09.04.2026
Andis Kritiken #60: Der Tod in Venedig (1911)
22.06.2021
Chrysalis
Ich weiß, Skepsis ist angebracht angesichts der unten zu besichtigenden Ruinen früherer Versuche, das Blog zu reaktivieren, nachdem es eigentlich schon spätestens seit 2009 in einem großen Niedergang der Postingfrequenz begriffen war, bis zu den letzten schwachen Zuckungen und vergeblichen Versuchen in den Jahren 2010 und 2011, den Leichnam zu reanimieren, die vom Rigor Mortis bereits steifen Glieder nur einmal noch zu beugen. Große Skepsis. Beim Wiederlesen und Aufräumen meiner alten Einträge taten mir am meisten meine treuen Leser:innen leid, die sich in vielen Kommentaren neue Posts wünschten, aber Woche für Woche, Monat für Monat und schließlich Jahr für Jahr bitter enttäuscht wurden. Darum möchte ich weit ausholen, um nachvollziehbar zu erklären, wie ich zum heutigen Punkt und dem Entschluss, zu versuchen, mein Blog neu zu starten, gekommen bin, und warum ich glaube und hoffe, dass der Versuch diesmal von Erfolg gekrönt sein wird.
Wirklich weit.
In die ganze Geschichte meiner Beziehung zum Internet. Die irgendwie auch die halbe Geschichte meines Lebens ist. Und damit auch die dieses Blogs. Yeah. Also holt Euch Popcorn und lehnt Euch zurück, denn ich bin jetzt alt, und es wird lang.
Archaikum
Wir tauchen also vom Olymp tief in die Nebel der Vergangenheit hinab, zuerst in die Zeit noch bevor ich mein Abitur im Jahr 1998 schrieb. Mit dem Internet kam ich zum ersten Mal regelmäßiger in Kontakt, als ich wohl im Jahr zuvor ein Referat über Napoléon Bonaparte für meinen Französisch-Leistungskurs erstellte und zur Recherche den einen Schulcomputer nutzen durfte, der ans Internet angeschlossen war. Ich schrieb fleißig Napoléon-Fakten von primitiven GeoCities- und Angelfire-Seiten ab, wälzte Bücher, machte teure Overhead-Farbkopien von so informativen wie beeindruckenden Gemälden wie "Le Sacre de Napoléon" und wurde schließlich für meine Mühen mit einer sehr guten Note belohnt. Das Internet war so damals nur eine eher statische Informationsquelle von vielen für mich, aber dennoch eine recht nützliche.Irgendwann danach, vielleicht 1998 oder 1999, bekamen wir zuhause Internet. In ISDN-Geschwindigkeit. Auf unserem einen Desktop-Computer im Wohnzimmer. Mühsamst und fragil über DFÜ (vielleicht) installiert. Und auch nur für Deutschland vergleichsweise früh, weil mein Vater, der zuvor bei IBM gearbeitet hatte, sich nun als IT-Berater selbstständig gemacht hatte und heimischen E-Mail-Empfang brauchte. E-Mails und Besucherzähler auf Tripod-Seiten waren unsere Webwelt. Ich wiederum ging nach dem Abitur zur Bundeswehr, wo man schon über funktionierende Leitungen zum Telefonieren froh sein konnte, und suchte dabei nach einem Studium, das ich beginnen könnte. Der nach heutigen Maßstäben (hoffentlich) rückständige IT-Kurs in meiner Schule hatte mir gut gefallen, die Arbeiten am Computer interessierten mich trotz aller Frustrationen mit unseren Modems, und die Erzählungen meines Vaters klangen spannend, so dass ich mich schließlich (naiv) für Softwaretechnik an der Universität Stuttgart entschied.
Proterozoikum
Für dieses Studium brauchte ich natürlich einen eigenen Computer, den ich stolz bei einer Lidl-Aktion erstand und in seiner sperrigen Klobigkeit heimschleppte, und einen eigenen Internetanschluss, damals noch per Minute und/oder Megabyte abgerechnet. Anfangs waren noch nicht viele Studienressourcen online, aber das frühe Web faszinierte mich, so dass ich bald selbst begann, eine Homepage mit blinkenden Logos und rotierenden Zählern zu erstellen. Diese Seite ist leider nirgendwo mehr erhalten, aber aus diesen ersten Gehversuchen entstand nach kurzer Zeit meine alte Filmwebsite Moviebazaar, die heute noch online, wenn auch mittlerweile seit Jahrzehnten nicht mehr aktualisiert ist [Notiz an mich: Moviebazaar aktualisieren, noch Milch kaufen].Der Wunsch, über Filme zu schreiben kam mir zum einen, weil ich damals wie heute Filme lieb(t)e, mindestens jede Woche ins Kino ging und mich oft über die allzu oberflächlichen, jubelnden und/oder missverstehenden Kritiken in Zeitungen und Zeitschriften ärgerte. "Das kann ich besser", dachte ich und versuchte, dieses Versprechen in am Ende über 200 Kritiken und zahlreichen Filmspecials wahr zu machen. Es half meiner Motivation, dass ich gleichzeitig viel im Usenet, vorranging in Gruppen wie de.rec.film.misc, unterwegs war, wo leidenschaftlich über Filme diskutiert und gestritten wurde. Ich habe oft gesagt, dass ich online ein Foren- und Kommentargorilla bin, 500 Pfund pure Diskussionsmuskeln, vernichtende Blicke und spitze Zähne. Zuerst dazu gestählt wurde ich in den Flamewars des Usenets. So wurde das Internet in dieser Zeit für mich zu einer Plattform der kreativen Verwirklichung wie auch zu einer des mehr oder weniger gesitteten und lehrreichen sachbezogenen Austauschs.
Paläozoikum
2004 wechselte ich unter turbulenten Umständen mein Studium zur Technikpädagogik (Lehramt für Berufsschulen) mit dem Hauptfach Informatik, wofür ich einige meiner Softwaretechnikleistungen anrechnen konnte, und dem Nebenfach Politikwissenschaft, das meinen Interessen mehr entgegenkam. Im neuen Umfeld und auf dem Campus Stadtmitte, der mir bedeutend menschenfreundlicher als die stalinistisch-brutalistische Architektur des Vaihinger Hauptsitzes der Uni Stuttgart erschien, lebte ich auf und lernte bald viele neue Freunde kennen, wozu auch mein erneuertes Engagement in der Theatergruppe der Uni beitrug. Ich ließ meine Haare lang wachsen, trug experimentell Herrenröcke und knutschte und feierte viel, wofür ich auch manche Vorlesung am nächsten Morgen sausen ließ - nicht mehr wie früher aus Verzweiflung über unverständliche Inhalte und dem Gefühl, in einer dunklen Sackgasse zu stecken, sondern wegen eines handfesten Katers. Gute Zeiten.Doch mittlerweile war mir der Drive ausgegangen, nach jedem Film gleich eine Kritik zu schreiben und auf Moviebazaar zu veröffentlichen, und ich hatte auch nicht mehr die Zeit noch die Lust, jede Woche teils mehrmals ins Kino zu gehen, zumal es mir manchmal so vorkam, als hätte ich nun jede mögliche Geschichte schon einmal gesehen. Aber mein Mitteilungs- und Ausdrucksdrang war groß, und so kam am Valentinstag 2005, in jenem Interregnum der Blogs zwischen der GeoCities-Anarchie und der mit MySpace aufziehenden Social-Media-Tyrannei, Andis Soapbox mit diesem letztlich programmatischen Eintrag in die Welt.
I entered this world on the Champs-Élysées, 1959. Sur le trottoir des Champs-Élysées. And you know what my very first words were? New York Herald Tribune! New York Herald Tribune!
Ich hatte viel zu sagen und zu erzählen und zu wüten. Warum wir mehr auf die Wissenschaft hören sollten. Warum Konsumismus nicht über innere Leere hinwegtrösten kann. Warum wohl unsere Werteentkernung und unsere Angst vor dem Tod uns so anfällig für freiheitstötende Terror"bekämpfung" machen, ein in vielen Aspekten betrachtetes Lieblingsthema dieses Blogs. Wie ich durch Deutschland fuhr, um FreundInnen zu besuchen, und was ich dabei Gutes und weniger Gutes sah. Aber auch, immer wieder und trotz der guten Zeiten, wie ich mich, wenn auch noch oft verneint, nach tiefer Liebe sehnte (mehr Links dazu im Proterozoikum). Der Zeit der Rants in den Jahren 2005 und 2006 folgte so, nachdem ich mich in Dutzenden Einträgen ausführlich über alles ausgelassen hatte, was mich störte und aufregte, etwa ab 2007 die Zeit der Sehnsucht, begleitet von sowas wie einer kopernikanischen Wende meiner Soapbox, weg vom bloßen Wüten, hin zu mehr Versuchen der Erklärung und Überzeugung. Vielleicht kein Zufall, dass ich mich zu dieser Zeit auch mehr im Hochschuldebattieren engagierte, bis hin zu einem im Nachhinein in vielerlei Hinsicht für mich sehr wichtigen Bildungsroman bei der Debattier-WM in Cork.Für eine kurze Zeit fand ich im Jahr 2009 Liebe. Doch wie es so ist, durch Beziehung, Debattieren, Theater, das endlich nahende Ende meines Studiums und anderer Prioritäten mehr blieben mir immer weniger Zeit und Energie zum Bloggen, zumal ich wieder das Gefühl hatte, erstmal alles gesagt bzw. beschrieben zu haben, worauf ich hinweisen wollte. So degenerierte Andis Soapbox immer mehr zu einer Link- und Kurzkritikenfarm mit nur noch gelegentlichen interessanteren Lichtblicken, die dann auch meine in früheren Jahren gewonnenen, nun entwöhnten Leser:innen mehr anregten. Doch auch diese Funken konnten nicht verhindern, dass mein Blog im Herbst 2011 sein Licht aushauchte. Wie es ein Kommentierender leider treffend ausdrückte: "Boot steigt kurz an und sinkt dann wieder auf Grund". Zurück blieb erstmal Asche. Internet und Seele hatten in dieser Ära nicht mehr so geklafft, aber je mehr es meine Seele davonzog, desto weniger leuchtete hier ein Licht.
