29.12.09

2010

29.12.: Mein braver Dr. Jekyll bloggt die WM bei meinem geliebten Debattierclub. Hier: Mr. Hyde, der etwas grummelt, dass Partner I. und ich trotz recht guter Leistungen erst drei von neun möglichen Punkten aus den ersten drei nicht zu schweren Vorrunden gewinnen konnten, doch der sich schon auf die gleich anschließende Global-Village-Party, inklusiven Rakı und weitere schöne Gespräche mit interessanten Menschen aus aller Welt freut. Es ist schwer, hier Hyde zu bleiben!

28.12.: OM NOM NOM NOM Frühstück, OM NOM NOM Mittagessen, OH F@C# Internet überlastet, OH F@C# 150 Englisch-als-Fremdsprache-Konkurrenzteams und nochmal etwa 250 meist nicht schlagbare muttersprachliche Teams, GREAT SUCCESS eines Nickerchens, NERDS? US?? Übungsdebatte von Teampartner I. und unserem zweiten Team N. und M. im Hotelzimmer, um uns für morgen zu entrosten, OM NOM NOM NOM NOM NOM NOM Eröffnungsbankett im wunderschön dekorierten Saal B des Hotels OMG sind das meine Götter? Time 4 Bed.

27.12.: Koffer zur S-Bahn ziehen, S-Bahn zum Flughafen nehmen, drei Stunden nach Istanbul fliegen, großes Hallo zu meinen russischen Freunden sagen, noch eine Stunde nach Antalya fliegen, Bus zum Fünfsternehotel nehmen OMGWTFBBQ, zwei Bier trinken und ins Bett gehen. Wieso ist es nicht tausend, nicht eine Million Mal erstaunlicher, dass sowas vergleichweise normal ist? Ich Deutscher sage zu meinen lieben russischen Freunden freundlich Hallo OMGWTFBBQ I <3 Debating!

26.12.: Der krönende Schlußpunkt dieses schönen Jahres soll die Debattierweltmeisterschaft im türkischen Antalya sein. Schon bete ich jeden Tag fünfmal zu meinen Redegöttern im englischen Oxford, die ich bald live und in Farbe OMGWTFBBQ!!!!1 sehen werde, um Inspiration:

Give us this day our daily argument.
And forgive us our equity violations
as we forgive those who call us Nazis.
And lead us not into irrelevance,
But deliver us from the bin room.
For thine is first place, and the break,
and the glory, for ever and ever.
Amen.

Ob es hilft?

Weihnachten, 25.12.: Wenn Leser meiner zukünftigen Autobiographie "Don't Try This at Home" zum Jahr 2009 kommen, werden sie sagen "Du hast WAS gemacht? Und das AUCH!? Und DAS?!? Aber wann hast Du GESCHLAFEN? Und warum hast Du dann nicht auch noch GEBLOGGT??" Und doch, eher deswegen, war es ein gutes Jahr, ein sehr gutes, auch wenn es für die gebeutelten treuen Leser dieser Seifenkiste geschienen haben mag, als wäre ich tot. Aber im Gegenteil.

05.09.09

Yay!

Liebe

01.08.09

Liebesgrüße aus Irland

Ich in Tübingen

Ich war, siehe oben, Anfang des Jahres auf einem Turnier in Tübingen, und worauf haben mich die anwesenden Debattierer, die anscheinend alle, was ein bißchen beunruhigend ist, meine Einträge aus Cork gelesen haben, angesprochen? Nicht auf meine tiefen Gedanken zur deutschen Debattierszene. Nicht auf meine aus Herzblut und einem Spritzer Zitrone gemachte Schreibe. Noch nicht einmal darauf, ob ein hellerer Hintergrund meine Seifenkiste nicht freundlicher erscheinen lassen würde. Nein, alles, was diese Unholde, diese Devianten, diese Monster interessiert hat, waren meine angeblichen amourösen Eskapaden! Ich schwöre, wenn ich einmal meine Formel für den Weltfrieden vorstelle und dabei mein Hosenlatz offensteht, erinnert sich schon eine halbe Stunde später niemand mehr an den Frieden, sondern es bleibt allein und auf ewig das Bild von mir ... mit offenem Hosenlatz ... auf CNN. Wo ist die Welt hingekommen!?

Hier trotzdem noch ein paar Eindrücke aus Irland und Frankreich, diesmal visueller Art.

Erste-Klasse-Frühstück

Es gab nur noch eine billige TGV-Fahrt zweiter Klasse, dafür aber noch einige preiswerte erster Klasse, also habe ich mich in den Ledersessel sinken und mir nach dem hastig am Bahnhof hinuntergeschlungenen ersten ein leckeres zweites Frühstück servieren lassen. In der linken Ecke: Mein Samsung U900, mit dem ich nach der kapriziösen und unfähigen Diva LG Chocolate wieder sehr zufrieden bin.

Im Killarney National Park Der Eibenwald im Killarney National Park

Killarney National Park. I dare you not to cry for the beauty of nature, I double-dog dare you!

Ein Herz am Strand Meine Burg am Strand

Dieses Herz links habe ich nicht gelegt, obwohl ich gerne hätte. Dafür habe ich am Strand in Kinsale diese Burg rechts mit Wellenbrecher, Graben, stolzer Flagge und Muschelherrscher bzw. -tyrann konstruiert. Jeder halt, was er kann!

Kinsale Paris

Ich kam von der plus fünf Grad warmen Umarmung der Natur links zur bei minus zehn Grad noch einschüchternderen Gotik rechts. Trotzdem schön, auch wenn meine Gebete für wärmeres Wetter erst Wochen später erhört wurden.

Pont de l'Alma

Ist es nicht erstaunlich, daß viele Menschen nichts dabei finden, ihre eigenen Eltern ins Heim abzuschieben und sie nicht vor Ultimo zu besuchen, aber für Diana Frances Spencer bzw. die Brüstung des Alma-Tunnels ihr ganzes Herz ausgießen? Oh, the humanity!

108 Rue de Garches

Ich glaube, ich werde meine Memoiren "108 Rue de Garches" nennen. Auf jeden Fall origineller als "Mein Leben" oder selbst von meinem imaginären, mir immer aufstachelnde Worte ins Ohr flüsternden Verleger abgelehnte Vorschläge wie "Mein Kampf 2: Electric Boogaloo" oder "My name is Ozymandias".

15.07.09

Neues aus dem Maschinenraum

Neu:
  • Eingebettetes Kommentarformular. Gefällt und funktioniert es?
  • Hellere Hintergrundfarbe. Ich suche noch nach einer besseren Alternative ...
  • Einige neue Links
  • Werbung. Häßlicher Verrat? Büttel des Schweinesystems? Weitere Meinungen?
Noch zu tun:
  1. Labels
  2. ???
  3. PROFIT!!!

10.07.09

Death to Spreeblick

Ich bin wirklich brav zurzeit. Ob es draußen 25 Grad hat oder 35, bräunende oder streichelnde Sonne, ob die norwegischen oder die schwedischen Synchronschwimmerinnen vor der Tür kostenlos Eis und Massagen verteilen, ich sitze im Computerpool der Universitätsbibliothek und schreibe meine Diplomarbeit über Blogs und Politik in den USA. Ich komme gut voran und liebe Amerika mit jedem Tag mehr.

Heute habe ich aus Neugier nach langer Zeit mal wieder geschaut, womit sich die größten Blogs in Deutschland beschäftigen.

Großer Fehler.

Dieser Eintrag im Top-5-Blog Spreeblick ist von so einer durchdringenden Perfidie, Pseudoabgeklärtheit, Ignoranz, Bräsigkeit, Konsenssucht, Wohlstandsselbstkasteiung und endlich reaktionären Unoriginalität, daß man den Autor Johnny Haeusler nicht zum ersten Mal gewaltsam schütteln und ihm mit voller Kraft aus nächster Entfernung dies ins verkniffene Irgendwas-mit-Mediengesicht brüllen möchte:

Hör auf, so gott-fucking-verdammt deutsch zu sein!!

Okay. Zwei Pillen und ein Schluck Wasser aus dem Hahn. Systolisch 173, wieder ganz normal also. Zurück an den Computer und alles nochmal ganz langsam von vorn.

Worum geht es?

Das Mitglied in mittleren Rängen der Piratenpartei Bodo Thiesen ist durch fragwürdige Äußerungen zum Holocaust aufgefallen, 2008 auf der Mailingliste der Partei und offenbar schon früher im Usenet, wie einige Blogger herausgefunden haben, und weswegen jetzt offenbar eine Kontroverse hochkocht.

Ahaha, das gute alte tote Usenet.

Mein grausamer, mein geliebter, mein bester Lehrmeister für Diskussionen im Netz.

Schauen wir uns also an, was Bodo Thiesen im Usenet geschrieben hat, aber weil wir nicht so viel Zeit haben, Diplomarbeit, remember, gehen wir nur ganz oberflächlich drüber, zum Beispiel durch Gruppen wie de.talk.tagesgeschehen oder de.soc.politik.misc, gedacht als Anlaufpunkte für gesittete Diskussionen über aktuelle oder fortlaufende Politik, tatsächlich Sammelbecken für Antisemiten, Paranoiker und Wortdiarrhötiker aller eitergrünen bis schwarzbraunen Schattierungen, aber that's the Internet for you. Also, nur ein paar Auszüge.

Bodo Thiesen im Thread "Simon Wiesenthal Center fordert Buchzensur", 28. Februar 2003:

> Ich kaufe Bush diese Rhetorik nicht ab.

Ich auch nicht. Es geht um Öl. Nicht mehr, und nicht weniger.

> Blair und die CDU/CSU stimmen
> ihm zu.

Klar, wer will sich schon die USA und die ##### zum Feind machen?

Gruß, Bodo
--
PS: ##### ist eine freiwillige Selbstzensur, um mich vor juristischen
Atakken von der ######### Seite zu schützen.

