27.10.06

Der Exhibitionist

Heißt es: Aber Andi, was schreibst Du denn so viel über Dich, über Dein Leben? Ist das nicht zu privat, zu persönlich, zu intim? Verrätst Du nicht zuviel, zuviel über Dich?

Sage ich: Nichts wißt Ihr, nichts. Nichts schreibe ich über Vater W. und Mutter T., die man nicht nicht lieben kann. Nichts über Schwester A., die einzig Einzigartige. Nichts über Freundin S., über die ich stundenlange Oden dichten könnte, und zurecht. Nichts über M., meine Liebste. Nichts über M., das Messer des Scharfsinns, nichts über D., das Buch der Unkultur, nichts über T., den Menschen T., oh, Baby. Nichts über die wichtigsten Beziehungen meines Lebens.

Nichts über das Gesicht, das ich beim Orgasmus mache, kein sehr intelligentes. Nicht, ob ich mein Klopapier knülle oder falte. Nicht, was ich frühstücke, nicht, ob Kaffee oder Tee, nicht, was ich in Seminaren klugscheiße, nicht, ob ich links oder rechts schreibe oder trage, nicht, was für Bücher in meinem Regal stehen, was für Hemden in meinem Schrank, was für Gedanken in meinem Kopf. Nichts wißt Ihr, nichts!

Heißt es: Aber Andi, hast Du denn keine Angst, dass ein Arbeitgeber das liest? Ein Vater, eine Mutter, eine Liebe? Hast Du denn gar keine Angst?

Sage ich: Wollt Ihr in einer Welt leben, in der Ihr Scheren in Euren Köpfen schnappen laßt, weil Ihr Angst um Eure iPods habt, Euren Daimler, Eure DVDs, wollt Ihr Sklaven von denen sein, die Euch nur zu gern zu welchen machen würden, wollt Ihr das, was seid Ihr nur für Feiglinge, für elende Feiglinge? Ja, wohl gesprochen vom Experten, vom Kaiser und Gott des Abgemahntwerdens, vom Wohlstandskind de Luxe, vom Prasser Numero Uno, der nicht einen Tag seines Lebens hungern mußte, aber trotzdem wahr, und Ihr wißt es, Ihr wißt es.

Und wollt Ihr eine Liebe leben, die Euch nicht kennt, Eure Keller, Eure Spinnweben in den Ecken, Eure Kakerlaken, Ihr verdammten, elenden Weicheier? Glaubt Ihr wirklich, das hier bin ich, ganz ich, die unvermeidliche Verzerrung der Schriftform schon abgezogen?

Ich bin Andreas C. Lazar. Das hier aber ist Andis Soapbox.

Ein Teil von mir, natürlich. Ein lauter, scharfer, besserwisserischer, bisweilen schwer erträglicher Teil. Das bin ich und doch nicht. Das Leise, das Sanfte, das Zuhörende, das sehr Angenehme bin nämlich auch ich, aber nicht hier, nicht auf der Soapbox. Hier ist Ersteres, und das brechtsche Theater, und die Grandezza, und die Pose, und wenn Euch das nicht paßt, verpißt Euch und lest ein Kuschelblog, bis die Welle kommt, und zurecht. Das Leben aber ist das Andere, und das Leben ist nicht hier. Und Schluß.

26.10.06

Those were the days 8

Hier die früheren Teile dieser Serie: 1, 2, 3, 4, 5-1, 5-2, 6, 6 1/2, 6 3/4 und 7.

Es ist soweit. Der Wanderer gewahrt den Bergkamm. Der Bocksgesang hebt zur Peripetie an. Klotho nimmt einen neuen Faden-

"Oh. Mein. Gott. Kannst Du einmal eine Geschichte normal erzählen? EINMAL?!?"

Ich war schon über ein Jahr Informatikstudent gewesen und, natürlich, immer noch gezwungen Single. Hatte nach dem zweiten Semester, damals schon mit dem Fach unfroh, alle nötigen Untersuchungen machen lassen, um meine Tauglichkeit für meinen alten Traumberuf des Piloten zu bestätigen, 20/20 war ich, natürlich, aber im letzten Moment habe ich vor dem Lufthansatest gekniffen.

"Warum?"

Das Geld hätte nicht für die Ausbi-

"Und warum wirklich?"

Angst?

"Wen fragst Du das? Aber können wir darüber nicht in einem anderen Eintrag schreiben? Ist ja nicht so, dass Du nicht noch genug Stoff für die nächsten Jahre hättest, Psycho Boy."

Na gut. Jedenfalls studierte ich also weiter, und nach einer etwas sinnlosen und kurzen, natürlich unglücklichen Winterverknalltheit in eine etwas kurz Bekannte ging ich, das Frühjahr kam, zur, ich glaube, Geburtstagsfeier eines Freundes, nennen wir ihn Julius, Julius No.

"Oh Gott. In Ordnung, James. Erzähl einfach weiter ..."

Alle zehn, fünfzehn Gäste saßen im Kreis, aßen Chips, tranken Fanta, die Wagemutigen Cola, sprachen über Speicherbausteine, es war eine Informatikerparty, sprachen in Grüppchen von zwei, drei, ich schwieg, dann kam, aus der Küche, sie.

Sie, eins siebzig, schlank, fast dünn, Haut wie Creme, Haare wie Honig, Augen wie Karamell, Worte wie Sahne, im Gespräch mit ihm, Oddjob, nennen wir sie Honey, Honey Ryder. Sie sagte, ich weiß es wie gestern, antisemitischen Schwachsinn, jeder Befehl für Israel werde in New York unterschrieben, was half's, ich war aus fünf Metern, in fünf Minuten, am anderen Ende des Kreises, schon hoffnungslos verliebt, starrte und schwieg. Die Zeit ging, die Informatiker gingen, ich war später gekommen, wollte also noch "ein bißchen" bleiben, sie hatte ein Auto, das Natürlichste der Welt, dass sie mich noch heimfährt, es war doch schon spät, nur, Oddjob, der auch noch "zufällig" da war, mußte ebenfalls heim.

Wir fuhren zu dritt, kamen endlich an der Universität heraus, zur Abzweigung, an der wir rechts mußten, um zu seinem Wohnheim zu kommen, aber er sagte nichts, nichts, ich konnte ja nicht erwähnen, dass wir HIER RECHTS REIN müssen, wie ein Kettenhund von einer Anstandsdame, dabei war ich längst beides, aber egal, nur eine kleine, signifikante Episode. Vor meinem Zuhause tauschten wir Mailadressen, ein seltener Gipfelpunkt meiner Traute, und so begann es, alles.

