24.07.2025
Andis Kritiken #36: Gravity (2013)
Auf dem Papier sollte ich diesen Film lieben. Er ist technisch brillant, enthält eine schöne Geburts-/Evolutionsmetapher, ist relativ spannend und so sehr für IMAX gemacht wie kaum ein anderer Film. Aber ist hier überhaupt eine Story? "Astronautin kämpft gegen gefährliche Situation", und weiter? Der sonst so gute Alfonso Cuarón scheint vor lauter Begeisterung darüber, den Weltraum realistisch zeigen zu können, vergessen zu haben, warum er ihn zeigen wollte. Und weit ist es mit dem Realismus doch nicht her. Trotz des cringen Zwischentitels, der Physikanalphabet:innen daran erinnert, dass dich im Weltall niemand schreien hört, wird der realistische Anspruch alsbald zugunsten bombiger Actionfilmphysik aufgegeben. Das ist natürlich in Ordnung, aber dann nicht so wissenschaftlich tun!


von 5 Sternen
27.06.2025
Andis Kritiken #35: Speak No Evil (2024)
In den ersten zwei Dritteln denkt man, dass es sich hier um eine hervorragende, spitz satirische Studie über Gaslighting, Passivität und übertriebene Höflichkeit handelt und ist gespannt auf das dunkle Geheimnis hinter allem. Dann lüftet es sich, seine Auflösung erweist sich als allzu klischeehaft, und man ist verwirrt, wozu es den langen Vorlauf gab. Dann findet man heraus, dass dieser Film ein Remake eines dänischen Films ist, dessen stringentes Ende durch ein hollywoodkompatibleres ersetzt wurde. Und das ist dann schade, weil die gute Atmosphäre und die verstörend charismatische Leistung James McAvoys etwas Besseres und Konsistenteres verdient hätten.



von 5 Sternen
26.06.2025
Andis Kritiken #34: Akira (1988)
Die Cyberpunk-Vision eines unruhigen Neo-Tokyos mit gewalttätigen Protesten, kriminellen Jugendbanden, glitzernden Wolkenkratzern und mysteriösen Espern wird in "Akira" mit so viel Sicherheit und Selbstbewusstsein verwirklicht, dass dieses Meisterwerk Katsuhiro Otomos zurecht bis heute sehr stilprägend ist. Und auch unter der dystopischen Action-Schale mit toller Musik findet man eine berührende Geschichte über den Wunsch nach Anerkennung und dass, was zählt, letztlich Freundschaft und Mitgefühl sind. Schließlich ist "Akira" wohl eine der eindrücklichsten künstlerischen Verarbeitungen des kollektiven Traumas der auf Japan abgeworfenen Atombomben als ein durch Menschenverachtung hervorgerufenes Inferno, das durch Menschenliebe geheilt werden muss. Eine bleibende Botschaft.




von 5 Sternen
Andis Kritiken #33: Paprika (2006)
Sind Träume nur ein Nebenprodukt geistiger Aufräumarbeiten im Schlaf? Schlüssel zu unseren innersten Wünschen, Hoffnungen und Traumata? Gar ein Kern unserer Menschlichkeit, der von der technischen Welt unberührt bleiben soll? Diese Fragen stellt der leider viel zu früh verstorbene Satoshi Kon in "Paprika" auf spannend actionreiche, farbenfroh kreative und nicht nur für Christopher Nolan in "Inception" inspirierende Weise so gut, dass man danach mit wacheren Augen auf seine eigenen Träume blicken will.



von 5 Sternen
24.06.2025
Andis Kritiken #32: Valerian and the City of a Thousand Planets (2017)
Luc Besson ist bei Science Fiction ein französischer George Lucas, d.h. mit einer großartigen, wenngleich etwas leichtgewichtigeren Imagination gesegnet, unfähig, Schauspieler:innen gut zu führen und ebenso, nicht völlig leblose und hölzerne Dialoge zu schreiben. Z.B. in "The Fifth Element" wurden diese schlechten Eigenschaften noch durch charismatische Akteure und eine klassisch gute Story herausgerissen, aber z.B. in "Lucy" verwandelt sich Scarlett Johansson am Ende in einen bedeutungsschwangeren USB-Stick (sic), und hier ist der Film in der Mitte gut eine Stunde zu lang inklusive einer unerklärlich langen Burlesque-Szene mit Rihanna und wird durch Dane DeHaan, einen auf Temu bestellten James McAvoy, und Cara Delevingne, eine Nepo-Baby-Kopie eines Supermodels, mehr schlecht als recht, nämlich ohne Chemie oder glaubwürdiges Ausfüllen ihrer Rollen zusammengehalten, wobei sie noch einige der plumpsten Expositionsdialoge der Filmgeschichte aufsagen müssen, während sich Clive Owen einfach nur seinen Scheck abholt. Das ist insgesamt schade, weil hier im Kern eine gute Geschichte drinsteckt und die audiovisuellen Produktionswerte absolut überragend kreativ und wunderschön sind, so dass sie auch ohne Dialoge verstanden und genossen werden können. Das sind die besseren Momente von "Valerian".


