11.01.09

Das literarische Quartett

"Ein grräßliches, ein ganz und gar fürrchterliches Buch, diese 'Feuchtgebiete'", sagt der Mann auf dem überbordenden Rokoko-Canapé mit dramatischer Geste und einer unglaublich feuchten Aussprache. "Was hat sich diese Charlotte Rrotz oder Rröche oder wie sie heißt nur dabei gedacht? Ich verrstehe ja den Impuls, gegen den Hygiene- und Enthaarungswahn anschreiben zu wollen, daß ein neunjähriges Mädchen mit Alopezie und ohne Schweißdrüsen das erotische Ideal sein soll, kann nicht gesund sein, aberr so kann man das Thema doch nicht behandeln! 'Feuchtgebiete' ist nicht clever, nicht gut geschrieben, hat keine Charaktere, keine Handlung und noch nicht mal einen richtigen Ort. Dem Buch geht jede Dimension geteilter Menschlichkeit ab, und im Ergebnis führen die zahllosen Beschreibungen unappetitlicher Körperfunktionen und Sekrete, weil sie eben jedem humanen Zusammenhang enthoben sind, nicht zum Wunsch, sich alle Haare mal wieder so richtig lang wachsen zu lassen, sondern im Gegenteil dazu, sich täglich zehnmal mit Stahlwolle und Salzsäure abschrubben und mit einem Flammenwerfer epilieren zu wollen, um den unbeschreiblichen, geradezu höllenhaften Ekel loszuwerden, der einen bei der Lektüre befällt, selbst mich, derr ich weiß Gott genug Schlimmes auf dieser Erde gesehen habe! Das ohne Untertreibung schlechteste Buch, das ich je gelesen habe, und ich kann jetzt auch Charlotte Roche nie mehr ansehen, ohne mir zu denken, was um Gottes guten Willen in ihrem Kopf kaputt sein muß, daß sie so ein Werk verfaßt hat, und mehr noch, was mit diesem Deutschland kaputt sein muß, das einen solch kläglichen, widerlichen Erguß auf alle Titelseiten und Bestsellerlisten gehoben hat. Ach, ach, ach!"

"Da haben Sie ganz recht, Herr Lazar", antwortet Marcel Reich-Ranicki im Sessel zur Rechten, während er sich diskret ein wenig Spucke von der Backe wischt. "Aber haben Sie in letzter Zeit nicht auch bessere Werke gelesen?"

"Selbstverständlich, mein lieber Freund, auch wenn jede Speisekarte, ja jede Toilettenordnung mehr literarischen Wert besitzt als das eben erwähnte Buch", antworte ich. "Da war zum Beispiel das an dieser Stelle bereits erwähnte 'Ich brauche Liebe', die Autobiographie von Klaus Kinski. Und auch wenn mutmaßlich viel bis alles darin erfunden ist und die unzähligen sexuellen Eroberungen des Großschauspielers den Leser irgendwann ein wenig zu ermüden beginnen, ist es doch ein für die deutsche Sprache sehr leidenschaftliches, kraftvolles, vor Leben sprudelndes Werk, und man bekommt wirklich Lust, es Kinski nachzutun, weniger auf die Meinung der anderen zu geben, Filmbänder in Gold in die Tonne zu kloppen und Frauen zu lieben, egal wie alt sie sind, egal wie sie aussehen, wieviele Haare sie haben, schlicht dafür, daß sie Frauen sind, Menschen. Wahrhaftig, ich brauche Liebe, Sie brauchen sie, meine Freunde, jeder braucht sie!"

Eva Green im Sessel zur Linken errötet ein bißchen. Es steht ihr sehr gut. "Erzählen Sie mehr von der Liebe", flüstert sie fast in einem hinreißenden französischen Ton.

"Aber ja! Ich habe endlich auch 'The God of Small Things' gelesen", fahre ich fort, "und ich weiß nicht, wie ich dieses absolute Meisterwerk so lange verpassen konnte. Perfekte, golden glänzende Metaphern, vollkommene Sätze, wie hypersensorisch, unendlich horizonterweiternd, zum emotionalen Milliardär bereichernd, zutiefst berührend, Wort für Wort reine Wahrheit. Lesen, lieben, leben!"

