Andis Soapbox

29.12.09

2010

29.12.: Mein braver Dr. Jekyll bloggt die WM bei meinem geliebten Debattierclub. Hier: Mr. Hyde, der etwas grummelt, dass Partner I. und ich trotz recht guter Leistungen erst drei von neun möglichen Punkten aus den ersten drei nicht zu schweren Vorrunden gewinnen konnten, doch der sich schon auf die gleich anschließende Global-Village-Party, inklusiven Rakı und weitere schöne Gespräche mit interessanten Menschen aus aller Welt freut. Es ist schwer, hier Hyde zu bleiben!

28.12.: OM NOM NOM NOM Frühstück, OM NOM NOM Mittagessen, OH F@C# Internet überlastet, OH F@C# 150 Englisch-als-Fremdsprache-Konkurrenzteams und nochmal etwa 250 meist nicht schlagbare muttersprachliche Teams, GREAT SUCCESS eines Nickerchens, NERDS? US?? Übungsdebatte von Teampartner I. und unserem zweiten Team N. und M. im Hotelzimmer, um uns für morgen zu entrosten, OM NOM NOM NOM NOM NOM NOM Eröffnungsbankett im wunderschön dekorierten Saal B des Hotels OMG sind das meine Götter? Time 4 Bed.

27.12.: Koffer zur S-Bahn ziehen, S-Bahn zum Flughafen nehmen, drei Stunden nach Istanbul fliegen, großes Hallo zu meinen russischen Freunden sagen, noch eine Stunde nach Antalya fliegen, Bus zum Fünfsternehotel nehmen OMGWTFBBQ, zwei Bier trinken und ins Bett gehen. Wieso ist es nicht tausend, nicht eine Million Mal erstaunlicher, dass sowas vergleichweise normal ist? Ich Deutscher sage zu meinen lieben russischen Freunden freundlich Hallo OMGWTFBBQ I <3 Debating!

26.12.: Der krönende Schlußpunkt dieses schönen Jahres soll die Debattierweltmeisterschaft im türkischen Antalya sein. Schon bete ich jeden Tag fünfmal zu meinen Redegöttern im englischen Oxford, die ich bald live und in Farbe OMGWTFBBQ!!!!1 sehen werde, um Inspiration:

Give us this day our daily argument.
And forgive us our equity violations
as we forgive those who call us Nazis.
And lead us not into irrelevance,
But deliver us from the bin room.
For thine is first place, and the break,
and the glory, for ever and ever.
Amen.

Ob es hilft?

Weihnachten, 25.12.: Wenn Leser meiner zukünftigen Autobiographie "Don't Try This at Home" zum Jahr 2009 kommen, werden sie sagen "Du hast WAS gemacht? Und das AUCH!? Und DAS?!? Aber wann hast Du GESCHLAFEN? Und warum hast Du dann nicht auch noch GEBLOGGT??" Und doch, eher deswegen, war es ein gutes Jahr, ein sehr gutes, auch wenn es für die gebeutelten treuen Leser dieser Seifenkiste geschienen haben mag, als wäre ich tot. Aber im Gegenteil.

Von Andi um 21:12 geschrieben | 4 Kommentare


05.09.09

Yay!

Liebe

Von Andi um 01:11 geschrieben | 5 Kommentare


01.08.09

Liebesgrüße aus Irland

Ich in Tübingen

Ich war, siehe oben, Anfang des Jahres auf einem Turnier in Tübingen, und worauf haben mich die anwesenden Debattierer, die anscheinend alle, was ein bißchen beunruhigend ist, meine Einträge aus Cork gelesen haben, angesprochen? Nicht auf meine tiefen Gedanken zur deutschen Debattierszene. Nicht auf meine aus Herzblut und einem Spritzer Zitrone gemachte Schreibe. Noch nicht einmal darauf, ob ein hellerer Hintergrund meine Seifenkiste nicht freundlicher erscheinen lassen würde. Nein, alles, was diese Unholde, diese Devianten, diese Monster interessiert hat, waren meine angeblichen amourösen Eskapaden! Ich schwöre, wenn ich einmal meine Formel für den Weltfrieden vorstelle und dabei mein Hosenlatz offensteht, erinnert sich schon eine halbe Stunde später niemand mehr an den Frieden, sondern es bleibt allein und auf ewig das Bild von mir ... mit offenem Hosenlatz ... auf CNN. Wo ist die Welt hingekommen!?