von 5 Sternen
22.06.2025
Andis Kritiken #31: Deep Impact (1998)
"Deep Impact" interessiert sich eigentlich gar nicht so sehr für den Kometen, der die Erde zu zerstören droht, jedenfalls bedeutend weniger als der im gleichen Jahr herausgekommene, sattsam bekannte Actionfilm "Armageddon". Zuerst geht es um Téa Leonis Karriere bei einem jungen Fernsehsender, wie sie beharrlich einer großen Geschichte nachgeht, und um die schwierige Beziehung zu ihrem Vater Maximilian Schell. Dann kommt Morgan Freeman als US-Präsident herein und stiehlt den Fokus mit einer nach Art von "The West Wing" unrealistisch optimistischen, kompetenten und humanistischen Darstellung der Reaktion der Regierung auf den auslöschenden Himmelskörper. Danach geht es um Robert Duvall als Altastronauten und wie er sich nach und nach den Respekt seiner jungen Besatzung auf dem Weg zur Zerstörung des Kometen erwirbt. Und nachdem diese scheitert, geht es noch ein Weilchen um die junge Romanze zwischen Elijah Wood und Leelee Sobieski in sehr turbulenten Zeiten, bevor wir etwas Meteoritenaction sehen.
Und vielleicht ist das der Punkt - sehr menschliche Geschichten im Angesicht unfassbarer Vernichtung, um zu vergegenwärtigen, was wir verlieren würden, wenn es soweit käme. Diese verbundenen Geschichten sind vom tollen Ensemble meist gut gespielt und inszeniert, wenngleich teils langatmig und narrativ lückenhaft, und ich bin nicht ganz sicher, ob meine wohlwollende Bewertung nicht nur ein Artefakt des Kontrastes zu den gesunkenen Standards jüngerer Filme ist - "Alles ist ausgeleuchtet, ich höre die SchauspielerInnen, sie verhalten sich wie Menschen, und nicht alles ist CGI: fünf Sterne!" Dennoch ist "Deep Impact" letztlich eine sehenswerte, kontemplative Geschichte darüber, was unsere Spezies in unseren besten Momenten ausmacht, zu dessen Präsentation der tödliche Komet nur das wie zufällig gewählte Mittel ist. Das mag einen befriedigt zurücklassen oder nicht.



von 5 Sternen
Und vielleicht ist das der Punkt - sehr menschliche Geschichten im Angesicht unfassbarer Vernichtung, um zu vergegenwärtigen, was wir verlieren würden, wenn es soweit käme. Diese verbundenen Geschichten sind vom tollen Ensemble meist gut gespielt und inszeniert, wenngleich teils langatmig und narrativ lückenhaft, und ich bin nicht ganz sicher, ob meine wohlwollende Bewertung nicht nur ein Artefakt des Kontrastes zu den gesunkenen Standards jüngerer Filme ist - "Alles ist ausgeleuchtet, ich höre die SchauspielerInnen, sie verhalten sich wie Menschen, und nicht alles ist CGI: fünf Sterne!" Dennoch ist "Deep Impact" letztlich eine sehenswerte, kontemplative Geschichte darüber, was unsere Spezies in unseren besten Momenten ausmacht, zu dessen Präsentation der tödliche Komet nur das wie zufällig gewählte Mittel ist. Das mag einen befriedigt zurücklassen oder nicht.
01.11.2021
Götterdämmerung für den Konservatismus
Starke Scheite
schichtet mir dort
am Rande des Rheins zu Hauf!
Hoch und hell
lodre die Glut,
die den edlen Leib
des hehresten Helden verzehrt.
Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.
