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30.09.2011

X-Com

Vor kurzem habe ich wieder "X-Com" (auch bekannt als "UFO: Enemy Unknown") durchgespielt.

"X-Com" ist eins der besten Videospiele, das ich jemals gespielt habe, vielleicht das Beste. Nicht schlecht für ein bald 20 Jahre altes pixeliges DOS-Spiel und einen alten Daumendrücker wie mich, der, mit dem NES angefangen, sicher hunderte Computerspiele wenigstens in Händen gehalten, wenn nicht ebenfalls durchgezockt hat.

X-Com-Geoscape

Das Spiel lässt sich am Besten als Planetare-Verteidigung-Simulator beschreiben. Am Ende des letzten Jahrtausends bevölkern UFOs den Luftraum der Erde, und Außerirdische terrorisieren Städte und entführen Menschen. Eine multinationale Eingreiftruppe, die X-Com, wird gegründet und nimmt den Kampf gegen die Aliens auf.

In einer Geoscape genannten Ansicht der Erde platziert man X-Com-Basen, überprüft Statistiken, liest nach, was man über die Außerirdischen herausgefunden hat, und befehligt Abfangjäger im Einsatz gegen anfangs kleine, später gewaltige UFOs. Den Aufbau der Basen kann man in einer zweiten Ansicht genauso kontrollieren und ändern wie die Namen seiner aus aller Welt rekrutierten Soldaten, die Ausrüstung der Jäger und Truppentransporter, die Forschung an Alienartefakten, die Herstellung nützlicher Waffen und Rüstungen und einiges andere mehr. Dieser Teil des Spiels gleicht einer Aufbau- und Wirtschaftssimulation, mit dem zusätzlichen Thrill, dass die Aliens bei anhaltendem Erfolg der X-Com öfter ihre Basen angreifen und man sie dann bis zur letzten Granate verteidigen muss.

X-Com-Basis EuroCom

Doch das Herz des Spiels ist der rundenbasierte Kampfmodus, die Battlescape. Die X-Com-Soldaten fliegen zur Absturzstelle eines abgeschossenen UFOs oder zu einem gelandeten Raumschiff, in eine terrorisierte Stadt oder zu einer Außerirdischenbasis, erkunden das zu Anfang verborgene, immer wieder neu zufällig zusammengesetzte Terrain und versuchen, alle Aliens zu finden und zu töten.

Betonung, vor allem in den ersten Monaten des Spiels, auf "versuchen". Die Soldaten sind lächerlich unterbewaffnet und können selbst bei Tageslicht kein Scheunentor treffen. Die Außerirdischen sehen vor allem in der Nacht besser, schießen genauer, bewegen sich schneller und attackieren die Soldaten zum Teil mit psychischen Angriffen, die sie in Panik versetzen oder gar unter ihre Kontrolle bringen. Ich habe kaum je in einem Videospiel mehr Immersion und Angst verspürt, als auf einer nächtlichen Terrormission in Rio oder Nowosibirsk von irgendwoher beschossen zu werden, oder einen Chryssaliden zu entdecken, nicht mehr genug Bewegungspunkte zum Fliehen zu haben und zu wissen, furchtbar zu wissen, dass er beim Zug der Aliens klack-klack-klack zum nächsten X-Com-Rekruten laufen und ihn in einen Zombie verwandeln wird, in dem ein weiterer Chryssalid steckt; bin nie verzweifelter gewesen als damals, als ein psychisch schwacher Rekrut von den Außerirdischen besessen wurde und meinem monatelang gehegten und gestärkten Oberst tödlich in den Rücken schoss. Ich habe halbe Häuser mit Bergbausprengstoff eingerissen, um bessere Sicht zu erhalten, Pech für die Bewohner, besessenen Soldaten mit Tränen in den Augen Gnadenschüsse gegeben, um die Mission nicht zu gefährden, und wie Rambo gebrüllt, wenn mein letzter Soldat den letzten Mutonen getötet und so einen verloren geglaubten Einsatz und vor allem einen wertvollen Senkrechtstarter nochmal gerettet hat.

X-Com-Battlescape

Der Weg zur letzten Mission auf dem Mars ist aus toten Rekruten gebaut. Man kämpft sich Inch für Inch durch die Einsätze, erforscht die außerirdische Technologie Stück für Stück, gibt seinen Kämpfern Stärke durch Erfahrung und gewinnt so langsam, langsam die Oberhand. Am Ende halten die Elitekrieger der X-Com ein schweres Plasmagewehr für tödlich präzise Schüsse und einen Psi-Verstärker für eigene psychische Angriffe in der Hand, sehen in ihren Flugrüstungen selbst wie Aliens aus und fliegen schneller als sie um die Welt und zuletzt nach Cydonia, um dem außerirdischen Obergehirn verdient ein Blastergeschoss in den hässlichen Pistazien-Panettonekörper zu jagen. Was für ein fantastisches, unvergessliches Spiel.

Jetzt wird es als First-Person-Shooter "reimagined".

Als ich das zum ersten Mal gehört habe, war ich, nur gering übertrieben, so erschüttert und verzweifelt, als hätte man mir gesagt, dass meine Eltern mich nie geliebt haben und gar nicht meine Eltern sind. Und dass ich unheilbaren Prostatakrebs im Endstadium habe. Während mein neuer Labradorwelpe vor meinen Augen stirbt.

Weil ein geliebtes fiktives Universum, in das man sehr reale Arbeit und Gefühle investiert hat, woran man sich wie an ein gutes Buch oder einen tollen Film gerne erinnert, zu nehmen, bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen und dabei noch wie zum Hohn völlig verzerrte Karikaturen von peripheren Elementen einzuführen, die angeblich den Kern der Geschichte darstellen, sich genauso anfühlt. Wie tiefster, hohnlachender Verrat, den man ohnmächtig mit ansehen muss.

Bitte nicht töten

Niemand hätte etwas gegen einen Neustart gehabt, wie ihn das unabhängige Xenonauts rührig versucht: Aktualisierte Grafik, bessere Balance, einige neue und interessante Elemente, zum Beispiel mehr Missionstypen und Terrains, Wettereffekte, vielleicht auch mehr Politik und Diplomatie mit den finanzierenden, manchmal von Aliens infiltriert werdenden Nationen. Aber ein Shooter?? Das ist, als ob das nächste "Mario Kart" ein Terrariensimulator würde, denn "Schildkrötenpanzer spielen darin eine wichtige Rolle". Und viel schlimmer noch, weil das letzte "Mario Kart" nur drei Jahre her ist, "X-Com" aber schon wahre Computerewigkeiten auf ein richtiges Update wartet. Warum so? Warum denen, denen das alte Spiel nichts sagt, nichts als einen "Mass Effect"-Klon bieten, die Fans aber auf die übelstmögliche Art vor den Kopf stoßen? Das besonders Perfide daran ist, dass wenn das neue "XCOM" floppt, die Marke erstmal verbrannt sein wird, wenn es aber Erfolg hat, weitere Shooter folgen werden. So oder so verlieren wir Liebhaber, und wir können nur fruchtlos und wütend protestieren, wie mit unseren Emotionen und Erinnerungen umgegangen wird.

Wenigstens erleichtert das.

06.07.2011

Elevatorgate

Rebecca Watson was on a panel at an atheist conference in Dublin where she spoke about sexism, misogyny and objectification in the atheist and skeptic movement, how it makes her uncomfortable, and also about the threats of rape she gets. She continued talking about this to some people at a hotel bar until 4 am when she said "I'm exhausted, going to bed". A man followed her into the elevator and propositioned her for coffee in his room. So he knew that she doesn't like sexualisation, that it makes her uncomfortable, that she is tired and wants to sleep in her bed, and that she probably doesn't feel too swell alone with a stranger in a hotel elevator in a foreign country, yet still overrode her express wishes in at least four, likely even five direct instances, thus showing that he doesn't care about her preferences. If that doesn't creep you out, what does?

This is why Watson said, very briefly in a long vlog, that guys shouldn't do that. She didn't say that the man was a rapist or that all men are monsters, just that this situation made her "incredibly uncomfortable". The offended raging in internet comments in response to this innocuous statement is completely disproportional and very revealing. I am especially disappointed in Richard Dawkins' responses, a man I admire for his great intellect and brilliant writing. I genuinely thought he would be as liberated in the rest of his thinking as he is in his thinking about religion. Alas, the privilege of a 70-year-old Oxford-educated English ivory tower toff seems to be hard to unlearn ...

14.02.2011

Sechs Jahre Soapbox

Unglaublich, mit welcher Präzision ich immer rechtzeitig zum Jahrestag blogge! Hoffentlich bleibt das noch viele Jahre so ...

