22.08.05

Stadtbummel

Gut, in diesem Land ist es eben Tradition, fürs Flanieren den grimmigsten Gesichtsausdruck und den furchtbarsten Fummel anzulegen, den man nur im Schrank finden kann. Liegt vielleicht am Wetter, kann doch sein. Und gut, man schimpft inbrünstig auf den bösen Bush und seinen Mörderkapitalismus, aber vor der neuen Starbucks-Filiale bildet sich trotzdem eine lange Schlange, schmeckt ja auch lecker, ist ja so. Der trotzende Starbuck, indeed. Spricht Ahab zu ihm:

Hark ye yet again, - the little lower layer. All visible objects, man, are but as pasteboard masks. But in each event - in the living act, the undoubted deed - there, some unknown but still reasoning thing puts forth the mouldings of its features from behind the unreasoning mask. If man will strike, strike through the mask! How can the prisoner reach outside except by thrusting through the wall? To me, the white whale is that wall, shoved near to me. Sometimes I think there's naught beyond. But 'tis enough. He tasks me; he heaps me; I see in him outrageous strength, with an inscrutable malice sinewing it. That inscrutable thing is chiefly what I hate; and be the white whale agent, or be the white whale principal, I will wreak that hate upon him. Talk not to me of blasphemy, man; I'd strike the sun if it insulted me. For could the sun do that, then could I do the other; since there is ever a sort of fair play herein, jealousy presiding over all creations. But not my master, man, is even that fair play. Who's over me? Truth hath no confines.

Wütende Angst vor dem Weißen Wal auch im Warenhaus: Gab es in meiner Jugend auch schon zehntausend verschiedene Video- und Computerspiele, und waren sie damals auch schon für fünf Euro zu haben, wenn sie nur einige Monate alt waren? Der neue Mario sank doch noch nach einem halben Jahr nicht unter neunzig Mark, und da war ich immer noch mit dem letzten Teil beschäftigt, obwohl ich nicht gar so schlecht spiele. Wie gehen heutige Kinder und ihre Eltern mit diesem so furchterregenden wie unübersichtlichen Überangebot um? Und wie will ich damit umgehen, wenn ich einmal Kinder habe? Ich sehe tote Menschen zukünftige Einträge ...

Ruhigere Wasser einen Stock tiefer in der Spielwarenabteilung. Es gibt (wieder? Noch? Nur für kurze Zeit?) Legoschachteln, in denen nur Steine liegen, rote, blaue, gelbe und schwarze, keine grünen Vitrinen und grauen Schläuche, keine runden Ecken und rosanen Blumen, und ich denke an einen meiner Lieblingssätze aller Zeiten, von der lieblichen und klugen Nina Persson ausgerechnet auf Viva gesagt:

In my youth, there used to be only red, blue and yellow Lego bricks, and they were all square. Now there are pink and round ones. This doesn't seem like a world you'd want to raise your children in.

Oh Nina, Du bist so weise, wie Du schön bist! In was für einer Welt leben wir, dass uns nicht mal mehr unsere Legosteine erlauben, unserer Fantasie zu folgen? Fast kaufe ich die Schachtel, aber das ist genau das Problem, nicht wahr, eingepreistes Glück.

Vielleicht ist das auch, wogegen sich die bemitleidenswert unprofessionellen Kader der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands bei ihrer Kundgebung auf unserem Schloßplatz wenden. Im Dunkeln unter der Plane des Laderaums ihres Lasters schlecht sichtbar stehend, fordern Busfahrer, Küchenhilfen und Kunststofformgeber die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, grüßen ihren Kumpel "Rolf", der sich spontan bereiterklärt hat, die Würstchen zu verkaufen, und wünschen sich eine Gesellschaft, in der die, die gerne kochen, für die kochen, die nicht gerne kochen, und in der der Barbier von Sevilla jeden rasiert, der sich nicht selbst rasiert. Aber, leider, wer rasiert den Barbier?

Weiß es der junge, sympathische Mönch, der ein paar Meter weiter gegen Spenden Yogaheftchen verteilt? Sein hellrosaner Dhoti sagt mir zuerst nichts, und seine Broschüre beschreibt zunächst durchaus interessant, dass es im Yoga darum ginge, das Bewußtsein vom Äußeren, dem Körper, auf das Innere, die Seele zu lenken, und wie man dies durch verschiedene Arten des Yoga erreichen und sich so aus dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt lösen könne. Der Königsweg sei aber, und jetzt weiß ich, was für ein Mönch der junge Mann ist, das "Chanten" (sic, aber es gibt in der vokabelarmen deutschen Sprache kein besseres Wort) des "Großen Mantras", das wie eine "ZIP-Datei" sei: "die komprimierte Version der spirituellen Welt." Ich wünschte nur, ich könnte mir solche Sätze ausdenken.

Hare Krishna Hare Krishna
Krishna Krishna Hare Hare
Hare Rama Hare Rama
Rama Rama Hare Hare

Chanten verdrängt niedere Einflüsse, bringt Selbst- und Gotteserkenntnis, Transzendenz, die Verwirklichung des eigenen, wunderschönen spirituellen Körpers "und mehr". Klar, dass Materialismus, Esoterik und "Buddhismus & Co." da nicht mithalten können, und auch klar, dass man dann mit seinen Jüngern eben etwas rustikaler umgehen muß, damit sie nur nicht den Zug ins Nirvana verpassen. Wenn man den einzigen Weg kennt, die Menschheit zu retten, darf man nicht zimperlich sein! Aber ich gehe nach Hause.

So ist die Welt. Bunt und komplex und ohne Anleitung. Der Trick ist, trotzdem zu lächeln.

Neil Armstrong

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