhin ein größeres, greifbareres und inspirierendes linkes Narrativ jenseits eines fleißigen Reparaturbetriebes unserer schlimmsten Probleme vermissen lässt (darüber werde ich auch noch schreiben).

  • Armin Laschet von der CDU, der plump, spießig, horizontlos, inkompetent, unintelligent, jähzornig, ohne Gravitas, unansehnlich und hoffärtig ist. Das Problem dabei ist, dass viele Deutsche gerade im Westen genauso sind und sich gern in ihm gespiegelt und validiert sehen, so wie sie sich auch im ähnlichen, wenngleich intelligenteren Kohl gespiegelt gesehen und ihn sie darum für 16 endlose, bleierne Jahre haben regieren lassen. So wie es ein "Polen A" westlich der Weichsel gibt - entwickelter, weltoffener, westgewandter usw. - und ein "Polen B" östlich des Flusses - ländlicher, konservativer, ostgewandter - gibt es vielleicht auch ein Deutschland A und B, nur weniger klar geographisch getrennt. Deutsche möchten in der Regel, dass ihre KanzlerInnen vom Habitus her aus Deutschland B kommen, sich jedoch als Menschen aus Deutschland A zu geben verstehen, gerade auf dem internationalen Parkett. Merkel hat dies zügig gelernt, nachdem Schröder es fast perfektioniert hatte. Kohl hat dafür länger gebraucht, aber letztlich den Mantel der Geschichte ergriffen und zumindest während der Wende und der europäischen Einigung keine allzu peinliche Figur abgegeben; vielleicht haben ihm in Gegenteil gerade seine authentischen Strickjacken und Saumägen geholfen, gute persönliche Beziehungen z.B. zu Gorbatschow aufzubauen. Bei Laschet jedoch, wie z.B. schon Kurt Beck vor ihm, fehlt jede Ahnung, dass er Deutschland A kann. Feixt und grimassiert im Hintergrund, während der Bundespräsident die Fluttoten betrauert. Wird nach maximal zwei kritischen Fragen giftig aufbrausend auf eine fiese Weise, die sich Kohl nie erlaubt hätte - er kanzelte lieber herrisch ab, was natürlich auch nicht optimal war, aber immerhin nicht so mies und klein wirkte. Versteht buchstäblich intellektuell weder u.a. für, ach ich weiß nicht, Pandemien wichtige Exponentialfunktionen noch die Natur der Klimakrise. Hat Klausurnoten gewürfelt. Ist durch Protektion von Saufkumpanen nach oben gekommen und weil es immer wieder "niemanden Besseres" (so Laschets Frau) zu geben schien, nicht hauptsächlich aus eigener Strahlkraft und Brillanz. Usw. usf. etc. Und dennoch führt seine Union in den Umfragen bequem, aus den oben genannten Gründen und weil Baerbock und Scholz bisher gepatzt bzw. noch nicht genug angegriffen haben. So fährt Laschet, wie es oft heißt, im Schlafwagen zur Macht, bequem auf den Daunen des Wissens gebettet, dass es noch ganz andere Krisen als eine Flut mit über 150 Toten braucht, um in Deutschland eine Wechselstimmung zu erzeugen. Und schließlich muss er nicht gut sein, es darf nur anscheinend oder scheinbar niemanden Besseres geben.
Die eine kann es also vielleicht, aber stolpert auf der Tartanbahn sowohl über ihre eigenen Füße als auch über die Stöcke, die von der Seite hineingeworfen werden. Der andere kann es höchstwahrscheinlich, aber schlendert gemächlich über die Bahn und hat nicht viele Fans, die ihm zujubeln. Der dritte hat nicht nur den Startblock weit nach vorne geschoben bekommen, sondern auch einen Roller, mit dem er nach Wunsch schnell vorankommen kann. Und die Zuschauer:innen sind eher leidenschaftslos, wer gewinnt, solange das Rennen nur bald vorbei ist und sie sich wieder ausgiebig dem Grillen und dem Wienern ihrer Autos widmen und die Sonne genießen können. Sie scheint wieder stark nach der Flut.

Vor der Flut.

Hochwasser in Altenahr-Altenburg am 15. Juli 2021

18.12.2013

Abmahnungen in Deutschland

Mal unabhängig vom konkreten Fall, in dem vor allem die Herkunft der abgemahnten IP-Adressen (über eine Phishingseite namens retdube?), die von interessierter Seite propagierte und von auch im Jahr 2013 noch in der Lochkartenära steckenden Gerichten abgesegnete Auffassung, dass Streams wegen ihrer Speicherung in Caches unerlaubte Vervielfältigungen seien (dann wären es alle Internetvideos), und die anscheinend bewusste Hintergehung selbigen rückständigen Gerichts durch IT-Technobabble als besonders problematisch hervorstechen, also mal unabhängig von diesen Fragen, die alleine schon Bücher füllen könnten und in dieser mal speichelleckenden, mal devot Stichworte gebenden Farce eines Interviews höchstens in byzantinischer Verklausulierung angesprochen werden ...

... sind Abmahnungen an sich ein nützliches Rechtsinstrument, um teure und mühsame Verfahren zu vermeiden. Zum Problem werden sie dadurch, dass die selbst bei Lappalien hohen Streitwerte das Honorar der Abmahnanwält:innen bestimmen, das in jedem Fall von dem oder der Abgemahnten bezahlt werden muss, und die Streitwerte von den Anwält:innen selbst bestimmt werden. In Verknüpfung mit der Existenz des Internets bedeutet das, dass findige Kanzleien einfach die Praktikantin oder den Praktikanten z.B. "Veronica Ferres Trompete" (willkürlich gewähltes Beispiel) googeln lassen und alle gefundenen Seiten wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte mit einem Brief aus Textbausteinen abmahnen, für sagen wir 10.000 Euro Streitwert, also 1500 Euro Honorar. Aufwand = Praktikant:innengehalt (400 Euro/Monat für 60 Stunden/Woche), Ertrag = €€€. Wetten, dass die Große Koalition nichts daran ändern wird?

02.10.2013

Ad astra

Der Cannstatter Wasen in den 60ern

Der Cannstatter Wasen in den 60ern. Ohne kulturelle Appropriation einer imaginierten ruralen bajuwarischen Vergangenheit, aka Dirndl und Lederhosen. Ich verstehe diesen zunehmenden antiprogressiven Trend, der sich auch z.B. im Lesen von "Landlust" (das das Landleben glorifiziert) und des Manufactum-Katalogs (der Handarbeit glorifiziert) äußert, wirklich nur schwer. Das Landleben ist von geistiger Enge und körperlicher Schinderei gekennzeichnet. Handarbeit ist ineffizient und unerschwinglich. Nur Fortschritt hat uns je von der Unerbittlichkeit der Natur befreit. Warum also bloß zu ihr zurück?

13.09.2013

Stinkefinger for President

Der Umgang mit Steinbrücks Stinkefinger ist symptomatisch für diesen Wahlkampf: Auf Cover gehoben, in den Zeitungen besprochen und im Fernsehen kommentiert werden Symbole statt Inhalte, Celebrity-Gossip statt Kompetenzen und Horse-Race-Journalismus statt Vergleiche von Plänen. Deutschland verschläft nötige Reformen, in der ganzen EU ächzt und knirscht es, und zu unserer ewigen Schande nehmen wir nur lächerliche 5000 Flüchtlinge aus dem sich desintegrierenden Syrien auf, aber Gesprächsthema Nummer Eins neun Tage vor der Wahl ist Peers Finger. Gut haben Mutti und die Medien unser Land entpolitisiert. Hier, was ich davon halte.