Mesozoikum
Nach meinem Abschluss als Diplom-Gewerbelehrer arbeitete ich erstmal einige Jahre als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Berufs-, Wirtschafts- und Technikpädagogik des Instituts für Erziehungswissenschaft der Uni Stuttgart in einem Projekt zur Kompetenzentwicklung von Berufsschüler:innen. Ich debattierte um einiges härter und mehr auf dem internationalen Parkett, wo ich endlich Bester Redner in Englisch als Fremdsprache der Weltmeisterschaft 2011 wurde und in insgesamt 17 nationalen und internationalen Finals stand, von denen ich, Michael Ballack, jedoch nur wenige gewinnen konnte. Beruflich konnte ich mich weiterentwickeln, indem ich mich erfolgreich bei der Europäischen Union bewarb, wo ich nun seit 2014 beim Statistischen Amt der EU, Eurostat in Luxemburg, an Folgenabschätzungen und anderen Bestandteilen der Modernisierung der europäischen Landwirtschafts- und Fischereistatistikverordnungen arbeite. 2012 trat ich der SPD bei (zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich dafür betrunken gemacht wurde), was wenigstens den einen unabweisbaren Vorteil hatte, dass ich in dem Jahr über ParteifreundInnen J. traf. Wir heirateten 2016 mit einem sehr schönen Fest und haben 2018 und 2021 Kinder bekommen. Sehr sehr gute Zeiten.Trotz oder wegen dieses privaten und beruflichen Glücks spürte ich, dass ich immer noch bzw. wieder einiges zu sagen hatte, und tat es nun in sogenannten sozialen Medien wie Facebook und ab Ende 2019 auch auf Twitter (mein Twitter-Handle hielt die Erinnerung an diesen Ort wach). Nachrichten, Persönliches, Politik, Religion, Debattieren, die Organisation der Ehemaligen Staats-Sicherheits-Angehörigen (GEZ), zu vielem schrieb und meinte ich und diskutierte hitzig mit FreundInnen und Bekannten in "nach unten offenen Kommentarspalten", Löchern für Zeit. Dem intimen und fruchtbaren Austausch mit wenigen Stammleser:innen meines Blogs in dessen Kommentaren folgte so ein weiter gefasster, manchmal produktiver Diskurs, auf Facebook noch sinnvoller als auf Twitter, wo man aufgrund der katastrophalen Threadnavigation oft nicht mal erkennen kann, wer gerade wem worauf antwortet, vom viel weiter und daher viel dümmer gefassten Publikum gar nicht erst zu reden.
Doch nach einigen Jahren, zumal in der Coronapandemie, die auch mich zum Innehalten brachte, und angesichts dessen, was die "sozialen" Medien für Profit an Katalyse extremer, tödlicher Denk- und Handlungsweisen fördern, traten bei mir auch auf diesen Plattformen Ermüdungserscheinungen auf. Wem gehört eigentlich, was ich schreibe? Wer kann es lesen, wenn es nur für "Freunde meiner Freunde" sichtbar ist, und wegen der Kapriziosität der Ranking-Algorithmen auch nur für einen Bruchteil davon? Und sollte ich mich nicht lieber wieder mit wenigeren, geschätzteren Diskutant:innen austauschen statt u.a. mit Selbstdenker88 und Peter Abtreibungspranger? So versiegte auch auf Facebook und Twitter mein Meinungsstrom langsam, auch wenn ich immer noch nicht weniger Meinungen hatte als früher. Meine Äußerungen und die Informationen über mein Leben auf Facebook und Twitter waren nun mit meinem tatsächlichen Sein weitgehend kongruent, aber ich fühlte mich nicht mehr mit dem Medium wohl. Ich begann, nach einem neuen Weg zu suchen, mich zu vermitteln, mit mehr Kontrolle über meine Outputs und einem hoffentlich genauer gezeichneten Leser:innen- und Gesprächspartner:innenkreis. Die Antwort lag erstaunlich nahe, ein Phönix rief.
Känozoikum
Die Larve verpuppt sich in der Chrysalis, und in einem Prozess der Liquefaktion wird sie erst fast ganz flüssig, bevor sie die Imago neu aufbaut und endlich als schöner Schmetterling schlüpft (Metamorphosen sind nur als Metaphern romantisch). Ich war ein verstockter Computer- und Filmnerd, bevor ich ein extravagantes drama kid und ein feurig zürnender Blogger wurde. Dann verflüssigte ich mich wieder und schlüpfte endlich als Hardcore-Debattierer und empirischer Wissenschaftler. Ich häutete mich wieder und wieder und wurde Facebook-Meinender, EU-Beamter, Ehemann und Vater, mein Embourgeoisement vielleicht zum Hohn einiger meiner früheren Ichs nun fast komplett, doch mein Glück ganz. Meine Präsenz im Internet reflektierte dabei so oder so meine Einstellungen, meine Interessen, meine Zeit und auch Moden. Und nun, mittwegs auf meines Lebens Reise, finde in Andis Soapbox ich mich wieder verschlagen.
Das Schöne an einer Seifenkiste ist, dass sie an sich nichts impliziert, was man auf ihr stehend sagen sollte, außer in bescheidener Faktizität einen erhöhten Punkt zum Sprechen anzubieten. Ich weiß nicht, wie oft ich die Zeit und die Inspiration haben werde, hier mein altes Megaphon aufzunehmen und etwas Neues zu sagen, das Leben, von dem ich mir in manchem alten Eintrag mehr gewünscht hatte, umarmt mich nun jeden Tag wie ein Grizzlybär, durchaus sehr warm und herzlich, aber die Umarmung abzulehnen wäre eine extrem schlechte Idee; zuerst werde ich, nachdem ich nun bereits alle alten Blogeinträge aufgeräumt, endlich vollständig gelabelt und meine tauglichsten Entwürfe hier und da in die Jahre eingestreut habe, in denen ich sie verfasst hatte, meine besten Texte aus Facebook, Twitter, Foren und von meinen Festplatten hier einpflegen (und euch darauf hinweisen), um ein möglichst lückenloses Archiv und eine Referenz meiner wichtigsten Online-Äußerungen an einem Ort zu haben, sowie ein paar weitere hoffentlich erfolgreiche Schreibprojekte verfolgen, was mich noch eine Weile beschäftigt halten dürfte. Dann möchte ich manches zu Manchem sagen, das ich in den letzten zehn und mehr Jahren erlebt oder gesehen habe oder das mich schon länger beschäftigt, und danach noch zu den Dingen, die passiert sein werden, nachdem ich mit all diesen Zusammentragungen angefangen habe. Und dann - werde ich vielleicht wieder denken, dass ich nun alles gesagt habe, was ich sagen wollte, und mich womöglich neuen Ufern zuwenden, neuen Formen, in eine neue Puppe spinnen und wieder liquifizieren. Alles, was ich Euch daher anbieten kann, das einzige Versprechen, das ich geben kann, ist, als der Schmetterling, der ich heute bin, mit Euch zu fliegen, in den blauen Himmel hinein.
Aber das sicher.
In diesem Sinne: Excelsior!
06.03.2012
Geeks and Patriarchy
The narrative goes something like this: Geeks are smarter than everyone else, and ladies like hot, not smart, so geek men have almost no contact with women until they become adults. They're socially stunted and bitter about their lifelong rejection by women, so they lash out at women to make themselves feel better. [...]
The problem with this narrative and how it functions in conversations about geek misogyny is that the hypermasculine standard that leads to geek men feeling disenfranchised while growing up is the result of a patriarchal culture. By becoming misogynists, geek men actually reinforce the sexist standards that lead to them getting beat up or made fun of as kids. Patriarchy is still to blame.
31.10.2011
Those were the days 8 1/2, Retardierung und Dénouement
"Hallo? Ist da jemand? Andi? Hallo?! Das ist so hell hier, ich kann gar nichts-"
Ich dachte, ich räume die Bühne meines vergangenen Lebens mal leer, um einen unverstellten Blick auf die aus ihm erwachsene Erkenntnis zu ermöglichen. Und Du musst ja nicht gerade mitten in den Scheinwerfer blicken.
