29.11.2008

Nerve Oscar Reif

Im in hundert Stimmen und tausend Farben immerwährend pulsierenden Dschungel meines Lebens hat sich mittlerweile auch die vierte Strafexpedition zum Erlegen meines Schweinehundes seit Tagen nicht mehr gemeldet, obwohl alle Munition jetzt abgereichertes Uran enthält, selbst die in den Abrams, und ich gestern den ganzen Tag die Kanonen der "Bismarck" vor der Küste gehört habe.

He, wenn das Monster Flügel hat wie Ancalagon the Black, Klauen wie Wolverine und die Kräfte von Magneto und Professor Xavier, darf ich mir wenigstens meine Lieblingsbewaffnung aller Epochen erträumen! Jedenfalls wird es hier deswegen bis auf Weiteres nur selten Neues geben, aber einen kurzen aktuellen Kommentar kann ich mir doch nicht verkneifen:

Hähä. Hähähä. Muhahaha. Hohohahahehehuhuhihihii.

Verwunderlich übrigens, aber dann doch auch wieder nicht, mit welch feinen Samthandschuhen die sonst so freudig mit beiden Händen in jeder Kloake wühlende "Bild" diese Trennung und Ferner CIA-Servo (I'm glad we have someone who can join us in our anagram game) anfasst, ganz im Gegensatz zu diesem mutigen und sehr freundlich verlinkenden Journalisten, der sich wohl bald auf eine böse anwaltliche Bescherung freuen darf. Mich hat es gefreut, dass She-Who-Must-Not-Be-Named nach Reich-Ranickis "Wut-Rede" bei der 10. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises, zu der ich nichts hinzufügen werde, schließlich sage ich dasselbe, und mit bedeutend weniger Menschen-, insbesondere Fernsehschaffendenliebe schon seit über dreieinhalb Jahren, folgendes zu Protokoll gegeben hat:

Ich schätze ihn als sehr kritischen Zeitgenossen, der heute Abend aber Menschen verletzt hat, ohne es zu wollen.

Denn, Übersetzung: Er hat mich verletzt, mich, Veronica Viktualia Divi Filia Agamemnon Ferres, PhD.

Also, Transfer: Meine einstige Ferndiagnose, dass ICH MEINE, DASS Ferres wenig Selbstschutz hat? Goldrichtig, jetzt und immerdar.

Ergo, Ergebnis: Freudiges Lachen.

Und nun zurück in den Dschungel. Mit meiner alten Remington.

31.10.2008

Under Construction

Ich beim Arbeiten

(Symbolfoto) Happy Halloween! Hier wird gerade an einem überfälligen Uniabschluss gebaut, weswegen Ihre Blogzufuhr in nächster Zeit leider nur unregelmäßig erfolgen kann. Wir bitten um Verständnis.

18.09.2008

Amerika

Es ist sehr, sehr, sehr, sehr selten, dass Franz Josef Wagner, der Zwei-Minuten-Hass aus der "Bild", und ich übereinstimmen.

Aber hier hat er völlig recht.

Ich sage erneut ohne Bescheidenheit, aber auch ohne Anmaßung, dass ich wahrscheinlich besser als neun von zehn Amerikanern und sicher besser als 99 von 100 Europäern über den US-Präsidentschaftswahlkampf Bescheid weiß, das war schon vor vier Jahren so und wird auch in vier Jahren wieder so sein, andere vergleichen die Torquote brasilianischer Mittelstürmer unter Berücksichtigung der Windgeschwindigkeit, der Lebensfreude der Kuh, aus deren Haut der Ball gemacht wurde, und ob der Stürmer zuvor passiven Sex hatte oder aktiven, ich kriege eben einen Herzinfarkt über jeden schlechten Ausschlag der täglichen Gallup-Umfrage und kenne mindestens 23 verschiedene Wege, auf denen Obama zu 270 Wahlmännern und mehr gelangen kann, Ontario ist doch in Amerika?

Entsprechend habe ich auch den kürzlichen Parteitag der Demokraten fast buchstäblich vom ersten bis zum letzten Hammerschlag Nancy Pelosis weitgehend live verfolgt, und mein größtes Gefühl nach den vielen Eindrücken, besonders Obamas unglaublich, unglaublich fantastischer Abschlussrede, von der weiter unten noch zu schreiben sein wird, war dies:

Ich möchte Amerikaner werden.