Doch über den Absturz der Roten ist ein anderer Niedergang aus dem Blick geraten, der vielleicht noch um einiges dramatischer und für unsere Demokratien folgenreicher ist: jener der konservativen Mitte-Rechts-Parteien christdemokratischen Typs. Nach Höhenflügen in vergangenen Jahren, in denen sie unter anderem die fünf größten EU-Länder Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen regiert haben, stellen Mitglieder der Europäischen Volkspartei nach Angela Merkels Abgang gerade mal noch neun von 27 Regierungschefs der EU und keinen mehr aus West- oder Mitteleuropa (außer Österreich). Die US-Republikaner sind schon lange vor Trump immer vulgärerem und rechtsextremerem Populismus verfallen. Vertreter "illiberaler Demokratien" wie Viktor Orbán oder die polnische PiS-Partei haben die Reihen der Europäischen Volkspartei verlassen oder waren nie drin, auch wenn sie sich in Teilen auf traditionelle christdemokratische Werte berufen (haben). Die britischen Konservativen unter Boris Johnson entwickeln sich immer mehr zu einer populistisch soziale Wohltaten an Einheimische ausschüttenden und alles Ausländische verteufelnden Partei, gerade angesichts eines immer katastrophaler verlaufenden Brexits. Und nun die große Niederlage der Union unter dem Kandidaten ohne einen Funken Gravitas, Gespür oder graue Zellen, Armin Laschet, nach der Parteimitglieder schon nach "einem deutschen Sebastian Kurz" rufen (ups), Junge Republikaner (aka Trumpjugend) zu ihrer "Deutschlandtag" genannten Ansammlung von verklemmten BWL- und Jurastudenten mit Samenstau sowie hochnäsigen Pferdemädchen einladen oder gleich offen in Richtung der sogenannten Alternative für Deutschland torkeln.Was ist nur mit den Konservativen passiert? Jenen steifen Langweilern, die gegen vorehelichen Sex und Staatsschulden waren und Länder alles in allem kompetent, erhaltend und nach Westen gewendet regiert haben? Wann und warum wurden sie von einem Clownauto überholt, in dem so verschiedene und doch so ähnliche Leute wie Berlusconi, Trump, Johnson, Laschet, Kurz, der korrupte Benjamin Button Amthor und der Lügenbaron Guttenberg sitzen und das ungebremst auf einen Abgrund zurast?
Vielleicht sind sie einfach verschwunden.
Warum?
Die Konservativen haben die "Culture Wars" vernichtend verloren. Nicht einmal mehr JU-Kreisvorsitzende sparen sich noch für die Ehe auf (zumindest nicht freiwillig). Die Union denkt laut über eine Frauenquote nach. Gegen Schwule, trans Menschen und selbst viele Ausländer:innen haben auch CDU-Landräte nichts, solange sie nur brav Steuern zahlen und nicht zu "schrill" auftreten, wobei heutzutage eh manche vorgeblich extrem heterosexuelle Karnevalsveranstaltung um einiges schriller und dekadenter ist als viele queere Parties und die Steuermoral angeblicher Konservativer auch nicht mehr die beste. Kinder zu schlagen ist verpönt und sie bis zur Einschulung zuhause zu betreuen auch, was angesichts der ökonomischen Umstände der meisten Familien sowieso unmöglich oder nicht ratsam ist. Gegen "woke" angebliche Sprech- und Denkverbote regt sich einiger Widerstand, aber dieser speist sich eher aus populistischen und hitzköpfigen Alt-Right-Quellen denn aus einer wirklich konservativen Moral der Selbstentsagung, Disziplin, Sparsamkeit, geordneten Kernfamilie und untadeliger Höflichkeit. Sowas gibt es heute fast nur noch als Cosplay-Fassade z.B. eines Philipp Amthor, hinter der er wohlweislich zum einen korrupte Geschäfte macht und zum anderen versucht, in den sozialen Medien möglichst fresh zu wirken, weil er weiß, dass die Fassade allein wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlockt. Kurz, hier ist kein elektoraler Blumentopf zu gewinnen.
