23.04.2012

Nazi-Tourette

Wie kann einer in der Öffentlichkeit stehenden Person ein Vergleich mit spezifischen Wachstumszahlen der NSDAP überhaupt einfallen? Wieso schwirrt diese Vergleichsmöglichkeit in einem Kopf herum, und wenn sie es tut, wieso wird sie nicht sofort als aufgrund der Idiosynkrasien öffentlicher Diskussionen in Deutschland extrem kontraproduktiv verworfen?

Vielleicht ist Martin Delius Amateurhistoriker und/oder medienunerfahren, aber ich denke, hier spielen auch zwei sehr deutsche Phänomene eine Rolle:
  1. "Nazi-Tourette", das fast pathologische Bedürfnis, im unpassendsten Moment einen Nazivergleich zu machen, nicht obwohl, sondern weil man weiß, dass das so tabu ist und man sich und anderen dadurch nur schaden kann. Ähnlich dem "appel du vide", dem seltsamen Bedürfnis, vom Rand hoher Gebäude oder Klippen zu springen.
  2. "Nazi-Münchhausen", das fast pathologische Bedürfnis, auf jeden Nazivergleich mit übertriebenen Ohnmachtsanfällen und theatralischer Empörung zu reagieren, um Aufmerksamkeit zu erhalten und seinen in ein enges Korsett gezwängten Körper endlich wieder zu spüren. Verwandt mit Hypochondrie, nur ohne echte Symptome.
Ich fürchte, diese Phänomene hängen voneinander ab und verstärken sich gegenseitig. Doch wo kommen sie her? Und wie werden wir sie wieder los?

Ich glaube, unsere Verkrampfung bei Nazivergleichen kommt daher, dass die Großeltern nicht an ihre Schuld (durch Handeln oder Unterlassen) erinnert werden möchten, die Eltern nicht daran, dass ihre Eltern schuldig waren, und die Kinder nicht an ihre Überladung durch gut gemeinte, aber ungeschickt umgesetzte Beschulung zum Dritten Reich, über das sie "in der 11. Klasse in jedem Fach lernen mussten". Außerdem gehört es zu unserem Nationalcharakter, verzweifelt "normal" sein zu wollen, weswegen die Erinnerung an unsere unnormale Vergangenheit zu solcher Hyperventilation führt, und Dinge "auch mal sagen zu dürfen", weswegen dann unter anderem sowas wie das letzte "Gedicht" von Günter Grass oder am extrem rechten Rand schürfende Tweets und Blogposts usw. rauskommen. Die Piraten sind wegen ihrer Internetaffinität auch öffentlicher als z.B. CSU-Politiker, die vermutlich manchmal ähnlich denken und sprechen, nur eben am Stammtisch in Rosenheim mit ihren 70-jährigen Kumpels, die kein Handy haben und sich ihre E-Mails noch ausdrucken lassen.

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