Fast alle Einträge von Bodo Thiesen im Thread "Wird Friedmann als Quotenjude geopfert?" aus dem Jahr 2003, zum Beispiel am 13. Juni, am 18. Juni und gleich ein-, zwei-, dreimal am 24. Juni.

Und schließlich Bodo Thiesen im Thread "Geschichte kann auch Strafe sein", 7. Juli 2003:

>> Geschichte kann auch Strafe sein.

>Strafe, die selbst verursacht wurde.

Es gibt Theorieen, die besagen, daß die deutschen Main-Stream-Medien von den
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

[...]

>> Zeigt man denn anderswo auf andere Länder?
>> Zeigt man auf Russland, England, USA oder Japan?

>6 Mio. Menschen wurden umgebracht. Das dauert nun mal bis das vergessen ist.

Zu den 6 Mio. Menschen, kann ich nur sagen, daß ich da so meine
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

>Unsere Vorfahren hätten sie ja nicht umbringen müssen.

Meine Vorfahren haben keinen umgebracht. Ich kann für Deine nicht sprechen.
Vor allem aber habe ICH keine umgebracht.

>Die verordnete Humanität ist auch in der Bevölkerung nicht so ganz
>angekommen.

Wenn "verordnete Humanität" mit "bitte zahlt mal hier und dann bitte noch
da, ach ja, dies hier hätten wird ja fast vergessen, und natürlich auch
noch ..." gleichzusetzen ist, dann kann ich da auch nichts positives drin
sehen.

>Unsere Straßen sind Luxuspisten während die Scheißhäuser unserer Schulen
>schon lange nicht mehr zu benutzen sind.

Ich habe da meine Beobachtungen gemacht. Wenn ich die hier nennen würde,
würde mich das zu einem Antisemiten oder wenigstens zu einem Nazi machen,
daher lasse ich das jetzt.

[...]

>Man muss sich nicht menschlich nennen sondern auch so handeln.

Klar, das geht aber nicht, indem man fortan auf 12 Jahren "deutscher"
Geschichte rumhackt, und dabei 1000 Jahre vergisst, in denen Deutschland
vom Ausland (vorzüglich F) gegängelt wurde.

Gruß, Bodo

Ich bin seit über zehn Jahren im Internet unterwegs, viele, viele Jahre davon auch im Usenet. Ich erkenne einen Judenhasser und Naziapologeten, wenn ich einen sehe. Ich rieche sie. Die Affinität zu vergifteten Foren. Das obsessive Zergliedern einzelner Wörter. Die Pseudowissenschaftlichkeit und die Pseudoselbstdistanzierungen. "Juden sind auch Menschen", oder anders gesagt, "I have black friends too". Die "clevere" Vermeidung von Justiziabilität. Und über allem der überwältigende Wunsch, fragen zu wollen, was um Himmels Willen Bodo Thiesens Problem ist, wieso er sich in so, so starker Weise mit den Juden und den Nazis befaßt.

Ich weiß es. Ich fühle es in meinen Knochen. Aber ich kann es nicht beweisen. Bodo Thiesens Aussagen sind geschickt genug, seine Punkte gültig genug, um alles glaubwürdig genug abstreiten zu können, und darum schreibt er ja auch, wie er schreibt. Nein, ich bin kein Nazi, aber haben die Polen uns nicht zuerst den Krieg erklärt? Nein, ich bin kein Verschwörungsspinner, aber sind die Umstände von Möllemanns Tod nicht seltsam? Nein, ich hasse keine Juden, aber sollten sie nicht besser zusammenpacken und abhauen? Nein, nein, nein ... aber?

Es gibt für mich keinen Zweifel, daß Bodo Thiesen extreme rechte Ansichten zum Dritten Reich, zum Holocaust und zu Juden hegt. Ansichten, die ich für widerlich, anstößig und absurd falsch halte. Und ich verstehe die Piratenpartei, wenn sie sich überlegt, ob sie so einen Menschen weiter in ihren Reihen behalten will.

Aber, und das ist der Punkt dieses Eintrages, und warum ich es so hasse, daß eine so prominente Plattform, eine so großartige Möglichkeit zur Förderung des Wahren und des Guten wie Spreeblick Beschränkungen der Meinungsfreiheit das Wort redet, ich würde bis zum Blut dafür kämpfen, daß Bodo Thiesen seinen Scheiß, seinen Müll, seinen menschenhassenden Eiter von jedem Dach brüllen darf.

Weil die Freiheit der Rede die erste Voraussetzung einer freien Gesellschaft ist.

Daß jeder mit gleichem Recht sagen darf, was er will.

Daß nicht einige Redner oder Reden gleicher sind als andere.

Nur in dieser grundlegenden Gleichheit bestehen für mich Freiheit und Demokratie.

Wo ist die Grenze dieser Gleichheit, dieser Freiheit?

Erst ganz, ganz nah vor der Nase des anderen.

Alles andere erscheint mir undemokratisch, ungleich, unfrei.

Also: "Feuer!" im geschlossenen, übervollen Kino schreien? Verbieten. "Tötet diesen Bastard, den da hier!" - Verbieten. "Diese Negerhure hier klaut aus der Kasse!" - Vielleicht verbieten. "Schröder, der Bock, schläft mit Maischberger, der Schlampe!" - Nicht verbieten. "Es gab keinen Holocaust!" - Nicht verbieten. "Tod den Juden!!" - Nicht verbieten.

Im Zweifelsfall, gültig wie immer: Laßt. Euch. Eier. Wachsen.

Tut selbst was gegen abstoßende Rede, widerlegt sie zum Beispiel oder redet lauter.

Und hört endlich, endlich auf, nach der Amme Staat zu rufen.

Ihr gottverdammten Deutschen.

03.07.09

Nerd

Tage und Tage im Computerpool, tippen und tippen von neun bis neun. Je später die Zündung, desto mehr Schub ist nötig, um schnell in den Orbit zu klimmen. Aber es ist gut, am Abend kann ich die Sterne sehen.

Wer Sonnenuntergangszeiten für Stuttgart googelt, ist doof.

Ein Nerd, den ich aus meinen Italienischkursen kenne, ist auch fast jeden Tag da. Er spricht auch Französisch, zu einem Mädchen einen Computer entfernt, wie sein Italienisch grammatisch und vokabularisch richtig, aber seltsam künstlich, trocken, wie ohne Seele. Er trägt schwarze Schuhe und schwarze Socken, hat dünne weiße Beine in schwarzen Shorts, ein gestreiftes Poloshirt, eine Brille und Haar wie blonde Stahlwolle. Seine Stimme ist eher hoch, und manchmal springt er auf und hilft.

Er hilft Mädchen, sich einzuloggen.

Er hilft Mädchen, sich auszuloggen.

Er hilft Mädchen, Dokumente zu drucken.

Er hilft Mädchen mit USB-Sticks und mit Laptops, mit Büchern aus der Bibliothek und mit schweren Tragetaschen.

Er hilft, Mädchen.

Und nach jeder Hilfe ist es, als dehnte er sich ein bißchen aus, für eine Weile nur.

Nimmt einen Schluck aus seiner Colaflasche, wie Siegeschampagner.

Wirft ein Blatt Papier in den Müll, wie Jordan.

Sieht sich um in seinem Revier, wie König Simba.

Er sieht sogar ein bißchen aus wie Simba.

Wie das Löwenjunge Simba.

Der Nerd im Pool

Ein Mädchen kommt, blumengemustert ihr Kleid, rot ihr Haar, in ihrer Art ein bißchen wie Chloë Sevigny, killer legs, butter face, was denn, ich bin nur ehrlich, ich liebe doch Chloë Sevigny, wie kann man auch nicht, jedenfalls sind alle Plätze belegt, und sie setzt sich auf die Wartebank, und kaum eine Minute später dreht der Nerd sich zu ihr um.

Zu schnell.

Don't do this, boys.

Der Nerd dreht sich so schnell um, wie der studiVZ-Gründer Ehssan Dariani sich in diesem Fremdschämfilm in der Berliner U-Bahn umdreht, um zwei große Blondinen in sein OnanierVideoarchiv zu bannen, und dabei sogar eine der Frauen anrempelt. Ach, Fakebook-Dariani. Röntgen wäre nicht erleuchtender.

Der Nerd fragt, was Chloë braucht, und sie sagt, sie müßte nur was drucken, und er überläßt ihr mit einer in seinen Gedanken weltmännischen Geste seinen Account und tut so, als läse er ein Buch, während sie sich bedankt und ein paarmal klickt, noch vor Sekunden lag seine Hand auf derselben Maus!

Sie ist fertig und bedankt sich nochmal, und wahrscheinlich, damit sie weiß, welches Benutzerkürzel sie am Drucker auswählen muß, reißt er ein Stück Zettel ab und schreibt etwas darauf, vielleicht sein Kürzel, vielleicht seine Nummer, vielleicht eine Zeichnung ihrer Vulva, und gibt ihn ihr, und sie bedankt sich ein drittes Mal, und als sie an meinem Platz vorbei zum Drucker geht, spielt sich das wunderbarste Schauspiel in ihrem Gesicht ab, Verwunderung, Ekel, Dank, Erleichterung und Verstehen, auf mehrere Weisen Verstehen in einer Viertelsekunde.

Ich möchte Regisseur sein, und wie Sergio Leone nur Großaufnahmen von Gesichtern vor überwältigenden Naturpanoramen drehen. Vollkommene Kunst, vollkommenes Leben ...

Im Gesicht des Nerds stehen Ausdehnung und Zufriedenheit und nur ein bißchen Sehnsucht.

Das erste vergeht nach ein paar Minuten.

Das zweite später, am Nachmittag.

Nur das dritte wächst.

Tage und Tage.