"Hm. Retardierung? Dénouement? Bühne Deines Lebens? Erwachsene Erkenntnis? Offenbar ist Dir noch nicht erwachsen, dass solcher Obskurantismus Dich zu lesen alles andere als leicht macht. Ich höre mich ja selbst schon wie Du an!"
Niedlich. Aber wenn Du erlaubst, lass uns doch mit der Geschichte aus dem letzten Teil fortfahren.
"Hmpf. Klar."
Sie hat das Telefon also nie mehr abgenommen. Und auch auf Mails, Karten, Briefe ... nicht reagiert. Besuchen wollte ich sie nicht, um sie nicht mit meinem Dasein zu überfallen, wirklich wahr. Ich verstritt mich inzwischen mit No, der, warum auch immer, partout nicht glauben wollte, dass Oddjob mehr als nur Freundschaft mit Honey wünschte, und mich einen Stalker genannt hatte. Er spricht bis heute nicht wieder mit m-
"Halt mal. Stalker?"
Ich habe mich nicht in den Büschen vor ihrer Wohnung versteckt oder sowas. Aber ich verstummte und starrte, wenn wir uns zu mehreren mit ihr begegneten, sah andere, die mit ihr sprachen, böse an, hatte im Kopf nur mehr sie, sie, sie, rief sie an, umso öfter, je weniger sie erreichbar war ... Du weißt, dass ich keinem Käfer den Panzer krümmen würde. Aber das war alles andere als gesunde Verliebtheit, wenn das kein Oxymoron ist. In meiner absoluten Hingabe, meiner absoluten Aufgabe und ihrem absoluten Mysterium, ihrer absoluten Unklarheit hatten sich wirklich zwei gesucht und gefunden, a match made in hell, wie wir Pseudoangelsachsen sagen. Die Katastrophe war so unausweichlich wie in einer griechischen Tragödie, und wie in jener hat jeder Versuch, sie abzuwenden, ihre Folgen nur noch schlimmer, die Götter nur noch zorniger gemacht. Wie immer haben die ollen Hellenen auch hierin und hierzu schon alles gewusst und gesagt, vielleicht verstehst Du ja jetzt, warum ich sie so mag.
"Man sucht und findet sich, nicht wahr? Man versucht davonzurennen und läuft doch nur im Kreis, gerät immer wieder an dieselbe, für einen mehr als schlechte Sorte Mensch ... letztlich sind das ja nur Versuche, vor sich selbst davonzulaufen, die natürlich scheitern müssen."
Gut, Unbewusstes, ich habe Dich viel gelehrt. Wir wollen an dieser Stelle nicht spekulieren, wie es kam, dass ich war, wie ich war, wer kann das schon ganz ermessen, und manches soll selbst in diesem Rahmen privat bleiben, es reicht hier, zu sagen, dass mehrere unglückliche Umstände zusammenkamen, endo- und exogene, wichtig aber und einer der Gründe, warum diese Serie entstanden ist, neben der Selbsterkenntnis des Schreibens und der Unterhaltung, natürlich, ist, wie immer auf unserer Soapbox, die Belehrung und die Besserwisserei, am allerliebsten durchs Megaphon.
"Dann megaphone mal."
Gern und gleich, mein Baby. Aber zuerst: Irgendwann hat sie sich doch wieder gemeldet, schrieb, dass sie, ich weiß es nicht mehr genau, glaube aber, die "Freundschaftsverwirrungen" oder so leid war und sich einfach eine Zeitlang ausklinken wollte, und mit keinem Wort erwähnte sie mein Liebesgeständnis. Die Welt ging inzwischen unter, es war der 11. September 2001, acht Tage vor meinem Geburtstag. Auch an jenem Tag rief und rief ich sie an, vergebens.
"Glaubst Du, Du hattest ein Anrecht auf Antwort?"
Nein, und das ist vielleicht eine der schwersten Lektionen, die man lernen muss, dass es manchmal nicht mal für einen selbst Antwort gibt. Man öffnet sich wie nie zuvor im Leben für einen Menschen, mit grützeweich zitternden Knien, und statt einer Reaktion, irgendeiner, die einem zeigt, dass man am Leben ist, dass man da ist, und wenn es Hass ist, kommt- nichts. Das ist hart, in einer Konstellation wie meiner doppelt und dreifach, aber im All hört Dich keiner schreien.
"Du willst darauf hinaus, dass man sich selbst vergewissern muss, dass man am Leben ist? Dass man selbst da sein muss, für sich da sein?"
Vielleicht ist das mein Mantra. Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild, weil er sich selbst nicht erkannte, und er warf sein Leben in den See, vegetierte leer, eine tote, glotzende Hülle. Und auch, wie Freundin K. uns lehrt, soviel Weisheit aus so schönem Munde, selbst wenn sie gesagt hätte, sie liebte mich, sie hasste mich, das sind so große, schwere Worte für so kleine, leichte Menschen, es ist hier wie dort: Das Absolute gibt es nicht, sondern das Leben. Oh, und wie es das gibt, oh, Baby! Warum sich dieses herrliche, dieses im wahrsten Sinne des Wortes wunderbare Dasein durch Angst, durch Minderwertigkeitsgefühl, durch schwaches Selbstbewusstsein verderben lassen? Umarme Dich selbst, und die Welt wird Dich umarmen!
"Schön, Guru, schön. Das sagt sich so leicht, alles so leicht. Was aber soll jemand, der jetzt so ist, wie Du einst warst, tun?"
Ja, heimleuchten ist einfach, aber dem Licht folgen muss man doch selbst. Nachdem sie sich wieder gemeldet hatte, war ich einen Moment eifersüchtig auf einen weiteren Freund, der mir etwas von ihr zu wollen schien, was über drei Ecken zuerst No und dann sie mitbekamen, worauf sie in einer Mail an mich vor Wut fast explodierte, von ihrer und jedes anderen Warte aus muss ich auch reichlich wahnsinnig erschienen sein, und sie brach den Kontakt erneut ab, nachdem sie zuvor schon wieder weniger erreichbar geworden war. Ich sah sie zufällig einige Monate später in der Stadt, stotterte etwas und sie schwieg, und absichtlich noch einige Monate später, ich war zwei Stunden von mir zuhause zu ihr zuhause gegangen, eine Rose in der Hand, sie versprach, sich bei mir zu melden, hinein ließ sie mich nicht, gemeldet hat sie sich nicht, nie mehr. Im Mai jenes Jahres, es waren mittlerweile fast zehn Monate, seit ich ihr gesagt hatte, dass ich sie liebte, hatte ich den ersten und einzigen Nervenzusammenbruch meines Lebens, auf der Feier eines ehemaligen Mitschülers im Waldheim musste ich vor der fröhlichen, glücklichen, grinsenden Menge erst auf den Fußballrasen und dann nach Hause fliehen, aus Liebeskummer flennend durch die laue Nacht. Es ging mir noch zehn Monate schlecht danach, die triste Informatik und die tristeren Informatiker taten ihr Übriges, und mein Talent, mein unseliges zum Selbstmitleid, konnte sich voll entfalten.
"Und dann? Wie bist Du auf die Straße nach Damaskus gekommen?"
Ich wünschte, ich könnte voller Stolz und Würde berichten, wie mich Jesus, Scientology, Schlangenöl auf den Highway zur Selbstliebe und Erleuchtung geführt haben, doch der Pfad war noch lange steinig und eng, und die guten Menschen, die ich endlich traf und die ihn mit mir gingen, hatten bisweilen mit ihm und mir zu kämpfen, auch wenn alle meine Konflikte natürlich kein Vergleich mit existentiellen Dramen zum Beispiel missbrauchter Frauen oder terrorisierter Männer waren. Das machte mein Erleben aber natürlich nicht weniger schmerzlich. Schließlich ging es, langsam, aber stetig aufwärts, die Zeit heilte, ich gewann Selbstbewusstsein, ich küsste, ich hatte endlich Sex, ich wechselte, unter turbulenten Umständen, ohne die geht es bei mir nie, mein Studium, ich kam aus dem Tal der absoluten Illusionen ans goldene Licht der Realität und streckte meine Glieder zur Sonne, meine Nase. Ich war glücklich geworden, hatte einen Partner fürs Leben gefunden: mich.
"Ja, aber WIE DENN?"
Meinst Du nicht, ich wäre längst mit dem Schlangenöl zur Selbstliebe reich geworden, wenn es das nur gäbe? Selbst wenn The Man nicht alles täte, um es sofort nach Erscheinen zu verbieten und zu vernichten, wer würde denn noch seine dicken Autos fahren, seine teuren Pelze kaufen, seinem feisten Führer gehorchen müssen, wenn er doch sich selbst hätte, immer sich selbst und seine Liebe? Wahre Liebe, umso mehr von einer anderen Person unabhängige, macht unendlich frei, das ist die Lösung dieser hier gestellten Hausaufgabe, nur sechseinhalb Jahre verspätet.
Man wird so wenig leicht von einer traurigen, bleichen Raupe zu einem strahlenden Schmetterling, wie jene es selbst wird. Die Chrysalis zu spinnen verlangt das ganze Können des Wurms. Aber sie wird schön, golden schön, und aus ihr schlüpft ein herrliches, leuchtendes Wesen. Weil die Larve das tut, worin sie gut ist.