Meine Meinung zum Bundestagswahlkampf 2013

30.09.2011

X-Com

Vor kurzem habe ich wieder "X-Com" (auch bekannt als "UFO: Enemy Unknown") durchgespielt.

"X-Com" ist eins der besten Videospiele, das ich jemals gespielt habe, vielleicht das Beste. Nicht schlecht für ein bald 20 Jahre altes pixeliges DOS-Spiel und einen alten Daumendrücker wie mich, der, mit dem NES angefangen, sicher hunderte Computerspiele wenigstens in Händen gehalten, wenn nicht ebenfalls durchgezockt hat.

X-Com-Geoscape

Das Spiel lässt sich am Besten als Planetare-Verteidigung-Simulator beschreiben. Am Ende des letzten Jahrtausends bevölkern UFOs den Luftraum der Erde, und Außerirdische terrorisieren Städte und entführen Menschen. Eine multinationale Eingreiftruppe, die X-Com, wird gegründet und nimmt den Kampf gegen die Aliens auf.

In einer Geoscape genannten Ansicht der Erde platziert man X-Com-Basen, überprüft Statistiken, liest nach, was man über die Außerirdischen herausgefunden hat, und befehligt Abfangjäger im Einsatz gegen anfangs kleine, später gewaltige UFOs. Den Aufbau der Basen kann man in einer zweiten Ansicht genauso kontrollieren und ändern wie die Namen seiner aus aller Welt rekrutierten Soldaten, die Ausrüstung der Jäger und Truppentransporter, die Forschung an Alienartefakten, die Herstellung nützlicher Waffen und Rüstungen und einiges andere mehr. Dieser Teil des Spiels gleicht einer Aufbau- und Wirtschaftssimulation, mit dem zusätzlichen Thrill, dass die Aliens bei anhaltendem Erfolg der X-Com öfter ihre Basen angreifen und man sie dann bis zur letzten Granate verteidigen muss.

X-Com-Basis EuroCom

Doch das Herz des Spiels ist der rundenbasierte Kampfmodus, die Battlescape. Die X-Com-Soldaten fliegen zur Absturzstelle eines abgeschossenen UFOs oder zu einem gelandeten Raumschiff, in eine terrorisierte Stadt oder zu einer Außerirdischenbasis, erkunden das zu Anfang verborgene, immer wieder neu zufällig zusammengesetzte Terrain und versuchen, alle Aliens zu finden und zu töten.

Betonung, vor allem in den ersten Monaten des Spiels, auf "versuchen". Die Soldaten sind lächerlich unterbewaffnet und können selbst bei Tageslicht kein Scheunentor treffen. Die Außerirdischen sehen vor allem in der Nacht besser, schießen genauer, bewegen sich schneller und attackieren die Soldaten zum Teil mit psychischen Angriffen, die sie in Panik versetzen oder gar unter ihre Kontrolle bringen. Ich habe kaum je in einem Videospiel mehr Immersion und Angst verspürt, als auf einer nächtlichen Terrormission in Rio oder Nowosibirsk von irgendwoher beschossen zu werden, oder einen Chryssaliden zu entdecken, nicht mehr genug Bewegungspunkte zum Fliehen zu haben und zu wissen, furchtbar zu wissen, dass er beim Zug der Aliens klack-klack-klack zum nächsten X-Com-Rekruten laufen und ihn in einen Zombie verwandeln wird, in dem ein weiterer Chryssalid steckt; bin nie verzweifelter gewesen als damals, als ein psychisch schwacher Rekrut von den Außerirdischen besessen wurde und meinem monatelang gehegten und gestärkten Oberst tödlich in den Rücken schoss. Ich habe halbe Häuser mit Bergbausprengstoff eingerissen, um bessere Sicht zu erhalten, Pech für die Bewohner, besessenen Soldaten mit Tränen in den Augen Gnadenschüsse gegeben, um die Mission nicht zu gefährden, und wie Rambo gebrüllt, wenn mein letzter Soldat den letzten Mutonen getötet und so einen verloren geglaubten Einsatz und vor allem einen wertvollen Senkrechtstarter nochmal gerettet hat.

X-Com-Battlescape

Der Weg zur letzten Mission auf dem Mars ist aus toten Rekruten gebaut. Man kämpft sich Inch für Inch durch die Einsätze, erforscht die außerirdische Technologie Stück für Stück, gibt seinen Kämpfern Stärke durch Erfahrung und gewinnt so langsam, langsam die Oberhand. Am Ende halten die Elitekrieger der X-Com ein schweres Plasmagewehr für tödlich präzise Schüsse und einen Psi-Verstärker für eigene psychische Angriffe in der Hand, sehen in ihren Flugrüstungen selbst wie Aliens aus und fliegen schneller als sie um die Welt und zuletzt nach Cydonia, um dem außerirdischen Obergehirn verdient ein Blastergeschoss in den hässlichen Pistazien-Panettonekörper zu jagen. Was für ein fantastisches, unvergessliches Spiel.

Jetzt wird es als First-Person-Shooter "reimagined".

Als ich das zum ersten Mal gehört habe, war ich, nur gering übertrieben, so erschüttert und verzweifelt, als hätte man mir gesagt, dass meine Eltern mich nie geliebt haben und gar nicht meine Eltern sind. Und dass ich unheilbaren Prostatakrebs im Endstadium habe. Während mein neuer Labradorwelpe vor meinen Augen stirbt.

Weil ein geliebtes fiktives Universum, in das man sehr reale Arbeit und Gefühle investiert hat, woran man sich wie an ein gutes Buch oder einen tollen Film gerne erinnert, zu nehmen, bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen und dabei noch wie zum Hohn völlig verzerrte Karikaturen von peripheren Elementen einzuführen, die angeblich den Kern der Geschichte darstellen, sich genauso anfühlt. Wie tiefster, hohnlachender Verrat, den man ohnmächtig mit ansehen muss.

Bitte nicht töten

Niemand hätte etwas gegen einen Neustart gehabt, wie ihn das unabhängige Xenonauts rührig versucht: Aktualisierte Grafik, bessere Balance, einige neue und interessante Elemente, zum Beispiel mehr Missionstypen und Terrains, Wettereffekte, vielleicht auch mehr Politik und Diplomatie mit den finanzierenden, manchmal von Aliens infiltriert werdenden Nationen. Aber ein Shooter?? Das ist, als ob das nächste "Mario Kart" ein Terrariensimulator würde, denn "Schildkrötenpanzer spielen darin eine wichtige Rolle". Und viel schlimmer noch, weil das letzte "Mario Kart" nur drei Jahre her ist, "X-Com" aber schon wahre Computerewigkeiten auf ein richtiges Update wartet. Warum so? Warum denen, denen das alte Spiel nichts sagt, nichts als einen "Mass Effect"-Klon bieten, die Fans aber auf die übelstmögliche Art vor den Kopf stoßen? Das besonders Perfide daran ist, dass wenn das neue "XCOM" floppt, die Marke erstmal verbrannt sein wird, wenn es aber Erfolg hat, weitere Shooter folgen werden. So oder so verlieren wir Liebhaber, und wir können nur fruchtlos und wütend protestieren, wie mit unseren Emotionen und Erinnerungen umgegangen wird.

Wenigstens erleichtert das.

27.07.2008

Banned

Ich habe es tatsächlich geschafft; zum ersten Mal in meinem Leben habe ich auf einer Website Hausverbot erhalten.

Anna Kühnes Blog kennen die Leser dieser Holzkiste hier vielleicht noch aus einer Empfehlung im März letzten Jahres, obwohl ich mittlerweile gemerkt habe, dass jener schöne Artikel gar nicht von der Blogmistress selbst ist.