13.10.2010

In Stahlgewittern

Das hier muss so ziemlich der beste Flamewar sein, an dem ich seit Jahren teilgenommen habe. In Stahlgewittern erst lernt man das Leben zu schätzen ...

01.09.2010

Thilo Sarrazin

Thilo Sarrazins Fehler ist, dass er naiv öffentlich ausspricht, was seinesgleichen nur privat denkt. Oder auf feinen Parties unter viel Kopfnicken beredet. Oder halb unbewusst in Gesetze gießt. Er hatte halt noch nie die Kontrolle über sein Mundwerk. Was kann er dafür, dass da ein übles Gebräu aus Rassenlehre, Fremdenhass und Asozialität herausschwappt? Er ist ein Opfer der elitären Parallelgesellschaft!

Oder anders gesagt: Es gibt in Deutschland zum Teil Probleme bei der Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen, das stimmt. Aber das ist keine einseitige Sache, und es ist kontraproduktiv, Muslime sich noch unwillkommener fühlen zu lassen, als sie es ohnehin schon tun, zumal auf so widerlich nationaltümelnde "das deutsche Blut stirbt aus"-Weise à la Eva Herman.

Ich rede nicht einem Relativismus das Wort. Ich wünsche mir, dass wir unsere Werte wie Gleichheit und Freiheit selbstbewusst vertreten, im Wissen darüber, woher wir diese Werte haben, warum sie gut sind und warum wir für sie kämpfen, ohne Scham und ohne Angst. Aber mit Freundlichkeit und Offenheit und Verständnis, denn der Weg in die Köpfe führt in der Regel über die Herzen. Die USA an ihren guten Tagen machen das für mich am Besten vor. Das Problem ist, dass viele in unserer elitären Parallelgesellschaft weder wissen, woher wir unsere Werte haben, noch dafür kämpfen würden. Weil sie sie zum Teil gar nicht gut finden, und weil sie unglaubliche, unverständliche, lähmende Angst vor dem Muselmann mit seinem Krummsäbel haben. Sie sind feige Aristokraten, die den Tod fürchten. Aber was man am Besten mit Aristokraten macht, wissen wir seit 1789.

01.04.2010

Ludo ergo sum

Diese schönen Spiele habe ich in letzter Zeit gespielt. Ich weiß, ich lebe in der ersten Hälfte der Dekade, spätestens.

Super Castlevania IV

"Super Castlevania IV": Ein Videospiel ist genau dann sehr sehr gut, wenn man bei der Arbeit seinen kompletten, wunderbar atmosphärischen Soundtrack auf YouTube hört, wild dazu abrockt und sich dabei unablässig an seine kreativsten Level, gruseligsten Hintergrundbilder und fiesesten Endgegner erinnert. Oh, und "Castlevania IV" hat fiese, fiese Endgegner, nintendoharte eben, so dass ich mich trotz der flüssigen Steuerung und dem fairen Aufbau des Spiels manches Mal mit der Speicherfunktion meines Emulators behelfen musste. Ich bin weich, ich weiß, aber ich wollte Dracula peitschen, ich, Simon Belmont, coolster Vampirjäger aller Zeiten. Wer wollte es mir verdenken?

Silent Service auf dem NES 1 Silent Service auf dem NES 2

"Silent Hunter III": Aus unergründlichen Gründen habe ich schon seit seligen NES-Zeiten ein ozeantiefes Faible für U-Boot-Simulationen. Damals, in "Silent Service", sahen sie noch so aus wie oben links bzw. rechts, eine blaue Fläche für den Pazifik, ein schwarzer Balken für mein Boot, eine krude Masse Pixel für die Frachter, die ich versenken musste. Und oh, wie ich sie versenkt habe, und wie gejubelt, wenn sie explodierend auf den Grund sanken, und wie Blut und Diesel und Batteriesäure geschwitzt, wenn ich von den weißen Balken der Zerstörer wegschleichen musste, die erbarmungslos Wasserbomben warfen. Vielleicht mein liebstes NES-Spiel.

Silent Hunter III 1 Silent Hunter III 2

Unbeschreiblich also meine Freude, mit "Silent Hunter III" den wohl detailliertesten und mitreißendsten U-Boot-Simulator bis 2005 in meine nach Salzwasser riechenden Hände bekommen zu haben. Jetzt sieht das Meer aus dem Hauptperiskop, in einem ruhigen Moment, so aus wie oben links, und so wie oben rechts der Blick aus dem kleineren, wendigeren Observationsperiskop, in 34 Metern Tiefe, direkt unter einem Kriegsschiff, das mich sucht, Kapitänleutnant Andreas "Ace" Lazar auf U-49, 7. Flottille Kiel, im März 1940 nicht weit vor der Küste Irlands.

Man kann auf der Brücke stehen und Ausschau nach Konvois halten. Man kann einen Kurs seiner Wahl durch den Atlantik planen und trigonometrisch ausrechnen, wohin man fahren muss, um feindliche Schiffe abzufangen. Man kann seine Crew entschlossen brüllend zum Reparieren der Batterien kommandieren, wenn man dringend vor den pingenden Zerstörern und ihren tödlichen Wasserbomben fliehen muss. Man kann mit der Deckkanone waidwunde Tanker zerstören und mit der Flak britische Flugzeuge, und nintendoharte Spieler können sogar ihre Torpedos manuell programmieren, wenn sie in einer sternlosen Sturmnacht anhand ihres Erkennungsbuches fehlerfrei festgestellt haben, dass der schwarze Fleck in zwischen drei und fünf Kilometern Entfernung, der zwischen zwei und sieben Knoten macht, ein riesiges alliiertes Frachtschiff sein muss.

Kurz, "Silent Hunter III" ist so, wie wirklich in einem U-Boot zu sein, solange es noch keine speziellen Controller gibt, kaum mannshohe, vorgerostete Röhren mit Wasseranschluss und Duftsprühern, die den beißenden Geruch 50 ungewaschener U-Boot-Fahrer verströmen. Ich werde den Prototypen kaufen.

Star Wars: Battlefront II

"Star Wars: Battlefront II": Mindestens gleichauf mit meiner Passion für den U-Bootkrieg kommt meine Liebe zu "Star Wars". In "Battlefront II" spielt man verschiedene Arten von Klon- und später Sturmtruppen, die auf und über verschiedenen Planeten wie Kashyyyk und Coruscant mit mehreren durchschlagenden Waffen, Fahrzeugen und Raumschiffen und sogar mit der Hilfe von Jedi wie Aayla Secura (bin ich ein rettungsloser Nerd, wenn ich ihren Namen sofort gewusst habe, als ihr Bild eingeblendet wurde? Neein) und Yoda für die Republik und später das Imperium kämpfen, im Verbund mit computer- oder freundgesteuerten Einheiten, die auf großen Karten unter anderem Flaggen erobern und Stützpunkte halten müssen. Das ist alles sehr dynamisch und krachend gemacht und bringt viel Spaß, doch ich werde in diesem Leben nicht mehr der größte Shooterfan, selbst wenn ich Meister Yoda steuern darf. Aber YMMV.

SimCity 4

"SimCity 4": Auch hier kenne ich schon einen der frühesten Vorgänger, das gute alte "SimCity" auf dem Super Nintendo. Noch immer muss man eine Stadt mit Wohn-, Geschäfts- und Industriegebieten errichten, Straßen, Gleise und Wasserrohre verlegen und seine Bürger bilden und vor Verbrechen schützen. Nur gibt es jetzt Bauelemente wie einen Metro-zu-El-Übergang und mindestens drei verschiedene Flughäfen, dazu ein Dutzend verschiedene Datensichten und eine wunderschöne, trotz der hohen Komplexität klare Grafik. Sobald man drin ist in seiner Rolle als Andreas "Ace" Lazar, wohlwollend mit harter Hand auf dem Steuerknüppel des Bulldozers führender Bürgermeister von Ace City in der Metropolregion Aceland, kann man sich in einen wahren Rausch bauen, und die Jahre fliegen nur so vorüber. Vielleicht kann ich so auch einmal in 2010 ankommen.

11.03.2010

Ist da jemand?

Hallo? Hallo? Ist dieses Ding an?? *Husthust* Hier muss dringend mal Staub gewischt werden, und ist das da ein toter Oktopus in der Ecke AIEEEEEE

Blogger hat den Support für Veröffentlichung auf anderen Websites natürlich genau zu dem Zeitpunkt eingestellt, zu dem ich noch weniger Zeit als die keine habe, die ich sonst habe, mein Blog zu pflegen. Daher habe ich, nachdem ich diese kleine Soapbox zu den Google-Servern migriert habe, erstmal nur ihre notdürftigsten Funktionen zum Laufen gebracht, der Rest (Bilder, Labels, f'ing neue Inhalte, lazyboy) muss leider warten, bis ich wieder in ruhigeren Wassern fahre, so gegen Frühling.