19.06.09

Iran

Die Grüne Revolution

Ich bin viel zuwenig informiert. Die herkömmlichen Medien machen einen furchtbaren Job, daß die Mullahs den Journalisten das Wort verboten haben, ist keine Ausrede. Im Internet fällt es oft schwer, Rauschen von Wissen zu unterscheiden. Und im Iran lebende Iraner kenne ich leider nicht. Wenigstens auf Blogger wie Andrew Sullivan und einige wenige Medien wie den "Economist", natürlich, und Al Jazeera ist Verlaß, ich empfehle, öfter mal Reportagen dieses Senders anzusehen, Al Jazeera stellt Fragen, die andere Anstalten nicht mal denken können.

Trotz meiner Uninformiertheit daher, und aus der Erfahrung meiner zwei Praktika in Nordkorea folgernd, in Verbindung mit meiner generellen, aber sympathischen Unbescheidenheit, hier meine Gedanken zur Grünen Revolution.

Das politische System Irans funktioniert so: Der Oberste Führer, Ali Khamenei, hat die Macht und genießt sie auch. Er gibt keine Interviews. Er äußert sich fast nie öffentlich. Wenn jemand ihn sehen will, muß er nach Teheran kommen. Er gibt die Richtlinien vor, überwacht die Politik, kommandiert die Streitkräfte und ernennt und entläßt fast jeden hohen Staatsdiener. Ein 86-köpfiger Expertenrat, dem zur Zeit der reichste Mann Irans und Gegner Khameneis, Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, vorsitzt, soll den Obersten Führer kontrollieren und kann ihn theoretisch auch entlassen, aber macht praktisch nichts, außer sich wohlig die Eier zu schaukeln, oder was immer fromme islamische Geistliche stattdessen tun. Kurz, wenn Khamenei morgens in sein Büro kommt, holt er zuerst das gewellte Porträt von Ajatollah Khomeini aus der Schublade und küsst es innig, innig und drei Minuten lang.

Dann steckt er es schnell zurück, weil ihm Khomeinis Blick so Angst macht.

Das lästige Tagesgeschäft des Regierens und der Gesetzgebung übernehmen der Präsident und das Parlament, die vom Volk gewählt werden. Doch Präsidentschaftskandidaten wie auch neue Gesetze müssen erst vom Wächterrat genehmigt werden, der aus sechs vom Obersten Führer ernannten Islamgelehrten und aus sechs vom Parlament aus den Vorschlägen des Oberhauptes der Justiz gewählten Juristen besteht. Wer ernennt das Oberhaupt der Justiz? Der Oberste Führer. So it's good to be the king, denn durch dieses System können die Iraner in vergleichsweise demokratischen Wahlen alle paar Jahre Dampf über Armut, Arbeitslosigkeit und Willkür ablassen, aber dank des Wächterrates bleibt der Deckel drauf, Quatsch wie ein Gorbatschow oder Frauenrechte kommen nicht in die islamisch-republikanische Wundertüte, und Ali Khamenei kann weiter jeden Morgen in Ruhe das Bild seines Vorgängers knutschen, mit Zunge, ganz gleich, wer gewählt wird, knutschen heute, morgen und immerdar, Inshallah.

Warum dann die Fälschung?

Ich denke, der "Economist" trifft es:

What could explain such an apparently blatant attempt to rig an election that, even had Mr Mousavi won, would have represented little threat to either the republic or its supreme leader? The most likely theory is of a plan gone awry. Given the line-up of institutions either controlled by Mr Khamenei or systematically packed with Mr Ahmadinejad’s supporters, and given that no incumbent president in Iran has yet lost to a challenger, it may have seemed safe to bet on the president’s victory. This would have brought the added satisfaction to many dyed-in-the-wool conservatives, possibly including Mr Khamenei, of weakening the position of Mr Rafsanjani, who has mounted a rearguard struggle to contain the president’s influence.

Just to make sure, strong potential challengers, such as Mr Khatami and the popular, conservative mayor of Tehran, Muhammad Qalibaf, were "persuaded" by the supreme leader not to run. Compared with the ebullient, politically canny Mr Ahmadinejad, the three remaining challengers appeared drab and uninspiring. Mr Ahmadinejad felt so confident that he agreed to an unprecedented series of televised debates. His superior political skills gave him the advantage on screen, but his scorn for his rivals helped stir up a surge of sympathy for Mr Mousavi, dispelling the political apathy that normally pervades Iran’s middle class.

Conservatives suddenly found themselves facing a torrent of youthful activists, their passion for change magnified by the spontaneous but effective use of simple symbols and modern communications. Stunned by this turn of events, Iran’s deep state appears to have opted for a last-minute, and therefore clumsy, attempt to alter the outcome in the president’s favour.

Revolutionsführer Khamenei sitzt mit seinen engsten Vertrauten in seinem großen Büro, legt die Hände auf den Bauch und wartet zufrieden auf die ersten Wahlergebnisse. Ein Foto von Ajatollah Khomeini steht auf dem Schreibtisch, es scheint nur etwas gewellt zu sein. Präsident Ahmadinejad hat einen guten, nein hervorragenden Wahlkampf geführt. Alle wichtigen Männer im Staat haben sich für ihn ausgesprochen. Die Medien haben unablässig sein Lob gesungen, die Imame für ihn gebetet, sogar einige Schauspieler in spontanen Straßeninterviews für ihn geworben, am beeindruckendsten fand der Oberste Führer eine blutjunge ...

"O Oberster Wächter des Rechts?"

"Kreuzdonnerwetter Mohammad, wie oft habe ich gesagt, daß Du mich nicht bei diesem Titel nennen sollst!? Wie soll ich das auf eine Visitenkarte drucken?! Außerdem ist nichts langweiliger, als ein Wächter zu sein ... Nachtwächter!! Was haben wir vereinbart?"

"Ähem ... O König der Pimps, d-"

"Besser."

"O König der Pimps, die Wahlbeteiligung beträgt über 80 Prozent."

"Sehr gut! Umso mehr Stimmen für ... wie heißt er noch? Mit dem Bart? Und dem strengen Geruch?"

"Äh ... unsere Prognosen zeigen, daß die meisten dieser zusätzlichen Wähler nicht für Präsident Ahmadinejad, sondern für Herrn Mousavi gestimmt haben. D-die ersten Wahllokale melden, daß Herr Mousavi mit über 60 Pro-"

Ali Khamenei wird weiß. Ali Khamenei wird rot. Er holt einen goldenen Pimpstock hinter seinem Sessel hervor. Er schlägt seinen Assistenten Mohammad auf den Kopf. Er schlägt den Vorsitzenden des Wächterrates in die Rippen. Er schlägt das Oberhaupt der Justiz in den Schritt. Er schlägt sogar das Foto von Khomeini von seinem Tisch, hebt es aber schnell wieder auf. Er nimmt den Telefonhörer und brüllt, brüllt, brüllt, bis er nur noch japsen kann. Reformwähler? Die sich gegen seinen Kandidaten stellen?! Änderungen an seinem System verlangen?!? Ihn herausfordern mit Millionen über Millionen von Stimmen, ihn, König der Pimps?!?! Das wollen wir doch sehen!!!!1

... Diese nichtenheiratenden Bastarde in der Provinz können nicht mal Wahlen richtig fälschen, denkt Khamenei. Mir-Hossein Mousavi soll sogar in seiner Heimatregion verloren haben, in seinem gottverdammten Hinterhof. Seit Tagen marschieren hunderttausende Halbstarke in grünen Lumpen durch die Straßen und lassen sich nicht mal von den prügelnden und mordenden Freiwilligentrupps der Basij einschüchtern, und sie werden immer mehr. Irgendwo sitzt dieser widerliche Geldsack von Rafsanjani und wartet nur darauf, Oberster Führer anstelle des Obersten Führers zu werden. Und was die Armee und selbst die sonst so loyale Revolutionsgarde angesichts der protestierenden Massen ihrer Brüder und Schwestern machen werden, ist alles andere als sicher. Was soll Khamenei tun? Er schaut auf das Porträt von Khomeini, aber bekommt wieder Angst vor dem Blick.

Die Fälschung einzugestehen wäre geradezu lebensgefährlich und sicher das Ende der islamischen Republik. Aber Ahmadinejad hat als Präsident ausgedient, niemand akzeptiert seinen Sieg. Doch eine Wiederwahl zu organisieren, in der Mousavi gewänne, würde zu tiefgreifenden Veränderungen führen, vielleicht müßte Khamenei sogar seinen Pimpstock abgeben. Und die Proteste auszusitzen ist auch unrealistisch, hier ist f'ing Iran, und wenn die Iraner eins können, dann protestieren. Bleibt nur ... Gewalt? Aber würde das die Legitimität der Republik nicht noch mehr zerstören als das Eingestehen des Betruges? Würde das nicht Khameneis Abgang in Blut beschleunigen, ja garantieren? Wäre das nicht ... das Ende?

Der Oberste Führer der Islamischen Republik Iran Großajatollah Sayyid Ali Hoseyni Khamenei sieht auf seinen Pimpstock. Er sieht auf das Porträt von Ruhollah Khomeini. Er versucht, auch so zu schauen wie Khomeini, aber vor Anstrengung wird ihm schwarz vor Augen. Er greift seinen Stock fester. Freitag, zum Gebet, wird er es ihnen zeigen, wird er es ihm zeigen, ja, Freitag. Freitag! Freitag!! ...