Was ich seither auch gemerkt habe, ist, dass Anna Kühne ein, zartfühlend formuliert, ambivalentes Verhältnis zur objektiven Realität hat. So glaubt sie zum Beispiel an 9/11-Verschwörungstheorien.

Und boy, ist das Kryptonit für mich. Boy.

Kryptonit

Ich bin Atheist, aber wenn ich eine Religion habe, dann die Wissenschaft. Weil die Wissenschaft das Leben besser macht. Weil Wissenschaft heißt, dass weniger Menschen in kalten Höhlen an unbehandelten Säbelzahntigerwunden sterben müssen, und mehr Menschen ihr erstes Lebensjahr überleben. Wissenschaft ist angewandtes Mitgefühl.

Man muss das nicht aktiv honorieren, nicht selbst Wissenschaftler werden oder sowas, man kann auch ruhig die Gefahren der Wissenschaft beschwören, stimmt ja sogar manchmal, denn passive Nutzung der unglaublichen Früchte der wissenschaftlichen Methode scheint mir Ehrbezeugung genug, qui tacet consentire videtur, und wer unser modernes Utopia auf Erden ablehnt, kann ja immer noch zurück in die Höhle ziehen und mit 35 sterben.

Aber bei Gott, man kann nicht die Prinzipien ablehnen, auf denen die Wissenschaft fußt, und das auch noch als Gipfel aller Gipfel der Heuchelei mit Mitteln, die nur existieren, weil es diese Prinzipien gibt, wie Videokameras und Computer. Ich möchte jeden mit voller Wucht ohrfeigen, der nur lebt, weil es diese Prinzipien gibt, und nicht mal den gottverdammten grundlegenden Anstand hat, sie wenigstens f'ing zu kennen, sie, die ihm jeden Tag, Sekunde für Sekunde reinsten weißen Zucker ins Rektum blasen. Ich möchte jeden mit härtesten Gammastrahlen beschießen, der glaubt, 250 Kilo schwer im Aragorn-Shirt in Mamas Keller sitzend, mit seinem Abschluß in Mythologie und englischer Literatur definitiv anhand körniger YouTube-Videos in 320x240 entscheiden zu können, dass WTC 7 gesprengt wurde, weil es, arrgh, arrrrrrrrrrgh, bekanntlich keine einfachere Methode gibt, die zahllosen minutiösen Dokumente und Protokolle der ultrageheimen jüdisch-freimaurerischen Terrorverschwörung verschwinden zu lassen, als das Gebäude, in dem sie gelagert wurden, am Nachmittag in die Luft zu jagen, Stunden, nachdem die beiden Türme nebenan eingestürzt sind, arrrgh. Das gibt noch nicht einmal menschlich Sinn, geschweige denn nach den wissenschaftlichen Prinzipien der Objektivität und Logik.

Diese Prinzipen sagen nichts Anderes, als dass A gleich A ist oder 2 + 2 = 4, "1984" ist eins der besten Bücher, das es gibt, und Orwell ein Genie. Wenn man sich einig ist, dass A = A ist, wenn es also Vergleichbarkeit gibt und Überprüfbarkeit und ein gemeinsames Fundament, auch wenn es immer löchrig sein wird, danke Gödel, Du Arsch, Du Genie, dann entsteht Wissenschaft, dann entsteht Freiheit.

Und umgekehrt heißt, sie abzulehnen, zu sagen, dass A gleich B ist oder gleich Zwetschgendatschi, Dank an meine Grundschulmathelehrerin für dieses Mem, oder dass 2 + 2 = 5 ist und Krieg Frieden, jede gemeinsame Grundlage aufzukündigen, jede Möglichkeit der Verständigung abzulehnen, also Aberglaube, Tyrannei, die Höhle. Wenn es keine objektive Realität gibt, auf die man sich einigen kann, Argumente also keine Macht haben, wer sagt, dass der große Skarabäus nicht die Sonnenkugel über den Himmel rollt, gibt es nichts mehr als das Recht des Stärkeren, nichts mehr als seinen Terror. Orwell war wirklich ein f'ing Genie.

Allein aus ihrer Selbsterhaltung heraus sollte man also meinen, dass Anna Kühnes Aufforderung, eine Gegenmeinung zur Darstellung des "Muslim-Marktes" über Samir Kuntar und seine Taten einzustellen (wir erinnern uns, Samir Kuntar, der verurteilte Kindermörder), ernst gemeint und ihr Wissensdurst echt ist, zumal der "Muslim-Markt", erneut zartfühlend formuliert, keine sehr neutrale Quelle ist.

No dice. Dieser mein Kommentar wurde schnellstmöglich gelöscht und ich verbannt.

Mein Kommentar bei Anna Kühne

Ich akzeptiere die Idee des digitalen Hausrechts, auch wenn in meinem Internetheim von mir aus jeder so wüten darf, wie er will, unter anderem deshalb, weil ich in über zehn Jahren online noch keinen größeren Gorilla getroffen habe als mich und von den fast gleich starken Affen mit am meisten gelernt habe, doch falls ich wie in meinen ebenfalls gelöschten Kommentaren zu Anna Kühnes 9/11-Aberglauben zu schnippisch oder bösartig war, soll sie mich ruhig löschen und bannen, es tut mir im Interesse größerer Überzeugungskraft manchmal auch ganz gut, die Gammastrahlenkanone gestopft zu kriegen.

Aber trotzdem ist Samir Kuntar ein verurteilter Mörder.

Hell, man sieht im Yediot-Aharonot-Report ja buchstäblich noch die Gehirnmasse der kleinen Einat Haran am Gewehr kleben. Und gleich wer sie in welchem Ton vorträgt, diese Wahrheit bleibt eine Wahrheit, und es ist wie schon bei den 9/11-Fantasien unglaubliches Kryptonit für mich, dass es Menschen gibt, denen diese Wahrheit nicht zugänglich zu sein scheint, die lieber an komplett gekaufte Richter und Pathologen, Hologrammflugzeuge und zur Aktenvernichtung gesprengte Hochhäuser glauben als daran, dass A = A ist.

Denn wenn das auch nur für eine spürbare Minderheit in diesen oder anderen Fällen der Fall ist, welche Hoffnung gibt es dann, sie jemals mit der Macht der Worte und dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu überzeugen? Welchen demokratischen Instrumenten sind sie zugänglich? Welche andere Wahl gibt es dann, als sie mit dem Schwert zu zwingen? Wie soll man einem Geist, der sich nur dem Recht des Stärkeren beugt, anders begegnen als mit Gewalt? Muss man Krieg führen, um Frieden zu gewinnen?

Und sei es nur insoweit, einen kleinen Kommentar zu einem anklagenden Eintrag aufzublasen?

Vielleicht ist das das grundlegende Problem jeder Politik, jeder Gesellschaft. Und vielleicht muss die Antwort Ja lauten, mit Vorsicht und nie leicht, aber eindeutig Ja. Barack Obama:

I'm left then with Lincoln, who like no man before or since understood both the deliberative function of our democracy and the limits of such deliberation. We remember him for the firmness and depth of his convictions — his unyielding opposition to slavery and his determination that a house divided could not stand. But his presidency was guided by a practicality that would distress us today, a practicality that led him to test various bargains with the South in order to maintain the Union without war; to appoint and discard general after general, strategy after strategy, once war broke out; to stretch the Constitution to the breaking point in order to see the war through to a successful conclusion. I like to believe that for Lincoln, it was never a matter of abandoning conviction for the sake of expediency. Rather, it was a matter of maintaining within himself the balance between two contradictory ideas — that we must talk and reach for common understandings, precisely because all of us are imperfect and can never act with the certainty that God is on our side; and yet at times we must act nonetheless, as if we are certain, protected from error only by providence. That self-awareness, that humility, led Lincoln to advance his principles through the framework of our democracy, through speeches and debate, through the reasoned arguments that might appeal to the better angels of our nature. It was this same humility that allowed him, once the conversation between North and South broke down and war became inevitable, to resist the temptation to demonize the fathers and sons who did battle on the other side, or to diminish the horror of war, no matter how just it might be. The blood of slaves reminds us that our pragmatism can sometimes be moral cowardice. Lincoln, and those buried at Gettysburg, remind us that we should pursue our own absolute truths only if we acknowledge that there may be a terrible price to pay.

