28.04.2009

vidi, lexi, critixi

What you lookin' at?

Manchmal denke ich, meine häufigen Kritikeinträge schaden mir und meinem Blog, weil ich, statt originales Material zu produzieren und meine Kreativität und Gedankenschärfe zu schulen, nur den Output von anderen wiederkäue, und weil meine Leser denken müssen, dass ich außer zweiter bis fünfter Hand nichts zu bieten habe, und dann können sie auch weiter die Amazon-Rezensionen von sexytrixi69 lesen.

Aber dann denke ich, gute Filme und Bücher müssen gelobt werden und schlechte verdammt, um das Wahre und das Schöne in der Welt zu fördern, und wie sollen die Leute angesichts der schieren Masse an Werken sonst, so sie denn in einer berechenbaren Beziehung zu meinem Geschmack und meinen Argumenten stehen, wissen, was sie unterstützen und was sie liegenlassen sollen? Umso mehr, wenn die Menschen mich gerade wegen meiner Kritiken lesen. Außerdem kann Kritik auch Zweck an sich sein und über die Referenz hinaus neue, eigene Gedanken entwickeln, die Wichtiges über die Welt und das Leben sagen. Und schließlich macht Kritik mir immer noch jede Menge Freude.

Soviel als Kurzfassung meiner Theorie der Kritik. Und nun zur Praxis.

"Quantum of Solace": Bond küsst das Girl nur auf den Mund? Leider Öko- und Emo-Schrott.

"Warten auf Angelina": Alles, und ich meine alles, was an deutschen Filmen schlecht ist, ist in diesem Panoptikum des Grauens zu bestaunen. Kostüme, die die Heilsarmee weggeworfen hat. Schauspieler, die die Luft nicht wert sind, die sie veratmen. Eine Kamera, die von einem blinden, betrunkenen Orang-Utan bedient wird. Ein Skript, in dem die Hauptfiguren buchstäblich auf ihren weißen Ärschen sitzen und darauf warten, dass der furchtbar, furchtbar unwitzige Plot zu ihnen kommt. Und der Höhepunkt mit "Angelina" ist lahmer als das Jahrestreffen der Kriegsversehrten der Ostfront e.V. Auf jeden Fall meiden!

"Inkheart": Nicht viel zu sagen, außer dass diese Fantasyverfilmung zwar komplett durchschnittlich ist, aber weil sie aus Hollywood kommt, trotzdem tausendmal unterhaltsamer als "Warten auf Angelina". Made in America, Baby!

"Burn after Reading": Leute, die nicht wissen, was Liebe ist, jagen ihr hinterher. Unglück folgt. Nicht sehr toll.

"Twilight": EEEEEEKKKKK!! EDWAAAARD!!!! ICH WILL EINE ABTREIBUNG VON DIR!!!!!1 Aber der Film ist tatsächlich gar nicht schlecht. Kristen Stewart und Cedric Diggory spielen zart und natürlich, und die Reinterpretation des Vampirismus ist originell genug, um ein Gefühl guter Unterhaltung zu hinterlassen, auch wenn Edward Cullen später zum Muster eines abusive boyfriend mutieren soll. Aber er ist doch so süß ...

"Sieben Tage Sonntag": Die wahre Geschichte zweier Jugendlicher, die in der menschenleeren Ödnis einer fernen dystopischen Zukunft Leipzig ohne Motiv brutalstmöglich Rentner schlachten. Es mag wie eine mutige Idee des Regisseurs scheinen, sich jedem Erklärungsversuch zu verweigern, weil es eh keine Antwort gäbe yaddayaddayadda, aber im Ergebnis wirkt es nur wie feiges Schwanzeinklemmen und Betrug am Zuschauer. Wenn ich die Fakten ohne Interpretation haben will, lese ich den dpa-Ticker, in einem Film möchte ich eine Aussage sehen (und Brüste).

"Yes Man": Wie bei Adam Sandler gehe ich auch bei Jim Carrey in fast jeden neuen Film und vergesse dabei immer, dass die tatsächlichen Geschichten nie so gut sind wie ihre originellen Prämissen. So ist auch diese Story über einen Mann, der nur noch Ja sagt, eigentlich eine biedere Schmonzette. Und neben der Starpower selbst eines alternden Jim Carrey braucht es mehr Ausstrahlung als die der zwar niedlichen, aber auch ziemlich blassen Zooey Deschanel.

"He's just not that into you": Okay, dieser Film hat ein paar gute Ansätze. Obwohl es der gewohnt hölzerne und charismalose Ben Affleck ist, ist seine stockende Erklärung, warum er Jennifer Aniston nicht heiraten möchte, weil er sie nämlich auch ohne Ring und Siegel liebt, für Hollywoodverhältnisse fast schon revolutionär zu nennen. Sexy kid Scarlett Johansson macht mit dem aufstrebenden Bradley Cooper einen ziemlich guten Job. Und wer Drew Barrymore nicht liebt, hat kein Herz, wer härter als Harald Juhnke saufen, mehr Drogen als River Phoenix nehmen und danach immer noch so gut aussehen und das Leben lieben kann, kann nur ein großes Vorbild sein.

Bist Du auch so strunzedoof wie ich?

Aber dieser von ihr produzierte Film ist schrecklich frauenfeindlich.