"... ... ...Und das war's? Der große, fulminante Abschluss der längsten und bedeutendsten Serie Deines Blogs ist der Rat, sich in einen Kokon aus Material einzuspinnen, das man aus seinem Arsch gepresst hat? DAS WAR'S?"
Ich fürchte ja. Etwas enttäuschend, oder?
"ETWAS?!?"
Dann ist die Wirklichkeit enttäuschend. Die unspektakuläre Realität des Sichliebenlernens, der Anerkennung seiner Stärken, der Arbeit an seinen Schwächen, des stetigen Zens der Weltversenkung. Sicher, James Bond braucht das nicht, er nicht. Aber jeder Mensch.
"...So schließen wir, richtig?"
Ja.
03.07.2009
Nerd
Wer Sonnenuntergangszeiten für Stuttgart googelt, ist doof.
Ein Nerd, den ich aus meinen Italienischkursen kenne, ist auch fast jeden Tag da. Er spricht auch Französisch, zu einem Mädchen einen Computer entfernt, wie sein Italienisch grammatisch und vokabularisch richtig, aber seltsam künstlich, trocken, wie ohne Seele. Er trägt schwarze Schuhe und schwarze Socken, hat dünne weiße Beine in schwarzen Shorts, ein gestreiftes Poloshirt, eine Brille und Haar wie blonde Stahlwolle. Seine Stimme ist eher hoch, und manchmal springt er auf und hilft.
Er hilft Mädchen, sich einzuloggen.
Er hilft Mädchen, sich auszuloggen.
Er hilft Mädchen, Dokumente zu drucken.
Er hilft Mädchen mit USB-Sticks und mit Laptops, mit Büchern aus der Bibliothek und mit schweren Tragetaschen.
Er hilft, Mädchen.
Und nach jeder Hilfe ist es, als dehnte er sich ein bisschen aus, für eine Weile nur.
Nimmt einen Schluck aus seiner Colaflasche, wie Siegeschampagner.
Wirft ein Blatt Papier in den Müll, wie Jordan.
Sieht sich um in seinem Revier, wie König Simba.
Er sieht sogar ein bisschen aus wie Simba.
Wie das Löwenjunge Simba.
Zu schnell.
Don't do this, boys.
Der Nerd dreht sich so schnell um, wie der studiVZ-Gründer Ehssan Dariani sich in diesem Fremdschämfilm in der Berliner U-Bahn umdreht, um zwei große Blondinen in sein
Der Nerd fragt, was Chloë braucht, und sie sagt, sie müsste nur was drucken, und er überlässt ihr mit einer in seinen Gedanken weltmännischen Geste seinen Account und tut so, als läse er ein Buch, während sie sich bedankt und ein paarmal klickt, noch vor Sekunden lag seine Hand auf derselben Maus!
Sie ist fertig und bedankt sich nochmal, und wahrscheinlich, damit sie weiß, welches Benutzerkürzel sie am Drucker auswählen muss, reißt er ein Stück Zettel ab und schreibt etwas darauf, vielleicht sein Kürzel, vielleicht seine Nummer, vielleicht eine Zeichnung ihrer Vulva, und gibt ihn ihr, und sie bedankt sich ein drittes Mal, und als sie an meinem Platz vorbei zum Drucker geht, spielt sich das wunderbarste Schauspiel in ihrem Gesicht ab, Verwunderung, Ekel, Dank, Erleichterung und Verstehen, auf mehrere Weisen Verstehen in einer Viertelsekunde.
Ich möchte Regisseur sein, und wie Sergio Leone nur Großaufnahmen von Gesichtern vor überwältigenden Naturpanoramen drehen. Vollkommene Kunst, vollkommenes Leben ...
Im Gesicht des Nerds stehen Ausdehnung und Zufriedenheit und nur ein bisschen Sehnsucht.
Das erste vergeht nach ein paar Minuten.
Das zweite später, am Nachmittag.
Nur das dritte wächst.
Tage und Tage.
29.01.2009
Unberührt
Ach was soll's, here goes: Ich habe Jesus verpfiffen. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass es wirklich Zeitmaschinen- zur falschen Zeit am falschen Ort- unglücklicher Gleichklang deutscher und althebräischer Wörter- es tut mir so, so-
Wie? Es ging gar nicht-? Ach so, eigentlich wollte ich hier sagen, dass ich erst mit über 21 zum ersten Mal Sex hatte. Weit drüber. Weeeit.
So. Und es gibt mindestens ein gutes Buch, einen kurzen und einen längeren informativen Fernsehbericht und sogar eine nette Filmkomödie zum Thema, die ich als Einstiege jedem Interessierten empfehle, weil sie schon sehr vieles ansprechen, das aber durchaus auch meiner Wiederholung wert ist.
Eines der ersten und wichtigsten Probleme eines sex- oder beziehungslosen Menschen ist die vergebliche, zunehmend obsessive Suche nach einem goldenen Schlüssel zum bevorzugten Geschlecht, den man aufgrund seiner Nichtexistenz aber nie finden kann. Ob Aussehen, Geld, Bildung, Witz, Eltern oder zwanghaftes Kätzchenertränken, stets wird man zahllose Gegenbeispiele finden, die trotz ihrer inneren wie äußeren Quasimodohaftigkeit von einem Bett ins nächste zu stolpern scheinen, von erfolgreich charmanten Normalverbrauchern nicht zu reden. Wenn aber jeder Serienmörder Körbe voller Liebesbriefe in den Todestrakt erhält, was sagt es dann über die nichthomizidale Jungfrau, wenn sie nicht einmal die kränksten Helfersyndrom-Krankenschwestern für sich gewinnen kann, oder anders, was stimmt mit mir nicht, wenn mich keine(r) will? Stark ist der Held, der bei diesem Sein sein Selbstbewusstsein bewahrt.
Dabei ist gerade Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, Selbstliebe jener goldene Schlüssel, allerdings nicht zu anderen, sondern zum eigenen Leben. Wer möchte nicht lieber Kirsche auf einer leckeren, glänzenden Torte sein, als erst einen traurigen Haufen Mehl und zwei schlaffe Eier mühsam aufbacken zu müssen? Allein, wie zur Torte werden ohne, und wenn wir schon mit dieser Metapher in alle Richtungen zerlaufen, haha, Treibmittel?
Denn zu den beharrlich nagenden Selbstzweifeln kommt im sozialen Leben, in den Unterhaltungen über Liebe, Sex und Zärtlichkeit, in denen man nicht mitreden kann, und in den Fickificki-Medien der normative Aspekt, die stumme, drückende Erwartung, dass man bis zu jenem und diesem Alter dieses und jenes erlebt haben sollte, anderenfalls stimmt mit einem etwas nicht. Dennoch reagieren die meisten Menschen nach meiner Erfahrung offen und verstehend, wenn man mit ihnen über seine Unberührtheit spricht. Wie aber zu dieser sehr erleichternden Erkenntnis gelangen, wenn man durch langes Schweigen überzeugter und überzeugter geworden ist, dass man ausgelacht und mit faulem Gemüse beworfen wird, weil man es für eine tiefe Schande hält, noch nie mit jemand anderem geschlafen zu haben? Erneut, stark ist der Held, der den Mut hat, sein Sein für die Augen der Welt zu öffnen.
Dabei stehen hinter diesen Augen öfter warme Herzen, als man meinen mag. Und wer trotzdem lacht, darf getrost auf den Müllhaufen falscher Freunde verbannt werden. Allein, wie sich, um erstmal dahin zu kommen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Angst ziehen?
Denn vielleicht auch nur gefühlte externe Normativität und internes Minderwertigkeitsdenken machen nicht stärker, nicht heldenhafter, nicht treibender, nicht offener, sondern alle Gegenteile. Man nähert sich nicht anderen, sondern entfernt sich, und erfüllt so oft erst die selbstvergiftende Vermutung, ein unverstandener Kauz zu sein. Man entfernt sich bis in die immer artifizieller werdende Sprache hinein von sich selbst, bis man zu einem scheinbar unbeteiligten, verkrampften Beobachter seines eigenen Lebens wird. Man spricht in der Erwartung, erfolglos zu sein, niemanden mehr an, und erfüllt die Erwartung so, zunehmend und zunehmend obsessiv. Und endlich, wie Springerstiefel, die nach Liebe, wie 9/11-Verschwörer, die nach Hirn schreien, projiziert man seine empfundene Unzulänglichkeit in gedrehter Münze auf das Andere, das Unbekannte, das Begehrte. Ich bin dumm, faul und hasse mich selbst, also muss Döner-Alis Familie dran glauben. Ich habe einen wirklich, wirklich winzigen Mikropenis, also hat der Jud' die Türme gesprengt. Und ich fühle mich einsam und wertlos, also sollen diese Schlampen, diese Göttinnen vor mir gefälligst auf die Knie fallen. Aus diesem selbstverstärkenden Teufelskreis auszusteigen geht nur, wenn man aus ihm aussteigt.