Wohlan denn.

26.07.2008

Ausgewählte Ärgernisse

Wann immer ich in einem Zug oder in einem Flugzeug auf eine zurückgelassene Zeitung oder Zeitschrift treffe, muss ich sie aufheben und von vorne bis hinten lesen, ob es die "Glamour" ist oder die "Bäckerblume", ich kann nicht anders, wenn man mich zu Tode foltern will, muss man nur Monitore mit ständig wechselnden Texten um mich herum aufbauen. Doch das ist okay, immerhin sterbe ich dann gut informiert.

Aber fuck, ist die "Welt" reaktionär. Fuck.

Nacktfotos von Models, Pamela und Mapplethorpe sind pornographisch. Die glücklich verheiratete Entenmutter Schiffer leidet nicht unter "Emanzipationspanik". Doch Frauen entwickeln nach Gesprächen mit ihren Freundinnen gerne lächerliche Moralpaniken.

Ach so, das war übrigens alles in einer Ausgabe. Aber aus welchem Jahr?

Apropos 1958, der "Comedian" Mario Barth hat vor kurzem 70.000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion gezogen.

Fuuuuuuck. Ich meine, fuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuck.

Als der Führer dort aufgetreten ist, hatte er wenigstens Niveau. Und Pointen. Und hat was Neues gesagt. Sicher, die Neuigkeiten hatten viel mit tyrannischer Weltherrschaft zu tun, und die Pointen handelten meistens von Juden und Bolschewiken oder auch mal von jüdischen Bolschewiken oder bolschewistischen Juden, und das Niveau war das aktuelle der Reichswehrtechnik, aber ist das nicht trotzdem besser, auf böse Weise sinnvoller, erfüllender, anregender, als einem Berliner Hanswurst beim Recital der ältesten Klosprüche und dümmsten Vorurteile zuzujubeln? Huhuhahaha, Schwarze und Weiße sind so verschieden! Brahahaha, wir werden uns nie verstehen! Hehehe, die fressen immer Wassermelonen!!

Disclaimer für meine Kanzlerkandidatur: Der vorhergehende Absatz stellt keine Befürwortung des "Dritten Reiches" dar. Aber eine bestimmt justiziable Verunglimpfung Mario Barths. Was ist schon ein richtiger Kanzlerkandidat ohne ein cooles Outlaw-Image?

Der hier, das ist ein Komödiant, der den Namen verdient. Nur ein Mann und ein Mikro, aber unendlich witzig, unendlich erfüllend, unendlich anregend, Weißclown und August in einem, den ganzen Widersinn und alle Unmenschlichkeit der conditio humana in nur zwei, drei Sätzen sezierend. Warum ist George Carlin gestorben, und Barth lebt??

Schließlich: Dieser Werbespot macht die Runde, und ich habe damit die Gelegenheit, wieder aktuell zu sagen, was mich am Phänomen Paul Potts stört.

Er kann nicht besonders gut singen.

Sicher, für die Amateuroper von Bath reicht es, und das soll keine Herabwürdigung sein, dieser Autor trifft beim Singstar noch nicht mal auf "Einfach" die Töne, aber Potts ist eben kein besonders guter Opernsänger, so wie die Stuttgarter Kickers auch keine erstklassige Fußballmannschaft sind, seufz. Dass das Publikum im Studio und vor der Glotze in gänsehäutige Verzückung gerät, ist daher nur zu einem Teil ihm anzurechnen, zum größeren Teil aber Puccini und Adami/Simoni, deren Töne und Worte den modernen, klassikentwöhnten Zuhörern, die etwas erstaunlicherweise selbst eine der ausgeleiertesten, unter anderem ausgiebig von einem gewissen Luciano Pavarotti bearbeiteten Arien wie "Nessun dorma" nicht zu kennen scheinen, offenbar wie Himmelsbrote schmecken.

Aber so klingt Puccini halt. Und er ist jetzt auch schon fast 84 Jahre tot, Zigarren Kette zu rauchen macht zwar eine dicke Hose, aber ein kurzes Leben. Und seine Opern und Arien wurden und werden nicht gerade selten gespielt, um es vorsichtig zu formulieren, hell, selbst das deformierte Bastardkind von Gilbert und Sullivan, also das Musical, spielt in "Miss Saigon" nur "Madama Butterfly" und in "Rent" "La bohème" nach (und das schlecht), Andrew Lloyd Webbers großzügige "Inspiration" des "Phantom of the Opera" durch "La fanciulla del West", überhaupt seines gesamten Gesamtwerks durch den Maestro nicht zu vergessen. Es ist auch nicht so, als ob das alles Geheimwissen wäre und als ob man Opern nur auf Grammophonwalzen kaufen könnte.

Was also beklatschen die Pottsfans anderes als ihre eigene Ignoranz?

Was verkauft die Telekom anderes als eine leidliche Kopie eines Monet an ein Publikum, das noch nie ein Gemälde gesehen hat, während woanders zehn Picassos verhungern?

Und muss man solche Travestien der Kulturgeschichte in der vagen Hoffnung gutheißen, dass sich ein oder zwei Kabelfernsehzuschauer einmal in ein echtes Opernhaus verirren? Sind die Mittel, solange der hehre Zweck der Kulturförderung verfolgt wird, also egal?

Na, vielleicht.

19.07.2008

Faust

500. Eintrag.

Familie Haran

Anlässlich dessen Erinnerung an den Israel-Hisbollah-Krieg von 2006. Er begann bekanntlich mit der gewaltsamen Entführung der israelischen Reservisten Ehud Goldwasser und Eldad Regev.

Nun hat die Hisbollah die Soldaten im Austausch für den Terroristen Samir Kuntar und vier Hisbollah-Milizionäre freigelassen.

Aber eigentlich trifft es "freigelassen" nicht so ganz, weil Goldwasser und Regev wohl schon seit zwei Jahren tot sind, was der Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah, um Verhandlungsmacht zu gewinnen, bis zur Übergabe geheimgehalten hat, und die israelischen Behörden etwas schockierenderweise die ganze Zeit nicht gewusst zu haben scheinen. Ich sagte doch, die Hisbollah ist f'ing hocheffektiv.

Samir Kuntar hat übrigens einen 32-jährigen Mann, Danny Haran, vor den Augen seiner vierjährigen Tochter Einat hinterrücks erschossen und dann den Kopf des Kindes auf Strandfelsen mit dem Kolben seines Gewehrs zerschmettert. Hassan Nasrallah hat zu seiner Begrüßung Banner und Flaggen aufgehängt, ihn geknutscht und umarmt und gesagt, dass die Zeit der Niederlagen vorbei und die der Siege gekommen sei.

Hassan Nasrallah und seine Freunde

Das ist, was der Nahostkonflikt ist. Das ist es.

Dem nächsten, der mir darum sagt, dass er "auch mal" Israel kritisieren möchte, werde ich einen Faustschlag versetzen.

Zur Feier des 500.

