06.04.05

"Ohne ihn"

...titelt die "Zeit" heute. Naja, sind ja nur noch zwei Wochen bis zu seinem Geburtstag und gut ein Monat bis zum Ende seines großen Krieges, und er kann nicht immer nur auf dem Titel des "Spiegels" sein, nicht wahr, und bald kommt auch diese Miniserie "Speer und er" ins Fernsehen, und dank der rastlosen Bemühungen des Nazi-TVs und seines Lieblingsgeschichtsarchitekten "Prof." "Dr." Guido Knopp ist er eh schon fast sowas wie ein zusätzliches Familienmitglied, das schweigsam bzw. brüllend und tobend, aber immer treu bis ins Mark mit am Mittagstisch sitzt ... Aber dennoch finde ich diese schleichende Übernahme nationalsozialistischer Rhetorik in den deutschen Geschichtsdiskurs ein wenig, um nicht zu sagen ziemlich beunr-

Wie? Was? Auf dem "Zeit"-Titel geht's um den Papst? Naja, vor lauter Hitlerei kann man schon mal den Überblick verlieren, aber der Punkt ist doch-

Jetzt laßt mich doch mal ausreden, verdammt, als ob Ihr noch nie einen kleinen Feh-

Okay. Lest das hier, Seiten 480 - 482:

Anfang September 1973 erschien [Joachim] Fests Hitler-Buch. Aus diesem Anlaß veranstaltete der Verleger der Monographie, Wolf Jobst Siedler, in seiner Villa in Berlin-Dahlem einen großen Empfang. Auch wir, [Reich-Ranickis Ehefrau] Tosia und ich, wurden eingeladen, was gewiß auf Fests Vorschlag zurückging. Wir waren in bester Laune, als wir, kaum in der Diele der geräumigen und vornehmen Wohnung angelangt, durch die offene Tür in eines der Zimmer blickten und dort etwas sahen, was uns beinahe den Atem verschlug: Einige Personen unterhielten sich sehr angeregt mit einem im Mittelpunkt stehenden, ansehnlichen und korrekt in einen dunklen Anzug gekleideten Herrn, wohl Ende Sechzig. Der Hausherr bemühte sich um ihn äußerst höflich, wenn nicht ehrerbietig. Allem Anschein nach war nicht Fest an diesem Abend der Ehrengast, sondern der durchaus sympathisch anmutende, gesetzte Herr.

Tosia wurde blaß. Auch ich fühlte mich plötzlich nicht ganz wohl. Es war klar: Wir hatten jetzt nur zwei Möglichkeiten - wir konnten trotz des Ehrengastes bleiben, oder wir mußten die herrschaftliche Villa sofort verlassen, was natürlich einem Eklat gleichkommen würde. Ich überlegte mir die Sache blitzschnell, doch bevor ich etwas unternehmen konnte, war sie schon entschieden: Siedler kam auf uns zu und geleitete uns, höflich und zugleich energisch, zu dem Ehrengast, der uns jetzt zwei oder drei Schritte entgegenkam. Er begrüßte uns wie alte Freunde, ja, so war es, er begrüßte uns geradezu herzlich.

Dieser dezente Herr war ein Verbrecher, einer der schrecklichsten Kriegsverbrecher in der Geschichte Deutschlands. Er hatte den Tod unzähliger Menschen verschuldet. Noch unlängst hatte er zu den engsten Mitarbeitern und Vertrauten Adolf Hitlers gehört. Er war vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Rede ist von Albert Speer.

Worüber man sich unterhielt, weiß ich nicht mehr. Aber was immer ich äußerte, Speer nickte mir zustimmend und freundlich zu, als wolle er sagen: Der jüdische Mitbürger hat recht, der jüdische Mitbürger sei willkommen. Auf einem Tischchen lag, wenn ich mich nicht ganz irre, auf einer Samtdecke das Buch, das hier und jetzt gefeiert wurde: ein Band von 1200 Seiten.

Auf dem schwarzen Umschlag war mit großen weißen Buchstaben der lapidare Titel gedruckt: Hitler. Was diese Ausstattung des Buches suggerieren sollte, worauf hier mit Entschiedenheit Anspruch erhoben wurde, konnte man nicht verkennen: Pathos war es und Monumentalität. Speer sah es offensichtlich mit Genugtuung. Verschmitzt lächelnd blickte er auf das feierlich aufgebahrte Buch und sagte bedächtig und mit Nachdruck: "Er wäre zufrieden gewesen, ihm hätte es gefallen."

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