Dabei ist das nicht so schwer, wie es klingen mag. Medien wie die oben verlinkten und vielleicht auch dieser Eintrag zeigen, dass man in seinem Sein nicht allein ist, es Hoffnung und Hilfe gibt. Es gibt geflügelte Engel, wie ich selbst weiß, und verdammt sexy Engel dazu. Und auch der kleinste Schritt, die kleinste Öffnung im Kreise der Vertrauten ist ein guter Anfang, um schnell laufen zu lernen.
Und mit jedem Schritt Freiheit zu gewinnen.
Und Leben.
Nur Mut!
06.06.2007
Wie Menschen lieben
Da mein Mobiltelefon infolge anscheinenden Virusbefalls zur Zeit in Reparatur ist, habe ich vorübergehend ein Ersatzhandy erhalten. Und darauf waren noch zwei SMS des Vorbenutzers gespeichert:
Hey schatz ich kann nicht in msn kommen weil ich muss was zu tut machen mit mein kollege ok mein schatz aber nicht sauer ja mein schatz
Und als würden nicht schon diese kurzen 135 Zeichen eine kavernöse Unterwelt tiefster psychologischer Abgründe eröffnen, setzt der anonyme Autor mit seinem zweiten Stück noch eine geradezu dadaistische Pointe drauf:O mein schatz was machts du denn ich weiss das du bist schon arbeite schatz heute und morge hab ich frei aber des freut mich nicht weil du bist arbeite ich bleibe zu hause des ist nicht schatz.ich liebe dich mein schatz und liebst du dein schatz? Schatz ich ruf dich später an ok mein schatz
Man fragt sich, wie Gespräche zwischen dem harten Arbeiter und seinem Schatz verlaufen, und möchte inständig einem lauschen. Man verzweifelt über die Menschheit und möchte jeden an die Wand stellen, der sein Liebstes "Schatz" nennt. Man lacht, weil man sich auch ein bisschen freut, daß selbst Leute, die nur einen Schwanz und einen Daumen haben, glücklich werden können. Und man bloggt. Der ganze Kosmos der conditio humana in einem winzigen Werk, besser und kürzer als jedes Buch und alle Musik. Vivat SMS!02.06.2007
Pride and Prejudice
If gratitude and esteem are good foundations of affection, Elizabeth's change of sentiment will be neither improbable nor faulty. But if otherwise, if the regard springing from such sources is unreasonable or unnatural, in comparison of what is so often described as arising on a first interview with its object, and even before two words have been exchanged, nothing can be said in her defence, except that she had given somewhat of a trial to the latter method, in her partiality for Wickham, and that its ill-success might perhaps authorise her to seek the other less interesting mode of attachment.
Jane, Du verstehst mich!04.03.2007
L'art pour l'art
Lächelt mich in der Disco also ein blondes Mädchen an, einmal, zweimal, dreimal, und ich habe schon mein Bier abgestellt, und diesmal auch meine Zigarette aufgeraucht, und als die sie und ihre ebenfalls blonde Freundin belagernden zwei Macker verschwunden sind, flüstere ich Freundin M. ins Ohr "Watch me go" und gehe los.
"Hallo, ich bin Andreas."
Und J. und A. aus P. an der D., dem I. und der I. haben mit ihren sehr netten b.ischen Dialekten schon einmal, zweimal, dreimal mit mir gelacht, als mir erst auffällt, wie völlig mühelos, angenehm sympathisch und sympathisch angenehm, kurz: angstfrei ich gerade gehandelt habe und wie unvorstellbar diese fünf Schritte mir noch vor nur vier Jahren gewesen wären, in meinem Alter ist das nicht so lange her! Euphorie durchflutet mich.
Gut, ich kann ja nicht riechen, dass die Mädchen in dieser Nacht den letzten Abend ihres einwöchigen baden-württembergischen Urlaubes bei A.s Tante und Anstandsdame verbringen und geboren wurden, als ich eingeschult wurde, ins Gymnasium eingeschult.
Aber als im Nachtbus heim noch "Purple Rain" vom so genialen wie Stöckelschuhe tragenden Prince läuft, ist der Abend trotzdem perfekt. Ich trommele den Takt.
19.02.2007
Was vom Wochenende übrigblieb
Nach gepeinigtem Schlaf zwischen nassgeschwitzten Laken mit einer alten Rabenfeder einen zehnseitigen Brief in meinem eigenen Blut verfasst, während die Vorhänge am offenen Fenster im Sturm wild wehten und das Flackern der Kerzen irrlichternde Schatten an die Wand und auf meine breite, gebräunte Brust malte, die sich unter dem vor Schmerz zerrissenen weißen Rüschenhemd schwer hob und senkte, nur unterbrochen von grellen Blitzen und ohrenbetäubendem Höllendonner.
He, wenn ich schon ein bisschen übertreibe, dann richtig.
Hundert Meilen nur im vom heißen Blut roten und von salzigen Tränen durchnässten Hemd auf meinem treuen schwarzen Andalusier zu ihr galoppiert, den Brief mit einem Stein durch das Fenster aus Bleiglas geschleudert und zurückgeritten wie vom Teufel gejagt. Als mein Pferd vor Erschöpfung dampfend und mit kochendem Schaum vor dem Mund am Rand der Klippe tot umfiel, stürzte ich kopfüber in die brüllende See und kam erst am nächsten Tag im Haus eines armen Fischers zu mir, von Fieberkrämpfen und dem Alp gemartert. Seine schöne, junge Tochter tupfte mir den kalten Schweiß von meinen dunklen, goldenen Locken und verliebte sich in mich, natürlich, doch kaum, dass es mir besser ging, riss ich mich los und torkelte die letzten dreißig Meilen heim in meine Burg, wo mich schon ihre Antwort erwartete. Ich stieß meinen seit Kindstagen treuen Diener beiseite, der mir die Nachricht gereicht hatte, und schloss mich für Tage in meinem Gemach ein, bis ich blutüberströmt heraus- und zusammenbrach, nicht aber, bevor ich dem Herold meinen neuen Brief in die Hand gedrückt hatte.
Ich hatte zwar geschrieben, dieses Jahr mehr leben zu wollen. Aber, übernatürliche Entität meiner Wahl, können wir die Dosis vielleicht ein klein wenig verringern?
18.02.2007
Arthas
Doch es war schon zu spät, und die Bewohner einer Stadt hatten bereits von der vergifteten Saat gegessen, die auch sie bald in Untote verwandeln sollte.
Und Arthas ließ sie töten, die Männer, die Frauen, die Kinder, alle bis zum letzten Tier.
Auf der Jagd nach dem Dämon, den er für das vergossene Blut verantwortlich glaubte, fand er im eisigen Herzen des nördlichsten Kontinents ein verwunschenes Schwert: Frostmourne. Er rief, er werde alles geben, jeden Preis zahlen, wenn das Schwert ihm nur helfe, sein Volk zu retten, und Frostmourne kam aus dem Kristall frei, in seine Hand, und fing an, in seinem Kopf zu flüstern.
Und der Prinz ermordete seinen eigenen Vater, den König.
Nach weiteren Untaten, weiteren Greueln, weiterem Blut, das die Klinge des Schwertes rot färbte, kehrte Arthas zu den Gletschern Northrends zurück und erklomm den höchsten und größten von ihnen, Icecrown, die verblassenden Stimmen seiner ehemaligen Freunde und Lehrer im Ohr, und stand schließlich vor dem Gefrorenen Thron, dem Gefängnis des Lichkönigs.
Der Lichkönig, einmal ein Orkschamane, hatte Frostmourne erschaffen, hatte Arthas' verführbaren Geist von dem Moment an, in dem er den Griff des Schwertes umschloss, nach und nach vergiftet und war nun, endlich, endlich an seinem Ziel, Freiheit, Allmacht, Rache. Ein vorletztes Mal sprach er in Arthas' Gedanken:
Return the blade ... Complete the circle ... Release me from this prison!
Mit einem gewaltigen Schrei zerschlug der Prinz das Eis, das den Thron umgriff, und er nahm den fürchterlichen Helm des Königs und setzte ihn auf, und als er seine Augen aufschlug, hörte Arthas Menethil mit diesen Worten auf zu sein:NOW, WE ARE ONE!
Der neue König der Untoten sitzt auf seinem kalten Thron und befehligt seine Heere mit seinem gottgleichen, unbeugsamen Willen, von unendlichem Unleben beseelt, unendlich mächtig, unendlich rachsüchtig, unendlich einsam.Warum nun diese Nacherzählung einer allerdings ziemlich coolen Storyline, die man aber auch ohne Weiteres an den einschlägigen Orten nachlesen könnte?
Ich werde das unbestimmte Gefühl nicht los, dass Arthas mir etwas zu sagen hat.
Sollte ich vielleicht davon absehen, meine weisen Lehrer abzuschlachten?
Sollte ich in Zukunft keine runenverzierten Klingen mehr aufsammeln, die nachts heiser zu mir sprechen?
Oder ist es doch wieder nur, dass es eben schwer ist, ein Mädchen zu finden, wenn man hinter "Lieblingsfilm: Casablanca" und "Lieblingsessen: Austern im Kerzenlicht" schreibt, "Lieblingsuntote: Liches", und weder erklären müssen will, was Liches sind, noch es nicht erklären müssen will? Nerds sind schlimm.