Die Konservativen haben sich zu sehr dem Neoliberalismus hingegeben, der ungenügend reguliert zu rohem Mammonismus degeneriert. Schielen auf Quartalsergebnisse statt langfristig vorausschauenden Wirtschaftens; Outsourcing, Asset-Light-Strategien und andere Methoden, um die kurzfristigen Unternehmensprofite zu erhöhen; die Finanzialisierung der Wirtschaft; das Forcieren einer ungezügelten Globalisierung und extremer Steuervermeidungs- und -hinterziehungsmodelle; und dergleichen letztlich politische Entscheidungen zum Handeln oder Nichthandeln mehr sind am Ende Gift für den betulichen Familienbetrieb mit einem traditionell konservativen Patriarchen an der Spitze, dessen Fabrik zwei Mittelstädte ernährt. Selbst im Grunde linke Sorgen wie sinkende Tarif- und Gewerkschaftsbindung erodieren im Wortsinne konservative, also bewahrende ökonomische, soziale und kulturelle Strukturen. Im sich so immer schneller drehenden Hamsterrad entwickeln sich Fliehkräfte, die die traditionelle Familie mit einem Alleinernährer auseinanderreißen, vorhersehbare Beschäftigungsverhältnisse mit einer goldenen Uhr und einer üppigen Betriebspension am Ende, stabile politische Verhältnisse durch limitierten globalen Wettbewerb und so weiter, alles Säulen konservativen Sentiments und entsprechender Wahlentscheidungen. Der Unwillen der Mitte-Rechts-Parteien, die Wirtschaft zu sehr zu "gängeln" bzw. sie durch Steuern und Vorschriften zu sehr zu "belasten", und ihr Dogma, dass der Markt regele, hat sie bei diesen Entwicklungen weitgehend tatenlos zusehen lassen, die nun ihre ideologische Basis so weit unterspült haben, dass sie jeden Moment zusammenzustürzen droht, was sie in vielen Ländern auch schon ist.
Und dann kommen noch weitere gesellschaftliche, historische und technische Entwicklungen hinzu, die gegen einen als moralisch aufrechte, fortschrittsskeptische, hierarchische, Bescheidenheit und Demut predigende usw. Ideologie verstandenen traditionellen Konservatismus wirken, teils vielleicht fatal: das Versterben der letzten Zeitzeugen des Faschismus; die Erosion christlicher Sündenmoral in einer immer pluralistischeren und säkulareren Gesellschaft; zunehmend ungehemmterer Konsum und Narzissmus und deren Präsentation auf immer mehr Plattformen fast ohne Schrankenwärter:innen; wachsende Individualisierung, Autoritätsskepsis und Unwilligkeit, sich und seine Bedürfnisse gleich welchen Ideen, Gruppen oder Zielen unterzuordnen; verbreiteter Wohlstand und Komfort und daraus folgend die einfache Erkenntnis, dass es viel angenehmer ist, im Diesseits dekadent zu leben, als sich für ein Jenseits aufzusparen, in dem man als höchstes Glück gerade mal als asexuelles Wesen beständig um Gott schwirren und sein Lobpreis singen kann.
Kurz gesagt, anders als die menschlichen Konstanten der Wünsche nach Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die der Idee des Sozialismus bzw. der Sozialdemokratie zugrunde liegen, kann es gut sein, dass die Grundlagen des traditionellen Mitte-Rechts-Konservatismus christdemokratischer Art von der Geschichte überholt worden sind, weswegen er nun in Auflösung begriffen ist. Angela Merkel konnte dies für 16 lange Jahre geschickt verschleiern, weil sie durch ihre persönlich bescheidene Art, ihr implizites Versprechen, das Chaos der bitterlichen Aushandlung widerstreitender Interessen, das demokratische Politik inhärent ist, von den Unordnung und Unsicherheit über alles fürchtenden und hassenden Deutschen fernzuhalten, indem sie den Eindruck erweckte, sie kümmere sich schon darum, und ihre extrem flexible Übernahme populärer Positionen aus der Bevölkerung oder vom politischen Gegner (die aber wie z.B. beim Atomausstiegsausstiegsausstieg nach Fukushima oder der schandhaften Libyen-Enthaltung im UN-Sicherheitsrat das Gegenteil von konservativ war) für die Union Wahl nach Wahl gewinnen konnte. Doch nun, da sie in den Sonnenuntergang reitet, geschieht auch in Deutschland, was in Amerika, Großbritannien oder Österreich bereits passiert ist: die Präpotenten kommen. Die Nasskämmer:innen. Die Selbstbereicherer:innen. Die Regressiven, die Soziopath:innen, die Mammonist:innen, die Evangelikalen und vor allem die Proto-, Krypto- und manifesten Faschist:innen. Denn das ist, was in der Hülle des vormaligen Konservatismus wie Giftpilze gedeiht, nachdem er sich über die Zeit entkernt hat oder wie von Merkel absichtlich entkernt wurde, um Wahlen zu gewinnen:
- Macht um der Macht willen, also Soziopathie, weil zu regieren und die Geschicke der Gesellschaft zu bestimmen immer schon eine wichtige raison d'être der Konservativen war
- Faschismus von Alt-Right über Botho Strauß bis zur "AfD", weil dieser attraktiv und energetisch scheinbar traditionelle Werte verkörpert
- Historisch fiktionale MAGA-Regressivität, weil sie eine Rückkehr zu alten, geordneteren Verhältnissen verspricht, in denen Männer noch Männer waren usw.