Hier trotzdem noch ein paar Eindrücke aus Irland und Frankreich, diesmal visueller Art.

Erste-Klasse-Frühstück

Es gab nur noch eine billige TGV-Fahrt zweiter Klasse, dafür aber noch einige preiswerte erster Klasse, also habe ich mich in den Ledersessel sinken und mir nach dem hastig am Bahnhof hinuntergeschlungenen ersten ein leckeres zweites Frühstück servieren lassen. In der linken Ecke: Mein Samsung U900, mit dem ich nach der kapriziösen und unfähigen Diva LG Chocolate wieder sehr zufrieden bin.

Im Killarney National Park Der Eibenwald im Killarney National Park

Killarney National Park. I dare you not to cry for the beauty of nature, I double-dog dare you!

Ein Herz am Strand Meine Burg am Strand

Dieses Herz links habe ich nicht gelegt, obwohl ich gerne hätte. Dafür habe ich am Strand in Kinsale diese Burg rechts mit Wellenbrecher, Graben, stolzer Flagge und Muschelherrscher bzw. -tyrann konstruiert. Jeder halt, was er kann!

Kinsale Paris

Ich kam von der plus fünf Grad warmen Umarmung der Natur links zur bei minus zehn Grad noch einschüchternderen Gotik rechts. Trotzdem schön, auch wenn meine Gebete für wärmeres Wetter erst Wochen später erhört wurden.

Pont de l'Alma

Ist es nicht erstaunlich, daß viele Menschen nichts dabei finden, ihre eigenen Eltern ins Heim abzuschieben und sie nicht vor Ultimo zu besuchen, aber für Diana Frances Spencer bzw. die Brüstung des Alma-Tunnels ihr ganzes Herz ausgießen? Oh, the humanity!

108 Rue de Garches

Ich glaube, ich werde meine Memoiren "108 Rue de Garches" nennen. Auf jeden Fall origineller als "Mein Leben" oder selbst von meinem imaginären, mir immer aufstachelnde Worte ins Ohr flüsternden Verleger abgelehnte Vorschläge wie "Mein Kampf 2: Electric Boogaloo" oder "My name is Ozymandias".

Von Andi um 18:07 geschrieben | 0 Kommentare


15.07.09

Neues aus dem Maschinenraum

Neu:
  • Eingebettetes Kommentarformular. Gefällt und funktioniert es?
  • Hellere Hintergrundfarbe. Ich suche noch nach einer besseren Alternative ...
  • Einige neue Links
  • Werbung. Häßlicher Verrat? Büttel des Schweinesystems? Weitere Meinungen?
Noch zu tun:
  1. Labels
  2. ???
  3. PROFIT!!!

Von Andi um 17:29 geschrieben | 3 Kommentare


10.07.09

Death to Spreeblick

Ich bin wirklich brav zurzeit. Ob es draußen 25 Grad hat oder 35, bräunende oder streichelnde Sonne, ob die norwegischen oder die schwedischen Synchronschwimmerinnen vor der Tür kostenlos Eis und Massagen verteilen, ich sitze im Computerpool der Universitätsbibliothek und schreibe meine Diplomarbeit über Blogs und Politik in den USA. Ich komme gut voran und liebe Amerika mit jedem Tag mehr.

Heute habe ich aus Neugier nach langer Zeit mal wieder geschaut, womit sich die größten Blogs in Deutschland beschäftigen.

Großer Fehler.

Dieser Eintrag im Top-5-Blog Spreeblick ist von so einer durchdringenden Perfidie, Pseudoabgeklärtheit, Ignoranz, Bräsigkeit, Konsenssucht, Wohlstandsselbstkasteiung und endlich reaktionären Unoriginalität, daß man den Autor Johnny Haeusler nicht zum ersten Mal gewaltsam schütteln und ihm mit voller Kraft aus nächster Entfernung dies ins verkniffene Irgendwas-mit-Mediengesicht brüllen möchte:

Hör auf, so gott-fucking-verdammt deutsch zu sein!!

