22.02.05

Marienkomplex

Die Jungfrau Maria

Eines Tages möchte ich mir diesen Begriff eigener Erfindung patentieren lassen und verkünde ihn daher schon heute stolz, wo ich nur kann, und somit auch hier. Was aber ist der Marienkomplex? Ausgerechnet der alte Schluckspecht Martin Walser scheint's im Anriß erfaßt zu haben:

Der Ödipuskomplex wäre viel realistischer, wenn man ihn Marienkomplex genannt hätte. Die Männer, die diese Kultur gegründet haben, stellen sich lieber eine jungfräuliche Geburt und Zeugung vor, als eine wirkliche Frau, die man nicht besitzen kann. Es ist doch wahnsinnig, was die Maria bei uns für eine Rolle spielt. Sie ist uns lieber, denn sie hat keinen anderen. Die habe ich ganz für mich.

Der Marienkomplex gliedert sich wesentlich in drei aufeinander aufbauende Teile:
  • Nur Huren und Heilige oder Märchenprinzen und Proletenschweine erkennen statt wahrer Menschen, beispielsweise bedingt von Verwirrung durch Medien- und Gesellschaftsnormen, Unerfahrenheit und allgemeiner Wirklichkeitsferne.
  • Anbetung der Heiligen oder des Märchenprinzen; extrem menschenfeindlich, nicht obwohl, sondern weil das Objekt der Anbetung auf ein so hohes Podest und in einen solchen Ikonenstatus erhoben wird, dass ihm damit völlig die Möglichkeit verweigert wird, selbst zu sagen, wie es behandelt werden möchte und selbst zu wissen, was es will, und sei es, sich ganz und gar unheilig zu verhalten.
  • Machtgefälle der Anbetung; eine Ikone ist keine ohne einen Verehrer und umgekehrt, und wo Ikonen sind, sind auch Ikonoklasten nie fern.
Kurz, der Marienkomplex ist die vollasphaltierte Bundesautobahn in die Beziehungshölle irrealer Erwartungen, ungleichwertiger Partnerrollen und wechselseitigen Machtmißbrauchs. Nur ein Randthema? I don't quite think so (Hervorhebungen meine):

12. Januar 2005
Das Fehlen eines geeigneten Partners, die Zufriedenheit mit einem Leben ohne Kinder, höhere Lebenshaltungskosten und die Sorge um den Arbeitsplatz sind die wichtigsten Motive, warum sich immer mehr Frauen und Männer in Deutschland gegen die Gründung einer Familie entscheiden. Fehlende Betreuungsmöglichkeiten spielen hingegen nur eine untergeordnete Rolle bei der Entscheidung, ohne Kinder zu leben.

Das ist das Ergebnis einer bundesweiten Umfrage und Fragebogenaktion unter 40 000 Männern und Frauen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren, mit der die Zeitschriften "Eltern" und "Eltern for family" das Meinungsforschungsinstitut Forsa beauftragt hatten. [...]

44 Prozent der befragten Kinderlosen verzichten demnach auf Nachwuchs, weil ihnen der geeignete Lebenspartner fehlt. [...]

Auch eine ebenfalls von der Zeitschrift "Eltern" in Auftrag gegebene weitere Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Nach den Ergebnissen dieser "FamilienAnalyse 2005", für die etwa 2800 Personen mit Kindern bis unter 14 Jahren befragt wurden, liegen die Ursachen für die anhaltende Kinderlosigkeit in Deutschland vor allem im familienfeindlichem Klima und dem Fehlen eines Partners begründet.

Doch wo sollen sie nur herkommen, all die unberührten Marien und strahlenden Prince Charmings? Woher nur?

Kommentare:

  1. interessanter Begriff; taucht jedoch schon - als Zitat von Sigmund Freud - andernorts auf („Wir haben in höchst interessanten Streifzügen durch sein Leben seine Liebesbedingungen, insbesondere seinen Marienkomplex (Mutterbindung) aufgedeckt. Ich hatte Anlaß, die geniale Verständnisfähigkeit des Mannes zu bewundern. Auf die symptomatische Fassade seiner Zwangsneurose fiel kein Licht. Es war wie wenn man einen einzigen, tiefen Schacht durch ein rätselhaftes Bauwerk graben würde.“ Zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Mahler. Siehe dort auch Quellenangabe)

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