- Mammonismus, weil er scheinbar gutes Wirtschaften darstellt und/oder
- Bloßer ästhetischer Gestus aka ich bin konservativ, weil ich mein Weinglas richtig halte, weil bloßer Schein immer noch besser ist als leeres Sein.
Lockt dich zu ihm
die lachende Lohe?
Fühl meine Brust auch,
wie sie entbrennt,
helles Feuer
das Herz mir erfaßt, -
ihn zu umschlingen,
umschlossen von ihm
in mächtigster Minne,
vermählt ihm zu sein!
11.09.2021
Osama bin Laden hat gewonnen
Zu jener Zeit war ich tief in der unglücklichsten Verliebtheit meines Lebens versunken und dämmerte oft lange und traurig im Bett, ehe ich mich seufzend hinausrollte. Einmal an jenem in New York so klaren Dienstag aufgestanden, torkelte ich zum Fernseher und sah, ich glaube doch live, wie United Airlines 175 in den Südturm des World Trade Centers flog. Später traf ich mich mit Freunden bei ihnen, um gemeinsam CNN zu schauen, wie von Krieg Betroffene, die wissen möchten, wo heute die Front verläuft. Selbst von dort versuchte ich sie anzurufen, doch sie nahm nicht ab, und als ich auflegte, schaute ich neidisch und wehmütig auf einen Freund, der sich eng mit seiner Freundin zusammengekuschelt hatte, beide erschrocken und ängstlich Wolf Blitzer lauschend. Das kleinste persönliche Drama und das größte historische Ereignis seit dem Mauerfall in einem, eine solche wie außerirdische, scheinbar nicht einzuordnende Disruption der eigenen Kreise, so dass man wie blöde erstmal auf diese Kreise fixiert bleibt, weil sie, wenn auch unglücklich machend, wenigstens bekannt sind, und so doch auch am äußersten Rand noch die Wellen zu spüren, die diese Tat schlug, ist das nicht genau Terror, also Furcht, also Schrecken, also Verwirrung, wie beim Schaf, das den Wolf in seine Herde einbrechen sieht und erstmal nur glotzen kann?
Ich will mich damit natürlich nicht als ein Opfer von 9/11 hinstellen, den tatsächlichen Opfern und Held:innen ihre Ehre stehlen oder auch nur behaupten, dass sich mein Leben durch diesen Tag signifikant geändert hätte, Gott bewahre nein; nur an meinem Beispiel versuchen, begreiflich zu machen, was Terrorismus ist, was er will und kann und bewirkt. Und auch, was er nicht ist.
Viele Jahre später, 2016, fast in einem anderen Leben, habe ich mit meiner Frau auf unserer Hochzeitsreise das 9/11 Memorial & Museum besucht. Ich weinte an den Becken des "Reflecting Absence"-Mahnmals angesichts der tausenden ganz normalen Opfer, Menschen wie Du und ich, die einfach nur an einem klaren Dienstagmorgen zur Arbeit gegangen oder zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Die Hagiographie der Feuerwehrleute und Polizist:innen jedoch und Artefakte wie die "Treppe der Überlebenden" und ein beschädigter Drehleiterwagen waren zwar berührend, aber wirkten auch vage verzweifelt, ein Ringen nach Bedeutung und Narrativen im Chaos der einstürzenden Türme, eine Suche nach Orientierung und Gewissheit angesichts des buchstäblich (wie) aus dem Himmel gefallenen Terrors. Und wieder, ist das nicht die Essenz von Terror, also den Boden unter den Füßen wegzuziehen, die gefühlte Sicherheit zu zerstören, für immer namenlose Angst einzupflanzen?
