27.10.2006

Der Exhibitionist

Heißt es: Aber Andi, was schreibst Du denn so viel über Dich, über Dein Leben? Ist das nicht zu privat, zu persönlich, zu intim? Verrätst Du nicht zuviel, zuviel über Dich?

Sage ich: Nichts wisst Ihr, nichts. Nichts schreibe ich über Vater W. und Mutter T., die man nicht nicht lieben kann. Nichts über Schwester A., die einzig Einzigartige. Nichts über Freundin S., über die ich stundenlange Oden dichten könnte, und zurecht. Nichts über M., meine Liebste. Nichts über M., das Messer des Scharfsinns, nichts über D., das Buch der Unkultur, nichts über T., den Menschen T., oh, Baby. Nichts über die wichtigsten Beziehungen meines Lebens.

Nichts über das Gesicht, das ich beim Orgasmus mache, kein sehr intelligentes. Nicht, ob ich mein Klopapier knülle oder falte. Nicht, was ich frühstücke, nicht, ob Kaffee oder Tee, nicht, was ich in Seminaren klugscheiße, nicht, ob ich links oder rechts schreibe oder trage, nicht, was für Bücher in meinem Regal stehen, was für Hemden in meinem Schrank, was für Gedanken in meinem Kopf. Nichts wisst Ihr, nichts!

Heißt es: Aber Andi, hast Du denn keine Angst, dass ein Arbeitgeber das liest? Ein Vater, eine Mutter, eine Liebe? Hast Du denn gar keine Angst?

Sage ich: Wollt Ihr in einer Welt leben, in der Ihr Scheren in Euren Köpfen schnappen lasst, weil Ihr Angst um Eure iPods habt, Euren Daimler, Eure DVDs, wollt Ihr Sklaven von denen sein, die Euch nur zu gern zu welchen machen würden, wollt Ihr das, was seid Ihr nur für Feiglinge, für elende Feiglinge? Ja, wohl gesprochen vom Experten, vom Kaiser und Gott des Abgemahntwerdens, vom Wohlstandskind de Luxe, vom Prasser Numero Uno, der nicht einen Tag seines Lebens hungern musste, aber trotzdem wahr, und Ihr wisst es, Ihr wisst es.

Und wollt Ihr eine Liebe leben, die Euch nicht kennt, Eure Keller, Eure Spinnweben in den Ecken, Eure Kakerlaken, Ihr verdammten, elenden Weicheier? Glaubt Ihr wirklich, das hier bin ich, ganz ich, die unvermeidliche Verzerrung der Schriftform schon abgezogen?

Ich bin Andreas C. Lazar. Das hier aber ist Andis Soapbox.

Ein Teil von mir, natürlich. Ein lauter, scharfer, besserwisserischer, bisweilen schwer erträglicher Teil. Das bin ich und doch nicht. Das Leise, das Sanfte, das Zuhörende, das sehr Angenehme bin nämlich auch ich, aber nicht hier, nicht auf der Soapbox. Hier ist Ersteres, und das brechtsche Theater, und die Grandezza, und die Pose, und wenn Euch das nicht passt, verpisst Euch und lest ein Kuschelblog, bis die Welle kommt, und zurecht. Das Leben aber ist das Andere, und das Leben ist nicht hier. Und Schluss.

26.10.2006

Those were the days 8

Hier die früheren Teile dieser Serie: 1, 2, 3, 4, 5-1, 5-2, 6, 6 1/2, 6 3/4 und 7.

Es ist soweit. Der Wanderer gewahrt den Bergkamm. Der Bocksgesang hebt zur Peripetie an. Klotho nimmt einen neuen Faden-

"Oh. Mein. Gott. Kannst Du einmal eine Geschichte normal erzählen? EINMAL?!?"

Ich war schon über ein Jahr Informatikstudent gewesen und, natürlich, immer noch gezwungen Single. Hatte nach dem zweiten Semester, damals schon mit dem Fach unfroh, alle nötigen Untersuchungen machen lassen, um meine Tauglichkeit für meinen alten Traumberuf des Piloten zu bestätigen, 20/20 war ich, natürlich, aber im letzten Moment habe ich vor dem Lufthansatest gekniffen.

"Warum?"

Das Geld hätte nicht für die Ausbi-

"Und warum wirklich?"

Angst?

"Wen fragst Du das? Aber können wir darüber nicht in einem anderen Eintrag schreiben? Ist ja nicht so, dass Du nicht noch genug Stoff für die nächsten Jahre hättest, Psycho Boy."