Natürlich, wie Wagner schreibt, es "wäre undenkbar bei uns", dass Joachim Sauer einen Parteitag der CDU mit einem Loblied auf seine Angela eröffnet oder Sandra Maischberger eine von Schröders vier Frauen einen der SPD mit Preisungen seiner Vaterqualitäten, mal davon abgesehen, dass ich mich schon immer gefragt habe, ob uns Gazprom-Gerd, den ich einst für das lange überfällige Niederstrecken Helmut Kohls geliebt, aber für den ich spätestens mit seiner russische Eier lutschenden Einstufung Saakaschwilis als "Hasardeur" den letzten Rest Respekt verloren habe, überhaupt, und ich meine das ernst, Kinder zeugen kann. Es wäre undenkbar bei uns, zuerst eine herzliche, warme Rede einer filmreif schlauen und attraktiven, in Gänze beeindruckenden Ehefrau zu hören und dann zuzusehen, wie der zugeschaltete Kanzlerkandidat von seiner vorlauten jüngsten Tochter auf unwiderstehlich niedliche Weise unterbrochen wird. Es wäre undenkbar.

Aber warum eigentlich?

Ich weiß, unser System ist anders, so dass nicht der beste Wahlkämpfer belohnt wird, sondern der beste Parteisoldat, so grau er sein mag. Ich bin zwar mit den amerikanischen Verfassungsvätern eher und immer mehr der Meinung, dass Parteien sowas wie ein politischer Krebs sind, aber die Väter und Mütter unserer Verfassung waren auch nicht dumm, und ich kann einsehen, dass Parteien nützliche Funktionen erfüllen können. Ich weiß auch, dass man hierzulande immer noch eher Parteien als Personen wählt, weswegen in manchen, hier ungenannten südwestdeutschen Bundesländern selbst in jeder erdenklichen Hinsicht abstoßende Sumpfmonster Ministerpräsidenten werden können, und dass unser Land kleiner ist und die Kultur anders und die Leute verschlossener sind, auch heuchlerischer und ausländerfeindlicher usw. usw. und dass sich darum viel, viel ändern müsste, bevor Aslan Ousama Uztürk per jubelnder Akklamation zum historischsten Kanzlerkandidaten der SPD bestimmt werden könnte, die letzten Minuten sind die besten. Und überhaupt wählen "wir Deutschen" ja ohnehin soundsoviel aufgeklärter und ernster als diese showbesessenen, burgerfressenden, kriegstreibenden ...

Wirklich?

Ich meine mich dunkel zu erinnern, dass die Gummistiefel eines gewissen Putinfreundes 2002 genauso die jeweiligen Ergebnisse durchgerüttelt haben wie die unvorteilhafte Merkel-Schröder-Fernsehdebatte 2005 oder die Anti-Türken-Petition der Gesichts- und Moralbaracke Roland Koch 1999, und selbst das Attentat auf Lafontaine 1990 "hat zwei Prozent gebracht", Zitat Bild-BamS-Glotze-Gerd. Ich habe auch noch nie von jemandem gehört, der sich alle Parteiprogramme schicken lässt, um sie zu vergleichen, oder der allein nach den Steuerplänen der Parteien entscheidet oder ihrer Haltung zur Kinderbetreuung, und wenn ich es hätte, würde ich es nicht glauben, denn wenn ich eins in meinen am Freitag, oh Gott, 29 Jahren auf dieser wunderlichen Welt gelernt habe, dann, dass jeder Satz, der nicht mindestens einmal "Ich will Geld!", "... Liebe!!" oder "... Titten!!!" enthält, eine halbe Lüge ist und meistens eine ganze, und dass Wahlen daher wie alles gleichsam mit dem vegetativen wie dem zentralen Nervensystem entschieden werden.

Aber warum sollte das schlecht sein?

Erstens, wer sollte einem anderen vorwerfen dürfen, warum er wie abgestimmt hat, ich dachte, der ganze, der einzige Punkt der Demokratie ist, dass jeder genau eine Stimme kriegt und nicht jeder Zehnte elf oder jeder Zweite drei Fünftel, dass also alle gleich zählen, in gleicher Weise Herr, Herrin oder Hermaphrodit ihrer Stimme und ihres Schicksals sind. Ganz abgesehen davon, dass Wahlen geheim, Gedanken frei und gute, ja fantastische Brüste wirklich nicht zu verachten sind, oh Baby ...