28.12.2007

Dialog mit einem Weihnachtsgeschenk

Das Buch: Hey! Ich bin "Gott - Eine kleine Geschichte des Größten". Mein Autor Manfred Lütz ist Mediziner, Theologe, Philosoph und Psychologe und verspricht, alle wichtigen Argumente für und gegen die Existenz Gottes in einem historischen Überblick, mit klarer Sprache und sogar etwas Witz darzustellen. Interessiert?

Ich: Naja, eigentlich habe ich ja nicht so viel mit Gott am Hut, aber ich gebe zu, dass die theoretischen Fundamente meines Atheismus etwas Betonunterspritzung brauchen könnten. Ich schaue mal rein.

Das Buch: Musik und Kunst lassen uns das Erhabene spüren, ist es nicht so?

Ich: Das stimmt.

Das Buch: Psychologie ist wissenschaftlich bisher nicht besonders wasserdicht, und darum wäre es fahrlässig zu sagen, der Glaube an Gott sei nur eine psychische Störung, selbst wenn der Herr nicht existiert. Und umgekehrt wird eh ein Schuh daraus.

Ich: Da hast Du wohl recht, liebes Buch.

Das Buch: Ludwig Feuerbach meinte, Gott wäre die Projektion all unserer Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen, die uns angesichts des Nichts und des Leids beruhigt.

Ich: Hey witzig, das wusste ich bisher schändlicherweise noch nicht. Aber Feuerbachs Gedanken hatte ich zum ersten Mal mit dreizehn. Ich hätte halt doch zweihundert Jahre früher geboren werden sollen, wann sonst soll ich je "Heda, Stallbursch!!" rufen dürfen?

Das Buch: Äh ... ja. Aber unbenommen der möglichen Richtigkeit des Feuerbachschen Arguments könnte Gott doch trotzdem existieren.

Ich: Sicher.

Das Buch: Nun weiter. Pascal hat ja mal seine berühmte Wette aufgestellt. Sie "überzeugt auch heute noch zweifelnde Menschen".

Ich: Äh ... hat die Pascalsche Wette nicht klaffende logische Löcher, durch die man bequem die "Queen Mary 2" quer schieben könnte? Sie ist 345 Meter lang ...

Pascals Wette und die Queen Mary 2

Das Buch: Wie? Ich höre so schlecht, ich habe nämlich keine Ohren! Jedenfalls überzeugt Pascals Wette auch heute noch zweifelnde Menschen, das darfste so zitieren.

Ich: ...

Das Buch: Atheismus ist oft aus Affekt gegen die vermeintlichen Exzesse der Kirche entstanden. Diese Atheisten sind ohnehin komische Kauze und haben oft keine Moral, wie der Marquis de Sade.

Ich: Könnte man de Sade nicht auch als etwas radikalen Freiheitskämpfer sehen? Und was hat es eigentlich mit der Frage der Existenz Gottes zu tun, was für Menschen die alten Atheisten waren? Gilt nicht mehr das Argument, das Du gegen Feuerbach verwendet hast?

Das Buch: Wie? Was? Hat da wer was gesagt? Wie dem auch sei, Nietzsche sagt, dass ohne Gott der Übermensch regieren und alle Schwächlinge zerquetschen wird, willst Du das? Im Übrigen sind durch die Quantenmechanik biblische Wunder durchaus möglich, ecco!

Ich: Ist das nicht sowohl ein geradezu groteskes Fehlverständnis der Quantentheorie als auch eine perfide Schwarzweißmalerei der Folgen von Nietzsches Argumenten? Tertium wirklich non datur?

Das Buch: Latein kann ich auch nicht. Jedenfalls haben Kinder eine eigene Sicht auf die Welt, die nicht schlechter sein muss als die der Erwachsenen, sie ist nur anders. Und "Kinder sind keine Atheisten", da! Sie riechen nämlich noch nach der Schöpferhand Gottes.

Ich: Mag ja sein, aber wofür war das jetzt nochmal genau ein Beweis? Ich glaube langsam eine ziemlich unerquickliche Tendenz in Dir wahrzunehmen, Buch.

Das Buch: Tendenzen? Ich? Nie!! Übrigens, die Azteken haben noch bis kurz vor dem Eintreffen der Spanier grausam Menschen abgeschlachtet, die Hindus haben eine "abstoßende" Unmenge von Göttern, und der Buddhismus befasst sich eigentlich nur mit der Existenz des Menschen und bietet ansonsten nur das Nirvana, das heißt soviel wie "Nichts", sind die nicht spinnert? Und ach so, Galilei war ein eitler Fatzke, und dieser Allah ist ein ziemlich ungemütlicher Kerl, findest Du nicht?

Ich: Ähh ... mutig?

Das Buch: Doch kommen wir nun zu den versprochenen Gottesbeweisen.

Ich: Na endlich, ich bin schon ganz kribbelig, und meine Faust fängt an zu zucken.

Das Buch: Thomas von Aquin hat im 13. Jahrhundert gesagt, dass jede Bewegung Folge einer anderen Bewegung ist. Am Anfang muss aber etwas Unbewegtes stehen, das bewegt. Dito für Wirkungen. Außerdem muss es etwas geben, das Etwas war, als alles Nichts war, da aus Nichts nichts entstehen kann, und etwas, das der höchste Superlativ ist, da es sonst keinen Vergleichsmaßstab gäbe, und etwas, das unbeseelte Körper auf ein Ziel hin wirken lässt, und dies alles nennen wir Gott. Ein heutiger französischer Philosoph meint, diese Beweise hielten bis heute "jeglicher" Kritik stand.

Ich: WTF? Jeder Fünftklässler frisch aus der Deutschstunde kann diese logischen und linguistischen Taschenspielertricks auf einem halben Blatt holzfreien Karopapiers widerlegen! Was ist das für ein Schrott?

Das Buch: Die Theodizee spielt übrigens keine Rolle, wg. Freiheit des Menschen usw.

Ich: WTF?!? Was hat es mit meiner Freiheit zu tun, wenn ich in einem Erdbeben zerquetscht werde?

Das Buch: Dein Leid ist eine Bewährung für das Paradies, mein Sohn.

Ich: Das ist doch keine Beantwortung der Frage, sondern das Unterschieben der unbewiesenen Behauptung der Existenz des Paradieses! Und selbst wenn es den Garten Eden gäbe, scheint hier ein ziemlich zynischer Gott durch, nur die Harten kommen in den Garten?

Das Buch: Schsch, noch hundert Seiten ganz neutrale katholische Bekehrungsliteratur. Kant meinte, dass innere menschliche Moral nur Sinn ergibt, wenn die Menschen frei sind, die Seele unsterblich ist und es schließlich auch Gott gibt, wozu sonst die ganze gutmenschliche Plackerei, statt einfach die Sau rauszulassen, wie Stalin, hähä?

Ich: Den alten Königsberger Junggesellen sehr in Ehren, aber auch er macht es sich zu einfach, den Sinn von Moral ohne die Existenz Gottes rundheraus zu verneinen, das könnte aber auch nur daran liegen, dass es bis zu seinem Tod weder Evolutionsbiologie noch Spieltheorie gab, die vielleicht zwei für das Thema wichtige und der Betrachtung eventuell würdige Felder wären, wenn es womöglich beliebt ...?

Das Buch: Spiel- was? Nie gehört! Ohne Gott keine Moral, Simplicio!!

Ich: ...

Das Buch: Jetzt geht's um Echnaton, Moses, Abraham und dass Gott sich seinem erwählten Volk als Person präsentiert hat, um ihm so seine gleichsam körperliche Liebe zu zeigen. "Deus Caritas Est" ist doch eine ziemlich "sexy" Enzyklika, oder nicht? Hehehe!