Studium-Generale-Vorlesung, Geschichte der Rauschmittel, interessant, No, Oddjob und ich warten auf sie, sie kommt auf der Rolltreppe aus dem Tunnel, Honey, Eurydike, Oddjob umarmt sie linkisch, ich traue mich nicht mal das, im Hörsaal läßt er erst No in die Stuhlreihe, dann sie, bevor er sich, sein Plan, neben sie setzen kann, schlüpfe ich dazwischen, wir Comicfiguren.

Ich treffe sie zufällig, auf dem Weg zur, sie von der Uni, ihre "Telefonphobie" läßt sie ihre Nummer nicht so einfach herausgeben, ich schlucke es, wie alles, schreibe ihr Mails, Mails, Mails, in die ich mich hineingebe, hineinlebe, hineinblute, Orpheus, aux enfers.

Wir sitzen auf dem Rasen an der Universität, ich greife Grashalme von ihren Schuhen, wir sprechen über Kershaws Hitlerbuch, Reich-Ranickis Lebensbuch, Himmel.

Wir sitzen auf der Bank im Park, es ist flirrender Frühling, die Bäume schneien, meine Augen, Heuschnupfen, brennen, ich nestele Blüten aus ihrem Haar, sie lacht, mein Herz schlägt, aber ich habe gefragt, ob ich ihre Haare berühren darf, ich will nicht scheinen, als wollte ich sie nur, weil sie gerade wenige Monate getrennt ist, ich will sie nicht belästigen, nicht bedrängen, nicht berühren, stehe mir selbst im Weg, wie ein Riese, wie ein Wurm.

Ich treffe meine Freunde vom Bund, morgens ist mein erster Gedanke sie, nach der Sauftour laufe ich zu ihrer Wohnung, pflücke eine Blume aus dem Park, hefte einen Gruß daran, suche nach ihrem Briefkasten, als ich merke, dass er im Hausflur ist, abgeschlossen, ein Moment Verzweiflung, doch der Stapel Samstagszeitungen ist schon da, nur sie liest DER ZEITUNG, Gott bewahre, aber als sie sie am Morgen öffnet, fällt meine, ihre Blüte in ihren Schoß, sie freut sich, sehr.

Ihr Geburtstag, sie sagt, meins sei das beste Geschenk, Lyrik, Heine, mit Widmung.

Sie ist oft nicht erreichbar, nicht am Telefon, nicht per Mail.

Ich stammele, wie sehr es mich freut, Zeit mit ihr zu verbringen, sie sagt, dito, immer das, nur das, dito.

Ich frage, ob ich ihre Hand nehmen darf, ich frage es tatsächlich. Ich darf.

Mir ist nach einer Party, mit Krabbensalat, schrecklich übel, wir bringen sie heim, unsere Hände berühren sich am Geländer vor dem Haus, unsere Blicke, ich hätte sie geküsst, wäre mir nicht so übel gewesen.

Mein letzter Gedanke abends ist sie, ich zittere, meine vergangenen Nichtliebschaften türmen sich schwarz neben, über meinem Bett, über mir.

Lichterfest Stuttgart, zu dritt, No, ihr bester Freund, Honey, ich, danach müssen wir eigentlich in zwei verschiedene Richtungen heim, aber ich gehe mit ihnen, nehme Anlauf, zwei Stunden lang. Vor ihrem Haus, Warten auf mein Taxi, vier Uhr morgens, ich frage sie, ob ich ihr was sagen kann, ja, ich stammele, sage, dass ich mich mit Haut, Haar, hätte ich Federn, auch mit ihnen, in sie verliebt habe, verliebt, verliebt.

Sie hat auch Gefühle für mich, fühlt sich überrascht, sagt, laß es uns am Telefon besprechen, am Telefon.

Sie hat es nie mehr abgenommen.

Fortsetzung folgt ...

23.10.06

Carmen, Staatsoper Stuttgart, Premiere

Manchmal ist die Oper schwer zu ertragen. Der aufdringlich unnötige Pomp der Häuser. Die wie für ihre letzte Überseefahrt aufgetakelten Fregatten von Großmetzgersgattinnen und ihre ebenso geschmacklos stilbefreit gekleideten Kreditkartenbefüller. Der bleierne Mythos der achsoschweren Kunstform, nur weil man eine schiefe Note physisch eher spürt als einen falschen Gesichtsausdruck oder ein krummes Drehbuch. Und wenn schon. Die spastischen Schauspielgesten der allzuvielen Sänger, die nur Singen gelernt haben und sonst nichts. Die bis zum Schwachsinn platten Libretti. Die Mondpreise für das Programm und die Pausensnacks, die man nur aus Hunger und Geiz nicht den fachsimpelnden Kennern in ihre schwadronierenden Fratzen schmiert, die sich laufend fragen, ob "man" "das" denn "so" zeigen "müsse" und ob "die" Sängerin nicht "mal" "besser" gewesen sei. Die Buhrufe der Bürgerzombies, der untoten, entkernten Gerippe früher vielleicht existenter Tugenden, für nicht in ihren verrotteten Protogehirnen goutierte Inszenierungen.

Solange die Oper, solange das Publikum so ist, kann das neuerdings so vielgeschmähte Regietheater gar nicht überflüssig geworden sein. Es ist bei einigen ja offenbar noch nicht einmal angekommen.

Soviel als Vorrede zur eben gesehenen und gehörten Premiere von "Carmen" in der Staatsoper Stuttgart. Die Primadonna Karine Babajanian in der Titelpartie und Will Hartmann als Don José schlagen sich sehr achtbar, auch wenn sie zumindest auf mich und zumindest vorhin ein wenig müde wirkten. Umso besser Ina Kancheva als eine rührende Micaëla und Vincent Le Texier als komischer Escamillo, und die herausragende Klasse des Orchesters, diesmal unter der energischen Julia Jones, und des von Michael Alber geleiteten Chors muß man ja nicht mehr extra erwähnen. Verdient brandender Applaus für die Musikkünstler.