Zweitens, wenn die Seele und Geist deformierende Ochsentour der Parteien fähige Volksvertreter hervorbringen kann, warum sollte es dann nicht auch der den Launen der Neonazis und Nobelpreisträger unterworfene Beliebtheitswettbewerb des offenen Wahlkampfes können, zumal er wie gesehen schon weit bestimmender ist, als wir glauben, und wir unsere Repräsentanten bei Nichtgefallen gefahrlos abwählen können? Natürlich ist es ein wenig seltsam, dass eine etwas linkische, vielleicht kompetente Physikerin hierbei immer gegen einen Zigarre paffenden, sicher substanzlosen Hannoveraner verlieren wird, aber in welcher Welt ist es nicht seltsam, dass ein eigenmundig die deutsche Sprache zerstörender, hibbeliger Aktenfresser Ministerpräsident Bayerns werden konnte? Und auch hier, wer soll im Voraus besser wissen als jeder andere, welche Wahl, welches Programm, welcher Mensch besser ist? Die Parteichefs?

Drittens, wenn also, und es lohnt sich, das erneut zu wiederholen, weil es der innerste Kern, das bis heute zutiefst radikale Versprechen der Demokratie ist, jede Stimme gleich zählt, und wenn der populäre Wahlkampf nicht schlechtere politische Ergebnisse hervorbringt, als Kurt Beck um den Bart zu streicheln, warum sollte es dann, endlich, schlecht sein, in diesem System zu reüssieren, das telegenste Lachen zu haben, die angenehmste Art, die größte Fähigkeit, zum mutigen Vorkämpfer, zur beharrlichen Streiterin für eine, für tausend Sachen zu werden? Und warum sollte es schlecht sein, komplexe Sachverhalte in packende, verständliche Narrative weben zu können, sein Publikum mitzureißen und zu bewegen, brillante Intelligenz, magnetisches Charisma und berüchtigte Volksnähe auf einmalige Weise zu verbinden? Ist das nicht sogar gut? Ziemlich gut?

Ich weiß, ich höre, aber was ist mit Zahnbürstenbart, Klumpfuß, Sechs-Sterne-General? Richtig, aber diskreditiert die NPD das Parteiensystem? Oder ist sie vielmehr nur eine schlechte Anwendung einer Art, Repräsentanten zu wählen? Und ist es nicht sogar undemokratisch, ja aristokratisch, zu denken, die Menschen könnten schlechte von rechten Anwendungen nicht unterscheiden? Zu denken, sie könnten dieses unglaubliche Bild nicht von jenem trennen, nur man selbst wisse, erkenne es besser? Wenn man so wenig Vertrauen in seine Mitmenschen hat, sowenig Glauben daran, dass am Ende immer die richtigen über die falschen Zwecke triumphieren werden, die Churchills über die Hitlers, die Martin Luther King Juniors über die Jim Clark Juniors, die Freiheit über die Angst, warum geht man dann nicht rüber, nach Versailles oder Nordkorea, wo man hingehört?

Wenn ich Obamas Rede sehe, und es fängt schon damit an, dass dieser unglaubliche Mann, dieser fantastische Intellekt, zum Podium in der Mitte des Stadions, dieser atemberaubenden Kulisse, in der 84.000 Anhänger auf ihn warten, und mehr Zuschauer als bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele vor ihren Fernsehern, und Erwartungen, höher als die Rockies, dass er dahin schlendert, dahin lächelnd spaziert, als würde er an einem Sommersonntag durch den Park gehen; und wenn ich die offensichtliche Liebe zu seiner Frau und seinen Töchtern sehe, den ehrlichen Respekt für Hillary und die Zuneigung zu Joe Biden; und aus vollem Herzen in "Eight is Enough!" einstimme; und dann höre, wie Obama Punkt für Punkt, Angriff für Angriff die lächerlichen und beleidigenden Attacken John McCains und der Republikaner mit Würde, Humor und Stärke vollkommen und restlos zerstört, und für mich Wahlkampfjunkie ist es doppelt befriedigend, diese schwachsinnigen Meme endlich verdient sterben zu sehen; und dann höre, wie er seine Offensive auf das Versagen der republikanischen Ideologie insgesamt ausdehnt, seine ehrgeizigen innen- und außenpolitischen Pläne klar und logisch darlegt, schließlich seine berührende Vision einer geeinten Gesellschaft der Verantwortung für sich und für einander eröffnet, gegründet im Versprechen Amerikas; dann bin ich, noch mehr als zuvor, überzeugt.