Dann aber ...

14.02.2010

Fünf Jahre Soapbox

Was kann ich sagen? I'm a lover, not a fighter. Ich bin ein schöner Schmetterling, eine krumme Raupe. Ein Stern, ein Schwarzes Loch. Tausend Ideen im Kopf, keine im Blog. Nichts im Kopf, alles im Blog. Die nächsten fünf Jahre werden toll, im Kopf, im Herz, im Blog. Bleibt dabei ...

31.01.2010

Links, Links, Links

Dieser Eintrag war auf jeden Fall schon mindestens Ende Januar, wenn nicht noch viel früher fertig und wurde keinesfalls verschlagen rückdatiert, nur um in jedem Monat der letzten fünf Jahre wenigstens einen Eintrag zu haben, nein mein Herr, ahaha! Haha.

Zur Einstimmung etwas Musik - "Storm" von Tim Minchin:

Danach: "Crazy in Love", wundervoll gecovert von Antony und den Johnsons:

Nun Wissen: Wie schlecht und gefährlich die von Abermillionen amerikanischen Christen gelesenen "Left Behind"-Bücher sind. Wie man seine kreationistische Oma überzeugt. Wieso Gott keine Amputierten heilt (Protip: Weil es ihn nicht gibt). Wie schwul Tiere sind. Wie man ein Laufrad baut. Wie man die Pharmaindustrie verteidigt. Wieso wir doch nicht so egoistisch sind. Wieso der Krieg gegen die Drogen gescheitert ist. Wieso Obamas erstes Jahr erfolgreich war. Wie das Leben eines jungen amerikanischen Soldaten aussieht (sehr berührend). Wie Günter Wallraff Rassismus in Deutschland suchte und fand. Wie verkommen, pharaonisch und zurecht zum Untergang verdammt Dubai ist, Johann Hari ist der beste Journalist ever! Schließlich: Der Ludwig lacht, dem Leser gefriert das Lachen.

Erinnern wir uns noch an diesen Eintrag? Über ein altes, sehr zentrales Thema dieses Blogs, dass Rektaluntersuchungen unsere Freiheit zerstören nämlich, Zentimeter für Zentimeter? Habe ich schon erwähnt, dass jemand im Herbst einen saudischen Prinzen mit einer Bombe in die Luft sprengen wollte, die er in seinem Arsch geschmuggelt hat? Zusammen mit dem weihnachtlichen Unterhosenbomber kann es auf solche Bedrohungen nur eine sinnvolle Antwort geben: Eier. Wir müssen uns Eier wachsen lassen, endlich ein paar gute Ovarien, und aufhören zu glauben, es gäbe absolute Sicherheit.

Wer Eier hat, riesige: Die aktive walisische Rugbylegende Gareth Thomas, die sich als schwul geoutet hat. Wann werden es ihm unsere feigen Waschlappen von deutschen Fußballern nachmachen? Aber gut, wer eine so unglaublich reife und menschliche Frau wie Jemma Thomas gewinnen konnte, scheint ein weit stärkerer Charakter zu sein als der durchschnittliche Ehemann einer deutschen Spielerfrau. Go Gareth go!

Zum Schluss noch ein Lehrvideo: ... and then Buffy staked Edward. The End.

29.12.2009

2010

29.12.: Mein braver Dr. Jekyll bloggt die WM bei meinem geliebten Debattierclub weiter. Hier: Mr. Hyde, der etwas grummelt, dass Partner I. und ich trotz recht guter Leistungen erst drei von neun möglichen Punkten aus den ersten drei nicht zu schweren Vorrunden gewinnen konnten, doch der sich schon auf die gleich anschließende Global-Village-Party, inklusiven Rakı und weitere schöne Gespräche mit interessanten Menschen aus aller Welt freut. Es ist schwer, hier Hyde zu bleiben!

28.12.: OM NOM NOM NOM Frühstück, OM NOM NOM Mittagessen, OH F@C# Internet überlastet, OH F@C# 150 Englisch-als-Fremdsprache-Konkurrenzteams und nochmal etwa 250 meist nicht schlagbare muttersprachliche Teams, GREAT SUCCESS eines Nickerchens, NERDS? US?? Übungsdebatte von Teampartner I. und unserem zweiten Team N. und M. im Hotelzimmer, um uns für morgen zu entrosten, OM NOM NOM NOM NOM NOM NOM Eröffnungsbankett im wunderschön dekorierten Saal B des Hotels OMG sind das meine Götter? Time 4 Bed.

27.12.: Koffer zur S-Bahn ziehen, S-Bahn zum Flughafen nehmen, drei Stunden nach Istanbul fliegen, großes Hallo zu meinen russischen Freunden sagen, noch eine Stunde nach Antalya fliegen, Bus zum Fünfsternehotel nehmen OMGWTFBBQ, zwei Bier trinken und ins Bett gehen. Wieso ist es nicht tausend, nicht eine Million Mal erstaunlicher, dass sowas vergleichweise normal ist? Ich Deutscher sage zu meinen lieben russischen Freunden freundlich Hallo OMGWTFBBQ I <3 Debating!

26.12.: Der krönende Schlusspunkt dieses schönen Jahres soll die Debattierweltmeisterschaft im türkischen Antalya sein. Schon bete ich jeden Tag fünfmal zu meinen Redegöttern im englischen Oxford, die ich bald live und in Farbe OMGWTFBBQ!!!!1 sehen werde, um Inspiration:

Give us this day our daily argument.
And forgive us our equity violations
as we forgive those who call us Nazis.
And lead us not into irrelevance,
But deliver us from the bin room.
For thine is first place, and the break,
and the glory, for ever and ever.
Amen.

Ob es hilft?

Weihnachten, 25.12.: Wenn Leser meiner zukünftigen Autobiographie "Don't Try This at Home" zum Jahr 2009 kommen, werden sie sagen "Du hast WAS gemacht? Und das AUCH!? Und DAS?!? Aber wann hast Du GESCHLAFEN? Und warum hast Du dann nicht auch noch GEBLOGGT??" Und doch, eher deswegen, war es ein gutes Jahr, ein sehr gutes, auch wenn es für die gebeutelten treuen Leser dieser Seifenkiste geschienen haben mag, als wäre ich tot. Aber im Gegenteil.

01.12.2009

Noch mehr Minikritik

"Star Trek": LENS FLARE! Mann, das ist James T. Kirk? Wo ist der Bauch? LENS FLARE!! Spock knutscht Uhura? Im Transporterraum? LENS FLARE!!! Bamm! Zop! Zing! Kirk prügelt Spock, Spock prügelt Kirk, und am Ende explodiert der Bösewicht, rattata-kawumm!! Genauer darf man den Plot nicht betrachten, und sehr viel Botschaft bleibt am Ende dieses Spektakels auch nicht übrig, aber mir hat der Reboot leidlich gefallen. LENS FLARE!!!!

"Terminator Salvation": Bull. Kyle Reese und John Connor sind in Skynet Central, und der Zerstörer der Welten kann gerade mal einen rostigen Arnie nach Batman schicken? Steht zwar Terminator drauf, ist aber nur mittelschlechte postapokalyptische B-Action drin, da hilft auch die skandalös unterbeschäftigte Bryce Dallas Howard nicht. Aber ist es nicht interessant, dass rothaarige Frauen im Gegensatz zu männlichen Gingern Seelen haben?

"No Country for Old Men": Javier Bardem soll mich adoptieren.

"Brüno": Arg bemüht. Wenn man nicht mal mehr aus reinrassigen Rednecks ein bisschen Homophobie herauskitzeln kann, ist die Zeit für diese Witze vielleicht vorbei. Gut so.

"Alle Anderen": Ein weinerlicher, verklemmter und vollständig eierloser Schlappschwanz ist aus unerklärlichen Gründen mit einer freien, attraktiven und unkonventionellen Plattenpromoterin zusammen. Im Urlaub Zoff. Genial realistisch geschrieben und fantastisch gespielt.

"Harry Potter and the Half-Blood Prince": Der Film ist übervoll, und trotzdem passiert fast nichts. Weil nicht Zeit für einen Atemzug gelassen wi

"The Hangover": Solide Komödie über die Folgen einer Partynacht in Vegas. Es ist heute wohl zuviel verlangt, ohne halbsexistische Klischees und Brachialhumor mit Tasern auszukommen, also reingehen?

05.09.2009

Yay!