"Das sind ja nun aber alles recht bekannte Bücher, Herr Lazar", sagt Barack Obama, der sich extra für die Sendung freigenommen hat und im dritten Sessel sitzt. Er spricht akzentfrei Deutsch. Wie alle anderen Sprachen. "Haben Sie nicht auch neuere Empfehlungen für uns?"

"Durchaus, mein Lieber, und die erste ist 'Nachtfische' von Rebecca Anna Fritzsche, ein kleiner Debütband mit fünf Erzählungen. Ich kenne die Autorin persönlich, und im Gegensatz zu vielen ihrer schreibenden Generationsgenossen, die mit oberflächlicher Wortpolitur langweilen, ohne je nach den Perlen des Lebens zu tauchen, vielleicht haben sie keine Eier oder Ovarien, erzählt sie lakonisch und präzise und genau beobachtend vom Unglück des Daseins, am Besten in der titelgebenden Geschichte über eine langsam und böse herankriechende Postpartumdepression. Ein bißchen vielleicht, wie Hemingway geschrieben hätte, wenn er eine junge Frau gewesen wäre. Ich freue mich schon auf ihren ersten Roman!"

Jetzt ist es an mir, ein bißchen zu erröten.

"Äh, das letzte Buch für heute ist ein Sachbuch, und ich habe es von einer sehr, sehr lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen. Es heißt 'Dr. Tatiana's Sex Advice to All Creation' und ist im Frage-und-Antwort-Stil wie bei Doktor Sommer geschrieben, aber für die gesamte Schöpfung. Und Gott, die Tiere und Pflanzen und Pilze treiben es vielleicht toll! Unendlich kreativ, grenzenlos varianten- und lehrreich und auch sehr witzig. Nach der Lektüre ist man ganz erfüllt von Ehrfurcht und Erstaunen vor der Natur und möchte selbst seinen Teil tun, ihr so oft und so lange wie möglich zu huldigen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Kraft und viel Liebe. Bis bald!"

Kommentare:

  1. Sehr unterhaltsame verpackte Buchkritik.

    Aber die Pointe mit dem spuckenden das "r"-krächzenden Mann ging verloren als er von Stahlwolle, Salzsäure, Flammenwerfer etc. anfing.

    Sowas sagt der Marcie nicht, aber das musstest du wohl der Rhetorik opfern, bis dahin sehr überzeugend ;-)

    Vielleicht fällt

    P.S Eva Green ist nur eine stumme Dekoration ? Empörend !

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  2. Bei mir hat besagte Pointe voll gezündet, weil ich den ersten Absatz einfach für eine Übertreibung des normalen MRR-Anfalls hielt und gar nicht begann mich darüber zu wundern, dass er ACL-Vokabeln verwandte.
    Schön geschrieben!

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  3. Mein Lieblingszitat aus einer Rezension über das Kinski-Buch:

    "Meist sind es erstaunlich häßliche Frauen, mit Damenbärten, knochigen Hüften, Hämorrhoiden, Hängetitten, extremer Schambehaarung oder stechend riechend."

    Und Klausi selber soll auch noch zu Wort kommen:

    "Ihre breiten Hüften und wuchtigen Schenkel stehen zu ihrem schmächtigen Oberkörper in so unglaubwürdigem Gegensatz, als hätte die Natur aus einer Laune heraus den Oberkörper und Unterleib zwei verschiedener Menschen zusammengesetzt. Dazu sind ihre Schenkel bis hoch zu den Hüften behaart.
    Das macht aus ihr einen weiblichen Satyr. Ich ficke sie nur im Stehen, um diese seltene Schöpfung beim Orgasmus vor Augen zu haben."

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  4. Komisch, das mit den Hämorrhoiden habe ich gar nicht gefunden, vielleicht hast Du eine alte Ausgabe? In meiner schläft er eher mit hübschen Mädchen :)

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