Okay. Zwei Pillen und ein Schluck Wasser aus dem Hahn. Systolisch 173, wieder ganz normal also. Zurück an den Computer und alles nochmal ganz langsam von vorn.

Worum geht es?

Das Mitglied in mittleren Rängen der Piratenpartei Bodo Thiesen ist durch fragwürdige Äußerungen zum Holocaust aufgefallen, 2008 auf der Mailingliste der Partei und offenbar schon früher im Usenet, wie einige Blogger herausgefunden haben, und weswegen jetzt offenbar eine Kontroverse hochkocht.

Ahaha, das gute alte tote Usenet.

Mein grausamer, mein geliebter, mein bester Lehrmeister für Diskussionen im Netz.

Schauen wir uns also an, was Bodo Thiesen im Usenet geschrieben hat, aber weil wir nicht so viel Zeit haben, Diplomarbeit, remember, gehen wir nur ganz oberflächlich drüber, zum Beispiel durch Gruppen wie de.talk.tagesgeschehen oder de.soc.politik.misc, gedacht als Anlaufpunkte für gesittete Diskussionen über aktuelle oder fortlaufende Politik, tatsächlich Sammelbecken für Antisemiten, Paranoiker und Wortdiarrhötiker aller eitergrünen bis schwarzbraunen Schattierungen, aber that's the Internet for you. Also, nur ein paar Auszüge.

Bodo Thiesen im Thread "Simon Wiesenthal Center fordert Buchzensur", 28. Februar 2003:

> Ich kaufe Bush diese Rhetorik nicht ab.

Ich auch nicht. Es geht um Öl. Nicht mehr, und nicht weniger.

> Blair und die CDU/CSU stimmen
> ihm zu.

Klar, wer will sich schon die USA und die ##### zum Feind machen?

Gruß, Bodo
--
PS: ##### ist eine freiwillige Selbstzensur, um mich vor juristischen
Atakken von der ######### Seite zu schützen.

Fast alle Einträge von Bodo Thiesen im Thread "Wird Friedmann als Quotenjude geopfert?" aus dem Jahr 2003, zum Beispiel am 13. Juni, am 18. Juni und gleich ein-, zwei-, dreimal am 24. Juni.

Und schließlich Bodo Thiesen im Thread "Geschichte kann auch Strafe sein", 7. Juli 2003:

>> Geschichte kann auch Strafe sein.

>Strafe, die selbst verursacht wurde.

Es gibt Theorieen, die besagen, daß die deutschen Main-Stream-Medien von den
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

[...]

>> Zeigt man denn anderswo auf andere Länder?
>> Zeigt man auf Russland, England, USA oder Japan?

>6 Mio. Menschen wurden umgebracht. Das dauert nun mal bis das vergessen ist.

Zu den 6 Mio. Menschen, kann ich nur sagen, daß ich da so meine
[WARNING in zensoring.c: SENTENCE ABORTED: §130StGB Compliance not assured]

>Unsere Vorfahren hätten sie ja nicht umbringen müssen.

Meine Vorfahren haben keinen umgebracht. Ich kann für Deine nicht sprechen.
Vor allem aber habe ICH keine umgebracht.

>Die verordnete Humanität ist auch in der Bevölkerung nicht so ganz
>angekommen.

Wenn "verordnete Humanität" mit "bitte zahlt mal hier und dann bitte noch
da, ach ja, dies hier hätten wird ja fast vergessen, und natürlich auch
noch ..." gleichzusetzen ist, dann kann ich da auch nichts positives drin
sehen.

>Unsere Straßen sind Luxuspisten während die Scheißhäuser unserer Schulen
>schon lange nicht mehr zu benutzen sind.

Ich habe da meine Beobachtungen gemacht. Wenn ich die hier nennen würde,
würde mich das zu einem Antisemiten oder wenigstens zu einem Nazi machen,
daher lasse ich das jetzt.

[...]

>Man muss sich nicht menschlich nennen sondern auch so handeln.

Klar, das geht aber nicht, indem man fortan auf 12 Jahren "deutscher"
Geschichte rumhackt, und dabei 1000 Jahre vergisst, in denen Deutschland
vom Ausland (vorzüglich F) gegängelt wurde.