Ali Khamenei

Der Oberste Führer des Irans hat heute drei Dinge gesagt:
  1. Die hohe Wahlbeteiligung zeigt die Akzeptanz unseres Systems
  2. Das System funktioniert, es gab keine Fälschungen, I <3 Ahmadinejad, suck on it
  3. Ergo sind Demonstranten Feinde unseres Systems und werden plattgemacht. AB MORGEN
Was er nicht gesagt hat, aber zwischen den Zeilen schon, war dies:
  • Mahmoud, Du Versager, wenn ich untergehe, sinkst Du mit! Kiss of death, sucka!
  • BFF, Rafsanjani? Pretty please? Bitte nicht absetzen ... oder sonst! B-b-bitte?
Was heißt das nun alles? Was wird als nächstes passieren? Sind Khamenei und seine Getreuen tatsächlich so machtsüchtig, im Jahr des Twitterns 2009 ein Tiananmen an ihrem eigenen Volk zu versuchen, das Märtyrer verehrt? Würden die Armee und die Revolutionsgarde dabei mitmachen? Was wird Rafsanjani tun? Und werden sich die mutigen Iranerinnen und Iraner unterdrücken lassen und von nun an zuhause bleiben? Die Menschen, die nach Freiheit rufen, verstummen?

Wie gesagt, ich bin zuwenig informiert.

Doch eins weiß ich: Die Freiheit wird siegen, am Ende.

Möge es bald kommen.

05.06.09

Meam vide umbram

Direkt, nachdem ich mein Studium gewechselt hatte, fast buchstäblich gestern noch exmatrikulierter Informatiker (don't ask), heute schon aufstrebender Technikpädagoge, hatte ich das erste geisteswissenschaftliche Seminar meines Lebens, "Geschlechtsspezifische Differenzen im Berufsbildungs- und Beschäftigungssystem", bei Dr. Carmen Eccard.

Ich hätte es nicht besser treffen können.

Die Referate waren lebendig und überzeugend. Die Inhalte waren fantastisch interessant und haben mich endgültig zum Feministen gemacht. Das Seminar war toll organisiert und schenkte Lust auf Wissenschaft, vor lauter Übermotivation habe ich sogar eine Hausarbeit von 27 Seiten produziert. Und Dr. Eccard war engagiert und menschlich und wurde meine Goto-Dozentin für alle feministischen Fragen, noch Anfang dieses Jahres hat sie mir auf meine Bitte nach Quellen für eine mögliche Diplomarbeit über Gender und Computer freundlich und ausführlich geantwortet. Wenn ich eine Lieblingsdozentin habe, dann sie.

Hatte.

Carmen Eccard ist am Pfingstmontag mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrer zweijährigen Tochter auf dem Air-France-Flug 447 gestorben.

Einfach so aus dem Leben gerissen.

Weg.

Und es tut mir so leid.

Meam vide umbram, ja.

Aber es geht so weiter, auf der Sonnenuhr: Tuam videbis vitam.

Sieh auf meinen Schatten, und Du wirst Dein Leben sehen.

Zerbrechlich und kostbar. Schillernd und kurz. Reich und vielleicht morgen vorbei.

Nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist.

Wie es Carmen Eccard getan hat.

Vale!

26.05.09

Cui bono?

Die Fakten sind bekannt: Zensursulas Initiative "zur Bekämpfung der Kinderpornografie in Kommunikationsnetzen" ist, wie ein Laken vor ein Bild zu hängen. Wer vor welches Bild ein Laken hängt, ist keinerlei Kontrolle unterworfen. Das Bild und seine kriminellen Maler sind immer noch da. Und wirklich jeder selbst mit nur minimalst funktionsfähigen Stummelärmchen kann das Laken anheben, um das Bild zu betrachten. Wie gesagt, alles bekannt und auf leichteste Weise zu ergoogeln, weswegen ich stattdessen auf einen hervorragenden grundsätzlichen Artikel zum Thema verweise, der höchst erstaunlicherweise von Rebecca Casati stammt. Sage keiner, ich könnte selbst deutschen Journalisten nicht verzeihen ...

Die Fakten sind also bekannt. Und ich verstehe, daß allein schon das Wort "Kinderpornografie" genug ist, um selbst die berechtigste Kritik sofort unter den schlimmstmöglichen Verdacht zu stellen:

"Zur Bekämpfung der Kinderpornografie müssen wir jeden zehnten deutschen Onkel exekutieren."

"Aber ... ist das nicht Mord?"

"BIST DU ETWA FÜR KINDESMISSBRAUCH?!?!?!ß"

Ich verstehe auch, daß Wahljahr ist und die Politiker sich profilieren müssen, auch wenn ich nicht ganz glauben kann, daß die siebenfache Mutter von der Leyen so restlos zynisch, so vollständig entmenschlicht sein soll, sich mit diesem Thema hervorheben zu wollen. Andererseits, soll ich stattdessen glauben, daß Ursel und ihr gesamtes Ministerium so restlos unfähig, so vollständig inkompetent sind, daß sie es zwar gut meinen, aber absolut falsch angehen, weil niemand in Berlin so richtig weiß, wie dieses komische Internet funktioniert und wie man diese "Server" vom "Netz" nimmt? Oder haben sie Angst, die angeblich milliardenschwere, tatsächlich inexistente Kindesmißbrauchsindustrie direkt anzugreifen, Angst vor dem imaginierten langen Arm der Kinderpornobosse, von denen zwar nie einer gefaßt wurde, aber ist das denn nicht Beweis ihrer Macht?

Abgrundhafter Zynismus, debile Inkompetenz oder paranoides Verschwörungsdenken: Ich weigere mich, anzuerkennen, daß selbst das politische Deutschland auch nur zu signifikanten Teilen aus diesen Elementen zusammengesetzt sein soll, einfach weil die meisten Menschen nach meiner Erfahrung halbwegs optimistisch, fähig und realitätsbasiert sind, aber ich mag da sehr naiv sein. Doch wenn ich richtig liege, was ist dann der Grund für dieses Gesetz? Wo kommt es her? Wer will es? Wem nützt es? Cui bono?

Das verstehe ich nicht.

Ist es wirklich, was es prima facie ist, eine Speerspitze zur Einführung weitergehender Netzzensur? Aber wer will das? Wem nützt das? Welche Elemente unserer Regierung sind so grundlegend un-, ja antidemokratisch, tatsächlich f'ing Zensur einführen zu wollen? Der Abgrund, den man hier gewärtigt, ist nicht minder tief als der obige.

Oder geht es um einen Generationenkonflikt? Ist das Unverständnis, das schiere Nichtbegreifen einer der epochalsten Erfindungen der Menschheit so groß, daß die Angst davor wächst und wächst und zu wildestem, panischem gesetzlichen Rundumschlagen führt? Sind unsere Repräsentanten wirklich so sehr, so ganz, bis in den Kern hinein unaufgeklärt? Erneut klafft der Schlund.

Oder steckt, the horror, die Musikindustrie dahinter oder eine beliebige andere Schattenregierung? Die die Strippen zieht, um endlich wirksame, staatlich gesegnete Mechanismen gegen diese bösen, bösen Piraten einrichten zu können? Sind es gar die mythischen Kinderpornobosse selbst, die Laken über Laken wollen, um darunter ihrem übelsten Geschäft umso ungestörter nachgehen zu können? Kann das wirklich die Wirklichkeit sein oder ist es ein supermassives Schwarzes Loch?

Wie man es wendet und dreht, diese Versuche der Erklärung sind tief furchterregend. Und machen mich wünschen, nicht in diesem Land zu leben und nicht unter solchen Menschen. Und darum hoffe ich, daß ich einfach etwas nicht verstanden habe, etwas vergessen, eine einleuchtende, beruhigende Begründung übersehen, warum unsere Regierung das Internet zensieren will, und wem es nützt, wenn dies geschieht.

Cui bono?

28.04.09

vidi, lexi, critixi

What you lookin' at?

Manchmal denke ich, meine häufigen Kritikeinträge schaden mir und meinem Blog, weil ich, statt originales Material zu produzieren und meine Kreativität und Gedankenschärfe zu schulen, nur den Output von anderen wiederkäue, und weil meine Leser denken müssen, daß ich außer zweiter bis fünfter Hand nichts zu bieten habe, und dann können sie auch weiter die Amazon-Rezensionen von sexytrixi69 lesen.

Aber dann denke ich, gute Filme und Bücher müssen gelobt werden und schlechte verdammt, um das Wahre und das Schöne in der Welt zu fördern, und wie sollen die Leute angesichts der schieren Masse an Werken sonst, so sie denn in einer berechenbaren Beziehung zu meinem Geschmack und meinen Argumenten stehen, wissen, was sie unterstützen und was sie liegenlassen sollen? Umso mehr, wenn die Menschen mich gerade wegen meiner Kritiken lesen. Außerdem kann Kritik auch Zweck an sich sein und über die Referenz hinaus neue, eigene Gedanken entwickeln, die Wichtiges über die Welt und das Leben sagen. Und schließlich macht Kritik mir immer noch jede Menge Freude.

Soviel als Kurzfassung meiner Theorie der Kritik. Und nun zur Praxis.

"Quantum of Solace": Bond küsst das Girl nur auf den Mund? Leider Öko- und Emo-Schrott.

"Warten auf Angelina": Alles, und ich meine alles, was an deutschen Filmen schlecht ist, ist in diesem Panoptikum des Grauens zu bestaunen. Kostüme, die die Heilsarmee weggeworfen hat. Schauspieler, die die Luft nicht wert sind, die sie veratmen. Eine Kamera, die von einem blinden, betrunkenen Orang-Utan bedient wird. Ein Skript, in dem die Hauptfiguren buchstäblich auf ihren weißen Ärschen sitzen und darauf warten, daß der furchtbar, furchtbar unwitzige Plot zu ihnen kommt. Und der Höhepunkt mit "Angelina" ist lahmer als das Jahrestreffen der Kriegsversehrten der Ostfront e.V. Auf jeden Fall meiden!

"Inkheart": Nicht viel zu sagen, außer daß diese Fantasyverfilmung zwar komplett durchschnittlich ist, aber weil sie aus Hollywood kommt, trotzdem tausendmal unterhaltsamer als "Warten auf Angelina". Made in America, Baby!