Ich stand vor einem Werbeplakat. Im neugierdehalber für eine halbe Stunde heruntergeladenen Second Life, der letztgültigen Travestie des Kapitalismus, vor einem Werbeplakat für den Kauf eines Penis, stand mit meinem Avatar "Arthas Renoir" davor und dachte nach.
Über "Moby-Dick".
Forehead to forehead I meet thee, this third time, Moby Dick!
Bei meinem letzten Wikipediaanfall - man kennt das, will "kurz" einen Begriff recherchieren, folgt im entsprechenden Artikel zwei, drei weiteren Links und schaltet Stunden später im Morgengrauen mit viereckigen Augen den Computer aus, mit Halbwissen vom Hölzchen bis zum Stöckchen übervoll - war ich auf ein hochinteressantes Paper gestoßen, das belegt, dass das Spermaceti-Organ von Pottwalen als effektiver Rammbock bei Paarungskämpfen dienen kann.Und ich dachte, wie recht der alte Ahab doch hatte.
Und ich dachte, wer weiß heute schon seit seinem 15. Lebensjahr wie ich, dass Pottwale ein Spermaceti-Organ haben und warum Spermaceti Spermaceti heißt?
Und ich dachte, wer findet schon Paper über die Funktion dieses Organs als Rammbock faszinierend, nachdem er Bio nach der elften Klasse abgewählt hat?
Und ich dachte, wer merkt sich schon über "Second Life" zuallererst, dass man dort Penisse kaufen kann wie Rüben, und geht gleich nach seiner virtuellen Inkarnation einen suchen, nachdem er überlegt hat, ob er sich Arthas, Sephiroth oder Vader nennen soll, irgendetwas haben die drei doch gemeinsam?
Und ich dachte, wer hat überhaupt Lieblingsuntote, und dann auch noch Liches? Und findet es ausgesprochen lustig, dass Liches und orthodoxe Juden beide sogenannte Phylakterien nutzen, erstere für ihre Seelen, letztere für Torahverse? Ist ja für beide irgendwie auch dasselbe.
Welche platonische Hälfte, und das ist auch wieder so ein Begriff, nicht wahr, formt mit meiner eine Kugel?
Mind you, ich schreibe das in einem antizyklischen, also ziemlich zufriedenen Moment, aber der Sklave, der im Augenblick des Triumphes den Lorbeerkranz über den Kopf des Cäsars hielt, flüsterte ihm auch memento mori ins Ohr, bedenke, dass Du sterblich bist.
Arthas hätte einen solchen Sklaven gut gebrauchen können.
Ahab erst recht.
Faszinierende Figuren sind sie trotzdem. Oder deswegen.
Aber auch einsame.
31.01.2007
Opa
Was werden meine Enkel sagen, wenn sie mit offenen Mündern um meinen Ohrensessel in meiner Bibliothek in meinem Landhaus sitzen, die Kleinste fröhlich gluckernd auf meinem Schoß, und, während ich meine Pfeife in einer Kunstpause stopfe, der Frechste fragt, was dann passiert ist, und ich antworte?
Was werden meine Enkel sagen, wenn ich antworte, dann bin ich vor dem Janjaweed mit seinem Hengst und seinem Krummsäbel davongerannt, und er und seine Männer haben mein Dorf ausgelöscht, Glied für Glied?
Was werden meine Enkel sagen, wenn ich antworte, dann habe ich genickt und gesagt "Ja, Chef" und bin in meine Bürobox zurückgekrochen und habe bis zum Feierabend leise geweint?
Was werden meine Enkel sagen, wenn ich antworte, dann sah ich sie, schön wie eine Göttin, und habe mir vor Furcht in die Hose gepisst und bin watschelnd zur Wäscherei gegangen und habe sie nie mehr wiedergesehen?
Nein.
Dann habe ich den Janjaweed mit meinem Hirtenstab von seinem Pferd geholt und ihn mit meinem Seil erdrosselt und seine Machete genommen und mich auf seinen Hengst geschwungen und seine Männer von hinten geschlachtet, wie die Söhne von Hunden es nicht anders verdienten, bis ihr Blut die schwarze Erde unseres Dorfes rot färbte.
Dann bin ich aufgestanden und habe gesagt "Nein, Chef. Ich kündige" und bin auf dem direkten Weg hinausgegangen, und meine Kollegen haben mir auf die Schulter geklopft, und drei Monate später waren mein lächerlicher Chef und seine lächerliche Firma pleite.
Dann sah ich sie, schön wie eine Göttin, und bin auf sie zu und habe gesagt "Ich bin hier. Was sind Deine anderen zwei Wünsche?", und das Lachen Eurer Oma ist heute noch so herzlich und laut wie vor fünfzig Jahren.
Und dann kommt sie mit Keksen und Milch für alle und schimpft mich ein bisschen, was ich den Kindern wieder für grausame Geschichten erzähle, aber sie meint es nicht ernst, und als ihre Eltern sie abholen kommen, platzen die Kleinen mit glühenden Wangen hervor, was ich ihnen wieder erzählt habe, und ihre Eltern sehen sie etwas verwundert und mich vorwurfsvoll an und wissen, dass sie die ganze Rückfahrt wieder von nichts Anderem hören werden.
Von nichts Anderem als vom Opa und seinem Mut.
Und dass sie auch einmal so sein wollen wie der Opa.
Der Opa, der keine Angst hat.
Und die Eltern rollen die Augen und seufzen und denken daran, wie der Naivste die ganze Wohnung mit dem Kautabak vollgespuckt hat und den echten Stetson besudelt und wie die Wildeste ihrem Sandkastenfreund in die Genitalien getreten hat und gerufen "Nimm das, Kommie-Bastard" und wie das wieder Ärger auf dem Elternabend gab und wie sie Pierrot-Niklas' Eltern zur Entschädigung einen verdammt teuren Scotch kaufen mussten.
Aber dann, dann werden sie lächeln und heimfahren, leuchtend in der Nacht ohne Angst.
27.01.2007
The mind is a terrible thing to taste
Es ist ja nicht so, dass ich nicht schon früher Elemente des Spiels verwandt hätte, Berühren, am nächsten Eck sitzen statt gegenüber, auf eine Weise ist das ja intuitiv, einfach einsichtig oder zumindest sanft vernatürlichbar.
Mit dem Wissen aber, dem Wissen allein, dass es so etwas, solche Menschen wie Hobbyverführer gibt, geschieht etwas Wunderbares, etwas Schreckliches: Man wird mechanistisch.
Das ist etwas Wunderbares: Ablehnung wird statt zu einem persönlichkeitsrüttelnden Drama zu einer Variablen unter Tausenden im endlos laufenden Algorithmus der Verführungsfähigkeitsverbesserung. Und weil die Maschine endlos läuft, kann man sich im Wissen ihrer früher oder später überwältigenden Macht zutiefst entspannt zurücklehnen, als wäre man Shere Khan, der König des Dschungels, als wäre man Amenhotep IV., der leuchtende Gott der Disco. Das ist sexy. Oh Baby.
Das ist etwas Schreckliches, etwas zutiefst Schreckliches: Zustimmung wird auch zu einer Variablen. Das zuvor intuitive Flirten zu einer Kaskade von definierten Einzelschritten, die individuell und inkrementell optimiert werden müssen. Das Eigene zu einem winzigen Rädchen im Getriebe, das alles umfasst und das bald alles ist, alles. Und das ist nicht sexy, sondern bis ins Mark furchterregend.
Selbstverbesserung ja. Selbstliebe ja. Menschenfreude ja. Das ist mein Credo, das ich von den Bäumen brüllen werde wie ein Alouatta, bis ich tot herunterfalle.
Mechanisierung nein.
Technokratisierung nein.
Entmenschlichung nein!
Schluss mit Seduction.
23.01.2007
L'artiste
Klar, die Andrea Schwarzer in mir schreit Instrumentalisierung und Technokratisierung, brüllt Manipulation und Lüge, beklagt Objektifizierung und die Verschärfung von Machtspielen und Ungleichgewichten in menschlichen Beziehungen statt deren Verringerung oder Äquilibration, mein Utopia.
Aber alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift, und den eigentlichen Punkt, den die Aufreißkünstler machen, setze ich auch und immer wieder und so lange, bis wenigstens ich ihn begreife, zuletzt hier:
Rumheulen ist nicht sexy. Rumjammern ist nicht sexy. Zuneigung zu erkaufen ist nicht sexy. Vor ihrem Fenster im Sumpf der eigenen Tränen zu suhlen ist nicht sexy. Kurz, ein Würstchen, ein Welpe, eine kriechende weiße Made zu sein ist nicht sexy.
Zu wissen, was man will, und dies furchtlos zu sagen und zu tun, ist sexy. Sich als wertvoll und begehrenswert zu begreifen ist sexy. Sich zu verbessern ist sexy. Zu lachen und neugierig zu sein ist sexy. Kurz, ein sich selbst liebender Mensch zu sein ist sexy.
Wölfe werden Wappentiere. Maden nicht.