Gruß, Bodo

Ich bin seit über zehn Jahren im Internet unterwegs, viele, viele Jahre davon auch im Usenet. Ich erkenne einen Judenhasser und Naziapologeten, wenn ich einen sehe. Ich rieche sie. Die Affinität zu vergifteten Foren. Das obsessive Zergliedern einzelner Wörter. Die Pseudowissenschaftlichkeit und die Pseudoselbstdistanzierungen. "Juden sind auch Menschen", oder anders gesagt, "I have black friends too". Die "clevere" Vermeidung von Justiziabilität. Und über allem der überwältigende Wunsch, fragen zu wollen, was um Himmels Willen Bodo Thiesens Problem ist, wieso er sich in so, so starker Weise mit den Juden und den Nazis befaßt.

Ich weiß es. Ich fühle es in meinen Knochen. Aber ich kann es nicht beweisen. Bodo Thiesens Aussagen sind geschickt genug, seine Punkte gültig genug, um alles glaubwürdig genug abstreiten zu können, und darum schreibt er ja auch, wie er schreibt. Nein, ich bin kein Nazi, aber haben die Polen uns nicht zuerst den Krieg erklärt? Nein, ich bin kein Verschwörungsspinner, aber sind die Umstände von Möllemanns Tod nicht seltsam? Nein, ich hasse keine Juden, aber sollten sie nicht besser zusammenpacken und abhauen? Nein, nein, nein ... aber?

Es gibt für mich keinen Zweifel, daß Bodo Thiesen extreme rechte Ansichten zum Dritten Reich, zum Holocaust und zu Juden hegt. Ansichten, die ich für widerlich, anstößig und absurd falsch halte. Und ich verstehe die Piratenpartei, wenn sie sich überlegt, ob sie so einen Menschen weiter in ihren Reihen behalten will.

Aber, und das ist der Punkt dieses Eintrages, und warum ich es so hasse, daß eine so prominente Plattform, eine so großartige Möglichkeit zur Förderung des Wahren und des Guten wie Spreeblick Beschränkungen der Meinungsfreiheit das Wort redet, ich würde bis zum Blut dafür kämpfen, daß Bodo Thiesen seinen Scheiß, seinen Müll, seinen menschenhassenden Eiter von jedem Dach brüllen darf.

Weil die Freiheit der Rede die erste Voraussetzung einer freien Gesellschaft ist.

Daß jeder mit gleichem Recht sagen darf, was er will.

Daß nicht einige Redner oder Reden gleicher sind als andere.

Nur in dieser grundlegenden Gleichheit bestehen für mich Freiheit und Demokratie.

Wo ist die Grenze dieser Gleichheit, dieser Freiheit?

Erst ganz, ganz nah vor der Nase des anderen.

Alles andere erscheint mir undemokratisch, ungleich, unfrei.

Also: "Feuer!" im geschlossenen, übervollen Kino schreien? Verbieten. "Tötet diesen Bastard, den da hier!" - Verbieten. "Diese Negerhure hier klaut aus der Kasse!" - Vielleicht verbieten. "Schröder, der Bock, schläft mit Maischberger, der Schlampe!" - Nicht verbieten. "Es gab keinen Holocaust!" - Nicht verbieten. "Tod den Juden!!" - Nicht verbieten.

Im Zweifelsfall, gültig wie immer: Laßt. Euch. Eier. Wachsen.

Tut selbst was gegen abstoßende Rede, widerlegt sie zum Beispiel oder redet lauter.

Und hört endlich, endlich auf, nach der Amme Staat zu rufen.

Ihr gottverdammten Deutschen.

Von Andi um 15:36 geschrieben | 9 Kommentare


03.07.09

Nerd

Tage und Tage im Computerpool, tippen und tippen von neun bis neun. Je später die Zündung, desto mehr Schub ist nötig, um schnell in den Orbit zu klimmen. Aber es ist gut, am Abend kann ich die Sterne sehen.

Wer Sonnenuntergangszeiten für Stuttgart googelt, ist doof.