Liebe

01.08.2009

Liebesgrüße aus Irland

Ich in Tübingen

Ich war, siehe oben, Anfang des Jahres auf einem Turnier in Tübingen, und worauf haben mich die anwesenden Debattierer, die anscheinend alle, was ein bisschen beunruhigend ist, meine Einträge aus Cork gelesen haben, angesprochen? Nicht auf meine tiefen Gedanken zur deutschen Debattierszene. Nicht auf meine aus Herzblut und einem Spritzer Zitrone gemachte Schreibe. Noch nicht einmal darauf, ob ein hellerer Hintergrund meine Seifenkiste nicht freundlicher erscheinen lassen würde. Nein, alles, was diese Unholde, diese Devianten, diese Monster interessiert hat, waren meine angeblichen amourösen Eskapaden! Ich schwöre, wenn ich einmal meine Formel für den Weltfrieden vorstelle und dabei mein Hosenlatz offensteht, erinnert sich schon eine halbe Stunde später niemand mehr an den Frieden, sondern es bleibt allein und auf ewig das Bild von mir ... mit offenem Hosenlatz ... auf CNN. Wo ist die Welt hingekommen!?

Hier trotzdem noch ein paar Eindrücke aus Irland und Frankreich, diesmal visueller Art.

Erste-Klasse-Frühstück

Es gab nur noch eine billige TGV-Fahrt zweiter Klasse, dafür aber noch einige preiswerte erster Klasse, also habe ich mich in den Ledersessel sinken und mir nach dem hastig am Bahnhof hinuntergeschlungenen ersten ein leckeres zweites Frühstück servieren lassen. In der linken Ecke: Mein Samsung U900, mit dem ich nach der kapriziösen und unfähigen Diva LG Chocolate wieder sehr zufrieden bin.

Im Killarney National Park Der Eibenwald im Killarney National Park

Killarney National Park. I dare you not to cry for the beauty of nature, I double-dog dare you!

Ein Herz am Strand Meine Burg am Strand

Dieses Herz links habe ich nicht gelegt, obwohl ich gerne hätte. Dafür habe ich am Strand in Kinsale diese Burg rechts mit Wellenbrecher, Graben, stolzer Flagge und Muschelherrscher bzw. -tyrann konstruiert. Jeder halt, was er kann!

Kinsale Paris

Ich kam von der plus fünf Grad warmen Umarmung der Natur links zur bei minus zehn Grad noch einschüchternderen Gotik rechts. Trotzdem schön, auch wenn meine Gebete für wärmeres Wetter erst Wochen später erhört wurden.

Pont de l'Alma

Ist es nicht erstaunlich, dass viele Menschen nichts dabei finden, ihre eigenen Eltern ins Heim abzuschieben und sie nicht vor Ultimo zu besuchen, aber für Diana Frances Spencer bzw. die Brüstung des Alma-Tunnels ihr ganzes Herz ausgießen? Oh, the humanity!

108 Rue de Garches

Ich glaube, ich werde meine Memoiren "108 Rue de Garches" nennen. Auf jeden Fall origineller als "Mein Leben" oder selbst von meinem imaginären, mir immer aufstachelnde Worte ins Ohr flüsternden Verleger abgelehnte Vorschläge wie "Mein Kampf 2: Electric Boogaloo" oder "My name is Ozymandias".

15.07.2009

Neues aus dem Maschinenraum

Neu:
  • Eingebettetes Kommentarformular. Gefällt und funktioniert es?
  • Hellere Hintergrundfarbe. Ich suche noch nach einer besseren Alternative ...
  • Einige neue Links
  • Werbung. Hässlicher Verrat? Büttel des Schweinesystems? Weitere Meinungen?
Noch zu tun:
  1. Labels
  2. ???
  3. PROFIT!!!

10.07.2009

Death to Spreeblick

Ich bin wirklich brav zurzeit. Ob es draußen 25 Grad hat oder 35, bräunende oder streichelnde Sonne, ob die norwegischen oder die schwedischen Synchronschwimmerinnen vor der Tür kostenlos Eis und Massagen verteilen, ich sitze im Computerpool der Universitätsbibliothek und schreibe meine Diplomarbeit über Blogs und Politik in den USA. Ich komme gut voran und liebe Amerika mit jedem Tag mehr.

Heute habe ich aus Neugier nach langer Zeit mal wieder geschaut, womit sich die größten Blogs in Deutschland beschäftigen.

Großer Fehler.

Dieser Eintrag im Top-5-Blog Spreeblick ist von so einer durchdringenden Perfidie, Pseudoabgeklärtheit, Ignoranz, Bräsigkeit, Konsenssucht, Wohlstandsselbstkasteiung und endlich reaktionären Unoriginalität, dass man den Autor Johnny Haeusler nicht zum ersten Mal gewaltsam schütteln und ihm mit voller Kraft aus nächster Entfernung dies ins verkniffene Irgendwas-mit-Mediengesicht brüllen möchte:

Hör auf, so gott-fucking-verdammt deutsch zu sein!!

Okay. Zwei Pillen und ein Schluck Wasser aus dem Hahn. Systolisch 173, wieder ganz normal also. Zurück an den Computer und alles nochmal ganz langsam von vorn.

Worum geht es?

Das Mitglied in mittleren Rängen der Piratenpartei Bodo Thiesen ist durch fragwürdige Äußerungen zum Holocaust aufgefallen, 2008 auf der Mailingliste der Partei und offenbar schon früher im Usenet, wie einige Blogger herausgefunden haben, und weswegen jetzt offenbar eine Kontroverse hochkocht.

Ahaha, das gute alte tote Usenet.

Mein grausamer, mein geliebter, mein bester Lehrmeister für Diskussionen im Netz.

Schauen wir uns also an, was Bodo Thiesen im Usenet geschrieben hat, aber weil wir nicht so viel Zeit haben, Diplomarbeit, remember, gehen wir nur ganz oberflächlich drüber, zum Beispiel durch Gruppen wie de.talk.tagesgeschehen oder de.soc.politik.misc, gedacht als Anlaufpunkte für gesittete Diskussionen über aktuelle oder fortlaufende Politik, tatsächlich Sammelbecken für Antisemiten, Paranoiker und Wortdiarrhötiker aller eitergrünen bis schwarzbraunen Schattierungen, aber that's the Internet for you. Also, nur ein paar Auszüge.

Bodo Thiesen im Thread "Simon Wiesenthal Center fordert Buchzensur", 28. Februar 2003:

> Ich kaufe Bush diese Rhetorik nicht ab.

Ich auch nicht. Es geht um Öl. Nicht mehr, und nicht weniger.

> Blair und die CDU/CSU stimmen
> ihm zu.

Klar, wer will sich schon die USA und die ##### zum Feind machen?

Gruß, Bodo
--
PS: ##### ist eine freiwillige Selbstzensur, um mich vor juristischen
Atakken von der ######### Seite zu schützen.

Fast alle Einträge von Bodo Thiesen im Thread "Wird Friedmann als Quotenjude geopfert?" aus dem Jahr 2003, zum Beispiel am 13. Juni, am 18. Juni und gleich ein-, zwei-, dreimal am 24. Juni.

Und schließlich Bodo Thiesen im Thread "Geschichte kann auch Strafe sein", 7. Juli 2003:

>> Geschichte kann auch Strafe sein.

>Strafe, die selbst verursacht wurde.

Es gibt Theorieen, die besagen, daß die deutschen Main-Stream-Medien von den
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

[...]

>> Zeigt man denn anderswo auf andere Länder?
>> Zeigt man auf Russland, England, USA oder Japan?

>6 Mio. Menschen wurden umgebracht. Das dauert nun mal bis das vergessen ist.

Zu den 6 Mio. Menschen, kann ich nur sagen, daß ich da so meine
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

>Unsere Vorfahren hätten sie ja nicht umbringen müssen.

Meine Vorfahren haben keinen umgebracht. Ich kann für Deine nicht sprechen.
Vor allem aber habe ICH keine umgebracht.

>Die verordnete Humanität ist auch in der Bevölkerung nicht so ganz
>angekommen.

Wenn "verordnete Humanität" mit "bitte zahlt mal hier und dann bitte noch
da, ach ja, dies hier hätten wird ja fast vergessen, und natürlich auch
noch ..." gleichzusetzen ist, dann kann ich da auch nichts positives drin
sehen.

>Unsere Straßen sind Luxuspisten während die Scheißhäuser unserer Schulen
>schon lange nicht mehr zu benutzen sind.

Ich habe da meine Beobachtungen gemacht. Wenn ich die hier nennen würde,
würde mich das zu einem Antisemiten oder wenigstens zu einem Nazi machen,
daher lasse ich das jetzt.

[...]

>Man muss sich nicht menschlich nennen sondern auch so handeln.

Klar, das geht aber nicht, indem man fortan auf 12 Jahren "deutscher"
Geschichte rumhackt, und dabei 1000 Jahre vergisst, in denen Deutschland
vom Ausland (vorzüglich F) gegängelt wurde.