"Burn after Reading": Leute, die nicht wissen, was Liebe ist, jagen ihr hinterher. Unglück folgt. Nicht sehr toll.

"Twilight": EEEEEEKKKKK!! EDWAAAARD!!!! ICH WILL EINE ABTREIBUNG VON DIR!!!!!1 Aber der Film ist tatsächlich gar nicht schlecht. Kristen Stewart und Cedric Diggory spielen zart und natürlich, und die Reinterpretation des Vampirismus ist originell genug, um ein Gefühl guter Unterhaltung zu hinterlassen, auch wenn Edward Cullen später zum Muster eines abusive boyfriend mutieren soll. Aber er ist doch so süß ...

"Sieben Tage Sonntag": Die wahre Geschichte zweier Jugendlicher, die in der menschenleeren Ödnis einer fernen dystopischen Zukunft Leipzig ohne Motiv brutalstmöglich Rentner schlachten. Es mag wie eine mutige Idee des Regisseurs scheinen, sich jedem Erklärungsversuch zu verweigern, weil es eh keine Antwort gäbe yaddayaddayadda, aber im Ergebnis wirkt es nur wie feiges Schwanzeinklemmen und Betrug am Zuschauer. Wenn ich die Fakten ohne Interpretation haben will, lese ich den dpa-Ticker, in einem Film möchte ich eine Aussage sehen (und Brüste).

"Yes Man": Wie bei Adam Sandler gehe ich auch bei Jim Carrey in fast jeden neuen Film und vergesse dabei immer, daß die tatsächlichen Geschichten nie so gut sind wie ihre originellen Prämissen. So ist auch diese Story über einen Mann, der nur noch Ja sagt, eigentlich eine biedere Schmonzette. Und neben der Starpower selbst eines alternden Jim Carrey braucht es mehr Ausstrahlung als die der zwar niedlichen, aber auch ziemlich blassen Zooey Deschanel.

"He's just not that into you": Okay, dieser Film hat ein paar gute Ansätze. Obwohl es der gewohnt hölzerne und charismalose Ben Affleck ist, ist seine stockende Erklärung, warum er Jennifer Aniston nicht heiraten möchte, weil er sie nämlich auch ohne Ring und Siegel liebt, für Hollywoodverhältnisse fast schon revolutionär zu nennen. Sexy kid Scarlett Johansson macht mit dem aufstrebenden Bradley Cooper einen ziemlich guten Job. Und wer Drew Barrymore nicht liebt, hat kein Herz, wer härter als Harald Juhnke saufen, mehr Drogen als River Phoenix nehmen und danach immer noch so gut aussehen und das Leben lieben kann, kann nur ein großes Vorbild sein.

Bist Du auch so strunzedoof wie ich?

Aber dieser von ihr produzierte Film ist schrecklich frauenfeindlich.

Jennifer Aniston ist so verfangen im Traum, einmal eine Braut zu sein, und von den Sticheleien ihrer sogenannten Freundinnen so betroffen, daß sie Schluß macht mit Affleck, der sie wirklich liebt, so sehr, daß er am Ende sogar seine Überzeugungen opfert und ihr einen Antrag macht, um sie glücklich zu machen. Jennifer Connelly ist eine erstickende Mikromanagerin, die selbst die mehrfache absolute Arschlochhaftigkeit ihres Ehemanns verzeihlich erscheinen läßt. Scarlett Johansson ist eine labile Männerfresserin. Und die Hauptdarstellerin Ginnifer Goodwin ist so unsicher und hyperaktiv, daß man ihr gleichzeitig Valium und Kokain geben will.

Kann es in diesen Filmen keine coolen Frauen geben? Frauen mit Eiern? Die darauf scheißen, was ihre Freundinnen sticheln? Die Arschlöcher in den Wind schießen und in den Sack treten? Die autochthones Selbstbewußtsein haben und eigene Ideen, wie sie flirten und daten wollen, und es nicht von Daddy gesagt bekommen müssen? Kurz, Lizzy Bennets und nicht Blanche DuBois'? You know, nicht nur, weil es weit mehr Freude macht, Ersteren zuzusehen als Letzteren, sondern auch wegen Vorbilder geben, Leben in die Hand nehmen usw. Und wegen der Sexiness.

"Watchmen": Eine fast perfekte Verfilmung, und dafür ist tatsächlich der blaue Penis von Dr. Manhattan ein Indiz. Leider deswegen ein Flop. Also wegen der Perfektion.

"The Reader": Sex, Nazis und Kate Winslet - klingt wie ein Film für mich! Leider spielt meine immer noch liebste Schauspielerin die tumbe und plumpe ehemalige Auschwitz-Aufseherin Hanna Schmitz so gut, und die Liebesszenen mit dem begabten David Kross sind so naturalistisch, daß gar keine rechte Sexiness aufkommen mag. Vielleicht hat die L-förmige Bettdecke doch was für sich ...

Auch die Story von Bernhard Schlinks Bestseller hinterläßt keinen besonders guten Eindruck: Diese deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust fühlt sich durchweg glatt an, glitschig und verlogen, ja geradezu falsch. Deutsche lesen deutsche Bücher, Deutsche halten deutsche Vorlesungen, und es hilft nicht, dass Bruno Ganz den Professor spielt, Deutsche sprechen deutsches Recht, und endlich liest ein Deutscher vor, wie der Holocaust zu verstehen ist, nämlich dass er nicht zu verstehen ist.

Klingt wie Exkulpation für mich.

Zwar raffinierte, mehrbödige und mehrfach selbstreflektierte Exkulpation, wie sie einem deutschen Juristen ansteht, aber letztlich doch keine andere Exkulpation als die des freiwillig glatzköpfigen abgebrochenen Grundschülers in Nordbrandenburg. Und warum soll man sich das dann ansehen, selbst wenn Ralph Fiennes und auch Lena Olin in einem leider viel zu kurzen Auftritt einen guten Job machen?

"Monsters vs. Aliens": Witzig, rasant, menschlich, vergeßlich.

"C'era una volta il West": Ich hatte den echt bis Ostern noch nie gesehen! Und was habe ich verpaßt!! Best. Movie. Ever? Ich will auch so ein Gesicht wie Charles Bronson, oder doch lieber wie Claudia Cardinale.

You lookin' at me, aren't you?

"Schuld und Sühne": Ah, ich möchte mein Leben lang nur russische Klassiker lesen, und dafür braucht man vielleicht auch das ganze Leben. Herzzerreißend, atemberaubend, reich und wahr, wahr, wahr.

"Dreams from My Father": Ein interessanter, manchmal fast lyrischer Einblick in das frühe Leben und die Gedanken des 44. US-Präsidenten Barack Hussein Obama, yaaaay!, der sich jedoch in der Mitte etwas zieht.

"The Film Club": Ein Vater läßt seinen Sohn die ungeliebte Schule abbrechen und bis fünf Uhr nachmittags schlafen, wenn er dafür jede Woche mit ihm drei Filme schaut, nach einer wahren Geschichte - klingt wie ein Buch für mich! Leider ist der Papa zwar ein guter und lehrreicher Filmkenner, aber auch ein eigenartig aufgeblasener, haarsträubend schlechter Lebensratgeber, und sein Sohn ist ein eifersüchtiger, mimosenhafter Taugenichts, dem man irgendwann nur noch die Crackpfeife aus der Hand schlagen und ihn ins Arbeitslager deportieren will, und das mir, dem Cracknigger von Cannstatt! Sowas, sowas ...

Why yes Sir, I am!

31.03.09

Moar Links

Is Jon Stewart the Most Trusted Man in America? Na warum nicht, er ist ja auch der letzte Journalist in Amerika. Und ein mensch. Daß seine reine Existenz in diesem Land nicht möglich wäre, geschweige denn, daß man ihn je ins Fernsehen lassen würde, brauche ich nicht zu erwähnen. Amerika, du hast es besser!

Warum Leute (US)-Republikaner wählen. Kann man wohl nichts machen. Oder doch?

Imagine proposing to build Vegas in a place where sex and drugs and rock and roll are an anathema. Ich hasse Dubai auch.

The Secret Diary of Cameron Baum, a Terminator. Sehr genießbare "Sarah Connor Chronicles"-Fanfiction. Die Serie selbst ist letzthin auch ganz groß, hoffentlich gibt man ihr eine verdiente dritte Staffel.

Für ein Experiment läßt sich Familie Mantel ihre fünf Fernseher wegnehmen. Danach Warten auf den Tod.

Jürgen Habermas ist auch mit fast 80 noch geistig frisch und perzeptiv wie ein aufstrebender Jungwissenschaftler. Ich möchte sein Gehirn haben. Braaaiiiinns!

Yay for science!

Und zuletzt: Wie man mit Kreationisten umgeht. Never gets old.

12.03.09

All you need

Oh, hey, mein Schweinehund? Stellt Euch den Balrog aus "The Lord of the Rings" vor, Durin's Bane. Krallen, Flügel (?), eine vielzüngige Flammenpeitsche, fünftausend Jahre Haß.

Mein Schweinehund benutzt den Balrog von Moria als Zahnstocher.

Die gute Nachricht: Ich bin wenn nicht Gandalf, so doch Radagast, Freund der Tiere und zäh. Und so geht es Tag für Tag Richtung Diplom, weswegen ich zwar weder viel erlebe noch Zeit zum ausführlicheren Bloggen habe, aber Stunde für Stunde und Hieb für Hieb nehme ich dem Monster einen brennenden Zahnstocher nach dem anderen, bis es bald und endlich vor kariösen Schmerzen tot zusammenbrechen wird. Always brush your teeth, kids!

Es braucht also außergewöhnliche Ereignisse, um mich zu einem aktuellen Eintrag anzuregen.

This qualifies.

Fuck, Winnenden ist hübsch. Die Altstadt ist niedlich und der Weihnachtsmarkt schön, hausgemachte Kartoffelchips for the win! Das ist nur 20 Kilometer von hier ...