Überzeugt von Obamas immer wieder erstaunlichen, wie grenzenlosen Fähigkeiten.

Überzeugt, dass er sein Land und die Welt bessern wird, soweit er nur kann.

Und überzeugt, dass ein Land, in dem einer wie er bis ganz nach oben steigt, gut ist, und wie, und dass es sich lohnt, darin zu leben, dafür zu kämpfen, dafür alles zu geben.

Und ist das nicht das Beste, was man von einer Wahl wünschen kann?

Das Beste, was man von der Welt wünschen kann?

Gott segne Amerika.

Obama

17.09.2008

Fantasy-Filmfest 2008

Es ist mal wieder soweit. Hier also immer aktuell meine Eindrücke, damit auch andere Nerds Quarterbacks bewusst auswählen können, auch wenn die Festivalfilme diesmal nach Stuttgart nur noch in München gastieren werden, aber es gibt ja Joox DVDs.

Angefangen habe ich mit "The Midnight Meat Train", und ich hätte keinen besseren Start erwischen können. Mein seit dem amüsanten "Versus" sehr geschätzter, hiermit in den USA debütierender Ryuhei Kitamura beherrscht sein Handwerk von den spannenden Action- über die glaubwürdigen Charakter- bis zu den unglaublich blutigen Splatterszenen hervorragend, und Vinnie Jones als stummer Metzger Mahogany, und bei Gott, dieser Film kann, obwohl er fast nie ins gewollt Ekelhafte abrutscht, selbst hartgesottenen Karnivoren wahrlich sowohl Fleisch- als auch U-Bahn-Genuss gründlich verleiden, wie auch Bradley Cooper und Leslie Bibb als erstaunlich und erfrischend lebensnah geschriebenes und gespieltes Paar auf der ins Dunkle führenden Spur des Schlachters sorgen für rundum zufriedenstellende, hochintensive hundert Minuten. Prima!

Am zweiten Tage habe ich "Tau ming chong" ("The Warlords") gesehen, und genau so muß ein historisches Kriegsepos aussehen: 5000 Statisten rennen und reiten mit ihren Lanzen und Schwertern in bombastischer Formation brüllend aufeinander zu und hacken und schießen einander wunderbar choreographiert in Stücke, bis die dampfenden Leichen das Schlachtfeld in weißen Nebel tauchen. Bei den Darstellern ist mit einem überraschend guten Jet Li, einem gewohnt guten Andy Lau Tak Wa und einem ziemlich guten Takeshi Kaneshiro für jeden Geschmack etwas dabei, und der solide Plot um Sieg, Verrat und Liebe weiß hollywoodig zu gefallen, ohne schönfärberisch zu sein. Acht von zehn geköpften Generälen.

Am Sonntag sah ich "Kwong saan mei yan" ("An Empress and the Warriors"), und alles, was "Tau ming chong" richtig macht, macht dieser Film falsch: Buchstäblich blutarme und konfus inszenierte Schlachten zwischen fast gleich aussehenden Gegnern wechseln sich hektisch mit platten Intrigen und plumpem Helden- und Pazifistengeschwätz ab. Dazu kommen ein eher fehlbesetzter Donnie Yen Ji-Dan, ein uncharismatischer Leon Lai Ming als ungelenke Mischung aus Mentor und Lover und die katastrophal unbegabte hauptberufliche Kantopop-Sängerin Kelly Chen Wai Lun als Hauptdarstellerin, und fertig ist ein Werk, das so wenig berührt wie Chens stetig starrer Ausdruck. Schade.