Gruß, Bodo

Ich bin seit über zehn Jahren im Internet unterwegs, viele, viele Jahre davon auch im Usenet. Ich erkenne einen Judenhasser und Naziapologeten, wenn ich einen sehe. Ich rieche sie. Die Affinität zu vergifteten Foren. Das obsessive Zergliedern einzelner Wörter. Die Pseudowissenschaftlichkeit und die Pseudoselbstdistanzierungen. "Juden sind auch Menschen", oder anders gesagt, "I have black friends too". Die "clevere" Vermeidung von Justiziabilität. Und über allem der überwältigende Wunsch, fragen zu wollen, was um Himmels Willen Bodo Thiesens Problem ist, wieso er sich in so, so starker Weise mit den Juden und den Nazis befasst.

Ich weiß es. Ich fühle es in meinen Knochen. Aber ich kann es nicht beweisen. Bodo Thiesens Aussagen sind geschickt genug, seine Punkte gültig genug, um alles glaubwürdig genug abstreiten zu können, und darum schreibt er ja auch, wie er schreibt. Nein, ich bin kein Nazi, aber haben die Polen uns nicht zuerst den Krieg erklärt? Nein, ich bin kein Verschwörungsspinner, aber sind die Umstände von Möllemanns Tod nicht seltsam? Nein, ich hasse keine Juden, aber sollten sie nicht besser zusammenpacken und abhauen? Nein, nein, nein ... aber?

Es gibt für mich keinen Zweifel, dass Bodo Thiesen extreme rechte Ansichten zum Dritten Reich, zum Holocaust und zu Juden hegt. Ansichten, die ich für widerlich, anstößig und absurd falsch halte. Und ich verstehe die Piratenpartei, wenn sie sich überlegt, ob sie so einen Menschen weiter in ihren Reihen behalten will.

Aber, und das ist der Punkt dieses Eintrages, und warum ich es so hasse, dass eine so prominente Plattform, eine so großartige Möglichkeit zur Förderung des Wahren und des Guten wie Spreeblick Beschränkungen der Meinungsfreiheit das Wort redet, ich würde bis zum Blut dafür kämpfen, dass Bodo Thiesen seinen Scheiß, seinen Müll, seinen menschenhassenden Eiter von jedem Dach brüllen darf.

Weil die Freiheit der Rede die erste Voraussetzung einer freien Gesellschaft ist.

Dass jeder mit gleichem Recht sagen darf, was er will.

Dass nicht einige Redner oder Reden gleicher sind als andere.

Nur in dieser grundlegenden Gleichheit bestehen für mich Freiheit und Demokratie.

Wo ist die Grenze dieser Gleichheit, dieser Freiheit?

Erst ganz, ganz nah vor der Nase des anderen.

Alles andere erscheint mir undemokratisch, ungleich, unfrei.

Also: "Feuer!" im geschlossenen, übervollen Kino schreien? Verbieten. "Tötet diesen Bastard, den da hier!" - Verbieten. "Diese Hure hier klaut aus der Kasse!" - Vielleicht verbieten. "Schröder, der Bock, schläft mit Maischberger, der Schlampe!" - Nicht verbieten. "Es gab keinen Holocaust!" - Nicht verbieten. "Tod den Juden!!" - Nicht verbieten.

Im Zweifelsfall, gültig wie immer: Lasst. Euch. Eier. Wachsen.

Tut selbst was gegen abstoßende Rede, widerlegt sie zum Beispiel oder redet lauter.

Und hört endlich, endlich auf, nach der Amme Staat zu rufen.

Ihr gottverdammten Deutschen.

03.07.2009

Nerd

Tage und Tage im Computerpool, tippen und tippen von neun bis neun. Je später die Zündung, desto mehr Schub ist nötig, um schnell in den Orbit zu klimmen. Aber es ist gut, am Abend kann ich die Sterne sehen.

Wer Sonnenuntergangszeiten für Stuttgart googelt, ist doof.

Ein Nerd, den ich aus meinen Italienischkursen kenne, ist auch fast jeden Tag da. Er spricht auch Französisch, zu einem Mädchen einen Computer entfernt, wie sein Italienisch grammatisch und vokabularisch richtig, aber seltsam künstlich, trocken, wie ohne Seele. Er trägt schwarze Schuhe und schwarze Socken, hat dünne weiße Beine in schwarzen Shorts, ein gestreiftes Poloshirt, eine Brille und Haar wie blonde Stahlwolle. Seine Stimme ist eher hoch, und manchmal springt er auf und hilft.

Er hilft Mädchen, sich einzuloggen.

Er hilft Mädchen, sich auszuloggen.

Er hilft Mädchen, Dokumente zu drucken.

Er hilft Mädchen mit USB-Sticks und mit Laptops, mit Büchern aus der Bibliothek und mit schweren Tragetaschen.

Er hilft, Mädchen.

Und nach jeder Hilfe ist es, als dehnte er sich ein bisschen aus, für eine Weile nur.

Nimmt einen Schluck aus seiner Colaflasche, wie Siegeschampagner.

Wirft ein Blatt Papier in den Müll, wie Jordan.

Sieht sich um in seinem Revier, wie König Simba.

Er sieht sogar ein bisschen aus wie Simba.

Wie das Löwenjunge Simba.

Der Nerd im Pool

Ein Mädchen kommt, blumengemustert ihr Kleid, rot ihr Haar, in ihrer Art ein wenig wie Chloë Sevigny, killer legs, butter face, was denn, ich bin nur ehrlich, ich liebe doch Chloë Sevigny, wie kann man auch nicht, jedenfalls sind alle Plätze belegt, und sie setzt sich auf die Wartebank, und kaum eine Minute später dreht der Nerd sich zu ihr um.

Zu schnell.

Don't do this, boys.

Der Nerd dreht sich so schnell um, wie der studiVZ-Gründer Ehssan Dariani sich in diesem Fremdschämfilm in der Berliner U-Bahn umdreht, um zwei große Blondinen in sein OnanierVideoarchiv zu bannen, und dabei sogar eine der Frauen anrempelt. Ach, Fakebook-Dariani. Röntgen wäre nicht erleuchtender.

Der Nerd fragt, was Chloë braucht, und sie sagt, sie müsste nur was drucken, und er überlässt ihr mit einer in seinen Gedanken weltmännischen Geste seinen Account und tut so, als läse er ein Buch, während sie sich bedankt und ein paarmal klickt, noch vor Sekunden lag seine Hand auf derselben Maus!

Sie ist fertig und bedankt sich nochmal, und wahrscheinlich, damit sie weiß, welches Benutzerkürzel sie am Drucker auswählen muss, reißt er ein Stück Zettel ab und schreibt etwas darauf, vielleicht sein Kürzel, vielleicht seine Nummer, vielleicht eine Zeichnung ihrer Vulva, und gibt ihn ihr, und sie bedankt sich ein drittes Mal, und als sie an meinem Platz vorbei zum Drucker geht, spielt sich das wunderbarste Schauspiel in ihrem Gesicht ab, Verwunderung, Ekel, Dank, Erleichterung und Verstehen, auf mehrere Weisen Verstehen in einer Viertelsekunde.

Ich möchte Regisseur sein, und wie Sergio Leone nur Großaufnahmen von Gesichtern vor überwältigenden Naturpanoramen drehen. Vollkommene Kunst, vollkommenes Leben ...

Im Gesicht des Nerds stehen Ausdehnung und Zufriedenheit und nur ein bisschen Sehnsucht.

Das erste vergeht nach ein paar Minuten.

Das zweite später, am Nachmittag.

Nur das dritte wächst.

Tage und Tage.

19.06.2009

Iran

Die Grüne Revolution

Ich bin viel zuwenig informiert. Die herkömmlichen Medien machen einen furchtbaren Job, dass die Mullahs den Journalisten das Wort verboten haben, ist keine Ausrede. Im Internet fällt es oft schwer, Rauschen von Wissen zu unterscheiden. Und im Iran lebende Iraner kenne ich leider nicht. Wenigstens auf Blogger wie Andrew Sullivan und einige wenige Medien wie den "Economist", natürlich, und Al Jazeera ist Verlass, ich empfehle, öfter mal Reportagen dieses Senders anzusehen, Al Jazeera stellt Fragen, die andere Anstalten nicht mal denken können.

Trotz meiner Uninformiertheit daher, und aus der Erfahrung meiner zwei Praktika in Nordkorea folgernd, in Verbindung mit meiner generellen, aber sympathischen Unbescheidenheit, hier meine Gedanken zur Grünen Revolution.