Ich: Können wir vielleicht kurz über die seltsame Art reden, wie Gott seinem "auserwählten Volk" Israel seine Liebe über die Jahrtausende hinweg gezeigt hat? Oder schlägt er die Juden nur, weil er sie liebt?

Das Buch: Juden? Mein Autor ist doch Katholik und in mindestens drei den Papst beratenden Gremien und Akademien, muss ich irgendwie vergessen haben, im hinteren Klappentext zu erwähnen, vielleicht ist das schlampige Lektorat schuld? Aber lies mal, Gott ist in Jesus Mensch geworden und für uns ganz echt und wirklich am Kreuz gestorben, yay!

Ich: Naja, zur heiligen Trinität hätte ich schon ein paar Fragen. Wenn Jesus und Gott einen Boxkampf ausfechten würden, und der Heilige Geist wäre der Schiri, wer würde gewinnen? Als ich das mal das einzige christliche Date meines Lebens gefragt habe, muss ich sie wohl beleidigt haben, nach dem zweiten Date in einem der besten Restaurants Stuttgarts war sie auf und davon, dabei war das Essen wirklich lecker! Schade ... Aber wie ist das jetzt mit der Menschlichkeit Jesu, wieviel Prozent sind-

Das Buch: Das Konzil von Chalcedon hat 451 festgestellt, dass in Jesus Christus menschliche und göttliche Natur "unvermischt und ungetrennt geeint" sind. Genial, oder?

Ich: Nennt nicht sogar Papst Ratze diese Erklärungsversuche "armseliges Gestammel", wie Du selbst schreibst?

Das Buch: Wo? Ich muss in der Zeile verrutscht sein ... So oder so, Gott ist Liebe, verstehste? Hier haste das große Glaubensbekenntnis von Nicäa, Amen, und alles andere "können Sie vergessen", das ist ein direktes Zitat! Konvertiere oder stirb!!

Ich: Was??

Das Buch: Hä? Max Horkheimer hat gesagt: "Warum soll ich gut sein, wenn es keinen Gott gibt?"

Ich: Mir würden auf Anhieb zwei Hände und ein Herz voll Gründe einfallen, wenn ich länger nachdenke, sicher auch noch m-

Das Buch: Das war eine rhetorische Frage, Ungläubiger, ohne Gott gibt es nur Mord, Orgien und einsame Singles, hast Du's immer noch nicht kapiert? Zum letzten Mal, öffne Dich gefälligst Gottes Liebe!! Vielleicht solltest Du mit dem "eindrucksvollen Film" "The Passion of the Christ" anfangen und Dich dann langsam hocharbeiten ...

Ich: Eigentlich stehe ich ja nicht so auf widerwärtige Folterpornos, und die komplett verlogene Mogelpackung dieses Buches, das unter einem fadenscheinigen Mantel des Vorwandes, Argumente für und gegen die Existenz Gottes zu prüfen, unverhohlen und unappetitlich erzkatholische Propaganda betreibt, macht mir auch so gar keine Lust, mal-

Das Buch: Papperlapapp! In Kunst und Musik zeigt sich doch das Erhabene, und dieses Buch ist ja nur "sehr subjektiv", außerdem habe ich ohnehin "zu viel Respekt vor Atheisten gezeigt", also alles cool, zwinker zwinker! Unterschreib zum Abschluss doch bitte noch hier, hier und... hier.

Ich:

Mein Umgang mit Gott

03.12.2007

Informationen über "Killerspiele"

Ich darf ja aus medizinischen Gründen nichts Eigenständiges mehr zum Thema sagen. Darum beschränke ich mich hier darauf, uneingeschränkt die aufklärerische Arbeit des 21-jährigen Jurastudenten Matthias Dittmayer zu loben, der auf seiner Website Stigma-Videospiele und in einem tollen YouTube-Video Fakten und Verstand dort erstrahlen lässt, wo Geifer und Schwachsinn tyrannisch herrschen. Wer hätte gedacht, dass man mit einer hundert Gramm leichten Maus in Wahrheit gar nicht das Zielen mit einem fünf Kilo schweren Gewehr üben kann, dessen Rückstoß einem das Schlüsselbein bricht?!

Ach so, jeder mit einem funktionierenden Resthirn.

Was die Frage aufwirft, wie ein Beckstein-

Oh-oh, mein Herz. Dann Schluss.

11.10.2007

Eva-TV

Ist das... ist das Ding schon an? Soll ich hier jetzt was r-reinschreiben? Aber ich hätte eigentlich viel lieber noch mein Abendessen- ich bin auch gar nicht- was soll das überhaupt sein, ein "Eva-Herman-Experte", es gibt doch auch keine Experten für den Zahlenraum bis zehn, weil jeder analphabetische Erstklässler- schon gut, schon gut, kein Grund, gleich ausfällig zu werden, ich mache ja schon, hier bitte:

Johannes B. Kerner

Dieser Kerner ist ein Vampir. Und nicht ein romantisch-melancholischer wie Gary Oldman, ein aristokratischer wie Christopher Lee oder ein wehmütig leidender wie Kinski, noch nicht mal ein unfreiwillig komischer wie Blacula, sondern ein Energievampir, der sich an der Lebenskraft seiner Opfer labt, wie Pennywise in "It", nur ein ganzes Stück gruseliger. Mögen sie Eva, Natascha oder Stephanie heißen, mögen sie arm sein oder reich, blöde oder schlau, weltberühmt oder völlig unbekannt, der Vampir wittert gnadenlos ihre Schwäche, führt sie eilig in seine Höhle und saugt sie dann vor aller Augen lüstern aus, sein Konto und seine Erektion in gleichem Maße und umso gewaltiger anschwellend, je mehr staunende Augen seinem obszönen Treiben zusehen. Eins kann man immerhin über die "grausame Zeit" sagen, diesen unendlich abartigen Fetischvoyeurismus hätte der Führer sofort-

Ach so, ich soll ja über Eva Herman reden, hatte schon ganz vergessen, dass meine Aufgabe heute ist, dieses dumme, dumme, dumme Dummchen zu maßregeln, von dem niemand hätte ahnen können, dass es ein komplett totalitäres Weltbild hat, und dessen verbale Speiballen gar unglaublich Überraschendes enthalten, "Hey! Soldiers for Hynkel" kann man schließlich auf so viele verschiedene Weisen interpretieren ...

Eva Herman bei Kerner

In conclusion, the Phooey remarks that for the rest of the world he has nothing but peace in his heart.

Apropos abartig, um einen von meiner einzig einzigartigen Schwester A. sehr zurecht geschätzten Professor im Fernsehen zu erleben, habe ich mir vor kurzem auch eine Maischberger-Sendung zum Thema Scientology angesehen, mit dem erwähnten, wohltuend vernünftigen Religionswissenschaftler Hubert Seiwert, zwei Aussteigern, einer Sektenkritikerin - und meinen absoluten Lieblingen auf der ganzen weiten Welt, Beckstein und Fliege.

Ich bin wirklich, wirklich froh, dass in meinem Haushalt kein Fernseher steht.

Weil ich bei Diskussionen, die ohne den geringsten Hauch einer Ahnung von Sachverstand, ohne die niederste Streitkultur einer tollwütigen Bande Makaken und ohne eine einzige Plancklänge Fortschritt, aber dafür mit googolplexscher Heuchelei - Günther Beckstein, Günther fucking "Lasst die Dreijährige in Kabul krepieren" BECKSTEIN beklagt sich, dass Hubbards Ufokult die Menschenwürde nicht achte - und widerwärtigster Eitelkeit, unangebrachtester Besserwisserei und ekligster "Thesen"scheißerei geführt werden - von der Pferdebremse, wem sonst -, schnell in einen unkontrollierbaren Vernichtungswahn falle, dem statt seiner verdienten Adressaten nur die arme Glotze zum Opfer geraten würde.