Als nächstes war ich in "Evangelion shin gekijôban: Jo" ("Evangelion 1.0: You Are (Not) Alone"), der nicht nur als Fanservice, sondern auch als aufwendiges Kinoremake der bekannten Fernsehserie gut funktioniert, auch wenn der dichte Plot Neophyten verwirrt zurücklassen mag. Dafür ist Shinji Ikari hier endlich wenigstens ein Hoden gewachsen, und er verbringt im Angesicht der Zerstörung allen Lebens auf der Erde und Kolleginnen mit gewaltigen Brüsten oder hautengen Kampfanzügen nicht mehr drei Viertel seiner Zeit damit, nach seinem abwesenden Vater zu schreien. Loves it!

Am letzten Tage endlich war ich zuerst in "Ryû ga gotoku: gekijô-ban" ("Like a Dragon"), einem hochwertigen und sehr lustigen Takashi Miike um überdrehte Yakuza, ein kleines Mädchen auf der Suche nach seiner Mutter und Baseballschläger, nach einer offenbar treu umgesetzten Videospielvorlage, und dann im südkoreanischen Abschlussfilm "Chugyeogja" ("The Chaser"), dessen größter Aufreger nicht seine maue Serienkillerstory und die vergessbaren Schauspieler sind, sondern die unglaubliche, vollkommen haarsträubende Inkompetenz der abgebildeten koreanischen Polizisten, bei der man sich beständig fragt, ob sie nur besteht, damit der Film nicht nach zwanzig Minuten zu Ende ist, oder ob man sich in jenem Land wirklich besser selbst gegen das Verbrechen wehrt, ob mit dem Hammer oder bloßen Fäusten. Kein großartiges Finale also, aber insgesamt ein schönes Fest. Bis zum nächsten Jahr!

05.09.2008

Andis Amerika-Ansichten 1: Liveblogging McCain

5:15 Uhr: Fazit - Nieder mit diesem frechen Schwarzen! Wir schmeißen liberale Richter raus!! Und bohren!!! BOHREN!!!! BOHREN!!!!1 Ich habe Angst. Und sollte das mit dem Livebloggen vielleicht nochmal üben, weil ich nicht soviel zu sagen hatte wie gedacht, aber das mag auch am gebloggten Objekt liegen. Nächste Folge: Obama.

5:08 Uhr: Palin ist es weiterhin sichtlich unangenehm, in McCains Nähe zu sein; wann immer er sie umarmt, nimmt sie alsbald Abstand. Aber wer könnte es ihr verdenken? Verglichen mit Obama und Biden, die nach kürzester Zeit wie unzertrennliche Brüder wirken, ist das republikanische Ticket ein trauriges Schauspiel. Aber ich wiederhole mich.

4:56 Uhr: Zum Glück habe ich das POW-Trinkspiel rechtzeitig abgebrochen.

4:54 Uhr: Sarah Palin erhält regelmäßig mehr positiven und Obama mehr negativen Applaus von den Delegierten als Abraham McSimpson selbst. Und nach dieser lauwarmen und so leidenschaftslosen wie unspezifischen Vorstellung wird sich das auch nicht ändern. Wie will er gewinnen, wenn er keine Emotionen auslöst? Wirkt er überhaupt so, als wollte er gewinnen? Na, vielleicht reicht es ihm ja, halbwegs knapp zu verlieren, ausgesorgt hat er so oder so.

4:51 Uhr: Oder sind die nebulösen Behauptungen und endlosen Wunschzettel die Pläne? 1. Wunsch nach Frieden 2. ??? 3. Frieden!

4:44 Uhr: Obama möchte Amerika vollständig zerstören, und John McCain wird alles besser machen. Aber wie? Vermisse nur ich in Grandpa McRictus' Rede einen einzigen konkreten Vorschlag oder definierten Plan? War ein halbes Jahr Vorbereitung auf diesen Moment nicht ausreichend? Und wenn das so ist, was hätten wir dann von einem Präsidenten McCain zu erwarten?

4:37 Uhr: "Government that doesn't make your choices for you." - Außer bei Abtreibungen, Homoehen, Verhütungsmitteln, Pornos, bösen Büchern ...

4:28 Uhr: Warum sollen die Wähler John McCains schamlos kooptierte und zutiefst unredliche "Change is coming"-Botschaft wählen, wenn sie mit Obama the real thing haben können, und ohne den faulen Odem Bushs?