Jennifer Aniston ist so verfangen im Traum, einmal eine Braut zu sein, und von den Sticheleien ihrer sogenannten Freundinnen so betroffen, dass sie Schluss macht mit Affleck, der sie wirklich liebt, so sehr, dass er am Ende sogar seine Überzeugungen opfert und ihr einen Antrag macht, um sie glücklich zu machen. Jennifer Connelly ist eine erstickende Mikromanagerin, die selbst die mehrfache absolute Arschlochhaftigkeit ihres Ehemanns verzeihlich erscheinen lässt. Scarlett Johansson ist eine labile Männerfresserin. Und die Hauptdarstellerin Ginnifer Goodwin ist so unsicher und hyperaktiv, dass man ihr gleichzeitig Valium und Kokain geben will.

Kann es in diesen Filmen keine coolen Frauen geben? Frauen mit Eiern? Die darauf scheißen, was ihre Freundinnen sticheln? Die Arschlöcher in den Wind schießen und in den Sack treten? Die autochthones Selbstbewusstsein haben und eigene Ideen, wie sie flirten und daten wollen, und es nicht von Daddy gesagt bekommen müssen? Kurz, Lizzy Bennets und nicht Blanche DuBois'? You know, nicht nur, weil es weit mehr Freude macht, Ersteren zuzusehen als Letzteren, sondern auch wegen Vorbilder geben, Leben in die Hand nehmen usw. Und wegen der Sexiness.

"Watchmen": Eine fast perfekte Verfilmung, und dafür ist tatsächlich der blaue Penis von Dr. Manhattan ein Indiz. Leider deswegen ein Flop. Also wegen der Perfektion.

"The Reader": Sex, Nazis und Kate Winslet - klingt wie ein Film für mich! Leider spielt meine immer noch liebste Schauspielerin die tumbe und plumpe ehemalige Auschwitz-Aufseherin Hanna Schmitz so gut, und die Liebesszenen mit dem begabten David Kross sind so naturalistisch, dass gar keine rechte Sexiness aufkommen mag. Vielleicht hat die L-förmige Bettdecke doch was für sich ...

Auch die Story von Bernhard Schlinks Bestseller hinterlässt keinen besonders guten Eindruck: Diese deutsche Auseinandersetzung mit dem Holocaust fühlt sich durchweg glatt an, glitschig und verlogen, ja geradezu falsch. Deutsche lesen deutsche Bücher, Deutsche halten deutsche Vorlesungen, und es hilft nicht, dass Bruno Ganz den Professor spielt, Deutsche sprechen deutsches Recht, und endlich liest ein Deutscher vor, wie der Holocaust zu verstehen ist, nämlich dass er nicht zu verstehen ist.

Klingt wie Exkulpation für mich.

Zwar raffinierte, mehrbödige und mehrfach selbstreflektierte Exkulpation, wie sie einem deutschen Juristen ansteht, aber letztlich doch keine andere Exkulpation als die des freiwillig glatzköpfigen abgebrochenen Grundschülers in Nordbrandenburg. Und warum soll man sich das dann ansehen, selbst wenn Ralph Fiennes und auch Lena Olin in einem leider viel zu kurzen Auftritt einen guten Job machen?

"Monsters vs. Aliens": Witzig, rasant, menschlich, vergesslich.

"C'era una volta il West": Ich hatte den echt bis Ostern noch nie gesehen! Und was habe ich verpasst!! Best. Movie. Ever? Ich will auch so ein Gesicht wie Charles Bronson, oder doch lieber wie Claudia Cardinale.

You lookin' at me, aren't you?

"Schuld und Sühne": Ah, ich möchte mein Leben lang nur russische Klassiker lesen, und dafür braucht man vielleicht auch das ganze Leben. Herzzerreißend, atemberaubend, reich und wahr, wahr, wahr.

"Dreams from My Father": Ein interessanter, manchmal fast lyrischer Einblick in das frühe Leben und die Gedanken des 44. US-Präsidenten Barack Hussein Obama, yaaaay!, der sich jedoch in der Mitte etwas zieht.

"The Film Club": Ein Vater lässt seinen Sohn die ungeliebte Schule abbrechen und bis fünf Uhr nachmittags schlafen, wenn er dafür jede Woche mit ihm drei Filme schaut, nach einer wahren Geschichte - klingt wie ein Buch für mich! Leider ist der Papa zwar ein guter und lehrreicher Filmkenner, aber auch ein eigenartig aufgeblasener, haarsträubend schlechter Lebensratgeber, und sein Sohn ist ein eifersüchtiger, mimosenhafter Taugenichts, dem man irgendwann nur noch die Crackpfeife aus der Hand schlagen und ihn ins Arbeitslager deportieren will, und das mir, dem Crackjunkie von Cannstatt! Sowas, sowas ...

Why yes Sir, I am!

31.03.2009

Moar Links

Is Jon Stewart the Most Trusted Man in America? Na warum nicht, er ist ja auch der letzte Journalist in Amerika. Und ein mensch. Dass seine reine Existenz in diesem Land nicht möglich wäre, geschweige denn, dass man ihn je ins Fernsehen lassen würde, brauche ich nicht zu erwähnen. Amerika, du hast es besser!

Warum Leute (US)-Republikaner wählen. Kann man wohl nichts machen. Oder doch?