Aber dann müsste ich wenigstens nie mehr befürchten, die Pestfl-

Okay okay, zurück zu Eva. Doch was bleibt zu sagen? Nur dies:

Eva Herman passt ins deutsche Fernsehen.

29.09.2007

VIEW-Magazin

Liebe VIEWER,
gute Fotografen und Journalisten sind neugierig. Sie wollen hinter das Offensichtliche schauen und das Unbekannte erklären. Sie glauben fest: Nur wer den Zustand der Erde kennt, kann sie zu einem besseren Ort machen. Unser Fotograf Paolo Woods, 37, ist so ein Mensch. Er war nicht bereit, die gängigen Klischees über den Iran zu akzeptieren. Ist dieses Land wirklich nur ein Regime bärtiger Mullahs, grausam genug, Kinder in den Krieg zu schicken, verrückt genug, die Atombombe zu entwickeln? [...] Ihr Tom Jacobi

Liebe Leser,
gute Blogger und Medienkritiker sind neugierig. Sie wollen hinter das Offensichtliche schauen und das Unbekannte erklären. Sie glauben fest: Nur wer den Zustand des deutschen Journalismus kennt, kann ihn besser machen. Unser Autor Andreas Lazar, 28, ist so ein Mensch. Er war nicht bereit, die gängigen Klischees über "VIEW" zu akzeptieren. Ist dieses Magazin wirklich nur eine Resterampe für Agenturfotos mit Bart, gierig genug, Bottroper Arschgeweihe in Schwarzweiß als "Akte" zu verkaufen, blöde genug, unsagbar dumme und zutiefst beleidigende Vorurteile an den Anfang seines Editorials zu stellen?

Ja.

Vielleicht sollte ich am Montag doch nicht mit Giovanni di Lorenzo reden, sondern Henri Nannen channeln. Zusehen, wie er das jüngste Gericht gegen die Schänder seines Andenkens entfesselt. Gute Fotos davon machen. Und sie dann an "VIEW" schicken.

Ich nehme meine Kamera nach Hamburg mit.

Ihr Andreas Lazar

25.06.2007

Freddie Nukem

Ich gehe auf dem Bürgersteig an der linken Straßenseite nach Hause, denke darüber nach, wie ich den Eintrag direkt drunter am Besten formulieren soll, und lache darum und auch aus anderen, sehr erfreulichen Gründen wohl ein wenig vor mich her. Da schallt es "Schwuli!" von der Straße. Ich drehe mich irritiert um und sehe nur noch ein maximal zwölf Jahre altes Dickerchen in Shorts auf seinem Mountainbike davonradeln.

Wenn Freude schwul macht, bin ich gerne ein größerer Homo als Freddie Mercury. Aber für eine halbe Sekunde wäre ich lieber Duke Nukem, würde dem Pummel hinterherjagen, ihn von seinem Rad reißen, es zu einer Kugel Schrott verformen und ihm mit stählerner Faust und zwei Mundvoll Dreck für immer lehren, was es heißt, seinen Mitmenschen Respekt zu zeigen.

Man wird doch noch träumen dürfen.

03.06.2007

Großraumdisco

Zum ersten Mal in einer solchen gewesen ...

Wenn ich im hässlichsten und deprimierendsten Industriegebiet der Stadt stehe, merkt keiner, dass ich die Arschritze eines Architekten fettig und braun heruntergeflossen und Gebäude geworden bin.

Wenn ich ein Hawaiihemd trage, sieht niemand meinen 50 Jahre alten Bierleib und mein Pädophilengrinsen, umso weniger, wenn ich im Halbdunkel unter der Treppe lauere, um ab und zu unter einen allzu kurzen Rock linsen zu können.

Wenn ich einen gynäkologischen Ausschnitt anziehe, sieht niemand die Angst und das Kind in meinem Gesicht. Oder dass ich keine Ahnung habe, wozu ein Kajalstift gut ist.

Wenn ich mit meinem zwei Nummern zu großen 100-Euro-H&M-Polyesteranzug auflaufe, bin ich der Mac, und ich kann für ein paar glückliche Stunden meinen Sackgassenjob als D2-Handyverkäufer oder Callcenter-Agent vergessen.

Wenn ich die ausgelutschtesten Hits der 80er und 90er auflege, tanzen die Zombies und wundern sich nicht, dass mein letzter kreativer Akt darin bestand, als Zweijähriger mit meinem eigenen A-A Bilder für Mami zu malen.

Wenn ich meine Brust aufpumpe wie ein Frosch, frisst mich hoffentlich kein Storch.

Wenn ich mein gesamtes Geschäftsmodell auf die erbarmungsloseste Offenlegung der Nachtseite der Menschheit auslege, kann ich mehr tröstenden Alkohol verkaufen.

Nie mehr!

27.05.2007

Montserrat Caballé

Sie hat das Gesicht und das Gewicht der späten Montserrat Caballé, doch als sie ihren Mund öffnet, ertönt kein vollkommener Sopran und kein göttliches Pianissimo, sondern eine reibende Stimme, deren natürlicher Ton der der fortwährenden Empörung ist, der der ständig Geschmähten. Nur der rattengleiche Fifi, den sie tatsächlich in die Praktikumsnachbesprechung mitgenommen hat, ist ihr Vertrauter und Freund.

Wäre ich ein Wolf, würde ich diese Schanden der Canidae mit Lust totbeißen.

Es heißt, dass in jedem dicken Mädchen ein dünnes Mädchen und viel Schokolade stecken, aber in dieser Caballé nimmt den allermeisten Platz eine sich selbst überwichtig nehmende Lästertante und unterrespektiert fühlende Renommistin ein. Sie erzählt endlose Schreckensgeschichten von den zahllosen Katastrophen in ihrem Praktikum, wie ihr Betreuer sie vor versammelter Klasse bloßstellte und wie sie und ihre Schützlinge buchstäblich vor verschlossenen Türen standen, und in der Mitte ihrer dritten Passionsgeschichte stehe ich auf und brülle, dass sie verdammt noch mal endlich von ihrer selbstgebauten Klagemauer zurücktreten und der Welt mal zeigen soll, warum sie die gute Behandlung verdient hat, die sie sich wünscht, dass es immer so zurückschallt, wie man hineinruft, und dass sie diesen verdammten Köter zum Teufel jagen und sich einen wirklichen Freund suchen soll, einen, der sie herausfordert und keinen gottverdammten winselnden Welpen, den ich am liebsten eigenhändig erwürgen würde, wenn das sie nur aufrütteln würde, aufrütteln und aufwecken.

Ich setze mich mit rotem Kopf und Schaum vorm Mund, doch alle klatschen, und der Dozent klebt ein Sternchen auf meinen Schein und zeigt mir den "Daumen hoch".

Schade, dass es in Wirklichkeit nur halb so wahr.

02.05.2007

Harvard: Andis Soapbox hat recht

Schon recht, niemand mag den Streber, der neben den rauchenden Ruinen steht und Näh-Näh macht. Und ich will mich wirklich mühen, weniger zu schimpfen und mehr zu erklären, warum ich wüte. Und das Paper lässt in seiner akademischen Tiefe erstaunlicherweise durchaus zu wünschen übrig.