Viele Buhs aber für die Regie, die sich doch tatsächlich erdreistet, die Handlung aus dem gewohnten Sevilla ganz in Don Josés Inneres zu verlegen und ihn durchaus folgerichtig als passives und unsicheres Würstchen zu zeichnen, dessen aggressive und eifersüchtige Seiten von der armen Carmen zu beider Verderben hervorgeholt werden: Nur in ihrem Tod kann er sie besitzen. Mit einem ständig zwischen den Sängern herumspringenden grünen Schmürz (Christian Brey), vielen wilden Clowns, der sehr eigenwillig zurechtgebogenen Übersetzung und einem groß über dem Tor zum Hintergrund leuchtenden "Passage du désir" gerät Sebastian Nüblings Inszenierung zwar ziemlich plakativ, aber in seiner Erforschung der Psychen des gefangenen Weicheis und der zwangsfreien Zigeunerin sehr spannend und anregend. Und damit auch unendlich wichtiger, unendlich nötiger als die naive Malerei, die sich die Buher und "Bild"-Leser anscheinend so sehnlich wünschen, in starrer Angst vor dem brüllenden Miura der Realität. Aber was werfen sie auch ihre Estoques weg? Heißt es doch: Toréador, en garde! Toréador! Toréador!!

Matador heißt Töter

20.10.06

Andis Videobox 1

Der Berg kreißte, oh Gott, 67 Takes und gebar dies. Enjoy!

Hier die im Video genannten Artikel Anders als Amerika und Darfur? War da was?

Der Metzger von Grosny

Der Schlächter von Tschetschenien hat Deutschland besucht. Der Blutsäufer des Kaukasus. Der Menschenfresser aus Moskau. Wladimir Wladimirowitsch Putin. War in Dresden, seiner früheren Wirkungsstätte. Seiner früheren Wirkungsstätte als KGB-Agent. Zur selben Zeit, als daheim in Moskau die Journalistin Anna Politkowskaja begraben wurde, ermordet, wohl möglich von seinem hochsympathischen Satrap Ramsan Kadyrow.

Und wo waren die Pazifisten? Die friedensbewegten Millionen des Zweiten und Dritten Golfkrieges? Die vorgeblichen Menschenfreunde? Die Krokodilstränenzerdrücker?

Man kann es wirklich nur mit Davids Medienkritik sagen, dem wir sonst nur bedauerlich selten zustimmen können:

The professional protester class, the Angry Left, the eternally self-righteous, indignant marchers who pose as saviors of the world as their rainbow flags flutter in the wind are nothing but a pack of morally and intellectually bankrupt hypocrites.

Hurrikan Mark

Maf54 (8:03:47 PM): what you wearing
Xxxxxxxxx (8:04:04 PM): normal clothes
Xxxxxxxxx (8:04:09 PM): tshirt and shorts
Maf54 (8:04:17 PM): um so a big buldge
Xxxxxxxxx (8:04:35 PM): ya
Maf54 (8:04:45 PM): um
Maf54 (8:04:58 PM): love to slip them off of you
Xxxxxxxxx (8:05:08 PM): haha
Maf54 (8:05:53 PM): and gram the one eyed snake
Maf54 (8:06:13 PM): grab

Der 52-jährige amerikanische Kongreßabgeordnete Mark Foley und mit ihm die Republikaner sind in einen Sexskandal von epischen Ausmaßen verwickelt, gut einen Monat vor den Midterms. Gemütliche zwei Wochen später berichtet die "Zeit" darüber, nachdem die Blogs die Affäre bereits in ihren kleinsten Einzelteilen analysiert haben. Gut, dass ich sie abbestellt habe.

18.10.06

Dove Evolution

Es mutete mir schon immer etwas seltsam an, dass eine Firma, noch dazu ein Kosmetikhersteller und eine Unilever-Tochter, sich gegen das herrschende Schönheitsideal wenden sollte, schließlich verdient sich mit in und mit sich zufriedenen Menschen kein Geld, womit auch, aber sehenswert ist Doves neuer Werbefilm trotzdem.

Der europäische Eunuch

Al Gore hat einen Film über sein Herzensthema gemacht. Einen so couragierten wie engagierten Film gegen die Bedrohung der globalen Erwärmung. Und wie reagiert der Europäer, der ewig saftlose, jammernde, impotente Eunuch, natürlich, zum Beispiel in der "Zeit": Aber wir haben das doch schon längst begriffen, schon längst! Wozu denn diese durchschaubare Gefühligkeit, dieser rohe, unfeine Patriotismus, diese lächerlich naiven Appelle? Soll dieser kulturlose Scheich, dieser ungehobelte Rüpel, sich doch lieber ein Beispiel an uns nehmen! An uns kultivierten, bescheidenen, sympathischen ...

Nur, der Scheich fickt den Harem. Nicht der Eunuch.

Wie es ein anderer Artikel im selben Blatt eindrucksvoll belegt. Auf der selben Seite. Wie weit geht unser Realitätsverlust noch?

Götz W. Werner

Am 17. März wegen erstaunlichen Andranges in der Johanneskirche am Feuersee zum Ende der Arbeit und dem bedingungslosen Grundeinkommen gehört.

Utopisch und radikal mag der Plan von einer besseren Welt sein. Problematisch, was die Herrschenden eigentlich machen, wenn die Beherrschten frei sind, wirklich frei. Unlösbar vielleicht die Herausforderung, die Zumutung dieser Freiheit. Und ärgerlich, dass einige Zuhörer im dm-Chef sogleich einen Guru sehen, der ihren bisherigen ersetzt, Verödung alter Warzen inklusive.

Richtig aber ist, dass Arbeitsteilung und Rationalisierung unseren Wohlstand und Überfluß geschaffen haben und weiter vergrößern. Dass sie unzweifelhaft weiter am Werk sind und uns damit die Arbeit abnehmen. Die Zukunft kommt, das Licht am Ende des Tunnels, und ob es das Land hinter den Bergen ist oder der TGV Atlantique, entscheiden wir. Worauf also warten wir?

13.10.06

Automatix

Er steigt in Feuerbach in die U13 ein. Man ahnt den Körper eines Schmieds unter seinem dicken Pullover und seinem Blaumann. Seine schulterlangen Haare sind dunkelblond und leicht gelockt. Sein dichter Gallierbart läßt seine Mundwinkel traurig scheinen, doch erst die sattblauen Augen unter den schweren Brauen drücken seine tiefe, tiefste Verzweiflung wirklich und erschütternd aus. Er trinkt noch in der Bahn ein kaltes Bier und schüttelt sich ein wenig bei jedem Zug. Unendlich unstillbarer Schmerz spricht aus dem Gesicht des Mannes, der im falschen Jahrtausend geboren wurde.

Those were the days 7

Where were we ...?

Ah: Hier die Teile 1, 2, 3, 4, 5-1, 5-2, 6, 6 1/2 und 6 3/4.

