21.06.07

Frau Ferres läßt richtigstellen

Wenn das Geld in der Abmahnkasse klingt, die Seel' aus dem Fegefeuer springt.

Man hat mir freundlich zugetragen, daß meine große Liebe etwas an dem schmeichelnden PR-Stück auszusetzen bzw. richtigzustellen hatte, das sich in der letzten Ausgabe der "DB mobil" fand, daß sich diese Richtigstellung in der neuesten Ausgabe des Zugblattes fände und daß man jetzt immer, wenn man Veronica Ferres sähe oder hörte, an mich denken und dann laut lachen müsse. Semper aliquid haeret - geht halt in beide Richtungen.

Verstohlen also in einen vergewissert noch einige Zeit stehenden Zug geschlichen, nervös nach links und rechts blickend ein Exemplar unter den fleckigen Trenchcoat geschoben und in der dunkelsten Ecke des Bahnhofes Seite 10 aufgeschlagen, der wir folgende Korrekturen entnehmen konnten:
  • Keinesfalls gibt es in Frau Ferres' Terminkalender einen Eintrag, der sie an ihren Feierabend erinnern soll, damit sie nicht vergißt, ihrer kleinen Tochter eine Gutenachtgeschichte vorzulesen. Vielmehr gibt es in Frau Ferres' kleiner Tochter einen Feierabend, der sie daran erinnern soll, ihrer Gutenachtgeschichte einen Terminkalender einzutragen.
  • Keinesfalls ist die von V.F. mitgegründete Filmproduktionsfirma dazu da, V.F. zu vermarkten. Vielmehr soll die Firma V.F.s identische, aber bis ins Mark böse Zwillingsschwester Feronika Verres vermarkten. Interessantes Faktum am Rande: Diese Verres ist tatsächlich eine Nachfahrin des berühmten und bis ins Mark korrupten römischen Politikers Gaius Verres.
  • Veronica F. macht auch gar nicht mehr so viel Werbung. Es ist auch nicht wahr, daß Oh-Zwei Ferres' Gesicht mit Industrielasern in den Mond graviert hat.
  • Und schließlich hat V. Ferres nicht etwa eine eigene Moral, sondern einen eigenen Leitfaden. Es handelt sich dabei um ein 10 cm dickes Hanftau, mit dem früher das 12.000 TEU-Containerschiff "Pearl of Kanchanaburi" im Hafen von Jakarta festgemacht war.
Mit einem seltsamen Geschmack im Mund bin ich nach Hause gegangen und habe nachgedacht. Darüber, wer das eigentlich ist, diese Frau Ferres. Wie die so tickt. Was die so in den Deutschen zum Ticken bringt und manchmal, hust, zum Austicken. Und warum eigentlich.

Erste Denkstation: dieses Interview mit einer ziemlich offenen Veronica darüber, wie Michael Douglas sie vernaschen wollte, wie Ingo Appelt sich über sie lustig gemacht hat und wie unglücklich sie in ihrer Jugend war. Und wie in einem Regenbogen spannt sich schon hier das ganze sichtbare Spektrum der Frau F. auf, von der "schönsten Frau Deutschlands" zur Zielscheibe der Nation, von der "deutschen Sharon Stone" zu Wilhelm Genazinos W- äh... M- hm... M- "Muse". Warum strahlt Frau Ferres von der Gamma- bis zur Radiowelle?

Weil ICH MEINE, DASS sie wenig Selbstschutz hat.

Für alle mitlesenden Partner und Associates: Der in Versalien gesetzte Teil verdeutlicht, daß es sich beim letzten Satz nicht etwa um eine abmahnfähige Tatsachenbehauptung handelt, sondern um meine persönliche Meinung, die nicht bedeutender oder tragkräftiger ist als meine andere Meinungsäußerung, daß ICH MEINE, DASS das deutsche Abmahnsystem das Schlechteste aus allen darin Beteiligten hervorholt und daß die, die es für sich ausnutzen, langsam und bei vollem Bewußtsein in der Hölle verbrennen werden, was ich ihnen ausdrücklich und aus ganzem Herzen wünsche.

Zurück zum Thema. Aus obiger Meinung folgt, ebenfalls meinend, daß, wer wenig Selbstschutz hat, durchlässig ist für Projektionen, Wünsche und Ängste aller Art, dadurch Gedanken und Taten katalysierend, endlich Menschen polarisierend. Spekulationen, wie und warum Veronica wurde, wie sie ist, sind müßig und möglicherweise teuer, auch wenn meine entsprechenden Vermutungen fast gerichtsfest sein müßten, wenn ich das Leben nur ein wenig kenne. Hier reicht es, festzustellen, daß die meiner Meinung nach niederen Mauern des F.schen Selbst auch das Niedere und das Innere aus ihren Betrachtern hervorholen, die eigenen Seelen in der blanken Offenheit der ihren widerspiegeln.

Hurtig über die Frage, was das für meinen Fall Ferres heißt, hinweg, zur Antwort darauf, was es für die Schauspielerin selbst bedeutet:

ICH DENKE, alles geht ihr nahe.

Darum die abrupte Ablehnung von Genazinos Stück. Darum die bis ins Bizarre detaillierten Richtigstellungen. Darum die, wie ich denke, obsessive Kontrolle des öffentlichen Images. Darum die, wie ich meine, rabiaten Rechtsmittel. Darum das, wie ich glaube, Jaulen und Beißen wie ein panisches, verwundetes Tier.

I've got a blister from
touching everything I see
The abyss opens up
It steals everything from me

Wie gut sich wohl Courtney Love und Veronica Ferres verstehen würden?

Vielleicht lesen sie ja, durch einen glücklichen Zufall, diesen Tip: Offenheit ist gut. Tausendmal lieber ein Katalysator, der die Menschen so werden macht, wie sie sind, als ein Panzer, vor dem sie sich verhärten und die Bazooka schultern. Aber je offener das Fahrzeug, desto fester muß der Fahrer sein, wetterbeständig, mit Brille gegen Fliegen, Jackie-Kopftuch fürs Haar und Fuß sicher auf dem Gas. Das kann man lernen. Das sollte man sogar lernen.

Damit man weniger zubeißen muß.

Damit man weniger kontrollieren muß.

Damit man weniger richtig stellen muß, sondern richtig ist.

Meine ich.

Weiß ich.

Kommentare:

  1. Ja, hmm, ganz trefflich trivialpsychologisch betrachtet...
    Allderdings bleibt mir ein Problem:
    V. F. interessiert mich eigentlich gar nicht so sehr, fällt mir gerade beim Lesen so auf.
    Ist diese Betrachtung tatsächlich sinnvoll investierte Lebenszeit? ;-)

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  2. Es ist bedauerlich, dass niemand diesen wunderbaren Artikel ausreichend zu würdigen wussten, darum mache ich es.
    Andi, ich konnte mich vor Lachen kaum halten, und du weißt, ich lache niemals und wenn, dann höchstens über dich;)
    Aber diesmal war es Lachen mit dir, ob dieser sehr geistreichen Parodie.

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