Aber abgesehen von der Nähe, abgesehen vom Neuigkeitswert an sich, abgesehen vom Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen, was ist außergewöhnlich? "Er war ein ganz unauffälliger Junge, bis er mir mit seiner Beretta in den Kopf geschossen hat" - geschenkt. "Er war ein introvertierter Loser ohne Freunde, nur seine Katze hat er geliebt" - you don't say. "'Counter-Strike' und 'Crysis' haben ihn zum Mörder gemacht (wählt mich)" - okaay. "Daß binnen 5 Minuten 30.000 Polizisten vor Ort waren, gibt mir eine steinharte Erektion" (Günther O.) - ähh?

Nein, das Außergewöhnliche ist, daß nichts an diesem Amoklauf außergewöhnlich ist. Die üblichen Verdächtigen sondern ihre üblichen hilflosen, widerlich opportunistischen Sprechblasen ab. Die Sicherheitstheaterindustrie kriegt feuchte Höschen, nichts gegen feuchte Höschen an sich, mmm feuchte Höschen. Und die Winnender weinen, suchen Erklärungen, fragen Warum.

Same ol', same ol'.

Warum?

Weil.

Weil.

Und weil.

It's easy.

05.02.09

Bald vier Jahre Soapbox

An Sankt Valentin, denn Baby, I'm a lover, not a fighter, ist es wieder soweit. Ich habe mittlerweile nur noch vier unveröffentlichte Artikel in meinem Tresor, zwei fast fertige für sich stehende und zwei Teile von älteren, schandhaft vernachlässigten Serien. Dazu Pläne für zwei, drei weitere größere Geschichten, einige Foto- und Linkposts und vielleicht noch manches Schönes von meiner Festplatte und aus meinen früheren Äußerungen im Internet. Außerdem muß ich überlegen, was ich mit den vielen Artikelfragmenten bzw. -findlingen machen will, die zwar zu gut geschrieben und interessant sind, um sie wegzuschmeißen, aber entweder doch zu Privates berühren oder meine Meinung und meinen Lebensstand nicht mehr widerspiegeln. Und die Labels sollte ich vielleicht auch mal für den Zeitraum nach April 2005 ergänzen, hust.

Bei meinem Veröffentlichungstempo sollte ich also bis zum Fünfjährigen alles gesagt haben, was ich für den Anfang sagen wollte, in aller Kürze sozusagen.

Und dann?

Was wollt Ihr, liebe Leser, in Zukunft lesen?

Worüber soll ich, der nichtswürdige Autor, schreiben?

Was beliebt Euch zu belieben?

Ich freue mich auf viel Feedback in den Kommentaren!

29.01.09

Unberührt

Hemm ... hehh ... ähh ... uhh ...

Ach was soll's, here goes: Ich habe Jesus verpfiffen. Woher hätte ich denn wissen sollen, daß es wirklich Zeitmaschinen- zur falschen Zeit am falschen Ort- unglücklicher Gleichklang deutscher und althebräischer Wörter- es tut mir so, so-

Wie? Es ging gar nicht-? Ach so, eigentlich wollte ich hier sagen, daß ich erst mit über 21 zum ersten Mal Sex hatte. Weit drüber. Weeeit.

So. Und es gibt mindestens ein gutes Buch, einen kurzen und einen längeren informativen Fernsehbericht und sogar eine nette Filmkomödie zum Thema, die ich als Einstiege jedem Interessierten empfehle, weil sie schon sehr vieles ansprechen, das aber durchaus auch meiner Wiederholung wert ist.

Eines der ersten und wichtigsten Probleme eines sex- oder beziehungslosen Menschen ist die vergebliche, zunehmend obsessive Suche nach einem goldenen Schlüssel zum bevorzugten Geschlecht, den man aufgrund seiner Nichtexistenz aber nie finden kann. Ob Aussehen, Geld, Bildung, Witz, Eltern oder zwanghaftes Kätzchenertränken, stets wird man zahllose Gegenbeispiele finden, die trotz ihrer inneren wie äußeren Quasimodohaftigkeit von einem Bett ins nächste zu stolpern scheinen, von erfolgreich charmanten Normalverbrauchern nicht zu reden. Wenn aber jeder Serienmörder Körbe voller Liebesbriefe in den Todestrakt erhält, was sagt es dann über die nichthomizidale Jungfrau, wenn sie nicht einmal die kränksten Helfersyndrom-Krankenschwestern für sich gewinnen kann, oder anders, was stimmt mit mir nicht, wenn mich keine(r) will? Stark ist der Held, der bei diesem Sein sein Selbstbewußtsein bewahrt.

Dabei ist gerade Selbstbewußtsein, Selbstsicherheit, Selbstliebe jener goldene Schlüssel, allerdings nicht zu anderen, sondern zum eigenen Leben. Wer möchte nicht lieber Kirsche auf einer leckeren, glänzenden Torte sein, als erst einen traurigen Haufen Mehl und zwei schlaffe Eier mühsam aufbacken zu müssen? Allein, wie zur Torte werden ohne, und wenn wir schon mit dieser Metapher in alle Richtungen zerlaufen, haha, Treibmittel?

Denn zu den beharrlich nagenden Selbstzweifeln kommt im sozialen Leben, in den Unterhaltungen über Liebe, Sex und Zärtlichkeit, in denen man nicht mitreden kann, und in den Fickificki-Medien der normative Aspekt, die stumme, drückende Erwartung, daß man bis zu jenem und diesem Alter dieses und jenes erlebt haben sollte, anderenfalls stimmt mit einem etwas nicht. Dennoch reagieren die meisten Menschen nach meiner Erfahrung offen und verstehend, wenn man mit ihnen über seine Unberührtheit spricht. Wie aber zu dieser sehr erleichternden Erkenntnis gelangen, wenn man durch langes Schweigen überzeugter und überzeugter geworden ist, daß man ausgelacht und mit faulem Gemüse beworfen wird, weil man es für eine tiefe Schande hält, noch nie mit jemand anderem geschlafen zu haben? Erneut, stark ist der Held, der den Mut hat, sein Sein für die Augen der Welt zu öffnen.

Dabei stehen hinter diesen Augen öfter warme Herzen, als man meinen mag. Und wer trotzdem lacht, darf getrost auf den Müllhaufen falscher Freunde verbannt werden. Allein, wie sich, um erstmal dahin zu kommen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Angst ziehen?

Denn vielleicht auch nur gefühlte externe Normativität und internes Minderwertigkeitsdenken machen nicht stärker, nicht heldenhafter, nicht treibender, nicht offener, sondern alle Gegenteile. Man nähert sich nicht anderen, sondern entfernt sich, und erfüllt so oft erst die selbstvergiftende Vermutung, ein unverstandener Kauz zu sein. Man entfernt sich bis in die immer artifizieller werdende Sprache hinein von sich selbst, bis man zu einem scheinbar unbeteiligten, verkrampften Beobachter seines eigenen Lebens wird. Man spricht in der Erwartung, erfolglos zu sein, niemanden mehr an, und erfüllt die Erwartung so, zunehmend und zunehmend obsessiv. Und endlich, wie Springerstiefel, die nach Liebe, wie 9/11-Verschwörer, die nach Hirn schreien, projiziert man seine empfundene Unzulänglichkeit in gedrehter Münze auf das Andere, das Unbekannte, das Begehrte. Ich bin dumm, faul und hasse mich selbst, also muß Döner-Alis Familie dran glauben. Ich habe einen wirklich, wirklich winzigen Mikropenis, also hat der Jud' die Türme gesprengt. Und ich fühle mich einsam und wertlos, also sollen diese Schlampen, diese Göttinnen mir gefälligst vor die Knie fallen. Aus diesem selbstverstärkenden Teufelskreis auszusteigen geht nur, wenn man aus ihm aussteigt.

Dabei ist das nicht so schwer, wie es klingen mag. Medien wie die oben verlinkten und vielleicht auch dieser Eintrag zeigen, daß man in seinem Sein nicht allein ist, es Hoffnung und Hilfe gibt. Es gibt geflügelte Engel, wie ich selbst weiß, und verdammt sexy Engel dazu. Und auch der kleinste Schritt, die kleinste Öffnung im Kreise der Vertrauten ist ein guter Anfang, um schnell laufen zu lernen.

Und mit jedem Schritt Freiheit zu gewinnen.

Und Leben.

Nur Mut!

Andreas' Baader

Vor fünfeinhalb Jahren habe ich den "Großen Deutschen RAF-Film™" gefordert. Ich träumte von einem gewaltigen Epos, das von Strömen von Blut umflossen wird wie die Île de la Cité von der Seine, von hellem Blut aus Benno Ohnesorgs Hinterkopf zu den Klängen der "Zauberflöte", die der Schah von Persien in jenem Moment hörte, bis zu dunklem Blut aus Hanns Martin Schleyers Kopf im stillen Wald. Ich träumte von Ulrike Meinhofs Fenstersprung in Zeitlupe und flitzenden Kugeln in der "Landshut", D-ABCE. Ich träumte, daß bis in die kleinste Rolle die besten Schauspieler aufgeboten würden, die Deutschland zu bieten hat. Ich träumte, also, von einem großen, großen Film.

There are two tragedies in life. One is not to get your heart's desire. The other is to get it.