Nach der Schule also. Zwei Monate Nichtstun. Immer noch ungeküsst. Dann zum Bund, Rommelkaserne Dornstadt bei Ulm.

"Warum?"

Das Kreiswehrersatzamt hatte die neuen Rekruten ...

"Du bist so witzig. Warum?"

Warum nicht?

"Das ist Dein ganzer Grund? Bist Du ein bißchen bescheuert? Oder einfach nur naiv?"

Nein wirklich, warum nicht? Ich war schon damals kein Freund der besonders perversen Abart des Antiamerikanismus, die sich hierzulande Pazifismus nennt, fürchtete keine körperliche Betätigung und konnte und kann bis heute pathologisch schlecht lügen, vorgeschobene Gewissensgründe kamen also nicht in Frage. Ich würde schießen.

"Brav, Rambo. Erzähl weiter."

Die Grundausbildung war schön. Jeden Tag voll zu tun, euphorisierender Sport, durch unberührte Natur gleiten, das heißt, in tiefster Gangart mit der Nase mitten durch die warme Erde, totale abendliche Erschöpfung, schwacher Schein des verborgenen Feuers in klarer Nacht im Wald ... Die anderen haben alle gelacht, als ich am Ende, als wir unsere schönsten Momente erwähnen sollten, jenen nannte.

"Dich gibt's wirklich nur einmal, Rambo. Und wahrscheinlich nimmst Du das auch noch als Kompliment."

Danach, in der Fahrschulkompanie, war nicht so viel zu tun, eigentlich gar nichts. Von Pause zu Pause gehangelt, vor dem Spieß versteckt, Eier geschaukelt, Tage gezählt ...

"Ich will ja nicht ungeduldig wirken, aber was haben diese sicher pittoresken Schilderungen eigentlich mit dem Thema ..."

Die Kameraden hatten alle ihre Freundinnen. Nach Dienstschluß, im Halbdunklen unseres Korridors, leuchteten die Displays ihrer damals klobigen Telefone grün, Flüstern erfüllte die Luft. Mittendrin ich, so einsam, wie man in einer Menge von Menschen nur sein kann. Wundert es, dass ich verzweifelt mein Adreßbuch durchblätterte, nach Nummern suchte, die auch ich anrufen konnte, und auf der anderen Seite dann im besten Fall Amüsiertheit und ein nettes Gespräch, ansonsten Schweigen erntete? Wundert es, dass ich, als Kamerad H. mich fragte, wieviele ich schon "gehabt" hätte, schwieg, immer noch unfähig zu lügen, aber auch zu feige, die Wahrheit vor ihm, vor mir auszusprechen? Wundert es, dass ich still weinte?

"Manchmal machst Du es einem echt schwer, noch sarkastisch zu sein."

Endlich schrieb ich Belle einen Brief, ich vermißte sie. Sie, der Mensch, der sie war, traf sich mit mir auf einen Spaziergang, freudig, längst hatten wir uns wegen der Gastonne-Geschichte ausgesöhnt, doch hatten wir uns die letzten Monate nicht gesehen. Und während wir so gingen und sprachen, sagte sie mir, auf mein freundliches Stupsen hin, sie habe einen Freund.

"Und Du?"

Ich brachte unser Date hinter mich, wie es eben ging, mehr Automat als Mann, lief heim, laute Musik, lautere Verzweiflung, ich habe sie nie mehr gesehen. Das ist heute acht Jahre her.

"Dir war wirklich nicht zu helfen, oder? Ist Dir vielleicht irgendwann einmal aufgegangen, wie verletzend es ist, wie eine heiße Kartoffel fallengelassen zu werden, nur weil man einen Freund hat, wie verletzend es ist, als pures, pures Mittel zum Zweck benutzt zu werden? Ist das so schwer zu verstehen? Warst Du wirklich so vernagelt, so versperrt, so dumm, Du?"

...

"Ich hoffe nur für Dich, dass Du weißt, was Du ihr sagen wirst, wenn Du sie je wiedersiehst. Sieh Dich vor, man trifft sich immer zweimal."

Interessant wär's ja ... Nach dieser Episode war aber nicht mehr viel, und trotz mehreren Discobesuchen mit den Kameraden verließ ich schließlich das Militär im Sommer des nächsten Jahres genauso unberührt und liebesdurstig, wie ich im Herbst zuvor gekommen war. Mein nächstes Ziel: die Fakultät Informatik.

"Selbst wenn man wollte, könnte man Dein Leben nicht satirischer erfinden. Ich kann mir genausogut noch eins wie noch tausend Kapitel dieser Serie vorstellen und weiß nicht, ob ich darüber weinen, bitterlich weinen oder lachen soll, aus vollem Herzen lachen. Hör nur nicht auf, bevor es zu Ende ist."

12.10.06

Deutschlandreise, Teil 3

Hier Teil 1 und Teil 2.

Man kommt tatsächlich für drei Euro mit dem Bus von Maastricht nach Aachen, mitten gleichsam durch die unverdienten Früchte des Friedens. Weniger erfreulich aber ist der Thalys nach Köln, der für französische Renommiertechnik typisch das einschüchternde Äußere eines TGV-Bastards mit muffig-klaustrophobischem Inneren verbindet. Auch der ICE in Köln mißfällt, indem er weder fahren noch klimatisieren will und ich so zum dritten Mal auf dieser Reise eine Stunde an einem Bahnhof harren muß. Schließlich komme ich aber doch noch an meinem letzten Ziel München an und gehe mit Freund M. ein so leckeres wie preiswertes, nur in diesen Tagen nicht fragen, warum, Schnitzel essen und danach leicht anschickern.

Im röhrenden Suff blubbert meine alte Idee nach oben, doch einmal den guten, so unverständlichen wie glasklar brillanten Jürgen Habermas zu besuchen, der heute bekanntlich in Starnberg bei München wohnt und sich sogar mit kompletter Adresse im Telefonbuch finden läßt. Am nächsten Tag irren wir also zuerst zwei Stunden auf der Suche nach dem übrigens hervorragenden "Die postnationale Konstellation" durch die königlich bayrischen Buchläden, um eine Ausrede zum Signieren zu haben, und dann noch eine halbe Stunde an den Bürgerpalästen Starnbergs vorbei, auf der Suche nach Habermas' unauffälliger Hausnummer vor seinem ansonsten durchaus überraschend auffällig avantgardistischen Heim. Leider teilt uns seine skeptische Frau wahrhaft oder nicht mit, der Professor sei unterwegs und auch am Abend nicht da, und so bleibt uns nur, in den allerdings sehr schönen See zu gehen.