Das politische System Irans funktioniert so: Der Oberste Führer, Ali Khamenei, hat die Macht und genießt sie auch. Er gibt keine Interviews. Er äußert sich fast nie öffentlich. Wenn jemand ihn sehen will, muss er nach Teheran kommen. Er gibt die Richtlinien vor, überwacht die Politik, kommandiert die Streitkräfte und ernennt und entlässt fast jeden hohen Staatsdiener. Ein 86-köpfiger Expertenrat, dem zur Zeit der reichste Mann Irans und Gegner Khameneis, Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, vorsitzt, soll den Obersten Führer kontrollieren und kann ihn theoretisch auch entlassen, aber macht praktisch nichts, außer sich wohlig die Eier zu schaukeln, oder was immer fromme islamische Geistliche stattdessen tun. Kurz, wenn Khamenei morgens in sein Büro kommt, holt er zuerst das gewellte Porträt von Ajatollah Khomeini aus der Schublade und küsst es innig, innig und drei Minuten lang.

Dann steckt er es schnell zurück, weil ihm Khomeinis Blick so Angst macht.

Das lästige Tagesgeschäft des Regierens und der Gesetzgebung übernehmen der Präsident und das Parlament, die vom Volk gewählt werden. Doch Präsidentschaftskandidaten wie auch neue Gesetze müssen erst vom Wächterrat genehmigt werden, der aus sechs vom Obersten Führer ernannten Islamgelehrten und aus sechs vom Parlament aus den Vorschlägen des Oberhauptes der Justiz gewählten Juristen besteht. Wer ernennt das Oberhaupt der Justiz? Der Oberste Führer. So it's good to be the king, denn durch dieses System können die Iraner in vergleichsweise demokratischen Wahlen alle paar Jahre Dampf über Armut, Arbeitslosigkeit und Willkür ablassen, aber dank des Wächterrates bleibt der Deckel drauf, Quatsch wie ein Gorbatschow oder Frauenrechte kommen nicht in die islamisch-republikanische Wundertüte, und Ali Khamenei kann weiter jeden Morgen in Ruhe das Bild seines Vorgängers knutschen, mit Zunge, ganz gleich, wer gewählt wird, knutschen heute, morgen und immerdar, Inshallah.

Warum dann die Fälschung?

Ich denke, der "Economist" trifft es:

What could explain such an apparently blatant attempt to rig an election that, even had Mr Mousavi won, would have represented little threat to either the republic or its supreme leader? The most likely theory is of a plan gone awry. Given the line-up of institutions either controlled by Mr Khamenei or systematically packed with Mr Ahmadinejad’s supporters, and given that no incumbent president in Iran has yet lost to a challenger, it may have seemed safe to bet on the president’s victory. This would have brought the added satisfaction to many dyed-in-the-wool conservatives, possibly including Mr Khamenei, of weakening the position of Mr Rafsanjani, who has mounted a rearguard struggle to contain the president’s influence.

Just to make sure, strong potential challengers, such as Mr Khatami and the popular, conservative mayor of Tehran, Muhammad Qalibaf, were "persuaded" by the supreme leader not to run. Compared with the ebullient, politically canny Mr Ahmadinejad, the three remaining challengers appeared drab and uninspiring. Mr Ahmadinejad felt so confident that he agreed to an unprecedented series of televised debates. His superior political skills gave him the advantage on screen, but his scorn for his rivals helped stir up a surge of sympathy for Mr Mousavi, dispelling the political apathy that normally pervades Iran’s middle class.

Conservatives suddenly found themselves facing a torrent of youthful activists, their passion for change magnified by the spontaneous but effective use of simple symbols and modern communications. Stunned by this turn of events, Iran’s deep state appears to have opted for a last-minute, and therefore clumsy, attempt to alter the outcome in the president’s favour.

Revolutionsführer Khamenei sitzt mit seinen engsten Vertrauten in seinem großen Büro, legt die Hände auf den Bauch und wartet zufrieden auf die ersten Wahlergebnisse. Ein Foto von Ajatollah Khomeini steht auf dem Schreibtisch, es scheint nur etwas gewellt zu sein. Präsident Ahmadinejad hat einen guten, nein hervorragenden Wahlkampf geführt. Alle wichtigen Männer im Staat haben sich für ihn ausgesprochen. Die Medien haben unablässig sein Lob gesungen, die Imame für ihn gebetet, sogar einige Schauspieler in spontanen Straßeninterviews für ihn geworben, am beeindruckendsten fand der Oberste Führer eine blutjunge ...

"O Oberster Wächter des Rechts?"

"Kreuzdonnerwetter Mohammad, wie oft habe ich gesagt, dass Du mich nicht bei diesem Titel nennen sollst!? Wie soll ich das auf eine Visitenkarte drucken?! Außerdem ist nichts langweiliger, als ein Wächter zu sein ... Nachtwächter!! Was haben wir vereinbart?"

"Ähem ... O König der Pimps, d-"

"Besser."

"O König der Pimps, die Wahlbeteiligung beträgt über 80 Prozent."

"Sehr gut! Umso mehr Stimmen für ... wie heißt er noch? Mit dem Bart? Und dem strengen Geruch?"

"Äh ... unsere Prognosen zeigen, dass die meisten dieser zusätzlichen Wähler nicht für Präsident Ahmadinejad, sondern für Herrn Mousavi gestimmt haben. D-die ersten Wahllokale melden, daß Herr Mousavi mit über 60 Pro-"

Ali Khamenei wird weiß. Ali Khamenei wird rot. Er holt einen goldenen Pimpstock hinter seinem Sessel hervor. Er schlägt seinen Assistenten Mohammad auf den Kopf. Er schlägt den Vorsitzenden des Wächterrates in die Rippen. Er schlägt das Oberhaupt der Justiz in den Schritt. Er schlägt sogar das Foto von Khomeini von seinem Tisch, hebt es aber schnell wieder auf. Er nimmt den Telefonhörer und brüllt, brüllt, brüllt, bis er nur noch japsen kann. Reformwähler? Die sich gegen seinen Kandidaten stellen?! Änderungen an seinem System verlangen?!? Ihn herausfordern mit Millionen über Millionen von Stimmen, ihn, König der Pimps?!?! Das wollen wir doch sehen!!!!1

... Diese nichtenheiratenden Bastarde in der Provinz können nicht mal Wahlen richtig fälschen, denkt Khamenei. Mir-Hossein Mousavi soll sogar in seiner Heimatregion verloren haben, in seinem gottverdammten Hinterhof. Seit Tagen marschieren hunderttausende Halbstarke in grünen Lumpen durch die Straßen und lassen sich nicht mal von den prügelnden und mordenden Freiwilligentrupps der Basij einschüchtern, und sie werden immer mehr. Irgendwo sitzt dieser widerliche Geldsack von Rafsanjani und wartet nur darauf, Oberster Führer anstelle des Obersten Führers zu werden. Und was die Armee und selbst die sonst so loyale Revolutionsgarde angesichts der protestierenden Massen ihrer Brüder und Schwestern machen werden, ist alles andere als sicher. Was soll Khamenei tun? Er schaut auf das Porträt von Khomeini, aber bekommt wieder Angst vor dem Blick.

Die Fälschung einzugestehen wäre geradezu lebensgefährlich und sicher das Ende der islamischen Republik. Aber Ahmadinejad hat als Präsident ausgedient, niemand akzeptiert seinen Sieg. Doch eine Wiederwahl zu organisieren, in der Mousavi gewänne, würde zu tiefgreifenden Veränderungen führen, vielleicht müsste Khamenei sogar seinen Pimpstock abgeben. Und die Proteste auszusitzen ist auch unrealistisch, hier ist f'ing Iran, und wenn die Iraner eins können, dann protestieren. Bleibt nur ... Gewalt? Aber würde das die Legitimität der Republik nicht noch mehr zerstören als das Eingestehen des Betruges? Würde das nicht Khameneis Abgang in Blut beschleunigen, ja garantieren? Wäre das nicht ... das Ende?

Der Oberste Führer der Islamischen Republik Iran, Großajatollah Sayyid Ali Hoseyni Khamenei, sieht auf seinen Pimpstock. Er sieht auf das Porträt von Ruhollah Khomeini. Er versucht, auch so zu schauen wie Khomeini, aber vor Anstrengung wird ihm schwarz vor Augen. Er greift seinen Stock fester. Freitag, zum Gebet, wird er es ihnen zeigen, wird er es ihm zeigen, ja, Freitag. Freitag! Freitag!! ...

