01.03.08

GULag für Spitzenpolitiker

Zu manchen Themen kann ich lange nichts schreiben. Weil ich sie einfach nicht verstehe. Weil ich die Dinge, die Fakten, den Pulverdampf im Schützengraben ganz anders zu sehen, völlig verschieden wahrzunehmen scheine als die herrschende, die veröffentlichte Meinung, fast so, als würden meine Augen aufgrund eines seltenen und unheilbaren Geburtsfehlers einen an keiner Stelle überlappenden, ganz anderen Bereich des Spektrums erfassen als sagen wir, die Kai Diekmanns oder Roland Kochs. Und ich verstehe nicht.

Da schlagen zwei Jugendliche einen Rentner in München aus nichtigem Anlaß fast tot. Eine sicher nicht alltägliche, aber längst nicht einzigartige Tat. Zufällig wird diese Tat aber auf Video aufgenommen, und eine bundesweite Diskussion über Jugendgewalt entbrennt, und ich verstehe nicht, warum es einen Unterschied macht, ob man über die Tat liest oder sie sieht.

Da schreibt "Bild", daß jugendliche Ausländer "doppelt so gewalttätig wie Deutsche" seien, nennt als Quelle eine Studie des anscheinend zumindest auf diesem Gebiet kompetenten Christian Pfeiffers, und ich verstehe nicht, wie man je zu selbst einem "Bild"-Journalisten werden konnte, wenn man offensichtlich noch nicht einmal die Lesekenntnisse eines PISA-Letzten besitzt, denn wenn Pfeiffers Studie, wie er auch selbst betont, etwas zeigt, dann, daß die "Ausländerkinder" nicht, wie "Bild" suggeriert, aufgrund ihrer ominösen Ausländerhaftigkeit mehr prügeln, sondern weil sie unter überproportional ungünstigen Umweltbedingungen leiden, die auch Deutsche in gleicher Lage eher zur Faust greifen lassen. Daher wundert es mich auch nicht, daß die größte Tageszeitung Deutschlands titelt, daß "auch Vater und Bruder" eines der Münchner Täter "brutale Schläger" wären, als wäre das in irgendeiner Weise überraschend, aber dieser traurigen Tatsache abgesehen von der puren Faktizität keine Aufmerksamkeit schenkt, ganz im Gegensatz zu in die gesamte Zeitung eingestreuten trojanischen Wörtern wie "südländisch" oder "Migrationshintergrund", es wundert mich nicht. Aber ich verstehe es nicht.

Da fordern Teile der Politik "Erziehungscamps", und ich verstehe nicht, warum "Autobahn" jetzt ein böses Wort ist, KZ aber nicht mehr. Doch vielleicht muß das so sein, wenn die Schläger schlimmer als Hitler sind.

Da schreibt der noch amtierende hessische Ministerpräsident, wie er, er "Deutschland anständiger machen" will, und ich spule "The Silence of the Lambs" zurück, um nachzusehen, ob Hannibal Lecter irgendwann Tips zur Tischetikette gibt, und ich verstehe wirklich nichts mehr.

Obwohl, eigentlich stimmt das nicht.

Eigentlich könnte ich nur zu gut verstehen.

Ich will nur nicht.

Kommentare:

  1. Wo sagt Pfeiffer denn, dass die Ausländerkriminalität gestiegen sei? Im BILDblog-Interview hat er das genaue Gegenteil gesagt.

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  2. In der ZEITUNG selbst kam es so rüber, als hätte er einen Anstieg der Gewalttätigkeit bei allen Jugendlichen festgestellt. Vielleicht hat das Blatt ihn auch falsch zitiert...

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  3. Hab's mal entsprechend geändert.

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  4. Langsam glaube ich der Theorie mit Deinem Geburtsfehler...

    Nein, tue ich nicht. Du könntest Dich einfach mehr bemühen. Es geht ja nicht darum, dass Du die Welt mit Roland Kochs Augen sehen sollst, sondern darum, dass Du Dich mehr anstrengen könntest, nachzuvollziehen, wie andere auf ihre Meinungen zu kommen. Statt einfach mal Deine zu vertreten, gegebenenfalls auch unberührt von den Positionen Deiner "Gegner". Etwas mehr Diskussion, etwas weniger Debatte - es ist ja nicht so, als ob Du irgendwelche Lösungsvorschläge anzubieten hättest. Du kritisierst - völlig legitim. Aber WIE Du kritisierst ist es nicht.

    Einen Artikel der FAZ, der sich in seriöser Art - über die ausgedrückten Positionen ließe sich streiten (wenn man das wollte) - Gedanken zum Problem macht mit den Worten "wenn die Schläger schlimmer als Hitler sind" zu verlinken ist irgendwo zwischen schwachsinnig, bösartig und gedankenlos - alles Wörter, die eigentlich nicht dazu taugen, Dich zu beschreiben.