Ein Nerd, den ich aus meinen Italienischkursen kenne, ist auch fast jeden Tag da. Er spricht auch Französisch, zu einem Mädchen einen Computer entfernt, wie sein Italienisch grammatisch und vokabularisch richtig, aber seltsam künstlich, trocken, wie ohne Seele. Er trägt schwarze Schuhe und schwarze Socken, hat dünne weiße Beine in schwarzen Shorts, ein gestreiftes Poloshirt, eine Brille und Haar wie blonde Stahlwolle. Seine Stimme ist eher hoch, und manchmal springt er auf und hilft.

Er hilft Mädchen, sich einzuloggen.

Er hilft Mädchen, sich auszuloggen.

Er hilft Mädchen, Dokumente zu drucken.

Er hilft Mädchen mit USB-Sticks und mit Laptops, mit Büchern aus der Bibliothek und mit schweren Tragetaschen.

Er hilft, Mädchen.

Und nach jeder Hilfe ist es, als dehnte er sich ein bißchen aus, für eine Weile nur.

Nimmt einen Schluck aus seiner Colaflasche, wie Siegeschampagner.

Wirft ein Blatt Papier in den Müll, wie Jordan.

Sieht sich um in seinem Revier, wie König Simba.

Er sieht sogar ein bißchen aus wie Simba.

Wie das Löwenjunge Simba.

Der Nerd im Pool

Ein Mädchen kommt, blumengemustert ihr Kleid, rot ihr Haar, in ihrer Art ein bißchen wie Chloë Sevigny, killer legs, butter face, was denn, ich bin nur ehrlich, ich liebe doch Chloë Sevigny, wie kann man auch nicht, jedenfalls sind alle Plätze belegt, und sie setzt sich auf die Wartebank, und kaum eine Minute später dreht der Nerd sich zu ihr um.

Zu schnell.

Don't do this, boys.

Der Nerd dreht sich so schnell um, wie der studiVZ-Gründer Ehssan Dariani sich in diesem Fremdschämfilm in der Berliner U-Bahn umdreht, um zwei große Blondinen in sein OnanierVideoarchiv zu bannen, und dabei sogar eine der Frauen anrempelt. Ach, Fakebook-Dariani. Röntgen wäre nicht erleuchtender.

Der Nerd fragt, was Chloë braucht, und sie sagt, sie müßte nur was drucken, und er überläßt ihr mit einer in seinen Gedanken weltmännischen Geste seinen Account und tut so, als läse er ein Buch, während sie sich bedankt und ein paarmal klickt, noch vor Sekunden lag seine Hand auf derselben Maus!

Sie ist fertig und bedankt sich nochmal, und wahrscheinlich, damit sie weiß, welches Benutzerkürzel sie am Drucker auswählen muß, reißt er ein Stück Zettel ab und schreibt etwas darauf, vielleicht sein Kürzel, vielleicht seine Nummer, vielleicht eine Zeichnung ihrer Vulva, und gibt ihn ihr, und sie bedankt sich ein drittes Mal, und als sie an meinem Platz vorbei zum Drucker geht, spielt sich das wunderbarste Schauspiel in ihrem Gesicht ab, Verwunderung, Ekel, Dank, Erleichterung und Verstehen, auf mehrere Weisen Verstehen in einer Viertelsekunde.

Ich möchte Regisseur sein, und wie Sergio Leone nur Großaufnahmen von Gesichtern vor überwältigenden Naturpanoramen drehen. Vollkommene Kunst, vollkommenes Leben ...

Im Gesicht des Nerds stehen Ausdehnung und Zufriedenheit und nur ein bißchen Sehnsucht.

Das erste vergeht nach ein paar Minuten.

Das zweite später, am Nachmittag.

Nur das dritte wächst.

Tage und Tage.

Von Andi um 19:29 geschrieben | 12 Kommentare


19.06.09

Iran

Die Grüne Revolution

Ich bin viel zuwenig informiert. Die herkömmlichen Medien machen einen furchtbaren Job, daß die Mullahs den Journalisten das Wort verboten haben, ist keine Ausrede. Im Internet fällt es oft schwer, Rauschen von Wissen zu unterscheiden. Und im Iran lebende Iraner kenne ich leider nicht. Wenigstens auf Blogger wie Andrew Sullivan und einige wenige Medien wie den "Economist", natürlich, und Al Jazeera ist Verlaß, ich empfehle, öfter mal Reportagen dieses Senders anzusehen, Al Jazeera stellt Fragen, die andere Anstalten nicht mal denken können.