Ich ohne Habermas

Nach einer außergewöhnlich leckeren Brotzeit mit Maß in einem Biergarten muß ich schließlich auch München verlassen und nehme zufrieden Platz im Intercity nach Stuttgart.

Neben einem herrenlosen Rucksack.

Gegenüber einer Gruppe mittelalter Frauen, die anscheinend, schauder, von einer Reise auf Commissario Brunettis Spuren geradenwegs aus Venedig kommen und sich mit entsprechend angeregter Fantasie nach und nach in die absurd narzißtische Vorstellung hineinplappern, der böse schwarze Mann mit dem Turban wolle sie an einem Mittwoch spätabends zwischen Geislingen und Göppingen in die Luft sprengen, nur sie und die drei anderen Passagiere. Sie rufen, schreien bald nach Herrn Buchholz, ihrem Leiter und Babysitter, aber das Schlimme, das wirklich Schlimme ist, dass ich mich selbst nicht traue, den Rucksack zu öffnen, von der hysterischen Stimmung für einen Moment nur angesteckt. Endlich beendet Held Buchholz den Spuk, indem er das Ding auf die Ablage wuchtet, bis es schließlich einige Minuten später ein gemütlich buchhalteriger Nerd lächelnd abholt. Grübelnd gehe ich nach Hause. Und das ist Urlaub?

11.10.06

Fall Ferres, Fortsetzung

Veronica Ferres' Büro hat mir geschrieben, "nach Rücksprache mit", jetzt sind es schon mehrere, den Anwälten und, oha, Ferres selbst.

Sie verzichtet auf die 10.000.

Puh. Doch kein Ende in der Gosse. Doch nicht mit manisch flackerndem Auge aus verlaust zotteligem Vierfarbenbart und einer krampfhaft mit krummen, gelben Fingern festgehaltenen Flasche gluckernden Pennerglücks Passanten wildeste Obszönitäten nachschreien und immer wieder wie besessen "Demmokrazie schtonk! Free spraken schtonk! Schtonk! Schtonk!! Schtooooooooonk!!!" brüllen müs-

Ich auf der Straße

Oh Moment. Der Satz geht ja noch weiter.

Sie verzichtet auf die 10.000, wenn ich die Anwaltskosten zahle.

Weil sie, was verständlich ist, nicht für meine Angriffe finanziell geradestehen wird und mir bereits weit mehr entgegenkommt, als sie muß. Womit sich die Ferres als unerwartet cool herausstellt, ich auf ihren fairen Vorschlag dankbar eingehen und hernach nimmermehr an sie denken werde. Wir sind quitt.

Nicht so cool ist aber, dass die Rechnung wohl vierstellig sein wird. Weil die Kosten für den Anwalt sich, wie geschrieben, am Streitwert bemessen. Festgelegt vom Anwalt. Plus Mehrwertsteuer. Und zweimal zwanzig Euro "Telekommunikationsentgelten". Und für all das Geld habe ich bisher noch nicht ein Stück Papier in Händen gehalten, nicht eins.

Nun ja. Man erntet, was man sät.

08.10.06

Gute Spiele 2

Teil 1 hier.

Szene aus Final Fantasy VI

"Final Fantasy VI".

Oder der absolute Höhepunkt der Square-Formel, mitten hinein ins pochende Herz eines Nerds. Bilder, von denen die Augen übergehen. Zutiefst menschliche Helden und Heldinnen in höchster Gefahr und mit größten Gefühlen, auch füreinander. Die Rettung der ganzen Welt, natürlich. Musik zum Niederknien, Nobuo Uematsu. Dutzende Stunden nie langweiliges Spiel von den verschneiten Minen des Nordens bis zur Einsamkeit einer tropischen Insel und zurück. Und der beste, beste Bösewicht aller Zeiten.

Kefka.

General. Folterer. Terrorist. Massenmörder. Brutus. Clown. Gott.

Kefka Palazzo

Spielen!

Tosca

Man kann diese Oper ja gar nicht kaputtmachen. Mord, Selbstmord, Raserei, Revolution, Puccini ... Über den wie für Tenöre anscheinend üblich maximal 1,30 m hohen Cavaradossi (Ki-Chun Park), damals waren die Menschen doch alle kleiner, kann man noch genauso hinwegsehen wie über die eher plumpe und wenig attraktive Tosca (Francesca Scaini), vielleicht ist sie nur deshalb so eifersüchtig, weil sie, immer verlacht, nie Liebe gekannt hat und nun manisch, panisch fürchtet, wieder allein zu sein, nur sie und ihre süße, süße Schokolade? Wenn man die Augen schließt, geht es ganz gut, auch weil Opernsänger aus Tradition keine Kurse für ihr Schauspiel zu belegen oder es im Multiplex abzuschauen scheinen, was der einzige Nachteil der zweiten Sitzreihe ist. Das Orchester unter dem exzellenten Constantinos Carydis jedenfalls leistet Hervorragendes, und die Sänger auch, wie immer.

Aber warum wuchert die Oper nicht mit diesen Pfunden? Warum ist die Inszenierung so kreuzbrav konventionell, komplett mit zeitgenössischen Kostümen, dass sie fast wieder hinten als Ironie herauskommt? Obwohl sich in "Tosca" doch geradezu banal offensichtliche Interpretationen anböten, Scarpia als Schäuble, Angelotti als al-Masri, oder Tosca als Marilyn, Cavaradossi als Miller ... Stattdessen trägt er, goddammit, sogar eine Weste! Hat das etwas mit der Heidenreich zu tun, der Hohepriesterin des Trivialen, des Erzengels der Reaktion, der Abgöttin des Ignorance is Strength? "Lasst uns doch einfach mal genießen", indeed! Gefühl statt Verstand. Instinkt statt Überlegung. Herde statt Kunst. Es hängt wohl wirklich alles zusammen. Ob Teisiphone auch heiser wird?

We now return to our regularly scheduled programming

Durch die Nacht Neufundlands zu fahren heißt nicht, dass der Kapitän nicht im Großen Ballsaal tanzen kann. Fragt sich nur, ob ich Edward John Smith heiße.

05.10.06

Das Thing

Sed et de reconciliandis invicem inimicis et iungendis adfinitatibus et adsciscendis principibus, de pace denique ac bello plerumque in conviviis consultant, tamquam nullo magis tempore aut ad simplices cogitationes pateat animus aut ad magnas incalescat.