4:27 Uhr: "She's worked with her hands and nose". ???

4:18 Uhr: Können die republikanischen "U-S-A"-Trolle noch weißer sein? Ernsthaft, Schwarze oder Hispanics sind in dieser Menge schwerer zu finden als Walter.

4:16 Uhr: Oh Gott, er steht schon wieder vor einem grünen Hintergrund. Welches seiner Häuser ist das da hinter ihm? Und ich weiß ja nicht, ob diese einfarbigen Hintergründe im Fernsehen so prickelnd rüberkommen, Alaska-Barbie vor der schwarzen Wand gestern wirkte ziemlich düster. Aber vielleicht war das ja Absicht?

4:12 Uhr: John McCain hat in einer Kiste gelebt, darum wählt ihn!

4:07 Uhr: Ich wusste schon, dass McCains Kriegsfreund Orson Swindle heißt. Aber, really? Orson Swindle?

4:06 Uhr: POW! Trinken!! Vielleicht war es doch keine so gute Idee, dieses Spiel anzufangen ...

4:05 Uhr: POW! Trinken!!

4:04 Uhr: POW! Trinken!!

4:00 Uhr: Wenn ich schon unrettbar bis in die Nacht an der Nadel der faszinierenden amerikanischen Berichterstattung über die US-Präsidentschaftswahl hänge, kann ich auch aus der Not eine Tugend machen und bis zum 4. November in unregelmäßiger Folge meinen mittelscharfen Senf für interessierte Beobachter dazugeben. Den Anfang macht dieses Liveblog von John McCains Kandidaturannahmerede auf dem republikanischen Parteitag. Obamas Rede wollte ich ununterbrochen verfolgen.

20.08.2008

A Streetcar named Desire

Zum ersten Mal "A Streetcar named Desire" gesehen. Und Gott, ist das ein großartiger Film. Die archaische, animalische Wucht des jungen Marlon Brando und der klassische, potemkinsche Habitus der späten Vivien Leigh treffen unter Elia Kazans perfekter Regie unvergesslich aufeinander. Gott.

In diesem Kontext mit Freundinnen A. und I. vor dem Ausgehen lecker gegessen und, der letzten "Neon"-Ausgabe ansichtig (Titel: "Diesmal zahle ich! Die Liebe und das Geld - warum eine Beziehung klare Finanz-Regeln braucht"), gemeint, dass das Magazin sich an Fünfzigjährige im Körper von Dreißigjährigen wende. An geistige Frührentner und im Laufrad glückliche Hamster. Auf Unverständnis gestoßen und konsterniert gewesen und gedacht, was ist mit mir los?

Ich weiß, dass Geld ein Faktor in Beziehungen ist. Dass man ihn zur Zufriedenheit aller Beteiligten lösen sollte. Und dass die meisten Menschen für Rat und Hilfe in dieser Frage dankbar sind, was nicht nur die "Neon"-Leser, sondern auch die Autoren und die Anzeigenkunden glücklich macht, ich weiß und ich verstehe das.

Aber trotzdem, was hat so ein Titel auf einem Magazin für junge Erwachsene zu suchen? Warum diese gedankenlose Affirmation, diese leidenschaftslose Asepsis, diese Selbstrelegation in die Trivialität? Ist das größte Problem der jungen deutschen Erwachsenen wirklich, ob Ole-Kevin das Spüli zahlt oder Lisa-Lisa? Bewegt unsere, meine Generation wirklich nichts mehr als das Klein-Klein in unseren privaten Lebensblasen, heute schillern sie blau und morgen grün, weil öko ist ja jetzt in? Und warum kaufen wir dann nicht gleich "Frau mit Herz" oder FHM, da lernen wir auch noch, wie wir uns in nur fünf Wochen durch Powersticken einen Waschbrettbauch zaubern?