Trotz meiner Uninformiertheit daher, und aus der Erfahrung meiner zwei Praktika in Nordkorea folgernd, in Verbindung mit meiner generellen, aber sympathischen Unbescheidenheit, hier meine Gedanken zur Grünen Revolution.

Das politische System Irans funktioniert so: Der Oberste Führer, Ali Khamenei, hat die Macht und genießt sie auch. Er gibt keine Interviews. Er äußert sich fast nie öffentlich. Wenn jemand ihn sehen will, muß er nach Teheran kommen. Er gibt die Richtlinien vor, überwacht die Politik, kommandiert die Streitkräfte und ernennt und entläßt fast jeden hohen Staatsdiener. Ein 86-köpfiger Expertenrat, dem zur Zeit der reichste Mann Irans und Gegner Khameneis, Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, vorsitzt, soll den Obersten Führer kontrollieren und kann ihn theoretisch auch entlassen, aber macht praktisch nichts, außer sich wohlig die Eier zu schaukeln, oder was immer fromme islamische Geistliche stattdessen tun. Kurz, wenn Khamenei morgens in sein Büro kommt, holt er zuerst das gewellte Porträt von Ajatollah Khomeini aus der Schublade und küsst es innig, innig und drei Minuten lang.

Dann steckt er es schnell zurück, weil ihm Khomeinis Blick so Angst macht.

Das lästige Tagesgeschäft des Regierens und der Gesetzgebung übernehmen der Präsident und das Parlament, die vom Volk gewählt werden. Doch Präsidentschaftskandidaten wie auch neue Gesetze müssen erst vom Wächterrat genehmigt werden, der aus sechs vom Obersten Führer ernannten Islamgelehrten und aus sechs vom Parlament aus den Vorschlägen des Oberhauptes der Justiz gewählten Juristen besteht. Wer ernennt das Oberhaupt der Justiz? Der Oberste Führer. So it's good to be the king, denn durch dieses System können die Iraner in vergleichsweise demokratischen Wahlen alle paar Jahre Dampf über Armut, Arbeitslosigkeit und Willkür ablassen, aber dank des Wächterrates bleibt der Deckel drauf, Quatsch wie ein Gorbatschow oder Frauenrechte kommen nicht in die islamisch-republikanische Wundertüte, und Ali Khamenei kann weiter jeden Morgen in Ruhe das Bild seines Vorgängers knutschen, mit Zunge, ganz gleich, wer gewählt wird, knutschen heute, morgen und immerdar, Inshallah.

Warum dann die Fälschung?

Ich denke, der "Economist" trifft es:

What could explain such an apparently blatant attempt to rig an election that, even had Mr Mousavi won, would have represented little threat to either the republic or its supreme leader? The most likely theory is of a plan gone awry. Given the line-up of institutions either controlled by Mr Khamenei or systematically packed with Mr Ahmadinejad’s supporters, and given that no incumbent president in Iran has yet lost to a challenger, it may have seemed safe to bet on the president’s victory. This would have brought the added satisfaction to many dyed-in-the-wool conservatives, possibly including Mr Khamenei, of weakening the position of Mr Rafsanjani, who has mounted a rearguard struggle to contain the president’s influence.

Just to make sure, strong potential challengers, such as Mr Khatami and the popular, conservative mayor of Tehran, Muhammad Qalibaf, were "persuaded" by the supreme leader not to run. Compared with the ebullient, politically canny Mr Ahmadinejad, the three remaining challengers appeared drab and uninspiring. Mr Ahmadinejad felt so confident that he agreed to an unprecedented series of televised debates. His superior political skills gave him the advantage on screen, but his scorn for his rivals helped stir up a surge of sympathy for Mr Mousavi, dispelling the political apathy that normally pervades Iran’s middle class.

