24.11.2025

Russophrenie?

In diesem Post des Analysten Marc Saxer ist einiges leider richtig, aber die Grundannahme einer irrationalen westlichen "Russophrenie" ist falsch, weswegen die gesamte Analyse zumindest bedenklich wackelt. Es ist kein Fehlschluss, sich vor einem Angriff Russlands auf Polen oder das Baltikum in ein paar Jahren zu fürchten, auch wenn es in der Ukraine nur sehr schwer vorangekommen ist. Denn die Grundmotivationen des Putinregimes, seine vermeintliche osteuropäische Einflusssphäre zu attackieren, würden auch nach einem Waffenstillstand in der Ukraine bestehen bleiben und sich noch erheblich verstärken, weil ja die "militärische Spezialoperation" letztlich belohnt worden wäre:
  1. demokratische Modelle in der Nachbarschaft, an denen sich die russische Bevölkerung ein Beispiel nehmen könnte, zu korrodieren,
  2. gesellschaftlich sehr breit unterstützten mythoimperial-ideologischen großrussischen Träumen nachzujagen
  3. den Westen an sich als schwach und dekadent zu entlarven und so das eigene Modell besser dastehen zu lassen und
  4. den Oligarchen neue Jagdgründe zu bieten, nachdem die russischen nach 25 Jahren Putin mehr als erschöpft sind.
Neu hinzu käme ein gewichtiger Grund 5.: mit vielen zwangsrekrutierten Ukrainer:innen, den Erfahrungen des totalen Drohnenkrieges, den geographisch-militärischen Schwierigkeiten einer Verteidigung des Baltikums und der erwartbaren politischen Zerstrittenheit und Unentschlossenheit der NATO nach einer erneuten russischen Invasion, zumal womöglich ohne den MVP USA, müssen die militärischen und politischen Erfolgschancen eines Überfalls z.B. auf Estland für den Kreml sehr attraktiv erscheinen.

Außerdem 6.: die russischen Institutionen lügen diktaturlogisch notorisch über ihre eigene Stärke und die Schwäche ihrer Gegner.

Zusammengenommen würde ein unfairer Siegfrieden in der Ukraine bedeuten, dass die Gefahr eines weiteren Krieges mit Russland im Baltikum oder in Polen wohl noch in diesem Jahrzehnt stark steigen würde. Darum darf es niemals zu einem solchen kommen.

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