Bei Tacitus heißt es, die Germanen besprächen am ersten Abend ihrer Versammlungen bei einem Gelage Feindschaft, Ehe und Fürstenwahl, endlich Krieg und Frieden, "gleich als meinten sie, dass zu keiner Zeit der Sinn so sehr für einfache Gedanken erschlossen sei oder sich für große erwärme". Beschlüsse aber würden erst am nächsten Morgen gefaßt, mit leiser Stimme und einem bedächtigen, riesigen Kater:

Deliberant, dum fingere nesciunt, constituunt, dum errare non possunt.

"Sie beraten, wenn es ihnen nicht gelingt, sich zu verstellen, und beschließen, wenn sie nicht irren können." Kein schlechtes System.

Ein Thing

Wenn nun in Bloggersdorf der Häuptling und der Knappe, der Weise und der Narr, der Krieger und der Lahme, alle aus metverklebtem Barte, ihre Meinung ins Rund röhren, je nach Temperament mehr oder weniger freundlich, mehr oder weniger besonnen, klingeln dem, um dessen Sache, dessen Ding es unter anderem geht, erstmal gehörig die Ohren, und er fragt sich, ob es überhaupt richtig war, den Rat zu rufen. Aber am nächsten Morgen klart es auf, und aus dem Rausch wird Erkenntnis, aus dem begrenzten Eigenblick erweiterte Außensicht, falsch und richtig Verstandenes treten neu zutage. Also:

Nein, die noch vereinzelt im Internet auffindbare Version meiner Äußerungen über Veronica Ferres ist nicht die abgemahnte.

Ja, ich habe veranlaßt, diese Version entfernen zu lassen, aber ich kann natürlich keine Beiträge anderer in von mir nicht moderierten Foren sofort weghexen.

Was unterscheidet die neue von der alten Fassung?
Was unterscheidet mich von dem Andi, der Moviebazaar gegründet hat?
Vielleicht wäre die Antwort kürzer, wäre die Frage, was mich nicht von ihm unterscheidet.
Ich aber bin weniger zornig. Weniger zynisch. Weniger rauh.
Viel glücklicher, auch wenn ich nie Cheer Bear sein werde.
Vielleicht auch ein besserer Autor, eine keckere Tippse.

Macht das die alte Version ungeschehen? Weniger horrend plump, erschreckend frauenfeindlich, und das von mir, mir, und ausführlich schlecht? Weniger beleidigend?

Natürlich nicht. Das Ghetto, die Nacht, Vietnam ist immer eine Biegung entfernt, auch wenn man im Cabrio, unter Konfetti, kreischend bejubelt an einem strahlenden Sonntag um zwölf die Fifth Avenue entlanggefahren wird. Ich habe nicht, nie behauptet, dass Amelungs Abmahnung ungerechtfertigt ist.

Aber, nochmal, die im Internet noch auffindbare alte Version ist nicht die neue. Die neue aber wurde abgemahnt. Und wie. Mit einem Erdbeben begonnen sozusagen. Und das hat mich einigermaßen getroffen, dachte ich doch bisher, ein Titel wie "Meine Hasslinge", direkt unter "Meine Lieblinge", mache mehr als deutlich, dass es sich weder um wirklichen Haß noch um Tatsachenbehauptung handelt, und genösse insofern eine weite Freiheit der Meinung. Das heißt wiederum nicht, dass die Abmahnung ungerechtfertigt ist. Wenn Veronica Ferres sich privat getroffen sieht, werde ich sie wie geschrieben um Entschuldigung bitten und anbieten, eine gewisse Summe einem von ihr zu nennenden guten Zweck zukommen zu lassen bzw. habe es heute mit drei Briefen und drei Mails an die Adressen auf ihrer Website erneut gebeten und angeboten, nachdem ich im letzten Monat keine Antwort erhalten hatte. Es gibt immer Möglichkeiten, und man ist kein Unmensch.

Und das ist das, worum es geht: Man ist kein Unmensch.

Kein Bittsteller, der Achtstundenfristen einhalten und im Gegenzug bis Sankt Nimmerlein zuwarten soll. Kein Untertan, der die Bezahlung einer halben Arbeitsstunde in purem Gold aus den blanken Rippen schwitzen muß. Kein Vasall, den man zwingt, unter einer unmittelbar existenzgefährdenden Drohung zu erzittern. Kein Sklave, der ausgepeitscht wird, weil er einen Fehler begangen hat. Kein Dreck, sondern ein Mensch.

Das ist das Ding.

Und das ist alles.

04.10.06

Veronica Ferres will 10.000 Euro von mir

Der Abmahntsunami rollt auf Deutschbloggersdorf zu. Und ganz vorne am Strand, im Wortsinne avantgardistisch, wie es meine Leser wünschen, stehe ich und sehe zu, wie sich das Meer zurückzieht, immer weiter, und Atem holt.

Veronica Ferres will 10.000 Euro von mir. Ja. Die Ferres. Und ihr Anwalt, Ulrich Amelung, selbst auch kein Unbekannter mehr, 1512 und ein paar Zerquetschte Abmahngebühren. Für zwei E-Mails und ein bißchen Gegoogle.

Doch holen wir ein bißchen weiter aus, noch nimmt auch die See ihren tiefen Zug. Veteranen meiner Webpräsenz werden sich erinnern, dass ich mal mit Moviebazaar begann, einer Seite mit Filmkritiken, allerlei Filmspecials und ein paar weiteren Extras. Unter "Meine Hasslinge" nun standen und stehen bis heute meine Haßschauspieler, obwohl ich die Liste genauso mal wieder aktualisieren sollte wie die meiner Lieblingsspieler unter "Meine Lieblinge".

Platz drei bis eins meiner Hasslinge war Veronica Ferres. Mit ausführlichen Aussagen über ihr Aussehen, ihre Karriere, ihre Stimme und ihr Talent garniert, die, die Veteranen erinnern sich, nicht freundlich waren, wohl auch beleidigend, darunter unter anderem ein Vergleich der Ferres mit William Shatner. Nackt.

Vor einigen Wochen hat Ulrich Amelung, der ständig Veronica Ferres in Sachen des Persönlichkeitsrechts vertritt, die Aussagen entdeckt und mir mit einer, böse Menschen würden denken, absichtlich unmöglichen Frist von acht Stunden eine Mail geschrieben, dass ich die Inhalte entfernen soll, oder sonst! Weil ich meine wirkliche Mailadresse aber nicht im Internet veröffentliche, ist seine Nachricht in meiner Spamgruft geendet, aus der ich sie erst eine Woche nach Ablauf der Frist exhumiert habe.