Ja, Osama bin Laden ist schon mit 54 Jahren gestorben. Aber bis dahin konnte er ein nach seinen Maßstäben erfülltes und erfolgreiches Leben führen und objektiv ein epochales historisches Ereignis organisieren. Im Dezember 2001 konnte er glücklich den Amerikanern in Tora Bora entkommen und so wahrscheinlicher Folter entgehen. Seine letzten Jahre hat er mit seiner Familie, Coca-Cola und Pepsi und so vielen Videos mit Bugs Bunny und/oder großen amerikanischen Brüsten, wie er nur wollte, in einem großzügigen Neubau in einer Art Prä-Covid-Dauerhomeoffice verbracht. Wenn wir uns bin Laden im Moment seines Todes nicht als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen, so doch mutmaßlich als einen, der mit sich im Reinen war, der im Großen und Ganzen erreicht hatte, was er erreichen wollte. Der gewonnen hatte.
Man darf nie vergessen, dass Terrorist:innen sehr schwach sind. Sie haben weder das Personal noch das Material oder die Kapazitäten, Ländern wirklich Schaden zuzufügen, das heißt zum Beispiel großflächig vitale Infrastruktur zu zerstören, Millionen Einwohner:innen tödlich zu vergiften oder eine militärische Besatzung aufrechtzuerhalten. Selbst Schwarzer-Schwan-Ereignisse wie 9/11 oder, sagen wir, die Sprengung eines vollbesetzten Parlaments können Ländern nicht ernsthaft schaden, weil diese einfach Gebäude wieder aufbauen und neue Parlamentarier:innen wählen können. Terrorist:innen können nicht direkt die Grundstrukturen, die Verfassungen, die Mentalitäten und auch die Bevölkerungen von Ländern angreifen, weil sie eben so wenige sind und so geringe Mittel haben. Ja, Terrortote sind tragisch, aber das sind infolge betrunkenen Autofahrens Getötete auch, und dort erklären wir nicht einen zwanzigjährigen "Krieg gegen den Rausch", in dem hundertmal mehr Menschen sterben als durch betrunkenes Fahren und für den wir Gesetze erlassen, dass man nur noch mit einem Polizisten auf dem Beifahrersitz losfahren dürfe.
Zu solchen Überreaktionen kommt es, weil Terrorismus indirekt doch auf unsere Grundstrukturen und Werte zielt, gleichsam über Bande. Er bricht wie der Wolf in unser Leben ein und macht uns namenlose, desorientierende Angst. In unserer Panik und unserem Trauma schlagen wir wild drauflos und vergessen uns selbst, um die Angst zu beherrschen und uns an denen zu rächen, die uns terrorisiert haben, oder zumindest an verfügbaren Sündenböcken. Und so merken wir in unserer Raserei gar nicht, dass wir mit unserer allgegenwärtigen, das essentielle Grundrecht der Privatsphäre schwer verwundet habenden elektronischen Überwachung und zunehmenden Polizeistaatlichkeit, mit unseren maximal halb durchdachten, in der Regel in Schmach und Schande endenden militärischen "Anti-Terror"-Interventionen und mit unseren Verdächtigungen und Gewalttaten gegen Muslime, aber auch z.B. Turban tragende Sikhs in unserer Mitte, genau das tun, was der Terror will. Dass wir unsere Grundrechte aufgeben und sie so als bloße Heuchelei entlarven. Dass wir unsere militärische, politische und diplomatische Stärke in ungewinnbaren Konflikten vergeuden. Dass wir unsere Gesellschaften so polarisieren, dass den Terrorist:innen das Rekrutieren viel leichter fällt: Siehst Du, in Wahrheit haben sie Dich immer gehasst. Wir aber sind für Dich da, Bruder.
Wir machen so, wenn wir dem Terrorismus auf den Leim gehen, sein Geschäft für ihn, viel besser und gründlicher, als er es je könnte. Denn Osama bin Laden wäre nie in der Lage gewesen, zum Beispiel den Patriot Act zu beschließen, die Otto-Kataloge Schilys oder die danach kommenden, unsere innere Freiheit weiter zerstörenden Gesetze. Al-Qaida hätte nie selbst so viele westliche Milliarden und Soldat:innen in Afghanistan vergraben können, wie wir es getan haben. Und 9/11 hätte uns nie so nachhaltig traumatisieren können, wie wir es selbst tun und tun, wenn wir nicht endlich unsere Angst vor dem Terror überwinden und uns darauf besinnen, wer wir sind und was wir haben, das uns nichts und niemand nehmen kann, außer wir uns selbst.
Solange wir das nicht tun, wird der große Gewinner dieses Tages, dieses elften Septembers, für immer nur Osama bin Laden sein.
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