Imagine proposing to build Vegas in a place where sex and drugs and rock and roll are an anathema. Ich hasse Dubai auch.

The Secret Diary of Cameron Baum, a Terminator. Sehr genießbare "Sarah Connor Chronicles"-Fanfiction. Die Serie selbst ist letzthin auch ganz groß, hoffentlich gibt man ihr eine verdiente dritte Staffel.

Für ein Experiment lässt sich Familie Mantel ihre fünf Fernseher wegnehmen. Danach Warten auf den Tod.

Jürgen Habermas ist auch mit fast 80 noch geistig frisch und perzeptiv wie ein aufstrebender Jungwissenschaftler. Ich möchte sein Gehirn haben. Braaaiiiinns!

Yay for science!

Und zuletzt: Wie man mit Kreationisten umgeht. Never gets old.

12.03.2009

All you need

Oh, hey, mein Schweinehund? Stellt Euch den Balrog aus "The Lord of the Rings" vor, Durin's Bane. Krallen, Flügel (?), eine vielzüngige Flammenpeitsche, fünftausend Jahre Hass.

Mein Schweinehund benutzt den Balrog von Moria als Zahnstocher.

Die gute Nachricht: Ich bin wenn nicht Gandalf, so doch Radagast, Freund der Tiere und zäh. Und so geht es Tag für Tag Richtung Diplom, weswegen ich zwar weder viel erlebe noch Zeit zum ausführlicheren Bloggen habe, aber Stunde für Stunde und Hieb für Hieb nehme ich dem Monster einen brennenden Zahnstocher nach dem anderen, bis es bald und endlich vor kariösen Schmerzen tot zusammenbrechen wird. Always brush your teeth, kids!

Es braucht also außergewöhnliche Ereignisse, um mich zu einem aktuellen Eintrag anzuregen.

This qualifies.

Fuck, Winnenden ist hübsch. Die Altstadt ist niedlich und der Weihnachtsmarkt schön, hausgemachte Kartoffelchips for the win! Das ist nur 20 Kilometer von hier ...

Aber abgesehen von der Nähe, abgesehen vom Neuigkeitswert an sich, abgesehen vom Mitgefühl mit den Opfern und ihren Angehörigen, was ist außergewöhnlich? "Er war ein ganz unauffälliger Junge, bis er mir mit seiner Beretta in den Kopf geschossen hat" - geschenkt. "Er war ein introvertierter Loser ohne Freunde, nur seine Katze hat er geliebt" - you don't say. "'Counter-Strike' und 'Crysis' haben ihn zum Mörder gemacht (wählt mich)" - okaay. "Dass binnen 5 Minuten 30.000 Polizisten vor Ort waren, gibt mir eine steinharte Erektion" (Günther B.) - ähh?

Nein, das Außergewöhnliche ist, dass nichts an diesem Amoklauf außergewöhnlich ist. Die üblichen Verdächtigen sondern ihre üblichen hilflosen, widerlich opportunistischen Sprechblasen ab. Die Sicherheitstheaterindustrie kriegt feuchte Höschen. Und die Winnender weinen, suchen Erklärungen, fragen Warum.

Same ol', same ol'.

Warum?

Weil.

Weil.

Und weil.

It's easy.

05.02.2009

Bald vier Jahre Soapbox

An Sankt Valentin, denn Baby, I'm a lover, not a fighter, ist es wieder soweit. Ich habe mittlerweile nur noch vier unveröffentlichte Artikel in meinem Tresor, zwei fast fertige für sich stehende und zwei Teile von älteren, schandhaft vernachlässigten Serien. Dazu Pläne für zwei, drei weitere größere Geschichten, einige Foto- und Linkposts und vielleicht noch manches Schönes von meiner Festplatte und aus meinen früheren Äußerungen im Internet. Außerdem muss ich überlegen, was ich mit den vielen Artikelfragmenten bzw. -findlingen machen will, die zwar zu gut geschrieben und interessant sind, um sie wegzuschmeißen, aber entweder doch zu Privates berühren oder meine Meinung und meinen Lebensstand nicht mehr widerspiegeln. Und die Labels sollte ich vielleicht auch mal für den Zeitraum nach April 2005 ergänzen, hust.

Bei meinem Veröffentlichungstempo sollte ich also bis zum Fünfjährigen alles gesagt haben, was ich für den Anfang sagen wollte, in aller Kürze sozusagen.

Und dann?

Was wollt Ihr, liebe Leser, in Zukunft lesen?

Worüber soll ich, der nichtswürdige Autor, schreiben?

Was beliebt Euch zu belieben?

Ich freue mich auf viel Feedback in den Kommentaren!

29.01.2009

Unberührt

Hemm ... hehh ... ähh ... uhh ...

Ach was soll's, here goes: Ich habe Jesus verpfiffen. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass es wirklich Zeitmaschinen- zur falschen Zeit am falschen Ort- unglücklicher Gleichklang deutscher und althebräischer Wörter- es tut mir so, so-

Wie? Es ging gar nicht-? Ach so, eigentlich wollte ich hier sagen, dass ich erst mit über 21 zum ersten Mal Sex hatte. Weit drüber. Weeeit.

So. Und es gibt mindestens ein gutes Buch, einen kurzen und einen längeren informativen Fernsehbericht und sogar eine nette Filmkomödie zum Thema, die ich als Einstiege jedem Interessierten empfehle, weil sie schon sehr vieles ansprechen, das aber durchaus auch meiner Wiederholung wert ist.