Meine Reaktion beim Öffnen kann man sich vorstellen.

Ich habe die Aussagen entfernt und nur noch die Fotos der Ferres belassen sowie einen Vergleich ihrer Stimme mit einem Musikinstrument und eine Aussage über die Größe ihres Talentes, im naiven Glauben, eine als "Meine Hasslinge" betitelte Seite sei ein hinreichend klarer Hinweis darauf, dass es sich dabei um meine nunmehr nicht mehr beleidigende Meinung handelt. Dann habe ich Amelung geantwortet, was ich vielleicht nicht hätte tun sollen, um wenigstens ein ordentliches Einschreiben abzuwarten, aber das "oder sonst!!1", die kurze Frist und der einschüchternd imposante Briefkopf hatten eindrücklich auf mich eingewirkt.

Eine Abmahnung habe ich so oder so erwartet, wer würde sich schon nicht bücken, wenn er im Bach hinter der Mühle einen Klumpen Gold fände, so groß wie der eigene Kopf? Nicht aber die Forderung einer "Geldentschädigung" von 10.000 Euro wegen der "Schwere der Persönlichkeitsrechtsverletzung" und meiner "Hartnäckigkeit". Nicht aber Abmahnkosten in Höhe von 756 Euro und noch einmal 756 für die Unterlassung. Kosten für den Anwalt, versteht sich. Bemessen am Streitwert, versteht sich. Festgelegt vom Anwalt, versteht sich. Böse Menschen würden denken ...

Ich habe Amelung geschrieben, dass ich keine 10.000 Euro habe, außer mit einem Minus davor, was wirklich wahr ist, das Geld war bei uns zuhause lange knapp. Ich habe der PR-Agentur der Ferres geschrieben, dass wir sicher eine alle zufriedenstellende Lösung finden können, ohne mich kurz vor meinem Studienende ruinieren zu müssen. Ich habe ihr angeboten, mich persönlich bei ihr zu entschuldigen. Ich würde auch ihrem Präventionsverein gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen Power-Child e.V. beitreten oder ihm die Abmahnkosten spenden ... Es gibt immer Möglichkeiten. Immer. Aber ich warte seit drei Wochen auf Antwort.

Ich warte und stehe am Strand. Und der Ozean hält den Atem an.

02.10.06

Deutschlandreise, Teil 2

Am nächsten Morgen zurück am Welthauptbahnhof lasse ich mir widerwillig gleichsam in hier ungenannte Körperöffnungen leuchten, um untertänigst mein Gepäck abgeben zu dürfen, und treffe hernach Freundin M. zu einem schönen Mittag zwischen Alex und East Side Gallery und später auch Freunde M. und E. Viel Amüsement und Konsternation über eine bestimmte, sensible deutsche Schauspielerin, ihren Anwalt und ihren teuren Zorn auf mich, über den noch so oder so zu bloggen sein wird. Endlich steige ich, nach der Zusicherung des Schaffners auf meine unpräzise Frage hin, es gäbe noch "was", in den Nachtzug nach Lüttich, im glorreichen Gedanken, mir so eine weitere schlaflose Nacht in einer schlechten Jugendherberge mit lieblosem Frühstück ersparen zu können.

Leider gibt es, lazy man's pun, nach Liège keine einzige Liege mehr, sondern nur noch Abteile, und ich setze mich zu zwei wohl nach Paris fahrenden Mädchen. Später steigt ein ebenso junges Pärchen zu, sie knuffig, er schlaksig, und versucht bald auf unglaublich niedliche Weise, sich auf den engen Sitzen in halbwegs erträgliche Schlafpositionen zu verrenken. Nachdem wir nach längerem Aufenthalt Dortmund verlassen haben (Ich: "Wie lange steht der Zug noch?" - Schaffner: "Bis er liegt, huahuahua!"), sind wir nur noch zu viert, das Pärchen, das rothaarige Mädchen, auf Bouguereaus-Cupido-Weise attraktiv, und ich, und so kann ich, wenngleich picassohaft verkrümmt, endlich auch schlafen.

Bouguereaus Cupidon

Ich erwache zwei Stunden später, kurz vor fünf, und öffne, um frische Luft zu schnappen, das Fenster am Gang, als wir eben durch schlafende belgische Dörfer fahren, und bin überraschend ergriffen von der ursprünglichen Eisenbahnromantik dieses Bildes, beginnende Morgendämmerung auf dampfenden Wiesen, dunstige Lampen über schwarzen Straßen, dunkle Häuser im Mittelgebirge, und nur wir ratternd, leuchtend, lebend in Bewegung, im kühlen Wind.

Endlich nach noch einem verspäteten Umstieg mit dem außen pompösen, innen klapprigen belgischen Bahnsystem in meinem Ziel Maastricht angekommen, werde ich gleich von einem zitternd alten Zeugen Jehovas angesprochen, der zwar kaum Englisch spricht, aber natürlich auch für diesen Fall eine übersetzte Broschüre bereithält, die mich fragt, ob ich mich nicht auch frage, ob Gott ... Selbst als ich mein Nichtinteresse bekunde, bleibt er fröhlich und wünscht mir sogar einen schönen Tag, und es wird mir wirklich schwer, ihn nicht auch zu mögen.

Bei Freundin A. schließlich falle ich in einen zwar unverdienten, aber trotzdem erholsamen, dringend nötigen Schlaf. Vor und nach dem Abendessen erkunden wir das schöne Maastricht, in dem es sich zwischen wunderbar erhaltenen Backsteinbauten, romantischen Gäßchen und dem deutschen Grenzfluß der Maas so schön wie entspannt leben läßt. Nachts, immer eher Q als Bond, unterhalten wir uns, was den Alpha ausmacht und was den Omega. Kann das Philosophenzitat den Waschbärbauch kaschieren? Würde Schwarzenegger ein eigenes Blog führen, gar mit krude selbstgemachtem Logo? Ist "Ähh ...(bibber) ...vielleicht- Handynummer?", selbst gehört, oder "Poppen?" die erfolgversprechendere Anmache? Und wer zum Teufel hat eigentlich als erste, als allererste Assoziation beim Anblick einer hübschen Rothaarigen, dass sie wie Bouguereaus Cupido aussieht? Wir lachen unglaublich viel. Und that's Urlaub, Baby!

Fortsetzung folgt ...