Die Details in "Der Baader Meinhof Komplex" sind von einer sehr erschreckenden, sehr zufriedenstellenden Pedanterie. Vom weiterrollenden Wagen Siegfried Bubacks über den Einschuß unter Petra Schelms linkem Auge und den Originaldreh im siebten Stock von Stammheim bis zum vollen 70er-Jahre-Schamhaar sitzt alles, und man möchte vor den autistischen Geschichtsnerds in der Ausstattungsabteilung ehrfürchtig in die Knie sinken. Weich werden selbige, wabbelnd sind die Überleitungen wie John McCains Beine, durch Johanna Wokaleks intensive, aufregende Darstellung von Gudrun Ensslin, hinter der sich aber auch Martina Gedeck als Ulrike Marie Meinhof und Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt nicht verstecken müssen, und auch Vinzenz Kiefer als hübschere Version von Peter-Jürgen Boock und Bruno Ganz als Horst Herold machen ihre Arbeit gut, auch wenn ich bei Letzterem nun für immer den Führer höre, wenn er spricht. Moritz Bleibtreu dagegen scheint hauptsächlich das zu spielen, was er immer spielt, einen sympathischen Kleinkriminellen also, weswegen ihm Baaders Lieblingswort von den "Fotzen" nicht allzu überzeugend über die Zunge rollt, aber man zieht in den Krieg mit der Armee, die man hat usw. In den Nebenrollen schließlich kann man von Tom Schilling über Hannah Herzsprung bis Sandra Borgmann ununterbrochen Schauspielerraten spielen, und in zweieinhalb kurzweiligen Stunden wird der Bogen tatsächlich von schießenden Polizisten in Berlin zu schießenden Terroristen im stillen Wald gezogen, und kein Ereignis bleibt außen vor.

Ist dieser unglaublich aufwendige "Baader Meinhof Komplex" nun aber ein guter Film?

Nein.

Und der Grund dafür ist, daß dieser Film naive Malerei ist, ein röhrender Hirsch des Kinos. Mag er einen auch so realistisch von seiner Lichtung anschauen, daß man sein Röhren fast zu hören scheint, so hat er doch keine Aussage außer der tatsächlichen, keine Tiefe außer der der Leinwand, keine Reflexion und keinen Horizont. Es ist eins, die Geschichte getreu wiederzugeben, ein anderes aber, ihr Bedeutung zu verleihen; dazu muß man die gesicherten Pfade verlassen, um zu interpretieren, zu kontrastieren, zu imaginieren und endlich zu fantasieren, Qualitäten, die den produzierenden Geschichtsbuchhaltern schmerzlich abzugehen scheinen. Wieso gibt es, zum Beispiel, keine Gegenüberstellung der tatsächlichen, lächerlichen Kleinkriminalität Baaders mit der völlig überzogenen, Wolfgang Schäuble bis heute nächtlich feuchte Träume bescherenden Reaktion des deutschen Sicherheitsapparates, die RAF knackt einen Zigarettenautomaten, und vier Stunden später knattern Hubschauber und rollen Panzer durch einen Kreis mit 50 Kilometern Radius, in dessen Mitte drei Schachteln Marlboro von 2000 Polizisten mit entsicherten Maschinenpistolen bewacht werden? Warum keinen Vergleich der drogenbenebelten Mordträume der zweiten Generation mit den drogenbenebelten Exekutionsträumen Franz Josef Strauß'? Kein Verweilen der Kamera mit Ulrike Meinhof in der Einzelhaft, bis selbst die Zuschauer Klaustrophobie empfinden? Keine stilisierte Zeitlupe einer Schießerei im Vordergrund, während im Hintergrund eine schwäbische Hausfrau die Kehrwoche macht, oder irgendetwas, das gezeigt hätte, wie lächerlich die Idee einer Guerilla in Deutschland ist, f'ing Deutschland, wo Revolutionen hingehen, um zu sterben? Selbst die Gespräche zwischen Schleyer und seinen Entführern hätten wie im viel schöneren "Die fetten Jahre sind vorbei" schon einiges zur Bereicherung dieses flachen Baader-Meinhof-Tableaus getan, mußten aber, weil für einen eigentlich notwendigen Mehrteiler offenbar die Eier gefehlt haben, wohl weggelassen werden, von der noch viel notwendigeren echten Auseinandersetzung mit diesem Teil unserer Geschichte ganz zu schweigen.

Verpaßt ist diese Gelegenheit.

Verpatzt ist dieser Film.

Zerstoben mein Traum.

Sehr schade.

11.01.09

Das literarische Quartett

"Ein grräßliches, ein ganz und gar fürrchterliches Buch, diese 'Feuchtgebiete'", sagt der Mann auf dem überbordenden Rokoko-Canapé mit dramatischer Geste und einer unglaublich feuchten Aussprache. "Was hat sich diese Charlotte Rrotz oder Rröche oder wie sie heißt nur dabei gedacht? Ich verrstehe ja den Impuls, gegen den Hygiene- und Enthaarungswahn anschreiben zu wollen, daß ein neunjähriges Mädchen mit Alopezie und ohne Schweißdrüsen das erotische Ideal sein soll, kann nicht gesund sein, aberr so kann man das Thema doch nicht behandeln! 'Feuchtgebiete' ist nicht clever, nicht gut geschrieben, hat keine Charaktere, keine Handlung und noch nicht mal einen richtigen Ort. Dem Buch geht jede Dimension geteilter Menschlichkeit ab, und im Ergebnis führen die zahllosen Beschreibungen unappetitlicher Körperfunktionen und Sekrete, weil sie eben jedem humanen Zusammenhang enthoben sind, nicht zum Wunsch, sich alle Haare mal wieder so richtig lang wachsen zu lassen, sondern im Gegenteil dazu, sich täglich zehnmal mit Stahlwolle und Salzsäure abschrubben und mit einem Flammenwerfer epilieren zu wollen, um den unbeschreiblichen, geradezu höllenhaften Ekel loszuwerden, der einen bei der Lektüre befällt, selbst mich, derr ich weiß Gott genug Schlimmes auf dieser Erde gesehen habe! Das ohne Untertreibung schlechteste Buch, das ich je gelesen habe, und ich kann jetzt auch Charlotte Roche nie mehr ansehen, ohne mir zu denken, was um Gottes guten Willen in ihrem Kopf kaputt sein muß, daß sie so ein Werk verfaßt hat, und mehr noch, was mit diesem Deutschland kaputt sein muß, das einen solch kläglichen, widerlichen Erguß auf alle Titelseiten und Bestsellerlisten gehoben hat. Ach, ach, ach!"

"Da haben Sie ganz recht, Herr Lazar", antwortet Marcel Reich-Ranicki im Sessel zur Rechten, während er sich diskret ein wenig Spucke von der Backe wischt. "Aber haben Sie in letzter Zeit nicht auch bessere Werke gelesen?"

"Selbstverständlich, mein lieber Freund, auch wenn jede Speisekarte, ja jede Toilettenordnung mehr literarischen Wert besitzt als das eben erwähnte Buch", antworte ich. "Da war zum Beispiel das an dieser Stelle bereits erwähnte 'Ich brauche Liebe', die Autobiographie von Klaus Kinski. Und auch wenn mutmaßlich viel bis alles darin erfunden ist und die unzähligen sexuellen Eroberungen des Großschauspielers den Leser irgendwann ein wenig zu ermüden beginnen, ist es doch ein für die deutsche Sprache sehr leidenschaftliches, kraftvolles, vor Leben sprudelndes Werk, und man bekommt wirklich Lust, es Kinski nachzutun, weniger auf die Meinung der anderen zu geben, Filmbänder in Gold in die Tonne zu kloppen und Frauen zu lieben, egal wie alt sie sind, egal wie sie aussehen, wieviele Haare sie haben, schlicht dafür, daß sie Frauen sind, Menschen. Wahrhaftig, ich brauche Liebe, Sie brauchen sie, meine Freunde, jeder braucht sie!"

Eva Green im Sessel zur Linken errötet ein bißchen. Es steht ihr sehr gut. "Erzählen Sie mehr von der Liebe", flüstert sie fast in einem hinreißenden französischen Ton.

"Aber ja! Ich habe endlich auch 'The God of Small Things' gelesen", fahre ich fort, "und ich weiß nicht, wie ich dieses absolute Meisterwerk so lange verpassen konnte. Perfekte, golden glänzende Metaphern, vollkommene Sätze, wie hypersensorisch, unendlich horizonterweiternd, zum emotionalen Milliardär bereichernd, zutiefst berührend, Wort für Wort reine Wahrheit. Lesen, lieben, leben!"

"Das sind ja nun aber alles recht bekannte Bücher, Herr Lazar", sagt Barack Obama, der sich extra für die Sendung freigenommen hat und im dritten Sessel sitzt. Er spricht akzentfrei Deutsch. Wie alle anderen Sprachen. "Haben Sie nicht auch neuere Empfehlungen für uns?"

"Durchaus, mein Lieber, und die erste ist 'Nachtfische' von Rebecca Anna Fritzsche, ein kleiner Debütband mit fünf Erzählungen. Ich kenne die Autorin persönlich, und im Gegensatz zu vielen ihrer schreibenden Generationsgenossen, die mit oberflächlicher Wortpolitur langweilen, ohne je nach den Perlen des Lebens zu tauchen, vielleicht haben sie keine Eier oder Ovarien, erzählt sie lakonisch und präzise und genau beobachtend vom Unglück des Daseins, am Besten in der titelgebenden Geschichte über eine langsam und böse herankriechende Postpartumdepression. Ein bißchen vielleicht, wie Hemingway geschrieben hätte, wenn er eine junge Frau gewesen wäre. Ich freue mich schon auf ihren ersten Roman!"

Jetzt ist es an mir, ein bißchen zu erröten.

"Äh, das letzte Buch für heute ist ein Sachbuch, und ich habe es von einer sehr, sehr lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen. Es heißt 'Dr. Tatiana's Sex Advice to All Creation' und ist im Frage-und-Antwort-Stil wie bei Doktor Sommer geschrieben, aber für die gesamte Schöpfung. Und Gott, die Tiere und Pflanzen und Pilze treiben es vielleicht toll! Unendlich kreativ, grenzenlos varianten- und lehrreich und auch sehr witzig. Nach der Lektüre ist man ganz erfüllt von Ehrfurcht und Erstaunen vor der Natur und möchte selbst seinen Teil tun, ihr so oft und so lange wie möglich zu huldigen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Kraft und viel Liebe. Bis bald!"