Eines der ersten und wichtigsten Probleme eines sex- oder beziehungslosen Menschen ist die vergebliche, zunehmend obsessive Suche nach einem goldenen Schlüssel zum bevorzugten Geschlecht, den man aufgrund seiner Nichtexistenz aber nie finden kann. Ob Aussehen, Geld, Bildung, Witz, Eltern oder zwanghaftes Kätzchenertränken, stets wird man zahllose Gegenbeispiele finden, die trotz ihrer inneren wie äußeren Quasimodohaftigkeit von einem Bett ins nächste zu stolpern scheinen, von erfolgreich charmanten Normalverbrauchern nicht zu reden. Wenn aber jeder Serienmörder Körbe voller Liebesbriefe in den Todestrakt erhält, was sagt es dann über die nichthomizidale Jungfrau, wenn sie nicht einmal die kränksten Helfersyndrom-Krankenschwestern für sich gewinnen kann, oder anders, was stimmt mit mir nicht, wenn mich keine(r) will? Stark ist der Held, der bei diesem Sein sein Selbstbewusstsein bewahrt.

Dabei ist gerade Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit, Selbstliebe jener goldene Schlüssel, allerdings nicht zu anderen, sondern zum eigenen Leben. Wer möchte nicht lieber Kirsche auf einer leckeren, glänzenden Torte sein, als erst einen traurigen Haufen Mehl und zwei schlaffe Eier mühsam aufbacken zu müssen? Allein, wie zur Torte werden ohne, und wenn wir schon mit dieser Metapher in alle Richtungen zerlaufen, haha, Treibmittel?

Denn zu den beharrlich nagenden Selbstzweifeln kommt im sozialen Leben, in den Unterhaltungen über Liebe, Sex und Zärtlichkeit, in denen man nicht mitreden kann, und in den Fickificki-Medien der normative Aspekt, die stumme, drückende Erwartung, dass man bis zu jenem und diesem Alter dieses und jenes erlebt haben sollte, anderenfalls stimmt mit einem etwas nicht. Dennoch reagieren die meisten Menschen nach meiner Erfahrung offen und verstehend, wenn man mit ihnen über seine Unberührtheit spricht. Wie aber zu dieser sehr erleichternden Erkenntnis gelangen, wenn man durch langes Schweigen überzeugter und überzeugter geworden ist, dass man ausgelacht und mit faulem Gemüse beworfen wird, weil man es für eine tiefe Schande hält, noch nie mit jemand anderem geschlafen zu haben? Erneut, stark ist der Held, der den Mut hat, sein Sein für die Augen der Welt zu öffnen.

Dabei stehen hinter diesen Augen öfter warme Herzen, als man meinen mag. Und wer trotzdem lacht, darf getrost auf den Müllhaufen falscher Freunde verbannt werden. Allein, wie sich, um erstmal dahin zu kommen, am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Angst ziehen?

Denn vielleicht auch nur gefühlte externe Normativität und internes Minderwertigkeitsdenken machen nicht stärker, nicht heldenhafter, nicht treibender, nicht offener, sondern alle Gegenteile. Man nähert sich nicht anderen, sondern entfernt sich, und erfüllt so oft erst die selbstvergiftende Vermutung, ein unverstandener Kauz zu sein. Man entfernt sich bis in die immer artifizieller werdende Sprache hinein von sich selbst, bis man zu einem scheinbar unbeteiligten, verkrampften Beobachter seines eigenen Lebens wird. Man spricht in der Erwartung, erfolglos zu sein, niemanden mehr an, und erfüllt die Erwartung so, zunehmend und zunehmend obsessiv. Und endlich, wie Springerstiefel, die nach Liebe, wie 9/11-Verschwörer, die nach Hirn schreien, projiziert man seine empfundene Unzulänglichkeit in gedrehter Münze auf das Andere, das Unbekannte, das Begehrte. Ich bin dumm, faul und hasse mich selbst, also muss Döner-Alis Familie dran glauben. Ich habe einen wirklich, wirklich winzigen Mikropenis, also hat der Jud' die Türme gesprengt. Und ich fühle mich einsam und wertlos, also sollen diese Schlampen, diese Göttinnen vor mir gefälligst auf die Knie fallen. Aus diesem selbstverstärkenden Teufelskreis auszusteigen geht nur, wenn man aus ihm aussteigt.

Dabei ist das nicht so schwer, wie es klingen mag. Medien wie die oben verlinkten und vielleicht auch dieser Eintrag zeigen, dass man in seinem Sein nicht allein ist, es Hoffnung und Hilfe gibt. Es gibt geflügelte Engel, wie ich selbst weiß, und verdammt sexy Engel dazu. Und auch der kleinste Schritt, die kleinste Öffnung im Kreise der Vertrauten ist ein guter Anfang, um schnell laufen zu lernen.

Und mit jedem Schritt Freiheit zu gewinnen.

Und Leben.

Nur Mut!