Ist es zuviel verlangt, ist es so utopisch, andere Geschichten zu erwarten? Zum Beispiel, wie man in einer Dreierbeziehung das Geld aufteilt? Oder wie man ganz ohne Geld zusammenleben kann? Oder was wir tun müssten, um nicht unser ganzes Denken, unser ganzes Sein vom Kapitalismus durchseuchen zu lassen, so nützlich er ist? Oder wie wir für mehr Gerechtigkeit auf der Welt sorgen könnten, Gerechtigkeit und Freiheit und Wohlstand, damit auch Abubakar und Lin Lin bald keine größeren Sorgen mehr haben, als wer den von zuviel Spülen gesprungenen Teller ersetzen soll? Weil wir Menschen sind und auf der Welt, um anderen Menschen zu helfen und ansonsten, um das, was ist, zu hinterfragen, ob es nicht besser ginge, damit es uns besser ginge? Ist diese urtümliche Botschaft, dieses göttliche Gebot noch heute zu radikal, um gedruckt zu werden? Und wenn, wieso steht dann in jedem Haus ein Neues Testament, und unsere Helden sind Gandhi und Martin Luther King Jr.?

Ist es so seltsam, auf all das hinzuweisen? Bin ich so seltsam, lieber mit Brando und Vivien Leigh in einer winzigen Wohnung im unerträglich schwülen New Orleans Teller an die Wand und Radios aus dem Fenster werfen, als in Ole-Kevins großzügigem Loft eine Excel-Tabelle für Lisa-Lisas Ausgabenentwicklung der letzten 120 Tage erstellen zu wollen, weil ersteres trotz aller Wunden Leben ist, blutendes Leben, und zweiteres null Kelvin? Oder ritzen sich nach dieser Logik auch Emos, "um etwas zu spüren", und ich muss nur mal zu Dr. Lecter in die Praxis?

Und ist es nur eine Flucht vor meiner Ohnmacht, nur eine verbale Kompensation meiner Inertie, wohlfeil Revolution zu fordern, Revolution und Mitgefühl, wo doch das Volk mit dem Status Quo zufrieden scheint und "Neon" kauft? Gibt es kein Publikum für Aktivismus und Änderung außer im Amnesty-Anzeiger, und will ich nur nicht erkennen, dass der Horizont der meisten Menschen scheinbar am Rande ihrer Blase endet und sie damit nicht nur zufrieden sind, sondern sogar glücklich, und ich ihnen unzulässig reinredete, wenn ich sie zum Weitersehen zwingen wollte, wie ich auch kein Oktroi meiner Lebensgestaltung wünsche und es sogar bitter bekämpfe?

Und trotzdem, und trotzdem, und trotzdem.

Und trotzdem will ich wider den Stachel löcken.

Und trotzdem will ich nicht schweigen.

Und trotzdem will ich, zuerst, dagegen sein.

Denn das ist meine Sehnsucht.

13.08.2008

Nach der Saison, vor der Saison

Die hier zuletzt im März erwähnte Debattiersaison 2007/2008 ist mit der Deutschen Meisterschaft in Berlin Mitte Juni zu Ende gegangen, und meine Bilanz ist durchwachsen.

Zwar stand ich in Bremen und Heidelberg im Finale und habe auch in Halle und Göttingen die Vorrunden überstanden, aber letztere beide Male nur mit viel Ach und Krach, und in Berlin sind Freund M. und ich gar schmählich untergegangen, wo wir nach einem Jahr des Trainings doch hätten auftrumpfen können und müssen. Warum nicht?

Vereinzelt schlechte Tagesformen und sehr seltene ungelegene Themen beiseite, ist mein Selbstverständnis nach mittlerweile vier Jahren in diesem Zirkus so, dass es mit meinem Team immer bis in die K.O.-Runden reichen (danach ist man in Gottes Hand) und ich selbst unter den ersten zwanzig Rednern der Vorrunden landen sollte. Wenn nicht, sind also entweder meine Partner unfähig (nein), unsere Chemie stimmt nicht (auch nicht), ich schätze mich völlig falsch ein (schon wahrscheinlicher, aber ich arbeite fast kontinuierlich daran, das Dickicht meiner Gedanken für die Welt verständlicher zu machen, zum Beispiel in diesem Blog, und habe nach all der Zeit ein gutes Gespür für meine momentane Leistung entwickelt, also eher auch nicht), oder ich werde mangelhaft bewertet.