In diesem Sinne, an dieser Stelle, in Bälde mehr von meinem Wolfswerden.
30.11.2006
Die Prinzessin und die Magd
Die Prinzessin erwartet. Erwartet, dass die Ritter vor ihrem Fenster die Laute schlagen, ihr den Kopf des Drachens bringen, sich um sie balgen, mit dem Breitschwert bis aufs Blut. Die Magd freut sich, wenn die Knechte sie in der Küche besuchen.
Die Prinzessin lässt. Lässt sich den Kamin ihrer Kemenate heizen. Lässt sich ihre Kleider anlegen, Besucher anmelden, ihre Schleppe nachtragen. Die Magd macht und tut und begrüßt.
Die Prinzessin ist schön, ihre Haut ist blass und rein, und ihre Augen glänzen und funkeln, aber man weiß nicht, wie sie aussähe, wenn sie zwei Tage in der Wildnis gewesen wäre, unter den Drachen, oder auch nur bei den Ställen und Stuben. Die Magd ist hübsch, ihre Haut ist rosig und rauh, und ihre Augen leuchten und schauen.
Die Prinzessin kennt die Bücher. Die Magd kennt das Leben.
Stünden sie nackt nebeneinander, man wüsste selbst dann beide zu scheiden. Die Prinzessin hat Haltung. Die Magd aber hat Würde.
Warum verliebe ich mich immer zuerst in die Prinzessin?
26.10.2006
Those were the days 8
Es ist soweit. Der Wanderer gewahrt den Bergkamm. Der Bocksgesang hebt zur Peripetie an. Klotho nimmt einen neuen Faden-
"Oh. Mein. Gott. Kannst Du einmal eine Geschichte normal erzählen? EINMAL?!?"
Ich war schon über ein Jahr Informatikstudent gewesen und, natürlich, immer noch gezwungen Single. Hatte nach dem zweiten Semester, damals schon mit dem Fach unfroh, alle nötigen Untersuchungen machen lassen, um meine Tauglichkeit für meinen alten Traumberuf des Piloten zu bestätigen, 20/20 war ich, natürlich, aber im letzten Moment habe ich vor dem Lufthansatest gekniffen.
"Warum?"
Das Geld hätte nicht für die Ausbi-
"Und warum wirklich?"
Angst?
"Wen fragst Du das? Aber können wir darüber nicht in einem anderen Eintrag schreiben? Ist ja nicht so, dass Du nicht noch genug Stoff für die nächsten Jahre hättest, Psycho Boy."
Na gut. Jedenfalls studierte ich also weiter, und nach einer etwas sinnlosen und kurzen, natürlich unglücklichen Winterverknalltheit in eine etwas kurz Bekannte ging ich, das Frühjahr kam, zur, ich glaube, Geburtstagsfeier eines Freundes, nennen wir ihn Julius, Julius No.
"Oh Gott. In Ordnung, James. Erzähl einfach weiter ..."
Alle zehn, fünfzehn Gäste saßen im Kreis, aßen Chips, tranken Fanta, die Wagemutigen Cola, sprachen über Speicherbausteine, es war eine Informatikerparty, sprachen in Grüppchen von zwei, drei, ich schwieg, dann kam, aus der Küche, sie.
Sie, eins siebzig, schlank, fast dünn, Haut wie Creme, Haare wie Honig, Augen wie Karamell, Worte wie Sahne, im Gespräch mit ihm, Oddjob, nennen wir sie Honey, Honey Ryder. Sie sagte, ich weiß es wie gestern, antisemitischen Schwachsinn, jeder Befehl für Israel werde in New York unterschrieben, was half's, ich war aus fünf Metern, in fünf Minuten, am anderen Ende des Kreises, schon hoffnungslos verliebt, starrte und schwieg. Die Zeit ging, die Informatiker gingen, ich war später gekommen, wollte also noch "ein bisschen" bleiben, sie hatte ein Auto, das Natürlichste der Welt, dass sie mich noch heimfährt, es war doch schon spät, nur, Oddjob, der auch noch "zufällig" da war, musste ebenfalls heim.
Wir fuhren zu dritt, kamen endlich an der Universität heraus, zur Abzweigung, an der wir rechts mussten, um zu seinem Wohnheim zu kommen, aber er sagte nichts, nichts, ich konnte ja nicht erwähnen, dass wir HIER RECHTS REIN müssen, wie ein Kettenhund von einer Anstandsdame, dabei war ich längst beides, aber egal, nur eine kleine, signifikante Episode. Vor meinem Zuhause tauschten wir Mailadressen, ein seltener Gipfelpunkt meiner Traute, und so begann es, alles.
Studium-Generale-Vorlesung, Geschichte der Rauschmittel, interessant, No, Oddjob und ich warten auf sie, sie kommt auf der Rolltreppe aus dem Tunnel, Honey, Eurydike, Oddjob umarmt sie linkisch, ich traue mich nicht mal das, im Hörsaal lässt er erst No in die Stuhlreihe, dann sie, bevor er sich, sein Plan, neben sie setzen kann, schlüpfe ich dazwischen, wir Comicfiguren.
Ich treffe sie zufällig, auf dem Weg zur, sie von der Uni, ihre "Telefonphobie" lässt sie ihre Nummer nicht so einfach herausgeben, ich schlucke es, wie alles, schreibe ihr Mails, Mails, Mails, in die ich mich hineingebe, hineinlebe, hineinblute, Orpheus, aux enfers.
Wir sitzen auf dem Rasen an der Universität, ich greife Grashalme von ihren Schuhen, wir sprechen über Kershaws Hitlerbuch, Reich-Ranickis Lebensbuch, Himmel.
Wir sitzen auf der Bank im Park, es ist flirrender Frühling, die Bäume schneien, meine Augen, Heuschnupfen, brennen, ich nestele Blüten aus ihrem Haar, sie lacht, mein Herz schlägt, aber ich habe gefragt, ob ich ihre Haare berühren darf, ich will nicht scheinen, als wollte ich sie nur, weil sie gerade wenige Monate getrennt ist, ich will sie nicht belästigen, nicht bedrängen, nicht berühren, stehe mir selbst im Weg, wie ein Riese, wie ein Wurm.
Ich treffe meine Freunde vom Bund, morgens ist mein erster Gedanke sie, nach der Sauftour laufe ich zu ihrer Wohnung, pflücke eine Blume aus dem Park, hefte einen Gruß daran, suche nach ihrem Briefkasten, als ich merke, dass er im Hausflur ist, abgeschlossen, ein Moment Verzweiflung, doch der Stapel Samstagszeitungen ist schon da, nur sie liest DER ZEITUNG, Gott bewahre, aber als sie sie am Morgen öffnet, fällt meine, ihre Blüte in ihren Schoß, sie freut sich, sehr.
Ihr Geburtstag, sie sagt, meins sei das beste Geschenk, Lyrik, Heine, mit Widmung.
Sie ist oft nicht erreichbar, nicht am Telefon, nicht per Mail.
Ich stammele, wie sehr es mich freut, Zeit mit ihr zu verbringen, sie sagt, dito, immer das, nur das, dito.
Ich frage, ob ich ihre Hand nehmen darf, ich frage es tatsächlich. Ich darf.
Mir ist nach einer Party, mit Krabbensalat, schrecklich übel, wir bringen sie heim, unsere Hände berühren sich am Geländer vor dem Haus, unsere Blicke, ich hätte sie geküsst, wäre mir nicht so übel gewesen.
Mein letzter Gedanke abends ist sie, ich zittere, meine vergangenen Nichtliebschaften türmen sich schwarz neben, über meinem Bett, über mir.
Lichterfest Stuttgart, zu dritt, No, ihr bester Freund, Honey, ich, danach müssen wir eigentlich in zwei verschiedene Richtungen heim, aber ich gehe mit ihnen, nehme Anlauf, zwei Stunden lang. Vor ihrem Haus, Warten auf mein Taxi, vier Uhr morgens, ich frage sie, ob ich ihr was sagen kann, ja, ich stammele, sage, dass ich mich mit Haut, Haar, hätte ich Federn, auch mit ihnen, in sie verliebt habe, verliebt, verliebt.
Sie hat auch Gefühle für mich, fühlt sich überrascht, sagt, lass es uns am Telefon besprechen, am Telefon.
Sie hat es nie mehr abgenommen.
Fortsetzung folgt ...
13.10.2006
Those were the days 7
Ah: Hier die Teile 1, 2, 3, 4, 5-1, 5-2, 6, 6 1/2 und 6 3/4.
Nach der Schule also. Zwei Monate Nichtstun. Immer noch ungeküsst. Dann zum Bund, Rommelkaserne Dornstadt bei Ulm.
"Warum?"
Das Kreiswehrersatzamt hatte die neuen Rekruten ...
"Du bist so witzig. Warum?"
Warum nicht?
"Das ist Dein ganzer Grund? Bist Du ein bisschen bescheuert? Oder einfach nur naiv?"
Nein wirklich, warum nicht? Ich war schon damals kein Freund der besonders perversen Abart des Antiamerikanismus, die sich hierzulande Pazifismus nennt, fürchtete keine körperliche Betätigung und konnte und kann bis heute pathologisch schlecht lügen, vorgeschobene Gewissensgründe kamen also nicht in Frage. Ich würde schießen.