Na gut. Jedenfalls studierte ich also weiter, und nach einer etwas sinnlosen und kurzen, natürlich unglücklichen Winterverknalltheit in eine etwas kurz Bekannte ging ich, das Frühjahr kam, zur, ich glaube, Geburtstagsfeier eines Freundes, nennen wir ihn Julius, Julius No.

"Oh Gott. In Ordnung, James. Erzähl einfach weiter ..."

Alle zehn, fünfzehn Gäste saßen im Kreis, aßen Chips, tranken Fanta, die Wagemutigen Cola, sprachen über Speicherbausteine, es war eine Informatikerparty, sprachen in Grüppchen von zwei, drei, ich schwieg, dann kam, aus der Küche, sie.

Sie, eins siebzig, schlank, fast dünn, Haut wie Creme, Haare wie Honig, Augen wie Karamell, Worte wie Sahne, im Gespräch mit ihm, Oddjob, nennen wir sie Honey, Honey Ryder. Sie sagte, ich weiß es wie gestern, antisemitischen Schwachsinn, jeder Befehl für Israel werde in New York unterschrieben, was half's, ich war aus fünf Metern, in fünf Minuten, am anderen Ende des Kreises, schon hoffnungslos verliebt, starrte und schwieg. Die Zeit ging, die Informatiker gingen, ich war später gekommen, wollte also noch "ein bisschen" bleiben, sie hatte ein Auto, das Natürlichste der Welt, dass sie mich noch heimfährt, es war doch schon spät, nur, Oddjob, der auch noch "zufällig" da war, musste ebenfalls heim.

Wir fuhren zu dritt, kamen endlich an der Universität heraus, zur Abzweigung, an der wir rechts mussten, um zu seinem Wohnheim zu kommen, aber er sagte nichts, nichts, ich konnte ja nicht erwähnen, dass wir HIER RECHTS REIN müssen, wie ein Kettenhund von einer Anstandsdame, dabei war ich längst beides, aber egal, nur eine kleine, signifikante Episode. Vor meinem Zuhause tauschten wir Mailadressen, ein seltener Gipfelpunkt meiner Traute, und so begann es, alles.

Studium-Generale-Vorlesung, Geschichte der Rauschmittel, interessant, No, Oddjob und ich warten auf sie, sie kommt auf der Rolltreppe aus dem Tunnel, Honey, Eurydike, Oddjob umarmt sie linkisch, ich traue mich nicht mal das, im Hörsaal lässt er erst No in die Stuhlreihe, dann sie, bevor er sich, sein Plan, neben sie setzen kann, schlüpfe ich dazwischen, wir Comicfiguren.

Ich treffe sie zufällig, auf dem Weg zur, sie von der Uni, ihre "Telefonphobie" lässt sie ihre Nummer nicht so einfach herausgeben, ich schlucke es, wie alles, schreibe ihr Mails, Mails, Mails, in die ich mich hineingebe, hineinlebe, hineinblute, Orpheus, aux enfers.

Wir sitzen auf dem Rasen an der Universität, ich greife Grashalme von ihren Schuhen, wir sprechen über Kershaws Hitlerbuch, Reich-Ranickis Lebensbuch, Himmel.

Wir sitzen auf der Bank im Park, es ist flirrender Frühling, die Bäume schneien, meine Augen, Heuschnupfen, brennen, ich nestele Blüten aus ihrem Haar, sie lacht, mein Herz schlägt, aber ich habe gefragt, ob ich ihre Haare berühren darf, ich will nicht scheinen, als wollte ich sie nur, weil sie gerade wenige Monate getrennt ist, ich will sie nicht belästigen, nicht bedrängen, nicht berühren, stehe mir selbst im Weg, wie ein Riese, wie ein Wurm.

Ich treffe meine Freunde vom Bund, morgens ist mein erster Gedanke sie, nach der Sauftour laufe ich zu ihrer Wohnung, pflücke eine Blume aus dem Park, hefte einen Gruß daran, suche nach ihrem Briefkasten, als ich merke, dass er im Hausflur ist, abgeschlossen, ein Moment Verzweiflung, doch der Stapel Samstagszeitungen ist schon da, nur sie liest DER ZEITUNG, Gott bewahre, aber als sie sie am Morgen öffnet, fällt meine, ihre Blüte in ihren Schoß, sie freut sich, sehr.