07.01.09

Cork, cont'd

7.1., 19 Uhr: TGV Paris-Stuttgart. Nicht nur, weil es draußen dunkel ist, reflektiere ich, was ich auf dieser Reise gefunden habe, und es ist nichts als eine einfache Wahl: Mehr schöne Länder, schöne Mädchen und schöne Kunst, am Ende das "Economist"-Titelblatt "Architect of world peace, Andreas C. Lazar PhD 1979 - 2100", oder die "Bild"-Schlagzeile "Penner erfriert mitten auf Schloßplatz, Juni 2010". Der Unterschied: Mein (nicht schlechter) Arsch bzw. ob ich mich auf ihn setze oder halt nicht. Ich denke kurz nach, stehe auf und schüttle ihn, einmal noch.

7.1., 13 Uhr: Im Louvre. Ich glotze mir die Augen trocken und sehe doch nicht genug.

6.1., 19 Uhr: Crêpes mit A. Süß.

6.1., 15 Uhr: 108 Rue de Garches, St. Cloud. It began here. It ends here. 'Nuff said.

6.1., 14 Uhr: Die Grande Arche verlängert, beendet und übertrifft die historische Achse vom Louvre über den Triumphbogen bis nach La Défense in beeindruckend monumentalpathetischer und ein wenig einschüchternder Weise. So sind die Franzosen halt.

6.1., 12 Uhr: Es war bitterkalt, aber ich bin gestern trotzdem drei Stunden durch Paris gelaufen, weil es so viel zu sehen gab, vom Quartier Latin, in dem mein Hostel liegt, über das Panthéon zu Notre Dame, den sehr beeindruckenden Louvre, it's good to be the king, durch die halben Tuilerien, über die Champs-Élysées, vom Triumphbogen zum Alma-Tunnel, wo ein gar nicht unwitziger Schelm ans inoffizielle Prinzessin-Di-Denkmal "Inoubliable Ottmar Hitzfeld" geschrieben hat, und schließlich zur ultimativen wahr gewordenen Steampunkfantasie, dem Eiffelturm. Heute La Défense, meine alte Heimat St.-Cloud, und wenn die Zeit reicht, auch Versailles.

5.1., 18 Uhr: Paris. Es schneit. Erstmal nur 30 Minuten Internet, bevor ich in die Stadt aufbreche. Ich versuche trotzdem, wenigstens stichwortartig so viel von den letzten drei Tagen nachzutragen wie möglich, auch wenn meine Tastaturhand wie abgestorben und ganz schwarz geworden ist, seit ich meinen Koffer in die Mansarde meines Hostels tragen mußte, über eine Treppe, auf der nur allein von Zigaretten und Kokain lebende französische Models elegant navigieren können. Vielleicht werde ich hier ja eins treffen? Wenn nicht, kann ich in den nächsten Tagen wenigstens mein Blog ergänzen ...

4.1., 12 Uhr: Die WM ist aus. Es kommt uns viel billiger, noch eine Nacht in Irland zu bleiben und den Montagsflug zu nehmen statt den von heute, also downgraden wir in ein sehr preiswertes, aber trotzdem komfortables Hostel und besuchen immer noch erkältet, aber bei herrlich mildem und sonnigem Wetter das Küstendorf Kinsale mit seinen alten Forts und einer neuen Marina. Am Abend Fish and Chips und Bier. Es hat unsere ganze Zeit hier nicht einmal geregnet.

3.1., 23 Uhr: Ich kannte das Pausenprogramm Anúna gar nicht, aber die sind ja klasse! Desgleichen die nachfolgenden irischen Steptänzer. Nach den Danksagungen und der Preisverleihung (and the winner is ... Oxford A) geht's zum Ball mit leidlichem Essen, schönen Gesprächen und wunderbarem Tanz. Laßt die WM ewig dauern!

3.1., 16 Uhr: Das Thema des großen Finales ist Abtreibung? Really? Die Teams aus Monash, Harvard und zweimal Oxford machen einen unterschiedlich guten, aber insgesamt beeindruckenden Job.

3.1., 9 Uhr: Der irische Supervirus, der bereits die Hälfte des Feldes dahingerafft hat, hat auch uns so fest im Griff, daß wir nicht aus dem Bett kommen und sowohl das Halbfinale darüber, ob Regierungen Häuslebauer subventionieren sollten, als auch das Englisch-als-Zweitsprache-Finale mit den Berlinern zum Thema, ob es eine Quote für einheimische Fußballspieler geben sollte, leider verpassen. Ich glaube, meine Haare kriegen einen rötlichen Stich.

2.1., 23 Uhr: Irische Party. Paracetamol + Alkohol = nicht gut.

2.1., 17 Uhr: Noch keine Todesdrohungen von deutschen Debattierern.

2.1., 15:05 Uhr: Bei der diesjährigen Deutschen Debattiermeisterschaft in Berlin hatte auch ein Team aus dem englischsprachigen Club in Köln teilgenommen, der sonst nur auf internationale Turniere fährt. Und während das tatsächlich aus einem Bruder und einer Schwester bestehende Team rhetorisch zwar talentiert, aber nicht brillant war und normal, aber nicht fantastisch gebildet, hat es mit Leichtigkeit das Halbfinale erreicht und hätte in meinen Augen auch im Finale sprechen sollen. Allein der Geschwister solide Analyse, klare Logik und effektive Widerlegung auf gutem Niveau war genug, fast ganz Debattierdeutschland aus dem Feld zu schlagen, in dessen Finalrunden sich sonst sehr oft die gleichen Gesichter tummeln. Ein Zeichen, daß unser Ausbildungsniveau nicht hoch genug ist, um Talentunterschiede zu nivellieren, auch eins, daß wir mehr Kontakt zur internationalen Elite brauchen, und vielleicht auch eins, daß eine zu kleine Szene die wenige mögliche Objektivität vergiftet. Es ist viel zu unserer Verbesserung zu tun, also packen wir's an!

2.1., 15 Uhr: Hauptviertelfinale und Englisch-als-Zweitsprache-Halbfinale zum Thema, ob der Internationale Strafgerichtshof Verbrechen gegen den demokratischen Prozeß verfolgen sollte, wir unterstützen das letzte verbleibende deutsche Team aus Berlin, und ich mache mir nach fünf Minuten ein paar Gedanken über das deutsche im Vergleich zum internationalen Debattieren.

2.1., 12 Uhr: Wir ziehen endlich wieder Ausschlafen dem Achtelfinale darüber, ob zur Bekämpfung der Taliban in Afghanistan lokale Milizen eingesetzt werden sollen, vor, wachen aber trotzdem mit unseren seit Tagen schwelenden Erkältungen in voller Blüte auf, was sehr nervt. Mein Leid wird etwas gelindert, als mir ein Verkäufer in Cork ein weißes Einstecktuch schenkt. Vielleicht werde ich auch schon so wie Kinski und erschüttere die Menschen schon, wenn sie mich nur ansehen?

2.1., 1 Uhr: N. und ich machen uns einen nicht sehr originellen, aber lustigen Spaß daraus, wie es wäre, wenn unser Leben von rauhen Filmtrailersprechern begleitet würde: "One man, on a mission in a foreign land" - "Get on the boos!" usw. Leider führt das aufgrund einer seltenen meteorologischen Konstellation, bei der unsere Gedanken von der ionisierten Luft aufgenommen werden und so die Gehirnströme Dritter beeinflussen, dazu, daß mein Leben tatsächlich kurzzeitig zu einem Film wird und N. genau dann ins Hotelzimmer platzt, als ich, ähh, aktive Völkerverständigung betreibe, und nachdem ich das Mädchen verabschiedet habe und mich mit den Worten "One man, trying to have sex with his date" neben N. setze, der in der Lobby wartet, merke, daß ich viel zu laut gesprochen habe, und daß fünf Meter von uns entfernt die hübsche Australierin sitzt, die ich am ersten Debattentag kennengelernt hatte. Abspann! Abspann!!

1.1., 21 Uhr: Zur Party. Nochmal Labello nachziehen.

1.1., 15 Uhr: Partner N. macht sich nicht darüber lustig, daß mein Koffer zwar 27 Kilo wiegt, ich aber sowohl mein Kameradatenkabel als auch meine Einstecktücher für den Abschlußball vergessen habe, weswegen wir durch Kleidergeschäfte hetzen, leider vergeblich. Morgen wieder, denke ich zurück im Bus und danke ihm stumm für seine Fairness, während die Russin V. an meiner Schulter einschläft. Was kann ein Magnet dafür, wie sich seine Elektronen drehen?

1.1., 9 Uhr: Wir haben die Finalrunden leider nicht erreicht. Wie knapp, werden wir erst in ein paar Tagen wissen, wenn auch die Ergebnisse aus den Runden ohne Feedback veröffentlicht werden, die letzten zwei Debatten zu den Themen, ob Frauen weniger Einkommensteuer zahlen (dafür) und ob politische Meinungsumfragen verboten werden sollen (dagegen), waren in meinen Augen aber unsere am Besten und Schönsten argumentierten. So oder so bin ich hauptsächlich zum Dazulernen hergekommen, und um viel Spaß zu haben und die irische Insel zu sehen. All das erfüllt sich an diesem Morgen erneut, als ich im Bus auf dem Weg zum Killarney National Park eine pausenlos redende, unglaublich sympathisch quirlige Russin kennenlerne und dann vor der Schönheit des Parks fast erstarre. Ein Rotkehlchen hüpft um meine Beine, und ich kann es kaum erwarten, die atemberaubenden Fotos des moosbedeckten Eibenwaldes hochzuladen.

1.1., 2 Uhr: Immer noch Knutschen.

1.1., 0 Uhr: Das neue Jahr fängt mit Knutschen an. Sehr gut.