31.07.2025

Andis Kritiken #39: The Hunt for Red October (1990)

Auf Weisen war der Kalte Krieg beruhigender als die heutige Welt. Der Fall klarer, das Universum geordneter, selbst der Kapitalismus menschlicher, um den sowjetischen Vorwürfen gegen ihn weniger Nahrung zu geben. Ja die ständige Gefahr nuklearer Vernichtung, aber zum einen wäre es dann in einem Augenblick vorbei gewesen, statt z.B. fünfundzwanzig Jahre in der Agonie des "Krieges gegen den Terror" zu leben, und zum anderen konnte man, doch, auf die Verantwortung beider Seiten vertrauen. Welcher Kontrast zu Terrorismus, Genozid, Autokratie, Ferntötungen und Gesellschaftsauflösung heute, dem Treiben auf einer unruhigen, nebligen See.

Wie meinen? Das ist eine verzerrte, verkürzte, propagandistische Sicht, die die Realität des Kalten Krieges verkennt? Seinen Wahn, seine Stellvertreterkriege, die Hochrüstung, die Momente, in denen es fast losgegangen wäre?

Das kann nicht sein, denn mein größter Lehrmeister - das Kino - sagt, dass es nicht so war. Hier haben wir patriotische, ehrenhafte, vom großen Sean Connery magnetisch charismatisch geführte Russen auf einer gefährlichen Reise, die ihnen ihr ganzes Können, all ihren Mut und Listenreichtum abverlangt, und auf der anderen Seite beherzte und clevere Amerikaner unter Beratung eines tollen jungen Alec Baldwins, der Draufgängertum und Bluffen gekonnt-verzweifelt kombiniert. Gemeinsam versuchen sie das U-Boot Roter Oktober und die russischen Überläufer vor den Falken auf beiden Seiten zu schützen. Mit wunderbar kernigen praktischen Effekten, sehr gut in Szene gesetzt, auch in den Nebenrollen super gespielt und besonders unter Wasser hochspannend. Trotz eines teils nur gemächlichen Tempos schlicht ein Klassiker der U-Boot- und Politthrillergenres, mit klasse Zitaten, und klassisch auch in seiner Sicht einer einfacheren, beruhigenderen Welt vor dem Ende der Geschichte und dem Anfang unserer heutigen Probleme.

**** von 5 Sternen

29.07.2025

Andis Kritiken #38: Ghost in the Shell (2017)

Mein Problem hier ist nicht das angebliche Whitewashing, sondern alles andere.

Major Motoko Kusanagi ist ein kybernetischer Organismus, der schon im Ursprungsmanga ethnisch uneindeutig aussieht und in den Schmelztiegeln zukünftiger fernöstlicher Großstädte unauffällig operieren können muss, daher ist es wenig bemerkenswert, dass sie auch wie eine weiße Amerikanerin aussehen könnte. Eher fallen hier ihre schreckliche Perücke auf und dass die Hälfte der anderen Charaktere sie mit "Major" als Rang ansprechen (Takeshi Kitano sogar auf japanisch als 少佐), die andere Hälfte aber mit "Major" als Namen! Das ist die größte Merkwürdigkeit in dem Drehbuch, das ansonsten zwar Action kinetisch und durchaus spannend zeigt, doch im Gegensatz zum Quellenmaterial keine Denkanstöße gibt oder tiefere Fragen über Sein und Identität stellt.

Scarlett Johansson, Pilou Asbæk und mein leider auf Sets zu undisziplinierter Liebling Michael Pitt sowie die Kulissen- und Effektdesigner:innen machen einen guten Job, Musik und Kamera meist aber nur einen durchschnittlichen. So ist dieser Film für ein echtes "Ghost in the Shell" zu platt und verwendet quasi nur zufällig dessen visuelle Versatzstücke, als generischer Sci-Fi-Actionstreifen ist er aber für die gebotene Geschichte zu aufwendig und deutet auf eine Welt hin, die dann doch nicht da ist. Eine leere Hülle.

*** von 5 Sternen

24.07.2025

Andis Kritiken #37: Irish Wish (2024)

Die Streamer haben ein neues Mikrogenre entwickelt, das sich an gerne reisende Frauen der höheren Mittelschicht wendet: romantische Fantasien mit kernigen Männern in wildem Zauberland, aber das wilde Land ist der britische Archipel. So gibt es hier alles, was man in einer solchen Geschichte erwartet: Magie (Feen), exotische und ursprüngliche Bräuche (Darts im Pub), naturverbunden-muskulöse einheimische Kerle mit Traumjobs (d.h. nur im Traum profitabel, wie Hochzeitsfotograf und Autor), und Zungenküsse. Lindsay Lohan in einem weiteren ihrer Comebackschritte und ihre Costars Ed Speelers und Alexander Vlahos verankern das Ganze passabel realistisch und charmant, wenngleich bei Lohan manchmal das Bildnis von Dorian Gray durchzukommen scheint und ihr Gesicht generell steif wirkt. Schade bei dieser charismatischen Schauspielerin, die mal für ihre witzige Emotionalität und Expressivität bekannt war! Auch die Ausleuchtung und das Blocking lassen den Film eher wie eine Telenovela als wie eine Kinoromanze wirken, und dieser Effekt scheint beabsichtigt - warum? Insgesamt ein vergessbares Werk ohne Tiefgang, das tatsächlich dafür gemacht scheint, es beim Bügeln, oder schlimmer noch beim Scrollen, als Hintergrundberieselung laufen zu lassen. Dafür würden auch die ständigen verbalen Wiederholungen wichtiger Plotpunkte sprechen. Nervig.

** von 5 Sternen

Andis Kritiken #36: Gravity (2013)

Auf dem Papier sollte ich diesen Film lieben. Er ist technisch brillant, enthält eine schöne Geburts-/Evolutionsmetapher, ist relativ spannend und so sehr für IMAX gemacht wie kaum ein anderer Film. Aber ist hier überhaupt eine Story? "Astronautin kämpft gegen gefährliche Situation", und weiter? Der sonst so gute Alfonso Cuarón scheint vor lauter Begeisterung darüber, den Weltraum realistisch zeigen zu können, vergessen zu haben, warum er ihn zeigen wollte. Und weit ist es mit dem Realismus doch nicht her. Trotz des cringen Zwischentitels, der Physikanalphabet:innen daran erinnert, dass dich im Weltall niemand schreien hört, wird der realistische Anspruch alsbald zugunsten bombiger Actionfilmphysik aufgegeben. Das ist natürlich in Ordnung, aber dann nicht so wissenschaftlich tun!

**½ von 5 Sternen