Ali Khamenei

Der Oberste Führer des Irans hat heute drei Dinge gesagt:
  1. Die hohe Wahlbeteiligung zeigt die Akzeptanz unseres Systems
  2. Das System funktioniert, es gab keine Fälschungen, I <3 Ahmadinejad, suck on it
  3. Ergo sind Demonstranten Feinde unseres Systems und werden plattgemacht. AB MORGEN
Was er nicht gesagt hat, aber zwischen den Zeilen schon, war dies:
  • Mahmoud, Du Versager, wenn ich untergehe, sinkst Du mit! Kiss of death, sucka!
  • BFF, Rafsanjani? Pretty please? Bitte nicht absetzen ... oder sonst! B-b-bitte?
Was heißt das nun alles? Was wird als nächstes passieren? Sind Khamenei und seine Getreuen tatsächlich so machtsüchtig, im Jahr des Twitterns 2009 ein Tiananmen an ihrem eigenen Volk zu versuchen, das Märtyrer verehrt? Würden die Armee und die Revolutionsgarde dabei mitmachen? Was wird Rafsanjani tun? Und werden sich die mutigen Iranerinnen und Iraner unterdrücken lassen und von nun an zuhause bleiben? Die Menschen, die nach Freiheit rufen, verstummen?

Wie gesagt, ich bin zuwenig informiert.

Doch eins weiß ich: Die Freiheit wird siegen, am Ende.

Möge es bald kommen.

05.06.2009

Meam vide umbram

Direkt, nachdem ich mein Studium gewechselt hatte, fast buchstäblich gestern noch exmatrikulierter Informatiker (don't ask), heute schon aufstrebender Technikpädagoge, hatte ich das erste geisteswissenschaftliche Seminar meines Lebens, "Geschlechtsspezifische Differenzen im Berufsbildungs- und Beschäftigungssystem", bei Dr. Carmen Eccard.

Ich hätte es nicht besser treffen können.

Die Referate waren lebendig und überzeugend. Die Inhalte waren fantastisch interessant und haben mich endgültig zum Feministen gemacht. Das Seminar war toll organisiert und schenkte Lust auf Wissenschaft, vor lauter Übermotivation habe ich sogar eine Hausarbeit von 27 Seiten produziert. Und Dr. Eccard war engagiert und menschlich und wurde meine Goto-Dozentin für alle feministischen Fragen, noch Anfang dieses Jahres hat sie mir auf meine Bitte nach Quellen für eine mögliche Diplomarbeit über Gender und Computer freundlich und ausführlich geantwortet. Wenn ich eine Lieblingsdozentin habe, dann sie.

Hatte.

Carmen Eccard ist am Pfingstmontag mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrer zweijährigen Tochter auf dem Air-France-Flug 447 gestorben.

Einfach so aus dem Leben gerissen.

Weg.

Und es tut mir so leid.

Meam vide umbram, ja.

Aber es geht so weiter, auf der Sonnenuhr: Tuam videbis vitam.

Sieh auf meinen Schatten, und Du wirst Dein Leben sehen.

Zerbrechlich und kostbar. Schillernd und kurz. Reich und vielleicht morgen vorbei.

Nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist.

Wie es Carmen Eccard getan hat.

Vale!

26.05.2009

Cui bono?

Die Fakten sind bekannt: Zensursulas Initiative "zur Bekämpfung der Kinderpornografie in Kommunikationsnetzen" ist, wie ein Laken vor ein Bild zu hängen. Wer vor welches Bild ein Laken hängt, ist keinerlei Kontrolle unterworfen. Das Bild und seine kriminellen Maler sind immer noch da. Und wirklich jeder selbst mit nur minimalst funktionsfähigen Stummelärmchen kann das Laken anheben, um das Bild zu betrachten. Wie gesagt, alles bekannt und auf leichteste Weise zu ergoogeln, weswegen ich stattdessen auf einen hervorragenden grundsätzlichen Artikel zum Thema verweise, der höchst erstaunlicherweise von Rebecca Casati stammt. Sage keiner, ich könnte selbst deutschen Journalisten nicht verzeihen ...

Die Fakten sind also bekannt. Und ich verstehe, dass allein schon das Wort "Kinderpornografie" genug ist, um selbst die berechtigste Kritik sofort unter den schlimmstmöglichen Verdacht zu stellen:

"Zur Bekämpfung der Kinderpornografie müssen wir jeden zehnten deutschen Onkel exekutieren." "Aber ... ist das nicht Mord?" "BIST DU ETWA FÜR KINDESMISSBRAUCH?!?!?!ß"

Ich verstehe auch, dass Wahljahr ist und die Politiker sich profilieren müssen, auch wenn ich nicht ganz glauben kann, dass die siebenfache Mutter von der Leyen so restlos zynisch, so vollständig entmenschlicht sein soll, sich mit diesem Thema hervorheben zu wollen. Andererseits, soll ich stattdessen glauben, dass Ursel und ihr gesamtes Ministerium so restlos unfähig, so vollständig inkompetent sind, dass sie es zwar gut meinen, aber absolut falsch angehen, weil niemand in Berlin so richtig weiß, wie dieses komische Internet funktioniert und wie man diese "Server" vom "Netz" nimmt? Oder haben sie Angst, die angeblich milliardenschwere, tatsächlich inexistente Kindesmissbrauchsindustrie direkt anzugreifen, Angst vor dem imaginierten langen Arm der Kinderpornobosse, von denen zwar nie einer gefasst wurde, aber ist das denn nicht Beweis ihrer Macht?

Abgrundhafter Zynismus, debile Inkompetenz oder paranoides Verschwörungsdenken: Ich weigere mich, anzuerkennen, dass selbst das politische Deutschland auch nur zu signifikanten Teilen aus diesen Elementen zusammengesetzt sein soll, einfach weil die meisten Menschen nach meiner Erfahrung halbwegs optimistisch, fähig und realitätsbasiert sind, aber ich mag da sehr naiv sein. Doch wenn ich richtig liege, was ist dann der Grund für dieses Gesetz? Wo kommt es her? Wer will es? Wem nützt es? Cui bono?

Das verstehe ich nicht.

Ist es wirklich, was es prima facie ist, eine Speerspitze zur Einführung weitergehender Netzzensur? Aber wer will das? Wem nützt das? Welche Elemente unserer Regierung sind so grundlegend un-, ja antidemokratisch, tatsächlich f'ing Zensur einführen zu wollen? Der Abgrund, den man hier gewärtigt, ist nicht minder tief als der obige.

Oder geht es um einen Generationenkonflikt? Ist das Unverständnis, das schiere Nichtbegreifen einer der epochalsten Erfindungen der Menschheit so groß, dass die Angst davor wächst und wächst und zu wildestem, panischem gesetzlichen Rundumschlagen führt? Sind unsere Repräsentanten wirklich so sehr, so ganz, bis in den Kern hinein unaufgeklärt? Erneut klafft der Schlund.

Oder steckt, the horror, die Musikindustrie dahinter oder eine beliebige andere Schattenregierung? Die die Strippen zieht, um endlich wirksame, staatlich gesegnete Mechanismen gegen diese bösen, bösen Piraten einrichten zu können? Sind es gar die mythischen Kinderpornobosse selbst, die Laken über Laken wollen, um darunter ihrem übelsten Geschäft umso ungestörter nachgehen zu können? Kann das wirklich die Wirklichkeit sein oder ist es ein supermassives Schwarzes Loch?

Wie man es wendet und dreht, diese Versuche der Erklärung sind tief furchterregend. Und machen mich wünschen, nicht in diesem Land zu leben und nicht unter solchen Menschen. Und darum hoffe ich, dass ich einfach etwas nicht verstanden habe, etwas vergessen, eine einleuchtende, beruhigende Begründung übersehen, warum unsere Regierung das Internet zensieren will, und wem es nützt, wenn dies geschieht.

Cui bono?

28.04.2009

vidi, lexi, critixi

What you lookin' at?

Manchmal denke ich, meine häufigen Kritikeinträge schaden mir und meinem Blog, weil ich, statt originales Material zu produzieren und meine Kreativität und Gedankenschärfe zu schulen, nur den Output von anderen wiederkäue, und weil meine Leser denken müssen, dass ich außer zweiter bis fünfter Hand nichts zu bieten habe, und dann können sie auch weiter die Amazon-Rezensionen von sexytrixi69 lesen.

Aber dann denke ich, gute Filme und Bücher müssen gelobt werden und schlechte verdammt, um das Wahre und das Schöne in der Welt zu fördern, und wie sollen die Leute angesichts der schieren Masse an Werken sonst, so sie denn in einer berechenbaren Beziehung zu meinem Geschmack und meinen Argumenten stehen, wissen, was sie unterstützen und was sie liegenlassen sollen? Umso mehr, wenn die Menschen mich gerade wegen meiner Kritiken lesen. Außerdem kann Kritik auch Zweck an sich sein und über die Referenz hinaus neue, eigene Gedanken entwickeln, die Wichtiges über die Welt und das Leben sagen. Und schließlich macht Kritik mir immer noch jede Menge Freude.