Aber dass die offene und demokratische Gesellschaft Israels zum Dank für ihre Transparenz während des Libanonkrieges im letzten Jahr von der westlichen Öffentlichkeit wiederholt ungewollt in den Arsch gefickt wurde wie ein Schweizer Buchhalter in einer Zelle mit dem dreifachen Raubmörder Bubba McRagecock, während der Terrorist, Despot, Sektierer und Menschenschlachter Hassan Nasrallah und seine iranischen Sponsoren brüllend lachend danebenstanden und warteten, bis Bubba zwei Stunden später auf Knien angekrochen kommen, mit einer lächerlichen Fistelstimme aus seinem 200-Kilo-Leib und unter Tränen darum bitten, darum flehen würde, es ihm so richtig, so wirklich richtig zu besorgen, das habe ich mindestens dreimal geschrieben.

Und es ist schwer, angesichts dieses täglichen Geschehens, bis heute, bis heute sind die zu Beginn des Krieges entführten israelischen Soldaten Goldwasser und Regev nicht frei, nicht instinktiv die Faust um einen Stein zu ballen, um dieses widerwärtig feige und fette westliche Schwein endlich zu erlegen.

Doch wer nicht König Davids Glück hat, muss Krieger hinter sich haben.

Also lest das Paper.

01.04.2007

Westdeutschlandreise, Teil 1

Wieder mit dem Zug unterwegs. Ich bin kaum in den Intercity gestiegen, da lacht sie mich schon an. Ihre langen blonden Haare flattern im Gebläse der Klimaanlage. Ihre Augen leuchten tausendfach schöner als der Rhein, und weit verführerischer als die Ströme schmiegen sich ihre Kurven. Als wir langsam die Loreley passieren, muss sie kichern, und es klingt wie Glocken aus Kristall. Ich lege zärtlich meinen Arm um sie und küsse leidenschaftlich ihren Erdbeermund.

Bis ich in Köln umsteigen muss, bleiben unsere Lippen und unsere Herzen unzertrennlich, und nur die Bilder unserer kurzen, aber umso heftigeren Liebe können mich heute über ihren Verlust hinwegtrösten. Lasst mich eins mit Euch teilen.

Sie und ich

Wann immer ich in Bahnhöfen auf meine Anschlüsse warten muss, gehe ich in die örtlichen Zeitschriftenläden, um womöglich ein neues Magazin kennenzulernen, ein gutes Buch zu finden oder mich wenigstens über all die absurden Titel und Nischen zu amüsieren, die es gibt. In Aachen aber wandelt sich mein Amüsement zum vielleicht ersten Mal bewusst in Irritation, Befremdung, ja Abscheu. Nicht genug, dass der deutsche Journalismus sich, wie erst kürzlich an dieser Stelle referiert, heute schon auf seinen eigenen Titelblättern und -bildern intellektuell wie emotional komplett bankrott meldet, wenn er nicht gerade seinen Lesern einen Fuß ins Gesicht und eine Hand in die Tasche schiebt; nein, der deutsche Buchmarkt steht ihm darin in nichts nach.

Ich fange erst gar nicht von den Heidenreich-Bestsellern an, Titel wie "Rauchen ist gar nicht schädlich! Dr. Marlboro", "In Deutschland habt Ihr es doch gut, liebe Juden. Hadolf Itler" und ähnliche Schnullerliteratur für scheinbar Erwachsene machen sich schon von selbst lächerlich genug, aber dass es heutzutage hunderte Seiten starke Ratgeber für alles und jeden und auch das genaue Gegenteil gibt, erschreckt mich doch einigermaßen. Ist es wirklich schon so weit, dass der Rudi zehn Diagramme braucht, um zu lernen, wie man sich seinen Arsch auswischt, dass die Uschi sich von einer "Sexpertin" schreiben lassen muss, dass man Penisse nicht wie Grapefruits ausquetscht, und dass der Ulf-Jürgen nachlesen muss, dass Selbstbewusstsein im Job, in der Liebe und auch auf dem Wochenmarkt weiterhilft, wo der moderne Köln-Kalker natürlich am liebsten in riesigen Mengen Bärlauch und Pinienkerne kauft, was denn sonst? Müssen wir uns wirklich schon den Schwanz beim Pissen halten lassen? Und wenn es so ist, was hindert den bösen Terrormann dann eigentlich noch daran, uns endlich zu erobern, und zurecht, oh so zurecht? Unendliche Müdigkeit umfängt mich.

Fast erfrischend ist es inmitten all solcher nackten Heuchelei, perversen Geldgier und obszönen Menschenverachtung, vor dem Tittenregal zu stehen und sich zu informieren, warum Anja (23) aus Schwäbisch Gmünd vom "Po-Sex" auch dreimal am Tag nicht genug kriegen kann, warum jeder auf Waltrauds (55) unheimlich und wirklich gewaltig großen Hängebusen ejakulieren sollte und wie die "schwarze Perle" Keisha (19) aus Halle-Dautzsch es mir besser als jede andere besorgen wird, "bis der Kolben bricht". Bei den Titten maßt man sich wenigstens noch nicht an, besser als der Leser wissen zu wollen, wie die Welt funktioniert, und muss die "Hiroshima-Bombenärsche" auch nicht hinter 2.000 Zeilen Geseier vor ihm pseudoverstecken wie im "Spiegel", sondern holt ihn dort ab, wo er buchstäblich steht, und sorgt so für Befriedigung beim Käufer und Verkäufer gleichermaßen. Trotz sinkender Auflage der einschlägigen Zeitschriften scheint das Internet wie in so vielem auch hier dafür zu sorgen, dass ehrlicher, seine Kunden ernstnehmender Handel vorerst noch die Angriffe von allen Seiten überleben wird, und so steige ich in den Zug in die Niederlande, beruhigt, dass solange die allermeisten, die von Suchmaschinen auf mein Blog kommen, weiter Muschis und keine Katzen sehen wollen, es auch genug andere geben wird, die ihnen genau jene verkaufen werden und nicht diese:

Eine scharfe Muschi

Irgendwann passiert die Regionalbahn die Grenze, und ich weiß gar nicht wo, und ich bin immer noch nicht fertig, mich zu wundern, wie wenig sich die Europäer über diese weltgeschichtlich fast einmalige Anomalie wundern, ausgerechnet die Europäer, die noch jede Grenze, ob auf ihrem oder allen anderen Kontinenten, in tausendfachem Menschenblut gezeichnet haben, da bin ich schon mit einem der etwas abgeratzten niederländischen Züge durch den Sonnenuntergang nach Maastricht gefahren und werde von Freundin A. abgeholt, deren Lobpreis selbst den länglichen Rahmen dieses Eintrages bis in die Exosphäre sprengen würde. Darum folgt hier nur noch der Punkt.

30.03.2007

Amerika, Dich hasst sich's besser

Mehr Deutsche fürchten sich vor den USA als vor dem Iran.

Claus Christian Malzahn schreibt dazu ausgerechnet im "Spiegel" die Erwiderung, die ich auch gerne verfasst hätte, nur weniger höflich. Ich beschränke mich daher auf ein kurzes Gleichnis:

Wer als Deutscher allen Ernstes glaubt, dass von den USA eine größere Gefahr für den Weltfrieden ausgeht als vom Iran, würde auch seinem Raubvergewaltiger auf Knien, auf Knien danken, dass er dabei zusehen durfte, wie dieser zuerst die einjährige Tochter ausgeweidet und aufgegessen hat, sein Grinsen von Blut und Knochen seines eigenen Kindes gesprenkelt. Und er verdient genau diese Behandlung, genau diese.

Hey, diese neuen Anti-Aggressionspillen funktionieren super, mein Puls ist nie höher als 85 gestiegen!

Ich beim Abendessen