Andreas' Baader

Vor fünfeinhalb Jahren habe ich den "Großen Deutschen RAF-Film™" gefordert. Ich träumte von einem gewaltigen Epos, das von Strömen von Blut umflossen wird wie die Île de la Cité von der Seine, von hellem Blut aus Benno Ohnesorgs Hinterkopf zu den Klängen der "Zauberflöte", die der Schah von Persien in jenem Moment hörte, bis zu dunklem Blut aus Hanns Martin Schleyers Kopf im stillen Wald. Ich träumte von Ulrike Meinhofs Fenstersprung in Zeitlupe und flitzenden Kugeln in der "Landshut", D-ABCE. Ich träumte, dass bis in die kleinste Rolle die besten Schauspieler aufgeboten würden, die Deutschland zu bieten hat. Ich träumte, also, von einem großen, großen Film.

There are two tragedies in life. One is not to get your heart's desire. The other is to get it.

Die Details in "Der Baader Meinhof Komplex" sind von einer sehr erschreckenden, sehr zufriedenstellenden Pedanterie. Vom weiterrollenden Wagen Siegfried Bubacks über den Einschuss unter Petra Schelms linkem Auge und den Originaldreh im siebten Stock von Stammheim bis zum vollen 70er-Jahre-Schamhaar sitzt alles, und man möchte vor den autistischen Geschichtsnerds in der Ausstattungsabteilung ehrfürchtig in die Knie sinken. Weich werden selbige, wabbelnd sind die Überleitungen wie John McCains Beine, durch Johanna Wokaleks intensive, aufregende Darstellung von Gudrun Ensslin, hinter der sich aber auch Martina Gedeck als Ulrike Marie Meinhof und Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt nicht verstecken müssen, und auch Vinzenz Kiefer als hübschere Version von Peter-Jürgen Boock und Bruno Ganz als Horst Herold machen ihre Arbeit gut, auch wenn ich bei Letzterem nun für immer den Führer höre, wenn er spricht. Moritz Bleibtreu dagegen scheint hauptsächlich das zu spielen, was er immer spielt, einen sympathischen Kleinkriminellen also, weswegen ihm Baaders Lieblingswort von den "Fotzen" nicht allzu überzeugend über die Zunge rollt, aber man zieht in den Krieg mit der Armee, die man hat usw. In den Nebenrollen schließlich kann man von Tom Schilling über Hannah Herzsprung bis Sandra Borgmann ununterbrochen Schauspielerraten spielen, und in zweieinhalb kurzweiligen Stunden wird der Bogen tatsächlich von schießenden Polizisten in Berlin zu schießenden Terroristen im stillen Wald gezogen, und kein Ereignis bleibt außen vor.

Ist dieser unglaublich aufwendige "Baader Meinhof Komplex" nun aber ein guter Film?

Nein.

Und der Grund dafür ist, dass dieser Film naive Malerei ist, ein röhrender Hirsch des Kinos. Mag er einen auch so realistisch von seiner Lichtung anschauen, dass man sein Röhren fast zu hören scheint, so hat er doch keine Aussage außer der tatsächlichen, keine Tiefe außer der der Leinwand, keine Reflexion und keinen Horizont. Es ist eins, die Geschichte getreu wiederzugeben, ein anderes aber, ihr Bedeutung zu verleihen; dazu muss man die gesicherten Pfade verlassen, um zu interpretieren, zu kontrastieren, zu imaginieren und endlich zu fantasieren, Qualitäten, die den produzierenden Geschichtsbuchhaltern schmerzlich abzugehen scheinen. Wieso gibt es, zum Beispiel, keine Gegenüberstellung der tatsächlichen, lächerlichen Kleinkriminalität Baaders mit der völlig überzogenen, Wolfgang Schäuble bis heute nächtlich feuchte Träume bescherenden Reaktion des deutschen Sicherheitsapparates, die RAF knackt einen Zigarettenautomaten, und vier Stunden später knattern Hubschauber und rollen Panzer durch einen Kreis mit 50 Kilometern Radius, in dessen Mitte drei Schachteln Marlboro von 2000 Polizisten mit entsicherten Maschinenpistolen bewacht werden? Warum keinen Vergleich der drogenbenebelten Mordträume der zweiten Generation mit den drogenbenebelten Exekutionsträumen Franz Josef Strauß'? Kein Verweilen der Kamera mit Ulrike Meinhof in der Einzelhaft, bis selbst die Zuschauer Klaustrophobie empfinden? Keine stilisierte Zeitlupe einer Schießerei im Vordergrund, während im Hintergrund eine schwäbische Hausfrau die Kehrwoche macht, oder irgendetwas, das gezeigt hätte, wie lächerlich die Idee einer Guerilla in Deutschland ist, f'ing Deutschland, wo Revolutionen hingehen, um zu sterben? Selbst die Gespräche zwischen Schleyer und seinen Entführern hätten wie im viel schöneren "Die fetten Jahre sind vorbei" schon einiges zur Bereicherung dieses flachen Baader-Meinhof-Tableaus getan, mussten aber, weil für einen eigentlich notwendigen Mehrteiler offenbar die Eier gefehlt haben, wohl weggelassen werden, von der noch viel notwendigeren echten Auseinandersetzung mit diesem Teil unserer Geschichte ganz zu schweigen.

Verpasst ist diese Gelegenheit.

Verpatzt ist dieser Film.

Zerstoben mein Traum.

Sehr schade.