Islam-Konferenz

Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass ihr of all people Wolfgang Schäuble vorsitzt, aber ich wünsche ihr alles Gute. Und andererseits konnte ja auch nur Nixon nach China gehen.

Zeit Klassik-Edition Band 1

Lord Yehudi Menuhin war ja f'ing genial. F'ing. Warum hat mir das nicht früher jemand gesagt? Und habe ich schon mal erwähnt, dass es unglaublich cool ist, tatsächlich, in echt, "Lord" genannt zu werden? Lord Lazar, Beherrscher der Gläubigen. Lord Lazar, Präsident der Welt. Lord Lazar, James Bonds Erzrivale! Ach ja ...

01.10.06

Mit Darts Hauptstädte finden

Welche Note bekommt Ihr?

Deutschlandreise, Teil 1

Der Plan: Um zehn nach einem Glas Milch mit Honig und dem Nachtgebet mit leisem Tschaikowski und den frisch manikürten Händen auf der gebügelten Bettdecke friedlich einschlummern, um zehn Stunden später aufzuwachen und zwölf Stunden später den Zug nach Berlin zu nehmen.

Die Wahrheit: Nach ausschweifendem Gezeche, Gehure und dem Gewinn und anschließenden sofortigen Verlust von 10.000 Euro und einem Goldzahn in der Spielbank, so zumindest meine undeutliche Erinnerung, zwei Stunden nach Abfahrt des Zuges mit regelmäßig hinter meinen Augen pochenden Vorschlaghämmern erwacht. Langsam berappelt, zum Bahnhof gekrochen und, Spontaneität der BahnCard 50 sei Dank, in den nächsten ICE nach Norden gestiegen.

Ich liebe ja, nicht unbedingt aber auf der ereignislosen Rennstrecke Stuttgart-Mannheim, Bahnfahren, unsere so schnellen wie eleganten und sauberen ICE und die Deutsche Bahn an sich, deren Qualität wir Deutschen, worüber noch zu schreiben sein wird, gar nicht richtig zu schätzen wissen. Das Zugheftchen "DB mobil" jubelt mit mir und versorgt mich mit interessanten Informationen über Hartmut Mehdorns weiße Flaggschiffe: 300 Stundenkilometer! 180.000 Reisende pro Tag! 300.000 verkaufte Märklin-ICE! Ganz berauscht komme ich in Mannheim an und verpasse prompt meinen Anschluß, da mein Flaggschiff zehn Minuten Verspätung hat. So bummele ich, nachdem ich, meiner viel zu spät auslösenden Mobiltelefonkamera sei Undank, vergeblich versucht habe, eine abfahrende Dampflokomotive zu fotografieren, des nächsten Zuges harrend durch den Bahnhof und halte vor der Auslage des lokalen Zeitschriftenladens, in dem eine passionierte Verkäuferin eine Reihe "Emmas" zum Venussymbol arrangiert hat. Folgender Dialog entspinnt sich:

ANDI
(skurril)
Verzeihung, wo finde ich denn die "Emmas"?

VERKÄUFERIN
(zeigt es)
Hier.

ANDI
(sucht)
Aha, hm, die, die ich suche, ist leider nicht dabei.

VERKÄUFERIN
(freundlich)
Welche hätten Sie denn gerne? Ich kann sie Ihnen
aus der Auslage holen, wenn Sie möchten.

ANDI
(schämt sich ein bißchen)
Die mit dem zu frühen Sex.

VERKÄUFERIN
(greift unbeirrt in die Auslage)
Hier die, "Zu früher Sex?"

Zu früher Sex

ANDI
(leicht verlegen)
Ähm, ja genau.

VERKÄUFERIN
(nunmehr an der Kasse)
Sechs fünfzig. Möchten Sie noch eine Autogrammkarte von der Schwarzer?

ANDI
(strahlt)
Ja gerne!

Ein Autogramm von Alice Schwarzer

Neugierig lese ich, nun wieder nach Berlin unterwegs, das Blatt und finde nicht nur wie im Vorurteil bestätigt, dass es vor allem ihr Blatt ist, buchstäblich von der ersten bis zur letzten Seite, inklusive fast schon satirisch suggestiver Interviewfragen ("Sexualität muss ja auch in der Heterosexualität nicht immer der Koitus sein"), eigenem Bushbashing und genießerisch langer Houellebecqbeschimpfung durch Dritte, sondern wie vermutet auch, dass ihr Blatt ein verdammt gutes ist, preaching-to-the-converted-Bonus schon abgezogen. Feine, diverse, tiefe, oft lustige Inhalte, richtige Worte zur richtigen Zeit, interessante Gespräche ... Alice Schwarzers Editorial zu den viel zu früh und in so großer Unwissenheit wie Einsamkeit miteinander vögelnden Kindern bleibt nur hinzuzufügen, dass das darin von ihr gepimpte Dossier sich wirklich zu lesen lohnt. Kaufen, wenn's noch irgend geht!

Zwischen zwei dünnen Würsteln mit einem Mickerbrötchen und Senf für zwei achtzig zerrinnen die Stunden. Endlich Berlin Hauptbahnhof.

Berlin Hauptbahnhof

Germania Welthauptbahnhof, zum Imponieren erschaffen, nur einen Steinwurf von der Großen Halle Kohls Waschmaschine entfernt. Ich weiß nicht, ob ich fliehen oder staunen soll, kaufe erstmal hungrig ein paar Nudeln, doch verspeise sie erst einige Minuten und Meter weiter auf den vertrauten Stufen des Reichstagsgebäudes, sinnloses Geprotze auch es, aber wenigstens nicht so penetrant neo-alles, haha.

Ewig nach der Juhe Mitte suchend, komme ich endlich weit nach Mitternacht an, nur um zu erfahren, dass kein Zimmer mehr frei ist. Der geschätzt über 60-jährige Herbergsvater hilft mir weiter, indem er seinem Kollegen in Tegel auf leicht beunruhigende Weise durchtelefoniert, dass gleich ein "Mann, groß, blond, blauäugig, sehr sympathisch" vorbeikomme, wofür ich schließlich aber doch noch, der Entfernung geschuldet, fast eine Stunde brauche. Todmüde falle ich bzw. quetsche mich ins Guantánamo-Kingsize-Bett und räkele mich auf seiner ganzen Halbmeterbreite, nur um vom konzertanten Schnarchen meiner mittelalten Zimmergenossen aus einer Gruppe reisender Mindersozialisierter bis zum Morgengrauen wachgehalten zu werden. That's Urlaub, Baby!

Fortsetzung folgt ...