Ihr Geburtstag, sie sagt, meins sei das beste Geschenk, Lyrik, Heine, mit Widmung.

Sie ist oft nicht erreichbar, nicht am Telefon, nicht per Mail.

Ich stammele, wie sehr es mich freut, Zeit mit ihr zu verbringen, sie sagt, dito, immer das, nur das, dito.

Ich frage, ob ich ihre Hand nehmen darf, ich frage es tatsächlich. Ich darf.

Mir ist nach einer Party, mit Krabbensalat, schrecklich übel, wir bringen sie heim, unsere Hände berühren sich am Geländer vor dem Haus, unsere Blicke, ich hätte sie geküsst, wäre mir nicht so übel gewesen.

Mein letzter Gedanke abends ist sie, ich zittere, meine vergangenen Nichtliebschaften türmen sich schwarz neben, über meinem Bett, über mir.

Lichterfest Stuttgart, zu dritt, No, ihr bester Freund, Honey, ich, danach müssen wir eigentlich in zwei verschiedene Richtungen heim, aber ich gehe mit ihnen, nehme Anlauf, zwei Stunden lang. Vor ihrem Haus, Warten auf mein Taxi, vier Uhr morgens, ich frage sie, ob ich ihr was sagen kann, ja, ich stammele, sage, dass ich mich mit Haut, Haar, hätte ich Federn, auch mit ihnen, in sie verliebt habe, verliebt, verliebt.

Sie hat auch Gefühle für mich, fühlt sich überrascht, sagt, lass es uns am Telefon besprechen, am Telefon.

Sie hat es nie mehr abgenommen.

Fortsetzung folgt ...

23.10.2006

Carmen, Staatsoper Stuttgart, Premiere

Manchmal ist die Oper schwer zu ertragen. Der aufdringlich unnötige Pomp der Häuser. Die wie für ihre letzte Überseefahrt aufgetakelten Fregatten von Großmetzgersgattinnen und ihre ebenso geschmacklos stilbefreit gekleideten Kreditkartenbefüller. Der bleierne Mythos der achsoschweren Kunstform, nur weil man eine schiefe Note physisch eher spürt als einen falschen Gesichtsausdruck oder ein krummes Drehbuch. Und wenn schon. Die spastischen Schauspielgesten der allzuvielen Sänger, die nur Singen gelernt haben und sonst nichts. Die bis zum Schwachsinn platten Libretti. Die Mondpreise für das Programm und die Pausensnacks, die man nur aus Hunger und Geiz nicht den fachsimpelnden Kennern in ihre schwadronierenden Fratzen schmiert, die sich laufend fragen, ob "man" "das" denn "so" zeigen "müsse" und ob "die" Sängerin nicht "mal" "besser" gewesen sei. Die Buhrufe der Bürgerzombies, der untoten, entkernten Gerippe früher vielleicht existenter Tugenden, für nicht in ihren verrotteten Protogehirnen goutierte Inszenierungen.

Solange die Oper, solange das Publikum so ist, kann das neuerdings so vielgeschmähte Regietheater gar nicht überflüssig geworden sein. Es ist bei einigen ja offenbar noch nicht einmal angekommen.

Soviel als Vorrede zur eben gesehenen und gehörten Premiere von "Carmen" in der Staatsoper Stuttgart. Die Primadonna Karine Babajanian in der Titelpartie und Will Hartmann als Don José schlagen sich sehr achtbar, auch wenn sie zumindest auf mich und zumindest vorhin ein wenig müde wirkten. Umso besser Ina Kancheva als eine rührende Micaëla und Vincent Le Texier als komischer Escamillo, und die herausragende Klasse des Orchesters, diesmal unter der energischen Julia Jones, und des von Michael Alber geleiteten Chors muss man ja nicht mehr extra erwähnen. Verdient brandender Applaus für die Musikkünstler.