Conservatives suddenly found themselves facing a torrent of youthful activists, their passion for change magnified by the spontaneous but effective use of simple symbols and modern communications. Stunned by this turn of events, Iran’s deep state appears to have opted for a last-minute, and therefore clumsy, attempt to alter the outcome in the president’s favour.

Revolutionsführer Khamenei sitzt mit seinen engsten Vertrauten in seinem großen Büro, legt die Hände auf den Bauch und wartet zufrieden auf die ersten Wahlergebnisse. Ein Foto von Ajatollah Khomeini steht auf dem Schreibtisch, es scheint nur etwas gewellt zu sein. Präsident Ahmadinejad hat einen guten, nein hervorragenden Wahlkampf geführt. Alle wichtigen Männer im Staat haben sich für ihn ausgesprochen. Die Medien haben unablässig sein Lob gesungen, die Imame für ihn gebetet, sogar einige Schauspieler in spontanen Straßeninterviews für ihn geworben, am beeindruckendsten fand der Oberste Führer eine blutjunge ...

"O Oberster Wächter des Rechts?"

"Kreuzdonnerwetter Mohammad, wie oft habe ich gesagt, daß Du mich nicht bei diesem Titel nennen sollst!? Wie soll ich das auf eine Visitenkarte drucken?! Außerdem ist nichts langweiliger, als ein Wächter zu sein ... Nachtwächter!! Was haben wir vereinbart?"

"Ähem ... O König der Pimps, d-"

"Besser."

"O König der Pimps, die Wahlbeteiligung beträgt über 80 Prozent."

"Sehr gut! Umso mehr Stimmen für ... wie heißt er noch? Mit dem Bart? Und dem strengen Geruch?"

"Äh ... unsere Prognosen zeigen, daß die meisten dieser zusätzlichen Wähler nicht für Präsident Ahmadinejad, sondern für Herrn Mousavi gestimmt haben. D-die ersten Wahllokale melden, daß Herr Mousavi mit über 60 Pro-"

Ali Khamenei wird weiß. Ali Khamenei wird rot. Er holt einen goldenen Pimpstock hinter seinem Sessel hervor. Er schlägt seinen Assistenten Mohammad auf den Kopf. Er schlägt den Vorsitzenden des Wächterrates in die Rippen. Er schlägt das Oberhaupt der Justiz in den Schritt. Er schlägt sogar das Foto von Khomeini von seinem Tisch, hebt es aber schnell wieder auf. Er nimmt den Telefonhörer und brüllt, brüllt, brüllt, bis er nur noch japsen kann. Reformwähler? Die sich gegen seinen Kandidaten stellen?! Änderungen an seinem System verlangen?!? Ihn herausfordern mit Millionen über Millionen von Stimmen, ihn, König der Pimps?!?! Das wollen wir doch sehen!!!!1

... Diese nichtenheiratenden Bastarde in der Provinz können nicht mal Wahlen richtig fälschen, denkt Khamenei. Mir-Hossein Mousavi soll sogar in seiner Heimatregion verloren haben, in seinem gottverdammten Hinterhof. Seit Tagen marschieren hunderttausende Halbstarke in grünen Lumpen durch die Straßen und lassen sich nicht mal von den prügelnden und mordenden Freiwilligentrupps der Basij einschüchtern, und sie werden immer mehr. Irgendwo sitzt dieser widerliche Geldsack von Rafsanjani und wartet nur darauf, Oberster Führer anstelle des Obersten Führers zu werden. Und was die Armee und selbst die sonst so loyale Revolutionsgarde angesichts der protestierenden Massen ihrer Brüder und Schwestern machen werden, ist alles andere als sicher. Was soll Khamenei tun? Er schaut auf das Porträt von Khomeini, aber bekommt wieder Angst vor dem Blick.

Die Fälschung einzugestehen wäre geradezu lebensgefährlich und sicher das Ende der islamischen Republik. Aber Ahmadinejad hat als Präsident ausgedient, niemand akzeptiert seinen Sieg. Doch eine Wiederwahl zu organisieren, in der Mousavi gewänne, würde zu tiefgreifenden Veränderungen führen, vielleicht müßte Khamenei sogar seinen Pimpstock abgeben. Und die Proteste auszusitzen ist auch unrealistisch, hier ist f'ing Iran, und wenn die Iraner eins können, dann protestieren. Bleibt nur ... Gewalt? Aber würde das die Legitimität der Republik nicht noch mehr zerstören als das Eingestehen des Betruges? Würde das nicht Khameneis Abgang in Blut beschleunigen, ja garantieren? Wäre das nicht ... das Ende?