    Daher eben meine Meinung: Du könntest schon anders. Du müsstest Dich nur mehr bemühen.

    PS:
    Vielleicht, natürlich auch möglich: Ich verplane es voll und der verlinkte Artikel sagt wirklich genau das: Schläger sind schlimmer als Hitler. Dann: Schande über die FAZ und über mein Haupt, dass dies nicht durchschaute. Ich bitte gegebenfalls um Aufklärung, damit ich Buße tun kann.

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  5. Ich glaube, wir haben es mal wieder mit der Grundfrage dieses Blogs zu tun...

    Wie geschrieben, ich könnte verstehen, wieso ein Roland Koch glaubt, über Anstand schreiben zu können. Ich habe nur keine Lust, weil wenn man lange genug in den Abgrund blickt usw.

    Aber vielleicht irre ich mich auch, und Koch hat ganz redliche Gründe, seine Tips zu verteilen, wie Schirrmacher redlich und überhaupt nicht grotesk übertreibend ist, "Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt", zu schreiben.

    Aber warum soll ich mich mühen, denen die andere Wange hinzuhalten, die so offensichtlich auf eine Schlägerei aus sind? Warum soll ich edel, hilfreich und gut sein, wenn die Gegenseite lustvoll mit Scheiße schmeißt? Was hat uns zum Beispiel Al Gores Edelmut im Jahr 2000 gebracht? Acht Jahre Hölle.

    Nicht mit mir.

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  6. Ich habe die Formulierung hin- und hergedreht:
    "Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt"

    Das ist nicht gerade edelmütig oder feinsinnig, nicht mal unbedingt sinnvoll und man kann es kritisieren, tut da gar nicht unbedingt falsch daran - s.u.. (Hagen Rether bringt es in der Scheibenwischer-2007-Abschluss-Gala ziemlich auf den Punkt.)
    Aber wenn man schreibt: "Schirrmacher mag Hitler" dann hat man zwar auch seinem Unmut Luft gemacht, aber es stimmt einfach nicht. Genauso wenig, wie wenn man schreibt, dass er nackt und mit lila Farbe übergossen durch die Frankfurter Fußgängerzone gelaufen wäre. Oder dass er geschrieben hätte, dass "Schläger schlimmer als Hitler" seien. EBEN DAS hat er nämlich nicht geschrieben und sich in seiner mühsamen Formulierung sogar noch explizit ("potentiell (...) am nächsten") davon abgegrenzt.

    Wenn Du ihm also das vorwirfst, ist das ein bisschen so, wie wenn Du in einem Boxkampf Deinem kämpferisch überlegenen Gegner in die Eier trittst: Menschlich irgendwie nachvollziehbar, aber nicht Sinn der Sache.
    Dann eben nicht Boxen!
    (Hier: Dann eben nicht teilnehmen am Diskurs, wenn man sich nicht wirklich um die Aussagen des anderen kümmern will.)

    Was ich Dir vorwerfe: Deine Polemik dient vielleicht Deiner Abreaktion, aber sie verbessert nichts. Mit grotesken Übertreibungen auf beiden Seiten tut man sein möglichstes dafür, konsequent weiter aneinander vorbeizureden.

    Dabei wäre die Gelegenheit so schön gewesen! Man hätte fragen können, was denn "potentiell" heißen solle. Etwa "vielleicht"? Oder "doch schon ziemlich wahrscheinlich"? Oder "eigentlich habe ich keine Ahnung, aber so kann ich eine ziemlich krasse Aussage hier richtig schön unterbringen, ohne dass mich jemand verklagen kann". Oder "mit diesem Wort ist nämlich Islam-Bashing erlaubt"! (Wobei man F. S. auch zugute halten muss, dass er korrekt vom "muslimischen Fundamentalismus" spricht.)
    Man hätte fragen können, wie mittels juristisch kodifizierter Sprache so eine Aussage denn klingen müsste, die ein um Klarheit bemühter Staat sagen sollte.
    Oder fragen, ob wirklich "Jugendkriminalität" zur "tödlichen Mischung" beiträgt oder es nicht vielmehr Ursachen von Jugendkriminalität sind, die auch als Ingredienzien für "tödliche Mischungen" (tm) verwendbar sind...

    Ach, so viele Vorlagen!
    Aber nein: "Frank Schirrmacher findet Hitler gar nicht so schlimm" titelt die Soapbox.

    Oh, tat sie gar nicht? Egal. Ich könnte ja verstehen... aber ich will nicht.


    (Die Ausführungen zu Deiner grotesken Fehlinterpretation von Herrn Pfeiffer kann ich mir sparen - der Link von Lukas spricht wohl für sich. Dass ausgerechnet Du meinst, ausrecherchiert zu haben, wenn Du die Bildzeitung gelesen hast...)