Viele Buhs aber für die Regie, die sich doch tatsächlich erdreistet, die Handlung aus dem gewohnten Sevilla ganz in Don Josés Inneres zu verlegen und ihn durchaus folgerichtig als passives und unsicheres Würstchen zu zeichnen, dessen aggressive und eifersüchtige Seiten von der armen Carmen zu beider Verderben hervorgeholt werden: Nur in ihrem Tod kann er sie besitzen. Mit einem ständig zwischen den Sängern herumspringenden grünen Schmürz (Christian Brey), vielen wilden Clowns, der sehr eigenwillig zurechtgebogenen Übersetzung und einem groß über dem Tor zum Hintergrund leuchtenden "Passage du désir" gerät Sebastian Nüblings Inszenierung zwar ziemlich plakativ, aber in seiner Erforschung der Psychen des gefangenen Weicheis und der zwangsfreien Zigeunerin sehr spannend und anregend. Und damit auch unendlich wichtiger, unendlich nötiger als die naive Malerei, die sich die Buher und "Bild"-Leser anscheinend so sehnlich wünschen, in starrer Angst vor dem brüllenden Miura der Realität. Aber was werfen sie auch ihre Estoques weg? Heißt es doch: Toréador, en garde! Toréador! Toréador!!

Matador heißt Töter

20.10.2006

Andis Videobox 1

Der Berg kreißte, oh Gott, 67 Takes und gebar dies. Enjoy!

Hier die im Video genannten Artikel Anders als Amerika und Darfur? War da was?

Der Metzger von Grosny

Der Schlächter von Tschetschenien hat Deutschland besucht. Der Blutsäufer des Kaukasus. Der Menschenfresser aus Moskau. Wladimir Wladimirowitsch Putin. War in Dresden, seiner früheren Wirkungsstätte. Seiner früheren Wirkungsstätte als KGB-Agent. Zur selben Zeit, als daheim in Moskau die Journalistin Anna Politkowskaja begraben wurde, ermordet, wohl möglich von seinem hochsympathischen Satrap Ramsan Kadyrow.

Und wo waren die Pazifisten? Die friedensbewegten Millionen des Zweiten und Dritten Golfkrieges? Die vorgeblichen Menschenfreunde? Die Krokodilstränenzerdrücker?

Man kann es wirklich nur mit Davids Medienkritik sagen, dem wir sonst nur bedauerlich selten zustimmen können:

The professional protester class, the Angry Left, the eternally self-righteous, indignant marchers who pose as saviors of the world as their rainbow flags flutter in the wind are nothing but a pack of morally and intellectually bankrupt hypocrites.

Hurrikan Mark

Maf54 (8:03:47 PM): what you wearing
Xxxxxxxxx (8:04:04 PM): normal clothes
Xxxxxxxxx (8:04:09 PM): tshirt and shorts
Maf54 (8:04:17 PM): um so a big buldge
Xxxxxxxxx (8:04:35 PM): ya
Maf54 (8:04:45 PM): um
Maf54 (8:04:58 PM): love to slip them off of you
Xxxxxxxxx (8:05:08 PM): haha
Maf54 (8:05:53 PM): and gram the one eyed snake
Maf54 (8:06:13 PM): grab

Der 52-jährige amerikanische Kongressabgeordnete Mark Foley und mit ihm die Republikaner sind in einen Sexskandal von epischen Ausmaßen verwickelt, gut einen Monat vor den Midterms. Gemütliche zwei Wochen später berichtet die "Zeit" darüber, nachdem die Blogs die Affäre bereits in ihren kleinsten Einzelteilen analysiert haben. Gut, dass ich sie abbestellt habe.

18.10.2006

Dove Evolution

Es mutete mir schon immer etwas seltsam an, dass eine Firma, noch dazu ein Kosmetikhersteller und eine Unilever-Tochter, sich gegen das herrschende Schönheitsideal wenden sollte, schließlich verdient sich mit in und mit sich zufriedenen Menschen kein Geld, womit auch, aber sehenswert ist Doves neuer Werbefilm trotzdem.

Der europäische Eunuch

Al Gore hat einen Film über sein Herzensthema gemacht. Einen so couragierten wie engagierten Film gegen die Bedrohung der globalen Erwärmung. Und wie reagiert der Europäer, der ewig saftlose, jammernde, impotente Eunuch, natürlich, zum Beispiel in der "Zeit": Aber wir haben das doch schon längst begriffen, schon längst! Wozu denn diese durchschaubare Gefühligkeit, dieser rohe, unfeine Patriotismus, diese lächerlich naiven Appelle? Soll dieser kulturlose Scheich, dieser ungehobelte Rüpel, sich doch lieber ein Beispiel an uns nehmen! An uns kultivierten, bescheidenen, sympathischen ...

Nur, der Scheich fickt den Harem. Nicht der Eunuch.

Wie es ein anderer Artikel im selben Blatt eindrucksvoll belegt. Auf derselben Seite. Wie weit geht unser Realitätsverlust noch?