20.04.2012

Betreuungsgeld

Im Prinzip finde ich ein Betreuungsgeld gut. Denn wenn Eltern durch die zusätzlichen finanziellen Wahlmöglichkeiten selbst entscheiden können, ob sie ihre Kinder in staatlichen oder privaten Tagesstätten oder zuhause erziehen wollen, besteht weniger Gefahr, dass die nachwachsenden Generationen zu passiven Staatskonformisten erzogen werden.*

Aber die tatsächliche Umsetzung mit einem lächerlich geringen Taschengeld, um Klagen wegen der aus politischer Unfähigkeit verfehlten Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen Tagesstättenplatz abzuwenden, das Fortbestehen Frauen benachteiligender familiärer Betreuungsarrangements und das bedauerliche Erziehungsversagen vieler Eltern machen es mir leider unmöglich, praktisch für das Betreuungsgeld zu sein. Es frustriert mich sehr, wenn meine schönen Ideale an der hässlichen Realität scheitern!

* Jede staatliche Erziehung ist schon notwendig (um Massen effizient beschulen zu können), aber auch gewollt (um "gesellschaftliche Werte" zu verbreiten und Gefahren für die etablierten Machtstrukturen abzuwenden) konformistisch normierend. Ich halte das prinzipiell für schlecht, weil der Staat sich aus der Werteformung heraushalten sollte, anstatt seine zu mächtigen, paternalistischen Tentakel immer tiefer in alle Bereiche der Lebensgestaltung hineinzuwühlen. Er soll sich auf seine Hauptaufgabe der Innen- und Außenverteidigung konzentrieren und so Raum für Freiheit schaffen, anstatt ständig mehr Aufgaben zu übernehmen, Wahlfreiheiten zu beschneiden und die Leute nach seinem Bild zu formen. Darum bin ich grundsätzlich auch gegen Schulpflicht. Aber das kollidiert direkt mit meinem anderen Ideal der Chancengerechtigkeit, unter das sich auch mein Feminismus weitgehend subsumieren lässt. Ohne flächendeckende und bezahlbare, also staatliche Kindertagesstätten müssen die Frauen zuhause sitzenbleiben, und viele Kinder bleiben von früh auf weit zurück. Das ist nicht, was ich mir unter einer menschlichen Gesellschaft vorstelle. Trotzdem frage ich mich, wie stark sich der Staat hier einmischen sollte. Denn wo soll die Normierung noch enden?

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