"Brav, Rambo. Erzähl weiter."
Die Grundausbildung war schön. Jeden Tag voll zu tun, euphorisierender Sport, durch unberührte Natur gleiten, das heißt, in tiefster Gangart mit der Nase mitten durch die warme Erde, totale abendliche Erschöpfung, schwacher Schein des verborgenen Feuers in klarer Nacht im Wald ... Die anderen haben alle gelacht, als ich am Ende, als wir unsere schönsten Momente erwähnen sollten, jenen nannte.
"Dich gibt's wirklich nur einmal, Rambo. Und wahrscheinlich nimmst Du das auch noch als Kompliment."
Danach, in der Fahrschulkompanie, war nicht so viel zu tun, eigentlich gar nichts. Von Pause zu Pause gehangelt, vor dem Spieß versteckt, Eier geschaukelt, Tage gezählt ...
"Ich will ja nicht ungeduldig wirken, aber was haben diese sicher pittoresken Schilderungen eigentlich mit dem Thema ..."
Die Kameraden hatten alle ihre Freundinnen. Nach Dienstschluss, im Halbdunklen unseres Korridors, leuchteten die Displays ihrer damals klobigen Telefone grün, Flüstern erfüllte die Luft. Mittendrin ich, so einsam, wie man in einer Menge von Menschen nur sein kann. Wundert es, dass ich verzweifelt mein Adressbuch durchblätterte, nach Nummern suchte, die auch ich anrufen konnte, und auf der anderen Seite dann im besten Fall Amüsiertheit und ein nettes Gespräch, ansonsten Schweigen erntete? Wundert es, dass ich, als Kamerad H. mich fragte, wieviele ich schon "gehabt" hätte, schwieg, immer noch unfähig zu lügen, aber auch zu feige, die Wahrheit vor ihm, vor mir auszusprechen? Wundert es, dass ich still weinte?
"Manchmal machst Du es einem echt schwer, noch sarkastisch zu sein."
Endlich schrieb ich Belle einen Brief, ich vermisste sie. Sie, der Mensch, der sie war, traf sich mit mir auf einen Spaziergang, freudig, längst hatten wir uns wegen der Gastonne-Geschichte ausgesöhnt, doch hatten wir uns die letzten Monate nicht gesehen. Und während wir so gingen und sprachen, sagte sie mir, auf mein freundliches Stupsen hin, sie habe einen Freund.
"Und Du?"
Ich brachte unser Date hinter mich, wie es eben ging, mehr Automat als Mann, lief heim, laute Musik, lautere Verzweiflung, ich habe sie nie mehr gesehen. Das ist heute acht Jahre her.
"Dir war wirklich nicht zu helfen, oder? Ist Dir vielleicht irgendwann einmal aufgegangen, wie verletzend es ist, wie eine heiße Kartoffel fallengelassen zu werden, nur weil man einen Freund hat, wie verletzend es ist, als pures, pures Mittel zum Zweck benutzt zu werden? Ist das so schwer zu verstehen? Warst Du wirklich so vernagelt, so versperrt, so dumm, Du?"
...
"Ich hoffe nur für Dich, dass Du weißt, was Du ihr sagen wirst, wenn Du sie je wiedersiehst. Sieh Dich vor, man trifft sich immer zweimal."
Interessant wär's ja ... Nach dieser Episode war aber nicht mehr viel, und trotz mehreren Discobesuchen mit den Kameraden verließ ich schließlich das Militär im Sommer des nächsten Jahres genauso unberührt und liebesdurstig, wie ich im Herbst zuvor gekommen war. Mein nächstes Ziel: die Fakultät Informatik.
"Selbst wenn man wollte, könnte man Dein Leben nicht satirischer erfinden. Ich kann mir genausogut noch eins wie noch tausend Kapitel dieser Serie vorstellen und weiß nicht, ob ich darüber weinen, bitterlich weinen oder lachen soll, aus vollem Herzen lachen. Hör nur nicht auf, bevor es zu Ende ist."
02.10.2006
Deutschlandreise, Teil 2
Leider gibt es, lazy man's pun, nach Liège keine einzige Liege mehr, sondern nur noch Abteile, und ich setze mich zu zwei wohl nach Paris fahrenden Mädchen. Später steigt ein ebenso junges Pärchen zu, sie knuffig, er schlaksig, und versucht bald auf unglaublich niedliche Weise, sich auf den engen Sitzen in halbwegs erträgliche Schlafpositionen zu verrenken. Nachdem wir nach längerem Aufenthalt Dortmund verlassen haben (Ich: "Wie lange steht der Zug noch?" - Schaffner: "Bis er liegt, huahuahua!"), sind wir nur noch zu viert, das Pärchen, das rothaarige Mädchen, auf Bouguereaus-Cupido-Weise attraktiv, und ich, und so kann ich, wenngleich picassohaft verkrümmt, endlich auch schlafen.
Endlich nach noch einem verspäteten Umstieg mit dem außen pompösen, innen klapprigen belgischen Bahnsystem in meinem Ziel Maastricht angekommen, werde ich gleich von einem zitternd alten Zeugen Jehovas angesprochen, der zwar kaum Englisch spricht, aber natürlich auch für diesen Fall eine übersetzte Broschüre bereithält, die mich fragt, ob ich mich nicht auch frage, ob Gott ... Selbst als ich mein Nichtinteresse bekunde, bleibt er fröhlich und wünscht mir sogar einen schönen Tag, und es wird mir wirklich schwer, ihn nicht auch zu mögen.
Bei Freundin A. schließlich falle ich in einen zwar unverdienten, aber trotzdem erholsamen, dringend nötigen Schlaf. Vor und nach dem Abendessen erkunden wir das schöne Maastricht, in dem es sich zwischen wunderbar erhaltenen Backsteinbauten, romantischen Gässchen und
Fortsetzung folgt ...
24.09.2006
Those were the days 6 3/4
Und wenn ich wie er bin, er in diesem zum Weinen genialen Artikel? Gut, ohne psychotischen Besitzwahn, ohne rationalistischen Beziehungsdogmatismus, ohne autistischen Computerschamanismus, ohne erstickenden Größenwahn und zerstörende Minderwertigkeit, ohne Depression, ohne Manie, ohne dass meine Frau mehr als zurecht versucht, mich zu ermorden, und doch diskutiere auch ich die Dinge durch, und doch sage auch ich, dass nur fundierte Argumente akzeptabel sind, und doch mache auch ich mir Gedanken, wenn ich bin, und doch ist mir der seltsame Fremde seltsam vertraut.
Was macht mich anders als ihn? Welche Weichen habe ich anders gestellt? Welche Weichen wurden mir anders gestellt? Was hat meine sozialen und intellektuellen Prämissen gesünder geformt, wirklichkeitsnäher? Warum mache ich an einem Punkt natürlich Halt und er nicht? Und warum könnten wir, er und ich, trotzdem, manchmal, Zwillinge sein?
Wie ist das, zum Beispiel, mit dem Verlieben?
Wenn ich früher immer, immer nur in die verliebt war, die nicht in mich verliebt waren, und zurecht, hätten wir doch nie und nicht zusammengepasst? Und wenn ich deswegen, weil es dann nicht lief, litt und litt und litt wie ein großer, dummer, trauriger Hund, unfähig, mich aus dem Morast meiner eigenen Tränen herauszuziehen? Und später, als es endlich lief, mehr in die verliebt war, mit denen es weniger lief, und weniger in die, mit denen es weit mehr lief, und wie, oh Baby?
Ist es dann ein Wunder, dass ich skeptisch bin, wenn ich verliebt bin? Ein Wunder, dass ich viel über die kulturelle Prägung der Verliebtheit nachdenke, ihr erstaunliches, angesichts der Tatsächlichkeit langer Beziehungen äußerst verwunderliches Primat in unserem Teil der Welt, ihr massenhaftes Aufkommen erst, als es massenhaft nicht mehr ums Fressen, sondern die Moral ging, ihre ungebrochene Verkündung in den Medien der Moderne, deren Wesen doch die beständige Brechung ist?
Gebranntes Kind scheut das Feuer, entwickelt Theorien, warum es ihm nicht zu nah kommen kann, ich werde geblendet, der Rauch geht nicht mehr aus den Kleidern raus, Asche erzeugt Krebs.
In Wahrheit bin ich nur zu leicht brennbar.
Wie er.
Aber ich bin nicht dogmatisch, nicht rationalistisch, nicht manisch. Und während er so seinen Leib aus Stroh in eine Rüstung aus Stahl hüllen muss, um die Hitze auszuhalten, und während er so zwanzig Meter vom Feuer entfernt stehen muss, um nicht ins Lodern zu kommen, kann ich um die Flamme tanzen, den Funken nachsehen, einen brennenden Ast fangen. Als Mensch. Brennbar vielleicht. Verbrannt vielleicht. Nie so frei, nie so eins mit dem Brennen wie ein Feuerschlucker, immer ein wenig die Formel der Redoxreaktion im Hinterkopf, aber am Leben!
Und wie.
Wie er nicht.