Und leider war das dieses Jahr in mindestens drei entscheidenden Debatten in drei verschiedenen Turnieren auf zum Teil schockierende Weise der Fall. Es ist einigermaßen frustrierend, bis in die Knochen hinein zu wissen, dass man auf jeden Fall nicht Letzter war, und dann in notwendiger Ermangelung objektiver Stoppuhren oder unfehlbarer Hochsprungstangen von Richtern abzuhängen, denen man aus diesem oder jenem Grunde nicht grün ist, die letzte Nacht nicht geschlafen haben oder in zumindest einem Fall auch schlicht inkompetent sind, und so doch Letzter zu werden.

Das soll nicht heißen, dass ich die Arbeit der meisten Juroren nicht schätze und ehre, ich bin mit vielen von ihnen befreundet, juriere manchmal selbst und weiß, wie schwer es ist, zum einen genug qualifizierte und motivierte Leute für sein Turnier zusammenzutrommeln und zum anderen, etwas so Subjektives wie eine Rede objektiv zu bewerten. Umso schlimmer, wenn schwarze Schafe Schande über die Zunft bringen.

Letztlich gilt aber auch hier wie überall, dass die Erkenntnis nur der erste Schritt zur Verbesserung ist, der zweite aber die Tat sein muss, und darum werden Freund M. und ich uns auf den langen Weg der Reform machen, wohin er uns auch führen mag. Auf eine neue, spannende Saison!

Zeit genossen

Das Debattieren lässt mich nicht nur die Welt, sondern auch unser schönes Land sehen, bis hinein in prominente Redaktionsstuben, und so war ich vor fast einem Jahr mit den anderen Vorsitzenden der deutschen Debattierclubs beim Präsidententag der "Zeit" in Hamburg. Nach einem Tag unter uns mit vielem Organisatorischen und nützlichen Informationen und einem Abend auf dem Kiez inklusive herrlichem Versacken in einer südostasiatischen Karaokebar fing der nächste Morgen mit Streichhölzern zwischen den Lidern, viel Kaffee und einer Begrüßung durch den Geschäftsführer des "Zeit"-Verlages Rainer Esser an, der als raison d'être der Zeitung den Widerstreit der Meinungen benannte, was auch ihr Engagement fürs Debattieren begründet. Yay for us!

Nach einer Besprechung mit der Marketingbeauftragten für die "Zeit"-Debatten erschien auch schon der mittlerweile nicht mehr auf dieser Stelle beschäftigte "Zeit Online"-Chefredakteur Gero von Randow, berichtete erstaunlich offen von den Schwierigkeiten, das Wesentliche der "Zeit" ins Web zu übertragen und hochdekorierte Großredakteure an despektierliche Kommentare von Usern wie "moppelchen5" zu gewöhnen, und gestand seine Ratlosigkeit vor der Hundert-Millionen-Dollar-Frage, wie sich im Netz Geld verdienen lässt, ohne zu einer Klickfarm voller praller Euter und journalistischem Dung zu degenerieren.

Nachdem uns auch der Chefredakteur von "Zeit Campus" Manuel Hartung besucht und zum Mittagessen in einem exzellenten Restaurant mit einer Suppe zum Reinlegen begleitet hatte, wobei er die in meiner Gegenwart stark leichtfertige Bitte äußerte, die neueste Ausgabe seines Magazins doch einmal schriftlich zu kritisieren, was ihm nach eine Zeitlang später vollbrachter, zwanzigabsatziger Tat aber erstaunlich gut gefallen zu haben scheint, und zwei PR-Angestellte uns sehr hilfreiche Tipps zur Turnier- und Eventorganisation gegeben hatten, hieß es noch einmal schnell einen Espresso trinken, das Hemd zurechtzupfen und auf Giovanni di Lorenzo warten.

Der Chefredakteur der "Zeit" nahm sich über eine Stunde für uns und sprach frei und sympathisch von seinem Leben, seiner Zeitung und seinen drei Tipps für Erfolg im Beruf, nur der klugen Frage, ob er das Blatt mache, das die Menschen brauchten, oder das, welches sie wollten, wich er aus unbekanntem Grunde aus. Zusammen aber ein durchaus unvergesslicher Tag mit einem Block voll wertvoller Information und angenehmsten Gesprächen wie von gleich zu gleich, wie ich im Zug nach Hause dachte, bevor ich einschlief, dem VDCH im Geiste dankend und der "Zeit" noch mehr. Gerne und immer wieder!