27.07.07

Evas Exegese Eins

Wie versprochen.

Mein Kampf

Bücher sind lebend gespeicherter Geist. Sie wandeln und winden sich unter dem Auge des Lesers, und was als fester Vorsatz eines völligen Verrisses beginnt, wendet sich unversehens zu bloßer Abneigung, dann zu vorsichtiger Indifferenz und am Ende gar, in einem kurzen Moment der Schwäche, zu etwas wie widerwilligem Einverständnis. Wir wollen also sehen, was am Ende dieser Serie unter dem Striche stehen wird. Wohlan!

"Das Eva-Prinzip" ist ein mutiges, überzeugendes Buch, das das Leben jeder Frau ändern wird - und vielleicht auch das einiger Männer.

Schon der letzte Absatz des Klappentextes macht keinen Hehl aus Hermans Heilsversprechen. Scheinbare Utopien waren schließlich schon immer die Spezialität größenwahnsinniger Paranoiker aller Zeiten: "Mein Kampf" ist ein mutiges, überzeugendes Buch, das das Leben jedes Deutschen ändern wird! Stimmte ja auch.

"Unter Mitarbeit" ihrer Ghostwriterin Christine Eichel und einer mysteriösen "Elisabeth, Urkönigin der Weiblichkeit" gewidmet, wovon noch zu schreiben sein wird, hebt das hastigst auf Billigpapier gedruckte knallpinke Werk mit einem "Prolog" an, in dem nicht nur die im Folgenden unglaublich krampfig in jede nur unmögliche Stelle hineingezwängte Adam-und-Eva-Metapher eingeführt, sondern auch die scheinbare Idylle der Moderne brutal demaskiert wird: Im "Supermarkt der Wünsche" gibt es kein Glück zu kaufen. Doch, natürlich: "Wer solche Fragen laut stellt, bricht ein Tabu." Wie gut, daß es eine wie Eva gibt, die sich einmal traut, dem Jud' hinter den Feindmächten in sein böse funkelndes Auge zu blicken! Eine Brecherin eines scheinbaren Tabus, die uns aus der Wüste der Wirklichkeit in das Gelobte Land des Eva-Prinzips führt, zu unser aller Heil! Klar, daß eine so mutige Prophetin von den powers that be mitunter persönlich angegriffen wird:

Das war nicht immer angenehm.

Aber Eva, ist es denn wirklich gar nicht angenehm, sich als heroische Kämpferin einer gerechten Sache zu gerieren? Sag selbst:

Aber die Sache ist zu wichtig, um mich einschüchtern zu lassen. Zu wichtig, um einfach so weiterzumachen wie bisher. Denn es geht um unsere Zukunft, um die Zukunft unserer Kinder, um den Fortbestand unserer Gesellschaft. Werden wir aussterben, wird unser Land in wenigen hundert Jahren brachliegen?

Wird der Türke, der Türke mit seiner verlausten Kinderschar zwischen den Ruinen des Reichstages spielen, den Überresten unseres Landes, unseres deutschen Volkes? In wenigen Äonen schon gar, in the year 2525? Hilf Eva, hilf! Kämpfe für uns, schreie, was wir nicht einmal zu flüstern wagen!

Offenbar war ausgesprochen worden, was viele denken, aber nicht zu sagen wagten.

So ist es, Schwester, man wird doch wohl noch mal sagen dürfen! Aber was ist das, man wirft Dir häßlich Heuchelei vor?

Eine Frau also, die alle Vorteile der Frauenbewegung für sich genutzt hatte und sie nun öffentlich mit Füßen trat?

Mach sie fertig, Mädchen, posiere als Ulrike Meinhof, Du kleine, liebe Hochstaplerin, und lenke so ganz charmant von der Tatsache ab, daß Du die Frage überhaupt nicht beantwortest:

Nicht trotz meines Berufes schrieb ich diese Bestandsaufnahme, sondern genau deswegen. Gerade als Journalistin werde ich ständig mit den Missständen unserer Gesellschaft konfrontiert, mit Themen wie Vereinsamung und Vernachlässigung, mit Problemen wie zerrütteten Familien und überforderten Frauen. Die Bilanz unserer gesellschaftlichen Entwicklung ist ernüchternd und beängstigend [...] Und ich versuchte herauszufinden, woran das lag.

Ja, woran? Was ist Dein Schlüssel, der die Welt eröffnet, Deine epochale Entdeckung der wirklichen Verhältnisse, Dein ewiger Jude?

Einige typische Feministinnen

Schließlich erkannte ich, dass wir Frauen umso weniger Kompromisse eingehen können, je stärker wir uns dem Prinzip der Selbstverwirklichung zuwenden. Nicht jeder Mann ist in der Lage, nachsichtig und großzügig darauf zu reagieren; und so muss man sich eingestehen, dass neben anderen Faktoren die viel gepriesene Emanzipation durchaus ihren Teil zu einer höheren Trennungsrate beiträgt.