11.01.2009

Das literarische Quartett

"Ein grräßliches, ein ganz und gar fürrchterliches Buch, diese 'Feuchtgebiete'", sagt der Mann auf dem überbordenden Rokoko-Canapé mit dramatischer Geste und einer unglaublich feuchten Aussprache. "Was hat sich diese Charlotte Rrotz oder Rröche oder wie sie heißt nur dabei gedacht? Ich verrstehe ja den Impuls, gegen den Hygiene- und Enthaarungswahn anschreiben zu wollen, dass ein neunjähriges Mädchen mit Alopezie und ohne Schweißdrüsen das erotische Ideal sein soll, kann nicht gesund sein, aberr so kann man das Thema doch nicht behandeln! 'Feuchtgebiete' ist nicht clever, nicht gut geschrieben, hat keine Charaktere, keine Handlung und noch nicht mal einen richtigen Ort. Dem Buch geht jede Dimension geteilter Menschlichkeit ab, und im Ergebnis führen die zahllosen Beschreibungen unappetitlicher Körperfunktionen und Sekrete, weil sie eben jedem humanen Zusammenhang enthoben sind, nicht zum Wunsch, sich alle Haare mal wieder so richtig lang wachsen zu lassen, sondern im Gegenteil dazu, sich täglich zehnmal mit Stahlwolle und Salzsäure abschrubben und mit einem Flammenwerfer epilieren zu wollen, um den unbeschreiblichen, geradezu höllenhaften Ekel loszuwerden, der einen bei der Lektüre befällt, selbst mich, derr ich weiß Gott genug Schlimmes auf dieser Erde gesehen habe! Das ohne Untertreibung schlechteste Buch, das ich je gelesen habe, und ich kann jetzt auch Charlotte Roche nie mehr ansehen, ohne mir zu denken, was um Gottes guten Willen in ihrem Kopf kaputt sein muss, dass sie so ein Werk verfaßt hat, und mehr noch, was mit diesem Deutschland kaputt sein muss, das einen solch kläglichen, widerlichen Erguss auf alle Titelseiten und Bestsellerlisten gehoben hat. Ach, ach, ach!"

"Da haben Sie ganz recht, Herr Lazar", antwortet Marcel Reich-Ranicki im Sessel zur Rechten, während er sich diskret ein wenig Spucke von der Backe wischt. "Aber haben Sie in letzter Zeit nicht auch bessere Werke gelesen?"

"Selbstverständlich, mein lieber Freund, auch wenn jede Speisekarte, ja jede Toilettenordnung mehr literarischen Wert besitzt als das eben erwähnte Buch", antworte ich. "Da war zum Beispiel das an dieser Stelle bereits erwähnte 'Ich brauche Liebe', die Autobiographie von Klaus Kinski. Und auch wenn mutmaßlich viel bis alles darin erfunden ist und die unzähligen sexuellen Eroberungen des Großschauspielers den Leser irgendwann ein wenig zu ermüden beginnen, ist es doch ein für die deutsche Sprache sehr leidenschaftliches, kraftvolles, vor Leben sprudelndes Werk, und man bekommt wirklich Lust, es Kinski nachzutun, weniger auf die Meinung der anderen zu geben, Filmbänder in Gold in die Tonne zu kloppen und Frauen zu lieben, egal wie alt sie sind, egal wie sie aussehen, wieviele Haare sie haben, schlicht dafür, dass sie Frauen sind, Menschen. Wahrhaftig, ich brauche Liebe, Sie brauchen sie, meine Freunde, jeder braucht sie!"

Eva Green im Sessel zur Linken errötet ein bisschen. Es steht ihr sehr gut. "Erzählen Sie mehr von der Liebe", flüstert sie fast in einem hinreißenden französischen Ton.

"Aber ja! Ich habe endlich auch 'The God of Small Things' gelesen", fahre ich fort, "und ich weiß nicht, wie ich dieses absolute Meisterwerk so lange verpassen konnte. Perfekte, golden glänzende Metaphern, vollkommene Sätze, wie hypersensorisch, unendlich horizonterweiternd, zum emotionalen Milliardär bereichernd, zutiefst berührend, Wort für Wort reine Wahrheit. Lesen, lieben, leben!"

"Das sind ja nun aber alles recht bekannte Bücher, Herr Lazar", sagt Barack Obama, der sich extra für die Sendung freigenommen hat und im dritten Sessel sitzt. Er spricht akzentfrei Deutsch. Wie alle anderen Sprachen. "Haben Sie nicht auch neuere Empfehlungen für uns?"

"Durchaus, mein Lieber, und die erste ist 'Nachtfische' von Rebecca Anna Fritzsche, ein kleiner Debütband mit fünf Erzählungen. Ich kenne die Autorin persönlich, und im Gegensatz zu vielen ihrer schreibenden Generationsgenossen, die mit oberflächlicher Wortpolitur langweilen, ohne je nach den Perlen des Lebens zu tauchen, vielleicht haben sie keine Eier oder Ovarien, erzählt sie lakonisch und präzise und genau beobachtend vom Unglück des Daseins, am Besten in der titelgebenden Geschichte über eine langsam und böse herankriechende Postpartumdepression. Ein bisschen vielleicht, wie Hemingway geschrieben hätte, wenn er eine junge Frau gewesen wäre. Ich freue mich schon auf ihren ersten Roman!"

Jetzt ist es an mir, ein wenig zu erröten.