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  7. Hm. Ich hatte mich von meiner Abneigung für Pfeiffer im Bereich Video- und Computerspiele und dem Umfeld, in dem seine Studie in "Bild" zitiert wird, anstecken lassen, und ihn daher falsch verstanden, daß die Ausländergewalt steige. Tatsächlich sagt selbst die ZEITUNG in ihrem Artikel nur, daß die Gewalt ausländischer Jugendlicher doppelt so hoch wie die Deutscher ist. Sie suggeriert natürlich eine Steigerung und versucht zu verschleiern, daß es nicht an der Ausländerhaftigkeit liegt, wenn einer zum Schläger wird, aber die falsche Darstellung ist mein Fehler. Dafür Entschuldigung, und es ist korrigiert.

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  8. Danke, Du hörst auf Deine Untertanen! Lob dem dem gnädigen, dem großen Seifenbox-Tryannen!

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  9. Zu Schirrmacher aber: Das ist genau der Punkt meines Eintrags. Warum soll ich bei einem wie ihm im Zweifel für den Angeklagten sein? Mich auf seine Auslassungen einlassen und ihre Perfidität und Maßlosigkeit mühsam Wort für Wort zu widerlegen suchen, während er schon längst zur nächsten Untat geeilt ist? Den zivilisierten Diskurs aufrechterhalten, den er durch seine unzivilisierten Äußerungen untergräbt? Und ihm damit auf den Leim gehen? Nochmal, was nützt der größte Edelmut, wenn die Gegenseite wie wild foult und es keinen Schiri gibt? Welchen Dienst hat uns Al Gores Fairness im Jahr 2000 erwiesen?

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  10. Um Deine Fragen zu beantworten, werde ich zuerst mit einer allgemeinen Erörterung (1) beginnen, dann den vorliegenden Fall untersuchen (2) und schließlich beides kombinieren (3) um damit meine Position darzulegen.

    (1) "Der Zweck heiligt die Mittel."
    Niemand wird mir widersprechen, wenn ich behaupte, dass sich hinter diesem Satz schon oft Untaten versteckten und immer wieder - im größeren und kleineren Maßstab - verstecken. Dabei sind meiner Meinung nach die vielen kleinen Fehltritte inzwischen schlimmer als die einzelnen großen. Beispielsweise mag ein Politiker denken, es lohne sich, im Wahlkampf auf Kosten von schwächeren Bevölkerungsgruppen zu polemisieren, um schließlich den Wahlsieg davonzutragen und DANN umso viel mehr gutes zu bewirken.
    Prinzipiell netter Versuch, leider pervertiert dieser Gedanke schlussendlich das ganze System: Da auch sein politischer Gegner ähnlich vorgeht, müssen immer mehr schlimme Mittel aufgewendet werden, um einen "guten" Zweck zu erreichen. Dadurch entstehen erhebliche Kollateralschäden.
    Sinnvoll wäre, wenn jeder sich den kategorischen Imperativ jeden Tag neu in den Kalender schriebe und davon absähe, seine Mittel gutzureden und stattdessen auf die verwerflichen unter ihnen verzichtete.

    (2) Deine Argumentation basiert darauf, dass Du nicht auf Polemik verzichten willst, wenn es Deine "Gegner" auch nicht tun. Abgesehen davon, dass Du Dich mit diesem Vorgehen implizit auf die Stufe der von Dir so verachteten stellst, ist es auch prinzipiell unlauter, die Position des Gegenübers von vorneherein nicht ernstzunehmen. So kann von vorneherein kein konstruktiver Diskurs entstehen, egal ob der andere dazu willens wäre. DU bist es nicht. Wer Recht hat oder auch nur einen starken Standpunkt hat, kann diesen auch noch erfolgreich vertreten, nach dem er die Seite seines Gegenübers so stark wie möglich gemacht hat.
    [Randbemerkung: Dass dies im alltäglichen Debattierbetrieb oft zugunsten kurzfristig effektiverer Polemik untergeht ist traurig.]

    (3) Deine Argumentation basiert darauf, dass Du durch Dein Ziel Deine Mittel (die Du als auch von der Gegenseite verwendet ansiehst) rechtfertigen willst. Dadurch gelingen Dir gelegentlich schöne polemische Spitzen, aber Du bewegst Dich im Raum eben jener Maßlosigkeit und unzivilisierten Äußerungen, die Du anderen vorwirfst. Dies ist schon allein dadurch gegeben, dass Du Dich ja - wie Du auch zugibst - Ihrer Strategien bedienst. Aber auch dadurch, dass Du gar keinen Wert mehr auf das gelingen des zivilisierten Diskurses legst, sondern ihn als verloren gibst.

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  11. Richtig, wenn man zurückfoult, droht das Spiel in ein Massaker abzurutschen. Es ist meistens so naive wie gefährliche Anmaßung, zu glauben, man sei so edel und stark, den Feind in der Schlammgrube zu schlagen und sich dann sauber daraus zu erheben.

    Aber was, wenn der Feind ein Tyrann ist und es keinen Weg außer Mord gibt? Aber gut... When you strike at a king, you must kill him.

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