So ist es, nur so, Wasser ist flüssig, der Papst ist Katholik, mehr Selbstverwirklichung bedeutet weniger Kompromisse, und an allem sind die Emanzen schuld, diese keifenden Hexen mit Latzhosen und Haaren unter den Armen! Und die Männer? Die sind halt so, wie sie sind und Punkt, und fertig gefügt ist Evas kleine Welt.

Doch wie kam sie zu dieser eines Religionsstifters würdigen Erleuchtung? Was ist ihre Höhle Hira, ihr Gabriel, der zu ihr sprach?

Erst als ich schwanger wurde, begann sich mein Weltbild zu verändern. Immer klarer wurde mir vor Augen geführt, dass ich nicht der Mittelpunkt war, für den ich mich gehalten hatte. Mein Blickfeld erweiterte sich, Empfindungen wie Empathie und Einfühlungsvermögen gewannen zunehmend an Raum.

In diesem ergreifenden Versuch eines einfachen Gemüts, komplexe Prosa zu schaffen, sehen wir schon den Keim künftiger Größe. Bekanntlich war ja auch Schicklgruber zu Anfang nur ein kleiner Gefreiter, und wohin hat er es endlich gebracht? Er behielt eben immer unbarmherzig seinen großen Feind im Blick:

die meist unverheirateten Feministinnen

In diese verschlüsselte Formulierung, die uns in leichten Abwandlungen im Verlaufe des Buches noch öfter begegnen wird, müssen wir nicht viel Interpretationswillen investieren, um zu erkennen, daß unsere Eva von den "unverheirateten" Frauen auf seltsam besessene Weise fasziniert scheint, und im Zusammenklang mit der eingangs zitierten Widmung für die "Urkönigin der Weiblichkeit" fällt uns so der erste, noch zarte Schlüssel zu Evas Welt in die Hand, geformt wie ein großes "L". Ziehen wir ihn auf unseren Bund.

Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. Am Dienstag hat sich der Freund, der dir so eine große Freude gemacht hat mit diesem Buch, noch gebrüstet, dass zu eben jenem viel mehr gebloggt wurde als aus dem anderen, das du auch zum Geburtstag bekommen hast. Jetzt kommt die Gretchenfrage: Ist das ein Maß für die Freundschaft? Oder eher ein Maß für deinen Hass auf die Eva und dein Desinteresse an sexuellen Fragen?

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  2. Seltsame Fragen stellen sich meine Leser!

    Ad Eins: Daß aus dem Archiv der vorbereiteten Beiträge zuerst der über Eva statt der über den Tiersex veröffentlicht wurde, heißt ziemlich genau gar nichts.

    Zwei: Über Zustimmungswürdiges, Erhellendes und Lustiges läßt sich naturgemäß über ein "Me too!" und "Lest das auch!" hinaus weit weniger bloggen als über zutiefst Verabscheuungswürdiges. Das heißt aber natürlich nicht, daß mir das eine Buch mehr wert oder lieber wäre als das andere.

    Drittens: Konkurriert Ihr echt um meine Aufmerksamkeit? Bitte, wie roh Ihr seid, das entscheiden feine Leute doch beim Schlammcatchen :-)

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  3. Tja, hmm... nett und überhaupt gar nicht überraschend.
    Außer vielleicht in Deiner persönlichen Variation von Godwin's Law, ja, den Juden hinter allem zu sehen ist eine nette Metapher aber geht mir, wie der ganze Text zu sehr in die polemische Ecke.
    Da frage ich mich dann eben anschließend, warum ich das gelesen habe, wenn ich es auch hätte selber schreiben können. Nur Loyaliät ist da auf Dauer nicht genug.
    Also bitte in Zukunft noch schlauere Beobachtungen und weniger Polemik, dann wirken die einzelnen Spitzen um so besser.

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  4. PS:
    "Bekanntlich war ja auch Schicklgruber zu Anfang nur ein kleiner Gefreiter"??
    Ähh, nicht dass ich wüsste. Erklärung?

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  5. Lieber Benedikt,

    nur weil Du es hättest schreiben können, heißt das ja nicht, daß alle anderen es auch hätten tun können, mein kleiner, loyaler, schlauer Leser :-)

    Es ist allerdings wirklich nicht leicht, in Evas Text mehr Tiefe zu finden, aber ich bemühe mich.

    P.S.: Hitlers Vater hieß bis zu seinem 39. Geburtstag Schicklgruber.

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  6. Hähä... schleimige Flucht nach vorne also, Glück gehabt, das funktioniert bei mir natürlich.

    Ich weiß, aber H. selber, der unsägliche, hieß ja eben nie so.
    Aber sei's drum, ich lese mal weiter meinen Hochhuth, schlimm das Alles.

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  7. Ja und wo ist sie? Die Fortsetzung meine ich?

    Wenn der geschätzte Rezensent sein Arbeitstempo nicht erhöht hat Eva ihren Literaturkanon über die Frau und ihre Rolle im Reich bald fertig und ich muss behaupten, ich hätte von nichts gewusst!

    Ganz am Rande spreche ich meine Anerkennung für Deinen Weitblick aus. Ich hätte nie gedacht, dass Eva weniger mit Blondie als mit Eva zu vergleichen ist.

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