"Äh, das letzte Buch für heute ist ein Sachbuch, und ich habe es von einer sehr, sehr lieben Freundin zum Geburtstag geschenkt bekommen. Es heißt 'Dr. Tatiana's Sex Advice to All Creation' und ist im Frage-und-Antwort-Stil wie bei Doktor Sommer geschrieben, aber für die gesamte Schöpfung. Und Gott, die Tiere und Pflanzen und Pilze treiben es vielleicht toll! Unendlich kreativ, grenzenlos varianten- und lehrreich und auch sehr witzig. Nach der Lektüre ist man ganz erfüllt von Ehrfurcht und Erstaunen vor der Natur und möchte selbst seinen Teil tun, ihr so oft und so lange wie möglich zu huldigen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Kraft und viel Liebe. Bis bald!"

07.01.2009

Cork, cont'd

7.1., 19 Uhr: TGV Paris-Stuttgart. Nicht nur, weil es draußen dunkel ist, reflektiere ich, was ich auf dieser Reise gefunden habe, und es ist nichts als eine einfache Wahl: Mehr schöne Länder, schöne Mädchen und schöne Kunst, am Ende das "Economist"-Titelblatt "Architect of world peace, Andreas C. Lazar PhD 1979 - 2100", oder die "Bild"-Schlagzeile "Penner erfriert mitten auf Schlossplatz, Juni 2010". Der Unterschied: Mein (nicht schlechter) Arsch bzw. ob ich mich auf ihn setze oder halt nicht. Ich denke kurz nach, stehe auf und schüttle ihn, einmal noch. 

7.1., 13 Uhr: Im Louvre. Ich glotze mir die Augen trocken und sehe doch nicht genug. 

6.1., 19 Uhr: Crêpes mit A. Süß. 

6.1., 15 Uhr: 108 Rue de Garches, Saint-Cloud. It began here. It ends here. 'Nuff said. 

6.1., 14 Uhr: Die Grande Arche verlängert, beendet und übertrifft die historische Achse vom Louvre über den Triumphbogen bis nach La Défense in beeindruckend monumentalpathetischer und ein wenig einschüchternder Weise. So sind die Franzosen halt. 

6.1., 12 Uhr: Es war bitterkalt, aber ich bin gestern trotzdem drei Stunden durch Paris gelaufen, weil es so viel zu sehen gab, vom Quartier Latin, in dem mein Hostel liegt, über das Panthéon zu Notre Dame, den sehr beeindruckenden Louvre, it's good to be the king, durch die halben Tuilerien, über die Champs-Élysées, vom Triumphbogen zum Alma-Tunnel, wo ein gar nicht unwitziger Schelm ans inoffizielle Prinzessin-Di-Denkmal "Inoubliable Ottmar Hitzfeld" geschrieben hat, und schließlich zur ultimativen wahr gewordenen Steampunkfantasie, dem Eiffelturm. Heute La Défense, meine alte Heimat Saint-Cloud, und wenn die Zeit reicht, auch Versailles. 

5.1., 18 Uhr: Paris. Es schneit. Erstmal nur 30 Minuten Internet, bevor ich in die Stadt aufbreche. Ich versuche trotzdem, wenigstens stichwortartig so viel von den letzten drei Tagen nachzutragen wie möglich, auch wenn meine Tastaturhand wie abgestorben und ganz schwarz geworden ist, seit ich meinen Koffer in die Mansarde meines Hostels tragen musste, über eine Treppe, auf der nur allein von Zigaretten und Kokain lebende französische Models elegant navigieren können. Vielleicht werde ich hier ja eins treffen? Wenn nicht, kann ich in den nächsten Tagen wenigstens mein Blog ergänzen ... 

4.1., 12 Uhr: Die WM ist aus. Es kommt uns viel billiger, noch eine Nacht in Irland zu bleiben und den Montagsflug zu nehmen statt den von heute, also downgraden wir in ein sehr preiswertes, aber trotzdem komfortables Hostel und besuchen immer noch erkältet, aber bei herrlich mildem und sonnigem Wetter das Küstendorf Kinsale mit seinen alten Forts und einer neuen Marina. Am Abend Fish and Chips und Bier. Es hat unsere ganze Zeit hier nicht einmal geregnet. 

3.1., 23 Uhr: Ich kannte das Pausenprogramm Anúna gar nicht, aber die sind ja klasse! Desgleichen die nachfolgenden irischen Steptänzer. Nach den Danksagungen und der Preisverleihung (and the winner is ... Oxford A) geht's zum Ball mit leidlichem Essen, schönen Gesprächen und wunderbarem Tanz. Lasst die WM ewig dauern! 

3.1., 16 Uhr: Das Thema des großen Finales ist Abtreibung? Really? Die Teams aus Monash, Harvard und zweimal Oxford machen einen unterschiedlich guten, aber insgesamt beeindruckenden Job. 

3.1., 9 Uhr: Der irische Supervirus, der bereits die Hälfte des Feldes dahingerafft hat, hat auch uns so fest im Griff, dass wir nicht aus dem Bett kommen und sowohl das Halbfinale darüber, ob Regierungen Häuslebauer subventionieren sollten, als auch das Englisch-als-Zweitsprache-Finale mit den Berlinern zum Thema, ob es eine Quote für einheimische Fußballspieler geben sollte, leider verpassen. Ich glaube, meine Haare kriegen einen rötlichen Stich. 