Der Oberste Führer der Islamischen Republik Iran Großajatollah Sayyid Ali Hoseyni Khamenei sieht auf seinen Pimpstock. Er sieht auf das Porträt von Ruhollah Khomeini. Er versucht, auch so zu schauen wie Khomeini, aber vor Anstrengung wird ihm schwarz vor Augen. Er greift seinen Stock fester. Freitag, zum Gebet, wird er es ihnen zeigen, wird er es ihm zeigen, ja, Freitag. Freitag! Freitag!! ...

Ali Khamenei

Der Oberste Führer des Irans hat heute drei Dinge gesagt:
  1. Die hohe Wahlbeteiligung zeigt die Akzeptanz unseres Systems
  2. Das System funktioniert, es gab keine Fälschungen, I <3 Ahmadinejad, suck on it
  3. Ergo sind Demonstranten Feinde unseres Systems und werden plattgemacht. AB MORGEN
Was er nicht gesagt hat, aber zwischen den Zeilen schon, war dies:
  • Mahmoud, Du Versager, wenn ich untergehe, sinkst Du mit! Kiss of death, sucka!
  • BFF, Rafsanjani? Pretty please? Bitte nicht absetzen ... oder sonst! B-b-bitte?
Was heißt das nun alles? Was wird als nächstes passieren? Sind Khamenei und seine Getreuen tatsächlich so machtsüchtig, im Jahr des Twitterns 2009 ein Tiananmen an ihrem eigenen Volk zu versuchen, das Märtyrer verehrt? Würden die Armee und die Revolutionsgarde dabei mitmachen? Was wird Rafsanjani tun? Und werden sich die mutigen Iranerinnen und Iraner unterdrücken lassen und von nun an zuhause bleiben? Die Menschen, die nach Freiheit rufen, verstummen?

Wie gesagt, ich bin zuwenig informiert.

Doch eins weiß ich: Die Freiheit wird siegen, am Ende.

Möge es bald kommen.

Von Andi um 14:18 geschrieben | 0 Kommentare


05.06.09

Meam vide umbram

Direkt, nachdem ich mein Studium gewechselt hatte, fast buchstäblich gestern noch exmatrikulierter Informatiker (don't ask), heute schon aufstrebender Technikpädagoge, hatte ich das erste geisteswissenschaftliche Seminar meines Lebens, "Geschlechtsspezifische Differenzen im Berufsbildungs- und Beschäftigungssystem", bei Dr. Carmen Eccard.

Ich hätte es nicht besser treffen können.

Die Referate waren lebendig und überzeugend. Die Inhalte waren fantastisch interessant und haben mich endgültig zum Feministen gemacht. Das Seminar war toll organisiert und schenkte Lust auf Wissenschaft, vor lauter Übermotivation habe ich sogar eine Hausarbeit von 27 Seiten produziert. Und Dr. Eccard war engagiert und menschlich und wurde meine Goto-Dozentin für alle feministischen Fragen, noch Anfang dieses Jahres hat sie mir auf meine Bitte nach Quellen für eine mögliche Diplomarbeit über Gender und Computer freundlich und ausführlich geantwortet. Wenn ich eine Lieblingsdozentin habe, dann sie.

Hatte.

Carmen Eccard ist am Pfingstmontag mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrer zweijährigen Tochter auf dem Air-France-Flug 447 gestorben.

Einfach so aus dem Leben gerissen.

Weg.

Und es tut mir so leid.

Meam vide umbram, ja.

Aber es geht so weiter, auf der Sonnenuhr: Tuam videbis vitam.

Sieh auf meinen Schatten, und Du wirst Dein Leben sehen.

Zerbrechlich und kostbar. Schillernd und kurz. Reich und vielleicht morgen vorbei.

Nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist.

Wie es Carmen Eccard getan hat.

Vale!

Von Andi um 13:00 geschrieben | 2 Kommentare


Nach oben