Soviel als Kurzfassung meiner Theorie der Kritik. Und nun zur Praxis.

"Quantum of Solace": Bond küsst das Girl nur auf den Mund? Leider Öko- und Emo-Schrott.

"Warten auf Angelina": Alles, und ich meine alles, was an deutschen Filmen schlecht ist, ist in diesem Panoptikum des Grauens zu bestaunen. Kostüme, die die Heilsarmee weggeworfen hat. Schauspieler, die die Luft nicht wert sind, die sie veratmen. Eine Kamera, die von einem blinden, betrunkenen Orang-Utan bedient wird. Ein Skript, in dem die Hauptfiguren buchstäblich auf ihren weißen Ärschen sitzen und darauf warten, dass der furchtbar, furchtbar unwitzige Plot zu ihnen kommt. Und der Höhepunkt mit "Angelina" ist lahmer als das Jahrestreffen der Kriegsversehrten der Ostfront e.V. Auf jeden Fall meiden!

"Inkheart": Nicht viel zu sagen, außer dass diese Fantasyverfilmung zwar komplett durchschnittlich ist, aber weil sie aus Hollywood kommt, trotzdem tausendmal unterhaltsamer als "Warten auf Angelina". Made in America, Baby!

"Burn after Reading": Leute, die nicht wissen, was Liebe ist, jagen ihr hinterher. Unglück folgt. Nicht sehr toll.

"Twilight": EEEEEEKKKKK!! EDWAAAARD!!!! ICH WILL EINE ABTREIBUNG VON DIR!!!!!1 Aber der Film ist tatsächlich gar nicht schlecht. Kristen Stewart und Cedric Diggory spielen zart und natürlich, und die Reinterpretation des Vampirismus ist originell genug, um ein Gefühl guter Unterhaltung zu hinterlassen, auch wenn Edward Cullen später zum Muster eines abusive boyfriend mutieren soll. Aber er ist doch so süß ...

"Sieben Tage Sonntag": Die wahre Geschichte zweier Jugendlicher, die in der menschenleeren Ödnis einer fernen dystopischen Zukunft Leipzig ohne Motiv brutalstmöglich Rentner schlachten. Es mag wie eine mutige Idee des Regisseurs scheinen, sich jedem Erklärungsversuch zu verweigern, weil es eh keine Antwort gäbe yaddayaddayadda, aber im Ergebnis wirkt es nur wie feiges Schwanzeinklemmen und Betrug am Zuschauer. Wenn ich die Fakten ohne Interpretation haben will, lese ich den dpa-Ticker, in einem Film möchte ich eine Aussage sehen (und Brüste).

"Yes Man": Wie bei Adam Sandler gehe ich auch bei Jim Carrey in fast jeden neuen Film und vergesse dabei immer, dass die tatsächlichen Geschichten nie so gut sind wie ihre originellen Prämissen. So ist auch diese Story über einen Mann, der nur noch Ja sagt, eigentlich eine biedere Schmonzette. Und neben der Starpower selbst eines alternden Jim Carrey braucht es mehr Ausstrahlung als die der zwar niedlichen, aber auch ziemlich blassen Zooey Deschanel.

"He's just not that into you": Okay, dieser Film hat ein paar gute Ansätze. Obwohl es der gewohnt hölzerne und charismalose Ben Affleck ist, ist seine stockende Erklärung, warum er Jennifer Aniston nicht heiraten möchte, weil er sie nämlich auch ohne Ring und Siegel liebt, für Hollywoodverhältnisse fast schon revolutionär zu nennen. Sexy kid Scarlett Johansson macht mit dem aufstrebenden Bradley Cooper einen ziemlich guten Job. Und wer Drew Barrymore nicht liebt, hat kein Herz, wer härter als Harald Juhnke saufen, mehr Drogen als River Phoenix nehmen und danach immer noch so gut aussehen und das Leben lieben kann, kann nur ein großes Vorbild sein.

Bist Du auch so strunzedoof wie ich?

Aber dieser von ihr produzierte Film ist schrecklich frauenfeindlich.

Jennifer Aniston ist so verfangen im Traum, einmal eine Braut zu sein, und von den Sticheleien ihrer sogenannten Freundinnen so betroffen, dass sie Schluss macht mit Affleck, der sie wirklich liebt, so sehr, dass er am Ende sogar seine Überzeugungen opfert und ihr einen Antrag macht, um sie glücklich zu machen. Jennifer Connelly ist eine erstickende Mikromanagerin, die selbst die mehrfache absolute Arschlochhaftigkeit ihres Ehemanns verzeihlich erscheinen lässt. Scarlett Johansson ist eine labile Männerfresserin. Und die Hauptdarstellerin Ginnifer Goodwin ist so unsicher und hyperaktiv, dass man ihr gleichzeitig Valium und Kokain geben will.

Kann es in diesen Filmen keine coolen Frauen geben? Frauen mit Eiern? Die darauf scheißen, was ihre Freundinnen sticheln? Die Arschlöcher in den Wind schießen und in den Sack treten? Die autochthones Selbstbewusstsein haben und eigene Ideen, wie sie flirten und daten wollen, und es nicht von Daddy gesagt bekommen müssen? Kurz, Lizzy Bennets und nicht Blanche DuBois'? You know, nicht nur, weil es weit mehr Freude macht, Ersteren zuzusehen als Letzteren, sondern auch wegen Vorbilder geben, Leben in die Hand nehmen usw. Und wegen der Sexiness.

"Watchmen": Eine fast perfekte Verfilmung, und dafür ist tatsächlich der blaue Penis von Dr. Manhattan ein Indiz. Leider deswegen ein Flop. Also wegen der Perfektion.

"The Reader": Sex, Nazis und Kate Winslet - klingt wie ein Film für mich! Leider spielt meine immer noch liebste Schauspielerin die tumbe und plumpe ehemalige Auschwitz-Aufseherin Hanna Schmitz so gut, und die Liebesszenen mit dem begabten David Kross sind so naturalistisch, dass gar keine rechte Sexiness aufkommen mag. Vielleicht hat die L-förmige Bettdecke doch was für sich ...

Auch die Story von Bernhard Schlinks Bestseller hinterlässt keinen besonders guten Eindruck: Diese deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust fühlt sich durchweg glatt an, glitschig und verlogen, ja geradezu falsch. Deutsche lesen deutsche Bücher, Deutsche halten deutsche Vorlesungen, und es hilft nicht, dass Bruno Ganz den Professor spielt, Deutsche sprechen deutsches Recht, und endlich liest ein Deutscher vor, wie der Holocaust zu verstehen ist, nämlich dass er nicht zu verstehen ist.

Klingt wie Exkulpation für mich.

Zwar raffinierte, mehrbödige und mehrfach selbstreflektierte Exkulpation, wie sie einem deutschen Juristen ansteht, aber letztlich doch keine andere Exkulpation als die des freiwillig glatzköpfigen abgebrochenen Grundschülers in Nordbrandenburg. Und warum soll man sich das dann ansehen, selbst wenn Ralph Fiennes und auch Lena Olin in einem leider viel zu kurzen Auftritt einen guten Job machen?

"Monsters vs. Aliens": Witzig, rasant, menschlich, vergesslich.

"C'era una volta il West": Ich hatte den echt bis Ostern noch nie gesehen! Und was habe ich verpasst!! Best. Movie. Ever? Ich will auch so ein Gesicht wie Charles Bronson, oder doch lieber wie Claudia Cardinale.

You lookin' at me, aren't you?

"Schuld und Sühne": Ah, ich möchte mein Leben lang nur russische Klassiker lesen, und dafür braucht man vielleicht auch das ganze Leben. Herzzerreißend, atemberaubend, reich und wahr, wahr, wahr.

"Dreams from My Father": Ein interessanter, manchmal fast lyrischer Einblick in das frühe Leben und die Gedanken des 44. US-Präsidenten Barack Hussein Obama, yaaaay!, der sich jedoch in der Mitte etwas zieht.

"The Film Club": Ein Vater lässt seinen Sohn die ungeliebte Schule abbrechen und bis fünf Uhr nachmittags schlafen, wenn er dafür jede Woche mit ihm drei Filme schaut, nach einer wahren Geschichte - klingt wie ein Buch für mich! Leider ist der Papa zwar ein guter und lehrreicher Filmkenner, aber auch ein eigenartig aufgeblasener, haarsträubend schlechter Lebensratgeber, und sein Sohn ist ein eifersüchtiger, mimosenhafter Taugenichts, dem man irgendwann nur noch die Crackpfeife aus der Hand schlagen und ihn ins Arbeitslager deportieren will, und das mir, dem Crackjunkie von Cannstatt! Sowas, sowas ...

Why yes Sir, I am!