2.1., 23 Uhr: Irische Party. Paracetamol + Alkohol = nicht gut. 

2.1., 17 Uhr: Noch keine Todesdrohungen von deutschen Debattierern. 

2.1., 15:05 Uhr: Bei der diesjährigen Deutschen Debattiermeisterschaft in Berlin hatte auch ein Team aus dem englischsprachigen Club in Köln teilgenommen, der sonst nur auf internationale Turniere fährt. Und während das tatsächlich aus einem Bruder und einer Schwester bestehende Team rhetorisch zwar talentiert, aber nicht brillant war und normal, aber nicht fantastisch gebildet, hat es mit Leichtigkeit das Halbfinale erreicht und hätte in meinen Augen auch im Finale sprechen sollen. Allein der Geschwister solide Analyse, klare Logik und effektive Widerlegung auf gutem Niveau war genug, fast ganz Debattierdeutschland aus dem Feld zu schlagen, in dessen Finalrunden sich sonst sehr oft die gleichen Gesichter tummeln. Ein Zeichen, dass unser Ausbildungsniveau nicht hoch genug ist, um Talentunterschiede zu nivellieren, auch eins, dass wir mehr Kontakt zur internationalen Elite brauchen, und vielleicht auch eins, dass eine zu kleine Szene die wenige mögliche Objektivität vergiftet. Es ist viel zu unserer Verbesserung zu tun, also packen wir's an! 

2.1., 15 Uhr: Hauptviertelfinale und Englisch-als-Zweitsprache-Halbfinale zum Thema, ob der Internationale Strafgerichtshof Verbrechen gegen den demokratischen Prozess verfolgen sollte, wir unterstützen das letzte verbleibende deutsche Team aus Berlin, und ich mache mir nach fünf Minuten ein paar Gedanken über das deutsche im Vergleich zum internationalen Debattieren.

2.1., 12 Uhr: Wir ziehen endlich wieder Ausschlafen dem Achtelfinale darüber, ob zur Bekämpfung der Taliban in Afghanistan lokale Milizen eingesetzt werden sollen, vor, wachen aber trotzdem mit unseren seit Tagen schwelenden Erkältungen in voller Blüte auf, was sehr nervt. Mein Leid wird etwas gelindert, als mir ein Verkäufer in Cork ein weißes Einstecktuch schenkt. Vielleicht werde ich auch schon so wie Kinski und erschüttere die Menschen schon, wenn sie mich nur ansehen?

2.1., 1 Uhr: N. und ich machen uns einen nicht sehr originellen, aber lustigen Spaß daraus, wie es wäre, wenn unser Leben von rauhen Filmtrailersprechern begleitet würde: "One man, on a mission in a foreign land" - "Get on the boos!" usw. Leider führt das aufgrund einer seltenen meteorologischen Konstellation, bei der unsere Gedanken von der ionisierten Luft aufgenommen werden und so die Gehirnströme Dritter beeinflussen, dazu, dass mein Leben tatsächlich kurzzeitig zu einem Film wird und N. genau dann ins Hotelzimmer platzt, als ich, ähh, aktive Völkerverständigung betreibe, und nachdem ich das Mädchen verabschiedet habe und mich mit den Worten "One man, trying to have sex with his date" neben N. setze, der in der Lobby wartet, merke, dass ich viel zu laut gesprochen habe, und dass fünf Meter von uns entfernt die hübsche Australierin sitzt, die ich am ersten Debattentag kennengelernt hatte. Abspann! Abspann!! 

1.1., 21 Uhr: Zur Party. Nochmal Labello nachziehen.

1.1., 15 Uhr: Partner N. macht sich nicht darüber lustig, dass mein Koffer zwar 27 Kilo wiegt, ich aber sowohl mein Kameradatenkabel als auch meine Einstecktücher für den Abschlussball vergessen habe, weswegen wir durch Kleidergeschäfte hetzen, leider vergeblich. Morgen wieder, denke ich zurück im Bus und danke ihm stumm für seine Fairness, während die Russin V. an meiner Schulter einschläft. Was kann ein Magnet dafür, wie sich seine Elektronen drehen?

1.1., 9 Uhr: Wir haben die Finalrunden leider nicht erreicht. Wie knapp, werden wir erst in ein paar Tagen wissen, wenn auch die Ergebnisse aus den Runden ohne Feedback veröffentlicht werden, die letzten zwei Debatten zu den Themen, ob Frauen weniger Einkommensteuer zahlen (dafür) und ob politische Meinungsumfragen verboten werden sollen (dagegen), waren in meinen Augen aber unsere am Besten und Schönsten argumentierten. So oder so bin ich hauptsächlich zum Dazulernen hergekommen, und um viel Spaß zu haben und die irische Insel zu sehen. All das erfüllt sich an diesem Morgen erneut, als ich im Bus auf dem Weg zum Killarney National Park eine pausenlos redende, unglaublich sympathisch quirlige Russin kennenlerne und dann vor der Schönheit des Parks fast erstarre. Ein Rotkehlchen hüpft um meine Beine, und ich kann es kaum erwarten, die atemberaubenden Fotos des moosbedeckten Eibenwaldes hochzuladen. 

1.1., 2 Uhr: Immer noch Knutschen.

1.1., 0 Uhr: Das neue Jahr fängt mit Knutschen an. Sehr gut.